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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verwalter bis verwaltlich (Bd. 25, Sp. 2102 bis 2104)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verwalter, m. , in den älteren wbb. fast ebenso häufig wie das verbum, z. b. Alberus A A 3a; Frisius 2b; 37b; 68b; 146b; 421a; 918b; 1045a; Hulsius (1618) 261a; Stieler stammb. 2425; Steinbach, Adelung, Campe; wiedergegeben durch actor, administer, administrator, dioecetes, dispensator, gubernator, procurator, provisor, villicus; bayr. Schmeller-Fr. 2, 909; schwäb. Fischer 2, 1399; lux. ma. 468; samländ. Fischer 95; nordfries. Jensen 181.
1) weniger häufig ist, dasz der v. seine function aus eigener machtvollkommenheit oder eigenem besitzrecht ausübt: mit ... geystlichen gütern und prebenden, deren er (der papst) sich allersamen einen herrn und v. gemacht von wegen seines abgebettelten primats Sleidanus reden 41 B.; Juppiter ist ein anrichter und v. der krieg Hedio chron. Germ. 295a;

darnach geht an das vierdte alter (lebensalter),
Mars, der planet, ist sein verwalter
H. Sachs 4, 75 K.;

du (gott) bist der zeit verwalter
P. Fleming deutsche ged. 1, 11 L.;

singt dem schöpfer, dem erhalter,
der dinge heiligem verwalter!
E. M. Arndt 3, 256 R.-M.;

drum kann er (Blücher) verwalter des schlachtfeldes sein 4, 90;

Innocenz III. ..., ein königlicher repräsentant der alten hierarchie, ein v. und leiter ihrer kräfte Nitzsch deutsche stud. 65.
2) überwiegend auf grund fremder bevollmächtigung als beamter, beauftragter, stellvertreter, angestellter: was soll es heiszen, besitz und gut an die armen zu geben? löblicher ist sich für sie als v. betragen Göthe 24, 100 W.; also handelt er nicht um seinetwillen, sondern als v., der rechenschaft ablegen musz Alexis Roland v. Berlin (1840) 1, 277; daher oft dem herrn und besitzer gegenübergestellt:

der verwalter ...
sorgte klug und weislich
wenig fürn herrn und viel für sich
Kortum Jobsiade (1799) 1, 105.


a) der v. hat seine machtbefugnisse und pflichten von gott:

von ihm hat fürst und baur, von ihm hat herr und knecht,
sein land und seinen pflug, sein lehen und sein recht,
als ein statthalter und verwalter
Weckherlin 2, 184 F.;

(gott), der uns zu verwaltern aller dieser güter gesetzet hat A. G. Kästner verm. schr. 1, 23; von königen, fürsten: die v., welche der könig dahin (in verschiedene städte) setzen wollen Fischart discours (1589) H 4b; der diener seines monarchen, der zum v. gesetzt ist über ein ganzes land G. Freytag ges. w. 2, 203; durch sonstige öffentlich rechtliche oder privatrechtliche bestallung: eine ähnliche gesellschaftsverfassung mit gütergemeinschaft und gewählten verwaltern D. Fr. Strausz ges. schr. 3, 222; die verwaltung und die verrechnung der in der staatskasse liegenden öffentlichen gelder konnte nicht stattfinden, ohne dasz sowohl die v. selbst über die einnahme und ausgabe des schatzes ... rechnung legten Mommsen röm. staatsrecht 1, 88; einem von dem gericht zu bestellenden v. bgb. § 1052.

[Bd. 25, Sp. 2103]



b) als berufsbezeichnung bedeutet v. in älterer zeit geradezu statthalter: v., statthalter, vicarius Dentzler; der künig ... schreyb einen brief z allen verwaltern Züricher bibel (1531) 3. Esdr. 4;

nun het Cambises ein statthalter
in Persia, einen verwalter
H. Sachs 2, 104 K.,

gouverneur, militärischer befehlshaber: dem kriegsherren oder seinen verwaltern und fürgesetzten obersten Fronsperger kriegsbuch 1, 22b; die in emptern, zu vorderst aber der oberst v. (soll) gegen sie (die leute in einer belagerten stadt) holdtselig geberden Kirchhof militaris disciplina 34, in neuerer zeit gewöhnlich einen landwirtschaftlichen beamten: oeconomus, ein hauszhalter, schaffner, verwalter Calepinus XI ling. 984a; 'v. heiszt insgemein ... ein jeder, welchem von einem andern ein gewisses geschäfte oder eine verrichtung ... anvertrauet worden, insbesondere aber ... eine des haushaltens und der landwirthschaft verständige person, so die aufsicht über ein oder mehr vorwercke und landgüter führet und das gantze hauswesen, so wohl in führung einer ordentlichen haushaltung auf denenselben, als in beschickung der äcker, wiesen und viehes etc. zu besorgen und zu verwalten hat' Noel Chomel 8, 2184; Zinck allgem. öcon. lex. 3001; Jacobsson technol. wb. 8, 84; Leopold hwb. d. ökonomie 519; wann man von eim v. zu vil fordert Sebiz feldbau 39; auch der lumpichte schreiber, pachtmann, v. reiben sich an pfarrer und den seinigen der wohlgeplagte priester (1695) 115;

sonst war er schreiber, vogt, präceptor und verwalter,
der zins und sporteln bald in die register trug
und bald den hünern rief und bald den junker schlug
Zachariä poet. schr. 2, 12;

wenn ich mich das ganze jahr auf meinen gütern herumgeplagt, mit den verwaltern gezankt Bauernfeld ges. schr. 3, 161. hierher auch die mehrzahl der zusammensetzungen: verwalterdienst Chr. Weise polit. redner (1677) 233; — -familie Stifter 5, 1, 359; — -fluch: herr E. stiesz einen derben v. über die ungeschicklichkeit des bauernvolkes aus Hauff s. w. 3, 262; — -leben: die elende plackerei des v.-s 3, 254; — -rechnung Gottschedin br. 2, 98 R.; -schaft: zweytens hat er mir versprochen, mir ehstens die v. auf seinen gütern zu geben C. F. Weisze lustspiele 2, 238; — -stelle Spielhagen 2, 463; — -wirthschaft Mommsen röm. gesch. 1, 35; — -wohnung v. Roon denkwürd. 2, 297; — verwaltersdienst Castelli s. w. 10, 233; — -frau Holtei erzähl. schr. 23, 66; — -leute 16, 36; — -sohn 23, 55; — -tochter Hafner ges. lustspiele 2, 31; Rosegger schr. 5, 100.
c) genitivverbindung bezeichnet:
α) den gegenstand, der dem v. untersteht:

wann solch ein unverständigs alter
untreu will sein des reichs verwalter
W. Spangenberg ausgew. dicht. 182;

den verwaltern seiner königreiche Hebbel 4, 102 W.; v. der niederöstreichischen feldhauptmannschaft Ranke s. w. 3, 145; von den verwaltern der römischen kilchen Äg. Tschudi chron. helv. 1, 25; desz closters v. Grimmelshausen Simplicissimus 184 ndr.; v. des zollamts zu B. Gryphius lustspiele 165 P.; v. meiner häuslichen geschäfte Meiszner Alcibiades 2, 159; v. der einkünfte des gymnasiums Nicolai reise d. Deutschl. u. d. Schweiz 1, 81, meines vermögens Pfeffel pros. vers. 5, 29, des gutes Schreyvogel ges. schr. 1, 73, der armenfonds Hegel 16, 332, des perronschen hauses Stifter 5, 1, 190, des gefängnisses Hans Grimm volk ohne raum 2, 478. auch häufig übertragen:

der (der wahrheit) sey unser hertz ein verwalter
mit zehen saiten auf dem psalter
H. Sachs 6, 272 K.;

v. der gerechtigkeit Lavater verm. schr. 2, 382, der weiszheit Lichtenberg nachlasz 38, der humanität Schelling werke 1/3, 526; (Boie) bekleidete das amt eines verwalters des deutschen Parnasses Gervinus gesch. d. d. dichtg. (1853) 5, 22; der papst behauptete, er sei v. der unerschöpflichen verdienste Christi G. Freytag 19, 36.

[Bd. 25, Sp. 2104]



β) die person, in deren dienst der v. steht: eines edelmanns v. Chr. Weise d. drey klügsten leute 83; deines vaters v. F. M. Klinger 1, 104; Cassiodors v. oder hausmeister Jac. Grimm kl. schr. 3, 187. ebenso das possessivum: graf L. ..., der sin v. ber sin erbgut vorhar gewsen Äg. Tschudi chron. helv. 1, 9; er sah sich nur als ihren v. an O. Ludwig ges. schr. 1, 377. in älterer zeit bedeutet v. mit dem genitiv vielfach stellvertreter:

ich Pilate, ein statthalter,
des römischen kaysers ain verwalter passionsspiele a. Tirol 399 W.;

proconsul, eins burgermeisters v. oder statthalter Calepinus XI ling. 1159b. — verwalterin, f. Frisius 793a; 830a; 1064b; 1134b; Maaler 437b; Steinbach, Adelung. stellvertreterin: lange zeit hette die eul als ein v. des adlers unter den vögeln das regierampt ... getragen Kirchhof wendunmuth 1, 78 Ö. als berufsbezeichnung wie verwalter 2 b: v., schaffnerin, versorgerin Calepinus XI ling. 1160b; v., ausgeberin, beischlieszerin Leopold hwb. d. ökonomie 520a; Noel Chomel 8, 2184; v. ist bey einer meyerey und landwirthschaft höchstnöthig, welche der hofmeisterin oder käsemutter und den mägden vorgesetzt sey Jacobsson technol. wb. 8, 84. die frau des verwalters: Adam war der erste verwalter im paradeisz, sein kleid und der frau Eva als verwalterin kleid war ein schaffell Abraham a s. Clara Judas 3, 31; ihre tante, die frau v. Kurzmichel v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 17. mit genitiv: weil sie nicht domina absoluta, sondern nur vorsteherin und v. des gotteshauses war acta publ. 7, 263 Palm; die v. eines protestantischen stiftes Holtei erzähl. schr. 8, 119; ein v. der hochzeit auf der braut seiten, brautführerin Calepinus XI ling. 1170b. übertragen: jedes mädchen ist die v. der weiblichen mysterien Lichtenberg verm. schr. 2, 146; was sagen diese beiden höchsten richterinnen und verwalterinnen der dinge (gerechtigkeit und ehre)? E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 2, 80. — verwaltigen, verwältigen, v. , mhd. wb. 3, 477; Lexer 3, 293; Haltaus 1908; mnd. vorweldigen Schiller-Lübben 5, 499; mndl. verweldigen Verwijs-Verdam 9, 319. in der neueren sprache nicht mehr lebendig, die angabe bei Schmeller-Fr. 2, 909 stützt sich wohl nur auf ältere quellen. in nd. mundarten Dähnert 529a; Schambach 268b.
1) im mhd.: verwalten:

man vare alle kirstenriche durch,
so envint man neit deser (der kurfürsten) geliche,
zo verweldigen dat riche
Gotfrid Hagen in chron. d. d. städte 12, 4

überwältigen:

er fûr dannen in Sicilienlant
unde ferweltigôt alle die er dâ vant
Lamprecht Alexander 618.


2) frühnhd. vereinzelt abnöthigen, erzwingen: als Sextus ... Lucreciam heimlich on ihren willen notzwang, bekennet sie disze ihre verweltigt freündtschaft frei ihrem mann Seb. Franck zeytb. (1531) 114b. häufiger vergewaltigen, gewaltthätig behandeln, mit gewalt gegen einen verfahren: das wir ... hinfurt von den weltlichen oberkeiten der maszen nicht mehr bedrangt odder verwaltigt werden bei Luther 19, 271 W.; so was er auch ein so ernstlicher strafer ritterlicher unzucht, das er auch ettlich schar gantz verweltiget, absetzet Seb. Franck zeytb. (1531) 144b; und also die reichen die armen verwaltigen chron. Germ. (1538) 8a. — verwältigung, verwaltigung, f., verwaltung: an diesen orten werden die landvgt von den Ungarn grafen geheiszen, welchen die verwaltigung desz landes zustehet Pantaleon moscow. chron. 127a; wann er seines vaterssligen ampt und verwaltigung mg besitzen Höniger narrenschiff 183. gewalt, zwang, vergewaltigung: ich hab dem künig Carolo über verwältigung und unbillich vornemen des römischen bischofs, der mich gefangen geyn Rom fordert, geklagt bei Hutten 1, 404 B.; got freywilliklich ze dienen aus lieb, nit aus not der verweltigung, sonder aus not des rechtens und der billikait Berthold v. Chiemsee 351; so wir ... selbst solliche verwaltigung uf unserem ruggen getragen ... haben Joh. Keszler sabbata 18. — verwaltlich, adj. :

[Bd. 25, Sp. 2105]


hat man je gehrt, ... das einer nach seim tod kan knig, bischoff, verweser sein, das ist knigliche, bischofliche und verwaltliche macht erzeigen? Fischart offentlichs ausschreiben H 7a.

 

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