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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
vertragszustand bis verträgnis (Bd. 25, Sp. 1926 bis 1942)
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vertragbar,adj., vertragbarkeit,f.: 'was vertragen werden kann'; das adj. ist nicht geläufig. vgl. nl. verdraagbaar 'versetzbar'. das subst. bezeichnet den zustand: was er .. von seiner (des glaubens) vertragbarkeit .. vorbringt, stimmt allg. d. bibliothek 44, 364.
 
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verträgen, verb., vereinzelt vom adj. träge (s. d.) abgeleitet: verträgt, 'träge geworden'; homo totus ex fraude et mendacio factus, durch und durch ein gantz verträgter bub Corvinus fons 906; preusz. se ösz verdreegt wie e zigg (ziege) Frischbier sprichw. 1, 273. umlautlos, trans. u. intrans.: tardare, retardare, verdragen, vertragen Diefenbach gloss. 573c, 495c; torpere, vertragen 589a. doch vgl. vertragen II 8 (sp. 1934). im älteren nd. ist der gebrauch ausgedehnter: vortragen Schiller-Lübben 5, 476ab. mnl. vertragen Verdam 641a; vertraeghen, pigrescere, lentescere, retardare Kilian 607b; nl. vertragen. ostfries. fertragen, 'hinziehen' Doornkaat 1, 470a; brem. vertragen, 'träge, lustlos, müde, kraftlos werden' brem. wb. 5, 95.
der unpersönliche gebrauch ist nd., 'es verdrieszt mich': pigere Diefenbach gloss. 434a;

nu bidde ik ju, vrunt unde mage,
dat ju mîn wille nicht vortrage sog.
Gerhard v. Minden 94, 38 Seelmann.


 
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vertragen, verb. , in den bedeutungen reich verzweigtes comp. von tragen. schon ahd. häufig: fartragan, fertragen, bei Otfrid firdragan Graff 5, 497; mhd. vertragen mhd. wb. 3, 74f.; Lexer 3, 272 f.; mehrfach bei Diefenbach, Alberus, Frisius, Calepinus, Faber (s. unten); Maaler 434 f.; Stieler 2314; Kramer 2, 1111f.; Dentzler 314 f.; Kirsch 2, 315a; Frisch 2, 380bc; Adelung; Campe. auch als mundartlich häufig gebucht; schweiz. Stalder 1, 294; Seiler 106; Tobler 190a; elsäss. Martin-Lienhart 2, 744b; schwäb. Fischer 2, 1381 ff.; bair. Schmeller 1, 656 f.; steir. kärnt. Unger-Khull 222a, Lexer 66; lothring. Follmann 155b; oberhess. Crecelius 2, 863; Schöner Eschenrod 84; lux. siebenbürg. verdrôen lux. wb. 458b; pfälz. Autenrieth 148; frankfurt. Askenasy 225; köln. Hönig 191a; meining. Spiess 270; obersächs. Göpfert zeitschr. f. d. mundarten 4, 50; waldeck. Bauer-Collitz 32a.
altsächs. fardragan Gallée 65; mnd. vordragen Schiller-Lübben 5, 342 f.; 6, 303a; mnl. nl. verdragen Verdam 619a; Kilian 585ab. nd. verdragen: ostfries. Doornkaat 1, 444a; götting. Schambach 260; holstein. Schütze 4, 199, 205; altmärk. Danneil 237a; neumärk. zeitschr. f. d. mundarten 4, 74; berlin. Meyer 128a; preusz. Frischbier 2, 443a. — verdrägen, verdregen: brem. wb. 1, 237; osnabrück. Strodtmann 257; westfäl. Woeste 290b; lübisch Schumann 32; pomm. Dähnert 519b. entlehnt schwed. fördraga, dän. fordrage.

[Bd. 25, Sp. 1927]



in vertragen lassen sich drei grosze bedeutungsrichtungen unterscheiden.
I. soweit vertragen eine anschaulichere bedeutung aufweist, liegt eine fra-type zugrunde ('wegtragen, austragen'); nur gelegentlich scheint eine fair- (1, 6) oder faur-type (6) hineinzuspielen.
1) 'in einer richtung hintragen, befördern': fartregit, asportabit ahd. glossen 1, 445b Steinmeyer-Sievers; vertragen, zutragen, apportare voc. 1482 kk 3a; vertragen, hintragen, transferre Dentzler;

mich wundert waʒ dich her vertruoc
Wolfram v. Eschenbach Parzival 49, 18.


'rings umher, hin und her, von einem ort zum andern tragen': differre, vertragen yetz an das, denn in dises ort Frisius 414a; Maaler; Stieler; item do gab ich den tregern vor den selben roggen czu vortragen 6 β 8 D handelsrechnungen des deutschen ordens 472, 20 Sattler; dasz dieselbig sperma vertragen wirdt durch die geist .. die tragen ihn an end und örter, da er auszgebrütet mag werden Paracelsus opera 1, 101 B; fragmente eines gewissen werks .., das .. aus einer provinz in die andre vertragen ward Lessing 13, 382; wenn die bienen den blumenstaub in die kelche vertragen Bettine Günderode 1, 46; welche .. das spärliche wasser des dogenbrunnen sammeln und in die häuser vertragen Gaudy 13, 85; weit und breit durch Deutschland, Holland und Russland wird das schnitzwerk von den Tyrolern vertragen Zschokke 1, 103; weiters hat er die gemeindeschriften zu vertragen Rosegger schriften II 9, 155. subst. inf.: sein vater hatte ihn .. früh zum vertragen der .. briefe und packete gebraucht C. F. Meyer Jenatsch 83. heute gewöhnlich durch austragen ersetzt.
2) 'auseinandertragen, zerstreuen, verschlagen, verschwenden': alle ir hab wart verwüest und vertragen gesta Romanorum 169 Keller; damit (von dem salz) nichts vertragen noch verrört werde quelle v. 1616 bei Lori bair. bergrecht 487a; hirumbe verfilen die steyne unde worden von jaren zu jaren vertragin Gerstenberg hess. chron. 267;

i han es hämpfeli haber g'streut,
do chund de wind und het's vertreit bibl. schweiz. ält. schriftwerke I 4, 140;

die lüfte es (das singen) vertragen
weit in das land hinein
Eichendorff 1, 625;

und wie vom wilden weltsturm weit vertragen
ein ferner vogel in ein fremd' gebiet
Brentano schriften 6, 7.


er hat sein vatergut ziemlich vertragen, imminuit, effudit, decoxit Stieler; das geld in unnützen dingen vertragen Kramer; Frisch; noch schwäb. Fischer;

darmit vertregst vil geldts fürwar.
was kost dein schiesen dich ein jar?
Sachs 21, 93, 33 Götze;

damit die profand gespart und nicht vergebens vertragen werde Fronsperger kriegsbuch 1, 5r. selten auf die zeit angewandt: ich kann die trennung nicht recht vertragen, aber ich darf die zeit nicht vertragen, drum leben sie wohl Nestroy 2, 33; wenn sie zuweilen über einem buch die zeit vertrug Steub deutsche träume 1, 186.
3) 'etwas an eine stelle tragen, wo es nicht hingehört und nicht wiederzufinden ist, verschleppen': ich habe es vertragen und weisz nicht mehr wohin; die dohlen pflegen gerne das geld zu vertragen Adelung; osnabrück. götting. westfäl. Strodtmann, Schambach, Woeste; elsäss. Martin-Lienhart.

so wie ein kind, das eine frucht vertragen,
und ganz vergasz, wohin es sie gesteckt Ariostos Roland 1, 192 Gries;

(die mäuse haben) das gelt zernaget und zerbissen,
so gar vertragen und vertrieben,
ist nit ein pfennig uber blieben
Waldis Esopus 1, 146;

ich wil etwan ein ausred finden,
sam habn mirs die katzen vertragen
Sachs 9, 463, 9 Keller;

[Bd. 25, Sp. 1928]



wo er hin kam, kan ich nit sagn.
ich glaub, die rabn habn ihn vertragn
Ayrer dramen 1844, 22 Keller;

es fand sich nicht ein blättchen. 'das wasser wird's vertragen haben', sagte Sabin Rosegger weltgift 248.
'in bestimmter absicht dem anblick entziehen': schwäb. eine krankheit vertragen in einem glas oder papier dorthin, wo weder sonne noch mond scheint, und sie dort begraben Fischer; ein bauernhaus ..., aus dem sie den aufrechten mann .. an einen stillen ort vertragen hatten, wo ... würde und bürde ein ende hat Zahn helden des alltags 10; wan ein katz merckt, das man weisz, wa sy die jungen hat, so vertragt sy sie Keisersberg emeis 7d; die katzen vertragen oft ihre jungen Kramer; Frisch; Adelung; Campe; solcher teuffel etliche verwahren die schätze, .. verwahren und vertragen sie biszweilen von einem ort zum andern Prätorius Anthropodemus 1, 93. von menschen: der .. wolt in an ein heimlich stat tragen und wolt in vertragen das man sein nit innen würde der heyligen leben 30a b; er (Jesus) sey wahrhafftiglich mit leib und seel vertragen und transportiret worden Prätorius blocksberg 229. 'kinder aussetzen':

wie er desz künigs tochter kind
vertragen hett inn walt geschwind
Sachs 2, 89, 25 Keller (vgl. 20, 184, 30 Götze).


'einem andern dadurch etwas entziehen': Kramer; heimlich beiseite schaffen und verkaufen Fischer; die becken stalen und vertrugen die seck d. städtechron. 2, 304, 28; wur de hof nicht betunet is, dar werd de vrucht des hoves vordraghen, diripietur Sir. 36, 27 bei Schiller Lübben;

dasz auch kein bauer schärfer prügelt,
wenn ihm ein dieb das korn verträgt
Triller poet. betrachtungen 2, 299;

bis sy die würst gaszen
sy sorgten und entsaszen,
in wurden die vertragen
Hätzlerin liederbuch 261 (192);

(sie) hetten den schatz für sich gespart
und in vertragen fein allein
Fischart Eulenspiegel v. 13023;

mir ht a wolf a schâfel iaz votrgn volksschauspiele in Bayern u. Österreich 307, 176 Hartmann;

knechte sind oft saumselig beym futtern oder gar tückisch, vertragen's dem einen und werfen's dem andern überflüssig zu maler Müller 3, 42; wir werden doch uns'rer frau wirthin die kundschaft nicht vertragen Holtei erz. schriften 13, 127. dieser ausdruck ist seit 1700 verbreitet: einem krämer das geld vertragen; vertragt mir das geld nicht, non comprate da altri che da me! Kramer; zu seinem nachtheil bei einem andern kaufen Adelung, Campe; md. und nd.: meining. schles. die kundschaft einem kaufmann vertragen Spiess, Holtei (s. oben); frankfurt. mer soll seim vatterland des gold und silwer net vertrage Askenasy; berlin- verdragen se mir nich's jeld! Meyer; pomm. ik will em dat geld nig verdrägen Dähnert.
4) schon die letzte verwendung entwickelt oft üblen nebensinn. veraltet 'den weg des verderbens führen, verführen, schädigen': Ulrich .. vertrug sein pferd in dem scharmützeln, das er davon must vallen d. städtechron. 2, 66, 8;

unprîs sîn het aldâ gewalt,
dô in sîn gir dar zuo vertruoc,
ime gruoʒe er mînen hêrren sluoc
Wolfram v. Eschenbach Parzival 321, 9;

dasz dich des nachts kein grau vertrag,
durchs feindes list und triegen,
des tags keyn pfeil nicht schaden mag
Waldis psalter 163b (ps. 91).

in einzelnen mundarten vom vieh: 'falsch austragen, eine fehlgeburt haben' pfälz. Autenrieth, schwäb. Fischer; schwäb. auf den winter übertragen, der verträgt, wenn es schon um Martini gefriert und nachher wieder wärmer wird, wenn kein schnee kommen will und keine winterliche kälte eintritt ebd.; reflex. elsäss. sich vertragen, 'sich durch tragen schaden machen' Martin-Lienhart.
selten ist 'einen austragen, ins gerede der leute bringen, verleumden'; meist obd.: einen gegen etlichen falschlich

[Bd. 25, Sp. 1929]


verträgen, vertragen, verklagen, verrätschen, verklapperen, verlümbden, verschreien, verschwätzen Frisius 56b, 375b, 414a, 537b, 605a, 901a, 1265a; Maaler; das heimlich vertragen oder verrathen, anklagung, delatio Calepinus 381b; verleumbden Dentzler; bair. Schmeller; die predigermunch haben die armen lieben frauen gegen dem bâbst mit der unwârheit belaidigt und vertragen habsburg. urkunden (15. jh.) 3, 67; ward Crato ... dermaszen gegen Liutolfen vertragen, dasz er .. das closter verlaszen mszt Watt hist. schriften 1, 187; do er also mit disen falschen meren z in vertragen ward, weli disen meersagern wider in gelopten Seuse 124, 17; damit er .. den frummen und theüren ritter gegen allem hoffgesindt vertragen möcht Wickram 1, 30, 19; der seinen nechsten heimlich vertreyt, den wil ich umbringen Zürcher bibel (1531) ps. 100a; vgl. schweiz. schausp. des 16. jhs. 1, 153 Bächtold;

eyn zeichen der liechtfertikeyt
ist, glouben was eyn yeder seit,
eyn klapperer bald vil lüt vertreit
Brant narrenschiff 101 Zarncke;

Vilmar pfleget mann und weib bei der herrschaft zu vertragen,
und vermeinet grosze gunst und befördrung zu erjagen
Grob dicht. versuchgabe 38;

(sie) verleumdet, stiehlt, verträgt, laurt, ist heimtückisch Schubart briefe 1, 190. seltener nd.: köln. Hönig; so werde in der gesindestube geredet .. als aber díe schürzenmagd es an die frau vertragen, sei die zum tod erschrocken worden Storm 6, 315. der ganze gebrauch ist veraltet.
5) ohne üblen nebensinn in perfectiver verwendung. austragen, zu ende tragen': wenn ein kind nicht vertragen wird, das es neun monat hat, so ist es ein unzeitige geburt Agricola sprichw. 351. sonst 'abnutzen': hintragen, vertragen, verbrauchen, degero Frisius 380a; (gott hat) kleider und schue in die viertzig jarlang gantz behalten, nicht sich vertragen und vernützen lassen Luther 28, 725, 16 Weim.;

ich will es (das kleid) noch vollends vertragen d. schaubühne 3, 132 Gottsched;

es musz auf erden jeder mensch sein pärchen narrenschuh' vertragen
Wilh. Müller ged. 325.

gewöhnlich in der form des part. prät. statt des üblicheren abgetragen: nam daselbst zurissen und vertragene alte lumpen Jer. 38, 11; alte odder beschabene, vertragene .. kleider Luther 23, 543, 8 Weim.;

die alten lang vertragnen sachen
Fischart nachtrab v. 616;

zieht diesen filz, unscheinbar, alt, vertragen,
aus seinem busen
Tieck schriften 3, 259;

könige und fürsten gleich alten vertragenen kleidern .. abzuthun Arndt an s. l. Deutschen 3, 87; in ihrem vertragenen kleidchen kam sie zu ihm in den garten Storm 2, 163. noch schwäb. Fischer; frankfurt. Askenasy; pomm. Dähnert.
frei: vaterlande vergehen, volkstümer bestehen, verträge werden von der zeit vertragen F. L. Jahn 2, 573. reflex. mhd. 'zu ende kommen':

dô sich der zît vil vertrûc
mit ir loufenden jâren passional 345, 71 Hahn.


6) ein paar vereinzelte verwendungen in älterer sprache werden hier angeschlossen. refl. sich vertragen können, 'es aushalten können': (die betrügerin)

stellt sich, als ob sie in acht tagen
on speisz und tranck sich kön vertragen
Fischart nachtrab v. 2342.

vgl. sich wol ertragen, 'sich wohl befinden' th. 3, 1032. mhd. unpersönlich wie es verschlägt (sp. 1089), aus vürtragen geschwächt (Lexer 3, 588; Schmeller 1, 656):

in vertruoc dehein sîn schônheit
Herbort v. Fritzlar troj. krieg 159;

nichtsz mack meher nutzs im streit bringen und vortragen, dan das die rittere an der spitz, mit stetiger ubunge ordenunge halten Vegetius Renatus epitoma (1511) B 2b. heute noch schweiz.: das vertreit jetz nit viel, 'macht keinen groszen unterschied' Stalder; es

[Bd. 25, Sp. 1930]


mag-mer-schi nüd vertrga, 'es mag sich für mich nicht der mühe lohnen, ich möchte mich nicht darum bekümmern' Tobler Appenzell; 's mag si nitt ferdräge Seiler Basel.
II. vertragen in der allgemeinsten verwendung 'ertragen, erdulden' wird von Wilmanns gramm. 2, § 126, 7 mit dem hinweis auf ertragen (got. us-) als fra-type angesprochen. ahd. erscheint vertragen fast ausschlieszlich in dieser bedeutung, wie sie auch nhd. an häufigkeit des gebrauchs alle anderen in den hintergrund stellt: ferre, sufferre, tolerare, sustinere, supportare Graff; altnd. fardragan scal, patiar vos Gallée (Essener glossen); ähnlich mhd. und mnd.; nhd. perferre, supportare, tolerare, sustinere, pati, sufferre gemma gemmarum A 1 aa; B 2 bb; C 3 bb; Diefenbach gloss. 425c, 568b, 586c; Stieler; Kramer; Frisch.
sinnliche anschauung schimmert selten einmal hindurch: da hingegen der gute priester .. alles auff seinen breiten schuldern verträget der wohlgeplagte priester (1695) 149. oft wird vertragen mit leiden zusammengestellt: das ers (das leiden) ... so wenig vertragen wil, als jemand leiden kan, das man ihm im augapffel viel tastens mache Luther 28, 150, 29 Weim.;

leid und vertrag, dein leyd nit klag,
an gott nit zag, glück kompt all tag schöne weise klugreden (1548) 24b;

schweig', leid', meid' und vertrag,
dein noth niemand klag'
Herder 25, 599


(ähnlich verändert schon bei Faber thesaurus 335a; Spreng Ilias 12b).
seit dem 17. jh. hat eine fortschreitende verengung des gebrauchs von vertragen gegenüber ertragen stattgefunden, das im mhd. überhaupt selten ist (Lexer 3, 164). in der heutigen sprache erträgt man beschwerden, wenn dazu ein höheres masz von kraft und besonders festigkeit des willens gehört; man verträgt etwas, das auf körper oder geist von schädlicher wirkung sein könnte, wenn man es ohne nachtheil genieszt oder erduldet vgl. Eberhard-Lyon; der mensch erträgt mit pläsir, dasz man über ihn (aus kummer) weint; aber dasz man über ihn lacht, verträgt er nicht Raabe Horacker 95. Adelung weist vertragen dem 'gemeinen leben für das anständigere ertragen' zu.
1) am geläufigsten ist das ertragen von körperlichen beschwerden: einem so viel stösze geben als er vertragen kann Kramer;

das weib vertrug auch disen stos,
lies von der bitt nit abe
Ringwalt evangelia L va;

dasz ich einen puff lerne vertragen Holtei erz. schriften 15, 238; holstein. et kann en gooden stoot verdragen Schütze; diese schale ist sehr dick und beträchtlich fest, so dasz sie einen ziemlichen druck verträgt, ehe sie reiszt Sömmerring menschl. körper 5, 454; man müsse nun auf beiden seiten die streiche und schmerzen des alten haders vergessen, vergeben und vertragen Ranke 4, 60.
besonders von der widerstandsfähigkeit des magens: vertragen, verdäuen, concoquere Dentzler; dye bosen magen, die der speys nit vordragen konnen Luther 2, 106 Weim.; disz edel confect .. stercker ist, dann der selbigen (kinder) natur vertragen mag Ryff confectbuch 11a; zu dem so kundte Thurnmeyr den wein nicht wohl vertragen Moscherosch Philander 2, 211; Göthe III 1, 220 Weim.; die Deutschen vermöchten ... den mit eysz und schnee vermengten tranck wohl zu vertragen Lohenstein Arminius 2, 300b; sie hat seit mehreren tagen kaum einen tropfen wasser mehr vertragen, ohne zu erbrechen Brentano 8, 317; mein magen kann alles vertragen Castelli 10, 257; mein vater verträgt .. nicht die rauhe kost Storm 6, 108; dasz einem kerl wie mir, der seinen tabak verträgt, sich manchmal die därme im leibe umwenden Hauptmann Rose Bernd 101. sprichwörtlich: er kann viel vertragen, er hat einen ausgepichten magen Wander 4, 1615. holstein. he kann en gooden stevel verdragen, 'er kann viel saufen' Schütze.

[Bd. 25, Sp. 1931]


die weiter verbreitete wendung einen guten stiefel vertragen wird von Borchardt-Wustmann 461 darauf zurückgeführt, dasz noch heute bisweilen ein kleiner stiefel aus glas als trinkgefäsz dient, wie früher die mannigfaltigsten gestalten in biertöpfen und krügen nachgeahmt worden sind. nicht viel vertragen ('trinken') können ist allgemein verbreitet. scherzhaft von der kost übertragen:

und hast du erst mein buch vertragen,
verträgst du dich gewisz mit mir!
Nietzsche 5, 28.

anstrengung und entbehrung: (leute) die ... kälte und hitze, nas und trucken, hunger und durst vertrügen Chemnitz schwed. krieg 2, 101; obschon mein kopf seit einigen tagen auch nicht die geringste anstrengung vertragen will Lessing 17, 348; dasz wir nun beide das tanzen nicht mehr vertragen konnten Göthe 22, 27 Weim. (Meister);

an seine grösze glaub' ich wohl gern,
verträgt er so reichliche aderlässe
Lenau 643.


besonders sinnliche eindrücke: kälte, hitze Kramer; allgemein üblich; schwache augen können ein starkes licht nicht vertragen Campe; wie viel vögel die luft ihrer gegend nicht vertragen können, und daher andere stellen suchen Prätorius winterflucht 243;

vermummt, weil bosheit nicht das licht vertragen kan
Gryphius trauersp. 464 (Stuardus 5, 412);

ich tadle drum
die stärksten nerven nicht, die ihn (den betäubenden duft) vertragen.
nur schlägt er mir nicht zu
Lessing 3, 75 (Nathan 3, 60);

den spektakel verträgt kein vieh Holtei erz. schriften 5, 156; wer das feuer genieszen will, musz auch den rauch vertragen lernen Langbein schriften 31, 148.
auf sachen übertragen, 'ohne schädigung aushalten': diese farbe ist aber ungemein zart, auszerdem dasz sie keine art von nässe, nicht einmal regen vertragen kann Forster 1, 289; auch vertragen diese baumarten die scheere am besten Tieck schriften 4, 126; meine kassa verträgt solche depensen nicht Nestroy 1, 8.
auch wohl reflex. form statt der passiven: diese speise verträgt sich nicht gut Heyne.
2) auf geistigem gebiet greifen vertragen und ertragen häufiger ineinander über: Kramer; mich versetzt sie gewisz in einen stand, darinn ich keinen schertz vertragen kan Weise comödienprobe 79; dasz sie durchaus keinen zwang vertragen kan Zesen Helikon 1, 117; ich vertrage jeden mir gegenüber geübten widerspruch Bismarck erinnerungen 2, 18; Pyramus musz ein schwert ziehen, um sich selbst umzubringen, und das können die damen nicht vertragen Shakespeare 1, 218 (sommernachtstraum 3, 1); also vertregt offtmals ein gütige, gelinde (frau) .. eine schertzhafftige rede Barth weiberspiegel J viab; ich kann das predigen nicht mehr vertragen, ich glaube, ich habe in meiner jugend mich daran übergessen Göthe 422, 204 Weim.; er liebt gerechtigkeit, er kann die wahrheit vertragen Schiller 14, 198 (parasit 1, 2); sie kenn' ooch a offnes wort vertragen Hauptmann biberpelz 104.
einem vertragen in der älteren sprache würden wir bisweilen ertragen vorziehen: di lieb ist gefridsam, si ist gutig .. alle dink vertregt si 1 Kor. 13, 7 (codex Teplensis; sie vertreget alles Luther);

daʒ man vil michel baʒ vertreit
durch verre minne ein verre leit
Gottfried v. Straszburg Tristan 19369;

wo ein solch mann vermeiligt wirdt ...
so vertregt ers doch mit gedult
Sachs 9, 199, 5 Keller;

er zeiget dasz du pein und leid vertragen kannst
Opitz teutsche poemata 202 neudr.;

ich ... finde, dasz es gott gefällt
den stoltz nicht zu vertragen Königsberger dichterkreis 206 neudr.;

kanst du noch der fremden schmach vertragen? Lohenstein Arminius 1, e 3/4; ich kann die furchtbare wahrheit nicht vertragen, die von deinen lippen donnert Wieland 3, 52 akad. ausg. Schiller schwankt gelegentlich:

[Bd. 25, Sp. 1932]


verachtung nicht erträgt (var. verträgt) mein edles herz 14, 33 (braut 475).


bei sächlichem subject aber steht vertragen allein: denn ihre reichs-geschäffte vertrügen kein langes abseyn aus Thracien Lohenstein Arminius 2, 44a; es stehe diese schreibahrt der italiänischen sprache garnicht an, als welche solche schwülstige composita nicht wol vertragen könne Morhof unterricht 209; streng genommen verträgt zwar der zweck des dichters weder den ton der strafe noch den der belustigung Schiller 10, 457; am abend ... wurden einige bilder, die es vorzüglich vertragen, bey erleuchtung angesehen Göthe IV 25, 49 Weim.; die gemeindeordnung ... möchte deshalb eine noch gründlichere ... berathung sehr wohl vertragen Bismarck polit. reden 1, 204. dieser gebrauch gehört erst der neueren sprache an.
3) 'eine nicht angenehme handlung ruhig geschehen lassen, einen zustand ruhig ansehen, dulden': vertragen, parcere, indulgere voc. inc. teut. ii 5b; condono, ich vertrag, übersehe, duld, leid Alberus 31a; das der man viel an ihr (der gattin) ms vertragen, sollen sie eyns bleyben Luther 12, 137 Weim.; hinter einer etwas rauhen bürgerlichen schale, die man am reichen reichsstädter wohl verträgt, zeigt sich grosze kenntnis der weltlichen dinge Göthe an Carl August (jahrbuch 18, 3); ob sie ... seine verhaszte gegenwart auff kurtze zeit vertragen solte Ziegler Banise 120; ob Ruszland die nachbarschaft einer siegreichen französisch-östreichischen coalition an seinen polnischen grenzen vertragen könne Bismarck erinnerungen 2, 75. gewöhnlich wird das obj. durch einen nebensatz gegeben:

wer aber kan im geist vertragen,
das man ihm mag die warheit sagn
Ringwalt lauter wahrheit a ia;

und sagt, dasz er durchaus nicht könte das vertragen,
dasz ihm der Rodomont sein rosz fürhalten wolt'
Dietrich v. d. Werder Roland 196;

die unvernünftigsten leute können es bekanntlich am allerwenigsten vertragen, dasz man an ihrem verstande zweifle Zimmermann von dem nationalstolze 52; ich kann unmöglich vertragen, dasz er immer anderer leute arbeit für die seinige ausgibt Ayrenhoff 3, 150; besonders schien die bairische regierung nicht vertragen zu können, dasz sich die religiöse neuerung in ihrer nähe festsetze Ranke 4, 49.
bisweilen nebensätze anderer art:

gedulteclichen er vertrc,
do man in an die wangen slc der spiegel 329 (1, 221 Mone);

das auch ein weib .. nicht wol vertragen noch leiden könte, wan ir man nach .. fremden .. wasseren starck schmackte Fischart ehzuchtbüchlin 175; der angebliche hochmuth .. kan es nicht vertragen, wenn andere sich vermessen Breitinger crit. dichtkunst 1, 166.
mit infinitivsatz: wie möchte ich immer vertragen in keinerley unern wider in ze thon Arigo decamerone 177; ich für mein theil kann es nicht vertragen, aufgeknöpft und in weiten kleidern zu gehen Bode Montaigne 2, 152.
4) mit persönlichem object, 'einen ruhig gewähren lassen, sein treiben oder seine gegenwart dulden': vertragen einen, einem übersehen, indulgere alicui Dentzler; 'übersehen, geduld haben mit einem' brem. wb. 1, 237; hettestu nút gotte me z dankende denne daʒ er lidet dich und vertreit und dich spart und din beitet Tauler 309, 2 Vetter; wann gern vertragt ir die unweysen, so ir selb seyt weyse 2 Kor. 11, 19 (erste d. bibel 2, 134, 28; ir vertraget gerne die narren, dieweil ir klug seid Luther);

man musz ins warlich teutsch jetz sagen,
sie lassen sich nit so vertragen
Fischart nachtrab v. 238;

dasz der mann sein weib verträget,
dasz das weib trägt ihren mann,
dieses richtet frieden an
Logau sinnged. 130 (565);

so wollen sie frieden
unter einander halten, und jeder den andern vertragen
Bodmer Noah 56 (2, 503);

[Bd. 25, Sp. 1933]



nur musz der eine nicht den andern mäckeln.
nur musz der knorr den knuppen hübsch vertragen
Lessing 3, 62 (Nathan 2, 492);

es thut mir leid, dasz sie ihn nicht vertragen können, und dasz ihnen seine gegenwart so sehr beschwerlich fällt Petrasch lustspiele 1, 770; lasse mich und vertrage mich wie ich bin Bettine Günderode 1, 258; die soldaten .. konnten zuletzt keinen kaiser mehr vertragen, dessen regierung etwas lange dauerte M. J. Schmidt geschichte der Deutschen 1, 100; euer vater war ein mann, wie man sie zu Philipp des zweyten zeiten nicht wohl vertragen konnte Klinger werke 4, 83. ungewöhnlich mit folgendem nebensatz: vertragt mich, das ich auch rede, und spottet darnach mein Hiob 21, 3.
5) bis um 1600 findet sich die rection einem etwas vertragen 'hingehen lassen': eim vil vertragen und gestatten, eim nachlassen was er wil, indulgenter aliquem habere Frisius 685, Maaler; Schmeller;

der knappe sprach 'ich ensage iu niht ...
daʒ sult ir mir durch zuht vertragen' ...
Wolfram v. Eschenbach Parzival 648, 25;

so wolt man dem das nicht vertragen, sunder den umbslahen d. städtechron. 2, 261; ein ungengs volck das do nit vertregt dem alten noch erbarmt sich des lútzeln erste d. bibel 4, 222, 38; gleichwie gott der vater uns vergiebt und vertragt in Christo Jesu Luther briefe 5, 55; vertraget einer dem (geändert: den) andern in der liebe Eph. 4, 2; mich wundret, dasz man ims so lang vertragen hat Zwingli d. schriften 1, 99;

dann ich dem untreuen man
sein list nit vertragen kan
Maximilian Teuerdank 57, 55;

sol ich den mtwil in vertragen?
Murner narrenbeschwörung v. 162;

als Pandarus nun sahe disz, ...
das Diomedes sich vorab
under den feinden starck umbgab,
derselben vil zu tode schlug,
er ihm ein sollichs nit vertrug
Spreng Ilias 53b;

is ist winderlich nu,
dasz hie (gott) dir dit vortrein magk also Alsfelder pass. v. 4881;

durch daʒ muoʒet ir mir vertragen,
daʒ ich der rede ein teil gedage
Krolewitz vaterunser 2352.

mit folgendem inf.: dasz man dem keyser nit weyter vertragen sölte, bischoff, äbt und prelaten zu bestätigen Stumpf Schwytzerchron. 79a; uns die zeit lenger nit vertragen will bei einander z bleiben Wickram 1, 235, 10. ohne dativ der person: wir betrachteten sie alle, so viel es die zeit vertrug Lohenstein Arminius 1, 695a.
6) ebenfalls veraltet ist 'etwas erlassen, einen einer sache überheben'. neben dem dativ der person das obj. im genitiv: owe und owe, in berg und tal, wes beitent ir, wes haltent ir so lange uf, wes vertragent ir uns Seuse 238, 35; ich bitt eüch, vertragen mich euers schimpffs und nit legen mir solliche schöne z Wickram 1, 84, 11; (er) das so lange treyb das etlich in der nachperschaft im seins pleüen und schreyen nit mer vertragen mochten Arigo decamerone 85; de ridder beschermen dat gemeyne gut, darumme vordrecht men em ock gemeiner gave (steuern) Sachsenspiegel 2, 26 glosse. mit acc. der person:

und was du dir nit günnen sölst,
dein nächsten des vertragen wölst
Schwarzenberg teutsch Cicero 147v;

die partheyen merer cost, mue und zerung zu vertragen urkunde v. 1481 bei Haltaus. besonders die verbindung mit dem part. prät. ist in urkunden verbreitet: eines dinges vertragen werden, sein, bleiben 'überhoben'. belege finden sich zahlreich bei Haltaus, Lexer, Schiller-Lübben, Schmeller, Fischer. des sie sünst vertragen weren gewest, weren sie bei einander beliben d. städtechron. 2, 330; des alles er vertragen gewesen, wo er im stand der unschuld beliben wäre Berthold v. Chiemsee theologey 222;

... wärstu söliches verklagen
von den juden vertragen? Tirol. pass. 91 Wackernell

[Bd. 25, Sp. 1934]



hett sy ein frummen eeman gnummen,
des jamers wer sy gar vertragen
Murner narrenbeschwörung v. 119;

das sy alles bösen lümdes gantz syen gewesen vertragen Wyle translationen 318; es sollen alle arckelleypersonen tag und nacht wacht und hut uberhebt und vertragen sein Fronsperger kriegsbuch 1, p 4v; so wer ich der unehrlichen widerfahrt vertragen bliben Carbach Tit. Liv. 189v. diese verwendung erlischt schon um die mitte des 16. jhs.
7) selten ist ein älteres intrans. 'unterlassen'; mit obj. im acc.: sîn zorn unt sîn andunge vertreit niht deheine râche predigten 6, 40 Leyser. mit obj. im genitiv:

'wie solt ich davon peichten mich?
ich hab nye sünd damit bejagt!'
der herre sprach: 'der red vertragt,
kain plschafft mag on sünd gewesen!'
Hätzlerin liederbuch 116.

absolut mit infinitivsatz: der reiche .. vortrug zu nemen von seinen schafen und seinen ochsen (parcens sumere) Wenzelbibel (14. jh.) bei Jelinek 851; stell ab Euriole ze hoffen das, das sich nit gebürt ze erfolgen. vertrag mit botten und briefen mich ze bekümbern Wyle translationen 35, 21.
8) durative verwendung 'verweilen, verzögern' erscheint vereinzelt auf nd. und md. boden: dat it em lever was, dat de sake nicht verdragen wurt Kantzow pomm. chron. 206. subst. inf.:

sunder einich lenger verdragen
spranc hê up dat gôde ros Karlmeinet 65, 20.


III. die bedeutungen 'sachen zum austrag und vergleich bringen, personen zu versöhnung und eintracht bewegen, ein abkommen treffen, sich aussöhnen, sich einträchtig stellen mit anderen' sind wohl von II herzuleiten. übrigens datiert dieser gebrauch erst vom 15. jh., wo er in der urkundensprache einsetzt. der trans. veraltet im 18. jh., wird aber hier und da wieder belebt; der reflexive verbreitet und erhält sich allein.
1) 'eine verabredung treffen, einen vertrag schlieszen': decidere, verrichten, vertädingen, vertragen, vereinbaren; decisa negotia, auszgemacht und vertragen Frisius 367b; Maaler; ein vertrag oder pact machen, vertragen, depaciscor Calepinus 397b; dat wart vordregen, concordatum est slavische chron. 284, 5 (Schiller-Lübben);

dar nâ verdrôgen sî under ein Karlmeinet 383, 52 Bartsch;

und ward die sach vertragen, daʒ der bischoff von Basel im solt geben 900 marck sylber Münster cosmographey 420; ist die sache vertragen, wir haben noch da wegen eines schweren brieffes was mit einander zu thun Weise comödienprobe 338; so hab ich seithero hören sagen, es sey mit der cron Böheim gericht und vertragen worden Berlichingen 37. danach alterthümelnd: ja, vertrag du mit den pfaffen! Göthe 8, 6 Weim. (Götz);

drum hat der edle graf von Rochepierre,
der drinn befiehlt, in dieser höchsten noth
vertragen mit dem feind, nach alten brauch,
sich zu ergeben auf den zwölften tag
Schiller 13, 195 (jungfrau 570);

Holda, die freie —
vertragen ist's —
sie tragen wir heim
R. Wagner 5, 218 (Rheingold);

er hatte schweigend vorhin zugehört, als wäre es so mit dem gaste vertragen gewesen Alexis Isegrim 1, 125; 1529 (wurde) aber vertragen, dasz künftig bei jeder huldigung .. markgräfliche räthe gegenwärtig seyn sollten Eichhorn d. staats- und rechtsgeschichte 3, 137; angebliche verletzungen des vertragenen rechts Mommsen röm. geschichte 1, 159; die stadt ergab sich vor dem vertragenen tage Dahn urgeschichte 1, 270.
part. präs. in substantivischer form: die dauer derselben (verträge) gründet sich auf die kräfte der vertragenden neue schauspiele (1771) 2, 3, 53.
2) 'eine streitsache zum austrag bringen, schlichten': etwas fründtlich und glücklich vertragen, verrichten, zerlegen, cum bona gratia componere Frisius 610b; dijudico

[Bd. 25, Sp. 1935]


418a; schlichten, verschlichten, hinlegen, vertragen, dirimere Alberus 41a; den streit vertragen, ausmachen Kirsch, Frisch; noch Adelung geläufig, erst von Campe als veraltet bezeichnet. ältere belege bei Schiller-Lübben, Lexer, Schmeller, Fischer. der abt vilerlay handlung mit gerichtlicher costung .. vertragen mochte Knebel Kaisheimer chron. 478; zuletzt ward der krieg durch die Teutschen vertragen Franck chron. Germaniae 160;

wir wölln euch führen zu dem wein
und wollen den hader vertragen
Sachs 17, 168, 29 Keller-Götze;

stellet beyde bürgen her,
in zwey tagen
zu vertragen
dieses mit der scharpfen wehr Reinicke Fuchs (1650) 392;

vor solchen lehen-männern .. soll die sache vertragen, gehandelt, .. erkennet werden Hohberg georgica 3, 9b. zusatz einer präpos. bestimmung: das die ding meer zwischen uns vertragen werden mit guter gnad dann mit böser (componamus) Terenz deutsch (1499) 133a; das der hader zwischen got und menschen durch disz kindlein vertragen Mathesius leichenreden 53; so bald sie den krieg mit den Carthaginiensern vertragen Xylander Polybius 73.
besonders im part. prät.: dasz alles vergleicht und vertragen were Luther 342, 544, 16 Weim.;

lasz es gut seyn und vertragen,
was ist wider dich gethan
Opitz psalmen Davids (1637) 49;

rück niemandts sein gebrechen auff,
noch alt vortragne sach
Ringwalt warnung N 1b.

danach nur noch alterthümelnd:

mach' immer die nase kraus
bei allen den vertragenen geschichten
Arndt werke 3, 48;

seit wann hat denn der Götz wieder händel mit dem bischof von Bamberg? es hiesz ja, alles wäre vertragen und geschlichtet Göthe 8, 6 Weim. (Götz); was trennt und irrt, kann hernach unter uns geschlichtet und vertragen werden Görres schriften 2, 94; er .. flohe aus dem lande, bis die sache vertragen ward und er verzeihung erhielt Grimm deutsche sagen 1, 78; (es) bildete sich 1376 eine verbindung von 14 reichsstädten in Schwaben, die sich zusagten, .. die gegenseitigen streitigkeiten .. zu vertragen oder zu entscheiden Eichhorn d. staats- u. rechtsgeschichte 3, 74. ausnahmsweise reflex. form zum ersatz der passiven: denn so wir unser rüstung hetten, würd dieser zweyspalt sich bald anderst vertragen Amadis 1, 332 Keller.
3) 'einen gegner aussöhnen, streitende parteien einträchtig machen': reducam te cum fratre in gratiam, ich wil euch eyns machen .., wil euch vertragen Alberus; componere amicos, zwen freünd die uneins oder zweyträchtig sind widerumb eins machen und sy miteinanderen vertragen Frisius 271b; Faber; Calepinus; Stieler; Dentzler; Frisch; noch Adelung geläufig; von Campe als landschaftlich bezeichnet, aber in den mundartlichen wb. nicht nachzuweisen (doch vgl. unten den beleg bei Bismarck). ich aber will .. gott bitten, das er euch .. vertrage und vereynige Luther 18, 334, 4 Weim.; beide parten in der güte und süne zu gleichen und zu vertragen Schütz preusz. chron. 1, S IVa; ein schöner pfau, sampt dem weiblein, die zanckten mit einander, und bald wurden sie vertragen Faustbuch 22 neudr.;

man solt zwey widerwertig heer ...
viel ehe vertragen, auff mein eyd,
als diese schöne heiligkeit
Fischart S. Dominici leben v. 121;

Pompejus drey schieds-richter beyde könige zu vertragen abfertigte Lohenstein Arminius 1, 214a; vor zehn jahren haben wir euch vertragen, und ihr habt wieder angefangen Alexis Roland 1, 41; (danach) habe ich hier termin in deichsachen abzuhalten, um zänkische bauern zu vertragen Bismarck an braut und gattin 20. mit präpos. zusatz: ob er wol durch den ewigen mittler

[Bd. 25, Sp. 1936]


wider mit gott vertragen wurde Mathesius Sarepta 182a; ehe er nun ausz Italia kame, vertrg er Berengarium mit dem babst Franck chron. Germaniae 89; Galba vertruge darauf meinen bruder und mich miteinander A. U. v. Braunschweig Octavia 2, 756; um die könige von Frankreich und Engelland mit einander zu vertragen M. J. Schmidt geschichte der Deutschen 3, 409.
die streitsache selbst wird selten durch den genitiv, gewöhnlich durch eine präpos. bestimmung ausgedrückt: sie unser herr der künig solcher sach in der gütikeit nit vertragen mocht d. städtechron. 2, 238, 3; ob einicher totschleger oder übelteter mit seinem widerteil umb die tat vertragen were Nürnberger polizeiordnungen 43; Rothweil ist mit Stoffeln von Landenberg, uber das er yr vorstat auszprant .. hatt, vertragen Scheurl briefbuch 2, 245; den von Zeringen und hertzog Fridrichen mit einandern zu vertragen, von des alamannischen hertzogthumbs wegen Tschudi helvet. chron. 1, 33.
das part. prät. gilt als adj. 'einträchtig, harmonisch': weiln wir nunmehro wider einig und vertragen seynd Bastel v. d. Sohle harnisch von Fleckenland 250;

eh als sie (die welt) selber war, war gott mit ihm vertragen,
der vater und der sohn
Opitz opera (1690) 3, 227;

der himmel steht nicht, wie er stund,
mit land und see vertragen
Dach bei
Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 84.


alterthümelnd: höfe, die sich von vornherein durch abgetöntes, hocharistokratisch vertragenes wesen auszeichnen muszten Lamprecht deutsche geschichte 3, 195.
der reflex. gebrauch folgt dem transitiven.
4) 'einen vergleich, eine vereinbarung treffen, einen vertrag abschlieszen': sich vertragen, vergleichen Dentzler; Kramer; wir haben es so miteinander vertragen, verglichen, verabredet, wofür man aber lieber einen vertrag machen sagt Adelung; Campe erklärt es noch als wenig gebräuchlich, heute ist es durchaus ungebräuchlich. doch bucht Frischbier als preuszisch: er hat sich als knecht vertragen, 'sich verdungen, durch vertrag gebunden'; Schmeller als bair. lebendig beim gerichtlichen vergleich der bauern. (der könig) lies mit den juden handeln, und vertrug sich mit inen, und schwur den vertrag zu halten 2 Macc. 13, 23; Hieron vertregt und verbindt sich gegen den Römern Xylander Polybius 10; auch die sudler und sudlerin, so im läger kochen, sollen sich alle monat mit dem profosen nach zimlichen dingen vertragen ('abrechnen') Fronsperger kriegsbuch 1, M 3r; ein jeglicher gang in sein selbs gewissen, wie er sich vergleiche und vertrag mit der geschrifft Paracelsus opera 2, 642; zwei tüchtigen helden, die sich ritterlich vertragen und gegenseitig stählen, ehe sie sich befehden Keller 4, 226.
das object der vereinbarung bringt die ältere sprache im genitiv, später erscheint ein präpos. zusatz: darnach .. vertrugen sich etwevil fursten einer puntnusz d. städtechr. 3, 302; sie vertruegen sich selbs der wehr und wat, also das ir kainer mehr dan ein langen spies mit langen tegen haben solten Wilwolt v. Schaumburg 124;

haben sie sich desz kauffs vertragen,
dasz der schuhmacher im solt geben
die 24 gülden eben
Fischart Eulenspiegel v. 6048.


um: wo sich kauffer und verkauffer des schmaltz umb den abschlag des gevesz gutlich nicht vertragen mogen Nürnberg. polizeiordnungen 220; Christus und Belial können sich nimer mehr vertragen in einem bett um die braut Luther 18, 268 Weim.; wie verträgt sich der teufel und du um deine seele, die du ihm .. verkauft hast? Shakespeare, Heinrich der vierte I 1, 2; um dessen (herzens) andere beiden drittheile sich Kanngieszer und ich vertragen sollen Holtei vierzig jahre 1, 174.
über: die weil der metziger also (mit einem anderen) zanckt .. hiesz (Ulenspiegel) sie sich darüber vertragen so best sie konten Eulenspiegel (1515) 93 neudr.;

[Bd. 25, Sp. 1937]


wie sie aus ihrer klaus' entkommen,
darüber mag, wie's ihm gefällt,
sich jedes mit sich selbst vertragen
Wieland werke (1794) 9, 211;

die weiber wissen niemals, worüber eigentlich die männer sich nicht vertragen können Göthe gespräche 2, 325 Biedermann; denn über alle punkte habe man sich mit ihm .. vertragen Ranke 4, 313.
mit: dasz sie mit verglichener proviant und fourage sich nicht vertragen könnten acta publica 6, 301 Palm; so suchte ich mit Lenzen einen handel zu schlieszen, und hofrath Loder möchte alsdann mit dem vorschusz der quartale .. sich mit dem Leipziger zu vertragen suchen Göthe IV 11, 218 Weim.
wegen: wir haben uns mit dem edeln .. graven zu Fürstenberg, von wegen unser stat Prunlingen, gütlich vertragen urkunden zur geschichte Maximilians 7 Chmel; bis dein abt .. sich mit mir wegen der wiesen verträgt Freytag werke 9, 58.
mit nebensatz: an. 1538 vertrug er sich mit k. Ferdinando, dasz nach seinem tode das reich an Österreich kommen .. sollte Birken Donaustrand 163; dies schandbare wirrsal wegzutilgen vertrugen unsre väter sich im kloster J. Immermann werke 15, 270.
5) 'sich aussöhnen, versöhnen, den gegenseitigen unwillen fahren lassen' Adelung; noch heute lebendig. versöhnen weist auf eine stärkere uneinigkeit zurück als vertragen und hat den nebensinn, dasz zugleich geschehenes unrecht wieder gut gemacht werde vgl. Eberhard-Lyon. sich mit eim vertragen und zum end kommen, componere et transigere Frisius 271b; Kramer.
'frieden schlieszen': dieweil vertrg sich sein sun Albertus .. mit dem babst Franck chron. Germaniae 90; die ewige stete feinde sind und sich nicht vertragen lassen, als Christus und der römische Antichrist Luther 18, 268 Weim.; vertragen wir uns lieber in der güte mit einander! Gryphius Horribil. 81 neudr.; sie .. reicheten sich die hände, und vertrugen sich Happel akad. roman 905; ich vertrage mich mit meinen offenbaren feinden, um gegen meine heimlichen desto besser auf meiner hut seyn zu können Lessing 18, 227;

ist's wahr, dasz beide stämme sich vertragen?
Göthe 9, 402 Weim. (Tankred 911);

Paris hat sich vertragen mit dem Dauphin
Schiller 13, 241 (jungfrau 2309);

der könig vertrug sich dann aber mit Manteuffel, der inzwischen 'gehorsam' gelobt hatte Bismarck erinnerungen 1, 158; wir wollen uns vertragen, mutter. du bist, wie du bist Fontane 6, 78; 's beste wär, sie vertrügen sich wieder Hauptmann biberpelz 75. mundartlich verbreitet; sprichwörtlich: pack schlägt sich, pack verträgt sich Hippel lebensläufe; Gaudy 2, 85; schwäb. Fischer.
6) dann wird sich vertragen, besonders in der neueren sprache, von dauernden verhältnissen gebraucht, 'mit einander auskommen, harmonieren': wie verträgst du dich mit deinem herrn? ... nun, wie vertragt ihr euch? Skakespeare 4, 41 (kaufmann von Venedig 2, 2); sie (die gatten) vertrugen sich schlecht, sie lieszen sich scheiden Bauernfeld 3, 298. gewöhnlich sich gut miteinander vertragen Adelung; convenire optime cum aliquo, uberausz mit eim wol eins und zefriden seyn, sich mit eim wol vertragen Frisius 328a; Dentzler; das man und weib sich lieblich mit einander vertragen Luther 341, 60, 13 Weim.;

frembd leut sich fridlich wol vertragen
Sachs 22, 219, 9 Götze;

sondern habe mich mit jedermann wohl vertragen Schweinichen 34; se vertrug sich su wuhl mit e katzen Gryphius lustspiele 261 (Dornrose); wenn du willst hübsch lustig sein und dich mit allen gut vertragen Brentano schriften 7, 106; dasz alles .. sich brüderlich vertrage, beständig und lustig unter ihm lebe Ranke 3, 386. volksthümliche vergleiche gehören hierher:

wie braut und breutgam sich vertragen
Rollenhagen Froschmeuseler NIIa;

[Bd. 25, Sp. 1938]



wie hund und katze sich vertragen
Rückert werke 3, 76;

schon bei Kramer; oberhess. luxemburg. preusz. Leihener, lux. wb., Frischbier sprichw. 1, 273; wie ein paar kaninchen 2, 190; wie katze und maus; wie speck, ratzen und katzen; wie feuer und wasser Wander sprichw. 4, 1614; 1615; ostfries. mester (lehrer) un pastor moten sück vertragen as speck un kohl Kern-Willms Ostfriesland 40.
sich nicht vertragen neben einander Kramer; sie konnten sich niemals vertragen Adelung; von auszen vertragen sich zwen hart gsellen und herte stein nit mit einander Franck sprüchw. (1541) 2, 24a; darnach mochten sie sich nit vertragen, sunder ein brueder schlug den andern zu tot d. städtechron. 3, 104;

ir weyber aber in kurtzen tagen
die kundten sich gar nicht vertragen
Sachs 8, 524, 16 Keller;

dasz er sich gar noch obendrein mit seinem übrigen geschwister zu hause nicht vertregt Lessing 17, 203; sie konnte sich mit dem herzog nicht vertragen Göthe 8, 246 Weim. (Egmont); zwei sonnen vertragen sich nicht am himmel Alexis ruhe 1, 64.
der positive gebrauch sich vertragen ohne jeden zusatz ist erst im 18. jh. möglich:

können zweene sich vertragen,
hat der dritte nichts zu sagen
Spanutius sprichwörterlex. (1720) 627;

eine zeitlang vertrugen sich die brüder und lebten nach dem gebot des vaters Herder 24, 426; dasz kaum je zwei, höchst selten sie sich zu drei vertragen Göthe IV 28, 176 Weim.; mit denen du dich verträgst, wenn kein mensch mit dir auskommt Bettine Günderode 1, 109.
Sallmann 85b verzeichnet für Estland einen sonderbaren participialen ausdruck: ein vertragener meister ist ein handwerker, der, vom land zur stadt gezogen, mit der zunft sich verträgt.
7) spät hat sich auch die verbindung mit sächlichem object herausgebildet, sich mit etwas vertragen, 'harmonieren, sich einverstanden erklären mit etwas': dasz der stolze und lasterhafte mensch mit der ewigen ordnung .. gottes sich unmöglich vertragen kann Haller tagebuch 1, 19; personen .., die sich mit dem blendenden zeitgeiste nicht vertragen konnten Göthe 28, 106 Weim.; ich kann mich überhaupt mit wenigen kinderbüchern vertragen aus Schleiermachers leben 1, 106; die Franzosen haben sich deshalben am wenigsten mit Shakespeare (seinen werken) vertragen können Hegel 101, 344; könnt ihr euch aber mit dem glauben vertragen, dasz sie vielleicht hülflos .. sind Tieck schriften 4, 93.
älter und häufiger ist der gebrauch, wenn auch das subject sächlich wird: sachen vertragen sich, 'stehen miteinander im einklang, harmonieren'; wasser und feuer Kramer; thorheit und weisheit Adelung; wan zweijer leige werke envertragent sich nút mit ein ander Tauler 182, 4 Vetter; fure mir die schrifft, ut sich mit dem glaube reime und vertrage Luther 341, 106, 9 Weim.;

dasz freylich ungemein
zugleiche sich vertragen
keusch und auch schöne seyn
Opitz opera 3, 83 (Judith 2, 6);

auch pflagst du stets zu klagen,
gesund seyn wolle sich
nie recht mit dir vertragen?
Dach 758 Österley;

kann schnee sich mit der gluth, und laub mit schnee vertragen?
Brockes irdisches vergnügen 4, 105;

mit dieser schmeicheley .. hätten sie mich verschonen sollen. sie will sich mit meinem vorsatze .. nicht vertragen Lessing 2, 323 (Sara 4, 4); wie er dich aus diesem unedelen staub, der sich so wenig mit deinem geist und adel verträgt, ans licht emporheben wollte Schiller 2, 60 (räuber 2, 1); diese künste .., die sich so übel mit den vorurtheilen vertragen Wieland Agathon 1, 109; mit dieser vermittelnden neigung vertrug sich sehr wohl ein starkes rechtsgefühl Treitschke

[Bd. 25, Sp. 1939]


hist. aufsätze 1, 145; die frömmigkeit jener katholischen zeiten vertrug sich mit recht groszer lustigkeit Alexis Roland 1, 88.
unpersönlich:

was sich verträgt
mit meiner pflicht, will ich ihr gern erweisen
Schiller 12, 462 (M. Stuart 1506);

so lange .., als es sich mit meinen übrigen umständen nur vertragen kann Lessing 18, 191; zufall? bester, wie vertrüge es sich mit der gesunden philosophie, diesen zu statuiren! Tieck schriften 3, 4; es vertrug sich sehr wenig mit dem geist der römischen institutionen, dasz .. Mommsen röm. geschichte 2, 94; mehr aufwand zu machen, als sich mit haushälterischer bedächtigkeit vertrüge Keller 1, 136.
8) nach heutigem sprachgebrauch läszt sich das subst. vertrag (s. d.) zu den gruppen 1, 4, 5 in beziehung setzen; sonst tritt der subst. infinitiv als ersatz ein. in älterer zeit war die verwendung von vertrag ausgedehnter. das subst. die vertragung (s. d.) verwirft schon Adelung.
vertragenheit, f., ungebräuchliche abstractbildung zu vertragen II 5, 'nachsicht': licentia, erlaubnusz, übersähung, willfart, vertragenheit, verhengnusz, verwilligung Frisius 771a; Maaler 435a.
 
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verträger, m. , auch ohne umlaut vertrager. durchgängig veraltet.
1) wohl zu verträgen: vertrager, träg, untru, frasz, hrer (gerro, iners, fraus) Terenz deutsch (Straszburg 1499) 94a. vielleicht auch zum folgenden zu ziehen.
2) zu vertragen I 4 obd. im 15./16. jh.: ein lesterer, schmäher, verschwätzer, vertrager, convitiator Frisius 330b; criminosus, quadruplator 344b, 1098a; verträger, vitilitigator 1392a; Maaler 434c, 435a; Diefenbach gloss. 476c; wo der könig die oren den nidigen und miszgünstigen vertrager .. nit zu wit ufgespert hette Kessler sabbata 171.
3) zu vertragen II 5 mnd. vordreger, 'der nachsichtig ist' Schiller-Lübben 5, 343b:

dat de vordreger beter is
dan ein stalboldich man,
de vordraghen nicht en kan laiendoctrinal f. 152a (ebd.).


4) zu vertragen III 2, 3: pacificator, ein verträger, friedmacher Faber 598b; pactor, ein vertrager, vereiniger, verthädinger Calepinus 1010b; pacificator, reconciliator Reyher u 5 vb; wenn's händel setzt wegen des vertrags, schlagen wir den verträgern zusammen die köpf' ab Göthe 8, 146 Weim. (Götz 5).
noch Campe schlägt verdeutschungswb. 222b verträger neben vertragschlieszer zur wiedergabe von contrahent vor; es ist aber nicht üblich geworden.
dazu bildet Herwegh briefe 221 vertragerei, f., 'die sucht, alles zu schlichten': (leute) die alles mit vertragerei und schlichterei zurechtsetzen möchten.
 
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verträgern, verb., von träger (s. d.) abgeleitet, ausdruck der druckersprache: das rähmchen verträgern, an dem eisernen, am deckel befestigten rahmen einen dicken span (träger) anbringen, mit kleister aufpappen, damit die lettern einer columne beim drucken nicht zu scharf herauskommen vgl. Klenz druckersprache 107; 86a; 104a.
 
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verträgig, adj., s. verträglich.
 
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vertraglich, neu gebildetes adv. zu vertrag in dem sinne 'vertragmäszig, durch vertrag festgesetzt': vertraglich gebundene unternehmer Alten heer u. flotte 1, 32.
 
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verträglich , einziges noch übliches adj. und adv. zu vertragen. eine nebenform verträgig erlischt im 16. jh.: mhd. wb. 3, 77b; Lexer 3, 274; Fischer 2, 1383; wis in als gote gehôrsam, verträgic, undertänic d. mystiker 1, 338, 36.
ahd. unfartragantlih, unfertragenlich 'unerträglich' erscheint schon in den glossen 2, 655b Steinmeyer-Sievers und bei Notker vgl. Graff 5, 499; mhd. und frühnhd. noch vereinzelt vertragenlich, indulgenter Frisius 685, Maaler 435a; sonst in der kürzeren form vertregelich,

[Bd. 25, Sp. 1940]


verträgelich mhd. wb. 3, 76b; Lexer 3, 274; vertragelich, verdrechlich, tollerabilis Diefenbach gloss. 586c; seit dem 17. jh. in anderer bedeutung (lexicalische nachweise s. unter 3). mundartlich obd.: schwäb. verträglich Fischer 2, 1383; österr. vertraglich bei Anzengruber (s. unten). mnd. vordrachlik Lübben-Walther 497b; mnl. verdrachlijc Verdam 619a; verdraghelijk, tolerabilis, patiens, aequanimus Kilian 585a; nl. verdragelijk; ostfries. ferdragelk Doornkaat 1, 444a. ins dän. übernommen fordragelig.
1) 'zuträglich, förderlich, bekömmlich' (vgl. vertragen I 6): es wird dem gesambten hausze Weymar nicht wenig vorträglich seyn Weim. urkunde v. 1685 bei Diefenbach-Wülcker 570; der brand ist allezeit der frucht mehr schädlich als vorträglich Hohberg georgica 3, 137b; so hat es (Europa) auch zu meisten orten und zeiten ein getemperierte, gesunde und vertregliche lufft Quad enchiridion cosmographicum (1604) 3; daʒ eʒ den blœden ougen deste verträgelicher sî biʒ sie geheilen d. mystiker 1, 324, 37. eine schwäb. quelle von 1790 bei Fischer. dem sinne nach schlieszt sich das heute übliche verträglich an, das wir von speisen und getränken gebrauchen (vgl. vertragen II 1): eine leicht verträgliche speise Heyne. literarische belege fehlen.
2) im anschlusz an vertragen II 2 ist es vor erträglich gewichen. 'leicht zu ertragen':

die (sünde) wæren sô vertregelich,
daʒ got lîhte erbarmte sich
über sô getâne schulde
Fleck Flore 7959;

ob schon die weltlichen .. dem gemein man mer abgenommen haben denn in von recht gebürt, so ists aber verträglicher denn von den falschen geistlichen satiren 3, 186, 24 Schade; und ernstlich wurden verkaufft in knecht und in dirnen, und wer in ein vertregliches (var. leydlicher) ubel, und ich schweyg seufzende erste d. bibel (Esther 7, 4); das sie umb einen vertreglichen pfenning bessere wartung und tracterung in ihrem eigenen hause nicht hetten haben kunnen Quad teutscher nation herligkeit (1609) 16.
3) zu vertragen II 5 gehört verträglich, 'nachsichtig': indulgenter Frisius, Maaler, Dentzler; so gloubst dem aller gerechtesten, dem aller barmhertzigesten, verträgelichesten Riederer spiegel t ivb; also war er auch vertreglich und gütig den, die im nach gaben und entwichen Carbach Tit. Liv. 323r.
am ausgedehntesten ist der gebrauch von verträglich meist im anschlusz an reflex. vertragen III 4 ff.: pacificus, friedfertig oder verträglich Zehner (1645) 75; placabilis Reyher u 5 vb; comportable, verträglich Wächtler 110; placabilis, versühnlich; concors, einig Dentzler 315b, 314b; placabilis, lenis, mitis Frisch 2, 380c; verträglich sein, leben miteinander Kramer 2, 1112a; geneigt und fertigkeit besitzend, sich mit andern zu vertragen, friedlich mit ihnen zu leben Adelung; vertragsam (s. d.) drückt diese eigenschaft in höherem grade aus, indem es eine fertigkeit darin einschlieszt Campe;

wis niht an pentekeit müelîch,
wis hüfsch unde vertregelîch
Thomasin wälscher gast 8174;

wenn die arbeiter fleiszig, die vorsteher treu, und die gewercken richtig und vertreglich sein Mathesius Sarepta 37b; haltet euch .. fleiszig im studiern, verträglich in compagnie Schoch studentenleben B 8a;

(er war) verträglich in der welt, klug und verschmitzt im rathe
Lohenstein hyacinthen 2, 53;

(so) leben und sterben sie still und verträglich, gleichgültig-vergnügt Herder 13, 210; die menschen sind nicht mehr so gesellig und verträglich maler Müller 2, 116; na, könnt'st du nit leicht a frumm und vertraglich sein? Anzengruber 6, 37.
mit präpos. zusatz: der verträglich, schiedlich und friedlich gegen männiglich sich erzeige Dannhawer catechismusmilch 3, 90;

verträglich, tugendhaft, voll ehrfurcht gegen gott
Brockes irdisches vergnügen 4, 340;

[Bd. 25, Sp. 1941]


wenn nur die treue braut
das elend in der zeit mit uns verträglich baut
Günther ged. 784;

darum sollen sie auch freundlich und verträglich seyn mit einander Arndt an s. l. Deutschen 1, 267; (sie) verhielt .. sich so bescheiden und verträglich zur truppe, ... dasz niemand mehr klage führte über sie Holtei erz. schriften 35, 165.
gesteigert: sie werden in mir den verträglichsten ehemann finden Schröder dram. werke 2, 90. subst.: der verträgliche, name eines mitgliedes der fruchtbringenden gesellschaft vgl. Neumark palmbaum 237.
von nicht menschlichen lebewesen: im fal sich einiger garstiger neidhammel unter die verträglichen schafe mit einmischen ... solte Zesen Helikon 31; sehr gesellige vögel, die immer verträglich unter sich leben Naumann naturgeschichte der vögel 2, 149; mit sich selbst verträgliche gewächse Schwerz ackerbau 888;

noch manches kraut, manch dunkel-kräft'ger stein,
der ihr entsprangt, der erde geb' ich euch.
so, ruhet hier verträglich und auf immer!
Grillparzer 5, 127 (Medea).


von sächlichen dingen:

daʒ diu werlt sô gar ahte gevie
eines mannes durch sîn güete
unt umb verträglîch gemüete die warnung 852 Haupt;

inzwischen ist sein verträglicher umgang mit allen denen .. gewisz nicht vergeblich gewesen Spangenberg leben Zinzendorfs (1773) 945; bei ihrem gutherzigen und verträglichen charakter Forster 2, 145; wodurch ihr geschmack verträglicher und ihre beurtheilungskraft unpartheylicher werden muszte allg. d. bibliothek 12, 16. bisweilen läszt sich verträglich zugleich als 'versöhnlich' und 'erträglich' auffassen: versuche, mit dieser macht in ein verträgliches verhältnisz zu kommen Ranke 30, 286; zu einem verträglichen ende führen Bismarck polit. reden 4, 209.
4) seit dem 18. jh. ist 'vereinbar, harmonisch' im anschlusz an vertragen III 7 zu belegen: harmonisch, compatibel Moritz gramm. wb. 4, 285; compossibel, zusammen möglich, nicht ausschlieszend Eisler philos. wb. 3, 1673; 1, 650; lebensthätigkeit und tüchtigkeit ist mit auslangendem unterricht weit verträglicher als man denkt Göthe 25, 6 Weim.; dasz feigheit uns mit einem edlen charakter nicht wohl verträglich scheint Schopenhauer 5, 209; deshalb sollte die menge der selbstgebauten rüben nicht gröszer sein als mit einer geordneten fruchtfolge des gutes verträglich war Freytag werke 1, 92; weil das, was zu recht und ordnung bestehn kann, schon unsern vorvordern bekannt war, und was dö nit kennt hab'n, a nit mit recht und ordnung vertraglich is Anzengruber 6, 221. mit nebensatz: es scheint mir mit der würde eines priesters nicht recht verträglich, blut zu vergieszen Holtei erz. schriften 27, 80. attributive stellung ist selten: dasz Preuszen ohne krieg und in einer mit legitimistischen vorstellungen verträglichen weise das vorgewicht in Deutschland zufallen würde Bismarck erinnerungen 1, 74. die anwendung auf verträgliche ('harmonische') farben ist nicht mehr üblich: alle tapeten sind helle, von sanften, verträglichen farben Sturz schriften 1, 8; in absicht der festigkeit und des guten geschmacks in verbindung der verträglichsten farben Lessing 10, 361.
 
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verträglichkeit, f. , subst. zu verträglich. ältestes vorkommen im verwandten mnl. verdrachlijcheit Verdam 619a; verdraghelickheyd, tolerantia, patientia, aequanimitas Kilian 585a. nhd. verträglichkeit, comportabilità Kramer 2, 1112a; placabilitas, concorditas, lenitas Kirsch 2, 315a; Frisch 2, 380c; Adelung; Campe. schwäb. Fischer 2, 1383. ins dän. übernommen: fordraghelighed.
1) selten die 'fähigkeit, etwas zu vertragen' (vgl. verträglich 1, vertragen II 1): bestehen keine bedenken (gegen die tropentauglichkeit), so ist als schluszprüfung noch die verträglichkeit für chinin .. festzustellen Alten heer u. flotte 3, 137.
2) sonst im anschlusz an verträglich 3 und vertragen III 4 ff. zur bezeichnung der fähigkeit, sich mit andern

[Bd. 25, Sp. 1942]


vertragen zu können: die christliche verträglichkeit Kramer; verträgligkeit, sanfftmuht, freundligkeit Dannhawer catechismusmilch 3, 278; einigkeit, einträchtigkeit, verträgligkeit Treuer Dädalus 1, 433; die bescheidenheit und verträglichkeit zu facilitirung vieles guten Thomasius ernsthaffte gedancken 2, 20; ich .. liesz .. mit stiller verträglichkeit einen jeden nach seiner art gewähren Göthe 22, 325 Weim. (Meister);

(jeder) komme dieser kraft mit sanftmuth,
mit herzlicher verträglichkeit, mit wohlthun,
mit innigster ergebenheit in gott
zu hülf'!
Lessing 3, 95 (Nathan 3, 530);

was giebt behäglichkeit dir in des lebens kreisen?
weise verträglichkeit mit thoren und mit weisen
Rückert werke 8, 297.

von thieren, pflanzen: dasz es mehr streit als verträgligkeit unter ihnen (den vögeln) geben müste Prätorius winterflucht 204; der kater .. wuszte sich so vortrefflich durch mäusefangen und verträglichkeit mit meinen hunden auszuzeichnen Brentano 4, 229; über die verträglichkeit der gräser untereinander waltet kein zweifel mehr ob, wie die wiesen sattsam beweisen Schwerz ackerbau 888.
abstractes: auf einem boden .., wo sich islam, buddhaismus .. mit dem christentum in leidlicher verträglichkeit durchkreuzten Gutzkow werke 3, 342; die verträglichkeit Ruszlands mit mächten, die nicht auch ohne sein wohlwollen bestehn könnten, hätte ihre grenzen Bismarck erinnerungen 2, 256.
3) 'die vereinbarkeit, harmonie' mehrerer dinge (vgl. verträglich 4, vertragen III 7): verträglichkeit Eisler philos. wb. 3, 1673; ihr wesen hat mit der einsamkeit keine verträgligkeit Lohenstein Arminius 2, 24a; die erdichtung, die ohne wahrscheinlichkeit und verträglichkeit ihrer bestandtheile allemal unnatürlich .. wird Eschenburg entwurf einer theorie 27; die pflichten mit den neigungen in verträglichkeit bringen Kant 1, 227 Hartenstein; die vollkommene verträglichkeit der existenz dieser reichen handelsstadt mit der politischen suprematie Roms Mommsen röm. geschichte 2, 23.
 
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verträgnis, f. n., seltene substantivbildung zu vertragen. in älterer sprache 'geduld, nachsicht': tollerantia, verdrechnisse Diefenbach gloss. 586c; mnl. verdrachnisse Verdam 619a. selten in neuerer sprache als 'vereinbarung': dasselbe opfer der eigenen ansicht dem gemeinsamen verträgnisz der verschiedenen factoren der gesetzgebenden gewalt zu bringen Bismarck polit. reden 4, 81; der dictator vermittelte das verträgnisz Mommsen röm. geschichte 1, 248.

 

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