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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verwaisen bis verwallungswulst (Bd. 25, Sp. 2093 bis 2096)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verwaisen, v. , mhd. verweisen seit dem 12. jahrh. belegt, mhd. wb. 3, 561; Lexer 3, 298; in den neueren mundarten selten: schwäb. Fischer 2, 1399. daneben auch verwaiseln Diefenbach 399a.
A. das verbum finitum ist nicht sehr häufig.
1) transitiv: orbare Diefenbach, Steinbach, orphaunm reddere Stieler stammbaum 2408; Campe; 'eine im hd. fremde bedeutung' Adelung; der frühzeitige tod des vaters kann nun die kinder nicht mehr ganz verwaisen Sonnenfels ges. schr. 8, 36; der krieg verwaiset viel kinder Schwan nouv. dict. 2, 941. nicht ausschlieszlich auf den verlust der eltern bezogen; auf kinder: die habend mich ... meiner kinder beraubet und verweyszt Züricher bibel (1531) Baruch 4; auf den gatten:

nu soldest du mich trœsten,so verweisest mir mîn leben.'
si sprach 'du wilt ze sêrenâch dînem tôde streben Ortnit 542 J.;

du, der mir zweimal leben aus tod erschuf
durch heilungsbalsam, einst der bethränten braut
und jüngst der schon trostlosen gattin
ach! den verwaisenden tag entfernend
J. H. Vosz ged. 3, 263;

auf den geliebten:

umb den haz
vil manic meit wart verweiset minnesinger 3, 288b v. d. Hagen.

auf das land übertragen, in dem viele getötet werden:

das lant hât ir verweisetdu und die brüeder dîn Nib. 2030, 4 L.

verbindung mit dem gen. ist mhd. gewöhnlich:

sît sie verweiset sind worden
dîns lebens ûf der erden
Lamprecht v. Regensburg Francisken leben 4009;

Helena muoz bî dirre zît
mîn oder iuwer (Paris oder Menelaus) werden
verweiset ûf der erden
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 34474.

freier, einer sache berauben:

den Sahsen küene und ellenthaft,
dem er niht guotes gunde,
verweisen er begunde
des lîbes und des verhes schwanritter 1082.


2) intransitiv. mhd.:

nû verweisete sant Oswald fruo Münchner Oswald 19 B.

nhd.: v., die ältern verlieren Gottsched sprachkunst 110; elternlos werden Krünitz 219, 2; zur waise werden Adelung; Campe; Christus verweiset nimmer, wird nimmer zu einem wittiber Decumanus dialogus (1601) 63; in seinem zehnten jahre verwaiste er Scherer kl. schr. 1, 87. in allgemeinerem sinne vereinsamen:

schmerzhaft musz jenes band zerreiszen,
was sich ums innre auge zieht,
einmal das treuste herz verwaisen,
eh es der trüben welt entflieht
Novalis 4, 217 M.

übertragen vom land:

er sprach: 'und solden alliu lant
verweisen an dem lîbe mîn,
ich versuoche wol daz ellen sîn Biterolf 12905;

[Bd. 25, Sp. 2094]



und wo der (ackerbau) gehindert blibet
von vil manchen sweren reysen
der roubere, so verweysen
beyde lute und ouch dy lant buch Hiob 9582 K.;

vom thron:

ach mein sohn! willst du entfliehn?
soll der thron hier ganz verwaisen?
Tieck 11, 224.


B. sehr viel häufiger ist das part. prät. in prädicativem und attributivem gebrauch, seltener substantiviert: ein verwayster 1. deutsche bibel 3, 194 K. (lesarten);

wenn der baron einst scheidet, und wir, die verwaiseten alle ...
gehn zur offenen gruft
J. H. Vosz sämtl. ged. 2, 94;

ich habe den schmerz des verwaisten niedergekämpft Auerbach schr. 5, 46. gelegentlich mit dem genitiv:

der ich im fernen Phokerland
verwaist der heimath, durch der mutter arge list
verstoszen aufwuchs
Droysen Äschylus3 73;

Böhmen und der ganze erdkreis
sind verwaist des gröszten helden
Lenau Ziska 9, 6;

vereinzelt von etwas v.: ich lebe hier ganz verwaist von meinen kritischen freunden Rabener sämtl. w. 4, 7. auffallend ist von aller sorge für andre verwaiset Caroline 2, 179 W.;

der sorge verwaist um die jungen
Droysen Äschylus 43.


1) der eltern oder eines der beiden eltern beraubt, mhd.:

nu daz disiu rîchiu kint
sus beidenthalp verweiset sint
Hartman v. Aue Gregorius 273;

und das er in so gæher frist
und also fruo verwaiset ist
an sinem werden vater gar
Rudolf v. Ems Willehalm 2624.

nhd.: eines vom adel verweisete kinder acta publica 2, 127 P.; den armen verwaisten knappen Tieck 8, 289; da wuszte der graf für sein verwaistes söhnlein keine bessere mutterhand als die, welche er einst verschmäht hatte Th. Storm 2, 251. von thieren: verwaist heiszt das junge wild, welches seine mutter verloren hat Behlen forst- u. jagdkunde 6, 144; verwaiste lämmer Brentano ges. schr. 2, 183.
2) ebenso vom verlust anderer nahestehender personen, der kinder:

nu bin ich arme frawe vorweiset also gar Alsfelder passionsspiel 204 Gr.;

verwaiste väter Göthe 10, 276 W. (natürl. tochter 1, 6); metonymisch: sein verweiset alter Carbach Livius 10a; Immermann 18, 96 B. vom verlust der gattin, des gatten: der verwaiste gelehrte Göthe 24, 129 W.;

das geschrei
gegeiszelter, in staub getretner männer,
verwaister frauen und entehrter töchter
Raupach dram. w. ernster gattung 5, 136;

der geliebten, der braut:

was fieng ich an, verweister man
Forster frische liedlein 58 ndr.;

du verweyster bräutigam!
Gottsched gedichte 240.

übertragen: wie fühle ich mein herz (nach dem tode der schwester) verödet und verwaist! Solger nachgel. schr. 1, 86;

und ist nicht liebe nur des leibes leben?
sie nimmt den schweren abschied, und verwaiset
verblutet nun das herz im ewgen sehnen
Tieck 1, 81.

bildlich von gegenständlichem: seht, wenn ein halm dem stahl des schnitters entkommen, und wie verwayst — allein unter stoppeln da steht! Hippel lebensl. in aufst. linie 2, 617; so lag vor uns Athen, und die verwaisten säulen standen vor uns Hölderlin 2, 138 L. (Hyperion). des herschers, führers, oberhauptes beraubt: allein, verlassen, verwaiset, dem spott ausgesetzt fühlten sie (die apostel) sich Herder 19, 59 S.; hier läszt der weise

[Bd. 25, Sp. 2095]


(Christus) ... die seinigen ganz eigentlich verwaist zurück Göthe 24, 254 W.; sein verwaysetes volck Lohenstein Arminius 2, 630a; Jac. Grimm im briefw. mit W. Grimm, Dahlmann und Gervinus 1, 20, vaterland Lohenstein lobschrift, vorrede 5a, land Schiller 14, 120 G. (braut v. Messina 2640), reich Ziegler asiat. Banise 468, herzogthum Treitschke hist. u. polit. aufs.5 2, 24; der verwayseten gemeine Hippel lebensl. in aufst. linie 3, 2, 62. von thron und amt ohne inhaber, schon mhd.:

ach Rôm, wie dû verwitwet bist
unt der stuol verweiset!
Reinmar v. Zweter 223, 2 R.;

ein engel will ich mit dem flammenschwert
an eures throns verwaiste stufen stehn!
H. v. Kleist 3, 58 E. Schm. (prinz v. Homburg 2, 6);

durch den tod unsers verdienstvollen B. ist das neue botanische institut in Jena verwaist Göthe IV 16, 184 W.; der lehrstuhl für violinspiel, der seit dem plötzlichen rücktritt Marteaus verwaist war Leipziger neueste nachr. v. 9. oct. 1928. von stätten, deren bewohner gestorben sind oder sie verlassen haben:

und kein Brutus kömmt wieder
an der Tyber verwaisten strand
J. F. v. Cronegk schr. 2, 205;

im verwaisten hause F. M. Klinger w. 2, 450;

an verwaister stätte schalten
wird die fremde, liebeleer
Schiller 11, 314 G. (glocke 264);

wir flogen durch städte, berühmt im lied —
sie liegen verwaist, wo die wüste glüht
Freiligrath ges. dicht. 5, 91.

von dingen, die unbenutzt sind, um die sich niemand mehr kümmert:

nimm die verwaiste leyer von der wand!
Lessing 8, 34 M.;

alle diese bücher, gegenstände der ehrfurcht für uns seit langen jahren, stehen nun verwaist da Jac. Grimm kl. schr. 1, 183. auch von geistigem: die verwaiste kunst Gervinus gesch. d. deutschen dichtung (1853) 2, 19; dieses so ernste und herrliche, aber eben so verwaiste fach (die historienmalerei) Stifter 14, 137.
3) zuweilen ist die vorstellung, dasz der zustand des verwaistseins erst durch die auflösung der beziehungen zu einem andern hervorgerufen ist, ganz verblaszt. v. bedeutet dann schlechthin einsam: schon durch meine ansicht, meine gesinnung und beschäftigung gleichsam verwaiszt Brentano an Sophie Mereau 1, 157;

fern vom lebendgen in der schattenwelt
stand ich verwaist in grenzenloser leere
Waiblinger ged. aus Italien 95 Gr.

freier wie verlassen 5 (s. o. sp. 729) hilflos: blos unter thiere gestellet, ists (ein neugeborenes kind) also das verwaisetste kind der natur Herder 5, 26 S.
 
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verwaistheit, f. Tieck Don Quichotte 10, 15 Meyers volksbücher; ihre ... mütterliche v. G. Keller 6, 191. —
 
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verwaisung, f.:

seiner verwaisung tag wird immer das kind auch entfreunden
Bürger 1, 241 B.;

was sich an land seit meines vaters tode
und während meiner und des reichs verwaisung
der heilge stuhl mit willkür zugeeignet
Raupach dram. w. ernster gattung 9, 186;

der junge bauer begann (wenn er von seinem eheglück erzählte) jedesmal mit der schilderung seiner verwaisung Anzengruber 3, 345.
 
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verwaldzinsen, v.: was und wie viel ein jeder gekauft und verwaldzinset hat (1626) Endres waldbenutzung 78; das fürterhin ... bau-, brenn- und kohlholz ... verwaldzinset ... werden solle (1670) v. Lori baier. bergrecht 479. —
 
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verwalken, v., ahd. und mhd. zu walken 2 b (th. 13, 1246): ahd. glossen 2, 570; mhd. wb. 3, 469, 'zusammenwalken, verfilzen' Lexer 3, 291:

sîn hâr alsam ein sîde gel
begunde sich verwalken
Konrad v. Würzburg Partonopier 9723 B.

[Bd. 25, Sp. 2096]


sonst nur das part. prät.:

ein ragendez hâr ruozvar,
das was im vast unde gar
verwalken zuo der swarte
an houbet unde an barte
Hartmann v. Aue Iwein 435;

bildlich:

dem herzen wart gekündet
ein sendez lieplich ungemach.
dar inne man ez ligen sach
verworren und verwalken
Reinfrid v. Braunschweig 517.

nhd. 'zum oder durch walken verbrauchen', viel seife v. Campe; umgangssprachlich zu walken 2 c β: 'durchhauen' Fischer schwäb. wb. 2, 1399; Bühler Davos 2, 123; Müller-Fraureuth 2, 618; und nun kann es dem festgehaltenen leicht genug sich ereignen, dasz er gründlich gemackelt wird, wie man in Braunschweig und Hannover rotwälsch ... sich ausdrückt, verwalkt, wie der Altmärker den vorgang noch drastischer benennt Söhns parias 34. —
 
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verwallen, v., mhd. wb. 3, 471; mnl. Verwijs-Verdam 9, 269. transitiv zu wallen I A 6: v. erhitzen Schmid schw. wb. 515; reflexiv Fischer schw. wb. 2, 1399 (veraltet). zu I B 1, vergieszen; von thränen:

nu heten ouch ûz verwallen
sîn ougen an den stunden
ursprinc daz si funden
Wolfram Willehalm 69, 24.

intransitiv zu wallen I B 2 c:

komm, kind, und lasz dein blut verwallen
Lenau sämtl. w. 446 B.;

die pulse schlagen, jagen und fragen nach dir so treu, so heisz und verlangend und müssen einsam verhallen und verwallen Lenau und d. familie Löwenthal 493 C. zu wallen I B 6, zuwachsen, verheilen; von wunden: als dann so heyle mit dem gummipflaster zu, biss verwalle am fleisch Paracelsus opera (1616) 1, 668 H.; von einschnitten und verletzungen an bäumen: schweiz. Stalder 2, 432; reflexiv: die abgehackten est am stam sich widerumben desto bas v. mugen steirisch von 1588 bei Unger-Khull 228a (vgl. verwallung). zu wallen I C 5—6: unten in thälern standen finstere rauchsäulen auf heiszen quellen und verwallten oben in glanz Jean Paul 15/18, 523 H.;

das blau verwallt in dunst
gr. Löben ged. 29;

kupfer soll als glocke hallen,
donnernd fordern kampf und krieg,
und als letzter klang verwallen
soll der freudenjubel — sieg
Max Waldau blätter im winde 73;

von visionären erscheinungen:

umsonst! sie verflieszen
wie nebel der frühe:
umsonst! sie verwallen
wie düfte des mais
Matthison schriften (1825) 1, 62.

zu wallen II, sich verirren: swenne denne der sünder alsô sich von got hât verwallôt Grieshaber predigten d. 13. jahrh.s 2, 79; daz er sich denne in der welte verwallot 1, 66;

es was ain ungehecztes tier,
hett sich verwalt in minr rifier
Hermann v. Sachsenheim Mörin 4670 M.

zu wall, m., erdaufschüttung: sich gegen allen anfall verbollwerken und verwallen Fr. L. Jahn 2, 250 E.
 
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verwallung, f., zu wallen I B 6: so soltu nach beschehener ordnung persicariam praeparatam täglich brauchen, bisz die v. zu gleicher haut schieszen Paracelsus chirurg. bücher (1618) 244a Huser; manchmal auch muszt ich meinen finger an die glückliche v. auf seinen augenknoten legen, wohin mein unglücklicher steinwurf getroffen hatte Stelzhamer ausgew. dicht. 4, 79. von bäumen: von verwallungs- oder verzweigungsfehlern Ratzeburg waldverderbnis 1, 23,
 
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-knollen 2, 74,
 
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-prozesz 1, 98,
 
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-versuch 2, 282,
 
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-wulst 2, 182. zu wall, erdaufschüttung: v. ... der Warthebrücher allgem. d. bibl. 82, 218; innere verwallungen (binnendeiche,

[Bd. 25, Sp. 2097]


nothdeiche) Thaer landwirtsch. 3, 168; die mit einer doppelreihe von verwallungen und dornhecken eingezäunte wüste Fr. L. Jahn 2, 222 E.

 

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