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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
versühnungsopfer bis versündigen (Bd. 25, Sp. 1846 bis 1848)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) versühnungsopfer, n.: das in zwei-jährigen schafen bestehende versühnungsopfer zu schlachten A. U. v. Braunschweig Octavia 3, 1108. — vgl. versöhnungslehre, -mittel, -opfer, -werk sp. 1357.
 
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versulzen, verb. , obd. wort, von sulz 'salzbrühe, sülze, gallert' abgeleitet (s. d.). schwäb. Fischer 2, 1371; bair. Schmeller 2, 274.
1) in eigentlichem sinne 'mit salzbrühe einkochen': treibwürst, sultzwammen, .. eingemacht hauben und bücher, versultzt manigfalt Fischart Garg. 120 neudr.; schwäb. die speise versulzen 'schlecht kochen' Fischer.
2) österreich. versulzt, 'gallertartig': waldhang, der hinter dem vereisten und versulzten wasser aufstieg Rosegger schriften 5, 21; auf solchem eise, das jeden augenblick brechen konnte, stand der mann und schien in den versulzten tümpel zu schauen III 8, 327. schwäb. ihre (gebär-)mutter ist versulzt, und so ist sie gestorben Fischer.
3) reflex. bair.: eine grosze wunde versulzt sich, wenn sie sich unter ansetzung gallertartigen jungen fleisches schlieszt Schmeller.
 
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versumfang, m., 'ausdehnung, länge der verszeile': in ansehung des wollauts ist der versumfang eben so wenig gleichgültig Garve versbau 170; Voss krit. blätter 1, 521.
 
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versummen, verb., intrans.-perfective bildung, 'aufhören zu summen, sich summend entfernen, vertönen': bis die glocken versummen Campe; und das waffengedröhne des wortgefechts versummt war Rückert 11, 368. 'eine zeit summend verbringen': gestern war ein tag voll sonnenschein, die mückchen .. haben ihn vertanzt und versummt Bettine Günderode 1, 171.
 
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versumpern, verb., obd. bildung zu versimpeln (sp. 1326), abgeleitet von sumpen (sumper) vgl. Martin-Lienhart 2, 359b; die waisen, die da auf dem lande drauszen verlaufen und versumpern und endlich trottel oder lumpen werden Rosegger laszt uns von liebe reden 233. tirol. geld versumpern 'verthun' Schöpf 729.
 
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versumpfen, verb. , irrthümlich von Frisch 2, 356c und Campe als beleg bei Keisersberg (statt versupft) gebucht. in einer quelle des 16. jh. erscheint das part. prät. in starker form: da truckne örter, nicht see, versumpffne mos und dergleichen pfitzen seind Wirsung arztneybuch 554. erst im 18. jh. zum ersatz des fremdworts stagnieren geprägt, vgl. zeitschr. f. d. wortf. 4, 132. im 19. verbreitet es sich stark, in übertragenem sinne wohl unter dem einflusz der burschikosen sprache, vgl. Paul wb. 540a; Fischer 2, 1371; Martin-Lienhart 2, 359b.
1) die verwendung ist überwiegend intransitiv. feste gegenden und gewässer nehmen sumpfartiges aussehen an, indem die einen in ständig feuchten zustand übergehn, die andern stagnieren: so finden wir eine abstufung von versauertem (dem anfange) zum vermoorten und versumpften boden Ratzeburg standortgewächse 332; die rosen, welche in der gegenwärtig versumpften und verödeten gegend von Posidonia ... wuchsen Matthisson schriften 1, 270; dasz sie ihre gemeindewiese, die immer mehr versumpft, trocken legen? Alexis Isegrimm 10;

die heimischen seen,
wo sich himmel und wolken
spiegelten, sind versumpft
Rückert werke 1, 240.

auch als part. präs.: infolge der üppiger wachsenden vegetation und des stärker versumpfenden bodens Hoops waldbäume 93.
im übergang zu übertragenem sinne: wer erwartete in diesen eh'mals versumpften und düsteren klosterräumen .. gegenwärtig mehr als einen literarischen salon eröffnet zu sehen? Göthe 412, 372 Weim.; (es) würde ja der flusz der zeit im flachen gefilde unserer alltäglichkeit

[Bd. 25, Sp. 1847]


gar versumpfen Holtei erz. schriften 19, 194. freier: nun wurden die akten seszhafter und wanderten in ein fach, das .. für versumpfte oder in versumpfung begriffene fälle bestimmt war Kröger leute allerlei art 139; hielt er diesem versumpften leben die gesunde, kerndeutsche kraft .. entgegen Treitschke deutsche geschichte 5, 22; woran du siehst, dasz ich noch nicht so sehr versumpft bin F. Reuter briefe 264 (an den vater 1840). mit präpos. bestimmung: ohne den krieg würde die welt in materialismus versumpfen Moltke 5, 194; ihre geisteswelt versumpfte zu einem unerquicklichen aberglauben Heine 7, 195.
2) in gleichem sinne reflexiv: es ist ein grundgesetz der handlung, dasz, wo die handlung oder der affekt gewaltsam weiterstrebt, der dialog retardieren, wo sich beides zu versumpfen droht, der dialog lebhafter fortstreben musz Ludwig 5, 472.
3) seit Göthe auch trans. gebraucht, 'in einen sumpf verwandeln': im jahr 1800 trat die grosze überschwemmung ein, verbreitete sich, versumpfte den saal 49, 221 Weim.; des flusses, der .. die niederungen .. versumpft Mommsen röm. geschichte 1, 45. übertragen: der unmut ist der schlimmste seelenzustand, weil er die seele verdumpft und versumpft Lenau an Sophie Löwenthal 415 Castle;

die seele raubt er (der unglaube) nicht, doch hat er sie versumpft
Rückert werke 8, 9.


 
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versumpftheit, f., junge bildung mit dem adj. gebrauchten part. prät. von versumpfen 1: das milieu im hause Krause ist in aller seiner roheit und versumpftheit von Gerhart Hauptmann vorzüglich getroffen.
 
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versumpfung, f. , gebräuchliche bildung des 19. jh. über versumpfen zur wiedergabe des fremdworts stagnation vgl. zeitschr. f. d. wortforschung 4, 132.
1) selten zu versumpfen 3 zu ziehen: Schlettstadt .. zeigte sich bei beginn der einschlieszung .. durch überschwemmung und versumpfung unzugänglich Moltke 3, 171. sonst zu versumpfen 1: dasz er (der flusz) nicht durch versumpfung .. gefährlich wurde K. O. Müller Etrusker 1, 220; (so) kann die waldvegetation infolge der oben besprochenen starken verdunstung eine versumpfung verhindern Schwappach forstpolitik 55.
2) in concretem sinne eine übergangsstufe zum eigentlichen sumpf darstellend: die bären lieben es . im frühjahre .. nach den versumpfungen des Pripet zu ziehen Brehm thierleben 2, 223; sie (die fichte) kann selbst auf offenbaren versumpfungen noch gedeihen Rossmässler der wald 306.
3) am üblichsten in der literarischen sprache ist die anwendung auf das sittliche gebiet: mit einigen über der politischen und moralischen versumpfung Frankreichs aufgeschossenen wasserblumen sogenannter socialer theorieen Gutzkow werke 2, 426; die schmutzige versumpfung eines vergangenen zeitalters Steffens was ich erlebte 4, 345; (so) würde unsre innre verfassungsmäszige entwicklung von der versumpfung in bundestägiger reaction .. nicht nothwendig bedroht worden sein Bismarck erinnerungen 1, 362.
 
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versumsen, verb. , lautmalende bildung.
1) wie versummen (s. d.) 'bis zur erschöpfung summen, aufhören zu summen' Campe.
2) studentisch zu einem burschikosen subst. sums 'lärm, betrieb, unfug' gebildet als 'lärmend durchbringen, um die ohren schlagen'; in Leipzig versumsen neben versemsen Albrecht 230b; mansfeld. versumpsen neben versimpsen Jecht 119a; so versusengen in Ostpreuszen und in Berlin Frischbier 2, 442a; Meyer 128a. vgl. versemsen sp. 1272, versimsen sp. 1326.
 
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versünden, verb. , vom 13.—16. jh. häufig, im 19. von den romantikern vereinzelt wieder aufgenommen, im ganzen aber seit dem 17. jh. durch versündigen (s. d.) verdrängt. mhd. versünden mhd. wb. 2, 2, 736a; Lexer 3, 258; nach Adelung noch bei den schwäbischen dichtern

[Bd. 25, Sp. 1848]


seiner zeit; Campe. vgl. Schmeller 2, 306; Fischer 2, 1371; lusernisch vorsüntn Bacher 420. mnl. versonden, versunden Verdam 637a. ostfries. fersünden noch lebendig Doornkaat 1, 467a. ins nord. eingedrungen: schwed. försynda sig. vgl. altengl. forsyngian Bosworth-Toller 320a. in der form abweichend:

laider ich unt all meine kinder
haben uns hart gen im versüent
Sachs 22, 549, 6 Götze;

er sprach: 'fürwar wil ich euch kindn,
mein her wirt sich an mir versindn' pfarrer v. Kalenberg v. 930 neudr.


1) trans. selten. 'verschulden, veranlassen': die armen bauren .. mussen büssen waʒ die ursächer des kriegs haben versündt Franck kriegsbüchlin des friedes 63a; gott gestattet es, das du so vil mer miszdienest und schwerer versündest Keisersberg emeis 58.
'in sünden stürzen, durch sünden verderben' Lexer;

in riuwet, swenne er sichs verstât,
daʒ er die sêle versündet hât
Freidank bescheidenheit 51, 22.

dazu versündet 'sündig, schuldbedeckt':

swie gar wir sîn versündet
Ulrich v. d. Türlin Willehalm 2b;

aus versündeten geschlechtern
sind wir sündenvoll geboren
Brentano 3, 244.


2) verbreiteter ist das reflex. gewesen, das Schmeller für das bair. als noch lebendig bezeugt. ebenso schweiz. (Habkern) zeitschr. f. d. mundarten 2, 312. nach Campe ist sich versünden seltener als versündigen, heute erloschen. häufig mhd. s. Lexer.
'eine sünde begehn', besonders gegen gott:

dar z versündest dich gar schwär
Brant narrenschiff 30, 21;

als Israel sich het versünd
Sachs 1, 226, 29 Keller;

nuhn aber ein theil (der engel) hatt sich versündet Paracelsus opera 2, 474.
gewöhnlich mit näherer angabe, womit oder woran man sündigt: lüstlich gesichten, davon er sich versündet Pauli schimpf 179; allerley böse stücke und tücken, damit sie sich versünden Luther 5, 442b Jen.; der künig Jerobeam machet daʒ sich Israel versündet an den gulden kelbern Franck chronica zeytbch 49a.
mit bezeichnung der person, gegen die man sich vergeht: hab mich .. nye versündet gegen keynem mann Wickram 1, 104, 23; da mainten vil leut, er hett sich versünt an seinem vatter d. städtechron. 4, 125;

die sich an gott versünden,
und frevlen ohne scheu,
die wird er leichtlich finden
Harsdörffer secretarius 2, 139.

sächliches subject:

wann in geleicher missethat
mein hertz sich auch versündet hat
Sachs 17, 122, 13 Keller-Götze;

hâstu mich deste unwerder iht,
sô kan dîn zuht sich an mir gar versünden
Wolfram v. Eschenbach Titurel 114, 2.

jüngster beleg:

Hermann, nun hast du dich recht sehr versündet
Fouqué altsächs. bildersaal 1, 53.


 
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versündigen,verb. , mhd. seltener als versünden (s. d.) Lexer 3, 258; nhd. Alberus H h jb; Stieler 2242; Kramer 2, 1040c; Frisch 2, 357a; Adelung; Campe; nicht eigentlich heimisch in den mundarten, vgl. Fischer 2, 1371; doch will Gerbet 293 es für das vogtländ., Schumann 77 für das lübische, Doornkaat 1, 409a für das ostfries. in anspruch nehmen. fast durchweg als reflex. gebucht. mnl. versondigen, versundigen Verdam 637a. vgl. alt- u. mittelengl. forsyngian Bosworth-Toller 320a; forsünegen Stratmann-Bradley 242b.
versündigen kann als nominalbildung zum adj. sündig (s. d.) oder als unorganische bildung zu versünden aufgefaszt werden vgl. Wilmanns d. gramm. 2, § 129.
1) trans. wie versünden 1 'in schuld verstricken': das Adam in diesem gepot .. uns alzumal versundiget hat Luther 24, 75, 20 Weim. (14, 125, 13);

[Bd. 25, Sp. 1849]


stant uff, Maria seligk wipp!
niht vorsundige dinen lipp,
habe vorbasz ein rein leben! Alsfelder pass. v. 2822;

dasz man das ganze jahrhundert versündige durch solche unternehmen Diesterweg pädagog. jahrbuch (1851) 2, 157 (vgl. Sanders wb. 2, 2, 1272c); dahero auch ... gott unter die gerechten straffen der versündigten länder die wegnehmung des vorraths an brod gezehlt Abraham a St. Clara etwas für alle 2, 143. freier, 'sündhaft verweichlicht':

ein wicht, zum schmucken weibe fast versündigt,
der niemals eine schar ins feld geführt Shakespeare, Othello 1, 1.


mit sächlichem obj., 'etwas verbrechen':

was hab' ich denn so schwer versündiget,
dasz ich so schwer es büszen musz?
Tieck schriften 2, 140.


2) der reflex. gebrauch überwiegt weitaus, besonders in verbindung mit präpos. ausdrücken (vgl. versünden 2). ungewöhnlich ist dativ: dir alleyne hab ich mich versundigt (ps. 51, 6 in älterer fassung) Luther 102, 412 Weim.
in erster linie handelt es sich um ein vergehen gegen gott: dasz wir uns an dir (herr) versündiget haben Dan. 9, 8; sie .. versündigen sich mit got, und dem gten Franck beschreib. der Turckey M IVb; wante er hatte sich versundiget gegen god Gerstenberg hess. chron. 66. man vergeht sich gegen heilige einrichtungen oder gebote gottes: wie itzt die wellt voll solcher leut ist .., die sich so trefflich versundigen an dem lieben euangelio Luther 32, 323, 22 Weim.; wie hoch sie sich an der geburt und herkommen Mariae vergriffen und versündiget haben Paracelsus opera 2, 523;

hart versündigen wir uns tedten,
das wir wider den herren redten
Sachs 6, 224, 25 Keller;

man versündigt sich, wenn man ihm den tod wünscht Auerbach schriften 17, 107; er die zulässigen früchte in dem paradisz verachtet und sich an den verbottnen versündiget Harsdörffer secretarius 2, 52; herr, ich darf noch nicht essen von deiner speise, denn ich würde mich versündigen Hebbel 1, 55 (Judith 4).
sich an etwas sonst verehrungswürdigem in seinen handlungen vergreifen: das sich der schenck des königes in Egypten und der becker versundigten an irem herrn 1 Mos. 40, 1 (auch Zürcher bibel 1531); das sich sein vatter auch an Abraham seinem vatter versündiget und vergriffen hatte Mathesius werke 2, 122; dasz sie sich gegen dem keyser und römischen reiche in etwas versündiget Chemnitz schwed. krieg 1, 10; der wird gewisz dem lord Byron nicht vorwerfen, sich .. an der wahrheit versündigt .. zu haben Göthe 412, 95 Weim.; wer sich eigentlich an der deutschen sprache .. am stärksten versündigt Jean Paul werke 7/10, 6; ich habe mich .. bisher arg gegen die kunst versündigt Keller 2, 218.
3) den mitmenschen zu nahe treten, sie verletzen: homines ..., die sich an uns versundigen Luther 341, 444, 5 Weim.;

an ketzern man sich nit versündigt,
der ablasz ist uns längst verkündigt
Fischart verzeichnusz 359 Kurz;

doch werden die, die sich an mir so sehr versündigt,
Padill' und Castria bekommen ihren lohn
Lohenstein rosen (1680) 37;

du hast dich hier an deines Selims herzen versündigt Schiller 1, 58.
allgemein einen verstosz begehen, schaden thun, fehler machen; mit mund, ohren, augen: allein in uberhäuffung alles dieses unglücks versündiget sich Hiob nicht mit seinen lippen Schupp schriften 175; dann mit den ohren versündiget man sich nicht wenig Abraham a St. Clara mercks Wien 161; dasz ich mich auch wohl mit meinen augen da könnte versündiget haben Lessing 18, 15; schwer hatte er sich einst versündigt durch sein vertrauen auf Frankreichs freundschaft Treitschke deutsche geschichte 1, 367; wer ... nicht zu unterscheiden

[Bd. 25, Sp. 1850]


weisz, lasse sich in kein urtheil ein, wodurch er sich an gegend und garten .. versündigt Hippel kreuz- u. querzüge 1, 464; und wer teufel wird es wagen sich an ihren schuhriemen zu versündigen Pückler briefwechsel 1, 170. mit nebensatz: sie versündigen sich, meine schöne, dasz sie ihr groszes talent verleugnen wollen Tieck 17, 290.
freier gebrauch bei sächlichem subject: dasz sich jemandes bosheit an dir versündigen könne Schiller 2, 244 (räuber 2, 2); dasz die schere des einrichters sich nur an der freien entfaltung versündigen kann Ludwig 5, 48; dasz ihr tut, als ob das gesetz sich gegen euch versündige, sieh, das ist das traurige Fontane 6, 10.

 

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