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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
vertönung bis vertrackt (Bd. 25, Sp. 1919 bis 1920)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vertönung, vertonung, f., s. 1vertönen, 2vertonen, 3 vertonen.
 
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vertonnen, verb., zum subst. tonne, in der bergmannsprache: 'einen schacht mit tonnenfach versehen, mit hölzern auskleiden', auch austonnen Veith bergwb. 541. — dazu vertonnung, f., 1) das vertonnen. 2) das tonnenfach selbst: (es) werden durch das fördern auf stollen und schächten die gestängfahrten, fördermaschinen und die vertonnung abgenutzt ebd.vgl. nl. vertonnen 'in andre tonnen packen, umpacken' Sicherer-Akveld 1194a.
 
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vertoppeln, verb., s. verdoppeln.
 
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vertorfen, verb., von torf gebildet, 'zu torf werden, in torf übergehn', gewöhnlich im part. prät.; bildung des 19. jhs.: ein solcher saurer, verkohlter und im eigenen sinne vertorfter humus Schwerz ackerbau 40; die wiesenmoore, welche .. aus dem vertorften wurzelgewebe verschiedener saurer halbgräser gebildet wurden Allmers marschenbuch 1, 79. — dazu vertorfung, f., 'der vorgang des vertorfens': den ganzen prozesz der verwitterungen, an- und abschwemmung, vertorfung und eisensteinbildung unseres norddeutschen schwemmlandes 1, 10; 97.
 
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vertosen, verb., perfectivbildung wie vertoben, 1vertönen, 'aufhören zu tosen'; erst im 19. jh. literarisch nachweisbar, doch schon von Stalder 1, 292 und Campe gebucht.

der donner und der sturm vertosten,
die luft voll duft und liedern weht
Lenau 472;

werde ruhig, werde friedlich,
lasz den schlachtgesang vertosen
Strachwitz ged. 166;

so vertost der ganze plunder (die erscheinung),
nüchtern liegt die welt wie ehe
Eichendorff 1, 685.


 
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vertösen, verb., 'verprassen', causativbildung zum vorigen; dilapidare, verbrassen, uffwenden, verschwelgen, vertösen Schöpper syn. c 1a. obd.:

ich wil in (den ablasz) nit underston ze lösen,
wir wend das unser sunst wol vertösen
N. Manuel von papst und priesterschaft 1249 Bächtold;

hat Tigillus sin vätterlich und müterlich erb, schanntlich .. vertöset mit zevil uszgeben Riederer rhetoric c ib. thüring. zeit vertösen, 'vertändeln' Hertel 245; auch preusz. die zeit verdösen, 'verträumen', eine verabredung verdösen, 'vergessen, versäumen'; in den mundarten wohl weiter verbreitet.
dazu vertöser, m.: prodigus, geuder, vertöser, brässer Schöpper syn. c 1a; von eim güder (vergeuder) oder vertöser Riederer rhetoric c ib.
 
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vertöten, verb., ungebräuchliche denominativbildung von tot für das übliche töten: md. vordotin, dotslan Diefenbach gloss. 304a; mnd. vordoden 'ertöten, vernichten'

[Bd. 25, Sp. 1920]


Schiller - Lübben 5, 339b; nhd. in solchem grausamen gesicht und zuschreyen .. wird er wie halb vertödtet, fället .. auff seine knye nieder .., wil beten Prätorius blocksberg 577; nun können wir die zeit, so sonst zum sinnen und leeren grübeln .. vertötet werden muszte — zum edeln ernst benutzen F. L. Jahn 2, 705.
älter md. in intrans. verwendung, 'absterben' mhd. wb. 3, 67a; Lexer 3, 272;

sîn ougen begunden im rôten,
sîn herze im vurtôten
Herbort v. Fritzlar troj. krieg 1530.

preusz. vertoten vom 'absterben, einschlafen' des beines gebraucht Frischbier 2, 429. —
 
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vertötung, f., subst. dazu, mnd. vordodinge Schiller-Lübben 5, 339b.
 
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vertraben, verb., 'durch traben vertreiben, verlieren machen' Campe. kaum üblich; nur in reflex form bezeugt: laufe und trabe wie du willst, das übel läszt sich nicht vertraben Campe;

zum spil hab ich kein glück gehabt,
hat sich verdrabt.
das musz ich lassen geschehen
Forster teutsche liedlein 185 neudr.

'einen fehltritt begehn': es ist .. nicht der kleinste unterscheid zwischen dem mann einer frau die sich vertrabet hat, und zwischen dem mann einer tugendhafften frau discourse der mahlern 3, 199.
anders nl. verdraven, trans. 'um etwas in die wette traben' Sicherer-Akveld 1164c.
 
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vertracht, f. m., s. vertrag.
 
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vertrackt, adj. und adv. , von hause aus umlautloses part. prät. zu dem verb. vertrecken 'verziehen, verzerren, verwirren' (s. d.). es erscheint als selbständiges wort zuerst auf mitteldeutschem boden. die ältesten belege finden sich bei schlesischen schriftstellern; in der vorrede zu Rädleins sprachmeister (1716) wird es als meisznisch erwähnt (vgl. Kluge etym. wb.), in Estors teutscher rechtsgelahrtheit (1767) 1422 als oberhessisch ('boshaftig'); Adelung bezeichnet es als im gemeinen leben und der vertraulichen sprechart sehr häufig und so wie verzweifelt gebraucht; entsprechend Campe 'äuszerst verworren, seltsam, arg und unangenehm'. in den lebenden mittel- wie niederdeutschen mundarten sehr häufig: thüring. Hertel 246; mansfeld. Jecht 119a; in Leipzig und Berlin Albrecht 231a, Brendicke 189a; lausitz. Anton 5, 13 (oft 'listig'); in Posen Bernd 338; preusz. Frischbier 2, 443a (auch 'verstockt'); pomm. Dähnert 528b (noch 'verunstaltet'); waldeck. Bauer-Collitz 32a ('verkehrt, unförmlich'); köln. Hönig 195a ('übelgelaunt, bösartig') ; osnabrück. Strodtmann 262 (als adverb. 'sehr'). in die obd. mundarten ist es erst aus der schriftsprache eingedrungen: schwäb. Fischer 2, 1381; schweiz. Seiler Basel 106; elsäss. Martin-Lienhart 2, 753a. im 18. jh. wird es von obd. schriftstellern aufgenommen und macht sich besonders in Österreich heimisch. in der heutigen schriftsprache ist vertrackt nach Eberhard - Lyon ein derber kraftausdruck für verzerrt in seiner uneigentlichen bedeutung; ob es im bewusztsein der gebildeten zu lat. contract 'verkrümmt, zusammengezogen' in beziehung gesetzt und daher als fremdwort empfunden wird (ebd.), ist wohl recht fraglich. es wird thatsächlich ganz wie verdammt, verflucht, verteufelt (s. d.) gebraucht.
1) die grundbedeutung 'verzerrt' scheint Göthe noch deutlich vor augen zu haben: meist schöne männer, keine einzige vertrackte gestalt, mehrere grosz 30, 128 Weim.; sagte der leidige pfaffe, mit so einer gewissen vertracten miene 44, 283. in doppeltem sinne von körperlicher entstellung wie geistiger verwirrung:

absurd ist's hier, absurd im norden,
gespenster hier wie dort vertrackt,
volk und poeten abgeschmackt 15, 144 (Faust 7793).


2) in verblaszter bedeutung attributiv gebraucht: ausz einem halsstarrigen und vertrackten bösen sinne Prätorius blocksberg 295;

so züchtigt mir den geilen Midas-sohn,
bis sein vertracktes fell die spate reu empfindet
Günther ged. 492;

[Bd. 25, Sp. 1921]


winterbeulen machst du mir,
du vertrakte liebe!
Schiller 1, 350;

eine vertrackte art die leute zu bedienen! Wieland werke (1794) 12, 41 (Sylvio 2, 5, 4); das vertrackte französische wort Kretschmann 4, 15; die dreifach verhöllte, vertrackte geschicht' Anzengruber 3, 309; das vertrackte baumwollenspinnen Bräker 2, 95; die vertrackten phrasen hingen sich aneinander wie harzige kletten Keller 6, 310.
mit persönlichem subst.: der vertrackte bösewicht Lohenstein Arminius 2, 1554; ein vertrackter kerl der Schnaps! Göthe 17, 262 Weim.; so ein vertrackter tausend sa sa Schiller 3, 360 (kabale 1, 1); 'lottervolk, vertracktes!' zeterte die Traudel Rosegger schriften 3, 103.
3) seltener in anderer form. prädicativ: ey, vertrakt, wenn ich nur erstlich wieder heraus wäre! Lessing 2, 28 (misogyn 2, 5). adverbial: die guten leute .., die mich so vertrackt ansehen Friedrich Arndt in Arndts schriften an s. l. Deutschen 1, 85. gesteigert:

wo ist dann deutsche art? — auf, zeigt mir sie,
statt launen, immer bunter und vertrackter
Grillparzer 2, 183;

als ich hier ankam, hatte ich an einem tage den vertracktesten contrast zu schauen Immermann 20, 176. als subst. gebraucht: aber etwas geschmackloses, etwas vertraktes musz hinein Vischer auch einer 2, 240. —
Campe bucht dazu die vertracktheit; kaum üblich.

 

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