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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
übererzeugung bis überfahrnis (Bd. 23, Sp. 195 bis 200)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) übererzeugung, f. überproduction. war übererzeugung, wie bei landbau, blosz überreiche ernte, so werden nur mittel nötig das überviele aufzuspeichern für mindere jahre W. Fr. Meyern hinterl. kl. schr. 1, 175.
 
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überessen, v. crapulari. part. prät. überessen (z. b. Pauli schimpf und ernst 197; Stumpf Schwytzerchron. 185b; samml. v. schausp. (1764 ff.) 6, 132 u. o.) und übergessen (z. b. Göthe, Cl. Brentano, Bettine, Tieck, Auerbach u. a.).
1) refl. sich ü., über vermögen essen Adelung 4, 749; häufig in formelhafter verbindung mit übertrinken: der sich nit uberiszt und ubertrinckt Alberus (1540) B B i jb s. v. sobrius; am feirtag sich überessen und übertrincken, bisz du es wider gibst (ist todsünde) Keisersberg narrensch. 185a. die rychen ... überassend sich ein teil und wurdend voll Zwingli deutsche schr. 1, 147. wiltu desz nachts wol ruwen, soltu desz abends dich nicht überessen Kirchhof wendunmuth 1, 150. also geschicht es disen auch, die sich uberessen und mehr zu ihn nemmen, weder sie vertawen mögen Höniger narrensch. (1574) 58a; halte dich warm mit kleidern und hüte dich vor dem lufft, auch uberesse dich nicht Gäbelkover artzneybuch (1595) 1, 250; welchs pferdt sich überiszt und nit wol gedeuen mag, gib im salz zu essen Albrecht roszartznei 12; wenn sich ein rosz übergessen hat und nicht wol dawen kann Walther pferde- u. viehzucht (1658) 139;

die kirche hat einen guten magen,
hat ganze länder aufgefressen,
und doch noch nie sich übergessen
Göthe I 14, 139 Weim.;

an etwas sich überessen: confeckt, doran ich mich überas, ... das ich die nacht kranck wardt Felix Platter 285; ich kann das predigen nicht vertragen, ich glaube, ich habe in meiner jugend mich daran übergessen Göthe I 42, 2, 204 Weim.; du muszt dich vom collaborator nicht irre machen lassen, der hat sich an den büchern übergessen Auerbach dorfgesch. 3, 87. am süszen überiszt man sich leicht Weinhold H. Chr. Boie 143. auch mundartlich: an dan hob i mi überass'n, er ist mir in der seele zu wider Ruckert unterfränk. ma. 186.
2) part. prät. in attributiver function: dabei schütterte ihm der bauch wie einem überessenen faun Handel-Mazzetti Jesse und Maria 1, 8.
3) substant. inf.: crapula Diefenbach 155a; indigeries 294c; intemperantia cibi Schönsleder a. a. o.; Dentzler clavis ling. lat. 294b; vgl. auch mhd. wb. 1, 759b; daʒ überessen verfellet den menschen an leybe und an sele, an gut und an ere. wan von überessen und übertrincken komment siechtage und werdent die leut blind spiegel menschlicher behaltnusze (1492) 54b; hochfart, nachrede, neyde, überessen und trunckenhayt sein ain kelch der teufel Eyb spiegel der sitten (1511) 40a; das man uberessen, ubertrincken, müsziggeen und andere ursachen der unkeuscheyt nicht gemyden hat Luther 2, 63 Weim.
 
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überetzen, v. vieh auf fremdem boden weiden lassen und dadurch dessen besitzer schädigen: der den andern ubereret, uberzunet, uberseid, ubereimet, beschediget ader uberetzet an disen gütern Grimm weistümer 6, 103.
 
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überexponieren, v. 1) im exponieren (= erklären, s. Campe verdeutschungswb. 304b) übertreffen: im französischen überparlirten und überexponierten sie manche Göthe I 20, 59 Weim. 2) in der sprache der photogr.: zu lange aussetzen, z. b. überexponierte aufnahmen müssen in einem entwickler, der wenig aceton enthält, hervorgerufen werden Muspratt chemie 7, 140.
 
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überfachen, v. cratibus claudere fluvium sicque impedire navigationem Scherz gloss. (1784) 1696; vgl. Lexer handwb. 2, 1671. zu fach, n., s. o. th. 3 sp. 1218 und Lexer a. a. o. 3, 1.
 
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überfahr, n. 1) der platz wo man überfährt. vgl. mhd. wb. 3, 250b; Lexer 2, 1671; portus Diefenbach 449a; Frischlin nomenclator (1591) 460; trajectus Dentzler clavis ling. lat. (1716) 294b; s. o. fahr, n., portus th. 3 sp. 1244. beleg aus dem 17. jahrh. bei Staub-Tobler 1, 887; in der schriftsprache durch überfahrt, f.

[Bd. 23, Sp. 196]


(s. d.) und überfuhr, f. (s. d.) ersetzt. neben neutralem gebrauch auch fem. (mhd. wb. a. a. o.) und masc.: das meer so das euxinisch genennet wird, streckt sich vom meotischen bisz an den kurtzen überfahr in Thraciam Calepinus undecim ling. (1598) onom. 236b; ist auch hernach alle zeit ein vernampter pasz und überfar des Bodensees Stumpf Schwytzerchron. (1606) 391a. 2) als nomen actionis: Caius der keiser hat das ort Baias und Puteolos mit einer brucken zusammengefügt ... darnach mit seinen wägen ein überfare gemacht Petrarca hülf, trost u. rat (1559) 85b.
 
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überfähre, f. trajectus Nieremberger (1753) A a a a a a 3d; boot zum übersetzen über einen flusz und stelle, wo diese fähre liegt Frischbier 2, 418a.
 
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überfahren, v. transgredi. ahd. ubarfaran (Graff 3, 561), groszentheils in seiner verwendung noch unfrei an lat. trans-ire, -scendere, -currere, -gredi gebunden; mhd. fast ausschlieszlich in metaphorischer verwendung (s. u. I C) und erst vom 14. jahrh. überhaupt häufiger gebraucht, mhd. wb. 3, 248b.
I. in untrennbarer verbindung, transitiv.
A. über etwas hinfahren: einen flusz, das meer überfahren:

ir sült mir machen einen wagen,
uf dem ich erde und mer
ubervar an alle wer
Heinr. v. Neust. von gottes zukunft 784 Singer;

das schifflin, darinn wir mögen überfaren disz sorglich und verfarlich möre der welt Keisersberg schiff d. penitentz 5b; darauff (auf den schiffen) sye ain grossen thail des mörs überfaren Schaidenreisser Odyssea (1537) 25b; die kauffleut ... uberfahren alle meer bisz in Indien Albertinus hirnschleiffer 43; in welcher zeit ich etliche unterschiedliche meere überfahren, und vielerley völcker gesehen (hatte) Simplicissimus 455 neudr.; immer wankt und zittert der moorboden, wenn man ihn überschreitet oder überfährt Allmers marschenb. 1, 81;

die sonn in vollem brand
mit ihrem gülden wagen
thut überfahren alle landt
Spee güld. tugendb. (1640) 277.

perfectiv für hinüberfahren und mit dem hilfsverbum 'sein': als er (Cesar) die Jonische meerschosz überfaren ist, hat er Noricum und Apolloniam eingenommen Boner Plutarch (1534) 9.
B. aus A entwickelte sich eine reihe von weiteren verwendungen, indem zugleich mit der thätigkeit des darüberhinfahrens die einwirkung auf das darunter befindliche ins auge gefaszt wurde. 1) hüpschlich und sanfft mit einer salben überfaren, delinire Maaler 442b; doch ee man das daruf legt, so sol man den schaden ynwendig überfarn mit ainem glüenden eysen Mynsinger von den falken 76; wo versaltzen erdrich ist, das soll man ... mit einem geringen pflug überfahren Sebiz feldbau 50; mit der eggen überfahren Calepinus (1598) 732b s. v. inocco; mit einer scharffen wolgeschwerten egen die wiesen überfahren Hohberg georgica curiosa (1682) 1, 117; vgl. auch Diefenbach gloss. s. v. transvehere; Frisius dict. 992b; so bald das kind geborn würdt, ... so solls die hebamme mit dem nachwesen, eher dann er erkaltet einmal drey oder vier überfahren Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 125; rauch dentes als mit der feyel überfahren signum est futurae mortis Paracelsus opera (1616) 1, 757b Huser; da überfuhr und trocknete sie ... die augen Jean Paul 11, 91; es (das bild) ward mit einem feuchten schwamm überfahren Göthe II 1, 71 Weim.; bretter mit leimwasser überfahren Krünitz 192, 227. 2) über etwas hinfahrend es bedecken: ein steingemüsel, damit man den boden überfaren soll Sebiz feldbau 34; wegeknechte, die bestellt sind, das glatteis mit erde zu überfahren, um den weg practicabel zu erhalten Göthe I 19, 302 Weim.; stellen der länder, welche zu tief lagen, überfuhr und erhöhte er mit frischem grund Zschokke schr. 13, 201; den klee im winter mit mist überfahren Schwerz prakt. ackerbau 299; vgl. auch Staub-Tobler a. a. o. verengt: den markt mit waaren überfahren, z. b.:

und darumb wird mit fremden waaren
der markt hier reichlich überfahren
Tiedge werke4 10, 171.

[Bd. 23, Sp. 197]


3) durch überfahren verletzen. ein kind überfahren Adelung 4, 750; der fuhrmann hat ein kind überfahren Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1786; er ist von einem wagen überfahren worden Hilpert (1845) 636a; Nero rannte auf diese beiden fremdlinge zu (mit dem wagen), des willens, sie ... zu überfahren A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 617; ein wagen überfährt ein kind Göthe III 5, 68 Weim.; wir ... wären sicherlich überfahren worden, wenn nicht ... das andre boot ... sich unsrer not erbarmt hätte Fontane I 5, 131; eine überfahrene schlange Nicolai literaturbr. 5, 30; die menschenmassen ... waren so gedrängt, dasz ich fürchte es geht nicht ohne überfahren ab Bismarck briefe an s. braut u. gattin 576. in dieser bedeutung auch als trennbare verb. gebraucht (s. u.). 4) metaphorisch: etwas in einer summ und kurtzbegrifflich überfaren und durchlaufen Frisius dict. 194b; ein handel kurtz überfaren und abbinden, mit kurtzen worten darthun Maaler a. a. o.; kurtzlich und oben hin thun Schönsleder prompt. (1647) O 5a; leicht berühren Hilpert (1845) 636a; diu betrahtung nach miner marter sol sin nit mit einem ilenden übervarne, so man zit und stat mag han Suso 257, 15 Bihlmeyer; und deshalben will ich es mit kurtzen worten überfaren Münster cosmogr. vorr. 7; im ersten puch hab ich kürzlich überfahren was wir vor Christi gepurt geübt haben Aventin 4, 583; entschuldigung, dasz ich ihre lieben geschenke und noch liebere sorge für mich diesmal so leichthin überfahren musz Droste-Hülshoff briefe 260 Schücking. flüchtig lesen: dann überfahr' ich ihn (den brief) absichtlich so, dasz ich ihn nach einer stunde wieder lesen musz Jean Paul palingenesien 6, 16. 5) hin und wieder ausbessern, ritoccar Kramer (1678) 1068a; den ersten band von Titan will ich in Hof wieder überfahren Jean Paul briefwechsel 105 Nerrlich. 6) in der bergmannssprache: den gang überfahren, die breite des ganges durchbrechen, dasz man weisz wie mächtig er ist Schönberg (1693) 100.
C. auf etwas herab sich bewegen. in metaphorischer verwendung vielfach differenziert und von A) nicht scharf zu trennen, da einerseits die bildliche vorstellung einer bewegung von oben herab oft verblaszt, andererseits auch aus A) perfective fügungen erwuchsen; so steht z. b. der ahd. beleg Notker ps. 41, 8 dîne wella habent mih uberfarin (transierunt) den oben unter B 2 u. 3 angeführten nhd. bedeutungen nahe, ebenso die verwendung für schlagen, geiszeln (15. jahrh.):

min geislen wil ich hie nit sparen,
und dir din lib wol überfaren schausp. d. mittelalters 2, 299 Mone.


1) erreichen, einholen: (Laban) fur Jacop noch uff den weg, den er gevarn was, ... und do er in überfur und in vant, do was Jacop komen ... zu eime berge historienbibeln 674 Merzdorf.
2) increpare, angreifen: überboldren, überbachen, überfaren Keisersberg postille 1, 35a; überfahren mit bösen worten, incessere aliquem Dentzler clavis ling. lat. 294b; weil er die eltesten herren auch die andere rathmannen offtmahls im rathe gröblich überfahren quelle (a. 1486) bei Haltaus (1758) 1814; also seind etlich menschen als hoffertig und als ungelassen. die musz got überfaren mit ainem hertten scharpffen bessen Tauler sermones (1508) N i i i jb; lieber nachbaur, ir überfarend mich gar ungewarnter sachen Wickram werke 2, 125, 15; ich will ihn widder ansprechen, und solt er mich noch eyn mal mit bösen worten uberfarn Alberus widder Jörg Witzeln mammeluken F 2a. darumb kümmets, das sie Christum also uberfaren Luther 9, 620 Weim.
3) jemand in seiner befugnisz kränken Jablonski (1721) 805b; so durfte Napoleon ... alle länder und völker überfahren und unterdrücken Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen 1, 318;

denn welcher mensch die leut beschwert,
in seinen zinsen überfehrt, ...
der fellt gewis in gottes zorn
Ringwaldt die lauter warheit 27.


4) in der älteren rechtssprache für superare: ist daʒ iemant ubervarn wirt mit siben êrbæren mannen quelle in mhd. wb. 3, 248b.
5) eine krankheit, gemütsbewegung etc. überfährt, befällt mich, auch in der neueren sprache allgemein:

[Bd. 23, Sp. 198]


ein leiser schauer überfuhr mich Storm 3, 229. unpersönlich: das überfuhr den Lucifer so freudig, dasz er erst nicht hinzusehen wagte Arnim 19, 19; da überfuhrs den burschen und er stampfte heftig ... in den rasen Alexis der falsche Woldemar 1, 147;

viel mehr solt von eins esels raren
einen ein schrecken überfahren
Rollenhagen froschmeuseler (1595) Q q 1b.

landschaftlich verengt: überfahren sein, erkältet sein Zahler die krankheiten im volksglauben d. Simmenthals 103. auch mit dat. für 'widerfahren': mein mann, was ist dir überfahren, dasz du so krank bist worden! Rosegger försterbuben 293; das heili Georgbildl schick ich dir, trags af der brust ..., dasz dir nix überfahrt stoansteirisch n. f. 128; Unger-Khull steir. wortsch. 602a.
6) in der bergmannssprache: einen gang überfahren, wenn man in forttreibung eines ortes einen vorliegenden gang antrifft und erbricht Schönberg (1693) 100; so hat man nun sunsten noch 2 genge uberfahren, darauf man ertz hat, die auch zuvorn nicht gewesen noch niemandt davorn gewust Hardanus Hake bergchron. 82. bildlich: so jemand düncket disz sey zu scharpff, ... der mag ... an disem ort ein newen schurff werffen ..., trifft oder uberferet er was schöners in dem gebirge, so wil ich mich bessers berichten lassen Mathesius Sarepta (1571) 110a.
D. über etwas hinaus fahren, schon ahd. z. b.:

thie sunnun ioh then manonso ubarfuar er gahon
Otfried 5, 17, 25;

nhd.: die wellenberge mögen ihre ufer nicht überfahren Harsdörffer gesprechsp. 5, 111; bis nach Zelle werde ich wohl von Wolfenbüttel aus uns pferde müssen lassen entgegen kommen, weil sie von Zelle aus die poststation in Braunschweig schwerlich werden überfahren dürfen Lessing 18, 197; er will die säulen des Hercules überfahren Göthe II 5, 2, 262 Weim.; auch verkehrssprachlich allgemein: (unglück) infolge überfahrens des haltesignals Göttinger tagebl. 19. jänner 1917. bildlich: wer nach unverdienter ehre trachtet, ... der überfähret das ziel der bescheidenheit Butschky Patmos (1677) 711;

eim yeglichen ist sein zeit beschert
zu leben, die keyner uberfert
Agricola 750 teutscher sprichwörter E 8b;

wer solchen unterscheid und grentzstein überfährt,
der hat auch den verstand der gantzen schrifft verkehrt
Harsdörffer secretarius 1, M m m 7b.

prägnant: einen ü., durch pflügen über den eigenen grund hinaus schädigen: einander überern oder übervarn mhd. wb. a. a. o.; belege aus dem 14.—16. jahrh. bei Staub-Tobler 1, 893.
E. ethisch gewendet: ich sündig, überfar, übertret, verwirck, praevaricor Alberus nov. dict. genus (1540) 63a; Stör (1650) 496b; einen befehl, die gesetze ü., contra leges peccare Stieler 410; Steinbach 1, 404; das gebot gottes ü., nicht halten Sattler (1617) 345; schon mhd., s. mhd. wb. a. a. o.; vgl. noch:

und es gefiel öch nit göt,
wan ir überfürt der eren geböt mhd. minnereden 1, 1818 Matthäi.

in der älteren rechtsspr. und von da aus allgemein; im 18. jahrh. stirbt der gebrauch ab. es soll ainer dem andern sagen, wann er anzünden will: und der das nicht tät, und das überfüer, der sol dem anderen sinen schaden ablegen (a. 1308) samml. d. baier. bergrechtes 5 Lori; wer aber, das die sune ... uberfaren wurde, so sullen wir beholffen sein, das solche uberfur gekeret und widerstan werde quelle (a. 1377) bei Diefenbach-Wülcker 879; welch aber disz gepot überfarn und nit halten würden, die söllen ... landpot in Ober- u. Niederbaiern (1516) 51b; wa si disz überfaren, sollen si drey jar von der gmein auszgschlossen werden Franck zeytbuch (1531) 359b. und welcher erfunden wird im bann, den sol man mit fewr verbrennen, ... darumb das er den bund des HERRN uberfahren ... hat Jos. 7, 15;

es was ein clein gebot,
das Eva überfur
Altswert 174 Holland-Keller;

[Bd. 23, Sp. 199]



(der pfleger) gepot, das in dem dorffe sein
kein hecker mehr solt gehn zum wein ...
welcher das überführ darneben,
der solt zu straff drei gülden geben
Hans Sachs 9, 332 Keller;

dasz wir bleiben an deim gebott,
solchs nimmer überfaren
B Waldis psalter (1553) 204b;

ob das war ist das ich der liebe orden und gesecz überfaren und zerprochen hab Hartlieb Ovids de amore (1482) 46b; es ist ain gesaczt in unser stat, ... wann welcher das überfüre der würd hart gestraffet Steinhöwel Äsop 45; der, so der stück eines oder mehr uberfahren und darwider thun wirde, soll im thurnier nicht zugelassen werden Moscherosch gesichte (1650) 2, 370; wenn Isokrates mich aufs sorgsamste zur beredsamkeit anführt, dann überfahr ich oft seine besten regeln Meissner Alcibiades (1781) 1, 275.

wer geitzig ehr und lob begehrt,
derselb die rechte maasz oft überfert
Lehmann floril. polit. 1, 175;

vereinzelt auch absolut: vermeid den trunck ... das du nicht ... in wort und wercken überfarst Ringwaldt die lauter warheit 60; eine klosnerin die misseton und überfarn hette, ist zu bestrafen quelle (a. 1377) bei Schmidt els. wb. 365b. subst. inf.: der begine die das überfaren geton hette soll man ir pfründe nemen ebenda (a. 1465); die weiber (in dem spital) ... hetten ... übers praescriptum gehandelt, musten allhie ... für ihre überfahren ... büszen Kirchhof wendunmuth 3, 365. ungewöhnlich: ich bin überfahren, habe mich übereilt quelle bei Staub-Tobler 1, 894. ebenda reflexive fügungen. part. in attrib. function: die liebe ..., so auff die überfahrende fleischliche begierde gerichtet ist Olearius reisebeschrb. (1696) vorr.
F. überspringen, praeterire. aus D entwickelt, literarisch vom 13. jahrh. an bezeugt, Lexer a. a. o.; du hast allen zu trincken gegeben, mich aber überfahren (me excepto) Stör (1650) 496b; der alten Teutschen geschichte ist von den teutschen historicis aus unwiszenheit überfahren und unangerührt geblieben Aventin chr. vorr.; in der bergm.-sprache: über eine minerallagerstätte den betrieb fortsetzen, ohne dieselbe zu bemerken Scheuchenstuel bergm. idiot. (1856) 246. part.: überfahrener gang, ein gang der verfehlet und darüber hin gefahren worden Jacobsson 4, 465b.
II. in trennbarer verbindung.
A. intransitiv: transvehi. schon mhd., s. mhd. wb. 3, 246a; vgl. auch:

der ôsterherren vil,
mit den er in kurzem zil
datze Heinburg überfuor
Ottokar steir. chr. 15277.

in den wbb. als trennbare verbindung zwar nicht immer ausdrücklich bezeugt, aber doch so zu fassen, z. b. bei Diefenbach gloss. 415a, 604c s. vv. passagium, vadum; ich fahre über, bin übergefahren, transeo Steinbach 1, 404; überhin schiffen, supermeare Maaler a. a. o.; passar da una riua à l'altra Hulsius (1605) 143a; über ein wasser setzen und fahren Stör (1650) 496a. part.: übergefahren, transiectus. und do sy warn ubergefarn uber das mere Matth. 14, 34 erste deutsche bibel; also kereten die zween menner wider ... und furen uber, und kamen zu Josua Jos. 2, 23; als Jhesus ubergefaren und kommen was in die gegend der Gerasener Emser Matth. 8, 28; item 8 scot den feerluthen geschankt an der feer zu Getland, als unser homeister obirfur Marienb. treszlerbuch 178, 25; der jung fürst Wilhalm kombt, deut ihm, er wöll uberfahren, geyt ihm ein gülden Hans Sachs 16, 81 Götze; ist er in ein schiff tretten und ubergefarn zu eim ort in der einödy Hedio chron. Germ. (1530) 176b; mit den sasz er in eyn schiff, auff Girond dem wasser und furen uber Aymon (1535) i 1a; wann ich aber meinen weg nach Zechelwitz zu nahm, all da überzufahren ..., wächst die Oder in einer halben stunde so grosz, dasz ich ... wieder umkehren muszte Schweinichen denkwürd. 326; wo keine wasserfurth ist, da fähret man mit der fähre über Comenius janua 472; ferner zog die ... kälte dem flusz ... einen harnisch an, dasz man wegen dicke des eyses mit wagen überfahren

[Bd. 23, Sp. 200]


kunte mediz. maulaffe (1719) 512. vor dem fahrthor fand ich mich mit Schlosser zusammen, wir fuhren über zu herrn Salzwedel Göthe IV 25, 60 Weim.;

als ich von England überfuhr nach Frankreich Shakespeare 7, 295.

part. präs.: das gedränge der überfahrenden war grosz Ritter erdkunde (1822) 1, 424. subst. inf.: das überfaren, überfart, transitio Frisius dict. 1324b; du solt frölich sein, so wirt mein weg und überfaren auch dester frölicher wesen Eyb schr. 1, 60; nun was des künigs volck, wie der todschlag geschach, noch im überfaren der Rüsz Tschudi chron. Helvet. 1, 242; Lierort eine festung an der Emse, die dem fürsten gehört ..., die rechten des überfahrens gehören auch noch dem fürsten Haller tageb. 93 Hirzel.
B. transitiv.
1) ich far über transveho Alberus (1540) ddb; einen überfahren, übersetzen, trasportar' uno Kramer (1678) 1068a; wo ich einige Gondolen fertig ligen fande um die narren so wol, als die gescheide überzufahren Lindenborn Diogenes (1742) 1, 344. als wir nach einem kahn verlangten, ... erboten sich zwei knaben uns überzufahren Göthe I 34, 1, 65 Weim.; tritt in meinen nachen ein zu mir, ich will dich überfahren Grimm deutsche sagen 1, 187. hier hat ihn der ferg' übergefahren Scheffel 2, 155.
2) durch überfahren verletzen (s. o. B 3). Heynatz antibarb. 2, 485 bezeugt den gebrauch für die Mark; die vornehmen leute fahren hier in der stadt sehr geschwinde ... es werden auch manchmal leute übergefahren Tieck schr. 6, 56; ich habe immer noch mehr angst ausgestanden, leute überzufahren, als übergefahren zu werden Moltke ges. schr. u. denkwürdigk. 1, 104; ein jude, den sie fast übergefahren hätten Gutzkow 5, 243. ihr mann war ... bei einem brande übergefahren worden Höfer aus d. weiten welt (1861) 1, 8; wer de ni beiseite geht wird übergefahrn G. Hauptmann weber 87.
 
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überfahrer, m. 1) transvada, übergeführter oder überfahrer voc. theut. (1482) h h 7a; in der neueren sprache ungewöhnlich: sehr häufig werden die überfahrer (von Cypern nach Kleinasien) durch stürme verschlagen Ritter erdkunde 19, 358. 2) fährmann Hilpert 636b. 3) übertreter, zu überfahren I. E (s. o.); in der rechtsprosa des 16. jahrh. allgemein, vgl. Haltaus 1814; stirbt gleichzeitig mit dem verbalgebrauch ab. Bauer-Collitz 177; Unger-Khull steir. wortschatz 602a, wo belege aus dem 16. jahrh.; welcher zit ain vogt über sinen gesatzten dienst .... überfarer erfunden wurd, zu hand ... sol er die vogtye verlorn haben Oheim Reichenauer chron. 49, 21. und nichtz destminder wil ein rathe ... gein den überfarern derselben gesetze ... gestrengclich nachgeen Nürnberger polizeiordnungen 53; ein uberfarer gotlichs gesetzs Carlstadt von vermügen des ablas (1520) A 3a; und soll ein jeder überfahrer neben der straf ... umb verzeihung bitten kirchenordnung für Braunschweig (1569) 383; die überfarer zur erstattung des spruchs ze zwingen Tschudi chron. Helvet. 1, 400.
 
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überfährig, adj. u. adv. 1) in der älteren rechtssprache für sachfällig: peen über die so überfährig gefunden werden urk. Maxim. (1498) in Wagenseil de civit. Norinberg. 121. 2) schlimm, böse (von thieren) bei Unger-Khull steir. wortschatz 602a.
 
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überfahrnis, n., excesz. überfahrnusz thun in einer sach Heupold dict. (1620) 161; um todschleg, diebstal ..., uberfarnus ... urthailen und richten Knebel chron. v. Kaisheim 147.

 

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