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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verunglücken bis verunraten (Bd. 25, Sp. 2031 bis 2035)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verunglücken, v. , seit dem 17. jahrh. belegt und gebucht (Schöpper d 8c, Schottel 648), älter im nd.: Schiller-Lübben 5, 480. mundartlich selten gebucht: schweiz. s. u.; schwäb. Fischer 2, 1395; cronenberg. Leihener 35a; samländ. E. L. Fischer 158.
A. vereinzelt transitiv:
1) unglücklich machen: so aber werde ich durch seinen verlust nicht nur verunglückt, sondern durch seine untreue, als eine seiner nicht würdige liebhaberin beschimpfet Lohenstein Arminius 2, 140a.
2) mundartlich 'durch miszgeschick verlieren' schweiz. id. 2, 622.
B. gewöhnlich intransitiv:
1) einen unglücksfall erleiden: ich verunglückte bald darauf auf der hirschspur Zendorius à Zendoriis teutsche winternächte 529; sie wäre nicht durch ihrer feindin tapferkeit, sondern durch einen blossen fehltritt des pferdes verunglückt Lohenstein Arminius 1, 199b; er verunglückte, zwey meilen von hier mit seinem wagen Lessing 2, 195 M.; wenn die Königsberger post einmal verunglückte Fr. Schlegel Athenäum 1, 2, 26. häufig das part. prät.: die durch dergleichen wasserschaden verunglückten personen Schwabe belustigungen

[Bd. 25, Sp. 2032]


3, 214; er bringe ihm einen auf der see verunglückten lutherischen prediger aus Deutschland Nicolai Nothanker 3, 7; sie ist, wo immer ein feuer ausbricht, sogleich bei der hand, wo sie dann die armen verunglückten mit ansehnlichen summen unterstützt Eichendorf 2, 107; in die heide hinauszuziehen und nach verunglückten zu spähen Steub drei sommer in Tirol 2, 22. übertragen: bei den verunglückten weibspersonen deutsche schaubühne 4, 288.
2) 'durch unglück oder unfall vergehen oder verderben' Schottel haubtsprache 648.
a) von personen: die prinzessin Parthenia in Scythien verunglücket, da sie ihr viertes jahr erreichet A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 95; man vermuthete, dasz es (das kind) bei seinem klettern zwischen den felsen verunglückt sei Göthe 23, 274 W. das part. prät.: des verunglückten literati besonderen briefwechsel Schnabel insel Felsenburg, vorrede 7 lit. denkm.; in der Schweiz werden steine über den gräbern verunglückter aufgethürmt Peschel völkerkunde 25.
b) häufig von schiffen und andern verkehrsmitteln: die flachen sand- oder felsenbänke, daran schiffe verunglücken können Gottsched beobachtungen 250; die trümmer verunglückter schiffe Haller Alfred 237; diligencen mit pferden und menschen verunglückten Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 221. freier: gepäck verunglückte beim gefährlichen übersetzen über die reiszenden ströme Ritter erdkunde 1, 374.
c) andere beziehungen auf sächliches sind seltener: und würde es mich sehr niederschlagen, wenn ich eine frau hätte, der ein nagel während der ehe verunglücken sollte Hippel über die ehe 133; die torte ist verunglückt (auf die erde gefallen und dadurch verdorben) Iffland theatr. w. 2, 123; unglücklicher weise aber war dieselbe (eine lebensbeschreibung) schon 1598 bei einem brande zum gröszten theile verunglückt v. Ranke s. w. 39, 46. — dazu verunglückung Schottel 393; des Drusus verunglückung A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 621; verunglückungen deutscher seeschiffe hwb. d. staatswiss.2 6, 1016. — verunglückungsfall Campe, -statistik hwb. d. staatswiss.2 6, 1029.
3) ins unglück gerathen: mein vater war kaufmann — er verunglückte Meisl theatr. quodlibet 2, 140. gewöhnlich das part. prät.: die verunglückten häupter der welt Lohenstein Arminius 2, 1110b; eine verunglückte (verarmte und verschuldete) familie Laroche gesch. d. fräul. v. Sternheim 1, 280; wie die vorsehung den verunglückten und leidenden nachhilft Herder 15, 303 S.
4) keinen erfolg haben, scheitern: male succedere Schöpper.
a) von personen:
α) mit bezug auf die gesammte existenz, den lebensberuf: eine art von verunglücktem genie Kleist 5, 261 E. Schm.; wir sehen nicht selten männer, die in andern ständen verunglücken, sich hinterdrein dem lehrgeschäft als einer ihnen noch gebliebenen zuflucht widmen Jac. Grimm kl. schr. 1, 228; einen herabgekommenen, verunglückten studenten Steffens was ich erlebte 3, 168.
β) mit bezug auf bestimmte handlungen, versuche, unternehmungen: eine art der gedichte ..., in welcher alle seine vorgänger, einen einzigen ausgenommen, ... verunglücket sind das neueste a. d. anmuth. gelehrsamkeit 3, 770; wie gern er immer ein wenig gelehrsamkeit zeigen will, und wie sehr er meistentheils damit verunglückt! Lessing 10, 15 M., dasz wir, die wir so grosze dinge unternehmen, auch in den kleinsten verunglücken W. v. Humboldt 1, 25.
b) von sächlichem: weil die neugebohrne liebe nun entweder aus einer kindischen schamhaftigkeit oder aus einer beysorge zu verunglücken sich so sehr in ihre gedancken als die eule in die finsternüss verstecket Lohenstein Arminius 2, 13b;

auch frölich dann, wann seine saat
verunglückt
J. A. Cramer sämmtl. ged. 3, 301;

[Bd. 25, Sp. 2033]


unter dem Maximilian war es (das reichsregiment) zwar schon einmal verunglückt und bald nach seiner errichtung wieder eingegangen M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 5, 40; zwei verunglückte schwangerschaften H. v. Kahlenberg die familie Barchwitz 17. am häufigsten von versuchen, unternehmungen, absichten: dasz auch das nützlichste, unter ähnlichen umständen unternommene werk verunglücken sollte und müszte Lessing 10, 218 M.; dasz die gröszten unternehmungen um solcher ursachen willen verunglücken Kästner verm. schr. 1, 4; seine absicht ist ihm auch nicht verunglückt Bode Montaigne 6, 321; so verunglückte meiner schwiegertochter ein versuch, durch reiten ihre gesundheit zu verbessern Göthe IV 41, 34 W.; die jämmerliche kreuzfahrt gegen die junge litteratur ist zwar in sich selber verunglückt, zersprengt und zerfallen Pückler briefwechsel u. tagebücher 3, 330. das part. prät.: so viel halbe, so viel verunglückte unternehmungen! Göthe 8, 80 W.; diesen verunglückten versuch neuer bekanntschaft 33, 284; einen verunglückten angriff auf England Schiller 8, 98 G.; die verunglückte expedition der englischen entdeckungsreise zum Zaireflusz Ritter erdkunde 1, 256; den verunglückten aufstand Herman Grimm Michelangelo 1, 172.
5) mit bezug auf das ergebnis von arbeit, unternehmung, versuch: schlecht ausfallen, schlecht gerathen: denn die verfasser ... schrieben doch wenigstens nicht fürs publicum, und so ist schon zehn gegen eins zu wetten, dasz sie weit weniger verunglücken müssen als unsre neuere zierliche versuche Frankf. gel. anzeigen (1772) 518 lit. - denkm.; beefsteaks zu rösten, ... die er sich am besten in Europa zu machen einbildet, ob sie ihm gleich die meisten male verunglücken Tieck 4, 259; bis jetzt verunglücken doch alle briefstellerbücher Fr. L. Jahn 1, 130 E. am gebräuchlichsten ist das part. prät., besonders in beziehung auf geistige, insonderheit literarische und künstlerische, aber auch auf wissenschaftliche erzeugnisse: schade, dasz die meisten (von Junkers Christusköpfen) sehr verunglückt sind Lavater physiogn. fragm. 4, 437; dasz die deutsche geschichte sich gar nicht halbgriechisch oder halbfranzösisch behandeln lasse — ein thema, das ich an anderm orte mit verunglückten beispielen beweisen werde Herder 3, 471 S.; sogar einige (heldengedichte), aber sehr verunglückte, in achtfüszigen trochäen Eschenburg entwurf einer theorie u. lit. d. schön. wissensch. 127; der verunglückte ontologische beweis Kant 3, 404 ak. ausg.; Zriny ist eine verunglückte kopie des Wallenstein Hebbel 9, 51 W.
 
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verunglückseligen, v. , heute nicht mehr gebräuchlich.
a) zu grunde richten: mein vorhaben ware noch länger in Venedig zu bleiben, imfall nicht einige pferd durch mich wären verunglückseliget worden Stranitzky reysbeschr. 32 Wiener ndr.
b) unglückselig machen: ich ... bate denselben (den capitän) inständig, mir doch diese hohe freundschaft zu erweisen (mich von Venedig nach Candia mitzunehmen), und mich bei dieser guten gelegenheit doch nicht so verunglückseligen Troilo orient. reisebeschr. 4. — verunglückseligung: nim also diese meine selbsteigene verunglückseligung (das bekenntnis dessen, was mit mir geschehn ist) für ein unverfälschtes zeugnisz auf, dasz ich lieber gehasst und verstossen sein wil, als meine liebe mit einiger unreinigkeit besudeln Lohenstein Arminius 1, 487a. — verunglückung, f. , s. verunglücken B 2 c. — verungnaden, v. , seltenes wort, fehlt den wb. bis auf Campe, vgl. mhd. verungenædigen Lexer 3, 281 (1406), mnd. vorungnaden Schiller-Lübben 5, 480.
a) mit dem dativ, einem ungnädig sein: e. f. g. wolt mir nit vorungnaden, das ich abirmals widerum schreib Luther in akten u. briefe z. kirchenpolitik Georgs v. Sachsen 1, 85; 2, 215.
b) in neuerer zeit vereinzelt transitiv: als ob sie geradezu vom könige verungnadet seyen W. H. Riehi

[Bd. 25, Sp. 2034]


gesch. a. alter zeit 2, 311. — dazu verungnadung Campe, verungnadigung: kunde von seiner v. Zschokke sämtl. ausg. schr. 24, 171. — verungnügen, v. in miszvergnügen versetzen: sintemal ... ihre (der fürsten) zu wasser werdenden anschläge sie mehr verungnügen als hundert beleidigungen Lohenstein Arminius 2, 708b. — verungültigen, v. , verungültigung, f. Campe.verungünsten, v. , in miszgunst bringen, veraltet: ich sey gegen eynem loblichen bund ... durch meyne myssgunder verungunstet, eingepildet und dargeben Götz v. Berlichingen bei Fischer 2, 1395. — verungünstigen, v. , vereinzelt im gegensatz zu begünstigen: Ägypten, welches wenigstens zum theil von der natur sehr verungünstigt ist Fr. Schlegel 6, 183. — verungütigen, v. , rapere in malam partem, ubel uff nemen, zum argen wenden, v. Schöpper synonyma e 4b, vgl. mundartlich verungüten schweiz. id. 2, 255, oberlaus. verunguten Anton 5, 13.
verunheiligen, v., seit dem 16. jahrh. belegt ( Luther), seit dem 17. gebucht (Stieler 887); 'im gemeinen leben für das edlere entheiligen' Adelung, ebenso Voigtel.
vereinzelt von personen, unheilig, gottlos machen: das sie nicht verunheiligt noch beschmeisset und verfurt werden in einigen irthum Luther 28, 146 W. meist von religiösen werthen: profanare, sacra violare, polluere Stieler; so musz auch war sein, wer gottis namen nit heiliget, das der yn vorunheilige Luther 2, 93 W.; ähnlich 2, 87; 7, 221; 10, 2, 397;

zum drittn klag ich: der gotlosz hat
auch verunheiligt den sabath
H. Sachs 11, 431 K.,

die, so die göttin verunheiliget hätten Heilmann gesch. d. pelop. krieges 142. von weltlichem: das die geschenke des glücks die gaben der weisheit v. allg. deutsche bibl. 69, 240. — dazu verunheiligung: ein v. des feiertags Lercheimer christl. bedencken u. erinnerung 138; alle v. und lästerung deines theuren namens Schupp schr. (1663) 1, 432; v. geweihter orte Welcker alte denkmäler 1, 323.
verunholden, v., vereinzelte bildung Fr. L. Jahns: alle werlt zu verzerrbilden, zu verfratzen und zu v. 2, 559. — verunhulden, v. , nur in älterer zeit:

zwar niemand fürzuwenden hat,
zu entschüldigen sein missethat,
damit den teuffel zu beschulden,
oder das glück zu verunhulden
Waldis Esopus 1, 255 Kurz.


verunken, v., vereinzelt reflexiv, wohl: sich das unken (vgl. th. XI, 3, 1084) zur gewohnheit werden lassen: die hochschuljahre bleiben des angehenden mannes wanderjahre. da soll er sich weder einpferchen noch v. Fr. L. Jahn 2, 1009 E.verunkeuschen, v. , unkeusch machen; reflexiv: du hast vil unkúschekeit getriben und dich verunkúschet Tauler predigten 287 Vetter. transitiv: wo in (den menschen) der gebreste rre in allen sinen sinnen und sinnelichen dingen, domitte er verunkúschet wurt 13; das mensch kan auch den keuschesten verunkeuschen Stieler 956. in neuerer zeit nicht mehr üblich.verunkosten, verunkösten, v., transitiv: aufwenden, ausgeben: das wollen wir auch nicht umsonst verunköstet haben Mörike 3, 390 Maync. reflexiv: sich in unkosten stürzen, aufwand treiben: die meisten, sonderlich der gemeine mann, verunkostet sich nicht hoch A. Olearius persian. reisebeschr. 103a. — ebenso verunköstigen Fischer schwäb. wb. 2, 1395, mnd. vorunkostigen Schiller - Lübben 5, 480; und zwingen sie, das sie sich verunköstigen Wicelius wider den unchristl. wucher E 7a. — verunkrauten, v. , schwäb. Fischer 2, 1395; der tatarische buchweizen ... verunkrautet ... die äcker Schlechtendal - Hallier flora v. Deutschl. 9, 119; auf verunkrautetem boden Schwerz prakt. ackerbau 142. — dazu verunkrautung 136. — verunlautern, v. , veraltet: incestari Diefenbach; alles das den grunt verunlútert hat in deheiner besitzunge Tauler pred. 332 Vetter.verunleumden, v. , veraltet, gleichbedeutend mit verleumden, mhd.

[Bd. 25, Sp. 2035]


Lexer 3, 281: ob er (der pfarrer) nit geleert gnug wär ... oder bennig wär oder in offen sünden verunlaymdet Geiler v. Keisersberg granatapfel C 3a; und wenn du in dem mund aller menschen verunleimbt wurdest himml. offenbarung d. heil. wittiben Birgitten 4, 4. — verunlustigen, v. , in unlust versetzen, zuweilen im 17. jahrh.: damit ich aber auch meinen fräund mit solcher weitläuftigen erzählung nicht färner verunlustige Zesen adriat. Rosemund 63 ndr.; wann er mit nichts als groszsprecherey, prahlen ... die benachbarten verunlustiget Hohberg georg. cur. 1, 142. — verunmenschlichen, v.; nur das part. prät. vereinzelt belegt: o die verstimmte, verunmenschlichte menschheit! Lavater phys. fragm. 3, 121. — in älterer zeit verunmenschen abominari, detestari Jelinek 853, mnd. vorunminschen Schiller-Lübben 5, 480. — verunmöglichen, v. , junge bildung: die verwirklichung dieses projektes zu verunmöglichen Berner bund, 7. aug. 1904; frachttarife ..., welche den warenverkehr verunmöglichen schles. zeit., 2. juli 1910. — verunmüszigen, v. , in anspruch nehmen: dann die herrschaft und ritterschaft wöllen die bürger darzu nicht verunmssigen Sturba beheimische landordnung 375. entsprechend verunmüszigung Olmützer gerichtsordnung 13; veraltet.verunnamen, v. , mit übernamen, spottnamen belegen: Haltaus 1908; Reyher thes. u 5 ra; Stieler stammb. 1326; Campe; schwäb. Fischer 2, 1395; thür. Hertel 171. vgl. verāname schweiz. id. 4, 723. — verunnaturen, v. , vereinzelt: der, um die newtonische darstellung zu retten, dieselbe epitomisirt und mit der wunderlichsten intrigue, indem er das geschäft zu vereinfachen glaubte, noch mehr verunnaturt hat Göthe II 2, 267 W.verunnüchtern, v. , refl.: 'ein gelinderer (studentischer?) ausdruck für sich berauschen' Schütz Siegerländer sprachidiom 2, 24. — verunnützen, v. , 'nutzlos machen, zu grunde richten' schweiz. id. 4, 892;

das mir die unflät nüt umbkarten
oder sunst anders verunnutzt schweiz. schausp. d. 16. jahrh. 1, 221 Bächtold.

'vergeuden, verthun' oberhess. Crecelius 879; Schöner Eschenrod 92. — verunordnen, v. , vereinzelt: ein verunordneter zustand der seele Herder 8, 106 S.verunraten, v. , nur in älterer zeit und mundartlich. zu unrat 1 c (s. o. XI, 3, sp. 1232); transitiv: conspurcare Frisius, conspurcare, disperdere, inquinare, foedare, devenustare, maculare Maaler; intrans. 'ganz unrat, unratvoll werden' schweiz. id. 6, 1581. zu unrat 2, mnd. vorunraden, verwahrlosen, vernachlässigen; unnütz ausgeben, nicht zu rate halten Schiller-Lübben 5, 480.

 

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