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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verthonen bis verthuerisch (Bd. 25, Sp. 1892 bis 1902)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verthonen, verb., denominativbildung zu thon (s. d.). 1) trans. im bergbau: schächte, bohrlöcher, die sohle eines stollens verthonen oder verletten, 'mit letten oder thon auskleiden' Veith bergwb. 540. 2) intrans. beim töpferhandwerk, 'in thonartigen zustand übergehn, sich mit einer thonartigen schicht überziehen'. dazu das subst. verthonung: T. unterscheidet beim brennen der thonwaaren einen zustand der verthonung (z. b. feuerfeste steine und backsteine) und der verglasung Kerl thonwaaren 60.
 
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verthoren, verthören, verthöreln, verb. , denominativbildungen zu thor, m. (th. 111, 392). von hause aus ist verthoren die intrans., verthören die trans. form; aber schon mhd. kommt vertôren nicht nur intrans., sondern neben vertœren auch trans. vor mhd. wb. 3, 51b, 52a; Lexer 3, 271. vertörlen ist alem. form neben trans. vertören Stalder 1, 277; 2, 507; Seiler Basel 106; Martin - Lienhart 2, 707a. alle drei formen bei Campe. md.: lothring. vertoren Follmann 155a; oberhess. Crecelius 2, 863. im nd. fehlt das wort. eine ähnlich lautende nd. form vertören gehört zu verzürnen (s. d.) Frommanns zeitschr. 4, 360, 31; Doornkaat 1, 470a; Schambach 268a.
1) intrans. bildung, 'ein thor, thöricht, närrisch werden':

daʒ sie sô gar vertôrten,
die sîne rede hôrten
Stricker Daniel 4219;

[Bd. 25, Sp. 1893]


und werden die seu durch zauberey zu lauter strowischen. der bauer verthört darüber, und sihet, was endlich aus den strowischen werden wolt Hertzog schildwache Kv. üblicher im part. prät., besonders mit auf, 'vernarrt in, versessen auf etwas': er was vertoret uf sin wip Loher und Maller 79b.
2) der reflex. gebrauch hat denselben sinn:

ich tuon mich nit gern vertoren,
es wær der züg an in verloren des teufels netz 1266;

ich hoff, wir wolln uns nicht vertorn
Rosenplüt in
Frommanns zeitschr. 1, 262.

vgl. älter schwäb. Fischer 2, 1381; elsäss. lothring. 'sich zerstreuen, kurzweilen'; schweiz. elsäss. sich vertörlen, 'sich ausschlieszlich mit etwas beschäftigen und darüber alles andre vergessen' Stalder, Seiler, Martin-Lienhart, Follmann.
3) am häufigsten ist trans. gebrauch. mit persönlichem object, 'bethören': deludere, verdoren Diefenbach gloss. 172b; Diefenbach-Wülcker 569; ein trugener .. sprach, er were keiser Friderich, und vertörete vil edeles volkes in tütschen landen d. städtechron. 8, 45, 16 (Straszburg);

ach minnicleicher got, du solt
den ungelauben stören,
das si nicht vertören
dein volk, das du erarnet hast
Vintler blume der tugend 8099.

schweiz. vertoren, vertörlen, 'einem die zeit kürzen, ihn spielend aufhalten', von kunstgriffen, die man anwendet, um erwachsene hinzuhalten und zu versäumen Stalder.
'geistige kräfte und äuszerungen närrisch machen': wir vinden an dîner menscheit die grœʒe kleine, .. die rîcheit geermet, die wîsheit vertôret d. myst. 1, 342, 4;

ir reden wart zerstœret,
ir sin der wart vertœret
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 3481.


während die beiden vorigen gebrauchsarten in nhd. zeit durch bethören ersetzt worden sind, hat sich verthören mit dinglichem obj. in dem sinne 'thöricht hinbringen, leichtsinnig verthun' länger gehalten. schweiz. Stalder; Staub-Tobler 1, 907; oberhess. Crecelius; Campe; wie unnützlich er manchmal das geld verthöret, das er jetzo wol nützlicher und nöthiger anzuwenden hätte Opel - Cohn dreiszigjähr. krieg 383;

der tôren milte tôren lobent:
die dan durch tôren lop ir guot vertœrent und vertobent,
die haben der tôren lop
Reinmar von Zweter 121 Roethe.


von der zeit:

drumb weil sie also farn dahin,
ist zu letzt schand und spot ihr gwin ..
der sein jugendt also vertordt ..
Agricola musica instrumentalis 135.


 
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verthuer, m., s. verthuner.
 
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verthuerisch, verthuig, verthuiglich, verthuisch, verthulich,adj., s. verthunerisch, verthunig, verthunisch, verthunlich.
 
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verthuigkeit, verthulichkeit, subst., s. unter verthunig, verthunlichkeit.
 
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verthümen, verb. , zu dem im nhd. nicht selbständig vorhandenen subst. thum (th. 111, 434), ahd. mhd. tuom, altsächs. altengl. mnd. dôm, got. dôms, 'verhältnis, stand, würde, zustand, urtheil, gericht', abstractbildung zum verb. thun, vgl. Kluge etym. wb. 467b. verthümen ist gemeinwestgerm., auf deutschem boden mehr im nd. und md. als im obd. (ostfränk., vereinzelt bair., nicht alem.) verbreitet: ahd. furtuomen, forduomen nur im Tatian Graff 5, 338; mhd. mit und ohne umlaut vertüemen, vertuomen, vertûmen mhd. wb. 3, 134a; Lexer 3, 277 f.; vorzugsweise md. zahlreiche orthograph. varianten der spätmhd. zeit verzeichnet Diefenbach gloss. 165c. bei Luther findet sich vorthumen neben vorthümmen 103, 412, 16 bz. 21 Weim. im laufe des 16. jh. erlischt verthümen und wird von verdammen verdrängt, das dem lat. damnare entlehnt und seit nhd. zeit nebenher gegangen ist (vgl. sp. 190). altsächs. fardômian Gallée vorstudien 64; mnd. vordomen Schiller - Lübben 5, 340a; pomm. verdömen

[Bd. 25, Sp. 1894]


Dähnert 519a; ostfries. ferdômen Doornkaat 1, 444a. mnl. verdoemen Verdam 618b; Kilian 584b; nl. verdoemen, verdommen Franck-Wijk etym. wb. 121a, 730a. vgl. altengl. fordêman Bosworth-Toller 304a; Stratmann-Bradley 235a; altnord. fordœma, fyrirdœma Fritzner ordbog 1, 454b, 519a. schwed. fördöma, dän. fordømme sind dem mnd. entlehnt Falk-Torp etym. wb. 255. vgl. zum wort Grimm d. gramm. 2, 853.
1) 'einen verurtheilen, verdammen, verstoszen, verfluchen, verbannen', besonders in geistlicher sprache: ablegare, condemnare, confundere, damnare, detestari, execrare, mulctare, suggillare Diefenbach gloss. 3c, 140a, 142a, 165c, 177b, 215c, 370a, 565c; wîb, wâr sint thiê thih ruogtun? nioman ni forduomta thih? ... noh ih thih furtuomu (condemnavit, condemnabo) Tatian 120, 6, 7; der entphet daʒ urteil damit er vortmet wirt zu dem ewigen tode Leipz. predigten 1, 95, 18 Schönbach;

wand er dârumbe wirt vertuomet
mit êwiger unsælikeit
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2356;

mich hat unhail vertümet,
daʒ ich bin kainer eren wert
Joh. v. Würzburg Wilh. v. Österreich 5204 var.;

gott ist, der uns rechtfertiget, wehr wil uns verthmen? Karlstadt in der Weim. Lutherausg. 18, 461, 32; wie fleiszig war er .. die ehelichen priester mit den andern hurern zu verdümmen Kymeus von der priester ehestand (1533) k 1a; Publius Scipio (wiewol der nit verwisen oder auszgetriben was, oder verthümet noch verurtheylet) Carbach Tit. Liv. 417v.
part. prät.: di andere (stat) ist in der helle, dâ sint di vortumeten d. mystiker 1, 234, 24 Pfeiffer;

was hilffts, das man die sach verblümt?
er ist mit leib und seel verthümt
Waldis Esopus 2, 8 (vgl.
Eyering proverb. 1, 331).

subst. infinitiv:

wen ich dich anrueff in der not,
so sorg ich kein vertuemen
Sachs 22, 122, 26 Götze.

reflex. gebrauch: ir múgent úch also halten und reden in vernúnftiger wise, ir vertüment úch domitte Tauler 309, 10 Vetter.
2) 'etwas in bann und acht thun, verwerfen': dar wart vorbannen und vordomet der tempelerer orde d. städtechron. 7, 183, 1 (Magdeburg); Nic. v. Jeroschin preusz. chron. 25408;

de sik hîr sines states efte adel beromet,
wo mannich sine sele dârmede vordomet des dodes danz 1640 Baethcke;

so würdet ir (juden) auch hören gern
sein wort das ir verthümet
Ringwalt evangelia N 2a;

das euangelion das kann nicht anders den yre weyszheyt und gerechtigkeyt vorthumen und maledeyen ire eygene vormessenheyt Luther 103, 412, 16 Weim.
part. prät. 'verflucht, vrdammt':

hette ich den vertumeten brief,
den ich torechter gief ..
dem tuvele hie bevor schreib passional 133, 37 Köpke;

welcher sich dem vertümbten reich diser verflchten welt und iren regimente widersetzen will Mohr evangelion von der kirchweihunge (1525) A 3a.
3) in nicht geistlicher sprache; 'etwas herabsetzen, verrufen':

oder das du dein wahr wolst rhümn,
eins andern aber gar verthümn
Ringwalt lauter warheit 175 (vgl.
Moscherosch Philander 2, 890);

sin adil her dar mede vortumit
und wel sin lastir uffinbarin der ritterspiegel 1479 Bartsch (Casseler hs.).

nur nd. 'ins unglück bringen, verderben':

dit sint de de stat verdomen,
alle de ich uch hei nomen Hagens köln. chron. 1426 (d. städtechron. 12, 62).


4) ein mnd. vordomen 'verzehren, verprassen' wird zwar von Lübben - Walther 497a als besonderes wort angesetzt, ist aber wohl derselben herkunft (vgl. verthun).

[Bd. 25, Sp. 1895]


dat wart van den erven entweder vörslömet und vördömet quelle v. 1604 bei Schiller-Lübben; als lebendig verzeichnet Bauer-Collitz 29a ferdoǖme n für den Waldecker dialect.
in ost- und mittelfränkischen vocabularien findet sich vertumen, -dumen, -thunen, abortire Diefenbach gloss. 4a. —
ein nomen agentis verthümer 'verschwender' ist nur in älterer zeit belegt Lexer 3, 278; Schiller - Lübben 5, 340a.
 
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verthümlich, adj., md. und nd., 'verdammlich, verdammenswerth'. vertuomlich Scherz-Oberlin 1787; mhd. wb. 3, 134a; Lexer 3, 278. nhd. die ketzer .. sehen, wie verdumlich der selbigen lern gewest Alsfelder quelle v. 1520 bei Diefenbach - Wülcker 570. mnd. vordômelik Schiller - Lübben 5, 340a; dat sacrament entfangen in beiderlei gestalt were vordomelik hamb. quelle ebd.; mnl. nl. verdoemelijk Verdam 618b; Schuermans vlaamsch id. 782b. dem mnd. entlehnt ist schwed. fördömlig, dän. fordømmelig.
zu verthümen 4 gehört ein für Waldeck bezeugtes verthumlich, 'zum verthun, zur verschwendung geneigt' aus dem 16. jh. Bauer-Collitz 138.
 
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verthümkeit, verthümung,f., verthümnis, f. n.; md. und nd. abstractbildungen zu verthümen, 'verdammnis, verdammung'. mhd. vertüemecheit, vertüemnisse, vertuomnisse, vertüemunge mhd. wb. 3, 134a; Lexer 3, 278; dis enist nút getan z herter verdümekeit, sunder das die sunde do mit bekant und gewegen und gros geachtet werde Tauler 283, 2 Vetter; wanne wir von naturen sint kinder des zornes und des ewigen todes und wúrdig des ewigen verdümpnisses von unsern wegen 59, 25;

got der hat uns nicht geschaffen
zu vertumnys, er hat bereyt
uns alle zu der selekeit md. poet. paraphrase des buches Hiob 10 389 Karsten.

md. vortummung, suggillatio Diefenbach gloss. 565c. vgl. verthumigheit, verthumnis, verthumung bei Diefenbach-Wülcker 570; mnd. vordôm(e)nisse, vordominge Schiller-Lübben 5, 340ab; ostfries. ferdômnis Doornkaat 1, 444a; mnl. verdoemenisse, verdoeminge, verdoemtheit Verdam 618b; verdoemenisse, condemnatio Kilian 584b; nl. verdoemenis, verdoeming. vgl. altengl. fordêmednes, condemnatio, proscriptio Bosworth - Toller 304a. altnord. fordœming, fyrirdœming Fritzner 1, 454b; 519a.
 
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verthun, verb. , schon in ahd. zeit reich belegt: fartôn, fertuon, firduon Graff 5, 321 f.; mhd. vertuon mhd. wb. 3, 145b; Lexer 3, 278; verthuen, verthun, verthon voc. inc. teut. ii 6a; Diefenbach gloss. 606c, 462c, 6a; schweiz. verthn Frisius (s. unten); Maaler 434ab. sonst verthun Alberus, Calepinus (s. unten); Stieler 2359; Kramer 2, 1083b; Dentzler 314b; Frisch 2, 374a; Adelung; Campe. altsächs. fardôn Gallée vorstudien 63; mnd. vordôn Schiller - Lübben 5, 340b; mnl. verdoen Verdam 618b; Kilian 584b; nl. verdoen. vgl. altengl. fordôn, perdere, destruere, interficere, seducere, scelerare Bosworth-Toller 304b.
lautlich bemerkenswerth ist der alem. conj. präs.; schweiz.: das er nit mer auff diser fart über sein lehen oder eynkommen verzeere und verthüye, accommodet Frisius 19b; elsäss.: (dasz der papst) das gelt .. von den leüten schind und schab, und verdieg daʒ unnützlich Murner an den adel 50 neudr.; schwäb.: das er so vil gelt verthie quelle v. 1601 bei Fischer 2, 1392. vereinzelt taucht die unorganische weiterbildung verthunen auf: abortire Diefenbach gloss. 636a; ihrem verthunen gemesz bei Fischer. im bair. erscheint die fortbildung vertuenitzen (Schmeller 1, 577) bei Sachs:

mit schiesen ich nit vil verthu;
ich musz dir teglich sehen zu,
wie du mir thust vil geldts verschmieszen (var. verthunitzen) 21, 94, 12 Götze.


den lebenden mundarten ist verthun allenthalben geläufig: schweiz. verthue, verthoh Tobler Appenzell 189b;

[Bd. 25, Sp. 1896]


Seiler Basel 107; Stalder 1, 280; elsäss. vertuen Martin-Lienhart 2, 641a; schwäb. vertun Fischer 2, 1391 f.; österreich. fatan Castelli 125; tirol. verthuen, vertüen Schöpf 788, 773; ostfränk. vertun Spiess Meiningen 269; hess. fadon Schöner Eschenrod 91; fərdón, fərde.n Leihener Cronenberg 33b; luxemb. verdin, verdôen, verdunn; siebenbürg. verdân lux. wb. 458ab; waldeck. ferdoun Bauer-Collitz 32a. nd. verdoon: ostfries. Stürenburg 310a; Doornkaat 1, 444a; brem. wb. 1, 227; hamb. Richey 36; pomm. Dähnert 519ab; aber neumärk. farduun zeitschr. f. d. mundarten 4, 74.
die reiche bedeutungsverzweigung läszt in verthun mehrere richtungen unterscheiden, die auf eine fair- bzw. fra-type zurückweisen. nur die letztere ist verbreitet.
A. trans. gebrauch in verbindung mit seltenerem intransitiven.
1) verthun als verstärktes thun.
a) intrans.: ob sye sollichs billich oder unbillich an uns forderen, übel oder wol verthnd Eberlin v. Günzburg 3, 103 neudr. stärker 'alles thun, was in seinen kräften, in seinem vermögen steht', nur auf grund des Lessingschen sprachgebrauchs von Campe, aber als ungewöhnlich verzeichnet: anstatt von einer critik zu beweisen, dasz sie falsch ist, beweisen sie, dasz sie zu strenge ist, und glauben verthan zu haben! 10, 191 (dramaturgie 96). vielleicht nach dem vorbilde Luthers: ein lauter euszerlich gebete, da man ... meinet, wenn so viel gelesen odder gesprochen sey, so habe man verthan, so doch das hertz nicht einmal erferet, was der mund redet 28, 78, 21 Weim.; wenn ich das thue, so ists gut und ich hab verthan 28, 286, 31; 26, 169, 30; 432, 35; wenn du dem nachlebest, so hastu vertahn, rite mandata executus es, si, quod imperatum est, facis Stieler 2359; wenn wir demnach das jenige thun, was er für nöthig zu thun erachtet, .. so haben wir verthan Sperling Nicodemus (1719) 2, 516. lebendig im elsäss., 'dafür sorgen': indëm han ich verdon, dasz er nimm geht gehn stëhlen! Martin-Lienhart; auch noch thüring. (anmerkung in der Weim. Lutherausgabe 26, 432); haben sie das buch — nun gut; so habe ich vertan, wie die Thüringer sprechen F. L. Jahn briefe 493.
b) trans. 'zustande bringen, ausrichten':

Dominicus sprach, das er hett
so viel (geld), das er die reis verthet
Fischart S. Dominici leben 342;

ein dichter kann viel gethan, und doch noch nichts damit verthan haben Lessing 10, 122 (dramaturgie 79); nachdem er dergestalt seine zärtlichkeit für mich vertan, hat er später nichts weiter von mir wissen wollen Storm briefe in die heimath 63. lebendig im schwäb. 'fertigbringen, bewältigen': ich kann's allein nit vertun Fischer.
c) in sinnlicher anschauung 'auseinander thun': schweiz. 'ausbreiten, auseinanderlegen' Stalder; schwäb. die mah den 'auseinanderschütteln' Fischer.
2) eine fra-type wie vergeben ist verthun in der bedeu tung 'wegthun, hingeben, austheilen'.
a) mit sächlichem object: erogo, auszgeben, auszteilen, verthn (schweiz.) Frisius 481a; locare, elocare, auszleihen, auszthun, verthun, verpachten Apherdianus methodus (Köln 1601) 205; verthun ein gut, transferre Haltaus 1905; seine waaren verthun, consumare, vendere Kramer; mnd. 'vertheilen, verheuern' Schiller-Lübben; 'vermiethen' brem. wb.; ostfries. Doornkaat. überhaupt mehr nd. und md. als obd. verbreitet. elsäss. beim kartenspiel 'drücken, für eine aufgehobene karte eine andere ablegen' Martin-Lienhart;

ouch gap künec nie einer zuo sîn selbes hôchgezît
so manegen rîchen mantel tief unde wît,
noch sô guoter cleider, der si mohten vil hân,
die durch Kriemhilde willen wurden alle vertân Nibelungenlied 1309, 4;

dasz si vil kilchen-kleinot musztend vertun, die narung ze überkommen Tschudi helvet. chron. 1, 30; wenn die wein vortan werden Iglauer stadtbücher bei Jelinek 853; wenn das ding (gerücht von der toten katze im bier)

[Bd. 25, Sp. 1897]


unter die leute kommen wäre, wir hätten keinen tropffen bier verthan Weise comödienprobe 240; welche ... ein hausz an der strasze auferbaut haben, damit sie ihre messer daselbst besser verthun könten Zinzendorf kl. schriften 740;

wer klug ist, mag sein pfund verthun
und guten wucher treiben
Günther ged. 34;

weil er credit hatte, den weinbauern ihre vorräthe abnahm, ihn (den wein) einzeln an die benachbarten landwirthe verthat Merck ausgew. schr. 233.
b) in perfectivem sinne von verlagsartikeln, die 'völlig abgesetzt, vergriffen' sind: demnach aber dasselbe (lobgedicht) .. zu unterschiedenen malen bey mir gesucht und begehrt, solches aber vor etlichen jahren schon verthan worden, die kupferblate auch von handen kommen Neumark palmbaum 330; wann ich denn von dem verleger vernommen, dasz die ersten exemplaria dieses werckleins bey nahe schon verthan wären Schmidt rockenphilosophie 2, 4.
c) weiter verbreitet ist der gebrauch persönlichen objects: das aber etliche kinder werden zuweilen verthan und weg geschickt und ihr eltern nicht gewis kennen ihr lebenlang Luther 26, 151 Weim.; dasz man hier die töchter noch anders zu verthun weis, als blosz allein an sie d. schaubühne 4, 101 Gottsched. in der form des subst. inf.:

denn jugend dient zur zucht, und schönheit zum verthun;
sind diese beide weg, so läst man sie (die jungfern) wol ruhn
Logau sinnged. 100 (412; vgl.
Lessing 7, 406);

den liebenden war kein verthun bewust,
als das man im bemühn zur gegen-liebe spür'te poesie der Niedersachsen 1, 324 Weichmann.

elsäss. 'versorgen, verheirathen' Martin-Lienhart.
3) in perfectiver verwendung.
a) 'verbrauchen, verzehren': attenuo, verthn, verzeeren Frisius 134a; absumo, consumo, insumo, verzehren, verthun, verbrauchen, anwenden, auszgeben Calepinus 14a, 322b, 744b; älter mittelfränk. vgl. Germania 25, 353;

gar seltten würt verdient der lon
der vor verzert ist und verthon
Brant narrenschiff 113;

nicht jedem freund solt trauen bald,
du habst dann vor ein scheffel saltz
mit ihm verthan, in eyer und schmaltz
Eyering proverb. 1, 644;

dem kompthur zu Thorun vor syne zerunge, die her mit unserm homeister vortet Marienburger treszlerbuch 316, 35; man verthut im winter viel liechter, viel holtz Kramer. mittel zum leben: haben sie so viel hundert tausent gülden so lange verkleidet, verthan odder versamlet, sollen sie auch ein mal eine busze davon geben Luther 302, 181 Weim.; meynt ihr, wan der Teütschen saurerworbenes gut nicht alles nach Parisz für solche närrische neue trachten ubermacht würde, es könte sonst nicht verthan werden? Moscherosch Philander 2, 78; ein mann, der durch arbeit sein brod verdient, lebt die meisten tage über sparsam und verthut gemeiniglich nur wenige groschen Rabener 4, 161; dasz, wer in Paris nicht viel zu thun oder zu verthun hat, sich in der länge nicht sonderlich da befindet Knebel nachlasz 2, 377. mit präpos. zusatz in etwas: in kleidern verthut der bursche in Gieszen .. blutwenig Laukhard leben 1, 98.
von stoffen und dingen, die verbraucht oder abgenutzt werden:

dieweil der berg nun brennet,
und seine gegend stets vom wasser wird berennet,
so dasz, wann hartz, alaun und schwefel sind verthan,
ihr samen widerumb sich doch erholen kann
Opitz opera 1, 44;

von dem feuer, das nichts thut, als verthun und verzehren Eichendorff werke 3, 436; als die (spiesze) vertan, griffen die helden zu den schwertern Wilwolt v. Schaumburg 157;

er sprach 'ôwê war kom mîn sper ...?
'hêrre, eʒ ist mit tjost vertân'
Wolfram v. Eschenbach Parzival 302, 20.

'verarbeiten': die maurer haben allen kalk, die zimmermeister alles holz verthan Adelung; die butter ist verthan

[Bd. 25, Sp. 1898]


Campe; doch heute nur der volkssprache recht geläufig.
b) meistentheils 'ohne noth und auf unnütze art verwenden', ein geringerer grad von verschwenden Adelung; verthun ist allgemeiner als durchbringen, verschwenden, vergeuden, verschleudern Eberhard-Lyon nr. 392; daʒ er sin gt vertaen hab ane ere und unadelichen Schwabenspiegel lehenrecht 156; der 25. abt war liederlich, verthett vil mit weybern Stumpf Schwytzerchron. 524a;

derselbig hett sein gut verthan
mit prassen, bulerey und spiel
Sachs 17, 240, 4 Keller-Götze;

als aus dem teuren golde,
des mancher mehr vertut, als er sein hat zu solde
Fleming d. ged. 1, 166;

einen liederlichen kerln, der mehr geld verthun als erwerben kan Weise erznarren 71 neudr.; man klagt über geldmangel und verthut, was man hat Herder 16, 183; da die beute nicht nur vertheilt, sondern zum theil schon verthan war Niebuhr röm. geschichte 2, 237; das verthun der letzten habe, das hänseln der gläubiger .. (wird) gepriesen Keller 3, 33. übertragen:

man läszt ihr toben wüthend hausen,
schon ist die halbe welt verthan
Göthe 15, 12 Weim. (Faust 4828);

du warst mein alles! jetzt verthust du nicht (var. nichts) mehr von deinem eigenthum Schiller 3, 477 (kabale 5, 1); wären es die häupter unserer brüder, wir hätten nicht tollere jagd um sie reiten können. jetzt ist die kraft verthan Freytag werke 8, 306.
in sprichwörtlichen verbindungen seit alters beliebt:

vil verthon und wenig gewunnen
Murner schelmenzunft 61 neudr.;

dann nichts gewinnen, vil verthon,
macht ein zletzst betteln gohn
Fischart praktik 8 neudr.;

denn viel verthun, und wenig werben,
ist ein guter weg zum verderben
Rollenhagen Froschmeuseler g iiia;

wie gewunnen, so verthon,
wie es kompt, so wider gon
Murner narrenbeschwörung 242 neudr.;

ubel gewonnen, böslich verthan
Eyering proverb. 2, 179;

verthun wirs alls für unserm endt,
so gibts ein richtig testament
Sandrub kurzweil 88 neudr.;

unrecht guth will zween schelmen haben:
einen der es gewinne, den andern der es verthue
Moscherosch Philander 1, 417 (ähnlich
Rachel satyr. ged. 64);

jung's blut, verthu dein gut,
wer weisz, wie's im alter thut
Schellhorn sprichw. 142.

schwäb. sprichwörter bei Fischer.
c) mit dativ der person, 'einem andern etwas durchbringen, ihn um etwas bringen':

dan es ist gar ein gantzen wst,
daszt mir min vetterlich erb vertst neujahrspiel 68 (2, 381 Mone);

der nit nur seinem bisthum vil entzogen, sunder auch andren stifften und kirchen vil verthan hat Münster cosmographey 783; ein wollüstiger kerl verthut im hausstande sich und seinem weibe alle das ihrige Thomasius kl. d. schriften 136; er war .. ein böser bub, verthat seiner mutter viel geld H. L. Wagner theaterstücke 124.
d) von der zeit: die zeit mit müsziggang verthun Kramer;

sô vertet er sîner stunde vil
an iegelîchem seitenspil
Gottfried v. Straszburg Tristan 2094;

da ich in schnöder lust, in toller eitelkeit
und grimmer angst verthan die beste lebenszeit!
Gryphius trauersp. 271 (Cardenio 1, 7);

so sei die zeit in fröhlichkeit verthan!
Göthe 15, 21 Weim. (Faust 5058).


4) in anderweitigem üblen sinne.
a) mit persönlichem object 'abthun, verderben', nur mhd.:

[Bd. 25, Sp. 1899]


dîn tugende sint sô reiner art,
daʒ du den sünder niht vertuost Winsbeke 71, 11.

bis etwa 1700 vom abtreiben der frucht: abortire Diefenbach gloss. 636a; ein kind, eine frucht verthun Kramer;

die sich selbs döten, oder hencken,
und kynd vertnt, und die ertrencken
Brant narrenschiff 93, 31;

so ein frau ein kind vertuot, sol sie lebendîg in das erdrich begraben .. werden tirol. quelle v. 1573 bei Schöpf; hat man .. baders tochter mit schoben auszundt, weil sie ein kind verthun schwäb. quelle des 17. jhs. bei Fischer; die die kinder vortuen ... e das sie geborn werden böhm. quelle bei Jelinek 853. in subst. form: wer sich mit gifft oder kinder-verthun vergreifft Hohberg georgica 1, 35a.
b) mit sächlichem object, 'verderben, zunichtmachen':

welt ir iwer werdekait
also gar an mir vertn?
iwer adellicher rn
würde an mir gekrenket
Joh. v. Würzburg Wilh. v. Österreich 15 825;

bey welchem geschöpf kann die macht seyn,
gottes unsterbliches werk zu verthun; woferne das tod heiszt?
Bodmer Noah 6, 348 (von
Schönaich ästhetik 353 verspottet).

schwäb.: das mehl, die arbeit ist vertan Fischer. mit dativ der person:

als etwa neun soldaten
dem bauren einen hahn verthaten
Logau sinnged. 140 (611).

schwäb.: vertue mir die sache nicht; dem hat man's vertan Fischer. österreich.: ich verthu' dir schon dein versteckenspiel! Anzengruber 4, 57; du muast ma main 'n rock nöt fatan Castelli 125. niedersächs.: die frau .. tröstete sich damit, dasz der 'alte kerl' ihrem kinde nun nichts mehr 'vertun' könne Sohnrey im grünen klee 70. österreich. 'geringschätzig behandeln, verachten, verschmähen':

had sein huimát vorthán
und sitdem had a' d' naoth
Stelzhamer dichtgn. 1, 31, 11;

die ich geliebt habe, sind tot und hin — auf das lieb gotteswort seind sie gestorben. auch ich will's nit vertun Handel-Mazzetti arme Margaret 50. elsäss. 'verlegen, so dasz ein gegenstand nicht zu finden ist': hühner verthun die eier Martin - Lienhart. diese vereinzelt auftauchenden gebrauchsarten werden sich jedenfalls auch in andern mundarten belegen lassen.
c) absolut 'eine that vergebens thun, eine verfehlte handlung vornehmen', erst spät und nur vereinzelt nachzuweisen; von Paul wb. 613b als volksthümlich bezeichnet:

ein neuer narr — zu neuer pein —
wo kommt er her — wie kam er ein —
der alte fiel — der hat verthan —
Göthe 15, 9 Weim. (Faust 4759);

der hat verthan und versungen ganz
R. Wagner 7, 192 (meistersinger).

obd. ei mein, dö dummheiten hab'n bei uns für alle zeiten verthan Anzengruber 5, 85; das hat verthan für alle zeit ('damit ist es aus') 2, 27.
in jüngster sprache: wer diese probleme philologisch faszt .. — der allerdings hätte bei mir von vornherein vertan kunstwart 27, 190 (november 1913). neben einem er hat verthan 'es ist aus mit ihm' kommt auch er ist verthan ('abgethan') vor: kömmst du mir noch mit dem dummen bauerkerl? du weist ja, dasz er so gut als verthan ist Weisze komische opern 3, 251.
B. der ausgedehnte reflexive gebrauch schlieszt sich theils an die einzelnen arten des transitiven an, theils vereinigt er mehrere von diesen.
1) 'sich vergeben' (vgl. DWB A 2 c) ohne schlechten nebensinn. von mädchen, 'sich aus dem hause begeben, heirathen; zu einem manne kommen': das mädchen will sich gar nicht verthun Albrecht Leipziger mundart 231a; auch schles. Drechsler in germ. abh. 11, 265; ich gebe Julien ... das recht wieder, sich selbst zu verthun und ihre hand zu vergeben neue Heloise 3, 49 (zeitschr. f. d. wortforschung 12, 62). von arbeitern, 'sich verdingen': mnd.

[Bd. 25, Sp. 1900]


vor sine misdat, dat he sik twen heren vordan (var, vormedet) heft lüb. urk. bei Schiller - Lübben. nhd. sich verthun zu einem herrn Kramer. dazu ein part. prät.: mit der arbeit bin ich für die ganz wochen verthan Ludwig 2, 55.
2) zu einer fair - type (vgl. DWB A 1), mit leichtem übergang zu üblem nebensinn. 'sich umthun, sich vorwagen': an profiant und futter (war) grosz mangel, so dasz sein volck etwas weiter sich auff die fütterunge verthun muste Schütz preusz. chron. 2, m iv f; sechzig knecht ... vertetten sich zu weit, wurden der merertail erstochen Wilwolt v. Schaumburg 115; doch durften die unsern sich nicht zu weit vertuhn, weil von unterschiedlichen orten her sich starker entsaz merken lies Bucholtz Herkuliskus 28; das man nicht aus seinem beruffe schreitte, und sich zu weit verthue Pape bettelteuffel d 7 r. pomm. ik hebb mi mit em to wiid verdaan, 'ich habe mich mit ihm zu weit eingelassen'; ik kann mi nig wiid verdoon, 'nicht weit wagen' Dähnert; konfusionsräthe haben in meinen geschäften .. so viel angerührt, dasz ich mich nicht weit verthun kann Arndt briefe an eine freundin 104.
landschaftlich obd. wie nd. 'sich gleichsam auseinanderthun, sich breitmachen, groszthun' Campe; schweiz. Stalder, Tobler: si verthue wie dreu eier im chrätli; hamb. holst. verdoh dy man nich to veel, 'mache dich nur nicht zu breit' Richey, Schütze. das brem. wb. verzeichnet 'sich vergnügen': sik up sine egen kanne beer verdoon, 'auf eigne kosten'. Paul und Heyne bezeugen als obd. 'die zeit hinbringen'.
3) zu der perfectiven fra-type (vgl. DWB A 3). 'sich verflüchtigen, verziehen': am saume hin zog sich der pulverrauch und wollte sich nicht gleich vertun Fontane 6, 74;

die besten man ûʒ holde
und bat die mit dem künege gân,
dâ er ir rât wolde hân.
in einer kemenâten
si sich schiere vertâten Dietrichs flucht 824;

es gläubt es jederman,
dasz die vollkommenheit sich gantz in euch verthan
Fleming d. ged. 506.

'sich völlig ausgeben, bankrott machen': (der bischof) het sich also verthon, das sein zerung und des bistumbs auffheben kaum das halb jar kleckt Franck chron. Germaniae 131b (141b); da verthet sich der graf und machet fül schulden schwäb. quelle des 16. jhs. bei Fischer;

sô vertuont aber die dînen sich.
der man hat durch dich
vertân al sîn rîchtum liedersaal 1, 528, 352 Laszberg.

'sich verzetteln, verplempern': freilich, wenn man alles nachmachen will, verthut sich viel Petrasch lustspiele 1, 723; in kleinen fehden und wegelagereien verthat sich ihr (der ritter) kriegerischer muth Freytag werke 18, 41; unsere aufgabe war nicht, uns hier .. in .. knäuelkämpfen zu vertun Fontane 1, 521; dasz manche leute im land enttäuscht sind von meiner heirat und sagen, ich hätte mich vertan und sei hinabgestiegen Th. Mann königl. hoheit 180.
4) im üblen sinne (vgl. DWB A 4) 'eine falsche oder schlechte handlung begehn, sich vergreifen, sich irren'; schon in ältester zeit gebräuchlich (Gallée 64; Graff 5, 321a): altsächs. ne uerduo thi an thesamo guoden manna ('habe du nichts zu schaffen mit diesem gerechten') Essener glossen Matth. 27, 19; ahd. daʒ siê sih án demo (lîchamen) fertâtin, ut saevirent in eum Notker ps. 68, 12. sprichwörtlich: man hat sich eh verredt, dann verthon (von der bürgschaftsleistung) Franck sprüchw. (1541) 1, 112b; schöne weise klugreden (1548) 6b, 24b, 40b; Eyering proverb. copia 3, 190;

derhalb man spricht, sich hab ein man
viel eh verredet, dann verthan
Sachs 3, 364, 15 Keller.

alterthümelnd: der mesner hat's ja eh gewuszt; es kann ihm doch einer einmal vertun Handel-Mazzetti Jesse und Maria 1, 363; die leute sollten französisch können,

[Bd. 25, Sp. 1901]


verthaten sich aber noch zuweilen Immermann werke 20, 128. mundartlich 'sich irren, fehlgreifen' schwäb. Fischer; Leihener Cronenberg; Bauer-Collitz Waldeck; neumärk. 'sich verfassen, versehen, falsch zugreifen' zeitschr. f. d. mundarten 4, 74.
nicht übertragen, 'sich verirren': dasz aber die schwalbe sich in hohen bergen verthue, solches lassen wir uns leichtlich .. überschwatzen Prätorius winterflucht 70;

wie auf bergen ohne bahn
das volck der thiere sich verthan
(rara per ignaros errent animalia montes)
Overbeck Virgils hirtengedichte (1750) 103 (eclog. 6, 40).

zu A 4 a gehört mnd. mnl. nl. 'sich entleiben, sich umbringen'.
C. das part. prät. verthan ist in älterer sprache als adj. verbreitet, doch erlischt der gebrauch mit dem 16. jh. es gehört offenbar zu einem reflex. verbum (vgl. DWB B 3, 4).
1) ahd. fertâno, firdâno, sceleratus, publicanus, sacrilegus, perditus, reus, perversus, scelestus, profanus, deterrimus Graff 5, 322; mhd. 'verbrecherisch, schuldig, verflucht, böse' Lexer 3, 279; älter schwäb. 'verdorben' Fischer 2, 1392. als adj. gebraucht:

in dágon eines kúninges joh hárto firdánes
Otfrid I 4, 1;

(da) was ein bürger Eberl Schmid, ein vertan mensch d. städtechron. 15, 26, 17; die Winden und menig vertaun volk Richental Constanzer concil 112.
subst. gebraucht: diê in íro súndôn ióh pegráben sint állero mánno fertânosten Notker ps. 67, 7;

fîâ fîâ fîe,
fî ir vertânen!
Wolfram v. Eschenbach Parzival 284, 15.


2) im 16. jh. 'verschwenderisch, liederlich': zu vil milt ist verthan Franck sprüchw. 1, 26; disser ... was ein costelich verdoin man, ind verdede der kirchen goit d. städtechron. 14, 692, 23 (Cöln); der verthan sun, der in fern land gezogen und widerumb haimkomen ist zue seinem vater Berthold v. Chiemsee theologey 132; dasz du lausiger sophist nicht den monarchen der Arcanen für einen unwissenden narren und verthonen geuder haltest Paracelsus opera 1, 922 a;

das sie abhieb den kessel sider,
und heist mich ein verthonen buben
Sachs 3, 68, 15 Keller.


3) vereinzelt ist schwäb. vertan sein, 'aus der ordnung gebracht, verwettert, fassungslos vor schmerz durch anstrengung und ärger, erschöpft oder verstimmt' Fischer.
D. der subst. inf. das verthun ist vereinzelt gebräuchlich (vgl. DWB A 2; Avé-Lallemant gaunerthum 2, 27).
 
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verthuer, verthuner, m., subst. zu verthun. hauptsächlich obd. wort: mhd. vertuoære, vertuoer mhd. wb. 3, 146b; Lexer 3, 278; verthuer, verthuner, nach undurfften, prodigus voc. inc. teut. ii 6a; Diefenbach gloss. 462c; damnosus, vergüder, verthyer, der ein grosz gt vertht und durchhin richt Frisius 362a; verthuer, verschwender Kramer 2, 1083c; schwäb. verthoner, verthuner Fischer 2, 1392 f.; elsäss. vertuener Martin-Lienhart 2, 641b; oberhess. verduner, verthuner Crecelius 2, 864; fadūer Schöner Eschenrod 91; frankfurt. verduhner Askenasy 145; ostfränk. vətûər in Henneberg, Koburg, Meiningen Frommanns zeitschr. 2, 414; 3, 393; 6, 329; Spiesz 270. von nd. lexicographen aufgenommen: vertuher, prodigus Schottel haubtsprache 322; Campe. mnd. und mnl. fehlt das wort, ist aber gebräuchlich im heutigen nl. verdoener. die deutsche schriftsprache gebraucht statt verthuer lieber verschwender.
vereinzelt kommt alem. auch umgelautet vertüger vor: bruche cost und zerung umb ritterschaft ist eerlich, umb hilff der fründen vernünftig, aber umb hilff der güdern und vertügern ('vergeuder und verthuer') gantz verloren Wyle translationen 152, 28. dazu ein fem.: was ist ain frouw anders dann ain zerstörerin der jugend, ... ain vertügerin erbes 99, 28. eine weibliche form verthuerin verzeichnet Campe, vertunerin Fischer.
in der reformationszeit hat man ein wortspiel mit thmherr ('domherr') gebildet: der pfarrer von Trier

[Bd. 25, Sp. 1902]


und sein verthmherren nemen das gelt reformationsflugschriften 2, 60 Clemen; (das kirchenguth) ist gefallen von den armen uff die pfaffen, von der notturft der prediger uff die verthoner oder thumherren Eberlin v. Günzburg 1, 176 neudr.
verthuer ist ein ähnlicher ausdruck wie verschwender; 'einer, der sein oder anderer leute guth durchbringt':

des guotes ein vertuoære
Konrad v. Haslau jüngling 1113;

wird kain spiller nit, .. wird kain verthoner und ungerattes kind d. städtechron. 23, 217, 11 var. (Augsburg); ob er gutz wandels were, kein bler, suffer oder vertuner ein oberrheinischer revolutionär aus dem zeitalter Maximilians I. 158 Haupt; die luderer, verschwender, verthuner taufft er (der schmeichler) .. freygebige Abraham a St. Clara etwas für alle 2, 398; so ist der eine ein verschwender, der andre ein verthuer gewesen Lessing 3, 281.
verbreitet ist das sprichwort: ein sparer musz (will) einen verthuer ('verzehrer') haben Kramer; Eyering proverb. 2, 179; teutsche sprichw. (1790) 95; in henneberg. mundart Frommanns zeitschr. 2, 409; 414; 3, 393. uf ain sparer gehert ein verthoner Zimmerische chron. 2, 427; es ist ein alt sprichwort, das der sparer alweg ein verthuer habe Keisersberg bei Martin-Lienhart. mit anspielung auf das sprichwort Anzengruber: die allgemeine wehrpflicht .. führt ebenso den sohn des verthuers wie den des sparers in die fremde 3, 207.
 
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verthuerisch, verthunerisch, adj. zu verthuer, verthuner gebildet, 'verschwenderisch'. nach Adelung und Campe ist verthuerisch ausdruck der niederen sprechart: um dem .. verthuerischen unwesen ... zu steuren allg. d. bibliothek 70, 69. mundartlich gebraucht: elsäss. vertuenerisch Martin-Lienhart 2, 641b; schwäb. vertunerisch Fischer 2, 1393; verdûerisch Crecelius 2, 864; meining. vertuerisch Spiesz 269.

 

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