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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
vertraulichkeitssucht bis vertrautschaft (Bd. 25, Sp. 1964 bis 1967)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version)  -sucht, -wendung, f.: dem letzteren wort gab sie .. einen besonderen vertraulichkeitsausdruck Fontane 1, 544; dies 'wir' war nur eine vertraulichkeitswendung 1, 5; ein sich mit der wollust des schmerzes selbst preisgeben und die sich selbst geiselnde vertraulichkeitssucht Gutzkow zauberer 2, 63.

[Bd. 25, Sp. 1965]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verträumen, verb. , seit 1700 gebräuchliche bildung, meist in poetischer sprache: Stieler 2303; Adelung; Campe; schwäb. Fischer 2, 1386; ostfries. ferdrömen Doornkaat 1, 444b; nordfries. ferdremm Schmidt-Petersen 37b; nl. verdroomen scheint dem deutschen entlehnt. der gebrauch ist in der regel trans.
1) 'eine zeit träumend verbringen': vana spe ex insomniis addita laetari Stieler;

es fielen wachend mir die müden augen zu,
und suchend nach dem schlaff, verträumt ich meine ruh'
Warnecke poet. versuch 367;

wie süs verträumt ich nicht die jugendlichen stunden
einst in Sophiens arm
Göthe 9, 481 Weim. (mitschuldige 501).


vom vegetieren der pflanzen: obgleich .. hier nur winterkohlköpfe und eingewickelte rosenbäumchen den schlaf der gerechten verträumten Keller 5, 36. die erinnerung an träumen ist ganz geschwunden: ich .. habe mit musterung der blätter, .. des ganzen wuchses der bäume und pflanzen manche müszige stunde verträumt Herder 16, 550.
2) 'auf angenehme art über unangenehmes hinwegkommen, es vergessen und verschmerzen':

wo wie vor süszen zaubereien
der bürger seinen gram verträumet
Herder 23, 335;

(der) sein eigen schicksal in fremdem schicksal verträumt Schiller 2, 348; um des tages last und hitze zu verträumen Hippel kreuz- und querzüge 1, 576; lege dich noch einmal aufs ohr und verträume deine gefangenschaft Hauff 1, 94.
3) mit übergang zu üblem nebensinn, 'mit nichtsthun verbringen, verlieren, verscherzen': mir aber ist itzt nicht selten das ganze leben so ekel — so ekel! ich verträume meine tage mehr, als dasz ich sie verlebe Lessing 18, 46 (briefe); er hat sein glück vertreumet Stieler;

der in Karthago säumt,
und den verheisznen thron im arm der lust verträumt
Schiller 6, 396 (Äneide 335);

die schwärmerin verträumet
gar oft den glockenschlag
Uhland ged. 1, 51.


4) part. prät. 'ausgeträumt': so ist's — ja traum ists — bald verträumter traum Lavater bei Morris der junge Göthe 4, 107. 'träumend zugebracht': es geht im menschlichen leben so manche verträumte stunde verlohren Knigge umgang 1, 99. 'träumerisch, versonnen':

ringend in geheimer lust
kommt das wunderbare singen
an die süsz verträumte brust
Eichendorff werke 1, 686;

sein blick irrte verträumt in die dämmernde unendlichkeit Viebig das schlafende heer 2, 291. mit richtungshinweis: Kathrina ganz in seinen anblick verträumt Karl Hauptmann bergschmiede 36.
5) reflex. gebrauch, 'sich träumend verlieren, vergessen': schlaf und träume dich voll — verträume dich und schenke .. deine seele mir maler Müller Fausts leben 163 (99, 31 neudr.); du lieber gott, sie verträumte sich ja! sie sollte doch in die kirche hinauf Ginzkey geschichte einer stillen frau 33. schlieszlich auch intrans.: dessen seele da oben in der stillen heide in gefahr gewesen war, in dämmerung zu verträumen Frenssen Hilligenlei 507.
 
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verträumnis, verträumtheit, f., substantivbildungen zum vorigen, die erste vereinzelt gebildet, die zweite erst kürzlich üblich geworden:

wie ein vermoostes waldgeheimnisz
ruht das geborstne riesenhaus
in schutt und schweigender verträumnisz
von dunkler vorzeit rätseln aus
Scheffel werke 6, 256;

die tatenscheue deutsche verträumtheit Gumppenberg im kunstwart (1913) 27, 232b.
 
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vertraunis, auch vertraunüs, f., ältere abstractbildung zu vertrauen; 'verbindung, bündnis': vertraunis, copula Diefenbach-Wülcker 569 (ohne quellenangabe);

[Bd. 25, Sp. 1966]


zu beyder länder wohlfahrt ... sonderlich zu noch beszerer zusammensetzung der zuvor mit einander habenden vertraunüsz acta publica 2, 111 Palm (schles.).
 
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vertrausam, adj., parallelbildung zu vertraulich in alterthümelnder färbung: das verwetterte gesicht des alten rheders wollte ihm gar nicht vertrausam erscheinen Wichert Heinrich von Plauen 2, 400; mir schien allerdings auch wenig vertrausam, was er noch nebenbei schwätzte Fedor Sommer zwei novellen (1908) 50.
 
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vertraut,adj., vertraute,m. f., s. vertrauen III (sp. 1952) und vertrautsein (sp. 1967).
 
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vertrauten, vertreuten, verb., ältere nebenformen zu vertrauen (s. d.): subarrare (i. e. despondere), vertrauten, vertreuen Diefenbach gloss. 559a;

dancken götlicher gnaden krafft
samb den frommen alten ehleuten,
den got sein gnadt erst thut vertreuten
Sachs 11, 173, 5 Keller-Götze.

dazu vertreutung 'subarratio' voc. 1482 k k 1a.
 
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vertrautenrolle, -stelle, -stellung, f., 'rolle eines vertrauten (sp. 1954), eingeweihten, mitwissers': wollen sie mich noch in die feinheiten der vertrautenrolle einweihen? Gaudy 8, 113; Victorine, die sich in ihrer erwartung einer einträglichen vertrautenstelle noch nicht befriedigt sah Holtei erz. schriften 19, 21; dasz solche vertrautenstellung dem hörer sehr willkommen sein müszte Freytag werke 14, 192.
 
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vertrautheit, f. , abstractbildung der classischen periode mit dem part. vertraut, ähnlich wie vertrautschaft (s. d.) und vertrautsein (s. d.), von denen jenes gar nicht durchgedrungen ist, dieses unbeholfener wirkt. vertrautheit hat sich im 19. jh. völlig durchgesetzt; es wird auch für vertraulichkeit (sp. 1963f.) gebraucht.
1) 'innige bekanntschaft mit etwas, kenntnis einer sache': da ich bei ihnen diese vertrautheit mit dem dichter und mit seinem styl .. bemerkt habe Solger nachgel. schriften 1, 344; bei der auszerordentlichen vertrautheit dieser männer mit deutscher mythologie Hebbel 12, 27; die enge kleine welt .. schenkt ihm, was keine bildung ersetzen kann, vertrautheit mit der natur Treitschke aufsätze 1, 443; durch unübertreffbare vertrautheit mit allen kriegskünsten F. L. Jahn werke 1, 384. auch mit einer person: die vertrautheit mit dem gegner und die nachgiebigkeit gegen seine sitte Gervinus geschichte d. d. dichtung 5, 343.
2) 'inniges verhältnis zweier personen, vertraulichkeit': (offiziere) die sich im vertrauten verkehr mit mir zu gefallen schienen, und dieser vertrautheit durch 'froh geschlossene brüderschaft' .. die weihe gaben Holtei vierzig jahre 1, 360. besonders vom verhältnis der geschlechter: (er) sah die .. vertrautheit der jungen leutchen Keller 8, 345. 'ausdruck von vertraulichkeit':

die königin auf das getöse öfnet
das zimmer, wirft sich zwischen uns und sieht
mit einem blick despotischer vertrautheit
den prinzen an
Schiller 51, 134 (Karlos 1958);

wie der bursche mit einer gewissen vertrautheit sprach, dabei ganz eigenthümliche augen machte Meyr aus dem Ries 2, 16.
übertragen, 'nahe beziehung': alle künste ... würden wieder in eine innige vertrautheit mit den gemüthern treten Gutzkow werke 8, 438.
'traulichkeit': Göthes gedicht ... zeugt laut für die epische kraft der ... fabel, hat aber ihre natürliche, einfache vertrautheit oft daran gegeben J. Grimm vorrede zum Reinhart Fuchs clxxx.
 
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vertrautin, f., seltenere nebenform für die vertraute (vgl. vertrauen III 3 sp. 1954): Galba konnte deshalben mit seinen beiden vertrautinen nicht ferner allein reden A. U. v. Braunschweig Octavia 3, 719; als der herzog .. und ein paar vertrautinnen .. mir im garten saszen Göthe IV 3, 153 Weim.; dasz du dich selbst zur vertrautin ihrer pläne machst Hebbel briefe 7, 367;

o aller nächte reizendste! reizender,
als aller tage schönster! verschwiegene
vertrautinn meiner flammen!
Götz ged. 2, 129.

[Bd. 25, Sp. 1967]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vertrautschaft, f., von Lessing anscheinend scherzhaft statt vertraulichkeit, vertrautheit gebildet: wäre ich nicht ... bey einem haare zum vertrauten darüber geworden? hohl der geyer die vertrautschaft! 10, 72; das vorgeben ihrer vertrautschaft mit dem himmel ungenannte quelle bei Campe.

 

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