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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verströmen bis verstümmeln (Bd. 25, Sp. 1806 bis 1809)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verströmen, verb. , poetische bildung, erst bei Campe gebucht.
1) von Klopstock aufgenommen, vorher bei Gryphius bezeugt in der bedeutung 'verschlagen':

ein schiff auff sand verströmt, kan andre weiser machen
Gryphius trauersp. 779 (Gibeoniter 3, 516);

denn die flotten schweben umher auf dem ozean,
und suchen sich, und finden sich nicht.
und wenn sie verweht, oder verströmt, sich endlich erblicken
Klopstock oden 2, 20.


2) intrans., 'aufhören zu strömen, strömend sich verlieren, verrinnen': sobald jene wellen verströmt waren Immermann werke 6, 90. ton, duft, blut: die töne des thurms verströmten in die weite mondlose nacht hin Jean Paul werke 1, 299;

freund, lasz die hall' uns schlieszen; der lebensduft
verströmet sonst
Klopstock oden 1, 118;

[Bd. 25, Sp. 1807]



es verströmt mein rotes blut
Heine 1, 281.

weiter übertragen, 'sich auflösen':

so lasz denn fern ...
all deinen märchenreiz verströmen in mein lied
Geibel 1, 174;

als lös'te sich mein kopf in rauch auf, als verströmte mein ganzes ich in die winde Hebbel briefe 1, 380. vom verrinnen der zeit: wenn wochen und monate verströmen Jean Paul werke 1, 182;

ist sie bald verströmt, die schreckliche wolkennacht?
Schubart ged. 2, 256.

subst.:

bei deines blutes mäligem verströmen
ein letzter ruf an Karl, den groszen öhmen
Freiligrath dichtungen 1, 32.

auch reflex.:

wo die Rur
sich in die Maas verströmt
Denis lieder Sineds 171, 10;

in freudenthränen möcht ich mich verströmen,
mich unterstürzen in dem bad der lust
Tieck 1, 414.


3) trans. 'flüssigkeiten strömen machen, flieszen lassen': so prahlte der platzregen, als er seine fluthen verströmt hatte Kretschmann 6, 9. wellengleich düfte, lichter, töne von sich geben:

(bald) verströmt sie aus der kelche opferschaalen
den flammenheiszen duft nach allen räumen
Hebbel 6, 311;

wenn schon im west, gleich einem purpurquelle,
die sonne glühet, und in lautern flammen
auf meer und land verströmet glanz und helle
Waiblinger ged. aus Italien 2, 114;

doch mir däucht nur ein dichter, der noch sänge,
der seinen wohllaut noch verströmen müszte,
wo keines menschen stimme zu ihm dränge
Herwegh ged. eines lebendigen 137.

freier:

... wann dir der recensent ...
spöttischen tadel verströmt und grobheit
Hölty ged. 87.

'lebenskraft und blut ausströmen, hingeben, vergieszen': alle pulsadern überschwemmen mit blut, alle nerven verströmen den nervengeist Jean Paul werke 45—47, 402; blut und leben für die protestantische sache verströmend C. F. Meyer Jenatsch 129; jünglinge, männer können zuweilen in die lage kommen, an frauen empfindungen zu verströmen Gutzkow zauberer 8, 305. 'stromartig verrinnen und übergehen lassen in etwas anderes': der eine klare blick, der das mannigfaltige eint und das eine in ein mannigfaltiges verströmt Fichte werke 2, 12.
 
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verstrossen, verb., s. verstraszen.
 
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verstrubeln, verstrobeln, verstruppeln, verstruwweln, verstruffeln, verstruppen, verb., mundartlich weit verbreitet als 'zerzausen, verwirren, struppig machen': schweiz. verstrubeln Stalder 2, 411; elsäss. verstrublen(w) Martin-Lienhart 2, 624b; schwäb. verstroblen, -strublen Fischer 2, 1368; lothring. verstruwlen Follmann 154b; siebenbürg. verschtrubeln Kramer Bistritz 129; westerwäld. nass. verstruwweln Schmidt 312 (vgl.struwwelpeter); Kehrein 1, 432; meining. verstruppeln, feiner verstruppen Reinwald 1, 183; in Posen: verstruppeln Bernd 338; in Esthland: verstruffeln Sallmann 73b. im ablautsverhältnis dazu schwäb. verstrablen, verstreblen, lothring. verstrawlen Fischer 2, 1367; Follmann 154b; vgl. schweiz. Stalder 2, 403. in der literatur nur bei obd. schriftstellern: mit einem verstrubelten bart Moscherosch Philander 1, 583; seine .. halskrause war in .. ordnung geblieben, während die .. der andern 'verstrobelt' .. waren Auerbach schriften 9, 75; die rothen bartstoppeln seines gesichtes sind .. steif und verstruppt Rosegger II 15, 325. in der zusammensetzung:

das war ein ritt! — lasz dir von ihm berichten —
ein ritt auf wilder moosverstrüppter bahn
Scheffel Aventiure 66.


 
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verstrudeln, verb. 1) intrans. 'in strudeln hervorkommend oder sich bewegend in die ferne flieszen; bis zur erschöpfung strudeln, aufhören zu strudeln' Campe. vgl. verströmen 2. 2) trans. übertragen, 'etwas übereilen' schweiz. Stalder 2, 411.

[Bd. 25, Sp. 1808]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verstrumpfen, verstrupfen, verb. , hauptsächlich obd.: torridus, vor frost verstrupfft Diefenbach gloss. 589b; convulsus Frisius 328a; corrugo 338b; ein verstrupfft beere, corrugatum acinum Maaler 433b; Dentzler 314a. in nd. wb. übergegangen: verwelcken, vergehen, verschwelcken, verstrupffen, verdürren Schöpper synon. f 1c; Frisch 2, 349c; Campe. die form verstrumpfen nur vereinzelt: in Frankfurt a. M. verstrumpe, 'ersticken' Askenasy schriften 227.
1) trans.: schweiz. elsäss. 'durch heftiges ziehen beim melken das euter beschädigen, zerzausen' Seiler Basel 113b; Martin-Lienhart 2, 635a. 'verderben': (Luther) also den alten gloubwirdigen text .. an viel örtern fursetzigklich vermenget, verstrümpfft und verkertt .. hat Emser annotationes A 4a. schweiz. elsäss. verstrupfte hühner, haare; auch von menschen: Johannes donnerte und wetterte, so lange er seine verstrupften dienstboten sah Gotthelf schriften 2, 248.
2) intrans. 'einschrumpfen, auszer sich gerathen': schweiz. schwäb. Stalder 2, 411; Tobler Appenzell 188b; Fischer 2, 1369; auch die bärmutter und der leib der frauen verstrumpfft mit etwas rauhe oder herte Ruff hebammenbuch 59; wie dann die art ist des weiszen geäders, .. das es zsamen laufft und verstrupfft Ryff anatomi G ia; krempffigen, am halsz verstrupfften (leuten) Gesner-Forer thierbuch 26. —
dazu verstrupfung, f., die vollständige, der normalen function entgegenstehende einflechtung oder einziehung durch verstrickung oder krampf im geäder Höfler krankheitsnamen 697ab; spasmus Diefenbach nov. gloss. 344b; convulsio, contractio Frisius 328, 325; contractio nervorum Maaler 433b; Dentzler 314a; Frisch 2, 349c.
 
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verstübeln, verb., 'sein leben in der studierstube zubringen und vertrauern', poetische bildung bei Lenau:

dein halbes leben ist verflossen,
es war vergrämelt und vergrübelt,
einsam in studiis verstübelt 382.


 
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verstückeln, verstücken, verb., 'in kleine stücke vertheilen' Campe; in der schriftsprache durch zerstückeln verdrängt. ältestes vorkommen: mnd. vorstucken Schiller-Lübben 5, 466a; verstukken, 'in stücke zerschneiden und damit ein altes kleid ausbessern, stücke anflicken' brem. wb. 4, 1077; nhd. verstücken neben zerstücken, amputare, diffindere Stieler 2223; literarisch seit Luther: denn hiewider werden sich finden dreierley lerer oder meister, welche alle die tauffe verkeren und verstücklen 6, 280a Jen.;

uber disz auch die sacrament,
die an manchem ort sind geschendt,
verstümlet und verstücket evang. kirchenlied 2, 156 Fischer-Tümpel;

ich habe ihnen alles .. misverstehen, falsch zitiren, .. verstücklen meiner meynungen, .. längst vergeben Lavater schriften 2, 159; es fehlt da eine starke, talentvolle hand, welche diesen verstückten theilen verschiedener jahrhunderte eine gemeinschaftliche weihe gäbe Laube 4, 42. für Lippe bezeugt verstücken 'auseinandersetzen, klar und umständlich vor- oder darstellen' Frommanns zeitschr. 6, 492. schwäb. verstucken, verstücklen; dazu ein reflex. in übertragener verwendung 'sich den kopf zerbrechen, sich verstudieren' Fischer 2, 1369. — dazu verstückeler, m., scissor, sector; verstückung, f., discidium, resectio, disparatio Stieler 2223; auch verstückelung: zwischen 1585 und 1750 erschienen sieben verordnungen, welche .. dieser 'verstückelung und zerstümpelung' des grundbesitzes zu steuern such ten Wimmer gesch. d. d. bodens 183; (dort) tadelt er die vielen kleinen verstückungen der bauerngüter Halier tagebuch 1, 49.
 
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verstudieren, verb. , seit dem 16. jh. üblich.
1) die zeit mit studieren hinbringen (vgl. verstübeln): ich hab itze schon 3 tag und nacht verstudiert Schwabe tintenfäszl c 1a.
2) mit studieren verbrauchen, durchbringen: unversehen bekompt einer gelt z verstudieren Kirchhof

[Bd. 25, Sp. 1809]


wendunmuth 1, 167; gelährte sind offtmals geleerte, haben das ihre verstudieret Treuer d. Dädalus 1, 633; hat er .. sein vermögen .. verstudirt Arnim 15, 5. gebucht bei Stieler 2219; Kramer 2, 1022c; Frisch 2, 351a; modern. schwäb. Fischer 2, 1369; schles. Jäschke fremdwb. 139; studentisch: zeitschr. f. d. wortforschung 1, 50. dann überhaupt 'liederlich durchbringen': die baaren kapitalien .. fallen mit der zeit ebenfalls deiner familie zu; ich möchte aber nicht gern, dasz sie vorhinein von einer närrin verstudirt würden Ayrenhoff 3, 88.
3) zu schanden studieren, überarbeiten: seinen verstand verstudiren, sanitatem mentis perdere Stieler; besonders reflex.: welcher zu Parisz sich fast verstudiret Fischart Garg. 329 neudr.; dazu das part. prät.: herr Leuchsenring, ein verstudirter mensch, ein gelehrtes unthier Herder an Caroline, aus Herders nachlasz 3, 31; solch gekrümmtes, versessenes, verstudirtes wesen Tieck 3, 17. —
dazu bildet Stieler 2219: verstudirung seines väterlichen erbteils, consumtio patrimonii in academiis.
 
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verstufen, verb.
1) mit stufen versehen Campe. im bergwerk: dieses zeichen oder gemerck ins gestein zu hauen (eine sog. stufe) wird stuffen-schlagen oder verstuffen genennet Herttwig bergbuch 389a; stollen verstuffen Junghans gräublein ertz Eiiijc; vgl. Veith bergwb. 539.
2) selten sonst für abstufen, 'stufenweise gliedern': nach einer treflichen eigenheit unserer sprache verwandte begriffe in laut und ablaut zu verstufen J. Grimm kl. schriften 3, 107. dazu reflex. Heyne: das hell verstuft sich allmählich in das dunkle; grammatisch: laute verstufen sich. —
0 zu 1~~ verstufung, f.: in dem feld, da ein anderer nach der verstuffung die erb-stollen-gerechtigkeit hette quelle bei Veith bergwb. 539.
 
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verstümen, verb., s. verstiemen.
 
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verstümmeln, verb. , in älterer form verstümbeln Lexer 3, 255; verstümpeln. in diesen formen flieszen die stammworte stumm und stumpf, die sich in der bedeutung berühren können (s. d.), zusammen. verstümpeln neben verstümmeln bezeugen Stieler 2226; Kramer 2, 1024c, 1025c; Adelung, Campe; verstümlen Schottel 647b. obd. noch verstümpeln: verstümplen Dentzler 314a; schweiz. verstümple Seiler 113b; Stalder 2, 414; verstömpla Tobler 188b; elsäss. verstümplen, -štemplə, -štimplə Martin-Lienhart 2, 597a; ebenso schwäb., neben verstümmlen Fischer 2, 1369; bair. verstümpeln Schmeller 2, 760. md. verstümmeln: verstummelt, mutilatus Diefenbach gloss. 374b; verstümmelt, truncus Alberus 38b; im Vogtlande fšdímen, fšdúmn Gerbet 138; doch vielfach auch md. verstümpeln (s. die belege). im nd. verzeichnet Dähnert 527b als pomm. verstümmeln, Frischbier 2, 442b als preusz. aber verstümpeln. mnl. verstompelen, verbergen Verdam 638b neben nl. verstommelen Sicherer-Akveld 1191c. ins schwed. förstympa übergegangen Helms 143c. neben verstümpeln erscheint früher vereinzelt verstümpfeln: so ziehen doch die widersacher aus derselbigen epistel etliche sprüche verstümpffelt an (vgl. unten 2) Jonas bei Luther 6, 462b Jen.; solch narrending, welches aber zerbrochen und gantz verstümpfelt ist Prätorius saturnalia 188. mit fremder endung verstumpfieren: damit das göttl. keyserl. recht nit geletzt, geringert, oder verstumpffieret werde Reutter v. Speir kriegsordnung 41; lothring. verstompieren Follmann 154b. zu verstümpfeln vgl. obd. verstümpfen, verstimpfen, 'sticheln, verspotten, verleumden' Schmeller 2, 760; Stalder 2, 414. die im nhd. früher gebräuchlichen verba stümmeln, bestümmeln, zerstümmeln sind durch verstümmeln verdrängt worden. die bedeutung ist 'gewaltsam ein ganzes oder einen theil um wichtige bestandtheile berauben, verkürzen, verunstalten, unbrauchbar machen'.

[Bd. 25, Sp. 1810]



1) körpertheile und wesen verstümmeln:

durch daʒ virstumelte er die hant passional 326, 83 Hahn;

die gemeinen knechte wiesen ihnen ihre verstümpelte glieder Lohenstein Arminius 2, 893b; sein bart war so elend zugerichtet und verstümpelt Simpl. 53 Kögel. übertragen: er schindet den gegenstand und verstümmelt ihm nase und ohren Herder 15, 150; sie haben mich nach und nach verstümmelt, meine hand, meine freiheit, güter und guten namen Göthe 8, 166 Weim.; da verrät sich's im totenblassen, eingefallenen gesicht .. da stammelt's in der halben verstümmelten stimme Schiller 2, 52 (räuber 1, 3). den ganzen menschen:

stellt sie (die gemeinde) sich trotzig an, so werd' ersteck't, erdrück't,
verstimmelt und zerfleisch't, was einen finger rühret
Lohenstein Ibrahim (1680) 106, 583;

hast du vergessen, wie er deinen Deiphobus,
des todtgekämpften Paris bruder, unerhört
verstümmelte
Göthe 15, 201 Weim. (Faust 9056);

der staat ist das bett des Prokrustes, worin man den menschen ausreckt oder verstümmelt, bis er hinein paszt Börne 7, 37. thiere und pflanzen: aus eifersucht habe sie die tasse zerschlagen, den vogel verstümmelt, den hund vergiftet Laube 8, 308; der .. mit den schmählich verstümmelten flügeln schlug Seidel vorstadtgesch. 189; weil alle äst dergestalt verstümmelt worden, dasz nichts als der stamm übriggeblieben Abraham a S. Clara 1, 113 Strigl; wir fanden alte, sehr starke, aber verstümmelte ölbäume Göthe 31, 150 Weim. von thieren in engerem sinne 'kastrieren, verschneiden':

verstümmelt ein paar gäule mir,
dasz meine stutten, nie gereizt zur ungebühr,
sorgfältig stets bewacht, den harem nicht verlassen
Ramler fabellese 3, 160.

in ähnlichem sinne: was sagte Virginius zu seiner verstümmelten tochter? Schiller 3, 35 (Fiesko 1, 10).
2) übertragen auf geistiges: indem sie ihn (den verstand) zu einer sache recht geschickt machen wollen, ihn zu allen andern verstümmeln J. E. Schlegel 5, 76; seine seele damit zu verstümmeln, dasz er tadelt, statt nachzueifern? Herder 2, 263; auff solche art aber ist die verhaltung der religion gegen dem gemeinen wesen .. verstümmelt worden Thomasius kl. d. schriften 173; wie man, wenn man arm und bein verlöre, sich doch wieder in das verstümmelte daseyn einleben müszte Hebbel tagebücher 2, 281. geistige erzeugnisse und äuszerungen verunstalten: diesem verstümmelten bilde Winckelmann 3, 39; zu dieser verstümmelten figur den kopf .. zu machen Göthe 44, 190 Weim.; soweit geht meine nachgiebigkeit gegen die bühne nicht, dasz ich .. karaktere der menschheit für die bequemlichkeit der spieler verstümmele Schiller briefe 1, 44; dann er zwackt eraus und bricht die schrifft entzwey und verstümpelt sie wie ein schwerd zubrochen wird Luther 26, 136 Weim.; aus frommen bedenklichkeiten hat er uns so manchen ort (stelle) verstümmelt, dessen sich ein jeder poetischer leser gegen ihn (Klopstock) annehmen musz Lessing 8, 52; flüchtige, einzelne sinngedichte, die .. gesammlet oder vielmehr verstümmelt herausgegeben wurden Herder 16, 277. vom verfasser selbst: wenn Christus also zu verstümpeln ist (in der auslegung seiner lehre) Luther 26, 293 Weim.; bei all eurer gewissenhaftigkeit, den groszen autor nicht verstümmeln zu wollen, laszt ihr doch den schönsten gedanken aus dem stücke Göthe 22, 192 Weim. sprachliches: warumb doch die teutsche sprache in ihrem eigenen lande so veracht, und auff viel weise verstimmelt und unterdruckt werde Harsdörffer secretarius 1, Hh viia; es .. mislautet, wenn man zumitten des wortes wil abschneiden und innen halten, und also den gantzen reim verstümpelen und radebrechen Schottel haubtsprache 852; dasz wir zu einem verstümmelten schlusse den gehörigen obersatz finden Chr. Wolff v. d. menschen thun u. lassen 118; ein telegramm verstümmeln Blaschke elektrotechnik 135.

[Bd. 25, Sp. 1811]



3) gegenstände versehren: aber die kist war schon verstümpelt, (sie) hatte die meisten (sachen) verkaufft E. Ch. v. Orleans briefe 6, 226; weil etliche .. ein crucifix verstümmelt hetten Micraelius Pommerland 2, 199. übertragen: du grober esel, verstummel myr nicht das sacrament Luther 29, 176, 22 Weim.; die strategische befestigung der schmerzlich verstümmelten gränze von Südtirol Kürnberger siegelringe 51; ein also verstümmelter landtag konnte wenig leisten Treitschke d. geschichte 3, 52. eine gabe beschneiden: verstumpel deine gabe nicht, denn es ist nicht angeneme Jes. Sirach 35, 14 (später verstümmle; vgl. Sachs 19, 149, 10 Götze); dasz der senat .. jede concession verweigern oder verstümmeln werde Mommsen röm. geschichte 2, 336; so möchte ich bitten, .. das budget .. nicht vorher — zu verstümmeln will ich nicht sagen, aber — zu alteriren Bismarck polit. reden 4, 70; ich muszte ihre wirkung absichtlich verstümmeln R. Wagner 3, 224. übertragen, 'eine handlung gewaltsam und vorzeitig abbrechen': Goethe machte eine kleine verstümmelte bewegung, in welcher kaum der anfang zu einer verbeugung zu erkennen war Göthes gespräche 2, 34 Biedermann;

wenn selbst der launen kleinigkeit, ein laut
verstümmelt in die luft gehaucht, ein lächeln
von schnellem ernste wieder ausgelöscht
Schiller 51, 115 (Dom Karlos 2, 9).


4) mundartlich obd. 'ein gewerbe beschneiden': das handwerck verstimplen Moscherosch Philander 1, 129; eine handlung, ein handwerck, eine profession Kramer; schweiz. Stalder, Tobler, Seiler; schwäb.: wordurch den zeugmachern .. das handwerck verstümpelt worden quelle v. 1686 bei Fischer; verstümmleter märkt mit gedrückten preisen ebd. dahin gehört: mit butter- und milchverkauf kommen wir nicht weit, es ist hier der absatz nicht, und das geld kommt gar verstümpelt ein Gotthelf 20, 39. ähnlich: er hat aber mein spiel verderbt und verstimpelt Duez nomenclatura 161.
vom verkümmern der zeit: vitam trahere misere Stieler 2226; elsäss. der taj ist jetz verstümpelt, wenn ein regen zum aufhören von der arbeit zwingt, ein wiederbeginn aber nach dem regen nicht lohnt Martin-Lienhart; da wurde nun am vergnügen .. abgespart, um die arbeitsstunden zu vermehren, und so sind mir meine schönen sommermonate verstümmelt worden Ruge briefwechsel 2, 311.
5) reflexiv zu 1: ein knecht thut unrecht, wenn er sich seinem herrn zu schaden verstümmelt Lohenstein Arminius 1, 77a; denen die zunge an den pranger genagelt wird, so dasz sie, sich selber verstümmelnd, sich loszreiszen müssen, wenn sie wieder frei werden wollen Ranke 2, 119. 'sich entmannen': wie die unsinnigen philister sich selbs verstümpelten, Dagon rhümeten, des sie sich doch auff das höchste solten schemen Luther 5, 52b Jen.
6) nominalformen. zu 1, subst. inf.: erkennt man plündern, verstümmeln, schänden, vergiften der brunnen und der waffen für ehrlose mittel des krieges Herder 18, 256. subst. part. prät.: o ihr kurzsichtigen, ihr an allen sinnen verstümmelten! Tieck schriften 18, 135. 'entmannt': die unglücklichen verstümmelten, die zur päpstlichen kapelle gehörten, hätten im discant gesungen wie hühner Gutzkow zauberer 8, 193. neutral: nichts hinkendes oder verstümmeltes sollte gottes altar dargebracht werden Herder 16, 153. zu 2, adverbial: wie einige neuere so verstümmelt schreiben wollen. hier fehlen überall die artikel zur deutlichkeit Gottsched crit. dichtkunst 235. gesteigert: man kann nicht verstümmelter anführen, als de la Motte hier den la Fontaine anführet Lessing 7, 469. part. präs.: was immerhin an der stelle ursprünglich gestanden habe, der verstümmelnde schreiber .. konnte absichtlich die partikel 'oder' einschwärzen J. Grimm kl. schriften 3, 6.

 

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