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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verthuig bis vertiefung (Bd. 25, Sp. 1902 bis 1910)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verthuig, verthunig, adj., auch mit umlaut, von verthun abgeleitet, 'verschwenderisch'. in älteren wb. reichlich vertreten: verthüig, prodigus Frisius 1065a (u. ö.); Maaler 434b; Diefenbach gloss. 462c; Diefenbach-Wülcker 569; ein vergeuder, verschwender, verthüiger mensch Calepinus 330a (u. ö.); verthuig Schönsleder j i 3b; ein verthüig leben Dentzler 314b. Campe will verthuig vor verthulich den vorzug geben. wenig lebendig erhalten: verthunig verzeichnet Kehrein 1, 432 für Nassau. literarisch nur für das 16. jh. nachweisbar: auff das wir in als den verthunigen zeerhafftigen son ... gütlich widerumb annemen Luther bulla bapst Leonis X. wider D. Martin Luther 1, 260b; die geschicht des verthnigen sons Melanchthon-Spalatinus anweisung in der heil. schrift (1523) 81; durch verthuenigs prächtigs wäsen, böses hauszhalten, und verschwenden Frankfurter erneuerte reformation (1578) 1, 49 § 5; darneben ein weyb geliebt, das köstlich und verthüig; was er erüberigt, sy verthon habe Gesner-Forer thierbuch 47; der junger was ein maler, gar wild, wunderbarlich und gar verthüig Wickram 3, 124, 34. —
dazu das subst. verthuigkeit, f., 'verschwendung', und die adj. fortbildung verthuiglich 'verschwenderisch': prodigentia, verthüyigkeit; prodige, verthüyigklich Frisius 1065b; Maaler 434b.
 
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verthuisch, verthunisch, adj., auch mit umlaut, 'verschwenderisch': mhd. vertuonisch Lexer 3, 279; unnütz, verthunisch Meichszner handbüchlin (1567) 20a; vertuhnisch, prodigus Schottel haubtsprache 358; bair. vertuenisch, schwäb. verthunisch, im 17. jh. erlöschend Schmeller 1, 577; Fischer 2, 1393; lebendig in Hessen-Nassau verthunisch, verdûisch, verdôisch Kehrein 1, 432; Crecelius 2, 864. nach Adelung und Campe ist verthuisch ausdruck der niederen sprechart. die form verthüisch ganz vereinzelt: dasz der vatter verthüisch were, seiner hauszhaltung übel vorstünde Frankfurter erneuerte reformation (1578) 201. sonst stets mit nasaleinschub: ain seltzamer junger herr ... insonderhait

[Bd. 25, Sp. 1903]


gechzornig, ungotzförchtig, verthonisch Zimmer. chron. 1, 237, 17; die sorgfeltigen werden verwegen, ... die spareten verthunisch (erster druck: verdunlich) Schwarzenberg vom zutrinken 40 neudr.; Germania gibt sehr vil arms volcks und bettler .. so ein verthuenisch volck Franck weltbuch (1567) 47a; ein mann soll im h. ehestand .. nicht verthuenisch sein Moscherosch insomnis cura 74 neudr.; sey nicht verthunisch, sey aber auch kein karger filtz Zinkgref apophthegmata 122 (vgl. verthulich).
 
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verthulich, verthunlich, adj., die meistverbreitete der adjectivbildungen zu verthun: sumptuosus, verthuelich Corvinus fons 280; prodigus, profusus, effusus, verthulig Calvisius thesaurus 641a; vertuhlich, prodigus, prodige Stieler 2359; verthulich, unverthulich, consumabile, inconsumabile Kramer 2, 1083b c; Kirsch 2, 315c; Frisch 2, 374a; älter schwäb. verthunlich Fischer 2, 1393; bair. vertuenlich Schmeller 1, 577; tirol. verthunlich Schöpf 773; steir. verthulich Unger-Khull 222b; schles. verthulich Weinhold handschr. nachlasz t 142a. als lebendig nur elsäss. und hess. nachzuweisen: vertuenlich Martin - Lienhart 2, 641b; vertunlich Crecelius 2, 864. Adelung bezeichnet verthulich als üblich in der vertraulichen sprechart, Campe als gewöhnlich, aber ungut. über verthonlich ist wohl die entwicklung von verthanlich gegangen: so ain wittib unerberlich und vertanlich wäre tirol. quelle v. 1573 bei Schöpf 773.
verthulich: ob er karg oder vortüelich sey? Barth weiberspiegel s Ib f; die tollen, vollen .., verthulichen und ubermachten pancket Mathesius Syrach 116a; die obrigkeit .. mir als einem verthulichen menschen nichts folgen liesz Weise erznarren 44 neudr.;

der brunn ist unerschöpfft und doch vertuhlich nicht
Harsdörffer gesprechspiele 6, )( )( )( )( viib;

zum dritten hat er auch an einen mann gedacht,
der, weil er gar zu fromm, die frau verthulich macht
Henrici ged. 1, 360.


verthunlich: (sie) geben ausz unvernünfftigklich und vertönlich (prodigaliter) die gütter offenbarung der heil. wittiben Birgitte (Nürnberg 1502) 4, 78; die prächtische, schalckhafte, verthunliche und unbehülfliche weiber Fischart ehzuchtbüchlin 250;

wiltu ye verthnlich syn,
uff ein mal schütten als in Ryn
Murner narrenbeschwörung 212, 63 neudr.;

laquayen, pagen und dergleichen unnützer gefräsziger oder verthunlicher leute Simpl. 500 neudr.; sey nicht verthunlich, sey auch kein karger filtz Moscherosch Philander 1, 633 (vgl. verthuisch).
seit der classischen periode ist verthulich, verthunlich nicht mehr üblich; danach läszt sich jedes nur noch einmal belegen: die vornehme, vorwitzige und verthuliche jugend F. L. Jahn werke 1, 536; es giebt schulmeister, welche ... verthunlich sind und durch eigene schuld in die armuth versinken Gotthelf schriften 6, 200.
das wort kommt auch im nl. vor: verdoenlick, prodigus, profusus Kilian 584b; verdoenlijk Sicherer-Akveld 1164a.
 
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verthulichkeit, verthunlichkeit, f., subst. zum vorigen adj., 'verschwendung': prodigentia, verschwendung, verthuligkeit, vergeudung Calvisius thesaur. 641a; vertuhlichkeit, prodigitas Stieler 2359; verthulichkeit, prodigalità Kramer 2, 1083c; prodigalitas, sumtuositas Kirsch 2, 315a; älter steir. Unger - Khull 222b; auch Adelung und Campe bekannt. das wort ist aus dem 17.—19. jh. zu belegen, aber in der schriftsprache nicht üblich: dasz sie nit auf einer seiten in zu vil verthunlichkeit, auf der ander seiten in schendliche kargheit und geitz fallen Lorichius instruction (1618) 428; diese männer haben geärgert ihre weiber, mit ehebrechen: diese weiber ihre männer, mit verthuenlichkeit und unfreündlichkeit Moscherosch Philander 1, 460;

daher auch Bestius sehr auff die Griechen schilt,
das mit verthuligkeit sie alles angefüllt
Adami Persius (1674) f 6b;

[Bd. 25, Sp. 1904]


damit auch .. unordnung, verthuligkeit, verschleppen und dergleichen miszbräuche verhütet .. bleibe sächs. hofordnungen 2, 82 Kern; ein regente kan anders als aus denen beuteln seiner unterthanen keine beständige schätze sammeln, unbeständige sammlung aber ist nichts anders, als verthulichkeit allg. haushalt.-lex. 2, 682a; verschwendung und verthulichkeit öcon.-phys. lex. 8, 1373; die weiber im dorfe .. fingen an zu brummen über die verthunlichkeit ihrer männer Gotthelf schr. 1, 356.
dazu nl. verdoenlickheyd, profusio, prodigentia Kilian 584b; verdoenlijkheid Sicherer-Akveld 1164a.
 
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verthunis, verthunung, verthuung, f., seltene substantivbildungen zu verthun, 'verschwendung': verthunüs Jelinek 853; unser herren haben betrachtt die grosz vertünüsz Egerer stadtrecht ebd.; verthuung, verthunnung, consumptio, prodigalitas voc. inc. teut. ii 6a; Diefenbach gloss. 462b; Diefenbach - Wülcker 569; prodigentia, profusio, geudigkeit, verthüung, verschwendung Calepinus 1161b; ein mensch .., der sein leben mit verthuung und unachtsamkeit hingebracht Olearius persian. baumgarten 50.
 
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vertical, adj. und adv., im 18. jh. aus dem lat. verticalis entlehnt: 'scheitelrecht' Adelung; 'senkrecht, aus dem scheitel- oder wirbelpunkte' Kinderling reinigkeit 342; Campe wünscht es durch scheitelrecht verdrängt zu sehen verdeutschungswb. 662a (vgl. Schiller Don Karlos 343). auch nl. verticaal 'scheitelrecht'. in der literatur seit der classischen periode: wie der menschliche körper in verticaler stellung sich als stehenden erweist Göthe 49, 175 Weim. adverbial gebraucht: horizontal und vertical trägt sie (die gerade linie), und stützt aufs gewisseste Herder 22, 41. — durch fortlassung von linie entsteht das subst. verticale, f., 'scheitellinie': die ablenkung des bleiloths von der verticale in der nähe eines berges A. v. Humboldt kosmos 1, 176.
 
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vertiefen, verb. , analogiebildung im engen anschlusz an das grundwort tief, während daneben eine lautgesetzlich richtig entwickelte form verteufen hergeht, die im 17. jh. erlischt. verteufen ist besonders bei md. autoren vertreten, so bei Luther (15, 304; 302, 521; 23, 474 Weim.). Opitz bevorzugt verteufen vor vertiefen (neben einander im buch v. d. d. poeterei 11 bzw. 53 neudr.). von den Schlesiern des 17. jhs. schwanken zwischen beiden formen Opitz, Böhme, Butschky (vgl. Weinhold handschr. nachlasz t 53a; Gombert ergänzungen 3, 10; Drechsler Wencel Scherffer 260). verteufen bevorzugen Gryphius, Scherffer, Schweinichen; vertiefen Logau, Lohenstein, Prätorius. bis auf den heutigen tag hat sich verteufen in der bergmannsprache erhalten: schächte, bohrlöcher verteufen, abteufen, 'in die tiefe niederarbeiten, durch bergmännische arbeit herstellen' Veith bergwb. 540.
zu verteufen gehört md. vertûfen mhd. wb. 3, 34b;

biʒ du dich gar vertufest,
sunde mit sunden hufest paraphrase d. b. Daniel 381 Hübner.

ferner mnd. vordupen Schiller-Lübben 5, 347a; ostfries. ferdüpen Doornkaat 1, 443a.
vertiefen, das seit dem 18. jh. allein erscheint, ist schon in der älteren periode häufiger: vertiefen mhd. wb. 3, 34b; Lexer 3, 268 f.; Frisius (s. unten); Maaler 434b; Corvinus 532; Schottel 89; Stieler 2279; Kramer 2, 1089b; Dentzler 314b; Kirsch 2, 315a; Frisch 2, 372b; Adelung; Campe. älter bair. schwäb. Schmeller 1, 590; Fischer 2, 1377. heute nicht im eigentlichen sinne der mundart angehörig. pomm. verdeepen Dähnert 519a; ostfries. ferdêpen Doornkaat (s. oben); mnl. nl. verdiepen Verdam 618a; Kilian 584b. in schlesischer mundart ist der vocal verkürzt: ich bin su vertifft uff Lise Durnrusen ('erpicht') Gryphius lustsp. 257. anderweitig findet er sich gerundet:

Christus zum leben uns berüeft
vom tod, darinn wir sind vertüeft
A. Reuszner (kirchenlied 3, 133 Wackernagel);

er hatte sich in seinen gedanken so sehr vertühffet Zesen Rosemund 36 neudr. (neben vertieffet, vertiefft rosenmând a 7a; Helikon 3, l 8b).

[Bd. 25, Sp. 1905]



vereinzelt ist eine comparativische weiterbildung vertiefern:

die (wunde) hat mir Rosemunde
mit einem augen-blitze ...
vertieffert und verschlimmert
Zesen Helikon 2, 59.

lebendig im lusernischen vortiavarn Bacher 420.
dän. fordybe, schwed. fördjupa entstammt deutschem einflusz.
der bedeutung entsprechend wird vertiefen und verteufen gemeinsam behandelt. es empfiehlt sich die scheidung nach trans., reflex., part. gebrauch.
A. trans. gebrauch.
1) eine örtlichkeit, einen gegenstand 'tief, tiefer machen, anlegen': (soldaten) die .. noch dazu sümpfe trocknen, hafen vertieffen .. musten Lohenstein Armin. 1, 44a. mit präpos. zusatz: in die wände (des saals) waren verhältnismäszige bogen vertieft (eingelassen) Göthe 23, 197 Weim. (Meister); hatten sie sümpfe .. zu seen vertieft Niebuhr röm. geschichte 1, 77. 'vertieft vorstellen, annehmen': auch Kleomedes vertiefte die erdfläche in der mitte, um das mittelmeer zu fassen A. v. Humboldt kosmos 2, 404. mit poetischer freiheit:

am bache saszen wir in den frischungen
des schattens. wenig wurde der scheue fusz
zuerst gesenkt, bald ganz vertiefet,
nun auch das knie
Klopstock oden 2, 130, 35.

mhd. 'tief hineintreiben':

ich swanc im (dem eber) ab die wer gar vor den ougen.
daʒ swert ich kunde vertieffen in eine ronen gar an wider zougen jüng. Titurel 5755.

bei den gürtlern: die mit dem haustempel ausgehauenen scheiben zu knöpfen vertiefen, 'hohlschlagen' Campe. töne in tiefer lage hervorbringen: (die sänger) dehnen, erheben, und vertiefen ihre töne nach den phantasien eines andern Gottsched crit. dichtkunst 790;

die süsze vielfachheit, die ihre stimme drehet,
jetzt gurgelt, jetzt vertieft, jetzt wunderschnell erhöhet
Wieland 1, 81 akad. ausg.


2) 'einen eindruck oder zustand tiefer machen, verstärken, steigern': die durch den schlaff vertieffte hitz Guarinonius greuel 1298. besonders in der malerei: die schatten in einem gemäl vertiefen Kramer; mit dunkleren farben, als die anlage ist, etwas an einem gemäl ausnehmen und ihm einen schatten geben Jablonski lex. der künste 815b; er (Zeuxis) hat z erst das gemel mit schatten abgesetzt, erhöcht und vertiefft Franck zeytbuch 87b; (ich) will nächst ein oder zwei porträts die groszen bilder aufs äuszerste vollenden und vertiefen A. Feuerbach an die mutter 2, 289.
in jüngerer sprache übertragen: Valentin suchte nicht den schatten zu vertiefen, der auf Fritz Nettenmairs handeln fiel Ludwig 1, 294; sein (des Germanen) streben, alles bedeutsam zu vertiefen und in die erscheinung einen geheimen sinn zu legen Freytag werke 17, 193; wo die philosophie, statt den geist zu vertiefen und zu befreien, vielmehr ihn verflacht Mommsen röm. geschichte 2, 412; mein bewusztsein, dasz ich mich auf rein deutschem gebiete .. befand, (wurde) durch die entgegenkommende haltung des publikums .. vertieft Bismarck erinnerungen 2, 272. mit persönlichem object: ich zweifle, ob ein solcher schmerz 'verbessert' —; aber ich weisz, dasz er uns vertieft Nietzsche 5, 9. auszergewöhnlich bei Klopstock 'in schwermuth versenken':

ernste muse, verlasz den wehmuthsvollen gedanken,
der dich traurig vertieft oden 1, 89, 22.

in der form des part. präs. adverbial gebraucht: das bewusztsein ihrer verschuldung, ihr sinnen .. weckte vertiefend die innere welt Ludwig 2, 193.
3) 'versenken in etwas', nur in älterer sprache. mit dem nebensinn des schädigens: (der flusz)

die äcker überschwämmt, die wiesen gantz ersäuffet,
des jahres trost, die saat, in sand und schlamm vertäuffet
Scherffer (1665) bei
Drechsler 260.

sonst übertragen: einen in schulden bringen, mit gältschulden vertieffen oder verstecken, obruere aere alieno Frisius 895a; 817b; er ist sehr mit schulden vertiefet

[Bd. 25, Sp. 1906]


Stieler; dieser vertiefte den Prusias in allerley laster Lohenstein Arminius 1, 882a; dasz JFG die landschaft mit siegelung sehr verteufet und zu merklichem schaden gebracht hätte Schweinichen 200; die begirden verteuffen die menschen zum verderben Agricola sprichwört. 304.
4) die bedeutung 'einen im geist oder in gedanken versenken' kommt dem heutigen gebrauch des reflex. und des part. prät. nahe:

schönheit der liebsten ists schiffelein:
solches vertieffet mich, willig zu scheiden
immer noch weiter ins meer hinein Venusgärtlein 15 neudr.;

gelehrte, die ihren kopff in den .. bücher-schatten dermaszen vertieffet, das sie darüber zu narren worden Butschky Pathmos 488; (dasz) ihr eure gedancken in schwere traurigkeit vertieffet Harsdörffer secretarius 1, Gg VIIIb.
mit dativ auffällig: die ihren verstand am meisten in den wissenschaften vertieft haben J. E. Schlegel 3, 313.
B. der reflexive gebrauch ist heute wie in älterer sprache weitaus häufiger als der transitive.
1) örtlich, 'vertieft werden, eine tiefere lage annehmen, tiefere anlage erhalten' (vgl. DWB A 1): wie das umdrehen um ihre achsen ihnen (den planeten) die sphäroidische figur gegeben, indem sich der mittelgurt erhoben, die polarkreise aber vertiefet haben anmuth. gelehrsamkeit 2, 52 Gottsched; eine .. rinne, die sich .. nach links hin .. zu einer .. tiefen grube vertiefte Fontane 1, 322; sein angesicht verfiel, seine augen vertieften sich Gutzkow werke 4, 50; in seinem starken fleisch hatte sich die kugel so vertieft, dasz sie nicht herausgebracht werden konnte Arnim kronenwächter 2, 68. 'sich nach der tiefe zu hinziehen': der boden wird, rings um den ganzen see her, morastig und vertieft sich schräg gegen das ufer herab Forster 2, 88; (sie) wendete sich gegen den sich in gebürge vertieffenden schau-platz, und sang Lohenstein Arminius 2, 865a.
mit poetischer freiheit (wie Klopstock unter A 1):

der schönste fusz ..
entblöszet sich, und plätschert durch den koth,
vertiefet sich, und forschet in der lache
Ramler fabellese 1, 94.


von tönen: bey welchen perioden der ton stark wird, sich erhöht und vertieft Heinse 5, 228.
2) von lebenden wesen, 'sich tiefer hineinbegeben in eine örtlichkeit': gen.-major Bulach aber wolte, in die Ober-Pfaltz sich mehr zu vertieffen, und vom fusvolck weiter zu verthun, nicht getrauen Chemnitz schwed. krieg 2, 39; in bergwerken vertieffe man sich nicht zu sehr, wo nicht scheinbare hofnung sich eräuget Bucholtz Herkuliskus 1451; als wenn die störche sich in sumpfigte örter des winters vertieften Prätorius winterflucht 59. später nur obd.: ich vertiefe mich in einen unbewanderten hayn Sonnenfels 3, 260; aufs neue in die schatten enger lagunen sich vertiefend, eilte sie (die gondel) der .. meerfläche zu C. F. Meyer Jenatsch 128.
3) 'sich steigern, verstärken', in der malerei gebräuchlich (vgl. DWB A 2): das rote licht in der höhe vertiefte sich und glomm um viele zacken und zinnen Zahn helden des alltags 134; er (der cirkel) vertieft sich uns in schatten, die aussicht wird schief und unvollständig Herder 1, 361.
mit poetischer kühnheit:

doch wie vertieft sich hier der halb entzückte kiel?
zwar schreibt von Danzigs ruhm nicht leicht ein rohr zu viel
Gottsched ged. (1751) 1, 388.


von einem eindruck oder zustand: was uns als das ideal .. erschien: die verbindung kriegerischer kraft und geistiger ausbildung, das hat sich jetzt vertieft Meinecke leben Boyens 1, 124. ähnlich schon mhd.: der sach für ze kumen, ê sich die noch vester vertieft habsburg. urkunden 3, 367.

[Bd. 25, Sp. 1907]



4) bis ins 18. jh. erhält sich die verwendung in üblem sinne, 'sich in schuld verstricken' (vgl. DWB A 3).
geldschulden:

sô vertiefet ir iuch verre,
ir setzet riute unde velt,
ir verkoufet iuwern huobegelt Dietrichs flucht 7986;

sich in schulden vertiefen, aere alieno obrui Dentzler, Kramer, Frisch; das sich Hanns Thoman .. in ettlich wege vertiefft hett und gelt haben mueszt verhandlungen über Absberg 9 Baader; welcher sich in schulden so vertieffet, dasz er .. endlich gar banckerot zu spielen .. genötiget wird Comenius sprachenthür 865; oder werden sie für jene freien, die .. sich in schulden vertieft haben, den vorschusz thun Möser werke 3, 317. besonders schweiz.: Haller Usong 377; Bräker 1, 214.
moralisch: sich in wollüsten vertieffen, immergere se in voluptates Corvinus; schweiz.: in lasteren Dentzler; wie gar sie sich mit söllichen begirden vertiefind und beschwärind Watt hist. schriften 1, 72; die .. der sünde mit einer entsetzlichen lust nachlaufen, sich mit ihr belustigen und vertiefen Bodmer von dem wunderbaren 157;

nach dem sie bey der frauen schlieffen,
theten in sünden sich vertieffen
Sachs 20, 323, 27 Götze;

wer wolte sich vertieffen
in lüsten, die von pein und herben schmertzen triefen
Neukirch anfangsgründe 222.


allgemein 'sich versündigen, sich vergehn': mit schlachten vertieffen sie sich in irem verlaufen, darumb mus ich sie alle sampt straffen Hos. 5, 2;

das er sich etwas thut vertieffen
an dem heyligen stul zu Rom
oder gleych an dem gottes-nom
Sachs 14, 306, 18 Keller-Götze.

ähnlich noch Gottsched:

dasz sich mein aug auf deinen lilgenwangen ..
verirrt, vertiefet und vergiszt? ged. (1751) 1, 354.

ohne präpos. bestimmung:

dasz sie sich dermahleins vertiefft
oder mit unzucht sich vergriefft
Ayrer dramen 3006 Keller.


'sich leichtsinnig und zum eignen nachtheil in etwas oder mit einem einlassen'. besonders schweiz.: dasz er sich nit in die sach fräfenlich liesze, oder sich mit dem handel vertieffte, ne se temere in causam deduceret Frisius 372b; 246a; sich mit fründtschafft und gesellschafft gegen einem vertieffen, implicari 660a; Maaler; Dentzler; doch so hatt sie sich in dem anlasz z dem spruch so .. vertieft, dasz si bi obgedachter erkantnus bliben mszt Watt hist. schriften 1, 491. noch lebendig: 'sich in gefährliches einlassen' Staub-Tobler 1, 907. anderweitig obd.: ich mag mich mit ihm nicht vertiefen Stieler; er soll sich vilmals mit unzüchtigen weibern vertiefft haben und vil unraths gestifft Franck zeytbuch 406b; (dasz die verliebte jungfrau) weder stammen noch nammen bedencken würt und sich wider aller irer freünd willen mit dem ritter vertieffen Wickram 1, 282, 7. md.: euch tyrannen .. warnen und bitten, das ihr doch euch nicht in unschüldig blut so jemerlich verteuffet Luther 23, 474, 23 Weim.; (er hatte) sich an die stadt Osnabrügge gemachet, in deren belagerung er gleichwol anfangs nicht zu sehr sich vertieffen wollen Chemnitz schwed. krieg 2, 208; Melo bereuete schon: dasz er sich mit diesen furchtsamen frembdlingen so vertieffet hätte Lohenstein Arminius 2, 1063a.
5) 'sich in einen seelischen zustand, eine stimmung oder betrachtung, völlig versenken': in gedanken sich vertiefen Stieler; sich in einer sache, matery, in den wissenschafften vertiefen Kramer; wenn man sich so weit darin einläszt, dasz man nicht leicht wieder daraus zurückgebracht werden kann Adelung. nach heutigem sprachgebrauch vertieft sich der mensch in einen gegenstand stets absichtlich, indem er ihn mit ganzer kraft zu durchdringen sucht; er versinkt aber in gedanken, in träumereien oft wider seinen willen vgl. Eberhard-Lyon nr. 1412. diese unterscheidung trifft noch auf die sprache

[Bd. 25, Sp. 1908]


Herders nicht zu, die vertiefen in beiderlei sinne verwendet. die verbindung mit acc. scheint durchweg verbreiteter zu sein und gelangt im 19. jh. zur herrschaft (vgl. DWB C 4); doch erscheint daneben weiter der dativ: ich denke mich .. im griechischen zu vertiefen W. v. Humboldt an Welcker 134; in der lästerchronik jener zeit mich vertiefend Holtei vierzig jahre 1, 80; ich .. vertiefte mich im lesen Heine 3, 21.
'sich einer stimmung oder aufwallung hingeben': alsdan so ersincket sie (die seele) in denselben neugebohrnen willen-geist, und vertäuffet sich in die allerlauterste demuth Böhme 6, 193;

princessin! sie vertäufft sich vor der zeit in pein
Gryphius trauersp. 114 (Leo 5, 1, 106);

um so hitziger vertiefte man sich in den zorn gegen den unverschämten Dahlmann franz. revolution 110.
'sich einer träumerischen betrachtung hingeben':

denn ich hatt in ihren glantz
mich vertieffet also gantz
Logau sinnged. 11 (15);

der greis vertieft sich, frohbetroffen,
in seines gastes angesicht
Lenau 477;

wir ... vertiefen uns in idealische träume Herder 1, 349; das feurige mädchen vertiefte sich in die unwahrscheinlichsten voraussetzungen und möglichkeiten Holtei erz. schriften 35, 174.
'sich in eine betrachtung oder untersuchung versenken': darum sollend sy mit festem glouben sich für und für in gott vertiefen Zwingli d. schriften 1, 100; ich vertieff mich zu ferr inn diser materi, wiewol ichs zu anfang nicht im sinn gehabt Fischart Garg. 196 neudr.; unsere männer vertieffen sich in der schrifft, dasz sie an die kinder und an ihre hochzeit mit keinem worte gedencken Weise comödienprobe 233; der gefaszten absicht gemäsz hatte ich mich vor allem in die weitschichtigen acten zu vertiefen Ranke 25, vii;

du hast dich sehr in diese wissenschaft
vertieft
Göthe 10, 113 Weim. (Tasso 218).

in der form des subst. inf.: aus dem liebevoll hingegebnen vertiefen in das kunstwerk Ludwig 2, 636.
C. sehr verbreitet ist der adj. gebrauch des part. prät.
1) 'tief angebracht, eingebettet' (vgl. DWB A 1, B 1): die nasenlöcher (beim schwarzspecht) .. in einer vertieften rinne Naumann naturgesch. der vögel 5, 255; vertiefte arbeit im gegensatz zur erhabenen (erhobenen) Campe; mit welcher die deutsche nazion auf so vielen schlachtfeldern und auf wappenfeldern nasz hinblickt und ihren namen nur als vertiefte arbeit findet Jean Paul werke 34, 11;

zumahl, wenn selbiges (gemälde) beschattet,
als durch vertiefften grund, noch mehr erhaben schien
Brocke ird. vergnügen 4, 356.

'tiefliegend, tiefstehend': ein weites thal, ... ostwärts gegen die gebirge zu vertieft, westwärts aber gegen das meer zu erhöht Göthe 31, 8 Weim.; nunmehr stehen selbe (augen) in dem kopff vertieffet Abraham a St. Clara mercks Wien 57. von personen veraltet: der feldherr drang sich inzwischen zu dem in die feinde ziemlich vertieften hertzog Arpus durch lohenstein Arminius 2, 351b.
in der gärtnerei nennt man vertieft ein blatt, woran die fläche zwischen den adern vertieft ist (lacunosum) Jacobsson techn. wb. 8, 84a; ausgehöhlt oder vertieft (concavus) einen körper, der eine gleichförmige hohle wölbung bildet Bischoff wb. d. beschreib. botanik 42.
2) 'verstärkt, gesteigert' (vgl. DWB A 2, B 3); vertiefte schatten im gemäl Kramer;

ich tauche mich mit geist und sinn
durch die vertiefte bläue hin
Mörike werke 1, 53.

übertragen: die vertieffete grundelose erbarmhertzikeit gottes Tauler 66, 7 Vetter; (sie) blieb daselbs biszweilen fünff oder sechs tag in solcher vertiefften andacht ... so lang bisz die bibel gar ausz ware Fischart binenkorb 23b; mit ausgebreiteteren und vertieften kenntnissen Herder 12, 354; ein an sich altes, aber in unseren

[Bd. 25, Sp. 1909]


tagen vertieftes vorurtheil, dasz der bauer keine bildung habe Rosegger schriften 1, 7.
3) in schlechtem sinne 'versenkt, verstrickt, befangen in etwas' (vgl. DWB A 3, B 4): hebben se kinder unde sint vordupet in schulden lüb. recht bei Schiller-Lübben; er steckt in tausend schulden vertäuffet bis über die ohren Gryphius Horribil. 40 neudr.; beede theile desz kriegs müd und mit vielen schulden vertiefft Harsdörffer secret. 1, v u viib; den gegenwärtigen in schuld vertieften mann Eichhorn d. staatsgeschichte 3, 419. in laster: in fleischlichen wollüsten Kramer;

daʒ ich bin
in sünden ein vertiefet man Winsbeke 66, 2 Haupt;

das es alles ... im geytz erseufft und verteufft ist Luther 15, 304, 34 Weim.; wofern díeselbe gute leute mit andern falschen und .. ketzerischen meynung nicht wären verwickelt und vertiefft gewesen Simpl. 440 neudr.; in zwang, pedanterie und narrheit vertieft Schubart briefe 1, 100. ohne zusatz, 'versündigt, gesunken': wie jamerlich wir vertiefft, und S. Peters schiffleyn so erbermlich verfüret sey Caspar Guetel eyn selig neu jar (1522) b 4a; wormit so vil arme vertieffte sünder zum gestatt der ewigen seeligkeit gezogen worden Abraham a St. Clara Judas 1, 128. 'tief verstrickt': denn weil bey seiner ankunfft Catumer schon mit Adelmunden wäre vertiefft gewesen, hätte er nicht ihm ... seines königs tochter antragen können Lohenstein Armin. 2, 612a. durchweg veraltet und ungebräuchlich, obwohl noch Adelung und Campe buchen: in sünden, in schulden vertieft sein.
4) 'geistig versunken in einen zustand': in beschauung göttlicher dinge Kramer; in betrachtungen, über einer arbeit vertieft sein Adelung; vgl. über den geisteszustand Fichte werke 2, 337. während der reflex. gebrauch sich bis ins 16. jh. zurückverfolgen läszt (vgl. DWB B 5), ist das part. prät. erst um 1700 zu belegen: sollten .. der kayser und Polen auf die Türken .. mit ernst dringen, und keiner in andere consilia vertieft seyn Leibniz 1, 199;

lang in trauren vertieft, lernt ich die liebe
Klopstock oden 1, 94, 1;

in seine eignen leidenschaftlichen betrachtungen vertieft Göthe 23, 6 Weim. (Meister); Karl v. Moor (in ein buch vertieft) Schiller 2, 28 (räuber 1, 2); in ein fricassée vertieft Laube 8, 44. während die hier belegte verbindung mit dem acc. im 19. jh. zur herrschaft gelangt ist, erhält sich daneben die mit dativ bis in die mitte des 19. jhs.:

da tritt er endlich, im gespräch vertieft,
aus seinem hause
Lessing 3, 149 (Nathan 5, 125);

vertieft in der kunde der überirdischen welt Novalis 4, 70; im schachspiel vertieft Ludwig 2, 425.
ohne präpos. zusatz: beide saszen eine weile ruhig und schauten vertieft den leuchtenden becher an Tieck schriften 4, 399. in anderer art: Caspar richtete den bis zur trunkenheit vertieften blick auf ihn Wassermann Caspar Hauser 77.
auch subst. gebraucht oder gesteigert: der mehreren in die zeitung vertieften etwas in's ohr raunte Gutzkow werke 6, 112; wozu überhaupt romantik? mochte der vertieftere dichter sich gesagt haben Kürnberger herzenssachen 169; dessen anfechtungen den faden der vertieftesten spekulation zerreiszen Schiller 1, 150.
in scherzhaftem sinne sprichwörtlich: he ös vertîft wî de hund, wenn er op de zock huckt Frischbier preusz. sprichw. 2, 190; nicht so sehr vertieft, wie der hund zum maulwurf sagte, als er ihn aus dem loche holte Wander 4, 1613.
5) ein adverbialer gebrauch ist an 1 anzulehnen: vertieft geschnittene edelsteine, vertieft geprägte münzen in der bildenden kunst vgl. H. Meyer gesch. der bild. künste 3, 173; kupfertafel 1. in der botanik: vertieft-genabelte fläche im kelchrande der mispel, vertieft-punktierte samen Schlechtendal flora 25, 46; 9, 185.

[Bd. 25, Sp. 1910]




 
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vertiefer, m., ungebräuchliches nomen agentis zu vertiefen B 5: scrutator, immiscens, particeps Stieler 2280. —
 
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vertiefstempel, m., zu vertiefen A 1, bei den gürtlern ein stempel, um die mit dem haustempel ausgehauenen scheiben zu den knöpfen zu vertiefen oder hohlzuschlagen Adelung, Campe; Prechtl encyklopäd. 2, 298; Beil techn. wb. 1, 629.
 
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vertieftheit, f., junge bildung zu vertiefen C 4, 'versunkenheit, versonnenheit': zwei wichtige indizien, sagte der präsident mit dem gleichen ton von vertieftheit Wassermann Caspar Hauser 108.
 
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vertiefung, f. , substantivbildung zu vertiefen in seinen verschiedenen bedeutungen. erst im 18. jh. häufiger; aus dem 16. jh. liegen nur zwei belege vor: vertiefung bei Zwingli, vorteuffung bei Guetel (s. unter 3). die form verteufung ist nicht weiter zu verfolgen; nur in der sprache der bergleute hat sich verteufung (der hauptschächte) wie das verb. verteufen (sp. 1904) erhalten Veith bergw. 540. ältester lexicalischer nachweis: lacunar .. eine getäffelte decke .. die unterschiedliche vertieffung hat Corvinus fons 456; lacunatio, umbra picturae Stieler 2280; vertiefungen in der malerei Kramer 2, 1089b; Adelung; Campe. nd. scheint das wort zu fehlen. mnl. verdiepinge Verdam 618a; Kilian 584b; nl. verdieping in eigentlichem und übertragenem sinne; daneben zur bezeichnung der höhe eines zimmers oder stockwerks vgl. Sicherer-Akveld 1163c. danach ostfries. ferdêping, ferdüping; auffällig: hê hed god wat in sîn ferdêping, 'er ist geistig begabt' Stürenburg 315b; Doornkaat 1, 443a. ebenfalls entlehnt dän. fordybning, schwed. fördjupning.
zu scheiden ist im gebrauch die abstracte von der concreten bildung. jene bezeichnet die handlung des vertiefens oder den zustand des vertieftwerdens und vertieftseins.
1) 'die tiefere anlage, das tiefermachen einer örtlichkeit': die vertiefung solcher wände geschicht durch einen kleinen vorhang Harsdörffer gesprechspiele 6, 47; mit meister Timmler wegen dem eckpfeiler, dem berappen des gebäudes und vertiefung des hofes (gesprochen) Göthe III 6, 185 Weim. bildlich: der antrag ist eine zweifellose vertiefung des Mains, als grenze (zwischen Nord- und Süddeutschland) Bismarck reden 4, 183. in der musik: jede erhöhung oder vertiefung (des tones) läszt sich durch schlüssel bestimmen Schubart ästhetik d. tonkunst 294. von plastischer arbeit: da nehmlich die bildhauerey .. nur das, was durch vertiefung und erhöhung auf der fläche sichtbar ist, ausdrücken soll Lessing 11, 309. ungebräuchlich zu einem reflex. vertiefen B 1, 'das abnehmen, fallen': ist die arch Noe, nach vertieffung der wasser im sündflusz verharlich blieben Guarinonius greuel 451. ungewöhnlich 'tieferer stand': die sonne .. gosz aus ihrer vertiefung über die schattenbeete der thäler ihre goldführenden purpurflüsse Jean Paul werke 7/10, 214.
2) 'verstärkung, steigerung' (zu vertiefen A 2, B 3, C 2): vertiefung des ursprünglichen particularismus Mommsen röm. geschichte 1, 23; nicht das bedürfnisz nach vertiefung seines regen geistes war es, das ihm augenblicke des wildesten einsetzens seines ... lebens gab Gutzkow zauberer 5, 302.
3) zu vertiefen A 3, B 4, C 3 veraltet, 'verschuldung, versündigung': seynt nit allein die geystlichen .. zu solcher erbarmlicher vorteuffung und des schyfs verfürung, vor got, mitursacher und schuldig Guetel eyn selig neujar (1522) b 4a; dasz söliches us verzwyflung beschicht und vertiefung des fleischs und vichischen anfechtungen Zwingli d. schriften 1, 58; welche die vertiefungen der menschen in sünden und sündlichen lüsten eine hurerey und ehbruch heiszen Bodmer von dem wunderbaren 155. 'zustand der verschuldung': wie ich in so groszer vertiefung (geldschuld) vor Herzog Heinrich stecket Schweinichen 171. 'demüthigung, erniedrigung': es (das reich) dürfte dadurch vielmehr in unrath und vertiefung als erhebung und aufnehmen gerathen M. J. Schmidt geschichte der Deutschen 4, 389.

[Bd. 25, Sp. 1911]



4) am üblichsten ist in der heutigen sprache vertiefung als 'innere versenkung, eingehende betrachtung' (vgl. vertiefen A 4, B 5, C 4): scrutatio, scrupulositas Stieler; weil nun hiezu ein besondrer tact, eine besondre vertiefung in seinen abgeschiedenen autor nöthig .. wird Göthe 422, 176 Weim.; er hat garnichts von der hochgespannten schwärmerischen vertiefung in die gottesidee Freytag werke 17, 441. 'zustand der versunkenheit':

und wie sie in solcher vertiefung steht,
denkt sie ans vergessene morgengebet
Uhland ged. 1, 469.


5) concret, 'das tief oder tiefer gemachte, die tiefe stelle, senkung', seit dem 17. jh.: die vertieffungen aus denen gruben ihrer gedörrten wangen Ziegler Banise 227; die scene ist ein grabmahl, in dessen vertieffung zwey särge Lessing 3, 445; der weg ging durch eine kleine vertiefung Göthe 33, 293 Weim.; einige vertiefungen und seitengänge gaben dem raume ein düsteres und verworrenes ansehen Keller 4, 31. sehr häufig im 19. jh., auch in technischer sprache: versenckt, in der vertiefung, figura depressior, en abime; in der wappenkunst eine figur in der mitte des schildes, kleiner als die umstehenden Jablonski lex. der künste 814a; Trier wappenkunst 86; Querfurth herald. terminologie 166; Müller-Mothes archäol. wb. 2, 963. in der malerei sind vertiefungen die dunkeln stellen ohne widerschein, besonders in den falten eines gewandes öcon.-phys. lex. 8, 2183; Beil techn. wb. 1, 630. die reisz- und tuschwerck .. mit allen .. vertieffungen und verhöhungen Guarinonius greuel 185;

durch die vertieffungen wird's auge selbst bethöret
Lohenstein rosen 135;

keine vertiefung, kein vorgrund, das feld ein flaches stück leinwand
Bodmer Noah 204 (7, 21);

die vertiefung des gemähldes kann sich in den freyen himmel, oder gegen höhere gebäude der stadt verlieren Lessing 9, 133; gegen westen die nähern gebirge von Este, deren gestalt und vertiefung man deutlich erkennen kann Göthe III 1, 234 Weim.
6) in der zusammensetzung (vertiefung 4): vertiefungsgrad, m.: die verschiedenen vertiefungsgrade des erhabenen gehören ebenfalls zu der gesammtheit seines stoffs Vischer ästhetik 1, 423. —

 

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