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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verwachsenwurzelig bis verwaffen (Bd. 25, Sp. 2069 bis 2072)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) -wurzelig 205.
ε) auch von anorganischem: gemengte (gesteinsarten) mit untereinander verwachsenen theilen Werner gebirgsarten 7; Sodalith: kommt theils in crystallen vor mit glatten, aber unebenen, gekrümmten flächen und zugerundeten kanten, gewöhnlich mehrere mit einander verwachsen Oken allg. naturgesch. 1, 182; tafelförmige, meist zwillingsartig verwachsene ... krystalle Karmarsch-Heeren techn. wb.3 10, 61.
b) übertragen:
α) der mensch verwächst: mit andern menschen: den theuern, mit seinem leben so innig verwachsenen freund Gutzkow zauberer von Rom 9, 271; du bist das einzige gut, was mir ist, was von tage zu tage inniger mit mir verwächst Hebbel I 8, 34 W.; mit einer örtlichkeit: denn ich bin zu sehr mit diesem orte (Carlsbad) v., als dasz ich ihn mir zerstört denken dürfte Göthe IV 35, 118 W.; eine heimath ..., mit der man durch geburt, erinnerung

[Bd. 25, Sp. 2070]


und liebe v. ist Bismarck briefe an braut u. gattin 10; mit der menschlichen gemeinschaft, zu der er gehört. so fest wie sein könig oder Hardenberg war dieser reichsritter doch nicht mit dem staate Friedrichs v. Treitschke deutsche gesch. im 19. jahrh. 1, 331; sie wissen ja, wie sehr ich mit meiner familie v. bin G. Hauptmann einsame menschen (1891) 55; ihm (dem lehrer), der in drei vierteljahren mit der klasse v. war Th. Mann königl. hoheit 457; mit sitten, anschauungen: wenn wir ... mit ihnen (mit gewissen sitten und vorstellungen) so verwachsen sind, dasz wir sie der menschheit wesentlich, von ihr also ganz unabtrennbar glauben Herder 15, 138 S.;

der fromme mit dem steifen gottvertrauen
verwächst und seine klinge mit der scheide
Lenau 323 Barthel.

menschliche gemeinschaften v. miteinander:

dasz sein geschlecht mit meinem in einem stamm verwachse
Bodmer Noah 130;

mit geistigem: (völker,) deren volkstum mit unserer oder der antiken bildung enge v. ist wie die Hebräer Freytag 14, 50.
β) von sächlichem. mit dem menschen verwächst: seine tracht: sie kam so in den salon, als wenn diese neue tracht schon längst mit ihr v. war Gutzkow ritter vom geiste 9, 216; seine sitten: die leeren formen, das weitläufige und schwerfällige wesen verwuchsen umso inniger mit uns, je mehr die nation im ganzen entwöhnt ward, grosze interessen im groszen stile zu verfolgen Häuszer deutsche gesch. 1, 7; geistiges: wir müssen erst etwas blosz glauben und empfinden, dieses verwächst mit uns Lichtenberg verm. schr. 9, 147; sie (seine ideen) waren mit seinem selbst verwachsen Ranke s. w. 31/32, 350; ebenso mit menschlichen gemeinschaften und ihrer wesensart und ihren lebensformen: je tiefer in einem volke die ideen mit seinem ganzen grundwesen v. sind Solger nachgelass. schr. 1, 163; er (der walzer) ist der echt deutsche, mit dem volksleben innigst verwachsene nationaltanz Böhme gesch. d. tanzes 1, 219. verschiedene abstracte gröszen sind v.: als theile eines ganzen: jene oben benannten drei stücke (Schillers jugenddramen) jedoch wollte man nicht anrühren, weil das daran miszfällige sich zu innig mit gehalt und form v. befand Göthe 40, 89 W.; denn auch das recht ist ein stück des öffentlichen lebens, mit allen übrigen theilen desselben vielfach v. Savigny gesch. d. röm. rechts, vorrede 10; als ursprünglich selbständige gröszen, die sich verbinden: wenn die wohlthätige nächstenliebe nicht so tiefe wurzeln in meinem herzen gefasset hätte, dasz sie mit meiner eigenliebe ganz v. wäre Laroche gesch. d. fräul. v. Sternheim 2, 75, oder die sich gegenseitig bedingen: wie völlig das geschick der stadt mit dem der Medici v. sei H. Grimm Michelangelo 1, 85; die unabhängigkeit der stadt (Genf) war ... mit dem positiven protestantischen princip (der Calvinisten) auf das genaueste v. Ranke s. w. 8, 127.
6) in etwas v., vereinzelt in wendungen, die sich zu 4 d stellen: das säuselnde in lauben verwachsene dörfchen Jean Paul 7/10, 480 H.; meist nah verwandt mit dem unter 5 besprochenen gebrauch.
a) mit translocaler bestimmung, in etwas hineinwachsen. körperlich: dasz es (das geweih), zu ewigem gedächtnisz in denselben (den baum) v., noch zu sehen ist Brentano 4, 37; Dengeh (ein gott) soll sich anfänglich frei umherbewegt haben, dann aber als schlange mit seinem geringelten schwanze in die erde v. sein Ratzel völkerkunde 2, 312. freier: da ist ein minster, halb v. in den holen berg in den herten stein sommerteil d. heiligenleben 79a; aber in stiel und griff verwuchs die faust Liliencron zehn novellen 116. übertragen:

kein weinstock hält so fest den ulmenbaum umschlungen,
als meine Kühlweinin, o reben guter jahr!
mit ihrer süszen huld in mich verwachsen war
J. v. Besser schr. 2, 377;

so sind einige (grammatische formen) ... so in den ganzen grammatischen bau v., dasz ihre schilderung

[Bd. 25, Sp. 2071]


gewissermaszen die der ganzen grammatik selbst ist W. v. Humboldt ges. schr. 6, 10; (dinge), die .. in die theuersten interessen unserer bildung v. ... sind Gutzkow ges. w. 7, 276; ich bin mit meinen tiefsten stimmungen in den deutschen boden v. 10, 187; sein humanistischer kosmopolitismus, der so tief in ihn v. war Gervinus gesch. d. d. dichtg. 5, 353; bei seiner letzten lebzeit war Herder ... ganz in den romantischen geschmack v. 5, 559.
b) mit intralocaler bestimmung, in etwas festwachsen. körperlich: dasz du solche pfeil nit lange stecken, noch im fleische lassest v. Schwenckfeld vergeb. d. sünden 81; dichtes wurzelgeflecht, in welchem die wurzeläste benachbarter bäume oft v. Roszmäszler der wald 307. übertragen: unsere geburtsstunde ... als ein ... ding, das ... in derselben (der seele) gleichsam verwächset Butschky Pathmos 14; das unveränderliche bild der tugend oder der geistigen harmonie wird in seiner seele v. Schiller 1, 35 G.; er ist aber in seinen nationalsitten so v. Börne ges. schr. 5, 82; tief eingewurzelt und v. sind diese eigentümlichen sprichwörter im volke Allmers marschenbuch 1/2, 208.
7) seltener sind andere verbindungen; mit an: in einem wassersüchtigen fand sich der herzbeutel ... fest an daz herz v. allg. deutsche bibl., anh. z. 25—36, 503;

verwachs an mein herz, sey eins mit mir!
maler Müller 2, 301.

vereinzelt mit dem dativ:

du meiner kindheit lieber baum
an meines vaterhauses mauer,
emporgegrünt mit meinem traum
und nun verwachsen meiner trauer
R. Kögel ged.4 12.


8) nicht selten ist der substantivierte infinitiv: in dem v. der knochen Göthe II 8, 30 W.; weil ich in meinen knabenjahren eine anlage zum v. zeigte Grillparzer 12, 33 Hesse; durch das v. der wurzelsprossen Lueger lex. d. ges. technik 1, 359. — verwächsen, v. : mit wachs überziehen Calepinus XI ling. 223a; mit verwächstem doppelen, starcken zwirn Aitinger jagd- u. weidbüchl. 46. — verwachsenheit, f. , zu verwachsen III 2: gar so arg müszte es doch nicht sein mit seiner v., weil sie ihn zum soldaten genommen hätten Rosegger wildlinge (1905) 26. zu verwachsen III 5: die dogmatische verwirrung und v. Fichte 2, 493; die v. von gedanken und bild O. Ludwig ges. schr. 5, 531; der grad einer innerlichen verwandtschaft und v. mit dem genius Nietzsche 1, 465.
 
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verwachsung, f.
1) statt überwachsung, praeputium in hs. der 1. d. bibel: dorumb beschneid die verwachsung (M, sonst uberwachsung) ewers hertzen 4, 169 K.; 2, 17 (Sc), dazu ahd. furiuuahst, furigiwahsti gl. 1, 286a; 805b; 2, 30b; 279a; 773a.
2) zu verwachsen III 2: wie die v. (der buckel) da war, wars auch vorbei mit der bauernarbeit H. Schmid alte u. neue gesch. aus Bayern 243. übertragen: in einen fruchtbareren grund, der die volle prangende entwicklung der köstlichen pflanze (der kunst) ohne die verkümmerungen und verwachsungen gestattete, die an der dürre des alten bodens hingen Gervinus Händel u. Shakespeare 374.
3) zu verwachsen III 4 a: v., obductio cicatricis et oblivio Stieler 2404.
4) meist zu verwachsen III 5: concretio Maaler, symphysis, concretio Nemnich lexicon nosolog. polygl. 17d; anatomisch: ausz unnatürlicher verschliessung oder v. des vordern oder innern schlosses des geburtsglids Ruoff hebammenbuch (1580) 154; eine v. der brusteingeweide Krünitz 218, 497; diese verschiedenen verwachsungen der knochen Göthe II 8, 37 W.; v. des dünndarms mit der leber Sömmerring vom baue des menschl. körpers 2, LIX. botanisch: die blattpaare sind am grunde vollkommen verwachsen, so dasz die v. nicht ... einen einschnitt zeigt Schlechtendal-Hallier flora v. Deutschl.

[Bd. 25, Sp. 2072]


12, 209. mineralogisch: die eben erwähnte häufige regelmäszige v. beider (von augit und hornblende) Oken allgem. naturgesch. 1, 266; die ... schön ausgebildeten ... krystalle (fluorit) finden sich ... in regelmäsziger paralleler verwachsung Karmarsch-Heeren techn. wb. 3 3, 606. übertragen: aus der v. metaphysischer abstractionen mit der poesie A. v. Humboldt kosmos 2, 17; in unserer schnöden selbstsucht und v. mit dem schein und trug der welt Zschokke sämtl. ausgew. schr. 26, 196; eine überaus enge v. von sinn und wort, von gehalt und gestalt bei jenen alten (altdeutschen) poesieen J. Fr. Böhmer bei Janssen Böhmers leben 2, 118.
5) vereinzelt zu verwächsen: v., ceratura Reyher thes. u 5a. — zusammensetzungen: verwachsungsstelle, f. Sömmerring v. baue d. menschl. körpers 5, 738; 6, 850; Muspratt chemie 3, 567 Stohm.-Kerl. -vorgang, m. Ratzeburg waldverderbnis 2, 265.
 
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verwachten, v.
1) erwarten, nur auf nd. boden: mnd. vorwachten Schiller-Lübben; Calepinus XI ling. 1142b; mit dem genitiv: des natuerliken dodes mote wij alle sterven unde des syn wij alle verwachtende Veghe 16, 21. später mit dem acc.:

wy wetten, dat Szathan hefft eyn ryck,
dar ynn leven alle gotloszen glyck,
mit ernst ohrem forsten sind underdaen,
vorwachten van ohm eyn tydtlick lohn
B. Waldis verlor. sohn 43 ndr.;

schande unde de helle vorwachtet de spelers Tunnicius sprichw. nr. 857. in nd. mundarten: Strodtmann 262, Woeste 297, Richey 330, Schütze 4, 330, Dähnert 528, Frischbier 2, 443.
2) bewachen: bayr. v. 1616 und 1847 bei Schmeller-Fr. 2, 842; meckl. Mi 103; die hund ... verwachten (präsens) das hausz und vieh Albertinus Lucifers königreich 56 L.; verschlossen sie die thore und verwachteten die stadt Schütz hist. rer. pruss. 1, e 4c; (mit dem dativ?) das die (die herschaft) im verwachten, nachdem alhie nit guet gefenknus sein (1580) öst. weisth. 10, 141;

Hieronimus, Ambrosius,
Gregorius, Augustine,
vorwachtet uns de rine
und dat kamprät!
so geit de möle desto bät
Uhland volksl. nr. 344.

in neuerer zeit nur in archaisierender sprache: wenn man die beichtstühl verwachtet und die priester, so unter der wochen beicht sitzen wollen, beim magistrat verklagt Handel-Mazzetti in deutsche rundschau 151, 344. —
 
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verwachtung, f.: so haben die römischen keiser zu dem kriege und zu ihrer person v. die Batavier ... allwegen schr gebraucht Federman Niderlands beschreib. (1581) 228. —
 
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verwachung, f., s. verwachen. —
 
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verwackeln, v.: A. legte an, zielte unsicher, die nachbarn schüttelten die köpfe, einer flüsterte: 'o je, er verwackelts' Fr. Th. Vischer auch einer (1879) 1, 307. —
 
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verwaffen, v., vereinzelt: wer dem andern sein gt verwafft mit gewalt der neü laienspiegel (Straszb. 1518) 128a. —

 

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