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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
überengelheit bis überessen (Bd. 23, Sp. 193 bis 195)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) überengelheit, f., spontane wortbildung zu überengel:

fragstu was menschheit sey? ich sage dir bereit:
es ist, mit einem wort, die überengelheit
Silesius cherubin. wandersm. 44 neudr.


 
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überenglisch, adj. 1) die engel übertreffend, mhd. überengelisch Lexer 2, 1613; die überengelische krafft und herlikeit Christi Karlstadt von dem priestertum D 1a. 2) sich über die engel erstreckend: der vater hat die ... überenglische, übermenschliche, richterliche macht dem sohne gottes gegeben Dannhawer catechismusmilch 5, 1309.
 
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überenzig, adj. u. adv. superfluus. formen: überenzig, -einzig, -inzig, -unzig, -enz. ein wort unsicherer herkunft. Schmeller 1, 118 schwankt in der erklärung zwischen ableitung aus überrinnen und suffixableitung überenzen, dem verbalsuffix, das in bockenzen, faulenzen, wildenzen usw. vorliegt (s. o. th. 3, sp. 677, ferner die sammlungen von Kluge und Rother in zs. f. d. wortf. 6, 40 ff.; 14, 219 ff.) und eine in ihrer bedeutung geschlossene gruppe von verben bildet. er führt es aber auch als intensivbildung zu übrig (1, 20) und als compos. zu einzig an (1, 89). als compos. von über und einzig wird das wort von Lexer handwb. 2, 1613 und bei Staub-Tobler 1, 359 erklärt. diese deutung führte schon die grammatiker des 17. jahrh. zu ihrer wortbildung übereinzig, pluralis (s. o.). doch spricht bedeutung und der vocalismus der dritten silbe dagegen. die herleitung von enzi, enz 'riese' verbietet sich aus gründen der bedeutung, gegen die anknüpfung an ende endlich spricht das fehlen einer formelhaften zusammenrückung überende (adverbiell *überendes) in einstimmender bedeutung. als intensivbildung zu übrig faszt Crecelius 2, 834 das wort. es ist schwer von faulenzen, bockenzen etc. zu trennen. innerhalb dieser sippe auf -enzen, -enzig nimmt überenzig allerdings eine isolierte stellung ein, weniger wegen fehlens eines verbums überenzen (adjectiva auf -inzig ohne verbalbildungen bei Rother a. a. o., z. b. altinzig, fettinzig, grunenzig), als durch seine bedeutung. ü. ist vom 14. jahrh. an belegt (s. Lexer a. a. o.), in den meisten wbb. obd. u. md. maa. gebucht: Schmeller a. a. o.; Staub-Tobler a. a. o.; Martin - Lienhart 1, 46; Schmidt els. wb. 365b; 369a; Fischer schwäb. wb. 2, 746: Follmann lothr. ma. (1909) 262b; lux. ma. (1906) 194b; Vilmar kurhess. idiot. 420; Crecelius a. a. o. Schmidt westerwäld. idiot. 276; Askenasy Frankfurt. ma. 99; 213; 231; Autenrieth pfälz. idiot. 143. für den osten kenne ich nur den beleg Rothers a. a. o. aus Schlesien. auf ns. gebiete ist ü. nicht bodenständig, Heynatz antibarb. 2, 488 nennt ü.

[Bd. 23, Sp. 194]


'häszliches oberdeutsch', im nd. (Wöste 192a), mnl. (overensich), nnl. (overentzig, overensig de Vreese woordenb. 11, 1686) ist es lehnwort aus d. hochd.; wie die meisten bildungen auf -enzen, -enzig blieb auch ü. mundartlich. bedeutung u. gebrauch: überig, überentzig, hinderstellig furhanden Schöpper syn. h 6a; reliquus Dasypodius dict. N i i i j; superfluo Hulsius (1618) 253a; übrig Kramer (1702) 2, 1175b.
a) attributiv: also ward die überentzig zeit mit zimlichen freuden vertriben Wickram 2, 134, 25; nachdem der überentzig blunder (des zu vil in schif was) uszgeworfen ist Keisersberg schiff d. penitenz 111; ein armer landsknecht ... hette nit überäntzige kleider an Frey 57, 4; bekommt auch wol denen, so mit übereintzigem geblüt beladen sind Tabernämontanus kräuterb. 634; mit überäntzigen fasten den leib und gesundheit schwächen Dannhawer catechismusmilch (1657) 2, 141.
b) substantiviert: das überentzige, reliquum, superfluum. resto, residuo Kramer (1702) 2, 1176a; das die diener gotes ... nit allein für sich selbs fürsehen weren sunder auch etwas überentzigs hetten H. Gebweiler beschirmung d. lobs Marie (1523) 36a; von dem ubereintzigen, welches ein hauszvater sammlet und auffhebet Sebiz feldbau 135; vgl. auch Wöste a. a. o.; wolt ich ein überentzigs thun Wickram rollwagenb. kap. 272; ich will ein übereintziges thun Kirchhof wendunm. 154.
c) prädicativ: überentzig sein, überig sein, restare, superesse Emmelius N n 7b; avanzare, esser troppo Hulsius (1605) 143a; überbleiben Megiserus thes. 2, 422a; und waʒ dan überentzig were daʒ sal aber ime und sînem stiffte alleyne zusteen und zu staden komen Mainzer urk. a. 1426 bei Crecelius 2, 834; was man über statsgebühr überentzig hat Dannhawer evang. memorial (1661) 620; vgl. auch Follmann a. a. o.; ü. bleiben Eppendorf Plinius (1543) 8, 44; ü. behalten Sebiz feldbau 138; ü. lassen Schmidt westerwäld. idiot. a. a. o.
d) adverbiell zur bloszen steigerung des begriffes: über die maszen. eccesivamente Kramer (1702) a. a. o.; iwwerenzi lüeje Arnold pfingstmontag 5, 3; i. dumm, sehr dumm ebenda 1, 4. in der bedeutung 'übrigens' bei Wöste a. a. o.; Kramer a. a. o.
 
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überepisch, adj., steigernd zu episch, als spontane wortschöpfung bei Göthe:

Klopstock will uns vom Pindus entfernen; wir sollen nach lorbeer
nicht mehr geizen, uns soll inländische eiche genügen,
und doch führet er selbst den überepischen kreuzzug
hin auf Golgatha's gipfel
Göthe I 2, 136 Weim.


 
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übererben, v. vererben: auf welche Adams und Evas schicksal übererbt zu sein scheint B. Goltz ein jugendleben 2, 395; eingelebte, einfache, übererbte lebensformen ebd. 3, 115.
 
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übererfahrung, f., in der philos. prosa: wissen, das jenseits der empirie liegt: das gesammte wissen oder verstehen können wir uns denken als erfahrung und übererfahrung, sinnliches und übersinnliches Fichte nachgel. werke 1, 417. hiezu: übererfahrungsmäszig, adj. ebenda 1, 441; die annahme einer übersinnlichen und übererfahrungsmäszigen welt war für Kant selbst durch das sittliche bewusztsein begründet Windelband gesch. d. neuer. philosoph.4 2, 93.
 
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übererhaben, adj. sehr erhaben, zu erhaben: das erhabene, für uns übererhabene, höchst verehrungswerthe, doch genau besehen mit einem absurden ja infamen empirischen verbundene macht uns stutzig Göthe I 42, 2, 524 Weim.; es ist etwas so unendlich hohes und übererhabenes im innersten wesen der religion Görres 1, 165. hiezu übererhabenheit, f. (Lichtenbergs) geschmack schwankte zwischen den plattheiten Wieland's und den übererhabenheiten Milton's Gervinus gesch. d. dtsch. dichtung 5, 168.
 
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übererstling, m.: sonst wird das junge schaaf bis zur ersten einwinterung lamm genannt, ... von der dritten bis zur vierten einwinterung: übererstlinge Thär grundzüge d. rat. landwirtsch. 4, 406.

[Bd. 23, Sp. 195]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) übererren, v. (15. jahrh.) über die grenze hinaus ackern und dadurch den nachbar schädigen; vgl. Grimm weist. 6, 103.
 
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übererzeugung, f. überproduction. war übererzeugung, wie bei landbau, blosz überreiche ernte, so werden nur mittel nötig das überviele aufzuspeichern für mindere jahre W. Fr. Meyern hinterl. kl. schr. 1, 175.
 
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überessen, v. crapulari. part. prät. überessen (z. b. Pauli schimpf und ernst 197; Stumpf Schwytzerchron. 185b; samml. v. schausp. (1764 ff.) 6, 132 u. o.) und übergessen (z. b. Göthe, Cl. Brentano, Bettine, Tieck, Auerbach u. a.).
1) refl. sich ü., über vermögen essen Adelung 4, 749; häufig in formelhafter verbindung mit übertrinken: der sich nit uberiszt und ubertrinckt Alberus (1540) B B i jb s. v. sobrius; am feirtag sich überessen und übertrincken, bisz du es wider gibst (ist todsünde) Keisersberg narrensch. 185a. die rychen ... überassend sich ein teil und wurdend voll Zwingli deutsche schr. 1, 147. wiltu desz nachts wol ruwen, soltu desz abends dich nicht überessen Kirchhof wendunmuth 1, 150. also geschicht es disen auch, die sich uberessen und mehr zu ihn nemmen, weder sie vertawen mögen Höniger narrensch. (1574) 58a; halte dich warm mit kleidern und hüte dich vor dem lufft, auch uberesse dich nicht Gäbelkover artzneybuch (1595) 1, 250; welchs pferdt sich überiszt und nit wol gedeuen mag, gib im salz zu essen Albrecht roszartznei 12; wenn sich ein rosz übergessen hat und nicht wol dawen kann Walther pferde- u. viehzucht (1658) 139;

die kirche hat einen guten magen,
hat ganze länder aufgefressen,
und doch noch nie sich übergessen
Göthe I 14, 139 Weim.;

an etwas sich überessen: confeckt, doran ich mich überas, ... das ich die nacht kranck wardt Felix Platter 285; ich kann das predigen nicht vertragen, ich glaube, ich habe in meiner jugend mich daran übergessen Göthe I 42, 2, 204 Weim.; du muszt dich vom collaborator nicht irre machen lassen, der hat sich an den büchern übergessen Auerbach dorfgesch. 3, 87. am süszen überiszt man sich leicht Weinhold H. Chr. Boie 143. auch mundartlich: an dan hob i mi überass'n, er ist mir in der seele zu wider Ruckert unterfränk. ma. 186.
2) part. prät. in attributiver function: dabei schütterte ihm der bauch wie einem überessenen faun Handel-Mazzetti Jesse und Maria 1, 8.
3) substant. inf.: crapula Diefenbach 155a; indigeries 294c; intemperantia cibi Schönsleder a. a. o.; Dentzler clavis ling. lat. 294b; vgl. auch mhd. wb. 1, 759b; daʒ überessen verfellet den menschen an leybe und an sele, an gut und an ere. wan von überessen und übertrincken komment siechtage und werdent die leut blind spiegel menschlicher behaltnusze (1492) 54b; hochfart, nachrede, neyde, überessen und trunckenhayt sein ain kelch der teufel Eyb spiegel der sitten (1511) 40a; das man uberessen, ubertrincken, müsziggeen und andere ursachen der unkeuscheyt nicht gemyden hat Luther 2, 63 Weim.

 

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