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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verwachung bis verwachten (Bd. 25, Sp. 2065 bis 2072)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verwachung, f.: schlaflosigkeit: nach langer v. Opitz Argenis 1, 646. wachehalten, wachsamkeit: excubie Diefenbach 215b; ungeachtet ihrer (der leibwache) fleiszigen v. Bodmer v. dem wunderbaren 107. bewachung: die verwarnung, v. und verwaltung der stadtvestung (Gotha 1563) thür. geschichtsqu. 9, 309; v. der stadtthore v. Chemnitz schwed. krieg 1, 25.
 
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verwachsen, v. , mhd. wb. 3, 463; Lexer 3, 292; mnd. vorwassen Schiller-Lübben 5, 498; in den älteren nhd. wb. sehr häufig, z. b. Frisius 71b; 220a; 654b; Bas. Faber thes. (1587) 172a; 337a; Calepinus XI ling. 236a; Hulsius-Ravellus (1616) 360a; Stieler 2404; Steinbach; Adelung; Campe. gewöhnlich in den mundartwbb.: els. Martin-Lienhart 2, 785; schwäb. Fischer 2, 1399; lux. verwoissen Gangler, verwûessen lux. ma. 468; oberhess. fawase Schöner 232; niederhess. Hofmann 252; obersächs. Müller-Fraureuth 2, 618; cronenb. fərwāsən Leihener 36; wald. frwasn Bauer-Collitz 32a; westfäl. verwassen Woeste 297b; götting. Schambach 268b; pommer. Dähnert 529a; altmärk. verwussen Danneil

[Bd. 25, Sp. 2066]


241a; lüb. Schumann 87. altengl. forweaxan, forwexen Bosworth-Toller 325, 326.
I. transitiv.
a) 'im wachsen allmählich wieder verlieren' Schambach; er verwechst sinn und witz Seb. Franck sprüchw. (1541) 2, 72a; selbst einige angrenzende tatarische stämme werden mit zügen der mongolischen bildung gebohren, die sie aber v. Herder 13, 217 S. einen schaden v.: dat verwasset de göre nog wedder Dähnert 529a; die erstaunende heilkraft der sprache, womit erlittenen schaden sie schnell verwächst und neu ausgleicht Jac. Grimm kl. schr. 1, 262.
b) seit dem 18. jahrh. kleider v., aus ihnen herauswachsen: das kind verwächst die kleider Aler 2, 2031a; gott lasze ihn (den enkel) dieselben (die hemden) gesund v. und zereiszen Elis. Göthe in schr. d. Götheges. 4, 121; was ich (an kleidern) hatte, war groszentheils v. Gotthelf 1, 88. übertragen: er hatte seine bibliotheck v., so wie man eine weste verwächst Lichtenberg aphorismen 1, 76 L. auch mundartlich: Martin-Lienhart; lux. ma.; niederhess. Hofmann.
c) mit wachsthum überdecken: mhd. s. Lexer:

die strâze hât verwahsen nu daz gras
Heinrich v. d. Türlin Krone 3647;

so sich sclyriosis enden soll, so geht es je lenger je mehr in sein generation, am letzten krümpt es das glid, der gleichen verschwelt und verwechst es die intestina Paracelsus chirurg. bücher (1605) 619c. in neuerer zeit nicht mehr üblich. das häufige part. prät. (s. u. III) ist daher wohl intransitiv zu fassen.
II. reflexiver gebrauch entspricht dem intransitiven, ist aber weit seltener: übermäszig wachsen (s. III 3): als man silber grebt, so verwechset sich daz wasser, das mans nút wol gewinnen enkan Tauler pred. 150 Vetter; würden die ecker früe gesewet, so würde der somen geilen und sich v. Petrus de Crescentiis vom ackerbau 21a. schlecht, fehlerhaft wachsen (s. III 2): manches kleine mädchen verspricht eine himmlische schönheit und verwächst sich hernach zu einem ganz gewöhnlichen dinge Heinse 5, 22 Sch. vernarben (s. III 4): das merkmal dieser wunde soll sich ihr leben durch nicht v. Göthe theatral. sendung 411 Maync. im wachsen verschwinden, sich auswachsen (s. I a): eine krümme des körpers, verkürzung eines gliedes u. dgl. verwächst sich Fischer 2, 1399. im wachsen heilen: das bein verwächst sich vortrefflich Hippel lebensl. in aufst. linie 1, 137. zusammenwachsen (s. III 5):

mein name dicht daneben (in einen baum geritzt)
soll mit dem ihren dort
sich wie zu einem leben
verwachsen und verweben
durch schöne lenze fort und fort
Tiedge 6, 122.

festwachsen, einwachsen (s. III 6):

die hoffnung,
die in der jünglinge brust fest sich und fester verwächst
E. M. Arndt w. 6, 35 R.-M.


III. weit überwiegend intransitiv, am gewöhnlichsten das part. prät., vielfach rein adjectivisch empfunden, daher sogar gesteigert: die verwachsensten gebüsche Schwabe belustigungen 3, 434; ähnlich Wieland I 1, 152 ak. ausg.
1) vereinzelt sein wachsthum vollenden: die ähre verwächst, ohne frucht zu bringen Just. Möser s. w. 1, 243. das part. prät. zuweilen wie erwachsen: als der herr Christus v. war Spalatinus klage des frids c 4a; wenn ihr (die töchter) v. seyd Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. 3, 266.
2) schlecht, fehlerhaft, unregelmäszig wachsen: dadurch werden die schwachen glieder über vermögen angestrengt und v. und werden krumm Salzmann Conrad Kiefer 48. ungewöhnlich: durch wachsen abnehmen, s'amaigrir par ce qu'on croist si fort Hulsius-Ravellus (1616) 360a. häufig das part. prät., in allgemeinem sinne verunstaltet, übel gerathen: so solche verwachsne gesellen (bettler, schuster etc.) in die artzney gehend Paracelsus chirurg. bücher (1618) 267a; under den erstarrten und verwachsenen menschen

[Bd. 25, Sp. 2067]


Guarinonius greuel der verwüstung (1610) 209; übertragen: eine verwachsene seele Klopstock gelehrtenrep. 87; um königlich seinen verwachsenen lüsten fröhnen zu können Laukhard leben u. schicksale 2, 186. gewöhnlich verkrüppelt, schief- oder krummgewachsen: der verwachsenen ... gliedmaszen Lavater physiogn. fragmente 1, 106; Christophe behauptete, Minchen sey v. Hippel lebensl. i. aufst. linie (1778) 1, 136; ein ältlicher beamter mit seiner etwas verwachsenen, nicht ganz jungen tochter Steffens was ich erlebte 3, 9; sie ist v. und immer krank H. v. Kahlenberg Eva Sehring (1901) 112. von bäumen: ein altes, knorriges, verwachsenes stämmchen Europa 2, 149 Schlegel. substantiviert: die ... figur eines hinkenden und verwachsenen Heinse in briefw. zw. Gleim, H. u. J. v. Müller 1, 296 K.; buckliche, alle arten verwachsne, zwerge Göthe III 1, 334; von einer schärfe ... des verständnisses, wie sie bei verwachsenen ... nicht selten gefunden wird Bismarck ged. u. er. 1, 244 volksausg.
3) zu stark, ungehemmt, ungepflegt wachsen, wuchern: de rogge verwasset nu te stark Schambach; weil euch (den einsiedlern) haar und bart also verwildern und v. Abraham a s. Clara etwas für alle 2, 273; dasz sie (junge bäume, die nicht gepflegt werden) ... gantz verwilden und v. Hohberg georg. cur. aucta 3, 43a; dasz der wald erst später ... wild verwuchs Niebuhr röm. gesch. 3, 327. von nutzland und anlagen: dasz die ... güeter z allmenden giengent und verwüechsent Stretlinger chron. 93 Bächtold; sie ... lassen die (äcker) verwildern, v. und verwüsten Grosser anleit. z. d. landwirtsch. b 2b; wie alle meine pflanzungen und parkanlagen verwuchern und v. ... werden Bismarck briefe an braut u. gattin 101. sehr gewöhnlich das part. prät.: der grunt, der da ist vol verwachsens unkrutz Tauler pred. 278 Vetter; verwachsenes unkraut Voss ged. 3, 180. am häufigsten in wendungen, in denen v. zugleich ineinandergewachsen, verflochten, undurchdringlich, schwer passierbar bedeutet: aus dem verwachsnen busch deutsche schaubühne 5, 46 Gottsched; verwachsne hecken Wieland I 1, 4 ak. ausg.; verwachsene rosen J. N. Götz verm. ged. 1, 17; die verwachsene wildnisz Voss Odüssee 154; das so verwachsene dickicht Göthe 37, 177 W.; die nacht verwachsener wälder H. v. Kleist 2, 188 E. Schm.; verwachsenes gehölz Platen 2, 118 R.; das verwachsene haselgebüsche Stifter 2, 85. mit adverbien:

tief in wild verwachsen hecken
Dach 787 Ö.;

in jenem wild verwachsenen theil des waldes Storm 7, 133; in einer dick verwachsnen laube Brockes ird. vergn. 8, 112; von jungen, dicht verwachsenen gesträuchen umgeben H. P. Sturz schr. 2, 60; dicht verwachsene stauden Stolberg ges. w. 6, 249; schilf, dicht verwachsen Gutzkow zauberer v. Rom 1, 73; eine üppig verwachsene laube E. Th. A. Hoffmann 6, 57 Gr.
4) mit wachsthum bedeckt, umgeben, überzogen, überwachsen werden:
a) mit haut und fleisch: do (über den grund des menschen) ist als manig dicke grúweliche hut úbergezogen, ... und die hant im sin innerkeit also verdeckt, das got noch er selber nút drin enmag: es ist v. Tauler pred. 195 Vetter. gewöhnlich von wunden, die heilen, zuwachsen, vernarben, mhd.:

sô daz diu strenge wunde
der bitterlîchen sorgen ...
müese schiere heilen
und minneclîch verwachsen Reinfrid v. Braunschweig 3449;

nhd. Frisius 220a; Bas. Faber thes. 172a; ein wundmal, ein schramm ist ein zeichen einer verwachsenen wunden Calepinus XI ling. 236a; Hulsius-Ravellus (1616) 360a; Stieler 2404; Steinbach; biss dass die wunden mit einer bequmen rufen verwachst Heuszlin Geszners vogelbuch (1563) 135; wie eine wunde verwächst, schwindet auch der kummer aus der seele Göthe 38, 81 W. auch von narben: die narbe verwächst Schwan nouv. dict. 2, 940a;

[Bd. 25, Sp. 2068]


kaum zeugt von kampf und plage
verwachsner narben spur
Geibel 3, 132 Cotta;

zuweilen in dem sinne, dasz die narbe überhaupt verschwunden ist: die narbe ist v., oder ich zum mindesten sehe sie nicht mehr Kotzebue dram. w. 2, 127; ebenso von blatternarben: die blattergruben ... v. Krünitz 218, 495. vereinzelt das adj. v., mit narben bedeckt, durch narben entstellt: (die mutter) sahe durch den sale ir kinder als v. und verarmbt (so dasz sie sie nicht erkannte) hertzog Aymont (1535) G 5a.
b) mit haaren: warumb lestu den dye krone (tonsur) vorwachsszen? (1523) Clemen flugschriften 1, 66;

in dem meer ein schröcklich meerwunder,
einer grewlichen gstalt besunder,
das uberal verwachsen war,
wie ein ber, mit rabschwartzem haar
H. Sachs 16, 229 G.;

wenn er (der kahlgeschorene kopf) erst v. Fronsperger kriegsbuch 1, 180a.
c) mit holz und rinde, die über einschnitte an bäumen wächst: darunter (unter dem felsen) stehen zwo grosse buchen, an der einen ist ein man geschnitten, der ist schier v. Thurneyszer magna alchymia 120; dasz die zeichen, welche gern an alte und nicht an junge bäume gehauen werden, beginnen zu v. Täntzer Dianen jagtgeheimnüsz 1, 36; diese eingeschnittene und ziemlich verwachsene worte Lohenstein Arminius 2, 265a; unsere namen sind ... so verquollen und v., dasz sie kaum noch herauszubringen Göthe gespräche 6, 224 B.
d) am häufigsten mit pflanzenwuchs. das verbum finitum ist verhältnismäszig selten: dasz sie (zerstörte schlösser und häuser) mit neszlen und ahornen v. Fabricius auszzug bewerter hist. 669; das (die mauertrümmer) verwuchs mit epheu Göthe 39, 166 W.; ein weg ..., der aber dann wieder mit gras verwächst Stifter 5, 1, 205. sehr gewöhnlich ist das part. prät.:
α) von wegen, was dann die vorstellung einschlieszt, dasz der weg schwer gangbar oder wenig begangen oder schwer zu finden ist: die (strasze) trug ihn auf verwachsenen weg und wild geräud zu einem alten gemäuer buch der liebe (1587) 389d; durch enge, verwachsene pfade Börne ges. schr. 4, 49;

dann ging es aufwärts halb verwachsnen weg
A. v. Droste-Hülshoff 2, 95 Sch.

übertragen: aber dieser weg (der gerechtigkeit) ist gantz vorwachsen Luther 10, 1, 1, 35 W. mit etwas v., schon mhd.:

einen waldstîc âne slihte,
mit grase verwahsen unde smal
Gottfried v. Straszburg Tristan 2571;

den alten weg der gtlichen búcher, der mit bronberstauden oder mit drnern ist v. erste d. bibel 7, 134 K.; mit dornen verwachsene wege Bräker s. schr. 2, 79.
β) von der landschaft:

bisz er kam in ein tieffen grund,
mit bäumen hoch verwachsen rund
H. Sachs 21, 158 G.;

auf einen sichern verwachsen bühel Xylander Polybius 55; alle ire gter ... lagen wst und mit grasz, distlen und dornen v. Wickram 3, 170 B.; die verwachsene und bedeckte grosse insuln im Rhein v. Chemnitz schwed. krieg 2, 482; das thal nach dem Inn hinab ist enge und verwachsen Platen tageb. 1, 826; an einer stelle des ufers ..., die undurchblickbar mit jungem gebüsch v. war Laube 2, 7.
γ) in älterer zeit oft von gebäuden: ein wüste kirch ... was mit doren v. heiligenleben winterteil 207; weil es (das jägerhaus) ganz mit birken und andern wilden bäumen v. ware S. v. Birken Donaustrand (1664) 44; alte eingefallene grosze stück mauern ..., mit grasz und bäumen v. Troilo oriental. reisebeschr. 314.
δ) sonstiges: eingegangene und verwachsene gräben Hohberg georg. cur. aucta 3, 44b; eine mit buschwerk verwachsene grotte theater d. Deutschen (1768) 12, 213;

[Bd. 25, Sp. 2069]


zum stehenden und abgestandenen, verwachsenen teich Herder 18, 150 S.; schon verwachsene schürfe ehemaliger unbekannter landsassen Ritter erkunde 3, 59; über den mit gestrüpp und aufschlag fast verwachsenen eingang des grundes A. v. Droste-Hülshoff 2, 281 Sch.; als der vater das gut kaufte, war die höhle v. Freytag 6, 75.
5) zusammenwachsen: coalescere Maaler, concrescere, coalescere Dentzler.
a) körperlich:
α) von knochen: man saget auch, dass ettliche leuth sein sollen, denen ihre bein innwendig so gantz v., dass sie kein marck haben Heyden Plinius 30; der körper dieses knochens ist mit dem körper des os posterius beim menschen immer v. Göthe II 8, 26 W. ebenso von knochennähten: ein schädel ... mit ... fast verwachsener stirnnaht Ritter erdkunde 2, 649; alle schädel ..., deren nähte frühzeitig verschwinden oder, was dasselbe bedeutet, verwachsen Peschel völkerkunde 50.
β) von andern körpertheilen: bei den unteren thieren sind beide (kopf und rumpf) noch ganz v. Schopenhauer 1, 243 Gr.; wirklich war dem armen schelm das kinn ziemlich stark mit dem hals v. Hebel 2, 303 B.; zuweilen ist er (der wurmfortsatz) mit dem blinddarme verwachsen Sömmerring v. baue d. menschl. körpers 5, 103.
γ) bildlich von menschen:

in wirbelschwung mit Julien verwachsen
Schiller 1, 248 G.;

die paare sind wie miteinander v. Viebig das schlafende heer (1904) 1, 99.
δ) am häufigsten von pflanzen und pflanzentheilen: insofern sie (gewisse pflanzen) ... ineinander v. Breitinger crit. dichtk. 1, 256;

(ranken,) die in einander zu verwachsen trachteten
Rückert 3, 182;

von propfreisern: dieweil er ... mit dem stock, darein er dann geimpfet ist, verwachset Herr feldbau (1551) 70b. als naturwissenschaftlicher fachausdruck: connatus, zusammengewachsen oder v., wenn mehrere theile so innig mit einander vereinigt sind, dasz man sie ohne verletzung nicht trennen ... kann Bischoff wb. d. beschr. botanik 44; Illiger thier- u. pflanzenreich 70; Behlen forst u. jagdkunde 6, 144;

denn mannichfaltig erzeugt sich,
ausgebildet, du siehsts, immer das folgende blatt,
ausgedehnter, gekerbter, getrennter in spitzen und theile,
die verwachsen vorher ruhten im untern organ
Göthe 3, 86 W.;

die einfachen oder doppelten, die freien oder ringförmig verwachsenen zähne der saamenkapsel A. v. Humboldt kosmos 1, 19; auszer sitzend oder gestielt kann das blatt stielumfassend, v. ... sein Ratzeburg standortgewächse 25; die staubfäden ... unten erweitert und v. Schlechtendal-Hallier flora v. Deutschl. 19, 169. — dazu verwachsenbeutelig, mit verwachsenen staubbeuteln Bischoff 204; -blättrig 86; Schlechtendal-Hallier 10, 25; -früchtig, -köpfig Bischof 204; -wurzelig 205.
ε) auch von anorganischem: gemengte (gesteinsarten) mit untereinander verwachsenen theilen Werner gebirgsarten 7; Sodalith: kommt theils in crystallen vor mit glatten, aber unebenen, gekrümmten flächen und zugerundeten kanten, gewöhnlich mehrere mit einander verwachsen Oken allg. naturgesch. 1, 182; tafelförmige, meist zwillingsartig verwachsene ... krystalle Karmarsch-Heeren techn. wb.3 10, 61.
b) übertragen:
α) der mensch verwächst: mit andern menschen: den theuern, mit seinem leben so innig verwachsenen freund Gutzkow zauberer von Rom 9, 271; du bist das einzige gut, was mir ist, was von tage zu tage inniger mit mir verwächst Hebbel I 8, 34 W.; mit einer örtlichkeit: denn ich bin zu sehr mit diesem orte (Carlsbad) v., als dasz ich ihn mir zerstört denken dürfte Göthe IV 35, 118 W.; eine heimath ..., mit der man durch geburt, erinnerung

[Bd. 25, Sp. 2070]


und liebe v. ist Bismarck briefe an braut u. gattin 10; mit der menschlichen gemeinschaft, zu der er gehört. so fest wie sein könig oder Hardenberg war dieser reichsritter doch nicht mit dem staate Friedrichs v. Treitschke deutsche gesch. im 19. jahrh. 1, 331; sie wissen ja, wie sehr ich mit meiner familie v. bin G. Hauptmann einsame menschen (1891) 55; ihm (dem lehrer), der in drei vierteljahren mit der klasse v. war Th. Mann königl. hoheit 457; mit sitten, anschauungen: wenn wir ... mit ihnen (mit gewissen sitten und vorstellungen) so verwachsen sind, dasz wir sie der menschheit wesentlich, von ihr also ganz unabtrennbar glauben Herder 15, 138 S.;

der fromme mit dem steifen gottvertrauen
verwächst und seine klinge mit der scheide
Lenau 323 Barthel.

menschliche gemeinschaften v. miteinander:

dasz sein geschlecht mit meinem in einem stamm verwachse
Bodmer Noah 130;

mit geistigem: (völker,) deren volkstum mit unserer oder der antiken bildung enge v. ist wie die Hebräer Freytag 14, 50.
β) von sächlichem. mit dem menschen verwächst: seine tracht: sie kam so in den salon, als wenn diese neue tracht schon längst mit ihr v. war Gutzkow ritter vom geiste 9, 216; seine sitten: die leeren formen, das weitläufige und schwerfällige wesen verwuchsen umso inniger mit uns, je mehr die nation im ganzen entwöhnt ward, grosze interessen im groszen stile zu verfolgen Häuszer deutsche gesch. 1, 7; geistiges: wir müssen erst etwas blosz glauben und empfinden, dieses verwächst mit uns Lichtenberg verm. schr. 9, 147; sie (seine ideen) waren mit seinem selbst verwachsen Ranke s. w. 31/32, 350; ebenso mit menschlichen gemeinschaften und ihrer wesensart und ihren lebensformen: je tiefer in einem volke die ideen mit seinem ganzen grundwesen v. sind Solger nachgelass. schr. 1, 163; er (der walzer) ist der echt deutsche, mit dem volksleben innigst verwachsene nationaltanz Böhme gesch. d. tanzes 1, 219. verschiedene abstracte gröszen sind v.: als theile eines ganzen: jene oben benannten drei stücke (Schillers jugenddramen) jedoch wollte man nicht anrühren, weil das daran miszfällige sich zu innig mit gehalt und form v. befand Göthe 40, 89 W.; denn auch das recht ist ein stück des öffentlichen lebens, mit allen übrigen theilen desselben vielfach v. Savigny gesch. d. röm. rechts, vorrede 10; als ursprünglich selbständige gröszen, die sich verbinden: wenn die wohlthätige nächstenliebe nicht so tiefe wurzeln in meinem herzen gefasset hätte, dasz sie mit meiner eigenliebe ganz v. wäre Laroche gesch. d. fräul. v. Sternheim 2, 75, oder die sich gegenseitig bedingen: wie völlig das geschick der stadt mit dem der Medici v. sei H. Grimm Michelangelo 1, 85; die unabhängigkeit der stadt (Genf) war ... mit dem positiven protestantischen princip (der Calvinisten) auf das genaueste v. Ranke s. w. 8, 127.
6) in etwas v., vereinzelt in wendungen, die sich zu 4 d stellen: das säuselnde in lauben verwachsene dörfchen Jean Paul 7/10, 480 H.; meist nah verwandt mit dem unter 5 besprochenen gebrauch.
a) mit translocaler bestimmung, in etwas hineinwachsen. körperlich: dasz es (das geweih), zu ewigem gedächtnisz in denselben (den baum) v., noch zu sehen ist Brentano 4, 37; Dengeh (ein gott) soll sich anfänglich frei umherbewegt haben, dann aber als schlange mit seinem geringelten schwanze in die erde v. sein Ratzel völkerkunde 2, 312. freier: da ist ein minster, halb v. in den holen berg in den herten stein sommerteil d. heiligenleben 79a; aber in stiel und griff verwuchs die faust Liliencron zehn novellen 116. übertragen:

kein weinstock hält so fest den ulmenbaum umschlungen,
als meine Kühlweinin, o reben guter jahr!
mit ihrer süszen huld in mich verwachsen war
J. v. Besser schr. 2, 377;

so sind einige (grammatische formen) ... so in den ganzen grammatischen bau v., dasz ihre schilderung

[Bd. 25, Sp. 2071]


gewissermaszen die der ganzen grammatik selbst ist W. v. Humboldt ges. schr. 6, 10; (dinge), die .. in die theuersten interessen unserer bildung v. ... sind Gutzkow ges. w. 7, 276; ich bin mit meinen tiefsten stimmungen in den deutschen boden v. 10, 187; sein humanistischer kosmopolitismus, der so tief in ihn v. war Gervinus gesch. d. d. dichtg. 5, 353; bei seiner letzten lebzeit war Herder ... ganz in den romantischen geschmack v. 5, 559.
b) mit intralocaler bestimmung, in etwas festwachsen. körperlich: dasz du solche pfeil nit lange stecken, noch im fleische lassest v. Schwenckfeld vergeb. d. sünden 81; dichtes wurzelgeflecht, in welchem die wurzeläste benachbarter bäume oft v. Roszmäszler der wald 307. übertragen: unsere geburtsstunde ... als ein ... ding, das ... in derselben (der seele) gleichsam verwächset Butschky Pathmos 14; das unveränderliche bild der tugend oder der geistigen harmonie wird in seiner seele v. Schiller 1, 35 G.; er ist aber in seinen nationalsitten so v. Börne ges. schr. 5, 82; tief eingewurzelt und v. sind diese eigentümlichen sprichwörter im volke Allmers marschenbuch 1/2, 208.
7) seltener sind andere verbindungen; mit an: in einem wassersüchtigen fand sich der herzbeutel ... fest an daz herz v. allg. deutsche bibl., anh. z. 25—36, 503;

verwachs an mein herz, sey eins mit mir!
maler Müller 2, 301.

vereinzelt mit dem dativ:

du meiner kindheit lieber baum
an meines vaterhauses mauer,
emporgegrünt mit meinem traum
und nun verwachsen meiner trauer
R. Kögel ged.4 12.


8) nicht selten ist der substantivierte infinitiv: in dem v. der knochen Göthe II 8, 30 W.; weil ich in meinen knabenjahren eine anlage zum v. zeigte Grillparzer 12, 33 Hesse; durch das v. der wurzelsprossen Lueger lex. d. ges. technik 1, 359. — verwächsen, v. : mit wachs überziehen Calepinus XI ling. 223a; mit verwächstem doppelen, starcken zwirn Aitinger jagd- u. weidbüchl. 46. — verwachsenheit, f. , zu verwachsen III 2: gar so arg müszte es doch nicht sein mit seiner v., weil sie ihn zum soldaten genommen hätten Rosegger wildlinge (1905) 26. zu verwachsen III 5: die dogmatische verwirrung und v. Fichte 2, 493; die v. von gedanken und bild O. Ludwig ges. schr. 5, 531; der grad einer innerlichen verwandtschaft und v. mit dem genius Nietzsche 1, 465.
 
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verwachsung, f.
1) statt überwachsung, praeputium in hs. der 1. d. bibel: dorumb beschneid die verwachsung (M, sonst uberwachsung) ewers hertzen 4, 169 K.; 2, 17 (Sc), dazu ahd. furiuuahst, furigiwahsti gl. 1, 286a; 805b; 2, 30b; 279a; 773a.
2) zu verwachsen III 2: wie die v. (der buckel) da war, wars auch vorbei mit der bauernarbeit H. Schmid alte u. neue gesch. aus Bayern 243. übertragen: in einen fruchtbareren grund, der die volle prangende entwicklung der köstlichen pflanze (der kunst) ohne die verkümmerungen und verwachsungen gestattete, die an der dürre des alten bodens hingen Gervinus Händel u. Shakespeare 374.
3) zu verwachsen III 4 a: v., obductio cicatricis et oblivio Stieler 2404.
4) meist zu verwachsen III 5: concretio Maaler, symphysis, concretio Nemnich lexicon nosolog. polygl. 17d; anatomisch: ausz unnatürlicher verschliessung oder v. des vordern oder innern schlosses des geburtsglids Ruoff hebammenbuch (1580) 154; eine v. der brusteingeweide Krünitz 218, 497; diese verschiedenen verwachsungen der knochen Göthe II 8, 37 W.; v. des dünndarms mit der leber Sömmerring vom baue des menschl. körpers 2, LIX. botanisch: die blattpaare sind am grunde vollkommen verwachsen, so dasz die v. nicht ... einen einschnitt zeigt Schlechtendal-Hallier flora v. Deutschl.

[Bd. 25, Sp. 2072]


12, 209. mineralogisch: die eben erwähnte häufige regelmäszige v. beider (von augit und hornblende) Oken allgem. naturgesch. 1, 266; die ... schön ausgebildeten ... krystalle (fluorit) finden sich ... in regelmäsziger paralleler verwachsung Karmarsch-Heeren techn. wb. 3 3, 606. übertragen: aus der v. metaphysischer abstractionen mit der poesie A. v. Humboldt kosmos 2, 17; in unserer schnöden selbstsucht und v. mit dem schein und trug der welt Zschokke sämtl. ausgew. schr. 26, 196; eine überaus enge v. von sinn und wort, von gehalt und gestalt bei jenen alten (altdeutschen) poesieen J. Fr. Böhmer bei Janssen Böhmers leben 2, 118.
5) vereinzelt zu verwächsen: v., ceratura Reyher thes. u 5a. — zusammensetzungen: verwachsungsstelle, f. Sömmerring v. baue d. menschl. körpers 5, 738; 6, 850; Muspratt chemie 3, 567 Stohm.-Kerl. -vorgang, m. Ratzeburg waldverderbnis 2, 265.
 
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verwachten, v.
1) erwarten, nur auf nd. boden: mnd. vorwachten Schiller-Lübben; Calepinus XI ling. 1142b; mit dem genitiv: des natuerliken dodes mote wij alle sterven unde des syn wij alle verwachtende Veghe 16, 21. später mit dem acc.:

wy wetten, dat Szathan hefft eyn ryck,
dar ynn leven alle gotloszen glyck,
mit ernst ohrem forsten sind underdaen,
vorwachten van ohm eyn tydtlick lohn
B. Waldis verlor. sohn 43 ndr.;

schande unde de helle vorwachtet de spelers Tunnicius sprichw. nr. 857. in nd. mundarten: Strodtmann 262, Woeste 297, Richey 330, Schütze 4, 330, Dähnert 528, Frischbier 2, 443.
2) bewachen: bayr. v. 1616 und 1847 bei Schmeller-Fr. 2, 842; meckl. Mi 103; die hund ... verwachten (präsens) das hausz und vieh Albertinus Lucifers königreich 56 L.; verschlossen sie die thore und verwachteten die stadt Schütz hist. rer. pruss. 1, e 4c; (mit dem dativ?) das die (die herschaft) im verwachten, nachdem alhie nit guet gefenknus sein (1580) öst. weisth. 10, 141;

Hieronimus, Ambrosius,
Gregorius, Augustine,
vorwachtet uns de rine
und dat kamprät!
so geit de möle desto bät
Uhland volksl. nr. 344.

in neuerer zeit nur in archaisierender sprache: wenn man die beichtstühl verwachtet und die priester, so unter der wochen beicht sitzen wollen, beim magistrat verklagt Handel-Mazzetti in deutsche rundschau 151, 344. —

 

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