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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
vervornehmung bis verwachen (Bd. 25, Sp. 2061 bis 2063)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vervornehmung, f.: aus eigenem triebe nach v. seines daseins Gutzkow ges. w. 3, 268. —
 
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vervorschuhen, v. 'mit vorschuhen versehen' Brendicke Berl. wortschatz 189; sie (die heutige philosophie) vervorschuht abgelaufene stiefel Gutzkow ges. w. 8, 472. —
 
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vervorständen,

[Bd. 25, Sp. 2062]


v.: die schichtmeister sollen vereidet und vervorständet werden Span spec. juris metallici 101.
 
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vervortheilen, v. , seit dem 16. jahrh. belegt und gebucht: Schöpper syn. b 4c, Schwartzenbach (1578) 24a, Faber thes. 129a, älter mnd. (Schiller - Lübben 5, 492), im 17. und der 1. hälfte des 18. jahrh. häufig (z. b. Sattler, Hulsius (1618), Schottel sprachkunst 507b, Corvinus, Kramer, Dentzler, Ludwig, Sperander, Gottsched sprachkunst 110), dann seltener (nicht bei Adelung), im 19. durch übervortheilen (s. d.) verdrängt und nur noch ganz vereinzelt in gebrauch. mundartl. schweiz. id. 1. 905; schwäb. Fischer 2, 1398; bayr. Schmeller-Fr. 1, 599; pomm. Dähnert 528b. mit abschwächung des 2. bestandtheils: verforteln Agricola 750 teutsch. sprichw. t 7b; vervorteln Lehmann florileg. polit. (1662) 1, 449; vervorthelt Hohberg georg. cur. (1682) 1, 15. vereinzelt verfurteilen Heyden (s. u. 1 a).
1) die gewöhnliche bedeutung entspricht übervortheilen und bevortheilen (s. th. I, 1761), das daneben im 17. jahrh. aufkommt: einen vortheil über jemand davontragen; v., vom vortheile bringen Klopstock gelehrtenrep. 260; v., ... nur im gemeinen leben üblich ..., für das gebräuchlichere bevortheilen Krünitz 218, 494; bevortheilen, überv., verv. Fr. L. Jahn 1, 35 E. v. ist also gleichbedeutend mit vernachtheilen, benachtheiligen, auch mehrfach damit gepaart (s. o. sp. 905): v., befehden, benachtheilen Schwartzenbach (1578) 24a; v., disavantaggiare Kramer 2, 1069b; v. oder benachtheiligen Ludwig 2184.
a) zuweilen ohne jede schlechte nebenbedeutung: einen vortheil über den feind davontragen: den (Mithridates) hat Gneus Pompeius in einem nächtlichen streit übereylt und verforteilet, sein wagenburg zerissen und der seinen viertzig tausent erschlagen S. Franck chronica zeytbuch (1531) 68b; darumb er (der adler) in der hhe fahren msz, dasz er seine feind von ferne sehe und verfurteile Heyden Plinius (1565) 404;

dann alsobald er (Roland) sieht den könig sich erheben,
macht er sich gar geschwind und schnell auf von der erd,
dasz er durch eyffer nicht von ihm vervortheilt werd
D. v. d. Werder ras. Roland ges. 23, str. 162.


b) meist in dem sinne, dasz demjenigen, der vervortheilt wird, dadurch ein unrecht geschieht: 'verunrechten, beleidigen' Dähnert; warumb lasset ir euch nicht viel lieber unrecht thun? warumb lasset ir euch nicht lieber verforteilen? sondern ir thut unrecht und verforteilet, und solches an den brüdern Luther bibel 7, 47 Bindseil; schweren, das man nicht aus fürsatz, jemands zu verforteilen oder mit unrecht zu beleidigen, einen krieg oder anklage angefangen habe Bas. Faber thes. (1587) 129a; wie er (Ludwig der Deutsche) von seinem vatter (bei der reichstheilung) ... verfortheilet were Stumpf Schweytzerchronik 234b; eine billige, niemand vervortheilende toleranz Herder 11, 204 S.; brächten es ... die Europäer dahin, ... dasz keine unterdrücker und sie selbst nicht mehr unterdrückten, vervortheilten, beraubten 23, 503 S.; der gewissenhafte richter ... muszte ... verderben über den vervortheilten rechtschaffenen aussprechen (weil der bösewicht, der ihn geschädigt hatte, nicht gegen den buchstaben des gesetzes verstiesz) F. H. Jacobi 1, 191.
c) gewöhnlich geschieht das v. durch list oder betrug; Luthers v. wird bei A. Petri durch schedigen, betriegen erklärt; fallere, betriegen, v. Schöpper syn. b 4c; betriegen, v. Hulsius (1618) 2, 118b, Sattler 136, Sperander (1727) 184a, Schwan nouv. dict. 2, 940a; v., ... ubereylen, umbgehen, uberlisten Schwartzenbach (1578) 24a; defraudare Dentzler; decipere Gottsched sprachkunst 110; wenn du ubel von deinem nehsten redest ... oder vervorteilest in auf dem marckt und sonst wo du nur kanst Luther 28, 623 W.;

du wirst verfortheilt und betrogen
H. Sachs 3, 39 K.;

weh uns, tapfre männer,
die ein weib vervortheilt und betrüget
Herder 25, 453 S.;

[Bd. 25, Sp. 2063]


keinem unterdrücker, keinem vervortheilenden betrüger 14, 537 S.; er sei im geringsten nicht gesonnen gewesen, weder lord Chesterfield noch sonst jemand zu vervortheilen, sondern habe innerhalb drei monaten alles erstatten wollen J. G. Forster s. schr. 5, 35. besonders häufig im handel v. Mathesius Sarepta (1571) 221b; den bruder im handel v. nach 1. Thess. 4, 6: und das niemand zu weit greiffe, noch verforteile seinen bruder im handel Luther bibel 7, 150 Bindseil; Moscherosch gesichte 377; Lehmann florileg. polit. (1662) 1, 449: Prätorius anthropodemus 3, 68; Dannhawer catechismusmilch 1, 407; Herder 30, 325 S. durch falsches masz und gewicht v.: alle, die ... mit masz, ehlen, gewicht ubersetzen, v. theatr. diab. (1569) 421b; weilen ... viele leute durch deren miszbrauch vervortheilet werden Leibnitz deutsche schr. 2, 288. um geld v.: wo du ymand umb ein gülden teuschest und verforteylest Luther 30, 1, 167 W.; pecunia aliquem fraudare, einen umbs geld v. Corvinus fons latinitatis 360; hab ... niemand meines wissens um des hellers werth im leben vervortheilt Schiller 2, 18 G. (räuber).
2) anderes ist nur vereinzelt:
a) mit sächl. object: der vorenthaltene, abgebrochene und vervortheilte lohn pflichtsvorhaltung (Schneeberg 1714) 14; schwäb.: 'als vorteil davon tragen, profitieren', der wird nicht viel v. Fischer 2, 1398.
b) vervorteilt, unvorteilhaft: so gedenck, ..., das es weit verfortheilt sey, dasz das abgerunne wasser bleibe, und das es stets laufs fort und ausz dem lande lauffe Guarinonius greuel d. verwüstung 441. —
 
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vervortheiler, m.: ingannatore, fraudatore, trompeur, piqueur Rädlein 951b; trompeur, tricheur Frisch nouv. dict. 602. —
 
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vervortheilig, adv., fraudulenter Aler 2, 2030b. —
 
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vervortheilischadj.: den wucherern und vervortheilischen leuten Letzner dasselische chron. 1, 20a; verflucht sei der vervortheilischer Bahnsen antichristentumb 361; Schottel haubtspr. 358. —
 
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vervortheilung, f.: fraus, deceptio, fallacia, betrug, v. B. Faber thes. (1587) 338a; Schottel haubtspr. 392; Rädlein 951b; Ludwig 2184; Spanutius 238; Frisch nouv. dict. 602; Krünitz 218, 494; Bauer-Collitz (18. jahrh.) 139; darmit er durch listige vorvortheilung möchte sein gelt einbringen Xylander Polybius 314; die ungleichheit, prägravation und v., welche ihnen (den Schweden) bey der gemachten quartiersdistribution ... wiederfahren v. Chemnitz schwed. krieg 1, 453; v. der arbeiter im gewicht der waaren Pestalozzi s. schr. 9, 81. —
 
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vervortheilungssucht, f., Hofacker predigten (1852) 885. —
 
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vervorurtheilen, v.: die kommission hat mich gleich vervorurteilt Fr. L. Jahn briefe 147.
 
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verwachen, v. , spätmhd. Lexer 3, 291, Jelinek; vom 16. jahrh. an oft belegt, seit dem 17. gebucht. schweiz. Seiler Basler ma. 114b; els. Martin-Lienhart 2, 782; schwäb. Fischer 2, 1398; vorarlberg. Frommann 3, 214; öst. zeitschr. f. d. wortf. 9, 62; cöln. Hönig 195; mnd. vorwaken Schiller - Lübben 4, 495; mengl. forwake Stratman-Bradley 245.
1) die älteste, heute nicht mehr gebräuchliche bedeutung ist: durch eigenes wachsein oder durch das stellen einer wache beschützen, behüten, bewachen: guarder, guardar Hulsius-Ravellus (1616) 360a; custodire Kramer 2, 1225, Rädlein, Dentzler, Aler; garder Frisch nouv. dict., Braun; im 16. und 17. jahrh. sehr gewöhnlich, im 18. seltener werdend, im 19. nur gelegentlich in mundartlich oder alterthümlich gefärbter sprache.
a) bewachen: so sollen ime die armen leute do selbst aus L. zwene ausz der gemeinde alle nacht schicken und bestellen, di solich schlos getreulichen behüten und vorwachen, als oft des not geschicht (1468) weisthümer 6, 64;

beschlossen wurden hin und her
die stadtthor, verhütt und verwacht
beyde bey tag und auch bey nacht
H. Sachs 7, 416 K.;

deren keuschheit von ihrer mutter mit luxaugen verwacht wurde Grimmelshausen 4, 628 lit. v.;

[Bd. 25, Sp. 2064]


sie unentdeckt durch die verwachten thore
herauszuführen
Wieland I 1, 349 akad. ausg.;

nachdem die kinder versprochen hatten, das müetti gut zu v., damit es nichts lätzes mache Gotthelf ges. schr. 19, 308; und nun führt er seine knechte nach S., den galgen v. E. v. Handel Mazetti in deutsche rundschau 155, 11. übertragen sein gewissen v. Stieler 2397. österreichisch den auerhahn v., 'fortwährend beobachten und gegen unrechtmäszige nachstellungen hüten' zeitschr. f. d. wortf. 9, 62. als gefangenen bewachen:

in Gaza Samson wird verwacht
Fischart 2, 301 Kurz;

Genovefa, die sitzt in ihrem zimmer jetzt verwacht maler Müller 3, 182.
b) absolut, wache halten, wachsam sein: der hat ... beym grab v. helfen Ayrer hist. proc. juris 533;

ist sie vom adel gut, so thut sie was sie will.
ist leibes schönheit da, so hat man zu verwachen
Opitz poemata 235 ndr.


c) behüten, beschützen, sichern: (das haus) verstüren und v. (1356) Fischer schwäb. wb. 2, 1398; (einen hof) verschossen und vorwachen (Eisenach 14. jahrh. in abschrift a. d. 16.) thür. geschichtsqu. 9, 24. vor etwas v.: seinen weinberg fleiszig vor den dieben, raubvögeln und wilden thieren behüten und v. lassen Hohberg georg. cur. aucta 3, 269b; die heiligste stätte ist nicht genug für diesen thoren verwachet, und die Paulskirche ist nicht sichrer für ihnen als der Paulskirchhof Bodmer crit. poet. schr. 1, 80; freier:

dasz die köchin glut anzünd
und das morgensüpplein mache,
dasz den herrn, die frau, das kind
denn vor böser luft verwache
Scherfer ged. (1652) 539.

mit jemandem v.: und darnach stecken sie (die pfaffen) es (das crucifix) ins grab, verwachens mit etlichen andächtigen mütterlein Fischart binenkorb (1588) 164a; dasz das gemach mit etlichen von der leibwacht des fürsten verwahret und verwachet ware Widmann Fausts leben 253 K.; darumb hatte feldmarschalck K. ... die ... passagen und furten ... mit der reuterey verwachet v. Chemnitz schwed. krieg 2, 51. freier:

hier Trojaner, und hier tapferer Griechen reihn,
stark mit thürmen verwacht
Herder 27, 26 S.

reflexiv, sich in acht nehmen, sich hüten: wo ir euch nit verwachen Regkmann lüb. chron. (1619) 132.
d) beobachten: (der landsknecht) wird also innen, das der pfaff dem würth an seiner tochter hienge; welchen er oft verwachet, aber er kundt im nye werden Schumann nachtbüchl. 235 B.;

als ein könig aufgesessen,
mit meiner heereskraft,
wol von dem feind vermessen
hab ich die schlacht verwacht lieder a. d. winterkönig 73 Wolkan.


2) in älterer zeit, vereinzelt noch im 18. jahrh., wach sein, wachen; fast ausschlieszlich der substantivierte infinitiv: bald z nacht wurt dich din v. zher triben (mox noctu te adiget horsum insomnia) Terenz (1499) 42b; schadet sie nicht durch überflusz und unordnung, durch spätes v. und unzeitige ruhe der gesundheit ihres verwöhnten körpers der freimüthige (1751) 21. sonst nur vereinzelt:

der morgen kommt, ist mittag, ist nacht,
und stets noch immer in sorge verwacht,
gehofft nun wieder auf morgenfrist,
bis er am morgen gestorben ist
Herder 25, 363 S.


3) erwachen; reflexiv: wenn sich solche leute v. und aus dem schlaf kommen Herberger trawrlieder 2, 316. mundartlich intransitiv: basl. Seiler 114b; els. Martin-Lienhart; schwäb. Fischer; vorarlb.:

druf sêt sie lîs: 'i gô gnôt z' wald,
mi kind, derwîl verwach mer nit
Frommann 3, 214;

[Bd. 25, Sp. 2065]



und s würmli usem ey verwachts,
s het geschlofen in sim winterhus
Hebel 2, 232 B.


4) erhalten geblieben ist die bedeutung durch wachen verbrauchen, hinbringen, erschöpfen: durch wachen verzehren Voigtel 3, 544a; daneben vereinzelt durch wachen versäumen:

bald haben wirs (das glück) verwacht, bald haben wirs verträumt
Rückert 8, 351.


a) seit dem 17. jahrh. sich v., sich durch wachen erschöpfen, überanstrengen: mit wachen sich kränken, sich ausmärgeln Rädlein; warüm ihr euch verwachet, mit sorgen quälet und aus dem geschirr schlaget Butschky rosenthal 478;

dasz ich nicht ruhn mag finden,
dasz alles sich an mir verwacht,
auch die gebeine schwinden
Opitz opera (1690) 3, 157;

(der mittagsschlaf) kan aber denen, die sich verwachet oder alt und schwach ... sein, dennoch zugelassen werden medic. paszconsilium (1680) 13;

ich hab mich krank und bleich
bei ihm verweint, verwacht
Brentano 1, 415.


b) lebendiger ist das part. prät. verwacht, durch wachen erschöpft, übermüdet; mengl. forwaked exhausted with watching Stratmann-Bradley;

sehet, wie die saat sich bücket,
die verwachte rose nicket
und tut wie ihr auge zu
P. Fleming deutsche ged. 1, 299 L.;

das buch aus ihrer hand, der leib aufs lager sanck,
weil der verwachte fleisz vom schlaf gefesselt worden
Pyra u.
Lange freundsch. lieder 84 lit.-denkm.

nun gute nacht,
nun guten tag,
ich bin verwacht,
nichts mehr vermag
Arnim 7, 209 Grimm.

übernächtig: T. sagte heute, meine augen seyen so v. Brentano Godwi 1, 239; du wärst nicht v. und verweint Fontane I 4, 440; ein frauenzimmer, ... mit blassem verwachtem antlitz Storm 6, 60.
c) wachend verbringen: verwachte nächte Krünitz 218, 495;

Anna, die schrecklichste nacht hab ich in qualen verwachet
Bürger 1, 244 Bohtz;

wie hab ich doch so manche sommernacht,
du düstrer saal, in deinem raum verwacht!
Droste-Hülshoff 1, 201 Sch.;

welcher, keine schlaflust verspürend, in angenehmer träumerei noch ein stündchen allein verwachte G. Keller 5, 267. prägnanter: als wächter verleben: wenn du wie ich dein leben verwacht hättest auf der Kronenburg Arnim 2, 73 Gr.dazu verwacher, m. Treuer Dädalus 1, 258. —

 

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