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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
vertrausam bis vertrechen (Bd. 25, Sp. 1966 bis 1968)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vertrausam, adj., parallelbildung zu vertraulich in alterthümelnder färbung: das verwetterte gesicht des alten rheders wollte ihm gar nicht vertrausam erscheinen Wichert Heinrich von Plauen 2, 400; mir schien allerdings auch wenig vertrausam, was er noch nebenbei schwätzte Fedor Sommer zwei novellen (1908) 50.
 
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vertraut,adj., vertraute,m. f., s. vertrauen III (sp. 1952) und vertrautsein (sp. 1967).
 
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vertrauten, vertreuten, verb., ältere nebenformen zu vertrauen (s. d.): subarrare (i. e. despondere), vertrauten, vertreuen Diefenbach gloss. 559a;

dancken götlicher gnaden krafft
samb den frommen alten ehleuten,
den got sein gnadt erst thut vertreuten
Sachs 11, 173, 5 Keller-Götze.

dazu vertreutung 'subarratio' voc. 1482 k k 1a.
 
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vertrautenrolle, -stelle, -stellung, f., 'rolle eines vertrauten (sp. 1954), eingeweihten, mitwissers': wollen sie mich noch in die feinheiten der vertrautenrolle einweihen? Gaudy 8, 113; Victorine, die sich in ihrer erwartung einer einträglichen vertrautenstelle noch nicht befriedigt sah Holtei erz. schriften 19, 21; dasz solche vertrautenstellung dem hörer sehr willkommen sein müszte Freytag werke 14, 192.
 
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vertrautheit, f. , abstractbildung der classischen periode mit dem part. vertraut, ähnlich wie vertrautschaft (s. d.) und vertrautsein (s. d.), von denen jenes gar nicht durchgedrungen ist, dieses unbeholfener wirkt. vertrautheit hat sich im 19. jh. völlig durchgesetzt; es wird auch für vertraulichkeit (sp. 1963f.) gebraucht.
1) 'innige bekanntschaft mit etwas, kenntnis einer sache': da ich bei ihnen diese vertrautheit mit dem dichter und mit seinem styl .. bemerkt habe Solger nachgel. schriften 1, 344; bei der auszerordentlichen vertrautheit dieser männer mit deutscher mythologie Hebbel 12, 27; die enge kleine welt .. schenkt ihm, was keine bildung ersetzen kann, vertrautheit mit der natur Treitschke aufsätze 1, 443; durch unübertreffbare vertrautheit mit allen kriegskünsten F. L. Jahn werke 1, 384. auch mit einer person: die vertrautheit mit dem gegner und die nachgiebigkeit gegen seine sitte Gervinus geschichte d. d. dichtung 5, 343.
2) 'inniges verhältnis zweier personen, vertraulichkeit': (offiziere) die sich im vertrauten verkehr mit mir zu gefallen schienen, und dieser vertrautheit durch 'froh geschlossene brüderschaft' .. die weihe gaben Holtei vierzig jahre 1, 360. besonders vom verhältnis der geschlechter: (er) sah die .. vertrautheit der jungen leutchen Keller 8, 345. 'ausdruck von vertraulichkeit':

die königin auf das getöse öfnet
das zimmer, wirft sich zwischen uns und sieht
mit einem blick despotischer vertrautheit
den prinzen an
Schiller 51, 134 (Karlos 1958);

wie der bursche mit einer gewissen vertrautheit sprach, dabei ganz eigenthümliche augen machte Meyr aus dem Ries 2, 16.
übertragen, 'nahe beziehung': alle künste ... würden wieder in eine innige vertrautheit mit den gemüthern treten Gutzkow werke 8, 438.
'traulichkeit': Göthes gedicht ... zeugt laut für die epische kraft der ... fabel, hat aber ihre natürliche, einfache vertrautheit oft daran gegeben J. Grimm vorrede zum Reinhart Fuchs clxxx.
 
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vertrautin, f., seltenere nebenform für die vertraute (vgl. vertrauen III 3 sp. 1954): Galba konnte deshalben mit seinen beiden vertrautinen nicht ferner allein reden A. U. v. Braunschweig Octavia 3, 719; als der herzog .. und ein paar vertrautinnen .. mir im garten saszen Göthe IV 3, 153 Weim.; dasz du dich selbst zur vertrautin ihrer pläne machst Hebbel briefe 7, 367;

o aller nächte reizendste! reizender,
als aller tage schönster! verschwiegene
vertrautinn meiner flammen!
Götz ged. 2, 129.

[Bd. 25, Sp. 1967]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vertrautschaft, f., von Lessing anscheinend scherzhaft statt vertraulichkeit, vertrautheit gebildet: wäre ich nicht ... bey einem haare zum vertrauten darüber geworden? hohl der geyer die vertrautschaft! 10, 72; das vorgeben ihrer vertrautschaft mit dem himmel ungenannte quelle bei Campe.
 
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vertrautsein, n., junge bildung für vertrautheit (s. d.): das kommt vom vertrautsein mit allen vier elementen Immermann 5, 205; der infolge seines vertrautseins mit dem kirchenliede dem blosz weichlichen .. abhold war Fontane 6, 216.
 
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vertrauung, f. (vereinzelt n., Harsdörffer s. unten), veraltete abstractbildung zu vertrauen, ersetzt theils durch das subst. vertrauen, theils durch anvertrauung, trauung (s. d.). mhd. vertrûwunge mhd. wb. 3, 111a; Lexer 3, 277; vertruunge, vertruung voc. inc. teut. ii 5b, 6a; vertrewung, vertreutung voc. 1482 kk 1a; vertrauwung Frisius 291ab, 561a; Maaler 435b; sonst vertrauung Diefenbach gloss. 234a; Calepinus 562a; Stieler 342; Schöpper syn. b 1c; Kramer 2, 1116c; Kirsch 2, 315b; fehlt bei Adelung und Campe. mnd. vortruwinge Schiller - Lübben 5, 478a. vgl. altengl. fortrûwung, praecipitatio Bosworth-Toller 325a.
1) wie vertrauen IV 1 (sp. 1955) 'zuversicht, hoffnung': confidentia, confisio, fiducia voc. inc. teut.; Diefenbach; vertrauwung, vertröstung, sicherheit, zversicht, hoffnung, dapfferkeit Frisius; Maaler; Calepinus; Schöpper; Kirsch; spes optima de alicuius fidelitate Stieler. vereinzelt mit üblem nebensinn: confidentia, vertrauung, fräfelheit, falsche sicherheit, verwegenheit zu dem bösen Calepinus 303a.
sollen ir got bitten mit vertruwung, das er das selbig allen menschen .. offne und kundbar mache Hätzer acta oder geschicht (1523) a 3b; du must in gott eins ehrlichen, redlichen, starcken, warhafftigen glaubens sein, .. in aller liebe und vertrauung Paracelsus opera 1, 227 b; möchte ich desselben ehewerbung glauben und einiges vertrauung beymäszen Harsdörffer secretarius 1, a aa via. mit subj. genitiv:

dieweil sie (die stadt Basel) sein (des Rheins) gstad hat vil gfromt
beydes mit dapffrer leüt vertrauung,
und seynes talgeländs erbauung
Fischart glückhaft schiff v. 475.

eine objective bestimmung wird durch genitiv oder präpos. gegeben: wann die lieben hailgen drey künig .. auff die vertrauwung gottes .. gen Betlehem zohen Luther 7, 240, 8 Weim.; und tht gleich wol disse rechtschaffene werck ohn alle vortrauung irgent einer gerechtikeit 103, 367, 9; ich lasz faren die zuviel vertrauung auff reichthumb Amadis 137 Keller.
nach dem 17. jh. nur noch bei Jean Paul nachweisbar: andere gründe ... schütz' ich nicht einmal vor, weil diese sich auf persönliche vertrauungen gründen flegeljahre 4, 79.
2) statt des späteren anvertrauung (vgl. vertrauen II 3 sp. 1949) im 17.—18. jh. gebraucht: vertrauung, anvertrauung, confidenza Kramer; die vertrauung leibs und der kostlichen unsterblichen seel. wem? theils gott dem herrn Guarinonius greuel 1307; solche winkelpredigten und vertrauungen des gottes-geheimnisses in eines jeden sein eigen ohr Zinzendorf Bethel-reden 117; ew. königl. may. sage zuförderst für die höchste gnade in vertrauung des mir zugedachten commando meinen allerunterthänigsten dank Lessing 18, 402 (briefe).
3) statt trauung (vgl. vertrauen II 5 sp. 1951): desponsatio, subarratio voc. inc. teut.; voc. 1482; ältere quellen bei Schiller-Lübben, Lexer, Fischer. ein sunderlich vertrûwunge der sêle mit gote d. mystiker 1, 150, 30 Pfeiffer; solte man hie auch widderumb neu verlöbnis, neu vertrauung und neue hochtzeit anrichten Luther 26, 160 Weim.; ordnunge, wie die vertraüung und einsegung der eheleute geschehen sol kursächs. agende (1549) 44 Friedberg; braunschweig. kirchenordnung (1569) 98; weil Johannes vor der ehelichen vertrauung verstarb Micraelius Pommerland 7, 450; an eheliche vertrauung nicht

[Bd. 25, Sp. 1968]


zu denken gewest Harsdörffer gesprechspiele 2, 128; die bräute vor der vertrauung zu crönen, ist zu allen zeiten eine fast allgemeine gewohnheit der völker gewesen Besser schriften 2, 565; morgengab' erhielt nur die jungfrau; die wittwe, in eine andere ehe tretend, vertrauung Zschokke 31, 210. —
4) in der zusammensetzung vertrauungsehre (zu 1 veraltet): daher gehört auch die vertrauungs-ehr: wol allen die auff ihn trauen Dannhawer catechismusmilch 5, 586. —
 
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vertrauungsvoll, adj. und adv., seltenere nebenform für vertrauensvoll (sp. 1958): durch meine gänzliche, vertrauungsvolle ergebung in den willen gottes Mozart an den vater bei O. Jahn 2, 543; die sehnsucht nach dem vertrauungsvollen ausschütten meines herzens Gaudy 10, 104;

ich folge — soll ich dort die ruhe finden? —
vertrauungsvoll dem stillen engel nach!
Mereau ged. 1, 129;

der ackersmann streut auch die goldnen samen
vertrauungsvoll zur herbstzeit in die erde
Rückert werke 2, 83;

man trat sich gegenseitig vertrauungsvoll entgegen Fontane 1, 52.
 
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vertrechen , obd. verb., zu trechen 'ziehen'. mhd. vertrëchen 'überziehen, verbergen' Lexer 3, 274; schweiz. Frisius (s. unten); Maaler 434c; schwäb. Fischer 2, 1386. wenn nd. lexicographen das wort aufweisen, so ist es ihnen augenscheinlich nicht geläufig, sondern dient zur verständigung mit oberdeutschen: Junius nomenclator 271a (nach Frisius 548b); occultum, verborgen, verhüllet, vertrochen Schöpper synon. c 4d. das wort erlischt in der schriftsprache des 16. jhs.
1) 'zudecken, verscharren': das zdecken, verträchen, oder bewarung der boümen, weynräben (mit erde), accumulatio Frisius 20b; (das strauszenei) ist undern sand verborgen und vertrochen, so kumpt die sonn .. und brütetz ausz Keisersberg emeis 13d; die kinder von Israel trugen ainen stab, so sy ihr notturft thäten, das sy es damit vertrüchen schiff der penitentz 29; dasz der von Wartenberg zu Arbon starb, an. 1273; ward daselbst in S. Gallen capell vertrochen ('begraben') Stumpf Schwytzerchron. 369a. lebendig im schwäb.: 'etwas verräumen, dasz man es nicht mehr findet' Fischer.
2) vom feuer, 'mit asche verdecken, ersticken': favilla, aschen, darinn das fheür vertrochen ist, erlöschner gneist, glunsen Frisius 548b; Maaler 187a; Junius (s. oben); dises fheür was in des künigs hertz wol vertrochen, aber nit gar erlöschen Stumpff Heinrichs IV. historie (1556) 3b;

lescht hertzen, und vertricht das feur,
das kompt dir an dem schlaff zu steur
Scheit Grobianus v. 2375.

noch schwäb. 'im backofen die gluth auseinander thun' Fischer.
3) übertragen, 'neigungen, laster, übelstände bemänteln': sein schand verträchen, sein eer widerumb bringen und erretten, extinguere suam infamiam Frisius 523b;

der sols z miner jugat (jugend) rächen,
mit miner kindtheit das verträchen schweiz. schausp. 3, 147, 96 Bächtold;

manchem hilff ich ein sach vertrechen,
der mir vor hat die händ geschmiert
Wickram 5, 89, 628;

altiu missewende wart vertrochen
Konrad v. Würzburg lieder 1, 105.

part. prät. 'verborgen, versteckt': die neigung, so in uns vertrochen ligt Keisersberg irrig schafe 6; denen, welcher ir irrthumb langest verdrochen ist Vigilius de rebus memorandis (1541) 71b. 'verstockt':

do warends all so gar verdrochen,
dasz keiner antwort geben wolt Augsburger quelle v. 1510 bei
Fischer.

über vertrechung, f., vgl. vertreckung.

 

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