Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verstummen bis verstützen (Bd. 25, Sp. 1812 bis 1821)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verstummen, verb. , denominativbildung vom adj. stumm. ahd. durch erstummen wiedergegeben; mhd. verstummen, verstumben aber häufiger als erstummen mhd. wb. 2, 2, 708a, 709a; Lexer 3, 255 f.; verstummen oder stum werden, obmutescere voc. 1482 ii 8a; voc. inc. teut. ii 5b; mutere, obmutere Diefenbach gloss. 374a, 388a; Schottel 647b. neben erstummen und zerstummen, obmutescere, conticescere Stieler 2224; Dentzler 314a; Adelung; Campe. mundartlich: bair. Schmeller 2, 757 f.; schwäb. Fischer 2, 1369; in beiden nicht populär, jedoch elsäss. Martin - Lienhart 2, 595b; md. luxemb. wb. 467b; mnd. vorstummen Lübben - Walther

[Bd. 25, Sp. 1813]


526b; mnl. verstommen Verdam 638b, auch modern; ostfries. Doornkaat 1, 468b. trans. gebrauch neben dem intrans. ist im mhd. ausgedehnt und findet sich vereinzelt bis in die neueste zeit, ist aber nicht üblich.
I. verstummen ist ein inchoativum und bedeutet 'stumm werden'.
1) 'die fähigkeit verlieren, töne von sich zu geben': hänge einem haushahn einen ring von weinreben oder andern geräusch an den hals, so verstummt er und kann nicht krähen Grässe jägerbrevier 125. 'die fähigkeit der sprache verlieren': da verstummet daʒ heilig kind Brigitta drú gancze iar der heyligen leben 82 b b; ich wollte, der pfaffe müszte verstummen und verblinden, der dir solches zeug in den kopf gesetzt hat Göthe 23, 110 Weim. selten 'starr werden, stocken': dasz ich dir .. sage was so lange stockt und verstummt IV 8, 206. 'starr vor staunen': die pharisei sind verstumpt in der ler des herren und haben sich gewundert erste d. bibel 3, 10, 40 Kurrelmeyer. vgl. schwäb. 'verstockt' Fischer; mnl. 'dumm' Verdam.
2) gewöhnlich von menschen, denen die sprache stockt oder versagt, infolge heftiger gemüthserregung. der gebrauch wird vom part. prät. ausgegangen sein, 'stumm, still geworden':

daʒ si wâren under in
verstumbet an den stunden
und niht gereden kunden
Konrad v. Würzburg Engelhard 3297;

ich bin verstumt und worden still
Sachs 18, 167, 19 Götze;

Karl. erhob sich nicht in meinem parlamente
die reine stimme der gerechtigkeit?
La Hire. sie ist verstummt vor der partheien wuth
Schiller 13, 201 (jungfrau 699);

alle waren verstummt Göthe 25, 175 Weim. thatsächlich überwiegen in der literatur andere verbalformen: und wolten si hin abe sprechen, si müsten z male verstummen Tauler 432, 4 Vetter;

Tisiphone verstummt mit groszer furcht umbfangen
Opitz teutsche poemata 190 neudr.;

was ist das? wie? du zögerst? du verstummst?
Schiller 14, 72 (braut v. Messina 1567).

von mund, zunge, lippe: verstummen müssen falsche meuler, die da reden wider den gerechten psalm 31, 19;

all falsch zungen müssen verstummen
Sachs 18, 135, 12 Götze;

gehorchen will ich,
ob ich gleich hier noch manches sagen könnte
und sagen sollte.mir verstummt die lippe
Göthe 10, 167 Weim. (Tasso 1544).

'aufhören zu singen':

der Orfeus ist verstummt, wil diesem gerne weichen
Zesen Helikon 1, B 4a.

übertragen, 'mit seinen behauptungen schweigen, mit seinen ansprüchen zurücktreten müssen': und da müste Zizero sälbst ferstummen Weise erznarren 65 neudr.; dasz sie bey verstopfung dieser quelle mit ihrer scharfsinnigkeit auf einmal verstummen würden Gottsched crit. dichtkunst 42 anm. 104; man sollte vielmehr den fürsten der finsternisz toben lassen und mit jenem liede gelassen sprechen oder singen:

laszt den teufel brummen,
er musz doch verstummen
Lichtenberg schriften 3, 51;

bey dem lebendigen! der mann hat recht.
ich musz verstummen
Lessing 3, 93 (Nathan 3, 476).

poetisch mit dativ der person, 'vor einem':

mit entzücken aber will ich
dann der nachtigall verstummen
Waiblinger ged. aus Italien 1, 105.

poetisch für 'sterben':

geheimnisvoll ist unser tun und handeln,
geheimnisvoll verstummen wir ins grab
D. v. Liliencron (1904) 11, 14;

nun gar ist er (Narzisz) zur blume verstummt
Uhland ged. (1864) 110.


3) von tönen und geräuschen, die erlöschen:

es verstummt das lied der wälder
Birken Pegnitz-schäferey 101;

[Bd. 25, Sp. 1814]


er .. bedrohete den wind, und sprach zu dem meer, schweig und verstumme Marc. 4, 39; der donner war verstummt Laube 11, 236; das gelächter verstummt Nietzsche 1, 500; die musik verstummte, todesstille herrschte im saale Holtei erz. schriften 5, 87;

das mahl verstummte, wo der Franke praszte
Chamisso 4, 110;

weiter oft der tritt verstummet,
denn der träger holet odem
Brentano 3, 118;

leben ist verstummt
in den öden straszen
Rückert 1, 451.


4) übertragen, 'nicht mehr vernehmlich sein, nichts von sich hören lassen': daher verstummten seit dieser zeit auch einige völker in der europäischen weltgeschichte Arndt an s. l. Deutschen 1, 461; für jene zeiten .., aus welchen alle direkte überlieferung verstummt ist Mommsen röm. gesch. 1, 14;

weil sich die halbe welt gelegt zu seinen füszen,
hat aller barbarn preisz für ihm verstummen müssen
Lohenstein Arminius 1, 2.

regungen erlöschen:

ein wahrer schmertz verstummt, und sagt nicht, was man fühlet
Günther ged. 570;

doch wird auch da dein herz nicht ganz verstummen,
und laut genug nach mir vergebens! girr'n
Gökingk ged. 1, 107;

dann aber .. verstummten die sich kreuzenden gedanken seines innern Gutzkow werke 4, 218; die schwachen regungen eigenen willens .. verstummten allmählich Treitschke deutsche geschichte 3, 54; dasz das gebet .. unsere sinnlichkeit verstummen macht Fichte 5, 127. 'unwirksam werden, aufhören': als der .. frost die jungen triebe abermals tödtete, verstummte die reproduktion Ratzeburg waldverderbnis 2, 134;

wo jeglicher befiehlt und keiner hört,
wo das gesetz verstummt, der fürst entflieht
Göthe 16, 281 Weim. (maskenzug 517).

ähnlich schon mhd.:

diu kerge laʒʒet an der schrift,
diu kerge an werdekeit ist gar verstummet minnesinger 2, 378b Hagen.


II. der inchoative charakter des intrans. verstummen ist bisweilen ganz geschwunden und hat einer durativen bedeutung 'schweigen, sich still verhalten' platz gemacht, wiewohl seltener.
1) der könig ... sprach zu im, freund, wie bistu her ein komen, und hast doch kein hochzeitlich kleid an? er aber verstummet Matth. 22, 12; wuszte auch fast nicht zu antworten, sondern verstummet ein lang weil Schweinichen 48; lasz mich kein wehmütiges gesicht sehen. du verstummst? — sprich doch! Lessing 2, 346 (Sara 5, 8). im briefwechsel: ich war willens, sie wegen ihres so langen stillschweigens zu züchtigen .. und noch ein paar halbe jahre zu verstummen Rabener 6, 208; ich habe zu diesem mittel gegriffen, um gegen die vielen freundlichkeiten nicht ganz zu verstummen Göthe IV 41, 144 Weim. übertragen: neun tage vor und nach demselben verstummen alle theater Gaudy 5, 65;

wie süsz der nachtwind nun die wiese streift
und klingend jetzt den jungen hain durchläuft!
da noch der freche tag verstummt,
hört man der erdenkräfte flüsterndes gedränge
Mörike 3, 107;

o sie müssen noch alle hervor, all' die götter, die in mir verstummen maler Müller 2, 35; weil aber jene werke .. über epochen verstummen, die durch die wichtigkeit ihrer begebenheiten .. hervorragen Niebuhr röm. geschichte 1, 2.
2) das part. prät. ist dann gradezu mit stumm gleichbedeutend: Joseph stunde gantz verstummt da Grimmelshausen 4, 762, 12 Keller; sie reichte mir verstummt ein zettelchen Bettine Günderode 1, 116; er ging hastig und verstummt den gang zurück Stifter 2, 68. als attribut bei sächlichem subst.:

(als wollten) ihre seelen untergehn,
versinken wollten im verstummten schmerz
Herder 16, 269;

kaum kann ich noch durch das verstummte dunkel
bis auf die fürstinn sehn
Denis lieder Sineds 122;

[Bd. 25, Sp. 1815]


als wenn wir die architektur eine verstummte tonkunst nennen Göthe 48, 212 Weim.; so überbaut mit verstummten schwalben- und wespennestern sah er die ruhe in Lunens gestalt auf sein eignes nestchen niederschweben Jean Paul werke 7/10, 138.
3) meist poetisch, mit dativ, einer person oder äuszerung gegenüber 'sich schweigend verhalten': dasz ich meinen freunden manchmal verstumme, ist so hergebracht Göthe IV 25, 85 Weim.;

tausend andern verstummt, die mit taubem herzen ihn fragen,
dir, dem verwandten und freund, redet vertraulich der geist
Schiller 11, 189;

noch immer verstummst du
meinen bebenden fragen?
Klopstock Messias 13, 868;

der ersten mütter wort entschied es also,
und dem verstummen wir, Neridensohn,
wie deiner ersten väter worten du (gehorchen schweigend)
Kleist 2, 111 (Penthesilea 15).


III. die nominalformen gehören auch dem intrans. gebrauch an.
1) part. präs. als adj.; zu I 3:

dein lieblicher geist gefälliger sitte
wohnt nun freudeberaubt in der verstummenden nacht
Herder 26, 22.

zu I 4: einige ihrer namen .. verraten uns, was die über sie fast verstummende geschichte birgt J. Grimm kl. schriften 3, 196. zu II 2 ähnlich verstummt, stumm: diesmal will ich, mein werthester, nicht verstummend eine sendung abschlieszen Göthe IV 29, 177 Weim.;

Kaiphas schwieg. kein laut, noch geräusch von redenden wurde
durch die versammlung gehört. sie blieben alle verstummend
sitzen
Klopstock Messias 4, 95.

gesteigert:

banger, trüber, verstummender stehn die unsterblichen alle
bey der empfindung des sohns 10, 30.


2) part. prät. als subst.: dann reichte er der verstummten die hand, und als sie sich nicht regte, hob er sie gemächlich empor Keller 6, 345; unterdessen bedauert jede familie einen todten, verwundeten, vermiszten, verstummten Göthe IV 26, 36 Weim. über das adj. gebrauchte part. prät. vgl. II 2.
3) der subst. inf. das verstummen in der bedeutung 'das schweigen' ist häufiger als das subst. verstummung (s. d.).
0 zu I 2~~: als hr. Goeze durch sein verstummen bereits zu verstehen gegeben, dasz er ihr nicht gewachsen sey Lessing 13, 386; das vorgefühl des scheidens verbreitete sich über die gesammtheit; ein allmähliches verstummen wollte fast ängstlich werden Göthe 24, 372 Weim. 'sterben':

das sprach er noch! nun kam das letzte,
letzte verstummen! nun lag er todt da!
Klopstock oden 1, 118.


0 zu I 4~~ 'versagen': das vollständige verstummen des kabels vgl. Sanders erg.-wb. 538c.
0 zu II 1~~:

und schwöre ihnen, schwöre ewiges — —
o himmel nein! nur ewiges verstummen
Schiller 51, 47 (Dom Karlos 1, 5);

ach, das tiefste verstummen!
es ist die lauteste sprache,
innig im herzen!
Herder 29, 675.

gradezu durativ: nach langem verstummen kommt endlich der bundesrat wieder zu wort Varnhagen tagebücher 4, 114.
IV. trans. gebrauch ist durchweg seltener und nicht mehr üblich.
1) 'menschen zum schweigen bringen' (vgl. I 2): obturare os, geschweigen, eintreiben, betüsten, verstümmen, mundt stopffen Schöpper syn. c 7a;

du (minne) verstummest dicke einen man,
der sust wol gereden kan minneburg 17a;

verstummet ward mein mund,
das ich nit schreyen kundt
Sachs 4, 216, 28 Keller;

ein schmertz verstummend uns, erwürgend unsre klag!
Weckherlin ged. 2 273.

[Bd. 25, Sp. 1816]



2) zu I 3, 'geräusche zum schweigen bringen':

helden, die hatte Kain mit lastenden eisen gefesselt:
und der fesseln dumpfes geklirr verstummte die donner
Klopstock Messias 18, 490;

ich ruhe eher nicht,
bis ich verstummt der christen hündisch bellen
Tieck schriften 1, 352.


3) übertragen, 'klanglos, wirkungslos machen' (vgl. I 4): daʒ plei ist nicht allein ain stumm an im selber, eʒ verstummet auch ander gesmeid, dar zuo man eʒ mischt Megenberg buch der natur 481, 16 (vgl. Schmeller); gottes heiliges wort gantz und gar zu verstummen und mit füszen zu tretten theatrum diabolorum 2, 293b.
V. ganz vereinzelt steht eine reflexivbildung da: (da) hörete er .. des feindes spiel zur marche rühren, und sich hernach wieder verstummen Chemnitz schwed. krieg 1, 96.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
verstummer, m., ungebräuchliches nomen agens für stummer: verstummer, erstummer, obmutescens, reticescens, obstupescens Stieler 2224;

wenn du beginnst zu singen,
verstummen wir als klägliche verstummer
Platen 1, 150;

springt doch auf, ihr störrige verstummer
Schiller 1, 342;

brauchts wort und that, voran ist er,
kein feiger und verstummer!
Voss ged. 5, 283.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
verstummung, f. , abstractbildung, seltener als der subst. inf. das verstummen (vgl. III 3). verstummung, obmutatio voc. inc. teut. ii 5b; mutitas, defectus loquelae Kirsch 2, 314b; aphonia, obmutescentia, sprachlosigkeit, verstummung, pflegt den stärksten oft zu widerfahren, wenn nämlich die 'organa loquelae' verletzt oder die respiration geschwächt worden Chomel öcon. lex. 1, 560.
1) in inchoativem sinne 'das schweigen': mein itziger zustand ist die verstummung der liebe Klopstock briefe 41; complimente machen kalt. man löszt sich ganz in worten auf und in abgemessenen verstummungen (pausen) Hippel lebensläufe 2, 617.
2) 'verstockung, erstarrung' (vgl. verstummen I 1): weil etlicher .. verstockung sich .. durch eine hartneckichte verstummung reinigte Lohenstein Arminius 2, 626b; dasz wir in knechtischer geduld und verstummung nicht dem dummen vieh gleich geworden sind Arndt an s. l. Deutschen 1, 514.
3) zu verstummen I 3, bildlich:

wie die blumenleiter steigt,
dann abklingend zur zeitlose
sich in die verstummung neigt
Rückert 2, 317.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
verstümpeln, verstümpfeln, verb., s. verstümmeln.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
verstümpern, verb., 'wie ein stümper, durch stümperei verderben, in einen unvollkommenen zustand versetzen', Campe; bildung des 18. jhs.: wann ihre ... socratische laune ... in ächt französisch - deutsch übersetzt und nach gutfinden ... verkürzt oder verlängert, kurz verstümpert wird briefe die neueste litteratur betreffend 16, 72; bei einer so gräulichen ungleichheit der köpfe ist also auch die manier des Tacitus durchaus verkannt und verstümpert Herder 4, 330; die jämmerliche äfferei und zwitterei .., wodurch unsre herrlichkeit entartet und verstümpert und unsre macht und ehre den fremden als raub hingeworfen ward Arndt an s. l. Deutschen 1, 370; 'und was hat der kaiser aus deinem siege von Pavia gemacht?' .. 'er hat ihn verstümpert' C. F. Meyer Pescara 100; der sein leben so ruchlos und töricht verstümpert Bierbaum prinz kuckuck 2, 129.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
verstumpfen, verb. , denominativbildung zum adj. stumpf. heute lautet die intrans. wie auch die seltenere trans. form verstumpfen. Campe und Schmeller 2, 761 setzen die trans. umgelautet als verstümpfen an; doch schon mhd. verstumpfen mhd. wb. 2, 2, 710a; Lexer 3, 256. auch reflex. form in dem sinne 'stumpf werden' ist üblich. fries. forstompje Dijkstra 1, 421a.

[Bd. 25, Sp. 1817]



1) werkzeuge, die ihre schärfe und schneide verloren haben, sind verstumpft: mich in allen tiefen aufzuwühlen und mich zu zernagen, so lange der letzte zahn noch nicht verstumpft ist Hebbel tagebücher 2, 280;

wan ihm (dem hunde) waren sein fahzeen (fangzähne) voren
verstumpffet, het ir ein theil verloren
Sachs 9, 230, 13 Keller;

als sich Varus auf die macht seiner stolzen adler steifet
und so hitzig sein soldat die verstumpften waffen schleifet
Schönaich Hermann 180.


2) auf sinn und gemüth, dann den menschen selbst übertragen:

um die verstumpften sinne
empor zu stacheln
Ludwig 3, 169 (Scudery 2, 7);

als abstoszender typus der verknöcherten, verstumpften und herzlosen beamtenschaft Avé-Lallemant gaunerthum 1, 236; dann sitzt er unthätig dahin und verstumpft im fortwährenden anblicke des jammers Anzengruber 1, 199. auch vom einzelnen vorgange, 'in einen stumpfen zustand sinken': 'was finden wir?' fragte er träge entgegen. 'mir ist's einerlei'. und verstumpfte wieder Rosegger III 9, 333. trans., 'stumpf machen': dasz immerfort wiederholte phrasen .. die organe des anschauens völlig verstumpfen Göthe II 8, 120 Weim.; wem in seiner jugend gedächtnisz, sinne, witz, phantasie, lust und neigung verkrümmt und verstumpft wurden Herder 9, 296; (es macht) einen verstumpfenden eindruck Lewald bei Sanders erg.-wb. 539a.
3) von der profillinie:

ir nase was vil ebene
vor wandel gar besnitzet.
verstumpfet noch verspitzet (weder zu stumpf noch zu spitz)
was si niender umbe ein hâr
Konrad v. Würzburg Engelhard 2978.

reflex.: das profil hat sich verstumpft Göthe IV 23, 224 Weim. intrans. in anderer übertragung: wan aber stumpf geschlagene oder ungleich stimmige seiten berührt werden, ist die regend liebligkeit gleichfals verstumpfet Schottel haubtsprache 67 abschn. 4; selbst die mitgift der reichsten und wohllautigsten sprache verdumpft und verstumpft Jahn 2, 428. —
verstumpfung, f., abstractbildung zum intrans. verstumpfen 2: das indische vereinsamen der seele in die leerheit ist vielmehr eine verstumpfung Hegel 16, 392.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
verstunden, verb., 'etwas auf eine andere stunde oder zeit verschieben' Campe; wie stunden in dem sinne von honorarzahlungsaufschub nach Sanders erg. - wb. 539c; neben ausstunden, quando tempus indulgentiae praeterlapsum est, atque ipse dies interpellat Stieler 2228.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
verstürmen, verb. , intrans. und trans., im mittelalter an der seeküste üblich, im mengl. mnl. mnd. nachweisbar: forstormed, tossed about with storms Stratmann-Bradley 242b; verstormt, verstormen trans. wie intrans., in eigentlicher wie übertragener bedeutung Verdam 638b; mnd. vorstormen Schiller-Lübben 5, 464b. erst in der klassischen periode musz das wort von nd. schriftstellern als poetische bildung in die schriftsprache aufgenommen sein und sich schnell verbreitet haben; den anstosz möchte man gern in der 'Odyssee' von Voss erblicken, wenn nicht schon vorher Göthe in der 'Stella' bekanntschaft mit dem worte zeigte.
1) selten intrans., 'bis zur erschöpfung stürmen, aufhören zu stürmen' Campe;

die stürme verstürmen, und auf thauigten auen
läszt sich frau Lado, die liebliche, schauen
Brentano 6, 61.

übertragen: eine wüthende leidenschaft .., die nicht leicht innerhalb des menschen verstürmt und versiedet Engel 7, 256.
2) die älteste verwendung ist trans., 'stürmend auseinandertreiben':

verstürm uns auch der wind nach ost und west,
dir steht mein herz ein treuer kompasz fest
Boie 340 Weinhold;

jetzo trennt' und verstürmt' er (der sturm) ein theil der schiffe gen Kreta
Voss Odyssee 3, 291.

[Bd. 25, Sp. 1818]



'vom rechten wege abtreiben, verschlagen':

wenn nicht strömung und fluth,da herum ich lenkt' um Maleia,
schnell mit dem nord mich verstürmtund irre gejagt von Kythere 9, 81;

und kann doch den weg nicht finden,
so verstürmte mich der wind
Mörike 1, 170.

subst. part. prät.:

dem verirrten in der wildnisz
glänzt ein goldner leitstern dort,
dem verstürmten auf dem meere
öffnet sich ein stiller port
Uhland ged. 1, 218.

übertragen, einen plan über den haufen werfen, verwehen': aber mein nachheriges schiksal in Augsburg hat diesen plan verstürmt Schubart leben u. gesinnungen 2, 38.
3) 'durchstürmen, heftig aufwühlen': am verstürmten himmel trieben zerfaserte wolkenbänder Hesse diesseits 265; van der vart desser verstormeden ze mnd. quelle bei Schiller-Lübben;

von des sands verstürmtem meere
sind die pforten ausgefüllt
Rückert 4, 36;

durch die brandung mit verstürmten haaren
seh' ich einen kühnen schiffer fahren
C. F. Meyer ged. 12.

übertragen: so werden se verstormet van overmode mnd. quelle bei Schiller-Lübben; hauche in diesen ausgetrockneten, verstürmten, zerstörten busen wieder neue liebe Göthe 11, 156 Weim. (Stella 3); er ist ein verstürmter geist Auerbach neues leben 1, 74. adverbial: (ein Engländer) mit seinem verstürmt wüsten gesichte Heine 5, 70.
4) auf die zeit übertragen, 'stürmisch verbringen': ich fürcht', ich habe mein leben verstürmt, und keines mehr übrig Bauernfeld 7, 193; der freie atem und die arbeit waren ... erquickend nach einem verstürmten tage Auerbach schriften 13, 45.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
verstürzen, verb. , altes wort: ahd. forsturzan, ever, tere Graff 6, 726; mhd. versturzen, verstürzen mhd. wb. 2- 2, 647a; Lexer 3, 256; evertere, subvertere, forsturzen Diefenbach gloss. 212b; nhd. verstürzen, verstörzen, mit entrundung auch verstirzen, versterzen, ohne umlaut ver, sturzen, verstorzen, vgl.stürzen; Alberus, Kramer-Frisch s. unten; Adelung, Campe. mnd. vorstorten Schiller-Lübben 5, 464b; mnl. verstorten Verdam 639a. neben trans. gebrauch erscheint auch reflexiver; nur ein mal intrans. als 'zusammenstürzen': die obere mittelstrecke ist .. zu bruche gegangen .. die untere mittelstrecke ist gleichfalls im nördlichen flügel verstürzt quelle bei Veith bergwb. 540. das wort ist nach dem 17. jh. spärlich in der literatur und scheint im 19. wieder aus den mundarten aufgenommen zu sein, aber nur in dem sinne 'bestürzt' in der form des part. prät. (vgl. 5), indessen ohne üblich zu werden.
1) etwas 'zum stürzen bringen': verstürzen neben bestürzen, resupinare Stieler 2230. nur auf nd. boden 'blut vergieszen': profundere, uyszgieszen, verstortzen Diefenbach gloss. 462a; de myt wald mynschlyk blot vorstortet, syn blot schal vorghoten werden lüb. chron. 2, 425;

der grund, darauf man kämpft, wird durch verstürztes blut
so schlüpfrig poesie der Niedersachsen 3, 46 Weichmann.

geräthschaften 'umstürzen': (Jesus) thiê stuolâ forcoufenterô thiô tûbûn forsturzta, evertit Tatian 117, 2. 'den helm herabstürzen, das visier herunterlassen':

der (kunic) hielt dort in dem melme
mit versturztem (var. verczimertem) helme
Ottokar steir. reimchronik 33 315.

'den hut vom kopfe wehen':

der (wind) in ofte leide tût,
sô er in vorsturzit den hût
Nic. v. Jeroschin preusz. chron. 18 925.

im bergwerk, 'gesteinsmassen zur ausfüllung von bauen und räumen verwenden' Veith bergwb. 540; die felsmasse ward durch die luft wild verstürzt, über das thal geschleudert Volger erde u. ewigkeit 250.

[Bd. 25, Sp. 1819]



2) personen 'zu fall bringen': als da er David zu fall brachte, ... er wollte David ewiglich verstürzen Melanchthon opera 16, 140;

die tag will ich ihnen verkürtzen,
sie all in tieffe grundt verstürtzen
Gengenbach 327;

die aus ungezäme der zungen in jämmerlichen unfall verstürzet worden Fischart ehzuchtbüchlin 305 Hauffen. reflex.: an sich selbs die hand gelegt .., sich in ein wasser verstürtzt Franck beschreibung d. Turckey ciiia. übertragen 'leute ins verderben stürzen', indem man sie zu etwas verlockt oder von etwas abwendig macht: darmit sie nicht zur ungedult, und rach, oder einigen abfall von got und seinem wort, gereitzet noch verstürtzet werden Hermann V. von Wied reformation 81c; dann sie hetten eittel wort gottes umb ihr sach .., darvon man sie so bald nicht mocht verstürtzen Franck zeytbuch 417b.
3) 'einen körpertheil beschädigen': vorsteygen sie sich und vorsterzen den hals Luther 29, 672, 27 Weim.; wer sich den nabel achtmahl verstürtzet hat, der musz auch so viel purtzelbäume schieszen Weise comödienprobe 88. 'umdrehen': so verstürtz ich dir den kopff, dasz die muntsche auff den rücken kömmt 89. 'zerrütten': der stain hilft auch dem verstürzeten magen und ist guot für zauber Megenberg buch der natur 447, 24. reflex.: was man brauchen sol wan sich die ingeweidt vorstürtzt haben Zechendorfer von gebrechen der rosz 1, 86; nun wird mir manchmahl der odem so kurtz, dasz sich der nabel um 6 querfinger verstürtzet Weise comödienprobe 88.
4) etwas, besonders aus hast, verderben, heute überstürzen: den richtern gebot er das si nit das urteil eileten, verstürtzten Franck zeytbuch 269b;

der unser kunst versturzet
und die sinne kurzet passional 678, 29 Köpke;

solt ich verstürtzen alles sammen,
mein gut geschrey und meinen namen
Wickram 8, 62;

(das) desz menschen leben thut verkürtzen,
beyde sinn und vernunfft verstürtzen
Sachs 1, 359, 8 Keller;

dasz die meisten stellen meines herrn gegners gegen mich ohne ursache angezogen, manches wider die ordnung meiner abhandlung verstürzet, und manches ungeschickt ausgeleget .. worden anmuth. gelehrsamkeit 4, 393 Gottsched.
5) das adj. gebrauchte part. prät. verstürzt für bestürzt ist concret aufzufassen; vgl. neben Schmeller 2, 787 die stellen bei Luther: jhenen aber so nicht mutwillig darwidder sich legen, sondern yn yhrer sach versturtzt sind und stehen ym zweiffel 15, 614, 22 Weim.; stelt sich Christus so gar schwach, quasi werd yhrr und versturtzt uber der sach 29, 85, 3 (vgl. Jes. 29, 9; Marc. 9, 6; apostelgesch. 2, 6). vgl. verstortzt, 'verirret' aus Petris bibelglossar bei Kluge, von Luther bis Lessing 89. ältester lexicalischer beleg: impleor stupore, ich werd verstürtzt; confusus, verstürtzt, verstötzt Alberus kkijb. Kramer 2, 1029c verzeichnet noch verstürzen neben häufigerem bestürzen; dann erlischt es.

desz haben sich die feind entsetzt,
und sind verstürtzet und zuletzt
zittern kam an ir hertz und sinn
Sachs 18, 201, 15 Götze;

darüber sie nicht wenig verstürzt und bekümmert worden Schweinichen 274; weil ich zu hausz in der unruhe und kriegsgefahr dermaszen verstürtzet gewesen Moscherosch Philander 2, 68; Petrus ... predigte der verstürzten und irre gewordenen menge Claudius Asmus 7, 266; seht nur, wie verstürzt er aussieht Storm 2, 222;

(er) schritt langsam fort, verstürzt und stumm,
die welt so eng' um ihn herum
Wieland werke (1853) 10, 180;

der nun war wie verstürzt und stand ihm fast der verstand still
Mörike 1, 80.

noch heute lebendig: obd. nur im schwäb. Fischer 2, 1370; schles. Weinhold handschr. nachlasz S 501; obersächs.

[Bd. 25, Sp. 1820]


Göpfert 61 (frštorzt); im Eichsfeld Hentrich 23 (frštrtst); in Göttingen Schambach 267a (verstörtet). in anderer bedeutung verstürzt früher 'verstockt, versessen, erpicht auf etwas':

das man auff gt und zeitlich ehr
yetz trotzt und pocht so wunder sehr,
auff eygne gwalt, sterck, weiszheit, krafft
so gar verstürtzt und hart verhafft
Waldis streitgedichte 29, 68 neudr.;

ihr seit auch auff morden und nemen
so versturtzt, das ihr euch mügt schemen
Rollenhagen froschmeuseler r iiia;

die wache, .. unversöhnte, .. verstürtzte, ... mörderische eifersucht Treuer d. Dädalus 1, 432.
6) ein älteres reflex. bedeutet 'sich wenden, vorübergehn':

wann sich glück versturtzet,
so ist der lieb der ruck entzwey liederbuch 241 Hätzlerin;

sô denne kom diu naht
und sich der tac versturzt
Ottokar steir. reimchronik 75 745;

ich wündsche, dasz die nacht zertreib ein helles heiter,
dasz ihr verfinstert hertz den schwartzen greuel fleck,
und wie es sich verstürtzt, bey klarem licht entdeck
Gryphius trauersp. 461 (Carolus Stuardus 5, 336).

vgl. im älteren schwäb. einen tag verstürzen, 'verschieben' Fischer 2, 1370.
7) während die bisherigen verwendungen sämtlich auf eine fra-type zurückgehn, ist noch eine faur-type zu behandeln: einen raum mit gegenständen 'stürzend ausfüllen' und ihn dadurch sperren oder unbrauchbar machen. in der bergsprache: baue mit unhaltigem gestein ausfüllen; etwas durch aufhäufen von gesteinsmassen verdecken, verbergen; bergwerke durch unwirthschaftlichen bau versüsten Veith bergwb. 540; wo es sich begebe, dasz man in ainer zechen .. stolln .. auflassen, verbauen, versetzen oder verstirzen wolt: solches soll dem berckmaister .. angesagt werden quelle des 16. jhs. bei Lori bair. bergrecht 251. vgl. Frisch 2, 354a; Adelung, Campe. übertragen: diese leut .. müssen .. wie die tauben schlacken verstürtzt, zutreten und verworffen sein Mathesius Sarepta 115a; Prom(etheus) will die Κυπσελε vergraben und verstürzt wissen. krieger wollen sie zerschlagen, den inhalt rauben Göthe 50, 458 Weim. 'das licht aussperren': darumb wir unser liecht nicht verstürtzen sollen mit dörnern, sondern lassen grünen, auff das offendlich stand, und alle welt da sehe, die da fürgangen Paracelsus opera 2, 232 b. die quelle 'verschütten': dasz der schutt auch die quelle verstürzte, aus der sie bis hieher so ohne alles masz zu schöpfen gewohnt waren Sonnenfels 4, 34.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
verstürzung, f. , abstractbildung zu verstürzen.
1) zu 2, 'sturz': dasz gott in der verstürtzung Luciferi gesündigt habe Franck bei Fischer 2, 1370; im bergbau, 'die verwendung von gesteinsmassen zur auffüllung von bauen und räumen': die abraumsmassen zur verstürzung bringen Veith bergwb. 540.
2) zu 3: es seindt dreierley geferliche kranckheiten, welche die rosz gar schnel umb bringen, nemlich ... die verstürtzung der ingeweidt Zechendorfer von gebrechen der rosz 1, 75; plötzlicher verfall der eingeweide, gedärmverwickelung mit kollernden geräuschen des stürzenden darminhaltes Höfler krankheitsnamen 700a.
3) zu 4—5, 'überstürzung, bestürzung': damit du ohne irrthumb und verstürtzung thust, was in diesem falle geziemet schausp. engl. com. 301, 4 Creizenach; wer würde nicht .. sagen, wie dort der apostel aus verstürtzung: hier ist gutt seyn? Butschky Pathmos 293; dieses schreckens und dieser verstürzung ungeachtet Liscow 171. neben bestürzung noch gebucht bei Kramer 2, 1030a.
4) zu 7, 'verdämmung' im bergbau Veith bergwb. 540; die schäden, so ihme mit verstürzung wege, stege ... zu und vom bergwerk geschehen quelle von 1619 bei Lori bair. bergrecht 444. in der zusammensetzung: in Alexandersbad besah ich mir die titanischen felsenverstürzungen Göthe IV 33, 10 Weim.

[Bd. 25, Sp. 1821]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verstützen, verb., verstärktes stützen, nicht üblich: den baufälligen kriegsstat ... durch mensch-mügliche mittel zu verstützen und zu verstärcken Chemnitz schwed. krieg 2, 226.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: