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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verträglich bis vertranksteuern (Bd. 25, Sp. 1939 bis 1945)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verträglich , einziges noch übliches adj. und adv. zu vertragen. eine nebenform verträgig erlischt im 16. jh.: mhd. wb. 3, 77b; Lexer 3, 274; Fischer 2, 1383; wis in als gote gehôrsam, verträgic, undertänic d. mystiker 1, 338, 36.
ahd. unfartragantlih, unfertragenlich 'unerträglich' erscheint schon in den glossen 2, 655b Steinmeyer-Sievers und bei Notker vgl. Graff 5, 499; mhd. und frühnhd. noch vereinzelt vertragenlich, indulgenter Frisius 685, Maaler 435a; sonst in der kürzeren form vertregelich,

[Bd. 25, Sp. 1940]


verträgelich mhd. wb. 3, 76b; Lexer 3, 274; vertragelich, verdrechlich, tollerabilis Diefenbach gloss. 586c; seit dem 17. jh. in anderer bedeutung (lexicalische nachweise s. unter 3). mundartlich obd.: schwäb. verträglich Fischer 2, 1383; österr. vertraglich bei Anzengruber (s. unten). mnd. vordrachlik Lübben-Walther 497b; mnl. verdrachlijc Verdam 619a; verdraghelijk, tolerabilis, patiens, aequanimus Kilian 585a; nl. verdragelijk; ostfries. ferdragelk Doornkaat 1, 444a. ins dän. übernommen fordragelig.
1) 'zuträglich, förderlich, bekömmlich' (vgl. vertragen I 6): es wird dem gesambten hausze Weymar nicht wenig vorträglich seyn Weim. urkunde v. 1685 bei Diefenbach-Wülcker 570; der brand ist allezeit der frucht mehr schädlich als vorträglich Hohberg georgica 3, 137b; so hat es (Europa) auch zu meisten orten und zeiten ein getemperierte, gesunde und vertregliche lufft Quad enchiridion cosmographicum (1604) 3; daʒ eʒ den blœden ougen deste verträgelicher sî biʒ sie geheilen d. mystiker 1, 324, 37. eine schwäb. quelle von 1790 bei Fischer. dem sinne nach schlieszt sich das heute übliche verträglich an, das wir von speisen und getränken gebrauchen (vgl. vertragen II 1): eine leicht verträgliche speise Heyne. literarische belege fehlen.
2) im anschlusz an vertragen II 2 ist es vor erträglich gewichen. 'leicht zu ertragen':

die (sünde) wæren sô vertregelich,
daʒ got lîhte erbarmte sich
über sô getâne schulde
Fleck Flore 7959;

ob schon die weltlichen .. dem gemein man mer abgenommen haben denn in von recht gebürt, so ists aber verträglicher denn von den falschen geistlichen satiren 3, 186, 24 Schade; und ernstlich wurden verkaufft in knecht und in dirnen, und wer in ein vertregliches (var. leydlicher) ubel, und ich schweyg seufzende erste d. bibel (Esther 7, 4); das sie umb einen vertreglichen pfenning bessere wartung und tracterung in ihrem eigenen hause nicht hetten haben kunnen Quad teutscher nation herligkeit (1609) 16.
3) zu vertragen II 5 gehört verträglich, 'nachsichtig': indulgenter Frisius, Maaler, Dentzler; so gloubst dem aller gerechtesten, dem aller barmhertzigesten, verträgelichesten Riederer spiegel t ivb; also war er auch vertreglich und gütig den, die im nach gaben und entwichen Carbach Tit. Liv. 323r.
am ausgedehntesten ist der gebrauch von verträglich meist im anschlusz an reflex. vertragen III 4 ff.: pacificus, friedfertig oder verträglich Zehner (1645) 75; placabilis Reyher u 5 vb; comportable, verträglich Wächtler 110; placabilis, versühnlich; concors, einig Dentzler 315b, 314b; placabilis, lenis, mitis Frisch 2, 380c; verträglich sein, leben miteinander Kramer 2, 1112a; geneigt und fertigkeit besitzend, sich mit andern zu vertragen, friedlich mit ihnen zu leben Adelung; vertragsam (s. d.) drückt diese eigenschaft in höherem grade aus, indem es eine fertigkeit darin einschlieszt Campe;

wis niht an pentekeit müelîch,
wis hüfsch unde vertregelîch
Thomasin wälscher gast 8174;

wenn die arbeiter fleiszig, die vorsteher treu, und die gewercken richtig und vertreglich sein Mathesius Sarepta 37b; haltet euch .. fleiszig im studiern, verträglich in compagnie Schoch studentenleben B 8a;

(er war) verträglich in der welt, klug und verschmitzt im rathe
Lohenstein hyacinthen 2, 53;

(so) leben und sterben sie still und verträglich, gleichgültig-vergnügt Herder 13, 210; die menschen sind nicht mehr so gesellig und verträglich maler Müller 2, 116; na, könnt'st du nit leicht a frumm und vertraglich sein? Anzengruber 6, 37.
mit präpos. zusatz: der verträglich, schiedlich und friedlich gegen männiglich sich erzeige Dannhawer catechismusmilch 3, 90;

verträglich, tugendhaft, voll ehrfurcht gegen gott
Brockes irdisches vergnügen 4, 340;

[Bd. 25, Sp. 1941]


wenn nur die treue braut
das elend in der zeit mit uns verträglich baut
Günther ged. 784;

darum sollen sie auch freundlich und verträglich seyn mit einander Arndt an s. l. Deutschen 1, 267; (sie) verhielt .. sich so bescheiden und verträglich zur truppe, ... dasz niemand mehr klage führte über sie Holtei erz. schriften 35, 165.
gesteigert: sie werden in mir den verträglichsten ehemann finden Schröder dram. werke 2, 90. subst.: der verträgliche, name eines mitgliedes der fruchtbringenden gesellschaft vgl. Neumark palmbaum 237.
von nicht menschlichen lebewesen: im fal sich einiger garstiger neidhammel unter die verträglichen schafe mit einmischen ... solte Zesen Helikon 31; sehr gesellige vögel, die immer verträglich unter sich leben Naumann naturgeschichte der vögel 2, 149; mit sich selbst verträgliche gewächse Schwerz ackerbau 888;

noch manches kraut, manch dunkel-kräft'ger stein,
der ihr entsprangt, der erde geb' ich euch.
so, ruhet hier verträglich und auf immer!
Grillparzer 5, 127 (Medea).


von sächlichen dingen:

daʒ diu werlt sô gar ahte gevie
eines mannes durch sîn güete
unt umb verträglîch gemüete die warnung 852 Haupt;

inzwischen ist sein verträglicher umgang mit allen denen .. gewisz nicht vergeblich gewesen Spangenberg leben Zinzendorfs (1773) 945; bei ihrem gutherzigen und verträglichen charakter Forster 2, 145; wodurch ihr geschmack verträglicher und ihre beurtheilungskraft unpartheylicher werden muszte allg. d. bibliothek 12, 16. bisweilen läszt sich verträglich zugleich als 'versöhnlich' und 'erträglich' auffassen: versuche, mit dieser macht in ein verträgliches verhältnisz zu kommen Ranke 30, 286; zu einem verträglichen ende führen Bismarck polit. reden 4, 209.
4) seit dem 18. jh. ist 'vereinbar, harmonisch' im anschlusz an vertragen III 7 zu belegen: harmonisch, compatibel Moritz gramm. wb. 4, 285; compossibel, zusammen möglich, nicht ausschlieszend Eisler philos. wb. 3, 1673; 1, 650; lebensthätigkeit und tüchtigkeit ist mit auslangendem unterricht weit verträglicher als man denkt Göthe 25, 6 Weim.; dasz feigheit uns mit einem edlen charakter nicht wohl verträglich scheint Schopenhauer 5, 209; deshalb sollte die menge der selbstgebauten rüben nicht gröszer sein als mit einer geordneten fruchtfolge des gutes verträglich war Freytag werke 1, 92; weil das, was zu recht und ordnung bestehn kann, schon unsern vorvordern bekannt war, und was dö nit kennt hab'n, a nit mit recht und ordnung vertraglich is Anzengruber 6, 221. mit nebensatz: es scheint mir mit der würde eines priesters nicht recht verträglich, blut zu vergieszen Holtei erz. schriften 27, 80. attributive stellung ist selten: dasz Preuszen ohne krieg und in einer mit legitimistischen vorstellungen verträglichen weise das vorgewicht in Deutschland zufallen würde Bismarck erinnerungen 1, 74. die anwendung auf verträgliche ('harmonische') farben ist nicht mehr üblich: alle tapeten sind helle, von sanften, verträglichen farben Sturz schriften 1, 8; in absicht der festigkeit und des guten geschmacks in verbindung der verträglichsten farben Lessing 10, 361.
 
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verträglichkeit, f. , subst. zu verträglich. ältestes vorkommen im verwandten mnl. verdrachlijcheit Verdam 619a; verdraghelickheyd, tolerantia, patientia, aequanimitas Kilian 585a. nhd. verträglichkeit, comportabilità Kramer 2, 1112a; placabilitas, concorditas, lenitas Kirsch 2, 315a; Frisch 2, 380c; Adelung; Campe. schwäb. Fischer 2, 1383. ins dän. übernommen: fordraghelighed.
1) selten die 'fähigkeit, etwas zu vertragen' (vgl. verträglich 1, vertragen II 1): bestehen keine bedenken (gegen die tropentauglichkeit), so ist als schluszprüfung noch die verträglichkeit für chinin .. festzustellen Alten heer u. flotte 3, 137.
2) sonst im anschlusz an verträglich 3 und vertragen III 4 ff. zur bezeichnung der fähigkeit, sich mit andern

[Bd. 25, Sp. 1942]


vertragen zu können: die christliche verträglichkeit Kramer; verträgligkeit, sanfftmuht, freundligkeit Dannhawer catechismusmilch 3, 278; einigkeit, einträchtigkeit, verträgligkeit Treuer Dädalus 1, 433; die bescheidenheit und verträglichkeit zu facilitirung vieles guten Thomasius ernsthaffte gedancken 2, 20; ich .. liesz .. mit stiller verträglichkeit einen jeden nach seiner art gewähren Göthe 22, 325 Weim. (Meister);

(jeder) komme dieser kraft mit sanftmuth,
mit herzlicher verträglichkeit, mit wohlthun,
mit innigster ergebenheit in gott
zu hülf'!
Lessing 3, 95 (Nathan 3, 530);

was giebt behäglichkeit dir in des lebens kreisen?
weise verträglichkeit mit thoren und mit weisen
Rückert werke 8, 297.

von thieren, pflanzen: dasz es mehr streit als verträgligkeit unter ihnen (den vögeln) geben müste Prätorius winterflucht 204; der kater .. wuszte sich so vortrefflich durch mäusefangen und verträglichkeit mit meinen hunden auszuzeichnen Brentano 4, 229; über die verträglichkeit der gräser untereinander waltet kein zweifel mehr ob, wie die wiesen sattsam beweisen Schwerz ackerbau 888.
abstractes: auf einem boden .., wo sich islam, buddhaismus .. mit dem christentum in leidlicher verträglichkeit durchkreuzten Gutzkow werke 3, 342; die verträglichkeit Ruszlands mit mächten, die nicht auch ohne sein wohlwollen bestehn könnten, hätte ihre grenzen Bismarck erinnerungen 2, 256.
3) 'die vereinbarkeit, harmonie' mehrerer dinge (vgl. verträglich 4, vertragen III 7): verträglichkeit Eisler philos. wb. 3, 1673; ihr wesen hat mit der einsamkeit keine verträgligkeit Lohenstein Arminius 2, 24a; die erdichtung, die ohne wahrscheinlichkeit und verträglichkeit ihrer bestandtheile allemal unnatürlich .. wird Eschenburg entwurf einer theorie 27; die pflichten mit den neigungen in verträglichkeit bringen Kant 1, 227 Hartenstein; die vollkommene verträglichkeit der existenz dieser reichen handelsstadt mit der politischen suprematie Roms Mommsen röm. geschichte 2, 23.
 
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verträgnis, f. n., seltene substantivbildung zu vertragen. in älterer sprache 'geduld, nachsicht': tollerantia, verdrechnisse Diefenbach gloss. 586c; mnl. verdrachnisse Verdam 619a. selten in neuerer sprache als 'vereinbarung': dasselbe opfer der eigenen ansicht dem gemeinsamen verträgnisz der verschiedenen factoren der gesetzgebenden gewalt zu bringen Bismarck polit. reden 4, 81; der dictator vermittelte das verträgnisz Mommsen röm. geschichte 1, 248.
 
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vertragsam, adj., nicht mehr übliche nebenform für verträglich. das wort ist nur für das spätere mittelalter und das 18. jh. zu belegen: der geist der miltikeit, der machet den menschen süsgemütig und gütlich und barmherzig ... und wirt der mensche als vertragsam Tauler 194, 10 Vetter; mnd. vordrachsam Lübben-Walther 497b. von hier wohl übernommen nl. verdraagzaam und schwed. fördragsam. dann bezeugen Adelung und Campe es wieder als üblich, vor ihnen Schwan nouveau dictionnaire (1783) 2, 937b: vertragsam, duldsam, tolerant. sie stellen den gebrauch der zeitgenössischen schriftsteller fest. er ist vertragsam, jeder thor beleidiget ihn, eben weil er keine rache von ihm befürchten darf Gellert 7, 83; lieber nach Ostindien ... vielleicht ist man dort noch vertragsam Nicolai Nothanker 3, 33; duldend und vertragsam war er im umgange mit allen menschen Zimmermann einsamkeit 3, 58. 'vereinbar' (vgl. verträglich 4): dieser schlusz kann heiszen von vertragsamen beschaffenheiten, die sich nemlich einander nicht entgegengesetzt sind Basedow natürliche weisheit (1768) 153; so oft zwei mitlaute vertragsam sind Klopstock grammat. gespräche 97. offenbar ist das wort von nd. schriftstellern aus den mundarten aufgenommen und in die schriftsprache eingeführt worden. vgl. ostfries. Doornkaat 1, 444a; lippisch Frommanns zeitschrift 6, 491; samländ. E. L. Fischer 117. aber gleichzeitig erscheint es auch auf schweiz. boden: ihrer zwanzige wollt' ich

[Bd. 25, Sp. 1943]


freyen, wenn sie alle so vertragsam wären, wie diese Bräker 2, 186 (vgl. oben Tauler).
 
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vertragsamkeit, f., das mit dem vorigen adj. gebildete subst., erscheint unter denselben auffälligen verhältnissen: das richtet ime dise miltekeit uf und setzet den menschen in ein götteliche vertragsamekeit von innen und von ussen in allen dingen Tauler 106, 26 Vetter; ein closter frouw die sich vil und lange zit geübt hat .. mit übersehen iren mitschwestern, mit vertragsamkeit und gedult Keisersberg bilgerschafft 100r a. nl. verdraagzaamheid, schwed. fördragsamhet. nhd. erst: vertragsamkeit, tolerance Schwan nouveau dict. 2, 937b; Adelung; Campe; gründe zur vertragsamkeit in der religion Schwabe belustigungen (1741) 5, 369; wenn bisher von duldung und vertragsamkeit unter den menschen gesprochen ward Mendelssohn schriften 3, 179; in dem punkte der geduldigen vertragsamkeit des unrechts Bode Tristram 2, 84; seine vertragsamkeit machte ihn sogar liebenswürdig Zimmermann einsamkeit 2, 37; vertragsamkeit, leutseligkeit, frohe laune, milde, nachgiebigkeit und wieder beharrlichkeit in vorsätzen müssen hier ganz ungezwungen aus dem gesellschaftlichen leben hervorgehen F. L. Jahn 2, 883 (a. d. j. 1818).
 
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vertragung, f. , ist als abstractbildung zu vertragen nicht üblich, wie schon Adelung feststellt.
1) statt übertragung im anschlusz an vertragen I 1: traportamento, traporto Kramer 2, 1112b; es hatte seit der auswanderung zwischen mutter- und tochterland nie an den berührungen gefehlt, die einen austausch, eine vertragung der wälschen und bretagnischen sagen möglich machten Gervinus gesch. d. d. dichtung 1, 253.
2) in üblem sinne veraltet schweiz. für austragung (vgl. vertragen I 4): crimen, anklag, schmaach, vertragung, zredung; criminatio, beschältung, fürzug, lesterung, vertragung, schmähung Frisius 344a, 345a; Maaler 435a. ebenfalls veraltet 'verschwendung' (zu vertragen I 2): prodigalitas, effusio Stieler 2314.
3) zu vertragen II 5 gehört das veraltete 'nachsicht, duldung': vertragung, leidensamkeit, tolerantia voc. 1482 kk 1a; Stieler; an der ... zähmungs-kunst ligt viel, so da geschicht .. τροποφορίαν, durch vortragung und erlernung der sitten Dannhawer catechismusmilch 3, 327.
4) zu vertragen III: mnd. vordreginge, 'vereinigung' Schiller-Lübben 5, 344a. 'vereinbarung': reconciliatio, ein widerversünung, gütliche vertragung Calepinus 1231a; md.: (wir) thun kund, das wir uns mit dem .. ertzebischoffe zu Mentze .. eine gutliche vertragunge .. geineynander vortragen und vorschrebin habin. solche vortracht die vorgen. tzcit .. festiclich zu halden urkunde v. 1440 (quelle nicht nachweisbar). 'verträglichkeit': comportement, vertragung Wächtler (1714) 110; jedoch sol man ... nicht die warhaffte vertragung des leibes und der seelen .. verneinen Prätorius blocksberg 232. von verträglichkeit geschieden: ob ihre vertragung ('aussöhnung') seiner liebe mit der deinigen eine verträglichkeit habe? ist die liebe nicht eine vereinbarung zweyer hertzen? Lohenstein Arminius 2, 134a.
 
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verträllern, verb., wie versingen, 'trällernd verbringen, vertreiben': das mädchen verträllerte den morgen wie eine junge lerche Campe. literarisch nicht nachweisbar.
 
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vertrampeln, vertrampen, verb., 'zertreten, zerstampfen', vulgärer ausdruck. beide formen bei Campe: die blumenbeete vertrampeln, eine spur im sande vertrampen. in obd. wie nd. mundarten vertreten: schweiz. vertrampen, conculcare, conterere Dentzler 314b; Stalder 1, 296; elsäss. schwäb. vertrampen, vertramplen (das gras, den boden) Martin-Lienhart 2, 757b, 758a; Fischer 2, 1383, 1384; lothring. vertramplen Follmann 155b; in Estland vertrampeln Sallmann 73b; auch dem preusz. geläufig; brandenburg. die ganze wiese ist verträmpelt jahrbuch f. nd. sprachforschung (1878) 40; ostfries. fertrampen, fertrampeln Doornkaat 1, 470a. aus nd. übertragung erklärt sich schwed. förtrampa vgl. Falk-Torp 1278. eine abweichende lautform weist eichsfeld. vertrameln, frtremələ auf Hentrich 16.

[Bd. 25, Sp. 1944]



literarische belege sind selten: so sind ... die verträmpelten örter aufzuhacken Döbel jägerpractica (1754) 3, 45; das vergantete und vertrampelte Matterhorn! .. aber so ein noch freier, unberührter, unverlästerter berg wie der Absomer, das ist was anderes! Federer berge u. menschen (1911) 36; dasz das schicksal, dieser alte ochse, uns unsere blumenbeete nicht vertrampelt Sudermann der gute ruf 151. subst. inf.: dann wird in der regel der reuter abgeworfen, und grade die kleinen pferdchen sind dann die schlimmsten mit abgrasen, vertrampeln Droste-Hülshoff briefe an Schücking 233.
in der bedeutung und zum theil auch in der form abweichend ist eine nur obd. gebrauchsweise: vertremplen, verträmplen, vertramplen Martin-Lienhart 2, 758a; Fischer 2, 1387, 1384; Stalder 1, 314: 'etwas stückweise und unnöthig ausgeben, zeit und geld vergeuden, vertrödeln, versäumen'; sindt zweintzig mine (für dise sengerin) verschlaudert, vertrempelet (periere) Boltz Terenz deutsch (1539) 103b; es müsse doch nach Michel sich umsehen, ob der eingerückt sei oder die sache vertrampelt hätte Gotthelf schriften 7, 111.
vgl. vertrappeln, vertrappen.
 
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verträndeln, vertrenseln, vertrenzen, verträntschen, verba des sinns 'vertrödeln', besonders von der zeit gebraucht: nd. verträndeln Campe; luxemb. siebenbürg. verträntelen lux. wb. 467a; lothring. vertränteln Follmann 155b; hess. verträndeln; nassauisch verträndeln, vertranzen Kehrein 1, 407; schles. vertrendeln, vertrenseln Weinhold handschr. nachlasz t 101a, 102a; in Posen verträndeln Bernd 339; waldeck. mit ablaut fertründelen Bauer-Collitz 32a; schwäb. vertrensen, vertrenslen, vertrentschlen Fischer 2, 1387; bair. östr. verträntschen, vertrenzen Schmeller 1, 671; vgl. tirol. Schöpf 755; da müssen wir uns in acht nehmen, dasz wir keine zeit vertrantschen Nestroy 3, 104; dann vertrenzen sich noch acht tag' bis zu der hochzeit, wie nix 251;

drum will ich ...
in angenehmer schauenlichkeit
verdrönsgen dieses restlein zeit
Mörike hutzelmännlein 91.

vgl. verträtschen.
 
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vertränken, verb. , in der schriftsprache durch ertränken ersetzt. mhd. nur trans. vertrenken mhd. wb. 3, 94b; Lexer 3, 274; nhd. vertränken, in undis necare, suffocare Stieler 2332; von Campe als landschaftlich verzeichnet. obd. vertränken: schweiz. Seiler 106; Tobler 190; elsäss. Martin-Lienhart 2, 760b; schwäb. Fischer 2, 1384. mnd. vordrenken (auch intrans.) Schiller-Lübben 5, 344a; brem. verdränken, 'ersäufen' brem. wb. 1, 247; mnl. verdrenken Verdam 619a; Kilian 585b. dem mnd. entlehnt ist schwed. fördränka 'ertränken'.
1) 'tränken, völlig tränken': arme soole in den salzbergwerken mit salzsteinen vertränken, vergüten, mit steinsalz versetzen und sättigen, damit sie beim sieden mehr salz gibt, vgl. Jacobsson 4, 535; Campe; hirtzhorn mit wein verträncket Sebiz feldbau 71;

her bracht mich in sîn wînklûs,
und hete mich vortrenket gar
mit sîner lîbe
Brun v. Schonebeck hohelied 12220.


2) 'durch zu reichliches tränken schädigen', selten von menschen, 'trunken machen': dat vordrenken, inebriare 4 Mos. 6, 2 bei Schiller-Lübben. 'ein gebiet überschwemmen': eine wiese durch zu lange wässerung vertränken Campe (landschaftlich); das wasser auscziehen, das es nicht mit seinem uberflusse das neheste perkwerk vertrenke böhm. bergrecht (14. jh.) bei Jelinek 852; vgl. Veith bergwb. 541; auch risse die Weissel aus, zu Fürstenwerder, und vertrenckete das gantze werder bey Dantzke Schütz preusz. chron. 2, r iva; kein wasser soll so hoch .. aufgetrungen werden, dasz die straszen oder wege vertränkt, grundlos oder arg dadurch gemacht werden jülichische polizeiordnung bei Frisch 2, 381b; unmaszen es dann gleich also anfangen zu donnern und zu regnen, dasz es die fieterung sehr verthrenkht abdruck actenmäsziger hexenprocesse (Eichstatt 1811) 113 (quelle v. 1626). 'im wasser untergehen lassen':

[Bd. 25, Sp. 1945]


lieʒ Salomon versenken
diʒ holtz unde vertrenken md. paraphrase d. buch. Daniel 3980 Hübner;

wann ein schif .. scheiterte und gar vertränkt wurde quelle v. 1581 bei Lori bair. bergrecht 332. in Appenzell sagt man fürli vertrenka, wenn die knaben am funkensonntag den docht der harzfackel unter das wasser setzen, zum zeichen, dasz das arbeiten bei licht bald ein ende nehmen werde Tobler.
3) 'einen menschen ertränken': non me demergat tempestas aquae .. daʒ mich des waʒʒers ungewittere niht vertrenke und das mich die tfe niht vorsfe altd. predigten 1, 328, 6 Schönbach; der schucze von Gotswerder .., der vortrenket wart Marienburger treszlerbuch 287. ältere quellen bei Schiller-Lübben, Martin-Lienhart, Fischer; als solches Amulius erfuhr, verschaffet er sie lebendig zu vergraben, und die zwilling zu vertrencken Quad enchiridion cosmogr. (1604) 121; (da) wolte er sie in säcke stecken und vertrencken lassen Zinkgref-Weidner apophthegmata 3, 27; der schiffmann leuchtete hin, und fing an: ha, ha! seyd ihr die t ... kerls, die vor einigen wochen die zwei reisenden da unten vertränkt haben? Jung-Stilling 1, 282; ein bote .. berichtet, wie Agnes vertränkt worden ist Vischer auch einer 2, 228.
subst. inf.: meinen, sie wöllens mit blöcken, stöcken, verbrennen, vertrencken z wegen bringen Brunfels vom evangelischen anstosz b 1a. lebendig im obd.
reflex., 'den tod des ertrinkens finden':

sî mûstin sich vortrenkin
in der Wîʒil allintsam
Nic. v. Jeroschin preusz. chron. 7508.

mit anlehnung an trank 'durch einen trank vergiften':

man solde im vergift schenken
unde also vertrenken
sin leben, daʒ in was zu hart md. passional 220, 88 Köpke.


 
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vertranksteuern, verb., im 18. jh. bezeugt, 'die tranksteuer (s. d.) für oder von etwas entrichten': tributum hoc persolvere Frisch 2, 981b; den wein, das bier vertranksteuern Adelung; Voigtel wb. (1793) 3, 542b; von Campe nicht mehr angeführt.

 

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