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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
vertabaken bis vertämpern (Bd. 25, Sp. 1855 bis 1861)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vertabaken, verb., in Nordostdeutschland in der form vertobacken, vertowaken verbreitetes, vulgäres wort für 'durchprügeln, verhauen', das der kunden- und verbrechersprache entstammt. md. bezeugt für Thüringen, Eichsfeld, Mansfeld Hertel 241, Kleemann 25a, Hentrich 62, Jecht 119a; in Schlesien Jäschke 148 (auch in der bedeutung 'durchbringen, vergeuden'); in Berlin Meyer 128a; in Mecklenburg (auch 'ausschelten') nd. correspondenzblatt 12, 73; 9, 75. spärlicher in Oberdeutschland: schwäb. Fischer 2, 1372. schweiz. in etwas veränderter form und bedeutung vertubaken 'unbeachtet lassen': nachdem es noch einige worte halb verblümt Michel zugeworfen, welche derselbe aber vertubakte und nicht einmal recht verstand Gotthelf schriften 7, 89.

[Bd. 25, Sp. 1856]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vertadeln, verb., seltene bildung des 15. jh. in der bedeutung des einfachen verbs: monchen und nonnen .. vortadeln den eelichen stand reformations-flugschriften 4, 239 Clemen. Kramer 2, 1044a b führt vertadeln, betadeln, durchtadeln als weniger gebräuchlich neben tadeln an. das part. prät. zu tadel 'makel' (th. 111, 8) hat obersächs. den sinn 'in üblem rufe stehend': aus keynem gerendem, verworfenem adder vertadeltem geschlechte (a. 1485) zeitschr. f. d. mundarten 4, 50; Haltaus 1903; sunst sint alle unsere werck verworffen und verthadelt Luther 103, 272, 4 Weim. in österreich. mundart scheint das wort noch üblich zu sein als 'verleumden':

(die leute) hamt mi go vodádelt
bon iehm (beim schatzerl) und voschrirn
Stelzhamer dichtungen 1, 58 Rosegger. —

dazu das subst. vertadlung, f., 'herabsetzung': vertadlung und verslahung der ware Nürnberg. polizeiordnungen 134; vgl. Lexer 3, 265; zeitschr. f. d. mundarten 4, 50.
 
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vertädingen, vertädigen, vertaidingen, verb., s. DWB vertheidigen.
 
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vertäfeln, verb., 'mit tafeln (dünnen platten aus holz, selten marmor vgl. th. 111, 13) belegen, auslegen, mit tafelwerk versehen': crustare, tabulis vestire parietes, vertäfelen oder versetzen Frisius 347b, 1371b; tabulare, vertäfelen oder mit laden verbödmen 1285b; Maaler 434a; Calepinus 323a; Dentzler 314a. später und seltener bei nichtschweiz. lexicographen: vertaffelen Schottel 647; Kramer 2, 1045c neben austäfeln, betäfeln, übertäfeln; Campe. noch lebendig schweiz. verdäfle Seiler Basel 106; bair. Schmeller 1, 587; schwäb. veraltet und durch vertäfern (s. d.) verdrängt Fischer 2, 1373.
es soll aber in alle weg das trotthausz mit geringen brettern unden und oben vertäfelt sein Herr feldbau 95a; dahero hat man .. das vertäffeln und schreinerwerck .. von cedern-holtz pflegen zu verfertigen Hohberg georgica 3, 502a. technischer ausdruck im bergwesen: ja auch die ausz gestochene platz .. sollen, als bald das saltz gemacht wird, vertäflet sein Agricola-Bech bergwerckbuch 450; vertäfeln, abdecken: bei herstellung eines grubenbaues im schwimmenden gebirge mittels abtreibezimmerung die untere begrenzungsfläche (sohle) des baues durch belegen mit brettern, pfählen, schwarten verwahren Veith bergwb. 540.
in die literarische sprache ist vertäfeln durch schweiz. einflusz eingeführt worden:

(grüfte) mit vertäfelten zimmern und brunnen sprudelnder fluten
Bodmer Noah 78 (3, 234; vgl. 5, 606).

Schönaich macht sich über diesen ausdruck noch lustig, wohl kaum, weil er ihm zu modern erschien (Köster 463); aber Campe läszt ihn nicht nur im wb. unbeanstandet passieren, sondern empfiehlt ihn sogar im verdeutschungswb. 427a statt intabuliren. gegenwärtig theilet man auch die wände der zimmer, die entweder vertäfelt, oder mit marmor bekleidet sind, in felder ein Sulzer theorie 2, 221; (im winter) halten sich die Älpler still in ihren hütten, die .. aus holzstämmen zusammengefügt, inwendig vertäfelt, nur gegen des winters strenge berechnet sind Zschokke 1, 82; das haus .. mit graugewordenen schindeln vertäfelt ... öffnete ... seinen mund (das thor) Auerbach schriften 12, 40. heute findet es sich auch bei nd. autoren: wo die wände vertäfelt waren Raabe leute aus dem walde 2, 66. —
dazu vertäfler, m., veraltet: crustarius, ein vertäfeler, glester, gletter, düncker Frisius 347b; Maaler 434a. —
 
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vertäfelung, f., in concretem sinne in die technische sprache übergegangen; ebenfalls seit dem 16. jh.: incrustatio, uberzug, vertäfelung der wenden, einer tyle oder büne Frisius 678a (u. öfter); Maaler 434a; Calepinus 323a, 788a, 1440a; Corvinus 236; von Campe im verdeutschungswb. 427a für das fremdwort intabulation vorgeschlagen. die literarischen belege sind jünger: nach der alterthümlichsten art waren für die glieder dieser versammlung bänke ringsumher an der vertäfelung (im sitzungszimmer) angebracht Göthe 26, 26 Weim.; am

[Bd. 25, Sp. 1857]


schutte, der umher liegt, fand man noch marmorstücke und vertäfelungen, auch säulen Ritter erdkunde 14. 299; die vertäfelung der fenster und thüren ist weisz Rosegger schriften II 12, 285. —
für das heute übliche getäfel, vertäfelung, tafelwerk früher auch vereinzelt gebildet: vertäfelwerck, vertäfelung einer tile, materiaria incrustatio Frisius 806a; Maaler 434a. eine eigenthümliche mundartlich elsäss. bildung ist vertäfel, vertäfelete Martin-Lienhart 2, 654b.
 
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vertäfern, verb. nebenform zu vertäfeln, nur obd. (s. DWB täfern th. 111, 25); constratae naves, deckte schiff und vertäfferet Frisius 857b; vertäfern, contabulare Schönsleder H h 6b; mit abgehobelten brettern verdäfert schwäb. quelle v. 1630 bei Fischer 2, 1373; zwei stieglein hinunter und eins hinauf, kam er in ein gar wohnliches, vertäfertes gemach Mörike werke 6, 197 Krausz. in der allg. d. bibliothek 15, 306 wird der ausdruck die stube vertäfern in einem deutsch-polnischen wb. als unverständlich gerügt. im schwäb. hat vertäferen das älter vorkommende vertäflen verdrängt; die bedeutungen 'verunreinigen, durchprügeln, verleumden, schelten' sind wohl landschaftlich neu entwickelt worden, vgl. Fischer. mit geringer abweichung vertäbern: und im befolhen, sich mit etlichen baurn .. zu vertäbern und zu verbauen Göbler kriegszhändel Maximiliani II. (1566) 9a. —
dazu vertäferung, f., der wenden, crustae parietum Maaler 434a.
 
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vertagen, verb. , vom subst. tag gebildet, hat im laufe der zeit mehrfach wandlungen der bedeutung durchgemacht. vgl. die ähnlichen verba tagen (th. 111, 62), betagen (th. 1, 1692), ertagen (th. 3, 1027). in den belegen, die mit dem 13. jh. einsetzen, sind von vornherein zwei typen zu unterscheiden. die eine (1), im wechsel mit einem selteneren fürtagen (Schmeller 1, 594), zeigt gebietenden sinn, die andere (2) perfective bedeutung. beide gehn im 17. jh. unter, lassen sich aber wieder je einmal bei Göthe nachweisen. unter fremdem einflusz entwickelt sich dann um die wende des 18./19. jhs. der die heutige schriftsprache beherrschende brauch (3).
1) 'einen tag oder termin ansetzen, zu einer bestimmten frist laden': mhd. vertagen Haltaus 1903; mhd. wb. 3, 10b; Lexer 3, 265; Diefenbach-Wülcker 569; bair. quellen Schmeller 1, 594; schwäb. Fischer 2, 1373. älteste buchung: citatus, vertagt, i. citiert Alberus d iiija; diem dare, dicere, denuntiare alicui Maaler 434a (bei Frisius 413b ein tag setzen und bestimmen); vocare in jus, diem dicere alicui Dentzler 314a. diese bedeutung ist bei den schweiz. lexicographen die einzige, bis Stalder 1, 257 mit einer neuen auftritt (s. 3). auch auf nd. boden: mnd. vordagen Schiller-Lübben 5, 328a; verdagen brem. wb. 1, 179; osnabrück. Strodtmann 257; pomm. Dähnert 518b. heute wohl durchgängig veraltet; aber nl. lebt verdagen auch in dieser bedeutung noch Sicherer-Akveld 1162a; citare, diem dicere Kilian 584a; mnl. Verdam 617b. für vertagen in diesem sinne erscheint älter nhd. auch tagen und betagen (s. d.).
mit obj. der person im dativ: eim vertagen und für rächt bieten; du hattest mir auff heüt vertaget, du hattest mir lassen sagen, dasz ich auf heut zu dir käme Maaler;

nun kumpt uns Tisbe in das spyl, ...
die irem blen hat vertagt,
z im z kumen z gesagt
Murner gäuchmatt v. 2713.


'gerichtlich festsetzen, verabreden':

veracht, was dir nicht ist verbriefet und vertaget
Scherffer Grobianer 53.

üblicher mit acc. der person, 'beschicken, vor gericht ziehen, vorladen'; quelle v. 1495 bei Haltaus; landrecht bei Schmeller; wie die gesandten für in vertagt wurdend, redt der alt fürst selbs Watt histor. schriften 1, 195; sus leet man vordagen alle borger .. dat se des vridages morgens schulden up dem rathuse erschienen hamburg. chron. 366;

[Bd. 25, Sp. 1858]


men schal en dryddewerff vordagen,
alzemen eynen vryen manne plecht Reinke de Vos 1258;

so soll sie dann aufs raathaus gehn, ...
und uber ihren schwager klagen,
darauff man denn ihn soll vertagen
Frischlin dichtungen 133.

alterthümelnd nach seiner quelle (vgl. Fischer) schreibt Göthe im Götz: da wollte er absolut den Berlichingen vertagt ('zu bestimmten termin vorgeladen') haben 8, 49 Weim. (vgl. vertagung 1). 'zu diensten heranziehen': wann die eigenbehörige zu den gogräven-diensten vertaget werden Osnabrücker quelle bei Haltaus.
mit angabe der frist: österreich. quelle des 15. jh. bei Lexer; es haben Lorentz und Simon .. einander uff morgen umb sechs uren .. vertagt Wickram 2, 245, 10; der kampf ward auff den neunten tag vertagt und gelegt Franck chron. Germaniae 169;

durch solches wurd der kampf vertagt
und auf den neunten tag angsetzt
Maximilian Teuerdank 185, 62.

in der älteren sprache tritt hierbei nicht der begriff des 'aufschiebens', sondern des 'terminansetzens' in den vordergrund (vgl. 3).
mit angabe des ortes, für den eine vorladung, einladung, verabredung vorgesehen wird: einen vertagen an ein gewisses ort Dentzler; da schlugen sich desz marggraffen räth in die sachen und vertagten uns .. gein O. Berlichingen 39 neudr.;

jetzt, nun sie fremde selbst ins schlaffgemach vertaget,
acht ich mich was zu hoch vor eines andern rest
Gryphius trauersp. 278 (Cardenio 1, 219).

auch reflex., 'sich verabreden':

sag, wohin wölln wir uns vertagen,
wenn wir sein diesem strausz entgangen?
Waldis Esopus 2, 93.

vereinzelt wohl auch 'einen zur gerichtlichen verhandlung festnehmen, festhalten, der freiheit berauben, unterdrücken' vgl. Campe; so wer ich auch in ein ehrliche ritterliche gefenkhnus vertagt Berlichingen 55 neudr.; ir (habt) .. minen knecht im veld .. vengklich angenomen und vertagt: das mich befrömbdet Riederer rhetoric s vib;

er, der sein leben waget
für sein verdrucktes reich, wird von dem reich vertaget
für eines henckers fusz
Gryphius trauersp. 383 (Stuardus 2, 238).


2) ganz gesondert davon ist das perfective vertagen, ähnlich wie verjähren (sp. 605) gebraucht, hd. wie nd.
mhd. intrans.: swer in der stat verjâret und vertaget ('jahr und tag über bleibt, wohnt') alem. quelle v. 1297 bei Lexer; mnl. vom eigenthum verdagen ende verjaren, 'jahr und tag in denselben händen bleiben' Verdam 617b; dietare Diefenbach gloss. 180c; consistere sive manere per aliquot dies Kilian 584a. reflex. 'sich jähren, ablaufen':

biʒ daʒ jâr sich hât vertagt
Ulrich v. Türheim Tristan 372.

nhd. in der form des part. prät. in demselben sinne: dasz sie bey vertagten kriegsjahren unter den mordtönenden trompeten .. erhalten worden Harsdörffer secretarius 1, E e Ia;

sind schon vertag't die dreymal viertzig jahre?
Lohenstein Ibrahim 117.

Stalder 1, 258 verzeichnet als schweiz. vertagt 'verrochen', von geistigen getränken. sonst nicht nachweisbar.
wie verjährt, versessen, verstanden (sp. 606, 1340ff., 1697) bezeichnet vertagt 'überständig, veraltet'; gewöhnlich nd. und md.: mnd. vordaget Schiller-Lübben; eynen olden breff, de voriaret unde vordaghet is braunschw. urkunde v. 1403 ebd.; brem. wb. 1, 180; pomm. Dähnert; vertagte zinsen oder schulden, census ac debita, quorum venit dies, census debiti et exigibiles Haltaus; thüring. urkunde v. 1498 bei Diefenbach-Wülcker 569; dasz sie m. g. h. thumbprobste das itzt vortagete weidegeldt entrichtet und gegeben haben d. städtechron. 27, 190, 4 (Magdeburg); die vertagten und völligen interessen von noch anstehenden capitalposten acta publica 4, 250 (schles.); dieses .. büchlein .. sol die längstvertagte schuld, mit

[Bd. 25, Sp. 1859]


welcher ich seiner höflichkeit verhafftet bin, ... abstatten Harsdörffer poet. trichter 3, a 4a;

aber ach! da kommen juden
mit dem schein vertagter schuld.
und nun halten die gerichte
den behenden ritter auf
Göthe 1, 177 Weim.

dazu Adelung: den bestimmten tag oder termin versäumen, hernach versäumen überhaupt. von Lohenstein in übertragenem sinne als 'überständig' oder 'vergangen' verwendet:

wo diese kalte brust und die noch warme seele
nicht ferner flammen schafft in seiner hertzens-höle,
wo die vertagte lust dem fürsten eckel gibt Cleopatra 2, 339 (s. 43).


3) der heute allein geläufige sinn 'auf einen späteren tag verschieben, vorläufig aussetzen' kann schon in alte quellen hineingelegt werden; Lexer 3, 266 will ihn auch im mhd. erkennen. völlig zu hause ist er im mnl. Verdam 617b; protrahere, differre, procrastinare, ampliare Kilian 584a. auch Adelung bucht schon im versuch 1780 vertagen als 'auf einen gewissen tag bestimmen oder verlegen', allerdings als veraltet im hd. und nur landschaftlich üblich. in die literatur wird das wort erst um 1800 eingeführt unter dem einflusz von franz. ajourner und ajournement, die in der revolutionszeit unentbehrliche ausdrücke des parlamentarischen lebens geworden sind. sie haben wiederum im gefolge von engl. adjourn, adjourning, adjournement die entwicklung von 'vorladen' zu 'verlegen' 1789 durchgemacht und ihrerseits im deutschen die aufnahme des alten vertagen in der neuen bedeutung veranlaszt. nach Ratschky 1799 ist vertagen 'ein neugeprägtes wort, das den bei den neufränkischen staatsverhandlungen häufig vorkommenden ausdruck ajourner sehr glücklich ersetzt'. nach Campe verdeutschungswb. 140b wird vertagen als 'aussetzen, für jetzt übergehen' zur wiedergabe von ajourniren seit einiger zeit in allen zeitungen wie das franz. wort gebraucht. so will er es (ebd. 549b) auch für das fremdwort procrastiniren eingeführt wissen. im wb. 5, 386a umschreibt er vertagen: 'aussetzen, übergehen, mit stillschweigen übergehen, nichts darüber beschlieszen'. Hübner zeitungslex. 4, 804a: 'die sitzungen einer versammlung als einstweilen beendigt erklären'. das gericht heiszt also .. der tag, tag und frist wird gegeben, getagt und vertagt (ajourner) J. Grimm kl. schriften 6, 178. Stalder 1, 257 bucht als schon bestehenden gebrauch 'etwas auf eine andere zeit (gleichsam auf einen unbestimmten tag) verschieben', während die schweiz. lexicographen nur die bedeutung 1 kennen. zu der geschichte des worts vgl. zeitschr. f. d. wortforschung 13, 281; Kluge etym. wb. 475a.
die ältesten belege stammen aus der zeit der romantiker. A. W. Schlegel gebraucht vertagen noch etwas ungelenk in infinitivischer oder absoluter form: so will ich doch dieszmal sogleich aus dem stegereif antworten, .. um nicht von neuem in das vertagen hineinzugerathen an W. Humboldt, briefwechsel 63;

jetzt scheint die sonne heisz; wenn wir (unser vorhaben) vertagen,
wird frost uns die gehoffte ernte nagen Shakespeare 8, 323 (Heinrich der sechste III, 4, 8).

eigenthümlich ist auch das vorkommen bei Göthe: so dasz ich meinen theil an dem wechselseitig genossenen guten wohl auf die nächste folgezeit vertagen darf IV 32, 28 Weim. (1819). im schwäb. ist eine abgeleitete bedeutung 'einem etwas hintertreiben' üblich Fischer 2, 1373.
in politischer sprache: die kammer im sommer zu berufen .. und sie dann bis auf den winter zu vertagen Gutzkow werke 7, 40; sie durften die berufung des letzten (rathes) vertagen Raumer Hohenstaufen 5, 237; die (hannöverschen) stände sind sogleich vertagt worden Varnhagen tagebücher 1, 103; ist die verhandlung auf verlangen der minderheit vertagt handelsgesetzbuch § 264 abs. 2.
'eine handlung fürs erste nicht vornehmen': nachdem er die verfolgung seiner eroberungspläne ... vorläufig vertagt hatte Mommsen röm. geschichte 3, 63; das abenteuer bedünkte dem kavalier zu lieblich, um nicht die weiterreise zu vertagen Gaudy 15, 43;

[Bd. 25, Sp. 1860]


o wäre schon bezwungen diese scheue,
die unsern bund vertagt von heut auf morgen!
Platen 1, 174.


'gehässige empfindungen und unangenehme auseinandersetzungen ausschalten':

vertagt das häusliche gefecht,
und geht mit denen, die den tod euch drohen!
Rückert werke 1, 277;

noch kind, als ihr den vater mir erschlagen,
muszt' ich die rache schmerzlich lang vertagen
Lenau 724;

sie hielt es aber für angemessen, ihren ärger darüber auf andre zeit zu vertagen Fontane 5, 23.
selten mit persönlichem object, 'hingehalten, einstweilen ausgeschaltet': das schicksal des bessern weiblichen herzens ist es so oft, sich in seinen schönsten ahnungen wenigstens vertagt zu finden Bentzel-Sternau bei Campe;

poet, du bist vertagt, verlassen, schnöde
wie einer, der in Hamburg wohnt, verloren,
wenn, fluch, er ohne regenschirm geboren
D. v. Liliencron 11, 36 (Poggfred 2).


in reflex. form durchaus üblich: ein kriegsgericht vertagt sich nicht Laube 14, 94; forderte das parlament das recht, sich zu vertagen, sobald und wohin es ihm beliebe Ranke 16, 292.
 
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vertager, m., nicht üblich. 1) zu vertagen 1: mnd. vordager, 'vorlader, gerichtsdiener, der die ladung überbringt' Schiller-Lübben 5, 328b; pomm. verdager, verdagesmann Dähnert 519a. 2) zu vertagen 3: 'einer, der etwas vertaget' Campe; procrastinator, der vertager, zauderer verdeutschungswb. 549b.
 
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vertagung, f. , abstractbildung zu vertagen.
1) selten in der älteren rechtssprache im sinne von vertagen 1: Schottel 392b; diei praestitutio vel condictio Haltaus 1904. 'gerichtliche verhandlung': zu förderlicher vertagung und auszführung ires angefangenen rechtes urkunde von 1562 ebd. 'gerichtliche vorladung': wann der schuldner die bezalung ... verziehen würdt und der gleubiger .. die gantt fürnemen wolt, soll er darumb den amptman anrüffen und umb unverzügliche vertagung des schuldners bitten schwäb. quelle v. 1567 bei Fischer 2, 1373. alterthümelnd bei Göthe in der bühnenbearbeitung des Götz (2, 5); ich bin frei ohne vertagung und lösegeld 131, 226 Weim. (vgl. vertagen 1). noch nl. verdaging 'vorladung' Sicherer-Akveld 1162a.
2) im sinne von vertagen 3 will Campe procrastination durch die vertagung, der aufschub ersetzt wissen verdeutschungswb. 549b. ältestes vorkommen anscheinend bei Kant: wenn das altgewordensein nicht schon die öftere vertagung .. wichtiger beschlüsse bei sich führte werke 1, 298 Hartenstein.
ausdruck im politischen leben: nach der auf die vertagung am 27. juli wieder erfolgten zusammenkunft der versammlung am 16. oktober Hegel 16, 321; eine vertagung des landtags liege nicht in der absicht der königlichen staatsregierung Bismarck polit. reden 2, 35. vgl. dazu Bitter hdb. der preusz. verwaltung 2, 717b; vertagung einer verhandlung handelsgesetzbuch § 264 abs. 2; gerichtsverfassungsgesetz § 49 abs. 2. in literarischer sprache:

wenn uns're gründe
euch zur vertagung nicht bewegen können,
so zwingt ihr uns zur offnen weigerung
Raupach werke ernster gattung 5, 35;

seiner geliebten nichts von dieser vereitelung, oder viel mehr vertagung ihrer glücksträume zu sagen Gaudy 14, 48. ungewöhnlich in der mehrzahl: und weshalb säume ich? woher diese schwankungen und vertagungen? Fontane 5, 223. —
dazu vertagungsfrage, f.: amtliche verständigungen ... bezüglich der sitzungs- und vertagungsfragen Bismarck erinnerungen 2, 214.
 
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vertakeln, verb., in der seemannssprache: 1) 'ein schiff umtakeln' (vgl. th. 111, 92), nach dem nl. vertakelen Sicherer-Akveld 1193a. 2) 'verwickeln, die fäden in unordnung bringen' brem. wb. 5, 6.

[Bd. 25, Sp. 1861]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vertämpern, verb., mundartlich md.: 'geld und zeit verschwenden', mit der nebenbedeutung, dasz es allmählich und unvermerkt geschieht Anton Lausitz 5, 12; thüring. Hertel 241. vgl. DWB tampern, DWB tempern th. 111, 103.

 

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