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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
vertrackt bis vertragszustand (Bd. 25, Sp. 1920 bis 1926)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vertrackt, adj. und adv. , von hause aus umlautloses part. prät. zu dem verb. vertrecken 'verziehen, verzerren, verwirren' (s. d.). es erscheint als selbständiges wort zuerst auf mitteldeutschem boden. die ältesten belege finden sich bei schlesischen schriftstellern; in der vorrede zu Rädleins sprachmeister (1716) wird es als meisznisch erwähnt (vgl. Kluge etym. wb.), in Estors teutscher rechtsgelahrtheit (1767) 1422 als oberhessisch ('boshaftig'); Adelung bezeichnet es als im gemeinen leben und der vertraulichen sprechart sehr häufig und so wie verzweifelt gebraucht; entsprechend Campe 'äuszerst verworren, seltsam, arg und unangenehm'. in den lebenden mittel- wie niederdeutschen mundarten sehr häufig: thüring. Hertel 246; mansfeld. Jecht 119a; in Leipzig und Berlin Albrecht 231a, Brendicke 189a; lausitz. Anton 5, 13 (oft 'listig'); in Posen Bernd 338; preusz. Frischbier 2, 443a (auch 'verstockt'); pomm. Dähnert 528b (noch 'verunstaltet'); waldeck. Bauer-Collitz 32a ('verkehrt, unförmlich'); köln. Hönig 195a ('übelgelaunt, bösartig') ; osnabrück. Strodtmann 262 (als adverb. 'sehr'). in die obd. mundarten ist es erst aus der schriftsprache eingedrungen: schwäb. Fischer 2, 1381; schweiz. Seiler Basel 106; elsäss. Martin-Lienhart 2, 753a. im 18. jh. wird es von obd. schriftstellern aufgenommen und macht sich besonders in Österreich heimisch. in der heutigen schriftsprache ist vertrackt nach Eberhard - Lyon ein derber kraftausdruck für verzerrt in seiner uneigentlichen bedeutung; ob es im bewusztsein der gebildeten zu lat. contract 'verkrümmt, zusammengezogen' in beziehung gesetzt und daher als fremdwort empfunden wird (ebd.), ist wohl recht fraglich. es wird thatsächlich ganz wie verdammt, verflucht, verteufelt (s. d.) gebraucht.
1) die grundbedeutung 'verzerrt' scheint Göthe noch deutlich vor augen zu haben: meist schöne männer, keine einzige vertrackte gestalt, mehrere grosz 30, 128 Weim.; sagte der leidige pfaffe, mit so einer gewissen vertracten miene 44, 283. in doppeltem sinne von körperlicher entstellung wie geistiger verwirrung:

absurd ist's hier, absurd im norden,
gespenster hier wie dort vertrackt,
volk und poeten abgeschmackt 15, 144 (Faust 7793).


2) in verblaszter bedeutung attributiv gebraucht: ausz einem halsstarrigen und vertrackten bösen sinne Prätorius blocksberg 295;

so züchtigt mir den geilen Midas-sohn,
bis sein vertracktes fell die spate reu empfindet
Günther ged. 492;

[Bd. 25, Sp. 1921]


winterbeulen machst du mir,
du vertrakte liebe!
Schiller 1, 350;

eine vertrackte art die leute zu bedienen! Wieland werke (1794) 12, 41 (Sylvio 2, 5, 4); das vertrackte französische wort Kretschmann 4, 15; die dreifach verhöllte, vertrackte geschicht' Anzengruber 3, 309; das vertrackte baumwollenspinnen Bräker 2, 95; die vertrackten phrasen hingen sich aneinander wie harzige kletten Keller 6, 310.
mit persönlichem subst.: der vertrackte bösewicht Lohenstein Arminius 2, 1554; ein vertrackter kerl der Schnaps! Göthe 17, 262 Weim.; so ein vertrackter tausend sa sa Schiller 3, 360 (kabale 1, 1); 'lottervolk, vertracktes!' zeterte die Traudel Rosegger schriften 3, 103.
3) seltener in anderer form. prädicativ: ey, vertrakt, wenn ich nur erstlich wieder heraus wäre! Lessing 2, 28 (misogyn 2, 5). adverbial: die guten leute .., die mich so vertrackt ansehen Friedrich Arndt in Arndts schriften an s. l. Deutschen 1, 85. gesteigert:

wo ist dann deutsche art? — auf, zeigt mir sie,
statt launen, immer bunter und vertrackter
Grillparzer 2, 183;

als ich hier ankam, hatte ich an einem tage den vertracktesten contrast zu schauen Immermann 20, 176. als subst. gebraucht: aber etwas geschmackloses, etwas vertraktes musz hinein Vischer auch einer 2, 240. —
Campe bucht dazu die vertracktheit; kaum üblich.
 
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vertrag, m. , substantivbildung zu vertragen.
die nebenform vertracht erscheint auf mittel- und niederdeutschem boden bis zum 16. jh.: md. vertraht, f. m., mhd. wb. 3, 78b; Lexer 3, 273; thüring. urkunden ebd.; obir die vertracht und betedigunge schles. lehnsurkunden 1, 241; zum vertracht, zum frieden Faber thesaurus 346a; da ward ein solcher verdracht gemacht Büsching lüneburgische chron. 24b; wie auch in andern vertrachten, da es leib und gut betrifft, oft geschicht, dasz ein verbundnis zu nicht wird Luther briefe 3, 262; der endliche frieds vertracht Rollenhagen indische reisen 54;

thorheit ists, das man im vortracht,
die man mit seinem feinde macht,
sein besten vortheil ubergibt
Waldis Esopus 1, 72.

mnd. vordracht, f., häufiger als vordrach Schiller-Lübben 5, 341 f.; verdracht, vordracht als veraltet bezeichnet im brem. wb. 1, 238, ebenso bei Frisch 2, 380c.
auf md. boden erscheinen auch die formen verdrag und vortrag: von des wegen der keyser eynen verdrag mit im anname hertzog Aymon I vib; vermöge eines .. zwischen den keuffern undt besitzern der herrschafft aufgerichteten vortrages acta publica 1, 48 Palm.
eine diminutivform verträglein, n., bildet Heine: auf jedem feigen verträglein, das gegen den liberalismus geschlossen wurde, prangt obenan das ... siegellack (Österreichs) 7, 290.
1) mit geringen ausnahmen schlieszen sich die belege für vertrag sämmtlich an vertragen III an und treten in dem heute allein üblichen sinne auf: pactio, conventio Diefenbach gloss. 405a; pactum, conventio, condescensio voc. inc. teut. ii 5b; vereynigung, uberkummung, verbyntnusz, vertrag gemma gemmarum r 8a; 91b; das überein kommen, der vertrag Alberus Kk ijb; foedus, pundt, pündtnusz, verbindung, vertrag und frid Frisius 573b; Maaler 434cd; eines gerichtshandels auszspruch Calepinus 374b; vergleichung, gütliche Schottel 647b; Stieler 2314; Kramer 2, 1112b; Dentzler 314b; Frisch 2, 380c; Adelung. Campe verdeutschungswb. 453b, 454a will es zum ersatz für pactum durchgeführt wissen; schon Zesen hat es für contract eingesetzt vgl. Kluge von Luther bis Lessing 4 185; zeitschr. f. d. wortforschung 14, 76a.
mnd. vordrach Schiller-Lübben a. a. o.; mnl. verdrach Verdam 619a; pactum, pactio, compositio, conventio, conciliatio, decisio, concordia Kilian 585a; nl.

[Bd. 25, Sp. 1922]


verdrag; ostfries. ferdrag Doornkaat 1, 444a; westfäl. verdrag Woeste 290a. ins schwed. übernommen fördrag Helms 135b. nach Fischer 2, 1381 ist vertrag mundartlich nicht eigentlich populär; doch vgl. 2. die mehrzahl verträge ist geläufig.
a) bedeutung: vertrag ist die gegenseitige bewilligung einer zusage, ein versprechen mit gegenversprechen, besonders eine feierliche verabredung einer solchen bewilligung; im gemeinen leben ein contract, in manchen fällen auch der vergleich. bei einem vergleich wird vorausgesetzt, dasz der gegenstand vorher streitig gewesen, was vertrag unentschieden läszt Adelung; durch verträge können blosz unvollkommene rechte in vollkommene, unbestimmte pflichten in bestimmte verwandelt werden Mendelssohn schriften 3, 196. der vertrag ist: eine natürliche begründungsart von rechtsverhältnissen Jhering geist des röm. rechts 115; nach dem bürgerl. gesetzbuch die durch antrag und annahme des antrags zu stande gekommene willenseinigung zweier parteien; eine unterart des rechtsgeschäfts und zwar ein zwei- oder mehrseitiges. über unsern 'vertrag' im älteren germanischen recht Grimm rechtsalterthümer 2, 140; Pauls grundrisz 3, 158.
b) das bündnis ist eine art des vertrages Campe; das verlöbnisz war ein vertrag, durch welchen mann und weib sich zu einem haushalt und gründung einer familie für das ganze leben verbanden Freytag werke 17, 87; ein geystliche ehe und natürlicher vertrag zwischen diesem mann und weib Fischart binenkorb 113b;

apotecker, medicus
thndt dir warlich nüt umb suszt,
dann sy beid hondt ein vertrag
Murner narrenbeschwörung 102 neudr.

zum theil in verbindung mit synonymen: recht, urthail, vertreg .. zu bestetigen Knebel Kaisheimer chron. 52; und was dann von den fürsten des reiches erkant, das solt bei eines reiches vertrag, straff, urteil und determination stehn Franck chron. Germaniae 113;

wo sie .. auff guten glauben handeln ...
mit daiding, vertrag und verschreiben
Sachs 17, 383, 34 Götze;

so schafft, dasz, die man euch wird nennen,
für uns mit eyden sich zu dem vertrag erkennen
Gryphius trauersp. 209 (Catharina 3, 354);

sie entbieten mir einen vertrag Göthe 8, 112 Weim. (Götz); auf welchen vertrag ich freundin seyn will, das habe ich ehrlich vorausgesagt Iffland 11, 37; die jahresrente, die der gnädige laut vertrag an seine ausländischen vettern zu entrichten habe Holtei erz. schriften 4, 129; kraft vertrags, auf vertrag Kramer. übertragen: die anknüpfung irgend eines gedankens mit einem laute der menschlichen stimme beruht auf einem vertrage des sprechers und des hörers Peschel völkerkunde 108.
c) vertrag erscheint in einer reihe bestimmter wendungen: ein vertrag und tädingstuck annemmen und verwilligen, in einen vertrag gon, accedere Frisius 14b; einen vertrag oder vereynigung machen, pacisci 938b; und der könig verwilliget in den vertrag, den Lysias mit Maccabeo und den jüden gemacht hatte 2 Macc. 11, 23; und eynen vertrag mit ine machten ine zu geloben, das sy sie nit tödten solten erste d. bibel 4, 445, 24;

forthin ich kein vertrag auffricht,
bisz der grim todt das leben bricht
Spreng Ilias 309b;

die muse, schlau besonnen,
ging den vertrag bald ein
Schiller 1, 352;

sobald der vertrag geschlossen war M. J. Schmidt geschichte der Deutschen 1, 221. Kramer kennt die wendungen: einen vertrag miteinander machen, stiften, in vertrag treten, sich in einen vertrag einlassen, zum vertrag schreiten; das heute überwiegende schlieszen aber findet sich nicht vor Adelung erwähnt, und erst bei Campe ist einen vertrag über etwas mit jemand schlieszen als die herrschende gute wendung durchgedrungen.
den vertrag halten, brechen: sto pacto, ich halt den vertrag, fall nit ab Alberus; Campe; und schwuren einander, ihren vertrag ewig zu halten Bürger 256a;

[Bd. 25, Sp. 1923]


ein vertrag, den sie so leichtsinnig brachen, kann mich nicht mehr binden Schiller 3, 471 (kabale 4, 9).
d) im letzten falle handelt es sich offenbar um eine concrete verwendung 'der contract, das document, die urkunde': verträg und köuff in geschrifft gestelt, verschreybung oder schuldzädel, perscriptiones Frisius 989b; (im jahre) 1200 hat man angefangen um wichtige sachen, als kouff, .. vertrag .. in tütscher sprach ze schriben Tschudi helvet. chron. 1, 102; hat käiser Rudolph ... gebotten, dasz man alle ... verträge in deutscher ... sprache verabfassen .. solte Harsdörffer secretarius 1, a viib;

warum verschmähte sie's, den Edinburger
vertrag zu unterschreiben
Schiller 12, 404 (M. Stuart 106);

und wir wöllen auch neben euch
den vertrag sigeln zugeleich
Ayrer dramen 239, 34 Keller;

o lippen ihr, die thore
des odems, siegelt mit rechtmäsz'gem kusse
den ewigen vertrag dem wuchrer tod!
Göthe 9, 270 Weim. (Romeo 1950);

wie der vertrag auszweiset, so im 1407. jar auffgericht Mathesius Sarepta 17a.
sprichwörtlich vom 'vergleich': dann besser ein mager vortrag als ein fett urtheil Moscherosch Philander 1, 241; ein magerer vertrag in güte ist besser als ein feister, der mit recht vertheidigt wird Wander sprichw. 4, 1613. persönlich gedacht: vertrag bricht allen streit 1614;

o eine that,
die aus dem körper des vertrages ganz
die innre seele reiszet Shakespeare 3, 272 (Hamlet 3, 4).


2) in nd. mundarten bedeutet vertrag in näherer anlehnung an das verb. 'das vertragen, einvernehmen, die verträglichkeit, eintracht': et is kein vordrag zwischen den beiden jahrb. f. nd. sprachforschung 34, 62a; preusz. Frischbier 2, 443a; altmärk. dat is'n verdrag as ûln und krein Danneil 237, 276; westfäl. he es van guədem verdrag Woeste 290a. Heyne verzeichnet als wort des gemeinen lebens: in dem hause ist kein vertrag; wo kein vertrag ist, da ist auch kein segen im hause denkw. u. erinnerungen eines arbeiters 63 Göhre; kein verdrag — kein verschlag Frischbier preusz. sprichwörter 1, 273.
seltener in der literatur: durch busse kegen gott und freundlichen vertrag ... fur den menschen Luther 18, 332, 15 Weim.; vgl. 336, 12; dann die kirch gottes hab mit inen kein vertrag Nas antipap. 2, viia; sein friedliebendes gemüthe brachte die .. in Deutschland erwachsene zwytracht ... zu einem vertrage Lohenstein Arminius 1, 171a; meine schwestern, wenn ihr zu einigem vertrage kommen wollt, müszet ihr .. die wirkungen unterscheiden, auf die ihr arbeitet Herder 15, 230; staaten, mit denen Rom in vertrag stand Niebuhr röm. geschichte 3, 509; und wir tranken vertrag mit einander, was ich gerne that, ob ich gleich dem frieden wenig traute Hebbel 8, 182.
3) zu vertragen II 8 gehört vertrag 'verzug, aufschub', das Campe als landschaftlich bezeichnet: die sache hat vertrag, 'sie leidet aufschub'; lausitz. es hat noch vertrag, 'hat nicht eile' Anton 14, 14; pomm. Dähnert 519b. mnd. Schiller-Lübben; mnl. sonder verdrach, 'ohne verzug' Verdam; cessatio, dilatio Kilian. früher ist es auch obd. und md. nachzuweisen: cessatio pugnae pactitia, der anstand oder vertrag des kriegsz Frisius 205b; welcher (aufstand) .. durch einen vertrag und anstand auf 20 jahre beygeleget worden Birken Donaustrand 166; in hoffnung geburlichen vertrag zu erlangen Casseler urkunde v. 1507 bei Diefenbach-Wülcker 570. 'dauer, bestand' Lexer:

vrevelich gewalt
di lenge nicht gewerin mac
noch wil habin virtrac md. schachbuch 172, 9 Sievers.


4) 'geduld, nachsicht, nachlasz, erlasz' (zu vertragen II) erscheint nur obersächsisch und nd.; vertrag haben, 'überhoben sein': ihr soltet euch dermaszen in die sache geschickt haben, dasz wir dieses anlangens solten vertrag

[Bd. 25, Sp. 1924]


gehabt haben sächs. urkunde v. 1536 bei Haltaus 1906; alle, die umb gottes worts willen etwas thun, die müssen solche hohe unehre und schande dulden und leiden, und wirds ir keiner vertrag haben Luther bedencken etlicher gelarten 2, 4a;

dorumme durch den suʒen smag
hat er lenger sin vertrag
und let iʒ nicht hin gliten snel;
er helet iʒ in siner kel md. paraphrase des buches Hiob 8060 Karsten;

edder mach ik des nicht hebben verdrach,
man sette my kamp, velt un dach Reinke de Vos 4428.

vgl. Schiller-Lübben; mnl. Verdam; abstinentia, relaxatio Kilian.
5) zu vertragen I 6 gehört ein ganz vereinzeltes 'eintrag, gewinn' Lexer;

nust doch mîn hôste vortrac,
daʒ ich an si gedenken mac md. ged. 3, 145 Bartsch.

schweiz. vertrag, abtrag, 'unterschied' Stalder 1, 294. —
6) zahlreich sind die zusammensetzungen mit vertrag; sie gehören in der mehrzahl der rechtlichen und geschäftlichen sprache des 19. jh. an. um eine einfache zusammenrückung handelt es sich bei vertragschlieszend: die Türkei war jetzt zum ersten male in eine europäische conferenz als vertragschlieszende macht eingetreten Treitschke deutsche geschichte 5, 117. subst. gebraucht: durch einen der vertragschlieszenden bürgerl. gesetzbuch § 314. die composita erscheinen selten ohne -s in der fuge: das vertrag-gelt Knebel Kaisheimer chron. 488; vgl. Fischer 2, 1383. eigenthümlich in pluralform: an verträg fressereyen .. 800 speisen Guarinonius greuel 861. schon im 16. jh. ist das -s in der fuge vorherrschend: vertragsartikel, -brief, -freund, -handlung, -leute, -mann; demgegenüber findet sich noch vertragbrief, -zeit, -widrig bei Ranke, Schiller, Lagarde. vertrag-, vertrage-, vertragsbuch ist nebeneinander belegt (s. d.). von adjectiven ist vertragsähnlich, -brüchig, -widrig (s. d.) nach art der subst. behandelt, ebenso die adv. vertragsgemäsz, -mäszig, -widrig; verträgewidrig aber weicht ab: von einer verträgewidrigen unterdrückung Cramer Neseggab 4, 484.
vertragsabschlusz, m. : um die bei einem vertragsabschlusse üblichen gaben .. in empfang zu nehmen C. F. Meyer Jenatsch 310. — vertragsähnlich, adj. : verträge oder vertragsähnliche verhältnisse Göschen vorlesungen 22, 67. — vertragsartikel, m. : zugleich damit die verschreibung und vertragsarticul .. uberreichend Fischart Garg. 430 neudr.; Duez 235. — vertragsbedingung, -beredung, -bestimmung, f. : die kirche .. liesz sich vor der hand gelindere vertragsbedingungen gefallen Raumer Hohenstaufen 6, 139; Jhering geist des röm. rechts 22, 479; hdwb. der staatswissenschaften 7, 96. — vertragsbrief, m. , in der älteren obd. rechtssprache 'vergleichsurkunde' Unger-Khull 222a; Fischer 2, 1383; vgl. mnd. vordracht-, vordrachtesbrêf 'vertragsurkunde' Lübben-Walther 497b; ihre vertrags- und pundnisbrieff, so sie mit eynander auffgericht .. haben Luther 18, 337, 32 Weim.; ward aller gefaszter unwill zwischen ihnen auffgehaben und vertragen, und solcher vertragsbrieff .. versiegelt Kirchhof wendunmuth 2, 117; dem gröszern haufen .. muszte Georg Truchsesz zuletzt einen vertragbrief gewähren Ranke 2, 156. — vertragsbruch, m. , -brüchig, adj. : da Ariovist wegen dieses vertragsbruchs die clienten Roms angriff Mommsen röm. geschichte 3, 242; wie schamlos eine ... vertragsbrüchige krämerpolitik Treitschke aufsätze 2, 543. — vertragbuch, vertragebuch, vertragsbuch, n. , im bergwesen üblich: vermeszbuch Campe; buch, in welches die entscheidungen der streitenden parteien, des bergmeisters eingetragen sind Veith bergwb. 72, 412, 541. — vertragsdauer, f. hdwb. der staatswissenschaften 6, 898; 7, 90. — vertragsentwurf, m. , -erneuerung, f. : eine .. grosze mosaikplatte war überlegt mit protokollen und vertragsentwürfen C. F. Meyer Jenatsch 299; Mommsen röm. geschichte 1, 322. — vertragserbe, m. : der erblasser kann durch vertrag einen erben einsetzen .. vertragserbe

[Bd. 25, Sp. 1925]


bürgerl. gesetzbuch § 1941. — vertragsform, f. : J. Grimm rechtsalterthümer 1, xviii.vertragsfreund, m. : arbiter, scheidman, mittelmann, mittler, entscheider, vertrags freundt Schöpper synonyma gvjb. — vertragsgemäsz, adv. : aber er fordere, dasz auch die Franzosen vertragsgemäsz handeln J. v. Müller 23, 87. — vertragsgestalt, f. : Joseph offenbarte seinen eisernen willen. in vertragsgestalt ward derselbe .. unterzeichnet Zschokke schriften 34, 305. — vertragshafen, m. : die zulassung zu gewissen, dem auswärtigen handel geöffneten vertragshäfen hdwb. der staatswissenschaften 4, 1079. — vertragshandlung, f. : (sie) hatten auch .. die vertragshandlung .. verhindert verhandlungen über Absberg 127; Schwartzenbach 82a. — vertragskosten, f. : der verkäufer hat dem käufer auch die vertragskosten zu ersetzen bürgerl. gesetzbuch § 467 abs. 2. — vertragskönig, m. , -macht, f. , -staat, m. : (die heutigen fürsten) sind vertragskönige Fichte 7, 603; nach langwierigen verhandlungen der drei vertragsmächte entschlossen sich diese zu einer teilung hdwb. der staatswissenschaften 5, 236; 720. — vertragsleute, -mann, m. : in der älteren rechtssprache vgl. Fischer 2, 1383; arbitratores, gütliche thedungsleuth, vertragsleuth, underhändler Sattler phraseologey 493; Alberus nov. dict. 41a; vertragsmann, underhändeler zwischen partheyen, schlichter ebd.; Schwartzenbach 85a; Stieler 1237. — vertragsmäszig, als adj., adv., subst. gebraucht; vertragsmäszigkeit, f. Campe schreibt vertragmäszig, vertragmäszigkeit; Rom war nun seiner vertragsmäszigen leistungen ledig Niebuhr röm. geschichte 3, 306; weil sie vertragsmäszig .. in Wien eintreffen muszte Holtei erz. schriften 11, 309; da nun das gesetzliche und das leidenschaftliche, das vertragsmäszige und das ursprünglich naturwüchsige ... zusammen erst das leben ausmachen Keller 4, 187; weil .. dem zustande der bloszen vertragsmäszigkeit aber gerade etwas fehlt zum staat Schleiermacher werke iii 5, 275. — vertragsmittel, n. : damit dieses werck unter euch selbsten durch gütliche vertrags mittel accommodirt und hingelegt werden möge Harsdörffer secretarius 2, 437. — vertragspflicht, f. : allg. d. bibliothek 69, 287. — vertragspunct, m. : Kramer 2, 1112b; Campe; wo nun die vertrags-puncten nicht erfolgen, so ist der vertrag selbst zerschnitten Widmann Fausts leben 120; er .. wird den Polen vertragspunkte vorlegen Varnhagen tagebücher 4, 364. — vertragsrecht, n. : innerhalb eines umkreises richtet, unter gewissen und naturrecht, auch noch das vertragsrecht Fichte 6, 132. — vertragsschlusz, m. , 'abschlusz des vertrages' hdwb. der staatswissenschaften 7, 475. — vertragsschein, m. , -schrift, f. , -spruch, m. : da musz ihnen der mann die vertragsscheine vorlesen Rosegger schriften II 5, 138; es hab im vorhin niemandt davon gesagt, so werd es auch in der vertragsschrifft nit gemeldet Achacius chronica 290b; im fünfften jare nach ergangenem kaiserlichem vertragspruche Reinke Fuchs (1588) 271. — vertragsstrafe, f. : handelsgesetzbuch § 212 abs. 2. — vertragstheorie, f. : als die politische und sociale vertragstheorie für die wahre offenbarung des zeitgeistes galt Riehl naturgeschichte des volkes 3, 214. — vertragstreue, f. : diejenige gute willensstärke und vertragstreue, welche ein vereinbartes, einfaches, fest umschriebenes gesetz ohne arg zu ertragen vermag Keller nachgel. schriften 238. — vertragsunterschrift, -urkunde, f. Bismarck polit. reden 4, 115; Ritter erdkunde 14, 40. — vertragsverbindlichkeit, -verletzung, f. : allg. d. bibliothek, anhang zu bd. 53/86, 2029; hdwb. der staatswissenschaften 7, 96. — vertragsverhältnis, n. : es entwickelte sich zwischen dem volk und seinem gott ein .. vertragsverhältnisz D. F. Strausz 3, 213; handelsgesetzbuch § 92 abs. 2. — vertragsverhandlung, f. , -versuch, m. : bei den vertragsverhandlungen in Mailand C. F. Meyer Jenatsch 311; nach mancherlei verhandlungen und vertragsversuchen Ranke 3, 411. — vertragswein, m. , 'trunk zur bekräftigung der abmachung':

[Bd. 25, Sp. 1926]


morgen sols ein vertragswein geben:
so heben wir an das heutig leben
Fischart Garg. 147 neudr.

vertragsweg, m. , -weise, f. : im gewöhnlichen vertragswege Mommsen reden 384; Hugo encyclopädie 26. — vertragsweise, adv. : conventionell Kinderling 244;

und solchs (streiten) auff rauhe wäg gar nicht,
sonder vertrags weisz zgericht
Fischart flöhatz 53 neudr.;

zu dem geräucherten speck, den die bauern ihm bringen vertragsweis
Mörike werke 1, 78. —

vertragswidrig, adj. adv.; auch vertragwidrig Campe; auf grund eines vertragwidrigen vorgehens Lagarde schriften 119; alle .. vertragswidrigen verfügungen zurückzunehmen Haller restauration 3, 376; dasz sich viele .. Bündner .. vertragswidrig im Veltlin eingenistet hätten Zschokke schriften 38, 248. — vertragswort, n. : so bestimmen .. die vertragsworte genau den umfang der verpflichtung Jhering geist des römischen rechts 22, 478. — vertragszeit, f. : vor dem ablaufe der vertragszeit handelsgesetzbuch § 67 abs. 3; doch bei Schiller vertragzeit: (ein stück) das ich innerhalb meiner vertragzeit noch machen musz briefe 1, 151. — vertragszustand, m. : der ganze vertragszustand ist dann aufgehoben Schleiermacher werke 12, 268.

 

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