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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
vertöffeln bis vertosen (Bd. 25, Sp. 1917 bis 1919)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vertöffeln, verb. , nur obd.
1) intrans., 'zum töffel (th. 111, 630) werden, verblöden':

der schlug, wenn's etwa galt, auch einmal los
und liesz den mann am herde nicht vertöffeln
Grillparzer 8, 134 (Libussa).


2) trans.: schweiz. elsäss. schwäb. verdöfflen, vertöfflen 'verhauen' Seiler Basel 106; Martin-Lienhart 2, 658a; Fischer 2, 1381. schwäb. auch 'schelten'.
 
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vertollen, verb. , zum adj. toll gebildet, ein vorzugsweise md. und nd. wort. virtollen, insipere Diefenbach gloss. 301a; vertollen, austollen, ad sanitatem redire Stieler 2282; Campe. mnd. vordullen intr. und trans. Schiller - Lübben 5, 347a; mnl. verdullen, verdollen ebenfalls Verdam 619b; Kilian 586a; nl. verduld 'verdammt!'. vgl. mengl. fordullen Stratmann-Bradley 235b.
1) üblich ist nur das part. prät. in adj. gebrauch toll, von sinnen': das du .. so thumbküne und vortolt bist Jonas wilch die rechte kirch ist (1534) D 3b; ein vertolter heuchler und schwermer H 1a; die übrige die eben so närrisch und verdollet in den köpffen waren als er Simpl. 576 neudr.;

frecher krieger,
du vertollter landbetrüger
Birken Pegnitz schäferey 37;

myt ghedult, al unvorschult,
gar mannichfalt wart he vordult Braunschweiger schichtspiel 2105 (d. städtechron. 16, 169).

in den lebenden mundarten: elsäss. vertollt 'nicht bei klarem bewusztsein, im fieber' Martin-Lienhart 2, 677a; luxemb. verdolt 'von sinnen' lux. wb. 458b; eng verdolt krankheet, 'hitziges fieber' Gangler 465; brem. verdulld, 'verzweifelt, verteufelt' brem. wb. 1, 269; holst. verduld 'drollig' Schütze 1, 268; 4, 302; nach Campe letzteres auch in dem sinne 'das sieht sehr arg aus'. in Osnabrück verdullt 'verdorben, verdorrt': et is verdullt in der eerde sagt man, wenn der same gar nicht aufgeht oder auch die wurzeln vor hitze in der erde vergehn Strodtmann 257.
das intrans. 'toll werden, toll sein' ist in anderen formen veraltet, obwohl Campe bucht: da möchte man vertollen; dannoch kompt er mit seiner tieffen speculation .., dasz er beinahe darinn verdollt Fischart binenkorb 74b;

dasz er vertollet in dem kopf
Lindenborn Diogenes 2, 32;

an beyden syden se ganz vordullen
Josef todsünden 4165.


2) ein perf. vertollen 'aufhören zu tollen, bis zur erschöpfung tollen' Campe kann wie vertoben 2 gebraucht werden: er vertollet, impetus consenescit, in quietem abit Stieler.
3) trans.: das geld vertollen, 'auf eine tolle art durchbringen, verthun'; den abend vertollen, 'verbringen, zubringen' Campe; wir haben manche mitternacht mit

[Bd. 25, Sp. 1918]


einander vertollt Hauff 5, 62. anders mnd., 'von sinnen bringen': ik bidde dy, here, verdulle den rad Achitophes 2 Sam. 15, 31 (Lübecker bibel 1494). vgl. vertoben 3.
 
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vertölpeln, verb., 'zu einem tölpel (th. 111, 653) machen oder werden'. es ist eine ähnliche, aber jüngere bildung wie vertöffeln, vertollen (s. d.). vgl. mhd. verdörpern Lexer 3, 97; mnd. vordorperen Schiller-Lübben 5, 341a.
intrans. 'tölpelhaft werden' Campe. part. prät. 'verblendet, vernarrt': er sah und hörte mich nicht, so tief war er vertölpelt in seinem erfolgsdusel Rosegger nixnutzig volk 3.
reflex. mnd.: dat de vrowe sic vordorperde ofte vordorperet hedde bi eres mannes levende Rigaer quelle bei Schiller-Lübben.
trans. 'durch tölpelei verscherzen, sich verlustig machen, verlieren' Campe; moribus efferatioribus sibi deesse, gratia excidere Stieler 2282.
 
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vertönen, verb., 'aufhören zu tönen, verklingen' Campe;

ein weichlich geklingel
vertönet im ohre
Denis lieder Sineds 80;

die stimmen der sänger erstarben, die klänge der instrumente vertönten Gaudy 14, 48; bis der gottesdienst aus war .., als kaum das ausläuten (der glocken) vertönt hatte H. Hesse diesseits 102. subst. form in übertragener bedeutung: der sternenhimmel schlug funkelnd über sie zusammen, und das entweichende vertönen spülte die aufgehobnen seelen vom erdenufer los Jean Paul werke 7/10, 513; ein .. vertönen der empfindung Auerbach schriften 5, 57.
'austönen, tönend übergehn':

da bricht
der jubel los, bis die willkommengrüsze
vertönen in ein mächtiges gedicht
Liliencron 12, 19 (Poggfred 13).


schwäb. vertonen, vertönen 'antworten' ist wohl fälschlich an tönen angelehnt vgl. Fulda versuch 549; Schmid 133; Fischer 2, 1381, 1377. in ganz abweichendem sinne wird mhd. verdœnen 'verklatschen' gebraucht mhd. wb. 1, 383a; Lexer 3, 97. —
vertönung, f., subst. in abweichender bedeutung, 'abtönung': die stimmlaute .. sind vielfacher vertönung fähig Brehm thierleben 4, 475.
 
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vertonen, verb., in jüngster zeit zum ersatz für das fremdwort componieren mit unmittelbarer anlehnung an das subst. ton gebildet: Richard Strausz hat Wildes Salome mit congenialem nachempfinden vertont; vgl. Weigand-Hirt. das wort hat sich durchgesetzt sammt den subst. vertoner für componist und vertonung für composition, obwohl es anfangs mit etwas spöttischem beigeschmack gebraucht wurde: vertonen, vertoner Klenz scheltenwb. 79a. heute ernsthaft: seitdem seine (Mörikes) lieder durch Hugo Wolfs vertonung das entzücken vieler tausende geworden sind Heinemann deutsche dichtung 200.
 
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vertonen, verb., bisweilen mit falscher anlehnung an tönen auch als vertönen gebraucht, ist nd. herkunft und nur vereinzelt in die schriftsprache übernommen worden. mnd. vortonen 'zeigen, vor augen stellen, lehren, andeuten, offenbaren' (neben gleichbedeutendem vortôgen) Schiller-Lübben 5, 475a; mnl. vertonen (neben vertogen) Verdam 640b; Kilian 607b. in neueren mundarten vertonen 'vorzeigen, sehen lassen' brem. wb. 5, 81; ostfries. fertönen Doornkaat 1, 470a; hamburg. vertönen 'verstellen, geberden' Richey 309. aus dem nl. vertoonen ins dän. und schwed. übernommen: fortone sig, förtona sig 'sich zeigen, erscheinen'. in der seemannsprache bezeichnet vertonen die art, in der sich die gegenstände auf dem meere dem auge zeigen vgl. Falk-Torp etym. wb. 264. —
dazu das subst. vertonung, f., 'schaustellung, darstellung, erscheinung': des landes, der küsten, eine perspectivische abbildung oder zeichnung einer küste oder

[Bd. 25, Sp. 1919]


eines vorgebirges aus einem gewissen gesichtspunkt betrachtet (auf seekarten üblich) Röding wb. der marine 2, 843. mnd. vortoninge Schiller-Lübben 5, 475a; mnl. vertoninge Verdam 640b; Kilian 607b; nl. vertooning 'schaustellung, aufwand'; ostfries. fertöning Doornkaat 1, 470a; brem. vertonung: allerhand vertonungen, 'allerlei gestalten' brem. wb. 5, 81; hamburg. allerhand vertönungen Richey 309. literarisch sind die formen verthönung, verthanung, verthaunung bezeugt, letztere in entstellter form auf hochdeutschem sprachgebiet: mittlerweile sie nun von dem Vellocatus kein aug verliesz, und der könig sie eben so sehr anschauete, brach Martagnis endlich diese stumme verthönung A. U. v. Braunschweig Octavia 4, 244; darunter vier kleine jungen verborgen, an den vier eken desz schauplatzes stillstehen, und bisz zum abzug der verthanung beharren Harsdörffer gesprechspiele 3, 205; die verthaunungen (welches wort von den Niederteutschen geborgt) sind stumme gebrechen, mit welchen eines jeden gemüts meinung auszgedruckt werden kan 1, c viib/D ia. vgl. bei demselben schriftsteller vertreck. auch älter nd.: nach ausweiserung der vertahnung ('zeichnung, risz, baurisz') nd. correspondenzblatt 15, 54; 16, 10.
 
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vertönung, vertonung, f., s. 1vertönen, 2vertonen, 3 vertonen.
 
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vertonnen, verb., zum subst. tonne, in der bergmannsprache: 'einen schacht mit tonnenfach versehen, mit hölzern auskleiden', auch austonnen Veith bergwb. 541. — dazu vertonnung, f., 1) das vertonnen. 2) das tonnenfach selbst: (es) werden durch das fördern auf stollen und schächten die gestängfahrten, fördermaschinen und die vertonnung abgenutzt ebd.vgl. nl. vertonnen 'in andre tonnen packen, umpacken' Sicherer-Akveld 1194a.
 
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vertoppeln, verb., s. verdoppeln.
 
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vertorfen, verb., von torf gebildet, 'zu torf werden, in torf übergehn', gewöhnlich im part. prät.; bildung des 19. jhs.: ein solcher saurer, verkohlter und im eigenen sinne vertorfter humus Schwerz ackerbau 40; die wiesenmoore, welche .. aus dem vertorften wurzelgewebe verschiedener saurer halbgräser gebildet wurden Allmers marschenbuch 1, 79. — dazu vertorfung, f., 'der vorgang des vertorfens': den ganzen prozesz der verwitterungen, an- und abschwemmung, vertorfung und eisensteinbildung unseres norddeutschen schwemmlandes 1, 10; 97.
 
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vertosen, verb., perfectivbildung wie vertoben, 1vertönen, 'aufhören zu tosen'; erst im 19. jh. literarisch nachweisbar, doch schon von Stalder 1, 292 und Campe gebucht.

der donner und der sturm vertosten,
die luft voll duft und liedern weht
Lenau 472;

werde ruhig, werde friedlich,
lasz den schlachtgesang vertosen
Strachwitz ged. 166;

so vertost der ganze plunder (die erscheinung),
nüchtern liegt die welt wie ehe
Eichendorff 1, 685.

 

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