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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verwahrfink bis verwahrlosigkeit (Bd. 25, Sp. 2084 bis 2089)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verwahrfink, m. s. verwahrer 3 b. —
 
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verwahrlassen, -lässigkeit s.-losen, -losigkeit.
 
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verwahrlich , als adj. selten: wegen seiner (des lindenbaumes) starcken und verwahrlichen wurtzel Göchhausen notabilia venatoris 195; v., was verwahrt werden kann Voigtel 3, 544b. häufig ist das adv. vom 16. bis zur mitte des 18. jahrh. belegt, später selten; auch verwehrlich (16. jahrh.) Bauer-Collitz 139; Kirchhof wendunmuth 1, 39 lit. v. und verwahrlichen zimm. chron. 4, 203 lit. v.; Schweinichen 107; Fischer schwäb. wb. 2, 1403. (1588). belegt sind die wendungen v. annehmen, aufbehalten, -halten, -heben, behalten, beilegen, -setzen, beschlieszen, einschlagen, -thun, enthalten, halten, hinhalten, -legen, -stellen, niederlegen, stehen, unterhalten.
1) zum zweck der verwahrung, in verwahrung: unter der mahlzeit setzet er das glasz in die schreynerey, allweil bisz er geszen, daselbst v. zu stehen Kirchhof wendunmuth 2, 198; das landessachen in loco publico und der herren fürsten und stände archiven v. enthalten werden acta publ. 1, 17 Palm; in einer der fürnembsten kirchen zu Metz ward ein verzeichnis v. aufbehalten Zinkgref apophthegmata 9;

(wir) sehen deinen sarg als ein behältnisz an,
in welchem unser schatz und kostbarstes geräthe,
ja! selber unser hertz verwahrlich eingethan
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. 1, 203;

es ward ... die lade auf dem rahthause v. beygesetzt Bucholtz Herkuliskus 630; sein testament ist auch beym rathe zu Görlitz v. niedergeleget worden d. neueste a. d. anmuth. gelehrs. 9, 623; eine schaffnerin, haushälterin, die alles in ihrem beschlusse hat oder v. aufhebet

[Bd. 25, Sp. 2085]


Gottsched beobachtungen 67; v. beylegen (in einem vorratshaus) Adelung älteste gesch. d. Deutschen 309; er (der eiserne nagel, den ein eingeborener besazs) ist jetzt im brittischen museum v. niedergelegt J. G. Forster s. schr. 1, 373.
2) zuweilen mit der bedeutung sorgfältig, sorgsam: das si dis reformirte urbar fleiszig und wol v. aufheben und behalten (1572) öster. weisth. 10, 187; (ein pfand) verwahrlichen und ohne schaden halten Schweinichen 107 Ö.; diese compositiones (pulver für feuerballen) werden alle mit leinöhl angefeuchtet, der ballon wohl gedrungen und v. fest eingeschlagen v. Fleming teutsche soldat 70. vereinzelt bedeutet v. geradezu wohlbehütet, unversehrt: dasz er mit den seinigen frisch und gesund ... seye, ja das seinige noch also v. stehe Widmann Faust 183 K.
3) in gewahrsam, gefangenschaft: als im ... etliche gfangen ... verwehrlich z behalden befohlen worden Kirchhof wendunmuth 1, 39 lit. v.; (die gefangenen) verwarlichen, doch fürstlichen unterhalten lassen Wintzenberger wahrh. gesch. (1583) 91b; diejenigen, so etwan keine paszettel vorzuzeigen ... hetten, ... alsbald verwahrlich anzunehmen v. Chemnitz schwed. krieg 1, 302; ich (habe) nun diesen losen buben v. beschlieszen ... lassen A. U. v. Braunschweig Octavia 2, 210. —
 
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verwahrlichkeit, f., Voigtel 3, 544. —
 
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verwahrlos, adj.: das gesinde ist unvernüglich, ungeschickt, sorglosz, verwarlosz Fischart Gargantua 100 ndr.
 
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verwahrlose, f., mnd. Schiller-Lübben 5, 498; wie wol dennoch z allen zyten etwar ist gsin, den dise verwarlose (in der führung öffentlicher ämter) oder der statt schad getruckt quellen z. schweiz. gesch. 1, 106; ohn betrug und verwahrlos Schottel haubtspr. 395.
 
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verwahrlosen, v. , mhd. seit dem 13. jahrh.: mhd. wb. 3, 507; Lexer 3, 295; mnd. Schiller-Lübben 5, 498; Diefenbach nov. gl. 24; in den nhd. wbb. oft gebucht, z. b. voc. (1482) kk 1b; 3b; Alberus kk 1b; Frisius 903b; Schottel sprachkunst 507b; Stieler 1180; Dentzler, Ludwig, Adelung, Campe. mundartlich: schweiz. id. 3, 1437; els. Martin Lienhart 2, 614; schwäb. Fischer 2, 1403; eichsfeld. Hentrich 45; cronenb. Leihener 36b; götting. Schambach 268b, nl. verwaarloozen. gelegentlich auch mit a: verwarlasset (Augsburg 1428) chron. d. d. st. 22, 70; verwarlast Iglauer stadtrecht bei Jelinek 857; s. auch unter verwahrlosigkeit u. verwahrlosung.
I. transitiv.
A. 'die schuldige sorge für eine sache nicht haben' H. Braun wb. (1793) 286b; negligo Alberus; negligere, ... negligentius providere, procurare, prospicere Stieler.
1) meist in dem sinne, dasz das betroffene object dadurch schaden leidet: negligentia corrumpere, per incuriam perdere Dentzler 315b.
a) von personen: an diser (der apostel) leer und wrcken hat man z dyser zeyt kein verngen: man scht und erdicht andre nüwe lypliche wrck, als ob uns Christus und sine zwlfpotten verwarlost (nicht genügend belehrt) hetten Gengenbach 195 G.; zornreden wider die ungetreuen hirten, welche gottes heerde v. Treitschke hist. u. pol. aufs. 1, 6. von kinderpflege und -erziehung: dieweil man so verruchtlich und ungottsförchtiglich die kinder in der jugent verwarloset und aufzeucht Ruoff hebammenbuch (1580) 151; denn ihm zu gefallen werd ich mein kind nicht v. (indem ich es durch einen hofmeister erziehen lasse) Lenz 1, 21 Tieck; ein kind v., dasz es zum krüppel wird Schwan nouv. dict. (1783) 2, 940; (die amme) verwahrloste daz kind Dahlmann franz. revol. 180; auch von schädigung durch unbeabsichtigte magische wirkung: ob könte ein kleines kind durch eines andern mund, der solches kleines kind etwan lobet, bewundert oder ihm zuredet, beschriehen und verwahrloset werden Amaranthes frauenzimmerlexikon 201; wenn ein pathe in der kirchen hustet, und das kind bekähme einmahl auch den husten, und ihr woltet davor halten, dasz es durch des pathen husten in der kirche sey verwahrloset worden J. G. Schmidt rockenphilosophia 1, 90. in älterer zeit häufig von krankenpflege:

[Bd. 25, Sp. 2086]


mit irem haimlichen kosen
tuont si (die hebammen) meng frowen verwarlosen,
das si kain kind me bringen mag teufels netz 12251 lit. v.;

man mag den siechen leicht v., oder man mag im leicht gehelfen Ortolf v. Bayerlandt artzneybuch 13b; das er (der kranke) nicht versaumbt noch verwarloszt werd H. Braunschweig chirurgia 1. auch von geistlicher betreuung des kranken: Fischer schwäb. wb. 2, 1403 (Augsburg 1306); dasz er nit verwarloszet werde an der heyligkeit und an der bicht Gersdorf wundarzney 23, 2b. in neuerer zeit von mangelhafter begabung durch gott, vorsehung, natur: personen, welche die vorsehung ... verwahrloset zu haben scheint Herder 16, 351 S.; so verwahrlosete die natur uns nicht 23, 146 S.,

du bist und bleibst ein ausgemachter dummkopf. ...
mein guter lümmel! ach, wie hat doch gott
die arme creatur so ganz verwahrlost!
Tieck 1, 260;

bin ich denn etwa verwahrlost von der natur, bin ich schwächer ausgerüstet als ihr? Laube 2, 3.
b) reflexiv.
α) in älterer zeit mehrfach von unnöthiger, mutwilliger selbstgefährdung (vgl. DWB B 2): aber ich will nit deren einer sein, die sich durch ir tumheit also verwarlosen (wie die hunde, die im dienst ihres herren bleiben, obwohl er einen von ihnen totgeschlagen hat), sondern ich will mich vor dir bewaren nach allem minem vermögen buch d. beispiele 140 lit. v.; das sich niemand selbs verwarlose, noch mutwillig in gefahr gebe, denn das hiesze got versuchen Luther 28, 209 W.; besonders dadurch, dasz man sich nicht vor ansteckenden krankheiten hütet: auf das ich mich selbs nicht verwarlose und dazu durch mich villeicht viel andere vergiften und anzunden mochte 23, 366 W.; dieweil dann dise abscheuliche kranckhait gantz hochbeflecklich ist, ... und aber die menschen sich selbs nit mtwillig verwarlosen sollen (Augsburg 1562) chron. d. d. st. 33, 188. ebenso den leib v. Luther 23, 364 W., leib und leben 23, 346.
β) in neuerer zeit: weil sie ... sich selbst verwahrloset haben (und deshalb einander heiraten muszten) Hippel über die ehe 146; wenn einer ... sich durch diebstahl oder anderes verbrechen an seinen ehren verwahrloset Noel Chomel 7, 388; wenn ich z. b. in erwartung übernatürlicher kräfte die mir geschenkten natürlichen gaben nicht anbaue ..., verwahrlose ich mich nicht selbst? Herder 20, 18 S.
c) von sächlichem: er ward ... beklaget, wie er das öl von fünf faszen, das im befolhen was, hette verwarloset Steinhöwel Äsop 307 lit. v.; das ... nicht yendert ain schiffman mit übrigem eilen etwas (beim verladen) verwarloszt Schaidenreiszer Odyssea 55a; wo sie diese statuen und gefäsze (bei der überschiffung nach Rom) ... verwahrlosten oder zu grund gehen lieszen Sonnenfels ges. schr. 7, 1, 33. zuweilen geradezu verlieren: wo aber dasselbig gelt oder kleinot (das pfand) durch den schultheiszen verwarloset und verloren würd Fronsperger kriegsbuch 1, 3; hingegen sol das dritte (stück gold) neulich von einer frawen verwarloset seyn Prätorius Anthropodemus 1, 111; br. Grimm sagen 1, 45. übertragen: aber diese beschlaffene ihren höhesten schatz ... verwarloset und zur ehe nicht wol komen kan Luther 30, 3, 226 W. von gut, besitz, eigenthum: sie verwarlosen der herrschaft das ihre Nas antipap. eins und hundert 4, 205a; das vermögen ist ein mittel zu unzähligen guten absichten; es v. ist deszwegen schon mehr als thorheit Gellert w. 5, 179. militärisch: wo man sie (die festen plätze) nicht ... aus vorsatz muthwillig v. und übergehen lassen wollen v. Chemnitz schwed. krieg 1, 219; als wann durch das liederlich gesind nicht nur Candia, sondern auch Venedig selbst verwahrlost worden und in des Türken gewalt kommen wäre Grimmelshausen 3, 343 Keller. in neuerer zeit vorwiegend von abstracten begriffen: ich wil sein glücke nicht v. Chr. Weise polit. redner (1677) 307; anerwogen der ... mensch sein ... vorrecht, die vernunft, gröstentheils verwahrloset Breitinger crit. dichtkunst 1, 205; wenn früher die heilige

[Bd. 25, Sp. 2087]


flamme (liebe, enthusiasmus) verwahrlost wurde fürst Pückler briefw. u. tageb. 1, 330.
2) etwas v., so dasz es schaden anrichten kann: deswegen vergleichet Jacobus dieses glied (die zunge) mit dem feuer, dessen fünklein, wenn es verwahrloset wird, einen groszen brand anrichten kan Butschky Pathmos 373 (s. u. 5); eine entzündung, die nur zu oft unheilbar ist, weil man aus falscher scham ... sich das übel nicht merken lassen will und daher verwahrloset, was im anfange leicht zu heilen gewesen wäre F. Th. v. Schubert verm. schr. 1, 239.
3) etwas ohne sorgfalt, unsachgemäsz, unrichtig ausführen oder betreiben: du hast dein ampt an diesem menschen verwarloset Luther 32, 41 W.; er verwarloset den dienst Agricola 750 sprichw. (1534) 2, 7a; umb das er den streit verwarlost (den kampf verloren) hett Carbach Livius 42a; dasz man ihre erziehung verwahrlost hatte Pfeffel pros. vers. 2, 41. zuweilen liegt die bedeutung versäumen, unterlassen nahe, besonders bei unbestimmtem object: vor allen dingen bewar man den buch, den was mit dem buch verwarlosset würt, das würt dem gantzen leib z unstaten kumen Murner bei Hutten 5, 490 B.;

dasz in irem ampt
nichts werd verwarlost und versaumt
H. Sachs 19, 43 G.;

habe ich doch nichts verwahrloset (keine schuld am tod der ziege) Musäus volksmärchen 1, 47 H.
4) eine sache wenig beachten, miszachten, gering schätzen, versäumen, sie sich nutzbar zu machen: wie jemerlichen ist das, daz die grosze genade gottes von uns verwarloset wurt Tauler predigten 130 V.; die nachlässigkeit, womit die ersten entdeckungen (der alterthümer in Herculanum) verwahrloset worden das neueste a. d. anmuth. gelehrs. 9, 167;

du hast den krieger stets zu hoch gestellt,
das menschliche verwahrlost und verachtet
Raupach dram. w. ernster gatt. 8, 67;

eine lange thörichte zeit hatte uns geübt und beinahe gewöhnt, dasjenige (an sprachdenkmälern aus alter zeit) zu v., was mitten bei und neben uns geblieben war Jac. Grimm kl. schr. 6, 153. unterdrücken: dasz man, um sie (die melodie der reime) zu behalten, die vernunft binde, manche schöne expression verwahrlose discourse der mahlern 2, 55. in vergessenheit geraten lassen: etlichen alten guten wörtern, die in einigen theilen von Deutschland verwahrloset worden Wieland I 3, 320 ak. ausg. zeit, gelegenheit v.: damit er ... keyn zeit verwahrlose Herr feldbau 54a; er wolte solche gelegenheit nicht verwarlosen noch verziehen Xylander Polybius 264.
5) ein unglück durch nachlässigkeit geschehen lassen, nur in älterer zeit: wo er wurde auf gut wetter warten und hiezwischen verwarlosen, das der feindt uberschiffet Xylander Polybius 47. besonders von feuersbrunst (vgl. oben 2): dasz dasselb feuer in des Goszenprots haus aufgieng gleich zu mittem tag und was also verwarlost: die megt ... lieszens (asche im kornhaus) also haisz ligen als lang, bisz es darunder prinnen ward (Augsburg 15. jahrh.) chron. d. d. st. 5, 149; man stnd in zweyfel, ob es (ein feuer im pulverthurm) von den Türcken beschehen oder durch die Wallonen verwarloset worden Stumpf Schweizerchronik 40a.
B. schädigen, verderben, gefährden, ohne dasz dabei die vorstellung der nachlässigkeit, achtlosigkeit vorliegt.
1) in älterer zeit geradezu vernichten: annihilare Diefenbach nov. gloss. 24; annullare voc. (1482) KK 3b;

ydoch wizzet hi beneben,
daz von martyrlichen sachen,
di sich uzerhalben machen,
der mensch mac verwarlosen sich:
der strang, iz swert, eyn mezzerstich
und ubertranc und ubervraz
diz leben setzen uz rechter saz buch Hiob 5371 K.;

das er nichts umbstosz noch verschüt,
auch nichts zerbreche und zerrüt,
noch verwarlosz unbsint und jech
H. Sachs 9, 270 K.

[Bd. 25, Sp. 2088]



2) gefährden (vgl. DWB A 1 b α): und kam einer únden slag des windes in das stillestênde wasser, und sú wurden erfúllet und verwarlôset (periclitabantur) Züricher Lucas in zeitschr. f. d. wortforsch. 2, 167.
3) schädigen: damit (dasz er Christus tötete, ohne dazu berechtigt zu sein) ist ihm der tod schuldig worden, hatt ihm unrecht than und in ihn gesundigt, sich selb aller ding verwarloszt, das Christus ein redlich anspruch zu ihm hatt Luther 10, 1, 1, 516 W.; körperlich beschädigen: ihr habt euch die knie verwarloset, wenn ihr in die rauchlöcher gekrochen seyd Chr. Weise comödienprobe (1696) 284.
4) im 18. jahrh. moralisch verderben, schlecht machen: dasz der vertrauliche umgang eines alchymisten jeman den sehr v. ... mag Hamann 2, 77 R.; dasz es sehr unverantwortlich seyn würde, auch die andere hälfte des menschlichen geschlechts mit dieser autorseuche zu v. Rabener w. 2, 220; aber die philosophie hatte ihn schon in der jugend verwahrlost Grosse bei Fürst deutsche erzähler d. 18. jahrh. 166 lit.-denkm.
II. in älterer zeit auch absolut: v., thöricht, unklug, unbedacht, nachlässig handeln: ich weisz aber nicht, ab es gott über i. f. g. verhing oder die balbier verwahrloseten, denn der schaden gerieth i. f. g. übel Schweinichen 44 Ö.; da was nichts an der sach, allain dasz sie (es ergänzt der herausgeber) verwarlost hetten mit der losung, die was inen nit anzaigt worden; das was der auflauf (Augsburg 1524) chron. d. d. st. 29, 31. von verlorenen gefechten: und ward schantlich verwarlost (Augsburg 1450) chron. d. d. st. 22, 102; und ward verwarloszet (Augsburg 1499) 23, 426. auch der substantivierte inf.: in disem monat seind ... durch des jungen volcks verwarlosen 8 baurenhöf abgeprunnen (Augsburg 1561) 33, 108.
III. jünger und seltener ist der intransitive gebrauch:

dess stund ir müllwerck nicht sehr wol,
verwarlost vil in dem mülbew
H. Sachs 17, 269 G.;

dasz daran (an den stollen) nichts verwarloset Schönberg berginform. 1, 14; indessen verwahrloste das arme kind und nebenbei die kleine, aber doch einträgliche wirtschaft Anzengruber 5, 148; die gemüter verwahrlosten W. v. Polenz Grabenhäger 1, 242.
IV. in neuerer zeit am gewöhnlichsten ist das adjectivisch gebrauchte part. prät.
1) meist verkommen, vernachlässigt:
a) von personen: ohne das geringste studium von mathematik und anatomie müssen sie (die kunstschüler) ... einem meistens verwahrlosten modelle gegenüber sitzen Heinse im briefw. zw. Gleim, H. u. J. v. Müller 1, 314 K.; beim anblick elend geborener oder körperlich verwahrloster menschen Gutzkow ritter vom geiste 1, 209; der unmuth einer arg verwahrlosten truppe Treitschke deutsche gesch. im 19. jh. 3, 135. geistig beschränkt: jeden, der nicht ganz v. ist Göthe II 4, 34 W.; ein frömmler oder ein verwahrloster kopf Platen tagebücher 1, 291; dasz sie (menschen, die alles in eine form gegossen haben möchten) verwahrloset sind in der gabe, etwas verständig zu verstehen Schleiermacher I 5, 46. am häufigsten von kindern: ein kind von 12 jahren, das nicht ganz v. ist briefe d. neueste litt. betr. 13, 94; verwahrloste kinder verbrecherischer eltern Göthe gespräche 5, 226 B.; zum besten der hiesigen erziehungsanstalt für sittlich verwahrlosete kinder Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. 7, 167.
b) von sächlichem: die verwahrlosten und ohne bedeckung gelassenen grenzen M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 105; ein garten, wo in verwahrlosetem aber freudigem wuchs bäume mancherlei art grünen grafen Stolberg ges. w. 6, 44; wo ist ... eins (ein theater) so verwahrlost als das unsere? Göthe 22, 157 W.; den verwahrlosten garten Steffens was ich erlebte 3, 62; dicker und verwahrloster ... haarwuchs Welcker alte denkmäler 2, 177; eine verwahrloste menge von büchern G. Keller 7, 12; die verwahrlosten englischen stadtverfassungen

[Bd. 25, Sp. 2089]


Treitschke deutsche gesch. im 19. jh. 1, 285; an den unfertigen und verwahrlosten lehmhäusern Hans Grimm volk ohne raum 1, 230. von geistigem: dasz sein geschmack so sehr verwahrloset wäre Nicolai literaturbriefe 5, 205; verwahrlosete tugend Lessing 2, 271 M.; eine verwahrlosete empfindung Herder 14, 9 S.; ein verwahrlostes musikalisches gehör Laube 8, 16.
2) im 18. jahrh. auch zu etwas verwahrlost, verdorben, untauglich: alle einwohner dieser hauptstadt ..., die nicht zu allen empfindungen musikalischer und poetischer schönheiten verwahrloset sind Nicolai literaturbriefe 9, 8; unter seinen nachkömmlingen ist einer vom mutterleibe zur herzhaftigkeit so v., dasz er die spitze einer klinge nicht mit unverwandtem blicke ertragen kann Sonnenfels ges. schr. 2, 45; jeder, der zum leser nich v. ist Kretschmann s. w. 2, 15. —
 
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verwahrloser, m.: Stieler 1180; einen faulentzenden, der kriegsordnung unerfarnen hauptman oder der sachen verwarloser Eppendorf kriegsübung 22b. —
 
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verwahrloserin, f.: meines eignen untergangs ein anfengerin, meiner reinigkeit beschmutzerin, meiner keuschheit verwarloserin Maur. Brandt Phoenicia d 1a. —
 
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verwahrlosig, adj.: verwahrlosiger, geruchthaftiger divaricosus voc. (1482) kk 3b. —
 
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verwahrlosigkeit, f.: Lexer 3, 295; negligentia, incuria Aler 2, 2031b; die leiplich rainikait wirt verloren mit auszer verwarlosikait des leibs ganzhait Tauler sermones (1508) 204a; Seneca ... haist das den schentlichsten schaden, der aus verwarlosikait kum H. Sachs 22, 183 G.; verwahrlessigkeit Wimpfeling bei Martin-Lienhart 1, 612. —

 

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