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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
überfirnissen bis überfliehen (Bd. 23, Sp. 210 bis 214)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) überfirnissen, v. überverniszen Kramer (1678) 1076a; Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1786; überfirneiszen Dürer (s. u.); überfirnsen Lohenstein (s. u.). vernicare, mit firnisz überstreichen. untrennb. verb.; Adelung 4, 750; so wollt ich sie (die tafel) von neuem mit einem besondern fürneis, den man sonst nit kann machen, ... überfirneissen, so wird sie aber 100 jahr länger stehen dann vor Dürer nachlasz 58, 8; die landleute sollten ... alle frischgelegte eyer gleich überfirnissen neuest. aus d. anmuthigen gelehrsamkeit 5, 616; heiszt das nicht helfenbeinerne bilder mit kohlen überfirnsen Lohenstein Arminius 1, 1097b; wenn er blutet, so will ich die gesichter der kämmerer damit überfirnissen Bürger 295a Bohtz. part.: eine laccirte oder auf andere art überfürnste und gemahlte schachtel Amaranthes frauenz. lex. 1169. bildlich: leute, deren irrthümer nach der scheinheiligkeit überfirnszet sind Lohenstein Arminius 2, 277a; gesunde gedanken, die durch keine schminke des ausdrucks überfirniszt worden Gottsched versuch einer crit. dichtkunst 679; die moralischen mängel liegen im süden offen zu tage, im norden versteht man sie zu überfirnissen K. J. Weber Deutschland 3, 350; der fürst aber ist ein sehr ergötzliches exemplar schlecht überfirniszter barbarei Freytag 2, 231;

ein überfirnster schein.
so sehr er sich gekünstelt dünkt,
bleibt doch gefirnist und geschminckt
König ged. (1745) 601.


hiezu überfirniszung, f., z. b. ü. der weinfäszer allgem. d. bibl. 65, 576. bildlich: alle civilisation und überfirniszung der menschheit Gutzkow 8, 18.
 
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überflammen, v. , untrennb. verb.
1) mit flammen überdecken: wenn sich die liebe in feuer in liecht offenbahret, so überflammet sie die natur Böhme schr. (1620) 5, 233; als der theil des himmels, den die sonne überflammte, weisz zu glühen anfing Jean Paul 1, 319; stadt und meer vom morgenroth überflammt Schiller 3, 83;

die wange rötet sich,
von zornes heiszen gluten überflammt
Grillparzer 4, 213.


2) höher, stärker flammen als ein anderes:

wenn du, Vesuv und Hekla, krachst zusammen
und mischest aller sonnen millionen,
du könntest nicht mein lieben überflammen
Strachwitz ged. 111.


 
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überflattern, v.
1) über etwas hin, über etwas hinaus flattern: eine ... familie von tauben, die den garten überflattert Hirschfeld theorie d. gartenkunst 5, 66. bildlich: das geheimnisz ihrer liebe hatte die mauern überflattert Gaudy 13, 67; davor möcht' ich dich ... warnen, dasz du mir nicht, das wahrhaft tiefe überflatternd, das scheinbar höhere wählest Solger Erwin (1815) 2, 97. flatternd bedecken:

die schöne Maas ...
von bunten wimpeln lustig überflattert
Kotzebue dram. 19, 105.

[Bd. 23, Sp. 211]



2) intransitiv: der wohlwollende, obgleich überflatternde fürst Jean Paul 58, 40; je jünger die kinder, desto eher darf man vor ihnen schnell zwischen ernst und scherz hinüber- und herüberflattern, eben weil sie selber so überflattern ders. 45, 56.
 
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überflechten, v. mit flechtwerk überziehen: einen topf mit drath, eine flasche mit rohr ü. Jacobsson 4, 466a; die schüsseln waren ... mit blumenwerck überflochten Lohenstein Arminius 2, 870b; beide qualhölzer waren über und über mit blumen bekränzt und mit ähren ... überflochten D. v. Liliencron zehn novellen 84; mit rohr überflochtene bettgestelle Ritter erdkunde 12, 887. bildlich: wenn er (der nebel) wie ein zugnetz gipfel und bäche überflicht Jean Paul 7, 26.
 
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überfleisch, n. wildes fleisch in wunden, caro redundans Henisch 1136, 29.
 
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überfleisz, m. groszer fleisz: da nichts an gelegen ist, keren sy ein überfleisz an Franck weltb. 158b.
 
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überfleiszig, adj. u. adv. a) attentus ad aliquid: es was Carolus der kaiser ein überfleisziger man zum hailtumb (var. überflüssig begiriger, groszgiriger) städtechron. 3, 156. b) zu fleiszig, zu sorgfältig: nur erscheint der geschmack an bildnissen und fleisziger, ja mitunter überfleisziger ausarbeitung, zumal der haare und der gewänder, immer mehr vorzuwalten H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 3, 259; die überfleiszigen werke der gelehrten Alexandriner fallen schon in das zeitalter des verfalles Fr. v. Schlegel 5, 143. c) adverbiell, blosz steigernd: wie ich nun des herrn bruders wohlgeneigtes gemüt gegen mir hieraus (aus dem erhaltenen briefe) überfleiszig verspür acta publ. verhandl. d. schles. fürsten etc. 7, 219 Palm. in dieser verblaszten bedeutung der heutigen sprache nicht mehr geläufig.
 
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überfliegen, v. transvolare. wie beim simplex findet sich auch hier vereinzelt vermischung der formen mit überfliehen, s. Diefenbach gloss. s. v. pretervolare, ferner:

indem er etlich kranchen hort,
welch denselben ort uberflohen
B. Waldis Esop 2, 63 Kurz.
du überfleuchst,
Quintilius, die wünsche deines knechts
H. v. Kleist 2, 378.


I. in untrennbarer verbindung. in mhd. zeit sind die bedeutungen B 3 und C 2 b (s. u.), also die bildlichen und abgezogenen verwendungen weit überwiegend bezeugt, s. mhd. wb. 3, 343b; Lexer handwb. 2, 1674.
A. über etwas hinfliegen.
1) transvolo Frisius dict. 1327a; supervolo Calepinus undecim ling. (1598) 1425b; auch iterativ: oft und dick über ein ding fliegen, supervolitare Maaler 442c; der peste falche, der ie walde überfloge Arigo decam. 365, 4. in der luftschiffahrt: eine stadt, einen hafen, einen berg etc. überfliegen.
2) bildlich: überschauen, flüchtig betrachten: so du in deiner beschawung all creatur überflogen hast, von irdischen bisz zu den englischen, so vindestu, das all creatur von göttlicher ordnung beschaffen ist Keisersberg granatapfel (1510) G 7a; bei diesen worten nahm der könig das pergament und hielt, es mit seinen augen überfliegend, in seiner rede inne H. Laube 2, 217; der ehrwürdige herr schien mich nicht zu bemerken, überflog nur leichthin die bänke der schule Rank erinnerungen 68 bibl. d. schr. aus Böhmen;

du wirst dein lieblos handeln einst bedauern,
schlaflos im weichen dunenbette liegend,
vergangnes leben innen überfliegend
M. Reich 67 bibl. d. schr. aus Böhmen.


B. darüber hinfliegend etwas bedecken. 1) um mittag überfliegen grosze, ungeheure, formlose massen den himmel Göthe II 13, 488 Weim.; wiesen und wälder welche mit dem ersten grün des frühlings überflogen waren H. Laube 3, 198; ein grämlicher zug überflog sein gesicht Anzengruber 3, 171; Klotilde wurde von einer zürnenden röthe überflogen Jean Paul 7, 60;

doch nun geräth der held in solches feuer,
dasz helle glut sein antlitz überfliegt
Gries Bojardos verliebter Roland 1, 144.

[Bd. 23, Sp. 212]


part.: die brust (des grauen würgers) ist weisz und sanft rosenroth überflogen Naumann naturgesch. d. vögel 2, 17; der pelz (des mandrills) erhält eine olivengrün überflogene färbung Brehm 1, 193 Pechuel-Lösche. 2) auch factitiv: sein anblick überfliegt ihr antlitz mit einem purpurschein der freude Holtei erzähl. schr. 12, 181. 3) in weiterer verwendung für erfassen, ergreifen: die erinnerung an jenen abend überflog ihn mit einer seltsam wehmüthigen gewalt Eichendorff (1864) 3, 136; mich überflog eine gräszliche ahnung ders. 3, 287; ein leidenschaftliches zittern überflog mich Hebbel 8, 98; in seiner bedrängnisz überflog ihn der gedanke, dasz Ranke 30, 305;

und wie mich leicht das mitleid überfleugt,
so schwur ich, keinen fleisz für ihn zu schonen
L. Uhland ged. (1864) 447.


C. über etwas hinaus fliegen.
1) fliegend über etwas hinweg gelangen:

schnell war
der graben auch, der sich ums lager zog,
von diesen stürm'schen schaaren überflogen
Schiller 12, 352.

in der weidmannssprache vom hochwild, das eine einzäunung und dergl. überspringt Behlen forst- u. jagdkunde 6, 705, vgl. auch überfliehen. in der luftschiffahrt: das überfliegen ... der demarkationslinien ist auf allen meeren untersagt waffenstillstandsvertrag mit Ruszland v. 17. dez. 1917 V, 3. bildlich: bilde dir nicht ein, dasz ... dein hochmuth das ziel des verhängnusses überflügen könne Lohenstein Arminius 1, 413b; eine schrankenlose, alle grenzen des stoffes überfliegende phantasie Solger nachgel. schr. 2, 602, 1; die grenzen der natur (in seinem denken) überfliegen Kant 2, 531;

gedanken,
die unsrer denkkraft schranken überfliegen
Vischer Shakespearevorträge 1, 269 (Hamlet 1, 4).

subst. inf.: das überfliegen der weiblichen natur und bestimmung von seiten der heldin D. Strausz schr. 6, 227; überfliegen der vernunft, schwärmerei, aberglaube Fichte 2, 406.
2) höher, weiter, schneller fliegen, jemanden fliegend überholen, allgemein; auch in d. ma., vgl. Staub-Tobler 1, 1179.
a) man sagt, dasz sie (die habichte) in der höhe die vögel überfliegen Eppendorff Plinius (1543) 10, 142; so sy (die jungen adler) aber basz erstarcket, so überfliegend sy ihre eltern Heusslin Gesners vogelb. (1557) 3a;

frisch die segel aufgespannt,
die vor uns sind, zu überfliegen!
Gökingk ged. 2, 73;

zehn klafter überflog dein stein den meinen
Raupach dram. werke ernster gattung 2, 217;

vom berge vöglein fliegen
und wolken so geschwind,
gedanken überfliegen
die vöglein und den wind
Eichendorff 1, 243.


b) bildlich für übertreffen, überwinden: aber nach der sele sind wir der göttlicheit also entpfenglich, das uns erlaubt ist, auch die engelischen geist zu überfliegen und eines mit gott werden Adelphus enchiridion (1520) i 4a; welche (die vernunft) ... zu durchschiessen und zu übersteigen oder vielmehr zu überfliegen Cupido pfeile und flügel haben wird Birken ostländ. lorbeerhain (1657) 49; beide (Göthe und Schiller) will er (Kleist) überfliegen schriften d. Göthe-gesellschaft 14, einl. 33; denn wir haben musiker hervorgebracht, die nicht blosz mit den welschen wetteifern, sondern sie an genie und reichthum der erfindung überflogen Schubart ästhetik der tonkunst 36; das hab ich noch nicht erfahren, in der liebe so von einem weibe überflogen zu werden Heinse 4, 230 Schüddekopf;

weil mein erlöser hat die engel überstiegen:
so kan (wo ich nur wil) auch ich sie überfliegen
Silesius cherubin. wandersm. 43, nr. 23 neudr.

muse Teutoniens,
du bietest deiner schwester, der Britin, trotz,
und überfleugst sie bald
Hölty gedichte 85 Halm;

der du kampf mir angesonnen,
wie du sonst mich überfliegst,
hoff' nicht, dasz du heute siegst!
Uhland ged. (1898) 1, 408.

[Bd. 23, Sp. 213]



c) reflexiv für excedere: er suchte unter seinen excentrischen jungen freunden zu wirken, wie Merck unter den seinen; er hielt sie in den untern regionen, wenn sie sich überfliegen wollten Gervinus gesch. d. dtsch. dichtung 4, 401; derselbe dichter, welcher vorhin des sich selbst überfliegens angeklagt wurde, musz nun den tadel einer allzu besonnenen gründlichkeit erleiden Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 131.

weil sich ein sängerherz in freud und hoffnung,
und ... auch im raschen zorn
leicht überfliegt altsächsischer bildersaal 1, 137.


d) part.: wo ist hier der überfliegende geist, der sich mit lauter halsbrechenden und auf stelzen einhergehenden einfällen und worten verräth? neuest. aus d. anmuth. gelehrsamkeit 5, 200; eine windige, überfliegende, phantastische denkungsart Kant 4, 199; überfliegende gefühle Hippel kreuz- und querzüge 2, 509; der kühne und überfliegende gedanke der talmudisten, dasz auch gott bete Jean Paul 36, 56; das überfliegende genie Gustavs des dritten Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen 1, 180; die überfliegendsten bildungspläne Gutzkow 3, 214. prägnant für transcendent: der gebrauch der idee kann entweder in ansehung der gesammten möglichen erfahrung überfliegend (transcendent) oder einheimisch (immanent) sein Kant 11, 491.
3) über etwas hinweggehen, es auslassen: wenn ihnen ein paar seiten ... zu gelehrt vorkommen, so überfliegen sie dieselbe Herder 15, 331.
II. in trennbarer verbindung, intransitiv. 1) hinüberfliegen: das feuer flog von einem hause zum andern über Hilpert (1845) 636c; kalt waren seine hände, er war zur hellen heimat übergeflogen (gestorben) Kerner dichtungen 557; übergeflogene hühner sandte der nachbar mit verschnittenen flügeln zurück Raumer gesch. d. Hohenst. 5, 365; indem er (der feind) nicht konnte begreiffen, wie die zeitung von seinem feindlichem überfall so geschwind nach Batavia übergeflogen wäre Olearius vermehrte reisebeschr. (1696) 80. in der weidmannsspr.: ü. bezeichnet die verbreitungsart durch flug oder wanderung in entfernter gelegene, mit den fraszzentren in keinerlei verbindung stehende waldteile Dombrowski 8, 34a. ähnlich: es war seine liebhaberei von ihm ... raubtauben über die stadt auszusenden, die immer mit einigen überfliegenden in die geheime öffnung seines daches heimkehrten Arnim 2, 197. vgl. auch: die störche, schwalben sind überfliegende vögel, so bei uns nicht überwintern Kramer (1678) 1068a. 2) vorbei-, vorüberfliegen: Lexer a. a. o.; wo sie (die heuschrecken) über nacht lagen oder nur überflugen, da war alles von irem geschmais verderbt Brandis gesch. d. landeshauptleute v. Tirol 60;

solchs stündlein eines jeden that,
darin sie in verraten hat
werden Ibici krench genent,
die überflogen an dem end,
do Ibicus ermordet ward
Eyering proverbiorum copia (1601—7) 2, 209;

in der heutigen sprache durch vorüberfliegen verdrängt.
 
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überflieger, m. besonders begabter, andere überfliegender mensch, meist ironisch. Stürenburg 163a; ausbund von kopf Wöste 192b; vgl. auch de Vreese woordenboek 11, 2170. die gebärde spricht übrigens besonnene klarheit und feste ruhe und ist nicht die gebärde eines fliegers und überfliegers oder gar herausfliegers aus der zeit Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen 2, 491; es sind leute vom allerschwersten begriffe in solchen sachen und wahrlich keine überflieger Görres br. 3, 581; aber irrig wäre es, wie es wohl gelegentlich von deutschen überfliegern geschehen, Gobineau nun gewissermassen als Deutschen mit haut und haar in anspruch zu nehmen Schemann Gobineau u. die deutsche kultur (1910) 7.
 
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überfliegung, f. 1) zu überfliegen I, A 1: die überfliegung der Alpen (im ballon) tägl. rundschau 1903, nr. 446 1. beil. 1a. 2) zu überfliegen I, C 3: dieses bild — wie kann ich's ansehen, ... ohne den schöpfer der schönsten gestalten ... mit überfliegung alles gemeinen und schlechten drinn zu bemerken Lavater physiogn. fragm. 3, 59.

[Bd. 23, Sp. 214]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) überfliehen, v. transfugere. Diefenbach gloss. 593a; wenig gebraucht. als term. in der jägerspr. in fusion mit -fliegen für überfallen Dombrowski 8, 34a; die hirsche sind ungemein leicht und überfliehen (überspringen) eine hecke oder wand, die über sechs fusz hoch ist Heppe jagdlust (1783) 1, 152; hier auch in trennbarer verbindung: wenn das wildpret über die ersten übersprünge übergeflohen Döbel jägerpractica 3, 174.

 

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