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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
versunken bis versüszung (Bd. 25, Sp. 1850 bis 1854)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) versunken, part. prät. zu versinken 4 (sp. 1330f.) in adj. verwendung. dazu ist vereinzelt ein subst. versunk, m., gebildet worden, wie verstell (sp. 1724) zu verstellen: noch heute nennt man die stätte, wo das (versunkene) kirchlein gestanden, den kirchenversunk Bartsch sagen 1, 286 (vgl. Sanders erg.-wb. 545b). in jüngster zeit kommt eine subst. zusammensetzung versunkensein, n., dazu (vgl. versunkenheit 2): das kleine geschäftige treiben der menschen ist sehr possierlich nach einem solchen versunkensein in der groszen natur Rosegger schriften II 7, 414; man verlangt also auch vom historiker die künstlerische beschaulichkeit und das völlige versunkensein in die dinge Nietzsche 1, 332.
 
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versunkenheit, f. , abstractbildung zum vorigen, nur in übertragener verwendung.

[Bd. 25, Sp. 1851]



1) im sinne von 'einsamkeit': wer Rom in seinen ruinen und seiner versunkenheit ganz fühlen wollte Heinse 4, 165.
2) der zustand eines menschen, wo er tief gesunken, gefallen ist, in sittlicher bcziehung Campe. deutliche anlehnung an das bild; jene versunkenheit in wollust, die Alexander den groszen entstellte Gutzkow die schönern stunden 93. ohne präpos. beifügung: schwachheiten, die bei uns sowohl eine folge als eine neue ursache jener tiefen versunkenheit sind, die eine üppige, kranke weiblichkeit auf eine elende nachkommenschaft fortbreitet Herder 17, 327; schnellkräftig erhob er sich aus tiefster moralischer zerknicktheit, aus kläglichster, katzenjämmerlichster versunkenheit Raabe Abu Telfan 2, 117. von der lebensweise: die versunkenheit des heutigen studentenlebens Spielhagen 1, 119. vom geisteszustand: die versunkenheit eines dereinst regsamen geistes dauert nicht unausgesetzt fort, solange der körper noch zusammenhält. es treten öfters lichte augenblicke ein Holtei erz. schriften 1, 81.
3) in anderer weise 'der zustand einer vorübergehenden geistigen abwesenheit', wobei die seele in einem einzigen eindruck völlig aufgeht, mag es nun ein träumerischnachdenklicher oder das glück eines augenblicks auskostender zustand sein. versunken in diesem sinne schon bei den mystikern (sp. 1331 mitte; ähnlich versenkung 1 sp. 1282): diese versunkenheit des geistes in das einzelne und zufällige Hegel 72, 182; der .. normalmensch, im vergleich mit der bald träumerischen versunkenheit, bald leidenschaftlichen aufregung des genialen Schopenhauer 2, 459; seine plötzliche kälte und versunkenheit machte ihn nachdenklich Rosegger schriften 15, 375; mund ruhte auf mund in einer glücklichen versunkenheit Viebig das schlafende heer 1, 103.
 
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versünnen, verb., s. versonnen sp. 1359.
 
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versupfen, verb. , nur obd. in älterer sprache, zu supfen (s. d.), verwandt mit saufen. inebriari Scherz gloss. germ. 1782. vgl. elsäss. Ch. Schmidt 403; bair. Schmeller 2, 319; schwäb. Fischer 2, 1372.
1) intrans. 'dürr, trocken werden, verschmachten':

die hüner versüpffen, küe verseyen
Sachs 4, 260, 6 Keller;

gemeiniglich werden sie zu solcher zeit volkömlich versupfft Thurneisser alchymia 2, 69.
2) 'ersaufen, völlig untergehen in etwas': an gmainer verfürung, darin sy fast versupfft sind Eberlin v. Günzburg bei Fischer; es ist kein figur gleicher dem tod dann ein mensch, der also versupft ist in seim schlaf Keisersberg brösamlin 1, 33a.
3) trans. 'verschlingen, verbringen': sein neid kan nit erfüllet werden, wie wol er .. gantz versupfft hat das row fleisch und das gantz blt des den er also hinterredt (verleumdet) klapermul 80b. von der zeit: das sie ir edle zyt vertryben und versupffen in den weltlichen dingen bilgerschafft 57d.
 
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versürfeln, verb., nur als schweiz. bezeugt, 'hinunterschlürfen': versurfflen, gantz verschlucken, verschlinden, absorbeo Frisius 10b; Maaler 433d. zu sirfeln, sürfeln (s. d.). vgl. auch in anderer bedeutung serfeln (th. 101, 623).
 
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versurren, verb., 'aufhören zu surren, verklingen, stille werden'; in den obd. mundarten vom vergehen nicht hörbarer dinge, von erlöschenden gerüchten und von nachlassenden prickelnden schmerzen: schweiz. Stalder 2, 420; Basel fersure Seiler 114; Appenzell versorra Tobler 189a; elsäss. schwäb. versurren Martin-Lienhart 2, 373a; Fischer 2, 1372. als die geschichte aber versurret war, mahnte die mutter Joggeli, dasz er Uli doch frage, was er gedenke Gotthelf schriften 2, 315; lasz den (dem pfarrer versetzten) schlag ein paar monate versurren, da hat das ding ein ander gesicht Auerbach schriften 3, 214.
 
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versurtheiler, m., kritiker über poesie: wir haben versmacher und versleser und versurtheiler, die keinen

[Bd. 25, Sp. 1852]


vers, auch nur im groben, vortragen können Voss zeitmessung 5.
 
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versusengen, verb., s. versumsen.
 
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versüszeln, versüszgen, versüszlichen, verb., s. unter DWB versüszen.
 
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versüszen, verb. , denominativbildung von süsz (s. d.). der ältere gebrauch ist fast ausschlieszlich übertragen. mhd. versüeʒen Lexer 3, 257 (Teichner, Seuse s. u.). nhd. bei Frisius 460a noch süsz machen, edulcare; versüszen, dulcare, etiam de quacumque refectione, relaxatione Stieler 2242; Kramer 2, 1042c; Frisch 2, 357c; Kirsch 2, 314b; Adelung; Campe; schwäb. Fischer 2, 1371; köln. versösze Hönig 194b; mnl. versoeten Verdam 636b; auch intrans.; Kilian 604a; nl. verzoeten; ostfries. fersöten Doornkaat 1, 465b; pomm. versöten Dähnert 527a. dem deutschen entlehnt dän. forsøde, schwed. försötma. eine von Sanders wb. 2, 2, 1274a gebuchte comparativische bildung versüszern ist literarisch nicht nachgewiesen, kommt aber im lusernischen vor: vorsüasarn Bacher 420.
auszer einzelnen reflexiven wendungen zum ersatz des passivs wird das verb. durchweg transitiv gebraucht. die bedeutung ist 'süsz machen'.
1) in der technischen sprache der chemie nach Adelung veraltet für absüszen: 'die schärfe der mineralischen säuren mit wasser oder einem andern flüssigen körper wegnehmen'; nach Campe aber geläufig, besonders in der scheidekunst, vom versetzen der säuren mit weingeist; vgl. Beil technol. wb. 1, 629; (dann) musz man wermuthsaft .. mit etlichen granen versüszten quecksilber vermischen allg. haushalt.-lex. (1749) 2, 479b; der versüszte salpetergeist Liebig chemie 720. in der landwirthschaft: versüszen der teiche, befreien von faulen, stinkenden dünsten Weber öcon. lex. 616b.
im täglichen leben speisen und getränke durch zusätze 'süsz und schmackhaft machen', kaum 'zu süsz machen und dadurch verderben', wie Adelung will. der vergleich mit versalzen, mit dem sich heute ohne weiteres verschlechternder nebensinn verbindet, stimmt nicht. in älterer sprache steht süszen häufiger (s. d.). seit dem 16. jh.: dasz die römische kirch ... mög ausz ketzertreck rö. honig machen .. und das bitterst gifft mit röm. honig versüsen Fischart binenkorb 51b; das wasser .. versüszet die feigen, seuret die pflaumen Butschky Pathmos 362; ein hönig-tropffen .. welches die bitterkeit so vielen wermuths nicht versüszen wird Abraham a St. Clara etwas für alle 2, 29;

was saltzicht von natur, versüszet keine kunst
Lohenstein Ibrahim 43;

die begierde —
nicht nach dem honig, der den trank versüszte,
nein, nach der lippe, die den becher küszte
Brentano 6, 212;

die Griechen und Römer versüszten auf andere art (als mit zucker) ihre speisen Ritter erdkunde 5, 440.
2) häufiger in übertragenem sinne. den zu freien gebrauch in Bodmers Noah rügt Schönaich ästhetik 133, 300 Köster. darauf nimmt der dichter eine verbesserung vor:

oder die rippe, die mir das eitle leben versüszt hat Noah 172 (1752);

oder das weib, das mir den wermut des lebens versüszt hat (1765).

so richtig dieser einwand vom ästhetischen standpunkt ist, so wenig wird er durch den thatsächlichen gebrauch gerechtfertigt. bisweilen nur wird das bild festgehalten: deszwegen hat er .. seiner straffenden schrifften scharpffe bitterkeit dergestalt versüszet Grimmelshausen 4, 506, 25 Keller;

du versüszest mir
alle gall' allhier
Dach ged. 222 Österley;

so träufelst du in den kelch der leiden
den tropfen der liebe, der alles versüszt!
Göthe 132, 38 Weim. (schutzgeist);

deren erinnerung den bittersten schmerz zu versüszen genug ist Wieland Agathon 1, 33.

[Bd. 25, Sp. 1853]



freier 'herbes und unangenehmes mildern und erträglicher machen'; arbeit, schmerzen Stieler. besonders in poetischer sprache:

ein solcher tod ist ihm nicht schwer,
weil sein gewissen ihn versüszet
Weckherlin ged. 1, 497;

anjetzt ists zeit, sein angst, doch mäszig zu versüszen
Gryphius trauersp. 369 (Stuardus 1, 93);

zwei pilger, neigen meine lippen sich,
den herben druck im kusse zu versüszen Shakespeare 1, 44 (Romeo 1, 5);

wer, als die liebe, kann mir die flüche versüszen, die mir der landeswucher meines vaters verursachen wird? Schiller 3, 371 (kabale 1, 4).
seltener 'etwas an sich schon angenehmes oder doch nicht unangenehmes noch angenehmer und lockender machen': wir sollen .. mit reimen die tafel versüszen Birken Pegnitz-schäferey 6; dein zorn versüszt ihm seinen triumph nur Schiller 2, 61 (räuber 2, 1);

ihr stimmlein uber berg und thal
den gantzen lufft versüszet
Spee trutz-nachtigall 119;

thut ein schilf sich doch hervor,
welten zu versüszen!
möge meinem schreibe-rohr
liebliches entflieszen
Göthe 6, 29 Weim. (divan).


von der zeit:

bald wolten sie spielend die stunden versüszen,
fragten einander, was bringt man herbey?
Harsdörffer gesprechspiele 4, c iia;

ich sollte ...
der gottheit groszes meisterstück verstümmeln,
den abend eines prassers zu versüszen?
Schiller 51, 121 (Karlos 1798);

und wenn sie nicht den traurigen rest meines lebens versüszen hilft, wer soll es denn thun? Lessing 2, 268 (Sara 1, 1). freier 'angenehm umgestalten':

und eh der abend kömmt, kann eine frühe nacht,
die keine hoffnung mehr zum morgen wird versüszen,
auf ewig mir die augen schlieszen
Haller ged. 151.


3) selten in der bedeutung 'erquicken', zumal bei persönlichem object:

das süszeste, so an dir ist,
musz ich, ungerne zwar, verschweigen,
doch kann es über alles steigen,
was je die sterblichen versüszt geharnschte Venus 131 neudr.;

wan dyn hertz mit dem süszen lyden so gar versüszet was der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) xxxiiia; ein kind kann leichter eine ganze familie versalzen als versüszen Jean Paul werke 15/18, 241.
4) ungewöhnlich ist das part. prät. als adj.: so haben sie (die korallen) eine versüszende kraft Hohberg curiosa 3, 507b. übertragen: gleich wie die poesis .. ein süs schmekkendes gericht .., also .. gleichfals dero rechte gehörige versüszende ausrede (aussprache) Schottel haubtsprache 114. adverbial: wie wir versüszend (beschönigend) auch den dummen eine gute seele nennen Schleiermacher Platon 6, 190.
das part. prät. hat in älterer sprache den sinn 'überzuckert, süsz': sú die versüsztú gift also verblendet, daʒ sú deʒ groszen schaden under dannen vergessent Seuse 137, 24; eyn eyniges hinfälliges versüset gelüstlin mit todsgefahr zuwegen zupringen Fischart ehzuchtbüchlin 287 Hauffen;

wenn die welt mit wollustiren,
und versüster bitt',
auf den sündentrit,
ihn wil unvermerket führen
Neumark lustwald 1, 92;

die nützlichsten wahrheiten gleichsam versüszt, der jugendlichen seele beyzubringen Abbt 5, 62. 'süszlich': hier ein versüszter Winkelmannischer kopf Lavater phys. fragmente 4, 175. seit dem 19. jh. durch versüszlicht (s. unten) ersetzt.
5) reflex. gebrauch ist nicht häufig: weil auch der bittere mandelbaum durch das peltzen sich versüszet Hohberg georgica 1, 432; im winter, der wahren hiesigen regenzeit, soll sich alles noch viel mehr versüszen Kohl reise nach Istrien 1, 230; als der erste bittere eindruck

[Bd. 25, Sp. 1854]


sich etwas versüszte, trat eine andere stimmung in Göthe ein Gervinus gesch. d. d. dichtung 5, 367; sein ganzes wesen mildert und versüszt sich unter den strahlen einer solchen sonne gleich einer frucht im herbste Nietzsche 4, 349. —
versüszerin, f., ungebräuchliche bildung bei Zesen: die deutsche dicht- und reimkunst, als eine versüszerin der andern haubt- und lehr-arbeit Helikon 1, 1. —
seltene bildungen tadelnden sinnes sind versüszeln, versüszgen, versüszlichen. versüszeln entstammt dem 16., die andern beiden dem 18. jh.
im eigentlichen sinne nur versüszelt, 'überzuckert, zu süsz': der musz (mus, speise) versotten, .. versüszelet, verröstet, verräset, verbrant plunder Fischart Garg. 82 neudr. sonst übertragen, 'zu süszlich': im weinerlichen gethue knechtischer ergebung, womit versüszelte feiglinge die unkraft zu ehren heucheln möchten F. L. Jahn 2, 315; wie das vorige (gesicht) versüszget, polirt, frisirt; — so diesz verwildert, verhärtet Lavater phys. fragmente 3, 160; dasz es nicht übertrieben erhöht, durch hymnen versüszlicht .. werde Göthe 49, 16 Weim.; etwas mord und todtschlag, mondschein und sonnenuntergang, diesz mit liebe und empfindsamkeit versüszlicht Tieck schriften 14, 164.
 
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versüszung, f. , abstractbildung zu versüszen, seit dem 17. jh.; addolcimento Kramer 2, 1042c; Adelung; Campe. älter mnl. versoetinge Verdam 636b; Kilian 604a; nl. verzoeting.
1) das versüszen, die handlung des süsz- und süszermachens. in der chemie mildert man ätzende und beizende körper durch verbindung mit einer andern substanz, besonders mineralische säuren mit weingeist (vgl. versüszen 1) Jacobsson techn. wb. 8, 84a; Beil 1, 629; über die ... versüszung der .. säuren allg. d. bibliothek 79, 465; versüszung des salzigen und bitteren meeres J. Grimm kl. schriften 7, 345; (zucker) zu allerley widerwärtiger artzneyen versüszung Hohberg georgica 1, 206. übertragen (zu versüszen 2): alle erlaubte lustbarkeiten, die der gütige gott zu versüszung des bittern lebens den sterblichen vergönnet discourse d. mahlern 4, 26; dagegen muszten ihnen aber zu versüszung dieses zwanges . . vorzüge eingeräumt werden Forster 2, 100.
2) der zustand oder gegenstand des versüszens, 'die süszigkeit': dasz (er) eine angenehme versüszung daraus empfunden Brandt taubenflügel 7; ich fühle mein unglück zu sehr, .. als dasz ich mir selbst diese letzte einzige versüszung desselben rauben sollte Lessing 2, 273 (Sara 1, 7);

gönne mir die einzige
versüszung meines grams!
Gotter ged. 2, 289.


3) zu einem reflex. versüszen 5, 'zustand des süszer werdens': dasz eine ... versüszung des wassers eingetreten wäre Brehm thierleben 10, 429. —
versüszungsmittel, n., 'mittel zum versüszen', in eigentlichem wie übertragenem sinne: erst jetzt, durch den handel der italienischen städte, drang der zucker als versüszungsmittel in weitere kreise Seiler lehnwort2 2, 154; das schwatzen darüber (wird) ein eigentliches versüszungsmittel des verdrusses und der langen weile Pestalozzi schriften 13, 122.

 

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