Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
vertakeln bis vertauchen (Bd. 25, Sp. 1860 bis 1865)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vertakeln, verb., in der seemannssprache: 1) 'ein schiff umtakeln' (vgl. th. 111, 92), nach dem nl. vertakelen Sicherer-Akveld 1193a. 2) 'verwickeln, die fäden in unordnung bringen' brem. wb. 5, 6.

[Bd. 25, Sp. 1861]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vertämpern, verb., mundartlich md.: 'geld und zeit verschwenden', mit der nebenbedeutung, dasz es allmählich und unvermerkt geschieht Anton Lausitz 5, 12; thüring. Hertel 241. vgl. DWB tampern, DWB tempern th. 111, 103.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
vertändeln, verb. , seit ende des 17. jhs. nachzuweisen, beliebt zur bezeichnung verschiedener arten leichtsinnigen thuns und durchbringens (fra-type). es gehört zum subst. tand und verb. tändeln (th. 111, 103; 105) und bezeichnet ursprünglich 'in kleinigkeiten verkaufen und durchbringen': vertandeln, vertändeln, vendere alla rigatteria e frà i ferra-vecchi Kramer 2, 1050b; österreich. dieser mensch tandelt gern, vertandelt alles Höfer 3, 211; die verwirrte freundschaft ist restauriert, wie ein vertandeltes ahnenbild Nestroy 2, 262; denen hat sie lassen kleider machen, einem als jäger, einem als läufer, einem als lakey; und hat des seligen papas seine kleider darüber vertändelt J. E. Schlegel 3, 551. dann verallgemeinert es sich in der bedeutung: vertenteln, mora damnum contrahere, stulte disperdere, dilapidare res suas Stieler 2255; vertändeln, ad res ineptas et inutiles conferre Frisch 2, 361c; Adelung, Campe. schwäb. vertändlen 'geld und zeit vergeuden' neben vertänderlen, verdenderle Fischer 2, 1374; dieses auch schweiz. Seiler Basel 106. älteste quelle Abraham a St. Clara. abweichend in form und bedeutung mhd. vertanten 'tändelnd verdecken, beschönigen' Lexer 3, 266.
1) 'auf leichtsinnige art sich um etwas bringen, verlieren, verthun': ich vertändle viel von meinem einkommen Göthe IV 3, 258 Weim.;

ich erwartete von dir,
dasz du den kaufpreis nicht vertändeln würdest
Hebbel 2, 247 (Herodes 2, 3).

edlere gaben und güter: als er umb ein geringes affenspiel der welt so ohnweiszlich das ewige vertändlet Abraham a St. Clara Judas 1, 12; damit der Deutsche der grosze geistige spiegel der welt bleiben könne, musz er seine eigenthümlichkeit nicht verschleifen noch vertändeln Arndt an s. l. Deutschen 1, 380; wir vertändelten unsere besten gefühle Raabe Abu Telfan 2, 154. 'leichtsinnig hingeben': wenn ich den schlüssel zu meinem weiblichen heiligthum an dich vertändle Schiller 3, 124 (Fiesko 4, 12). 'leichtsinnig versäumen': die mahlzeit Adelung.
2) 'die zeit leichtsinnig hinbringen, vergeuden': in thörichter freyheit hüpft sie ungebändigt umher und vertändelt ihr unbrauchbares leben Wieland 3, 75 akad. ausg.; die weiber, die weiber! man vertändelt gar zu viel zeit mit ihnen Göthe 11, 51 Weim. (Clavigo 1);

wozu
den lieben schönen augenblick, den uns
... der zufall angewiesen,
mit wortgefecht vertändeln?
Schiller 51, 110 (Dom Karlos 2, 9).

'unschuldig, harmlos verleben': es ist die letzte blüthe ihrer vertändelten, freieren jugend Herder 13, 327; dann wird der rest des tages mit kegeln, scheibenschieszen, essen .. vertändelt Bismarck an braut u. gattin 361.
3) in gutem sinne 'etwas tändelnd überwinden, scherzend über etwas unangenehmes hinwegkommen oder einem anderen darüber hinweghelfen':

wir haben vertändelt das irdische leid
und versenkt in die tiefen der wogen
Hoffmann v. Fallersleben werke 3, 32;

sie wäre wie geschaffen, ihm den rest seiner tage zu vertändeln Gutzkow zauberer 1, 291. vgl. vertanzen 5.
4) 'etwas tändelnd verderben, vernachlässigen': wie er die pflanze vertändelt hat, die ich so sorgsam gewartet habe Iffland herbsttag 5, 9; woher geschiehts, dasz dieser höchst tragische stoff gewöhnlich zu lustspielen vertändelt wird? Börne 1, 148. 'einen menschen verzärteln': seine frau verpappelt und vertändelt ihn auf ihrem schosz Arndt wanderungen 136 (Meyers volksbücher). 'sich mit tand befassend, leichtsinnig': ein vertändeltes, gottloses, unehrbares weib Herder 9, 400.
5) reflex. 'sich auf eine leichtsinnige und unbedachtsame art zur ehe versprechen', im gemeinen leben auch

[Bd. 25, Sp. 1862]


sich verplämpern (sp. 973) Adelung. 'sein herz leichtsinnig verschenken':

schwarze raben, weisze raben!
und ich habe mich vertändelt;
ach, am ende war ich könig,
aber ohne königin!
Keller 10, 203.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
vertanzen, verb. , ähnlich vertändeln (fra-type) 'tanzend hinbringen'. mhd. vertanzen mhd. wb. 3, 14a; Lexer 3, 266. nhd. saltando perimere Stieler 2256; Kramer 2, 1051c; Adelung, Campe. elsäss. in deminutivform vertänzlen, auch 'durch tanzen zertreten' Martin-Lienhart 2, 697a. ostfries. ferdansen Doornkaat 1, 442b; nl. vertansen. dem deutschen entlehnt schwed. fördansa sig, dän. fordandse sig 'zuviel tanzen, sich durch tanzen schaden'.
1) für das üblichere austanzen: der brautkranz war vertanzt worden Boy-Ed in Velhagen u. Klasings monatsheften (1901) 1, 658; die musik wurde dort im thale aufgefangen von hundert leblustigen menschen und frischweg vertanzt und verstrampft Rosegger schriften 12, 328.
2) 'tanzend verbrauchen': da habt ihr einen gulden! den vertanzt künftigen sonntag auf meine gesundheit d. schaubühne 6, 305 Gottsched; ich hätte wohl lust könig zu werden und auszumachen, wo die königstöchter ihre schuhe vertanzten Grimm hausmärchen 2, 241; da hab' ich manch paar kleine schüherln vertreten und später dort in dem gasthof manch ein gröszeres zur kirchweih vertanzt Anzengruber 3, 67.
3) 'sich durch tanzen um etwas bringen, tanzend einbüszen, verthun': glück, ehre Stieler, Kramer; die witwe, die ihm das seinige vertändelte, verputzte, vertanzte, verschmauste Engel 12, 32; der eine verlor sein geld, der andere versoff oder vertanzte den gewinnst Zschokke 14, 121. 'über dem tanzen versäumen': die mahlzeit Adelung; wenn der prinz zu ungestüm wird, so sag' ihm, man müsse in jedem dinge masz halten, und so vertanze die antwort Shakespeare, viel lärm um nichts 2, 1.
4) 'die zeit tanzend hinbringen', älteste bezeugte verwendung: swer sîne zît verballet und vertanzet unde vertopelt ..., der wirt jâmeric stên an der reitunge Berthold v. Regensburg 1, 20, 6; verschleffts (das mägdlein) und vertantzet und verspielet es doch wol mehr zeyt Luther 15, 47 Weim.; wollüstlinge, welche die mitternächtlichen stunden in unsinniger frölichkeit vertanzten Wieland 2, 331 akad. ausg.
5) in gutem sinne 'tanzend über etwas hinwegkommen, etwas unangenehmes tanzend vertreiben, verwinden und vergessen' (vgl. vertändeln 3): sich eine krankheit, die üble laune vertanzen Adelung, Campe; derowegen sey der ungmut und ungfall ... zu versingen, verspringen, verdantzen .., und auff andere weg zu verkurtzweilen und zu verjagen Fischart Eulenspiegel 15 Hauffen; glückliches volk! ... welches die bürden der trübsal vertanzt, verscherzt und versingt Bode Yoricks empfindsame reise 2, 103; Tannhäuser zieht den schwarzen frack an und die gefirniszten tanzstiefel und vertanzt sich das gebrochene herz Gutzkow zauberer 7, 5.
vertanzen kann noch heute in allen bedeutungen gebraucht werden.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
vertappen, vertappeln, vertapern, verb. , zu tappen 'tastend, unsicher, plump schreiten oder greifen' (th. 111, 140). das präfix verleiht transitive bedeutung.
1) 'mit plumpen füszen zertreten': elsäss. vertappen; das land (beet) ist ganz vertappt; eine spinne vertappen Martin-Lienhart 2, 700a; im Odenwald fətapə zeitschr. f. d. mundarten 3, 269. 'durch betasten mit den händen schmutzig machen, fingerabdrücke zurücklassen': schwäb. des fenster ist ganz vertappet Fischer 2, 1374. übertragen bair.: du vertappst àbə dó' àlls, 'verunschickst alles, lässest die beste gelegenheit vorübergehen' Schmeller 1, 612. dazu ein reflex. 'sich durch ungeschick verirren' bei Tieck: sie meinen nämlich im stillen, ich vertappe mich hier in die allegorie hinein 9, 176.

[Bd. 25, Sp. 1863]



2) vereinzelt steht eine fair-type da: schwäb. 'ertappen, erwischen'; disem ... hat man nachgesetzt und gleich wol verdappet und gefangen ältere quelle bei Fischer; seit dem 17. jh. nachgewiesen, noch modern.
3) im bair. tritt dazu die frequentativform vertappeln: 'etwas in unordentlicher geschäftigkeit verlegen' Schmeller 1, 613; steir. auch 'dümmer machen'; intrans. und reflex. 'dümmer werden, verdummen' Unger-Khull 221a. vgl. damit ein norddeutsches vertapern, verteppern 'durch ungeschick verderben' Meyer Berlin 128a; auch preusz.; schles. sich vertapern 'fehlgreifen' Weinhold wb. handexemplar 97.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
vertarrassen, verterrassen, verb. , zu tarrasz (th. 111, 145), 'mit erdaufwürfen, bollwerken, wällen versehen und versichern, verrammeln, versperren': mhd. vertërraʒen, vertarraʒen Lexer 3, 268. das wort taucht im 15. jh. auf und ist im 16. sehr verbreitet, erscheint sogar in poetischer sprache, ist aber vor dem 17. jh. wieder erloschen. vertarreszen, pessulare, pessulo circumvallare voc. inc. teut. ii 5b; Diefenbach gloss. 431b; ältere quellen bei Frisch 2, 362c; Schmeller 1, 616; Fischer 2, 1374.
1) in der sprache des krieges: das schlosz, ... dasz sie .. mit stacketen und schlechten zäunen, alles mit mist, erden und holtzwellen hinderschütten, auszgefüllet und vertarrest Kirchhof wendunmuth 3, 52, 2;

ainer trug stain, der ander holcz,
der drit vertarrast luken
und der vird halff scherm ruken
M. Beheim von den Wienern 124, 14.

gern von den geistlichen schriftstellern gebraucht: wenn gott ein reformator .. erwecket, .. der kompt durch, und ob schon alle schleg und thor vertarrest und verspert sein Mathesius Sarepta 154a. reflex.: der papisten stroerne pastei, dahinder sie sich vertarrasten, und lassen sich beduncken sie sitzen seer gewisz und fest Veit Dietrich an die christliche kirche zu Regenspurg c 3b. in freier übertragung:

der kopff hat solchen krummen pundt,
so ist vertarrast ir der mundt
Murner gäuchmatt 3138.


2) 'zum verbollwerken verwenden': alles holz von abgebrochenen gebäuen .., das mag zur notturfft verzimmert, verdarresset und sonst gebraucht werden Fronsperger kriegsbuch bei Frisch.
3) nebenformen zu 1 sind vertarren, vertarlassen, vertarlesen vgl. Lexer, Fischer; aber so offt er ausz der hülin gangen, habe er die selbig mit so groszen velsen oder stein vertharet Gesner-Forer thierbuch 20v; da giengen die schuler früe .. in die schul und versperten die .. und vertarlasten alle tür d. städtechron. 11, 619, 18 (Nürnberg);

nun lauffet baldt zu den stat-thorn,
das mans vertarles und verschüt,
mit starcker macht die mauer behüt
Sachs 10, 106, 1 Keller-Götze.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
vertasten, verb. , wie versuchen gebildet (fair-type).
1) 'antasten, betasten, anfassen, angreifen, versuchen, untersuchen': pertaxare, palmitare, vertasten, virdasten Diefenbach gloss. 430b; ind unse heren vamme raide .. tuschen beiden partien giengen ind vertasden, of man einchen wech vinden moechte d. städtechron. 12, 357, 8 (Cöln). mnd. vortasten Schiller - Lübben 5, 471a; he wolde de sake na dem rechte vortasten lüb. chron. 2, 645; mnl. vertasten Verdam 640a.
2) mhd. vertasten 'betasten, schlagend oder stoszend berühren' Lexer 3, 266;

nu hât er sie vertast
mit füeʒen und mit henden knecht Huvor 10, 13 Keller;

mnd. den wech vortasten lüb. urk. bei Schiller-Lübben.
3) 'sich vergreifen, falsch tasten'. trans.: nl. vertasten, male tangere, errare tactu Kilian 607a; köln. vertaaste Hönig 194b. reflex.: daʒ sich V. .. vertastet habe an einer frau hess. urk. v. 1389 bei Diefenbach-Wülcker 569; Campe; brem. wb. 5, 30; nl. Sicherer-Akveld 1193a.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
vertatschen, vertätschen, vertätscheln, verb., verwandt mit vertasten, s. DWB täscheln, DWB taschen, DWB tätscheln,

[Bd. 25, Sp. 1864]


tatschen th. 111, 150; 160. meist obd. wort: schweiz. Stalder 1, 270; Tobler Appenzell 189a; Seiler Basel 106; elsäss. Martin-Lienhart 2, 732a; schwäb. Fischer 2, 1374, 1375; bair. Schmeller 1, 555; tirol. Schöpf 739; schles. Weinhold wb. 97b. Campe bucht vertätscheln als landschaftlich für verhätscheln. die bedeutung ist verzweigt: 'schlagen, quetschenverschütten, verlumpen, verklatschenverzärteln'. den ausgangspunkt bietet die bedeutung des einfachen verbs: 'einen klatschenden schlag mit der flachen hand geben' (in böser oder zärtlicher absicht).
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
vertattern, verb., in obd. und md. mundarten verbreitetes wort. vgl. DWB dattern th. 2, 828; tattern th. 111, 160; verdattern th. 121, 199. schweiz. vertädern Stalder 1, 256; Seiler Basel 106; elsäss. schwäb. verdatteren Martin-Lienhart 2, 725 f.; Fischer 2, 1093; Frommanns zeitschr. 6, 120, 81; frankfurt. verdettern Askenasy 225. am üblichsten ist die form des part. prät. in der bedeutung 'ängstlich, verzagt, eingeschüchtert, verblüfft, verlegen', so vertatert im Eichsfeld Hentrich 25; anders lothring. vertattert, verdattert 'schwatzhaft' Follmann 155a.
seit mitte des 18. jhs. literarisch nachweisbar: weil der genius erstaunt und vertattert ist, so spricht er auch etwas confus der wurmsaamen (1752) 6 anm. 11 (64 Witkowski); einen beleg bei Bettina bringt sp. 199; 'ist es die menschenmöglichkeit?' hauchte entzückt und heftig vertattert frau Sanna Bierbaum prinz kuckuck 2, 161.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
vertauben, vertäuben, verb. , vom adj. taub gebildet. wie taub mit toben verwandt ist (th. 111, 162; Kluge etym. wb. 455b), so ist auch vertauben von vertoben in form und bedeutung nicht durchweg zu scheiden (s. d.).
A. intrans. verwendung ohne umlaut.
1) mhd. vertouben 'taub werden' Lexer 3, 272; surdescere, vertauben, virdauwin Diefenbach gloss. 568c; vortaubin schles. voc. d. 15. jhs. aus Rauden 108v a; mnd. sine oren sint om so verdovet, dat he der warheyd nicht hoiren kan quelle bei Schiller-Lübben 5, 431a; nl. verdoouen, obsurdescere, surdum fieri Kilian 585a;

du salt nit lenger hangen
an dem unglauben,
vorblinden mustu und vortauben Alsfelder pass. 5177.


in technischer sprache von taubem gestein und lagerstätten, die keine nutzbaren mineralien enthalten (th. 111, 165), 'erschöpft werden'; vgl. Veith bergwb. 540. in der neueren literatur erst um 1800: und dabei schreien sie! meine ohren vertauben Varnhagen Rahel 1, 135; da kann die zunge nicht wieder verstummen, das ohr nicht mehr vertauben F. L. Jahn 2, 598.
2) in übertragenem sinne das part. prät.: einen igelichen sndere dem sine liedemaʒe und sin vmf sinnen alle vortbit und vorlamit sin zu gtin werkin Leipz. predigten 138, 7 Schönbach; den dichter, der .. sich gedrungen fühlt, den vertaubten nerven des mitleids für hundert elende in seinen mitbürgern wieder aufzureizen Lenz schriften 3, 145;

das hirn der zeit ist ehern,
es ist verstockt, vertaubt,
es hat entflammten sehern
noch immer nicht geglaubt
Strachwitz ged. 31.

ostfries. ferdofen von feuer und kohlen, die erlöschen Doornkaat 1, 443b. auch nl. Sicherer-Akveld 1164a.
3) wie taub 'närrisch, tobend, zornig' (th. 111, 164) bedeutet schweiz. vertauba (ertauba) 'zornig werden, in harnisch gerathen' Tobler Appenzell 189a. nach Stalder perfectiv vertauben 'aufhören zu rasen' 1, 272 (vgl. vertoben); ferdeupele Seiler Basel 106. dem entspricht elsäss. vertäübelen 'austoben' Martin-Lienhart 2, 642b. obd. 'taub' wird durch thörisch wiedergegeben Kluge; vgl. verthören, verthörlen.
B. in trans. verwendung erscheint das wort theils mit, theils ohne umlaut.
1) 'taub machen, von sinnen bringen, betäuben'.

[Bd. 25, Sp. 1865]


sîn houbet was sô gar vertoubet,
zerstochen mit den dornen
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 3301;

etliche werdent verdobet mit iren eigenen ufsetzen und iren annemheiten in sinlich wúrklicheit Tauler 192, 9 Vetter (ausg. Augsburg 1508 vertaubt); vielleicht hat diesen könig die alte frau, wie auch jenen ungerechten richter .., weil sie ihm so viel mühe machet, und kam in zu verteuben, vermocht, sie zu retten Kirchhof wendunmuth 2, 31; verstummt und vertäubt und verzaubert und verblüfft liegt es (das geknechtete volk) in ohnmacht F. L. Jahn 1, 390. elsäss. vertauben, vertäuwen 'betäuben, verwirren' Martin-Lienhart; schweiz. ferdeube Seiler. auch nd.: mnd. vordoven 'betäuben, übertäuben, bethören' Schiller-Lübben; mnl. verdoven, part. verdovet, verdooft Verdam; exsurdare, surdum reddere Kilian 585a; osnabrück. verdäuwen 'zum schweigen bzingen, betäuben' Strodtmann 257; neumärk. fardeeft 'betäubt' zeitschr. f. d. mundarten 4, 74.
2) nur in der älteren periode erscheint die bedeutung 'töten, vernichten' mhd. wb. 3, 62b;

sîet man sî mit starkir hant
vortilgin und vortoubin (var. betoubin)
di vînde des geloubin
Nic. v. Jeroschin preusz. chron. 841.

'dämpfen, niederschlagen':

die hütten tn ich loben
im isen und im loch (gefängnis),
tut mancher in (den räuber) vertoben
daʒ im gelit sin boch (stolz) volkslieder 1, 371 Uhland.


3) ein trans. seitenstück zu A 3 bildet schweiz. vertäuben (fətöübə) 'erzürnen' Vetsch Appenzell 81; vertöub mi nit, oder i gibe kei milch, seit d' geisz Wander sprichw. 4, 1612.
C. selten ist ein reflex. sich vertauben 'enden, aufhören' mhd. wb.:

sîn leben sich vertoubete
in dem jare, als er starb passional 570, 90 Köpke.

in technischer sprache wie A 1: als sich die wenigen vorhandenen mittel plötzlich vertaubten Veith bergwb. 540.
D. eine trans. weiterbildung desselben stammes stellt vertöbern (aus vertäubern) dar; schles. 'betäuben' (zu B 1): im blitzen hat der donner einen solchen gräulichen und erschrecklichen schlag in die kirche gethan, dadurch zwo personen ... so sehr vertöbert worden, dasz sie auf der stelle todt blieben sind quelle v. 1535 bei Nic. Pol jahrbücher der stadt Breslau 3, 80. elsäss. vertöberen 'ausschelten' (zu B 3) Martin - Lienhart 2, 643b. —
vertäubung, f., ungebräuchliches subst. zu vertauben A 1—2, 'das taubwerden, der zustand des taubseins': für das blöd gehör, oder die vertäubung, musz man (folgendes thun) Sebiz feldbau 76; wenn die gänzliche vertäubung unsers innern nerven uns mit einer furchtbaren armuth an wonnegefühl für unser ganzes leben bedroht Lenz vertheidigung des herrn W. 41. nl. verdooving 'betäubung'.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
vertauchen, verb., ahd. fertûchen Graff 5, 368; in (eum) unmari fertochenen duot, recondit obscuritas Notker Boëthius ebd.; vgl. auch fartuchaljan, obruere, occultare ebd.; mhd. nicht nachgewiesen; steir. vertauchen, 'unterdrücken, mit anstrengung überwinden' (kummer oder schmerz) Unger-Khull 221b; der wicht Stellefort wird sich leicht vertauchen lassen Rosegger schriften 5, 228. —
intrans. bildung 'untertauchen' in poetischer sprache:

... ein blitz der schönheit zuckt sie durch
die tanzreih'n, bald vertauchend, bald verschwindend
Grabbe 2, 80 (Don Juan 2, 2).

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: