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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verstümmeln bis verstunden (Bd. 25, Sp. 1809 bis 1817)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verstümmeln, verb. , in älterer form verstümbeln Lexer 3, 255; verstümpeln. in diesen formen flieszen die stammworte stumm und stumpf, die sich in der bedeutung berühren können (s. d.), zusammen. verstümpeln neben verstümmeln bezeugen Stieler 2226; Kramer 2, 1024c, 1025c; Adelung, Campe; verstümlen Schottel 647b. obd. noch verstümpeln: verstümplen Dentzler 314a; schweiz. verstümple Seiler 113b; Stalder 2, 414; verstömpla Tobler 188b; elsäss. verstümplen, -štemplə, -štimplə Martin-Lienhart 2, 597a; ebenso schwäb., neben verstümmlen Fischer 2, 1369; bair. verstümpeln Schmeller 2, 760. md. verstümmeln: verstummelt, mutilatus Diefenbach gloss. 374b; verstümmelt, truncus Alberus 38b; im Vogtlande fšdímen, fšdúmn Gerbet 138; doch vielfach auch md. verstümpeln (s. die belege). im nd. verzeichnet Dähnert 527b als pomm. verstümmeln, Frischbier 2, 442b als preusz. aber verstümpeln. mnl. verstompelen, verbergen Verdam 638b neben nl. verstommelen Sicherer-Akveld 1191c. ins schwed. förstympa übergegangen Helms 143c. neben verstümpeln erscheint früher vereinzelt verstümpfeln: so ziehen doch die widersacher aus derselbigen epistel etliche sprüche verstümpffelt an (vgl. unten 2) Jonas bei Luther 6, 462b Jen.; solch narrending, welches aber zerbrochen und gantz verstümpfelt ist Prätorius saturnalia 188. mit fremder endung verstumpfieren: damit das göttl. keyserl. recht nit geletzt, geringert, oder verstumpffieret werde Reutter v. Speir kriegsordnung 41; lothring. verstompieren Follmann 154b. zu verstümpfeln vgl. obd. verstümpfen, verstimpfen, 'sticheln, verspotten, verleumden' Schmeller 2, 760; Stalder 2, 414. die im nhd. früher gebräuchlichen verba stümmeln, bestümmeln, zerstümmeln sind durch verstümmeln verdrängt worden. die bedeutung ist 'gewaltsam ein ganzes oder einen theil um wichtige bestandtheile berauben, verkürzen, verunstalten, unbrauchbar machen'.

[Bd. 25, Sp. 1810]



1) körpertheile und wesen verstümmeln:

durch daʒ virstumelte er die hant passional 326, 83 Hahn;

die gemeinen knechte wiesen ihnen ihre verstümpelte glieder Lohenstein Arminius 2, 893b; sein bart war so elend zugerichtet und verstümpelt Simpl. 53 Kögel. übertragen: er schindet den gegenstand und verstümmelt ihm nase und ohren Herder 15, 150; sie haben mich nach und nach verstümmelt, meine hand, meine freiheit, güter und guten namen Göthe 8, 166 Weim.; da verrät sich's im totenblassen, eingefallenen gesicht .. da stammelt's in der halben verstümmelten stimme Schiller 2, 52 (räuber 1, 3). den ganzen menschen:

stellt sie (die gemeinde) sich trotzig an, so werd' ersteck't, erdrück't,
verstimmelt und zerfleisch't, was einen finger rühret
Lohenstein Ibrahim (1680) 106, 583;

hast du vergessen, wie er deinen Deiphobus,
des todtgekämpften Paris bruder, unerhört
verstümmelte
Göthe 15, 201 Weim. (Faust 9056);

der staat ist das bett des Prokrustes, worin man den menschen ausreckt oder verstümmelt, bis er hinein paszt Börne 7, 37. thiere und pflanzen: aus eifersucht habe sie die tasse zerschlagen, den vogel verstümmelt, den hund vergiftet Laube 8, 308; der .. mit den schmählich verstümmelten flügeln schlug Seidel vorstadtgesch. 189; weil alle äst dergestalt verstümmelt worden, dasz nichts als der stamm übriggeblieben Abraham a S. Clara 1, 113 Strigl; wir fanden alte, sehr starke, aber verstümmelte ölbäume Göthe 31, 150 Weim. von thieren in engerem sinne 'kastrieren, verschneiden':

verstümmelt ein paar gäule mir,
dasz meine stutten, nie gereizt zur ungebühr,
sorgfältig stets bewacht, den harem nicht verlassen
Ramler fabellese 3, 160.

in ähnlichem sinne: was sagte Virginius zu seiner verstümmelten tochter? Schiller 3, 35 (Fiesko 1, 10).
2) übertragen auf geistiges: indem sie ihn (den verstand) zu einer sache recht geschickt machen wollen, ihn zu allen andern verstümmeln J. E. Schlegel 5, 76; seine seele damit zu verstümmeln, dasz er tadelt, statt nachzueifern? Herder 2, 263; auff solche art aber ist die verhaltung der religion gegen dem gemeinen wesen .. verstümmelt worden Thomasius kl. d. schriften 173; wie man, wenn man arm und bein verlöre, sich doch wieder in das verstümmelte daseyn einleben müszte Hebbel tagebücher 2, 281. geistige erzeugnisse und äuszerungen verunstalten: diesem verstümmelten bilde Winckelmann 3, 39; zu dieser verstümmelten figur den kopf .. zu machen Göthe 44, 190 Weim.; soweit geht meine nachgiebigkeit gegen die bühne nicht, dasz ich .. karaktere der menschheit für die bequemlichkeit der spieler verstümmele Schiller briefe 1, 44; dann er zwackt eraus und bricht die schrifft entzwey und verstümpelt sie wie ein schwerd zubrochen wird Luther 26, 136 Weim.; aus frommen bedenklichkeiten hat er uns so manchen ort (stelle) verstümmelt, dessen sich ein jeder poetischer leser gegen ihn (Klopstock) annehmen musz Lessing 8, 52; flüchtige, einzelne sinngedichte, die .. gesammlet oder vielmehr verstümmelt herausgegeben wurden Herder 16, 277. vom verfasser selbst: wenn Christus also zu verstümpeln ist (in der auslegung seiner lehre) Luther 26, 293 Weim.; bei all eurer gewissenhaftigkeit, den groszen autor nicht verstümmeln zu wollen, laszt ihr doch den schönsten gedanken aus dem stücke Göthe 22, 192 Weim. sprachliches: warumb doch die teutsche sprache in ihrem eigenen lande so veracht, und auff viel weise verstimmelt und unterdruckt werde Harsdörffer secretarius 1, Hh viia; es .. mislautet, wenn man zumitten des wortes wil abschneiden und innen halten, und also den gantzen reim verstümpelen und radebrechen Schottel haubtsprache 852; dasz wir zu einem verstümmelten schlusse den gehörigen obersatz finden Chr. Wolff v. d. menschen thun u. lassen 118; ein telegramm verstümmeln Blaschke elektrotechnik 135.

[Bd. 25, Sp. 1811]



3) gegenstände versehren: aber die kist war schon verstümpelt, (sie) hatte die meisten (sachen) verkaufft E. Ch. v. Orleans briefe 6, 226; weil etliche .. ein crucifix verstümmelt hetten Micraelius Pommerland 2, 199. übertragen: du grober esel, verstummel myr nicht das sacrament Luther 29, 176, 22 Weim.; die strategische befestigung der schmerzlich verstümmelten gränze von Südtirol Kürnberger siegelringe 51; ein also verstümmelter landtag konnte wenig leisten Treitschke d. geschichte 3, 52. eine gabe beschneiden: verstumpel deine gabe nicht, denn es ist nicht angeneme Jes. Sirach 35, 14 (später verstümmle; vgl. Sachs 19, 149, 10 Götze); dasz der senat .. jede concession verweigern oder verstümmeln werde Mommsen röm. geschichte 2, 336; so möchte ich bitten, .. das budget .. nicht vorher — zu verstümmeln will ich nicht sagen, aber — zu alteriren Bismarck polit. reden 4, 70; ich muszte ihre wirkung absichtlich verstümmeln R. Wagner 3, 224. übertragen, 'eine handlung gewaltsam und vorzeitig abbrechen': Goethe machte eine kleine verstümmelte bewegung, in welcher kaum der anfang zu einer verbeugung zu erkennen war Göthes gespräche 2, 34 Biedermann;

wenn selbst der launen kleinigkeit, ein laut
verstümmelt in die luft gehaucht, ein lächeln
von schnellem ernste wieder ausgelöscht
Schiller 51, 115 (Dom Karlos 2, 9).


4) mundartlich obd. 'ein gewerbe beschneiden': das handwerck verstimplen Moscherosch Philander 1, 129; eine handlung, ein handwerck, eine profession Kramer; schweiz. Stalder, Tobler, Seiler; schwäb.: wordurch den zeugmachern .. das handwerck verstümpelt worden quelle v. 1686 bei Fischer; verstümmleter märkt mit gedrückten preisen ebd. dahin gehört: mit butter- und milchverkauf kommen wir nicht weit, es ist hier der absatz nicht, und das geld kommt gar verstümpelt ein Gotthelf 20, 39. ähnlich: er hat aber mein spiel verderbt und verstimpelt Duez nomenclatura 161.
vom verkümmern der zeit: vitam trahere misere Stieler 2226; elsäss. der taj ist jetz verstümpelt, wenn ein regen zum aufhören von der arbeit zwingt, ein wiederbeginn aber nach dem regen nicht lohnt Martin-Lienhart; da wurde nun am vergnügen .. abgespart, um die arbeitsstunden zu vermehren, und so sind mir meine schönen sommermonate verstümmelt worden Ruge briefwechsel 2, 311.
5) reflexiv zu 1: ein knecht thut unrecht, wenn er sich seinem herrn zu schaden verstümmelt Lohenstein Arminius 1, 77a; denen die zunge an den pranger genagelt wird, so dasz sie, sich selber verstümmelnd, sich loszreiszen müssen, wenn sie wieder frei werden wollen Ranke 2, 119. 'sich entmannen': wie die unsinnigen philister sich selbs verstümpelten, Dagon rhümeten, des sie sich doch auff das höchste solten schemen Luther 5, 52b Jen.
6) nominalformen. zu 1, subst. inf.: erkennt man plündern, verstümmeln, schänden, vergiften der brunnen und der waffen für ehrlose mittel des krieges Herder 18, 256. subst. part. prät.: o ihr kurzsichtigen, ihr an allen sinnen verstümmelten! Tieck schriften 18, 135. 'entmannt': die unglücklichen verstümmelten, die zur päpstlichen kapelle gehörten, hätten im discant gesungen wie hühner Gutzkow zauberer 8, 193. neutral: nichts hinkendes oder verstümmeltes sollte gottes altar dargebracht werden Herder 16, 153. zu 2, adverbial: wie einige neuere so verstümmelt schreiben wollen. hier fehlen überall die artikel zur deutlichkeit Gottsched crit. dichtkunst 235. gesteigert: man kann nicht verstümmelter anführen, als de la Motte hier den la Fontaine anführet Lessing 7, 469. part. präs.: was immerhin an der stelle ursprünglich gestanden habe, der verstümmelnde schreiber .. konnte absichtlich die partikel 'oder' einschwärzen J. Grimm kl. schriften 3, 6.
 
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verstümmler, m., einer der verstümmlungen vornimmt; besonders, wer sich an werken der natur und kunst vergeht (vgl. verstümmeln 2): doch leider sind unsere geschöpfe unbarmherzige verstümmler der natur

[Bd. 25, Sp. 1812]


Hamann 7, 417; der verfluchte verstümmler heiliger bildseulen Lessing 3, 403; wie blind sind unsre verstümmler der bibel! Herder 7, 521.
 
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verstümmelung, f. , abstractbildung zu verstümmeln.
1) die handlung, vornahme einer verunstaltung. zu 1:

soll ihm vielleicht
der edlen glieder grausame verstümmlung,
verlust statt heilung, angekündigt werden?
Göthe 10, 340 Weim. (nat. tochter 2048);

verstümmelung der nasen und ohren war zwar öftere folge einer strafe, die fast nur knechte und selten freie traf, kein zeichen der knechtschaft an sich J. Grimm rechtsalterthümer 1, 468; freiwillige verstümmelung, um sich der militärischen dienstpflicht zu entziehen, wird bestraft vgl. Stengel wb. d. verwaltungsrechts 2, 1039. 'entmannung': unter .. feierlichen zubereitungen .. geschah die verstümmelung, wodurch diese priester eunuchen wurden Creuzer symbolik 2, 33. entsprechende verunstaltung der weiber: insonderheit aber führte sie .. die .. verstimmelung der weiber ein Lohenstein Arminius 2, 82a. zu 2, verunstaltung von kunst- und schriftwerken: dasz der edle kern römischer art durch den ganzen hellenismus weniger gefährdet werde, als durch dessen verstümmelung und miszbildung Mommsen röm. gesch. 2, 424; zu dieser ekelhaften verstümmelung (von schriftwerken) zwingen uns die autoren Göthe 22, 157 Weim. frei: diese idee von zusammendrängung und verstümmelung zweyer begebenheiten in eine Lessing 13, 50. sprachlich: dasz solche gewaltsame verstümmelung der wörter auch in Griechenland anstöszig gewesen Gottsched crit. dichtkunst 297. zu 3: auch die englischen staatsmänner .. hatten ihre bedenken gegen die verstümmelung Frankreichs Gervinus gesch. d. 19. jhs. 1, 237. heute erloschen (zu 4): verstümpelung, zerstümpelung, handwerksstümpelung, turbatio opificii Stieler 2227; älter schwäb. Fischer 2, 1369.
2) concret, der zustand der verunstaltung. zu 1: in der pflanzenlehre bei den blumen der zustand, wenn einzelne theile, besonders die blumenkrone, nicht zur vollkommenheit gelangen (mutilatio) Campe; ob diese verstümmelung der frucht eine folge der methode sei, die bäume durch schnittlinge und ableger zu vermehren Forster 4, 333; man musz neben die leichen selbst treten und die verstümmelungen ansehen Laube 4, 132. zu 2: also der commentarius ohne text zu finden, daraus unzählige verstümpelungen, verdrehungen .. gefolget Leibniz 1, 258; daher so viele harte elisionen und ellipsen, verstümmelungen der wörter Adelung magazin 24, 106;

o wie gerne
verzeih ich hier dem könig sein gerühmtes
Aranjuez — die prächtige verstümmlung
der werke gottes
Schiller 51, 32 (Dom Karlos 1, 4).

in der zusammensetzung: verstümmelungsverfahren, n., zu verstümmeln 2, 'verunstaltende kürzung eines aufzuführenden kunstwerks': hier zeigte es sich .., welchen erfolg ein solches verstümmelungsverfahren nach sich zieht (bei der aufführung der meistersinger) R. Wagner 9, 278. —
 
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verstümmelungszulage, f., zu verstümmeln 1, zulage an die im dienst beschädigten soldaten und offiziere; vgl. dazu Bitter hdb. d. preusz. verwaltung 2, 717a.
 
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verstummen, verb. , denominativbildung vom adj. stumm. ahd. durch erstummen wiedergegeben; mhd. verstummen, verstumben aber häufiger als erstummen mhd. wb. 2, 2, 708a, 709a; Lexer 3, 255 f.; verstummen oder stum werden, obmutescere voc. 1482 ii 8a; voc. inc. teut. ii 5b; mutere, obmutere Diefenbach gloss. 374a, 388a; Schottel 647b. neben erstummen und zerstummen, obmutescere, conticescere Stieler 2224; Dentzler 314a; Adelung; Campe. mundartlich: bair. Schmeller 2, 757 f.; schwäb. Fischer 2, 1369; in beiden nicht populär, jedoch elsäss. Martin - Lienhart 2, 595b; md. luxemb. wb. 467b; mnd. vorstummen Lübben - Walther

[Bd. 25, Sp. 1813]


526b; mnl. verstommen Verdam 638b, auch modern; ostfries. Doornkaat 1, 468b. trans. gebrauch neben dem intrans. ist im mhd. ausgedehnt und findet sich vereinzelt bis in die neueste zeit, ist aber nicht üblich.
I. verstummen ist ein inchoativum und bedeutet 'stumm werden'.
1) 'die fähigkeit verlieren, töne von sich zu geben': hänge einem haushahn einen ring von weinreben oder andern geräusch an den hals, so verstummt er und kann nicht krähen Grässe jägerbrevier 125. 'die fähigkeit der sprache verlieren': da verstummet daʒ heilig kind Brigitta drú gancze iar der heyligen leben 82 b b; ich wollte, der pfaffe müszte verstummen und verblinden, der dir solches zeug in den kopf gesetzt hat Göthe 23, 110 Weim. selten 'starr werden, stocken': dasz ich dir .. sage was so lange stockt und verstummt IV 8, 206. 'starr vor staunen': die pharisei sind verstumpt in der ler des herren und haben sich gewundert erste d. bibel 3, 10, 40 Kurrelmeyer. vgl. schwäb. 'verstockt' Fischer; mnl. 'dumm' Verdam.
2) gewöhnlich von menschen, denen die sprache stockt oder versagt, infolge heftiger gemüthserregung. der gebrauch wird vom part. prät. ausgegangen sein, 'stumm, still geworden':

daʒ si wâren under in
verstumbet an den stunden
und niht gereden kunden
Konrad v. Würzburg Engelhard 3297;

ich bin verstumt und worden still
Sachs 18, 167, 19 Götze;

Karl. erhob sich nicht in meinem parlamente
die reine stimme der gerechtigkeit?
La Hire. sie ist verstummt vor der partheien wuth
Schiller 13, 201 (jungfrau 699);

alle waren verstummt Göthe 25, 175 Weim. thatsächlich überwiegen in der literatur andere verbalformen: und wolten si hin abe sprechen, si müsten z male verstummen Tauler 432, 4 Vetter;

Tisiphone verstummt mit groszer furcht umbfangen
Opitz teutsche poemata 190 neudr.;

was ist das? wie? du zögerst? du verstummst?
Schiller 14, 72 (braut v. Messina 1567).

von mund, zunge, lippe: verstummen müssen falsche meuler, die da reden wider den gerechten psalm 31, 19;

all falsch zungen müssen verstummen
Sachs 18, 135, 12 Götze;

gehorchen will ich,
ob ich gleich hier noch manches sagen könnte
und sagen sollte.mir verstummt die lippe
Göthe 10, 167 Weim. (Tasso 1544).

'aufhören zu singen':

der Orfeus ist verstummt, wil diesem gerne weichen
Zesen Helikon 1, B 4a.

übertragen, 'mit seinen behauptungen schweigen, mit seinen ansprüchen zurücktreten müssen': und da müste Zizero sälbst ferstummen Weise erznarren 65 neudr.; dasz sie bey verstopfung dieser quelle mit ihrer scharfsinnigkeit auf einmal verstummen würden Gottsched crit. dichtkunst 42 anm. 104; man sollte vielmehr den fürsten der finsternisz toben lassen und mit jenem liede gelassen sprechen oder singen:

laszt den teufel brummen,
er musz doch verstummen
Lichtenberg schriften 3, 51;

bey dem lebendigen! der mann hat recht.
ich musz verstummen
Lessing 3, 93 (Nathan 3, 476).

poetisch mit dativ der person, 'vor einem':

mit entzücken aber will ich
dann der nachtigall verstummen
Waiblinger ged. aus Italien 1, 105.

poetisch für 'sterben':

geheimnisvoll ist unser tun und handeln,
geheimnisvoll verstummen wir ins grab
D. v. Liliencron (1904) 11, 14;

nun gar ist er (Narzisz) zur blume verstummt
Uhland ged. (1864) 110.


3) von tönen und geräuschen, die erlöschen:

es verstummt das lied der wälder
Birken Pegnitz-schäferey 101;

[Bd. 25, Sp. 1814]


er .. bedrohete den wind, und sprach zu dem meer, schweig und verstumme Marc. 4, 39; der donner war verstummt Laube 11, 236; das gelächter verstummt Nietzsche 1, 500; die musik verstummte, todesstille herrschte im saale Holtei erz. schriften 5, 87;

das mahl verstummte, wo der Franke praszte
Chamisso 4, 110;

weiter oft der tritt verstummet,
denn der träger holet odem
Brentano 3, 118;

leben ist verstummt
in den öden straszen
Rückert 1, 451.


4) übertragen, 'nicht mehr vernehmlich sein, nichts von sich hören lassen': daher verstummten seit dieser zeit auch einige völker in der europäischen weltgeschichte Arndt an s. l. Deutschen 1, 461; für jene zeiten .., aus welchen alle direkte überlieferung verstummt ist Mommsen röm. gesch. 1, 14;

weil sich die halbe welt gelegt zu seinen füszen,
hat aller barbarn preisz für ihm verstummen müssen
Lohenstein Arminius 1, 2.

regungen erlöschen:

ein wahrer schmertz verstummt, und sagt nicht, was man fühlet
Günther ged. 570;

doch wird auch da dein herz nicht ganz verstummen,
und laut genug nach mir vergebens! girr'n
Gökingk ged. 1, 107;

dann aber .. verstummten die sich kreuzenden gedanken seines innern Gutzkow werke 4, 218; die schwachen regungen eigenen willens .. verstummten allmählich Treitschke deutsche geschichte 3, 54; dasz das gebet .. unsere sinnlichkeit verstummen macht Fichte 5, 127. 'unwirksam werden, aufhören': als der .. frost die jungen triebe abermals tödtete, verstummte die reproduktion Ratzeburg waldverderbnis 2, 134;

wo jeglicher befiehlt und keiner hört,
wo das gesetz verstummt, der fürst entflieht
Göthe 16, 281 Weim. (maskenzug 517).

ähnlich schon mhd.:

diu kerge laʒʒet an der schrift,
diu kerge an werdekeit ist gar verstummet minnesinger 2, 378b Hagen.


II. der inchoative charakter des intrans. verstummen ist bisweilen ganz geschwunden und hat einer durativen bedeutung 'schweigen, sich still verhalten' platz gemacht, wiewohl seltener.
1) der könig ... sprach zu im, freund, wie bistu her ein komen, und hast doch kein hochzeitlich kleid an? er aber verstummet Matth. 22, 12; wuszte auch fast nicht zu antworten, sondern verstummet ein lang weil Schweinichen 48; lasz mich kein wehmütiges gesicht sehen. du verstummst? — sprich doch! Lessing 2, 346 (Sara 5, 8). im briefwechsel: ich war willens, sie wegen ihres so langen stillschweigens zu züchtigen .. und noch ein paar halbe jahre zu verstummen Rabener 6, 208; ich habe zu diesem mittel gegriffen, um gegen die vielen freundlichkeiten nicht ganz zu verstummen Göthe IV 41, 144 Weim. übertragen: neun tage vor und nach demselben verstummen alle theater Gaudy 5, 65;

wie süsz der nachtwind nun die wiese streift
und klingend jetzt den jungen hain durchläuft!
da noch der freche tag verstummt,
hört man der erdenkräfte flüsterndes gedränge
Mörike 3, 107;

o sie müssen noch alle hervor, all' die götter, die in mir verstummen maler Müller 2, 35; weil aber jene werke .. über epochen verstummen, die durch die wichtigkeit ihrer begebenheiten .. hervorragen Niebuhr röm. geschichte 1, 2.
2) das part. prät. ist dann gradezu mit stumm gleichbedeutend: Joseph stunde gantz verstummt da Grimmelshausen 4, 762, 12 Keller; sie reichte mir verstummt ein zettelchen Bettine Günderode 1, 116; er ging hastig und verstummt den gang zurück Stifter 2, 68. als attribut bei sächlichem subst.:

(als wollten) ihre seelen untergehn,
versinken wollten im verstummten schmerz
Herder 16, 269;

kaum kann ich noch durch das verstummte dunkel
bis auf die fürstinn sehn
Denis lieder Sineds 122;

[Bd. 25, Sp. 1815]


als wenn wir die architektur eine verstummte tonkunst nennen Göthe 48, 212 Weim.; so überbaut mit verstummten schwalben- und wespennestern sah er die ruhe in Lunens gestalt auf sein eignes nestchen niederschweben Jean Paul werke 7/10, 138.
3) meist poetisch, mit dativ, einer person oder äuszerung gegenüber 'sich schweigend verhalten': dasz ich meinen freunden manchmal verstumme, ist so hergebracht Göthe IV 25, 85 Weim.;

tausend andern verstummt, die mit taubem herzen ihn fragen,
dir, dem verwandten und freund, redet vertraulich der geist
Schiller 11, 189;

noch immer verstummst du
meinen bebenden fragen?
Klopstock Messias 13, 868;

der ersten mütter wort entschied es also,
und dem verstummen wir, Neridensohn,
wie deiner ersten väter worten du (gehorchen schweigend)
Kleist 2, 111 (Penthesilea 15).


III. die nominalformen gehören auch dem intrans. gebrauch an.
1) part. präs. als adj.; zu I 3:

dein lieblicher geist gefälliger sitte
wohnt nun freudeberaubt in der verstummenden nacht
Herder 26, 22.

zu I 4: einige ihrer namen .. verraten uns, was die über sie fast verstummende geschichte birgt J. Grimm kl. schriften 3, 196. zu II 2 ähnlich verstummt, stumm: diesmal will ich, mein werthester, nicht verstummend eine sendung abschlieszen Göthe IV 29, 177 Weim.;

Kaiphas schwieg. kein laut, noch geräusch von redenden wurde
durch die versammlung gehört. sie blieben alle verstummend
sitzen
Klopstock Messias 4, 95.

gesteigert:

banger, trüber, verstummender stehn die unsterblichen alle
bey der empfindung des sohns 10, 30.


2) part. prät. als subst.: dann reichte er der verstummten die hand, und als sie sich nicht regte, hob er sie gemächlich empor Keller 6, 345; unterdessen bedauert jede familie einen todten, verwundeten, vermiszten, verstummten Göthe IV 26, 36 Weim. über das adj. gebrauchte part. prät. vgl. II 2.
3) der subst. inf. das verstummen in der bedeutung 'das schweigen' ist häufiger als das subst. verstummung (s. d.).
0 zu I 2~~: als hr. Goeze durch sein verstummen bereits zu verstehen gegeben, dasz er ihr nicht gewachsen sey Lessing 13, 386; das vorgefühl des scheidens verbreitete sich über die gesammtheit; ein allmähliches verstummen wollte fast ängstlich werden Göthe 24, 372 Weim. 'sterben':

das sprach er noch! nun kam das letzte,
letzte verstummen! nun lag er todt da!
Klopstock oden 1, 118.


0 zu I 4~~ 'versagen': das vollständige verstummen des kabels vgl. Sanders erg.-wb. 538c.
0 zu II 1~~:

und schwöre ihnen, schwöre ewiges — —
o himmel nein! nur ewiges verstummen
Schiller 51, 47 (Dom Karlos 1, 5);

ach, das tiefste verstummen!
es ist die lauteste sprache,
innig im herzen!
Herder 29, 675.

gradezu durativ: nach langem verstummen kommt endlich der bundesrat wieder zu wort Varnhagen tagebücher 4, 114.
IV. trans. gebrauch ist durchweg seltener und nicht mehr üblich.
1) 'menschen zum schweigen bringen' (vgl. I 2): obturare os, geschweigen, eintreiben, betüsten, verstümmen, mundt stopffen Schöpper syn. c 7a;

du (minne) verstummest dicke einen man,
der sust wol gereden kan minneburg 17a;

verstummet ward mein mund,
das ich nit schreyen kundt
Sachs 4, 216, 28 Keller;

ein schmertz verstummend uns, erwürgend unsre klag!
Weckherlin ged. 2 273.

[Bd. 25, Sp. 1816]



2) zu I 3, 'geräusche zum schweigen bringen':

helden, die hatte Kain mit lastenden eisen gefesselt:
und der fesseln dumpfes geklirr verstummte die donner
Klopstock Messias 18, 490;

ich ruhe eher nicht,
bis ich verstummt der christen hündisch bellen
Tieck schriften 1, 352.


3) übertragen, 'klanglos, wirkungslos machen' (vgl. I 4): daʒ plei ist nicht allein ain stumm an im selber, eʒ verstummet auch ander gesmeid, dar zuo man eʒ mischt Megenberg buch der natur 481, 16 (vgl. Schmeller); gottes heiliges wort gantz und gar zu verstummen und mit füszen zu tretten theatrum diabolorum 2, 293b.
V. ganz vereinzelt steht eine reflexivbildung da: (da) hörete er .. des feindes spiel zur marche rühren, und sich hernach wieder verstummen Chemnitz schwed. krieg 1, 96.
 
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verstummer, m., ungebräuchliches nomen agens für stummer: verstummer, erstummer, obmutescens, reticescens, obstupescens Stieler 2224;

wenn du beginnst zu singen,
verstummen wir als klägliche verstummer
Platen 1, 150;

springt doch auf, ihr störrige verstummer
Schiller 1, 342;

brauchts wort und that, voran ist er,
kein feiger und verstummer!
Voss ged. 5, 283.


 
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verstummung, f. , abstractbildung, seltener als der subst. inf. das verstummen (vgl. III 3). verstummung, obmutatio voc. inc. teut. ii 5b; mutitas, defectus loquelae Kirsch 2, 314b; aphonia, obmutescentia, sprachlosigkeit, verstummung, pflegt den stärksten oft zu widerfahren, wenn nämlich die 'organa loquelae' verletzt oder die respiration geschwächt worden Chomel öcon. lex. 1, 560.
1) in inchoativem sinne 'das schweigen': mein itziger zustand ist die verstummung der liebe Klopstock briefe 41; complimente machen kalt. man löszt sich ganz in worten auf und in abgemessenen verstummungen (pausen) Hippel lebensläufe 2, 617.
2) 'verstockung, erstarrung' (vgl. verstummen I 1): weil etlicher .. verstockung sich .. durch eine hartneckichte verstummung reinigte Lohenstein Arminius 2, 626b; dasz wir in knechtischer geduld und verstummung nicht dem dummen vieh gleich geworden sind Arndt an s. l. Deutschen 1, 514.
3) zu verstummen I 3, bildlich:

wie die blumenleiter steigt,
dann abklingend zur zeitlose
sich in die verstummung neigt
Rückert 2, 317.


 
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verstümpeln, verstümpfeln, verb., s. verstümmeln.
 
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verstümpern, verb., 'wie ein stümper, durch stümperei verderben, in einen unvollkommenen zustand versetzen', Campe; bildung des 18. jhs.: wann ihre ... socratische laune ... in ächt französisch - deutsch übersetzt und nach gutfinden ... verkürzt oder verlängert, kurz verstümpert wird briefe die neueste litteratur betreffend 16, 72; bei einer so gräulichen ungleichheit der köpfe ist also auch die manier des Tacitus durchaus verkannt und verstümpert Herder 4, 330; die jämmerliche äfferei und zwitterei .., wodurch unsre herrlichkeit entartet und verstümpert und unsre macht und ehre den fremden als raub hingeworfen ward Arndt an s. l. Deutschen 1, 370; 'und was hat der kaiser aus deinem siege von Pavia gemacht?' .. 'er hat ihn verstümpert' C. F. Meyer Pescara 100; der sein leben so ruchlos und töricht verstümpert Bierbaum prinz kuckuck 2, 129.
 
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verstumpfen, verb. , denominativbildung zum adj. stumpf. heute lautet die intrans. wie auch die seltenere trans. form verstumpfen. Campe und Schmeller 2, 761 setzen die trans. umgelautet als verstümpfen an; doch schon mhd. verstumpfen mhd. wb. 2, 2, 710a; Lexer 3, 256. auch reflex. form in dem sinne 'stumpf werden' ist üblich. fries. forstompje Dijkstra 1, 421a.

[Bd. 25, Sp. 1817]



1) werkzeuge, die ihre schärfe und schneide verloren haben, sind verstumpft: mich in allen tiefen aufzuwühlen und mich zu zernagen, so lange der letzte zahn noch nicht verstumpft ist Hebbel tagebücher 2, 280;

wan ihm (dem hunde) waren sein fahzeen (fangzähne) voren
verstumpffet, het ir ein theil verloren
Sachs 9, 230, 13 Keller;

als sich Varus auf die macht seiner stolzen adler steifet
und so hitzig sein soldat die verstumpften waffen schleifet
Schönaich Hermann 180.


2) auf sinn und gemüth, dann den menschen selbst übertragen:

um die verstumpften sinne
empor zu stacheln
Ludwig 3, 169 (Scudery 2, 7);

als abstoszender typus der verknöcherten, verstumpften und herzlosen beamtenschaft Avé-Lallemant gaunerthum 1, 236; dann sitzt er unthätig dahin und verstumpft im fortwährenden anblicke des jammers Anzengruber 1, 199. auch vom einzelnen vorgange, 'in einen stumpfen zustand sinken': 'was finden wir?' fragte er träge entgegen. 'mir ist's einerlei'. und verstumpfte wieder Rosegger III 9, 333. trans., 'stumpf machen': dasz immerfort wiederholte phrasen .. die organe des anschauens völlig verstumpfen Göthe II 8, 120 Weim.; wem in seiner jugend gedächtnisz, sinne, witz, phantasie, lust und neigung verkrümmt und verstumpft wurden Herder 9, 296; (es macht) einen verstumpfenden eindruck Lewald bei Sanders erg.-wb. 539a.
3) von der profillinie:

ir nase was vil ebene
vor wandel gar besnitzet.
verstumpfet noch verspitzet (weder zu stumpf noch zu spitz)
was si niender umbe ein hâr
Konrad v. Würzburg Engelhard 2978.

reflex.: das profil hat sich verstumpft Göthe IV 23, 224 Weim. intrans. in anderer übertragung: wan aber stumpf geschlagene oder ungleich stimmige seiten berührt werden, ist die regend liebligkeit gleichfals verstumpfet Schottel haubtsprache 67 abschn. 4; selbst die mitgift der reichsten und wohllautigsten sprache verdumpft und verstumpft Jahn 2, 428. —
verstumpfung, f., abstractbildung zum intrans. verstumpfen 2: das indische vereinsamen der seele in die leerheit ist vielmehr eine verstumpfung Hegel 16, 392.
 
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verstunden, verb., 'etwas auf eine andere stunde oder zeit verschieben' Campe; wie stunden in dem sinne von honorarzahlungsaufschub nach Sanders erg. - wb. 539c; neben ausstunden, quando tempus indulgentiae praeterlapsum est, atque ipse dies interpellat Stieler 2228.

 

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