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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
übereggen bis übereinander (Bd. 23, Sp. 169 bis 178)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) übereggen, v., über den acker hin eggen, nochmals eggen. nl. overggen. untrennbare verb.; einen acker übereggen Frisius dict. 702b: nach dem einpflügen des samens wird das übereggen der rauhen oberfläche nothwendig Schwerz pract. ackerbau 348; übereggen der winterungssaat Thaer grundzüge der rat. landwirthsch. 1, 139.
 
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übereifer, m., zu groszer eifer. nl. overijver. übereifer taugt nicht! Rosegger III 8, 334; auch schadete der übereifer, den ... die ausführenden organe entwickelten Prutz pr. gesch. 3, 313; religiöser übereifer Laube 15, 209; vaterländischer übereifer Treitschke deutsche gesch. im 19. jh. 4, 433.
 
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übereifern, v., ereifern. untrennbare verb.; reflexiv: ihro gnaden übereifern sich nicht Holberg dän. schaubühne 1, 413.
 
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übereifrig, adj. und adv., sehr eifrig, zu eifrig. nl. overijverig. erst im 19. jahrh. allgemeiner gebraucht, attributiv bei concreten und subst. actionis, prädicativ, substantiviert und adverbiell: überhaupt ist es geschichtlich unrichtig, wenn man Dante als einen übereifrigen, leidenschaftlich erregten Ghibellinen zeichnet Döllinger academ. vorträge 1, 109; das schimpfen und fluchen welches übereifrigen gutsbeamten eigentümlich ist Polenz Grabenhäger 1, 352; das muster, das er im Wilhelm Meister gab, fand übereifrige weiterbildung schr. d. Göthegesellschaft 14, vorr. 49; welches die veranlassung zu diesem ... übereifrigen angriffe ... gewesen sein mag ... wünschen wir ... nicht zu untersuchen R. Wagner 8, 227; Molleville, anfangs übereifrig in des königs dienst, sah sich zur flucht genöthigt Dahlmann gesch. d. frz. revol. 135; alterthümelnde liebhabereien übereifriger Freytag 14, 289; 'o — dann!' rief Nathanael übereifrig Ebner - Eschenbach 2, 54.
 
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übereignen, v. ,
1) zueignen. untrennbare verb.; in der juristischen prosa für proprietatem fundi in alium transferre, vgl. Haltaus (1758) 1813, hier auch beleg aus der rechtsprosa des 16. jahrh.; diese wiese, übereignete mein groszohm Otto der dritte ... der stadt Köln zu ewigem besitze Alexis Woldemar 2, 126; der erzbischof hat sich anheischig gemacht, die ihm übereigneten besitzthümer binnen einem jahr ... zurückzugeben Ranke 25, 16; unter vorbehalt der väterlichen rechte war das gut ihr übereignet worden Storm 6, 135; von da aus allgemein: denen er so ein liebes kleinod übereignet und schenket Birken fortsetz. der Pegnitzschäferey (1645) 57;

stellt in einem wasserkruge
den waldblumenstrausz, den vorher
Gisela ihr übereignet,
auf die tafel
Wolff landsknecht v. Cochem 23.


2) im 17. jahrh. allgemein für widmen: einem seine arbeit heiligen, widmen; ... übereignen Treuer Dädalus (1675) 1, 237; solche (schrift) e. gestr. und meinem groszgünstigen herren zu schuzze und gewiszem unterpfande treuer dienstfehrigkeit übereignen wollen Butschky hochd. kanz. 182; als habe ich ... es nicht entfernen dörfen, ... dis ... büchlein der ... jungen herrschaft ... zu übereignen Aitinger jagd- und weidbüchlein (1681) 2a.
 
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übereignung, f., übereigenung, traditio Schottel haubtspr. 392. zu übereignen 2 (s. o.): übereignungsbrief, m., dedicatio, z. b. Butschky hochd. kanz. 178; übereignungsschrift, f., dass.: übereignungsschrift an die hochlobliche fruchtbringende gesellschaft Harsdörffer frauenzimmergesprechspiele 2, A 2a; diese meine unterdienstliche übereignungsschrift Rist friedejauchz.

[Bd. 23, Sp. 170]


Teutschland vorr. vijb; schlüslich solte, dem alten herkommen nach, diesem werke, zu mehrem schutze, einige übereignungsschrift vorgestellet werden Butschky Pathmos vorr. 4.
 
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übereile, f., hast: ich packte mit übereile ein Bettine Göthes briefw. m. e. kinde 1, 107; man könnte jene in Deutschland überhandnehmende neigung noch anders und tiefer ableiten: aus jener hast, jenem athemlosen erfassen des augenblicks, jener übereile, die alle dinge zu grün vom zweige bricht Nietzsche 1, 451;

unart und übereil' zumal
wünscht' ich zu allen teufeln
Göthe 6, 229 Weim.;

die rührigkeit, entfernt von übereil' und rasten
Rückert 8, 164.


 
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übereilen, v. , überfallen, überhasten. mhd. überîlen, erst vom 14. jahrh. an belegt. nl. overijlen; dän.-norweg. overile und schwed. öfverila aus mnd. entlehnt, untrennbare verb. Campe bucht für die bedeutung hinübereilen das verb. als trennbare verbindung, dieser gebrauch läszt sich nur ganz vereinzelt nachweisen (vgl. Hölderlin 1, 197, 35).
A. transitiv:
1) überfallen Schiltberger 17, 15; opprimere, obruere Schönsleder prompt. M 4a; sopragiungere sorprendere Kramer (1678) 1067a; meist mit dem nebensinn des unvermutheten, plötzlichen. die wbb. bringen dies auch vielfach zum ausdrucke: iungere allo improuisto Hulsius (1605) 143a; opprimere aliquem inopinantem Steinbach 1, 325; ertappen, erhaschen Kramer hochniederd. wb. (1719) 218a.
a) mit persönlichem subject: eilet, das wir gehen, das er (Absalom) uns nicht übereile und ergreiffe uns und treibe ein unglück auf uns 2 Sam. 15, 14; (der teufel) sihet, wo er uns heimlich und meuchling übereilen und berücken möge Luther 342, 381, 16 Weim.; lug in gutem deins vortheyls, das dich der feind nit werlosz übereil Franck sprüchwörter (1545) 1, 59a; wann da er das vernam, da was er eilentz auf, ehe die feind sich gar versamleten und zusammen kamen, da übereylt er sie, und gewan den Volscen eyn groszen streit ab Carbach Livius 59; so wolten wir die Schweitzer im Schwaderloch übereilt und geschlagen haben Berlichingen lebensbeschrbg. 15; der lanzknecht übereilt den Schweizer mit dem spies, stach in in ein greblein Wilw. v. Schaumburg 124; das ist gottes sonderbare güte, dasz er die sünder nicht alsbald mit der straff übereilet, sondern gibt ihnen zeit zur busz Schupp schrift. 185;

sprach ich: Venus thet übereylen
mich mit ihren unsichting pfeylen
Hans Sachs 3, 391, 28 Keller;

(Hercules) thät den mörder übereilen,
mit spitzigen und scharpfen pfeilen
Spreng Äneis 157b;

pass.: aber sein pferd fiel auf eim glatten eisz, do ward er übereilet von denen, so do verborgen lagen Münster cosm. 342; die soldaten ... wurden von Türcken übereilet und nidergehauen Stumpf Schwytzerchr. 26a; es kan auch eine stat ohne laytern übereilet werden Wallhausen kriegsmanual (1616) 63; die Janitscharen ... sind ... von den kayserlichen übereilet worden Birken verm. Donaustrand 229; sein freund kommt an die stätte des verbrechens, sieht die leiche, sieht das schwert, nimmt es in die hand und wird so von Lysander's dienern übereilt Börne 1, 143.
b) mit sachsubject: es sol auch ein mensch ... nicht zu milde seyn, auf das ihn die armut nicht übereile Agricola 750 teutscher sprichwörter F 2a; da du (gott) sie (die Ägypter) aber ansahest, wurden sie verzagt, und die tieffe übereilet sie, und das wasser erseuffet sie Judith 9, 7; ehe die not und letzten züge uns übereilen Luther 32, 535, 7 Weim.; der schrecken, so mich übereilet Grimmelshausen vogelnest 492, 15 Keller;

wofern ihr was verweilt, so wird der grosze tag
der zum gerichte ruft, euch plötzlich übereilen
Gryphius poet. wälder 1, 87;

bescher mir, herr, nur meinen theil,
das keine noth mich übereil Fischer-Tümpel evangel. kirchenlied 1, 114;

pass. mit etwas übereilt werden: (ich ward einst) mit dem regen überylt, dasz ich über die knüw im waszer gieng

[Bd. 23, Sp. 171]


Felix Platter 259; als er nun mit dieser jemerlichen und erschreckenlichen hinfart und verderben übereilt ward Zach. Müntzer bepstl. gesch. (1566) 245; ward er doch mit kranckheit dermaszen übereilet Stumpf Schwytzerchr. 200a.
der gebrauch schränkt sich seit dem 18. jahrhundert auf einzelne redensarten ein, z. b.: der tod, die nacht, der abend übereilt jemanden: der tod übereile sie, und müssen lebendig in die helle faren ps. 55, 16; reinige dich mit der busze, ehe dich der todt übereilet Olearius vermehrte reisebeschr. (1696) 118;

so übereil sie (die feinde) bald der tod
und las, herr, schnell hinunter fahren Wackernagel kirchenlied 3, 185;

thut bus, ehe denn mit seinem pfeil,
der schrecklich todt euch übereil
Ringwalt christl. warnung K 8a;

und ob der gerecht schon zeitlich stirbt und mit dem todt übereilt wirt Scheit frölich heimfart A 3b; wie will sich dann jemand mit fug beklagen, dasz er plötzlich übereylet werde durch den todt? Moscherosch ges. (1650) 449; wann mich der tod hätte gäh übereilet, so wer ich ewig verlohren Abraham a. S. Clara Judas d. ertz-schelm 3, 495; nicht weit von Zara übereilte ihn (Mansfeld) der tod Schiller 8, 125; in diesem sinn auch prägnant übereilt werden für sterben: und mache sein testament, auf das, ob der herr anklopfet und er übereilet würde, ehe denn pfarher oder caplan dazu komen kundten, er gleichwol seine seele versorget Luther 23, 370, 26 Weim.
er sorget, so in die nacht übereilet, er mocht noch ferrer in dem wald verirren Wickram 2, 302, 7; wie oft hat ihn (so er den lauf der stern ... abents zu erforschen anfieng) der tag übereilt Schwartzenberg teutsch Cicero (1535) 32b; Petrus der Dennemärcker ritte einsmals mit dem hertzogen (von Polen) auf das gejägte, als aber die nacht sie beide übereilete, musten sie Rätel chronica d. herzogth. Schlesien (1607) 50; weil uns die ebbe übereilte, so konnten wir nicht stracks nach Hamburg hinein wandern Lichtenberg br. 1, 294; eines sonntagmorgens, da die mutter von dem geläute übereilt ward Göthe 21, 22, 13 Weim.;

oft wan sie sich verweilet,
auf gar zu blosem feldt
vom abend übereilet
Spee trutznachtigall (1649) 131;

der wanderer, übereilt von nacht und dunkler schwärze,
flucht der verschlosznen tühr
Drollinger ged. 163.


2) ein fehler, ein affect übereilt uns, für hinreiszen, überwältigen: mit blinder lust und begierde übereilet werden caeca cupiditate rapi Faber thesaurus (1587) 122a; so ein mensch von einem fehl übereilet würde Gal. 6, 1; und gab ihr zu verstehen, dasz ihn der zorn übereilet polit. maulaffe 46; hernach ... hat mich der trunk übereilet Schweinichen denkwürd. 39; (sie) glauben einen guten mann aufs lindeste mit dem ausdruck zu entschuldigen: es habe ihn die menschlichkeit übereilet Herder 17, 136; mit recht nennen sie Shaftesburi einen edeln schriftsteller; ob ihn gleich hie und da, sein stand, ich möchte sagen, seine lordschaft übereilte 158; unzufriedenheit, die manchmal wohl fromme ... übereilt hat Kästner verm. schr. 2, 155; o vergib dem vater, der vom zorne übereilt ward Tieck schr. 8, 215.
formelhaft: die zunge übereilt jemanden für unbedacht sprechen: dasz zu gar unbescheidenlich ir zung sie übereilet Amadis 1, 226; ausz dieser rott haben sich etlich ihr maul übereilen lassen Paracelsus opera 1, 252 c;

das war gut, dasz ich
ein langen halsz het, sonsten mich,
mein sprach bald übereilet hett,
das ich zuviel allhier gered
W. Spangenberg ausgew. dichtungen 102;

der sinn von zuvorkommen (s. u. 6), ist erst secundär dem ausdrucke untergelegt worden: die zung soll die gedancken nicht übereilen, ne lingua praecurrat mentem Dentzler clavis ling. lat. 294a; da die zunge von den gedanken oft übereilet wird Butschky Pathmos (1677) 551;

wann für den mann das weib spricht in der handelunge,
so ists, wie wann den sinn oft übereilt die zunge
Logau sinnged. 52 Eitner;

[Bd. 23, Sp. 172]



ach, immer und immer übereilte sie (die zunge) mich,
ist stets dem gedanken zuvor gelaufen
Tiedge 7, 180;

übereilt werden, in moralischem verstande für sich hinreiszen lassen: ich setzs, da einer übereilet würde und ein fluch eraus liesze Luther 32, 97, 7 Weim.; denn es thut oft einer ein ding, das er zuvor ins gemüthe nicht gefasset hatte viel weniger in willen zu thun, und wird doch alsobald übereilet Böhme (1620) 3, 187; engel sind wir ja nicht, sondern menschen, ... werden zuweilen übereilt, und fallen, indem uns dünkt, wir stehen gar feste H. Müller erquickst. 385.
3) übervortheilen, schädigen, durch verengung des begriffes aus 1) erwachsen: damit irer Majestät land und leut in den dingen destmynder vergewaltiget, oder übereilt werden mügen urkunden z. gesch. d. schwäb. bundes 231; damit ... der unschuldig wider recht nit übereilt werde Carolina 47; demnach bis anhero in den arresten die schuldner zur ungebühr oft übereilet worden Breslauer polizei-ordnung a. 1577; Ambrosius leret keiser Theodosium, er solle kein urtheil in dreiszig tagen exequiren, oder volziehen lassen, damit niemand übereilet würde Mathesius Sarepta 217a; und derhalben wegen der dritten fürfallenden verhinderung niemanden im rechten verkürtzet oder übereilt werden solle Sattler (1617) 346; damit also keinem theil unrecht geschehe oder jemand unverschuldet übereilet und verurtheilet werde Reinicke Fuchs (1650) 87; (der verkäufer eines gutes musz sich vorsehen) damit er in einen und andern nicht vervorthelt, übereilet (werde) Hohberg georgica curiosa (1682) 1, 15;

hast nit acht auf in fleisziglich,
so wird er übereilen dich
Hans Sachs 19, 79, 41 Keller-Götze;

man sicht ein menschen auszen nur;
desz hertz, gedancken und natur
kan man nit sehen sonder probirn,
und man musz subtill procedirn,
dasz man nicht jemand übereil
Ayrer dramen 462, 3.


4) jemanden zu allzu groszer eile antreiben, drängen:

meister, lasz mir wol derweil,
meister, ir solt mich nit übereiln! hist. volksl. 118, 18 Liliencron;

sag her an vorcht, nim dir die weil,
denck nit, das ich dich übereil
Folz fastnachtsp. 1206;

man will dich übereilen, königin!
Schiller 12, 535;

nun fing er an, schwatzte allerlei verkehrtes zeug, das darauf hinaus ging: ihr hättet ihn übereilt Göthe 8, 71, 24 Weim.; was das schreiben anlangte, so ging auch aus seinen (des schulmeisters) händen dieser und jener hervor, der den eigenen namen zu stande zu bringen wuszte, wenn man ihn nicht übereilte, sondern ihm die nöthige zeit liesz Immermann 1, 72; sie sollen zu nichts übereilt werden Gervinus, in briefw. zw. J. u. W. Grimm etc. 2, 296.
durch eile überanstrengen: die ochsen mit arbeit übereilen, übernötigen, zefast brauchen, conterere boves Frisius dict. (1556) 163b; (es ist auszerordentlich schädlich für ein pferd) wo man es über vermögen antreiben, übereilen und anstrengen wolte Hohberg georgica cur. aucta III 8, 94a; der fürst übereilte seine leute, princeps ministros suos celeritate opprimebat Steinbach 1, 325; einen arbeiter übereilen, to overhurry, to flurry, to fluster a workman Hilpert (1845) 635b;

das man im vierden jar die kind
wol an mag füren, doch fein lind,
das man sie gar nit übereil
Wickram 4, 191, 1945;

wann es (das kind) dann fahet an zu gehn,
so soltu es mit fleisz gewen.
übereil es doch zum ersten nicht,
auf dasz im da kein schad geschicht
am rücken und den füszen klein
Ruoff hebammenbuch (1580) 256;

der fehler des eiteln pädagogen, der sein kind lieber übereilen und mit ihm prahlen, als gründlich unterrichten will Lessing 13, 418; ich dachte daran, dasz die natur ... ihre kinder nicht übereile, sondern langsam erziehe Herder 23, 443. selten bei concretem sachobject: ein haffen, der wüst ist, sol man den schön machen, so bedarf man lenger zeit darzu, dan zu eim, der nit

[Bd. 23, Sp. 173]


wüst ist; wolt man in aber übereilen und ze hert angreiffen, so het man bald ein loch dardurch gemacht Keisersberg baum. d. seligk. 38b.
5) ein geschäft, eine angelegenheit zu hastig durchführen, allgemein: praecipitare Schönsleder prompt. a. a. o.; Kirsch (1723) 298a;

du solt nichtz übereilen
Hätzlerin liederb. 162;

aber den baiden zu urteiln
darf ich die sach nit übereiln
an sunder fleiszige verhör
Hans Sachs 3, 11, 31 Keller;

wiltu rechte ordnung in nutzlichen heylsamen predigen wissen, so lere vom anfang an mit gutem verstand das volck, wirdestu kein leer übereilen Eberlin v. Günzburg 2, 89 neudr.; so sollen wirsz gern hören, und die sach nicht übereilen Hartm. v. Cronberg schr. 143 neudr.; übereils nit! Franck sprüchw. (1545) 1, 50b; es laszt sich ein ding nit übereilen, es wil sein zeit haben, qui nimium properat, serius absoluit klugreden (1548) 62a; ich übereilte alles, that immer zu viel oder zu wenig Knigge umgang mit menschen 1, 29; dasz er in seiner unternehmung nichts übereile und klugheit anwende Bode Mich. Montaignes ged. u. mein. 2, 14; das erstemal übereilte er (der junge schauspieler) die rolle zu sehr Göthe IV 16, 150, 13 Weim.; Vulpius ist gut und brav, aber seine thätigkeit an zwei journalen läszt ihn die dinge ... übereilen IV 28, 142, 16 Weim.; indem ich eine sache übereile, wird es sein gegenteil Novalis 3, 44; die Franzosen ... mit ihrem geschwinden und windigen wesen, das von natur alles übereilen musz Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen 2, 335; ich bitte dich dringend, deine abreise nicht zu übereilen Moltke schr. u. denkw. 4, 220; (frau Unwirsch) liebte die ordnung in allen stücken und übereilte nichts Raabe hungerpastor 1, 116; substantivierter inf.: es geht um mich sehr wild zu, so dasz ich in die beiden gröszten menschlichen fehler zu verfallen in gefahr bin: in's versäumen und übereilen Göthe IV 42, 152, 13 Weim.;

o geh' zurück, gesteh' dein übereilen,
es läszt der schaden sich noch immer heilen
Tieck 2, 144.


6) vorkommen, prevenire, venir davanti Hulsius (1605) 143a; jemandem zuvorkommen Hilpert (1845) 635b; da der aff sahe, dasz die katze (im wettlauf) ihn übereilen würde eselkönig 204; ein wetteläuffer wäre befugt alle äuszerste kräften anzugewehren, nicht aber denen ihn übereilenden ein bein unterzuschlagen Lohenstein Arminius 1, 352a;

auf, Akle, die den fuchs erhascht, auf, Sphinx,
und, der die hirschkuh übereilt, Alektor
H. v. Kleist 2, 134;

bildlich:

gott übereilte ja den kummer mit erbarmen,
und gab dir, eh er schlug, ein trostpfand in die armen
Günther 801;

und stets der zweite wunsch den ersten übereilet
Dusch (1754) 313;

ein schlanker tannenbaum sie (die bäume) sämmtlich übereilt,
und durch sein grünes haupt die leichten wolken theilt
Zachariae 1, 61;

so hab ich die zeit um eine stunde übereilt Arnim 16, 143; der geflügelte sieg übereilte die hoffnung selbst Hölderlin 2, 163, 22; indem er (Franz v. Assisi) die ganze erde ... in seine liebe zu gott inbegriff, übereilte er das mittelalter Hesse Peter Camenzind 154.
7) über etwas hinübereilen:

es mocht in alter zeit
der alten Deutschen heer die Alpen übereilen
Hoffmannswaldau etc. ged. 5, 142.


B. reflexiv:
1) sich sehr beeilen, übermäszig eilen: praefestinare Dentzler a. a. o.; zich overhaasten, verhaasten Kramer hochniederd. wb. (1719) 218a; frawen und man sich übereilten in die kirchen zu komen städtechron. 3, 68, 18; (der bilger) ibereilt sich am ersten nit oder ibergat sich nit; er gat den ersten tag gemach Keisersberg bilgersch. 282 Dacheux; das hertze schlug ihm wie eine sich übereilende uhr Lohenstein Arminius 2, 111b; aber diese advocaten funden die practic so gut, dasz sie sich nicht

[Bd. 23, Sp. 174]


zu sehr übereileten, die partheien zu einem accord zu bringen Happel akad. roman (1690) 48; übereilen sie sich nicht, wir wollen das werk mit kaltem blute untersuchen Gerstenberg Hamb. neue zeitg. 11, 26; übereile dich nicht, kind, dasz du mir das instrument nicht im tragen verstimmest Klinger werke 1, 412;

ein jeher mann solt esel reiten,
auf das er sich nit übereil,
und nemb ihm wohlbedacht der weil
Hans Sachs 2, 279, 13 Keller;

so lehre mich denn auch zu reden, was du wilt,
du weist, wie sich der mund sonst leichtlich übereilet
Besser (1732) 2, 826;

bedenke wohl die erste zeile,
dasz deine feder sich nicht übereile
Göthe Faust 1231.


2) in moralischem verstande: die sich am leichtesten übereilen, sind nicht die schlechtesten menschen Lessing 13, 99, 19; ich lege mir aber selber oft solche buszen auf, wenn ich mich übereilt habe Lavater verm. schr. 2, 194.
3) sich in einer sache übereilen, precipitarsi in qualche affate Kramer (1678) 1067a; des richters ampt ist, ... sich im urtheilen nicht übereilen Nigrinus von zäuberern etc. 287; viele gegenwärtige dinge stöhren unsere aufmerksamkeit auf unsere handlungen, dasz wir ... uns in unserem urtheile übereilen Wolff gedanck. v. d. m. thun u. l. (1720) 109; der mann, der gegen Urias und Bathseba sündigte, kann sich auch in worten übereilen Herder 12, 209.
4) sich mit etwas übereilen: übereile dich nicht mit reden Sir. 5, 13 bei Teller 2, 47; er hat ursache um vergebung seiner sünden zu bitten, dasz er sich so sehr mit dem schwören übereilet Pistorius thesaurus (1716) 107; gib meinen kindern bedachtsame hertzen, dasz sie sich mit unzeitigem urtheilen und tadelei nicht übereilen Moscherosch insomnis cura parentum 69 neudr.; diese betrachtung hätte den herrn Voltaire vermögen sollen, sich mit dem geschwinden schlusz nicht zu übereilen Bodmer abhandl. v. d. wunderbaren 22.
5) sich überanstrengen: die sich mit weibern übereilet haben die sterkt es (das arzneiwasser) und kräftigt die lebern und die nieren apoth. 18.
C. intransitiv: übereilen nennt man es, wenn ein hirsch die fährte des hinterlaufes vor die fährte des vorderlaufes setzt Dombrowski 8, 34a; hier auch beleg dieser bedeutung aus dem 15. jahrh.; vgl. auch Fleming vollkomm. teutsch. jäger (1719) 95; das thier, so ein hirschkalb trägt, übereilet auch oft mit dem lincken hinterlauft Döbel jägerpractica (1754) 1, 17.
D. part. präs. in adjectivischer und adverbieller function: hastig, unbedacht: ferner hob der pabst alles auf, was der kaiser ... verfügt hatte, und nannte ihn dabei einen ... übereilenden fürsten Raumer gesch. d. Hohenst. 4, 191; sie werden mich öfters übereilend, öfters leichtsinnig finden Schiller 1, 25; ein bey der jugend gewöhnliches übereilendes wesen Holberg dän. schaubühne 1, 49; um um seine übereilende thätigkeit in wirkung zu setzen Arnim 1, 176;

laszt diesen händedruck die wunde heilen,
die meine zunge übereilend schlug
Schiller 13, 231.


E. part. prät.: übereilet, übereilt.
1) überbürdet, sehr beschäftigt: ich hatte willen, in einem buch alles zu verantworten, aber ich bin übereilet, und es wil zu gros werden Luther 18, 125 Weim.
2) überhastet, unüberlegt, voreilig; seit dem 18. jahrh. in attributiver prädicativer und adverb. function ganz allgemein, z. b.: übereilter rat, schritt; übereilte art, handlung, folgerung, heirat, flucht, abreise; übereiltes lob, urteil, gelübde; übereilte reformen, wünsche usw.; es würde also sehr übereilt sein, die wahrheit des charakters unsers helden in verdacht zu ziehen Wieland Agathon vorbericht; und doch sind wir andern so übereilt, diese mystischen geschenke der katholischen religion als armselige kleinigkeiten zu verschreien Thümmel reise 4, 120; volksherrschaft war immer vermessen und übereilt, schwindlich und unbeständig Zimmermann über die einsamkeit 1, 389. adverbiell: die feier meines geburtstags, zu der ich etwas übereilt meine einwilligung gab

[Bd. 23, Sp. 175]


Göthe IV 33, 182, 2 Weim.; weil die richter sich vom stande des klägers verleiten lieszen, übereilt zu verfahren Tieck schr. 4, 286; (Hamlet) handelt übereilt, wo er hätte besonnen prüfen müssen Hegel 102, 205.
 
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übereilung, f. , unbedachtsamkeit. seit dem 15. jahrh. belegt: überylung Riederer spiegel d. wahren rethoric (1493) B 2b; Pauli schimpf und ernst 169.
1) praematura festinatio Dentzler clavis ling. lat. 294a; voorhaasting, verhaasting Kramer hochniederd. wb. 218a; es wäre ... die übereilung aber noch schädlicher, als die versäumung Lohenstein Arminius 1, 26b; es ist besser, ein wenig zeit brauchen, ... als durch übereilung das gantze werk verderben Hohberg georg. curiosa 2, 255; vermuthlich ist dem geneigten leser selbst daran gelegen, dasz ich von der immer reicher werdenden materie nichts beschneide, wegwerfe, aus übereilung oder nachläszigkeit zurück setze Hahn einl. zu der Teutschen staats-, reichs-, u. kayserhistorie (1721) 3, vorrede 4, 14; mit den manieren musz man sich im zeitmaasz nicht übereilen, ... weil durch die übereilung die schönsten gedanken unvollkommen werden Quantz anweisung die flöte zu spielen 141; ein mit viel geist aber mit der gröszten übereilung geschriebener artikel Görres briefe 3, 122; der gang der begebenheiten von allen seiten zeugt überall von übereilung, übertreibung, frühreife Forster schr. 8, 201;

suche nicht vergebne heilung!
unsrer krankheit schwer geheimnisz
schwankt zwischen übereilung
und zwischen versäumnisz
Göthe 2, 236, 291 Weim.;

nichts rasches, vater! o! bey allem guten
lasz dich beschwören. keine übereilung!
Schiller 12, 189.

mit gen. attribut: diese übereilung des todes verdrosz den tyrannen ..., weil dessen unersättiges vorhaben und rachgierigkeit gewest, den tod noch länger aufzuziehen Abele gerichtshändel 280; für seine unschuld redet die schreckliche übereilung seines todes Niebuhr röm. gesch. 2, 189; übereilung der natur Hufeland kunst d. menschl. leben zu verlängern (1797) 339; es wird eine übereilung der ersten ausbildung des ersatzes notwendig, die in der späteren zeit sich nachtheilig bemerkbar macht Wilhelm I. militär. schr. 2, 197.
erweitert: eile, hast: nach dem seelenarzte ward ein bote geschickt, der indesz zur übereilung keinen inneren beruf fühlte Hippel kreuz- und querzüge 1, 117; in der übereilung fällt mir gar nichts ein Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz 359; wir sind schon durch ein dutzend fürstenthümer ... gelaufen, und das in der gröszten übereilung in einem halben tag Büchner nachgel. schr. 176; verwirrt und in übereilung kleidete ich mich an Keller 3, 184; er gewöhnte sich eine stetige art zu schaffen an, die ohne übereilung auch zum ziele kommt Meyr erzähl. aus d. Ries 1, 177.
2) unbesonnenheit, unüberlegtheit: échappée impetuosité Frisch dict. (1719) 566; jene trunckenheit ist mehr zu entschuldigen, als welche mehr durch übereilung als gewonheit und fürsatz verursacht worden Dannhawer catechismusmilch (1657) 1, 287; si ... gedacht', es möchten vihlleicht di schreiben, aus übereilung, verwächselt ... sein Zesen adriat. Rosemund 20 neudr.; im fall er auch ausz übereilung geirret Happel akad. roman (1690) 444; ob es nicht möglich gewesen ..., dasz der unbefugte eiffer ..., wörter anders gedeutet aus unbesonnenheit, übereilung Arnold kirch. u. ketz. hist. (1699) 6b; (der oberst) musz in wichtigen sachen seine gedancken nicht sofort mit übereilung eröfnen, sondern alles vorher wohl überlegen Fleming vollk. teutsche soldat (1726) 161 § 2; durch klugheit und vorsicht können wir unser leben heiter und angenehm, durch übereilung hingegen, ... misvergnügt und elend machen Cramer nord. aufseher (1758) 1, 189; Adrast, sie betrachten ihre kleinen neckereien zu strenge und verwechseln falschheit mit übereilung Lessing 2, 97, 23; eurer eigenen übereilung verdank ich das geheimnisz eures namens Schiller 13, 484; (ich) begehe aus übereilung selbst einen frevel Arnim 15, 205; unvorsätzliche sünden ... sind entweder sünden der unwissenheit oder der übereilung Schleiermacher I 3, 414; man kan annehmen, dasz in der regel jeder schriftsteller

[Bd. 23, Sp. 176]


grammatisch richtig zu schreiben weisz, und dasz er sprachfehler nur aus übereilung begeht Börne 4, 27; an ihm (Carl V.) fand man weder leidenschaft noch übereilung, sondern alle seine entschlüsze waren gereift Ranke 35, 91.
3) voreilige handlung, fehler; irrthum, der aus unbesonnenem, voreiligem handeln entsteht. häufig im pl.: seine gegenwart hintern möchte, dergleichen übereilungen nicht mehr zu begehen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 124; moralische übereilungen Gerstenberg Hamb. n. zeitg. 90, 21; es wäre nicht das erste mal, dasz ich aus ihren kleinen übereilungen etwas gelernt hätte M. Mendelssohn schr. 1, 193; es steht euch durchaus nicht zu, die übereilungen eures vaters und die schwachheiten eurer mutter zu necken oder zu rügen Bräker schr. (1789) 1, 269; sein uneigennütziges ... herz deckt die allzugrosze lebhaftigkeit zu, die ihn öfters zu übereilungen hinreiszt Schiller 1, 19; eure verbrechen legen sie für jugendfehler, für übereilungen aus räuber II 3; der entwurf gehörte zu den übereilungen dieses groszen mannes, und wurde als solche hart bestraft Becker weltgeschichte 9, 509; obwohl er ein sehr frommer und tugendhafter mann war, so hatte er doch in seinem leben viele narrheiten und übereilungen begangen Stifter 2, 6;

oft ist man in der kunst nichts nütze,
oft ist es eine blinde hitze,
die lauter übereilung macht
Henrici ged. 3, 408;

durch eine kleine selbstbesiegung könnte sie eine übereilung abwenden Ludwig 5, 216; er wollte, die übereilung, die er nun einmal begangen, einigermaszen gut machen Holtei erzähl. schr. 9, 94.
4) überfall, überraschung, bedrängung, übervortheilung. nur in der älteren sprache: alsz ist hierauf beschloszen worden, das deme von Pronnicz, dieweil er einiger übereilungk sich zue beschweren nicht anlasz ... haben möge, noch etwas zeit gelaszen werde verhandl. d. schles. fürsten 1, 322; es musz auch der gubernator selbst ... die wachten oft ... besuchen dasz sie sich eben so sehr vor des gubernators, als vor des feinds übereilung beförchten müssen Wallhausen kriegsmanual (1616) 51; derhalben möchten sie gemeldten gedancken und vorschlägen zuwider laufende propositiones vor verdächtig, als deren allein der feind zu ihrer übereilung und seinem vortheil gebrauchete, ... achten Chemnitz schwed. krieg 2, 73; und wiewol ... die burger übel von übereilung wegen gefasset, griffend si doch unverzagt an Tschudi chron. Helvet. 1, 386; die armen und einfältigen ... gegen übereilung schützen Möser 1, 201.
5) überanstrengung: die extranea, ausz viele, völle, ... übereilung, überschüttung über die masz, auch sein kranckheit machen Paracelsus opera 1, 765 c.
6) in der jägersprache für eine bestimmte gangart der hirsche (s. o. übereilen C): auch tritt der hirsch über die vordern schalen ... und heiszt solches übereilung Döbel jäger-pract. (1754) 1, 8; vgl. auch Dombrowski 8, 34a. übereilungsfehler, m., fehler der aus übereilung oder unachtsamkeit entsteht: wir hätten ... erwartet, dasz verf. diesen übereilungsfehler ... anzeigen würde allgem. deutsche bibl. anhang zu band 53, 2540; er spricht ohne bitterkeit selbst von übereilungsfehlern J. Müller 10, 90. übereilungssünde, f., sünde die ohne bösen vorsatz, aus übereilung begangen wird: und was wünschen wir wohl, dasz uns gott vergebe? etwa nur einige, nur kleine fehler, oder übereilungssünden? Miller pred. fürs landvolk 2, 209; prägnant: ich würde lieber tausend übereilungsals eine unterlassungssünde begehen! Hebbel 1, 361.
 
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überein, übereins, adv. , durchaus, gleichmäszig. nl. overeen; entlehnt ins dän.-norweg. overens und schwed. öfverens. zusammenrückung aus über präp. und ein ntr. = über eines hin; mit wortaccent auf letzter silbe. zur bildung vgl. DWB überall, DWB übereck, DWB überhaupt, überquer u. ä. die form übereins findet sich seit dem 15. jahrh.: übereins voc. theut. (1482) hh 6a; Diefenbach gloss. 145a s. v. conspirare; in den ma. allgemein neben überein, vgl. Hunziker 268; Stadler schweiz. idiot. 1, 284; Martin-Lienhart 1, 45; Follmann lothr. ma. 262a; Albrecht Leipz. ma. 226a; Woeste 192a; sie ist aus dem flectierten acc. sg. (über)

[Bd. 23, Sp. 177]


einez entstanden und erhält sich auch schriftsprachlich neben überein, da sie sich dem heutigen sprachgefühl wie ein adverbialer gen. der s-losen form zur seite stellt (vgl. analoge doppelformen wie übereck — überecks).
bedeutung u. gebrauch: aus mhd. 'alle zusammen, insgesamt' (mhd. wb. 1, 418a) erwachsen früh abgezogene verwendungen:
1) gleichmäszig, ebenmäszig, zusammenstimmend. zu enger verbindung mit einer reihe von verben verwachsen, unter welchen in der älteren sprache tragen, in der neueren noch kommen, stimmen, treffen (s. u. übereinkommen, übereinstimmen u. s. w.) die festeste verbindung mit dem adv. eingehen und die häufigste verwendung finden (Steinbach 1, 328). auf diese drei verba will Heynatz antib. (1796) 2, 488 den in der älteren sprache freien gebrauch von überein eingeschränkt haben, doch zeigt Göthes sprache noch die weite verwendungsmöglichkeit des adverbs, auch sonst findet sich im 18. und vereinzelt im 19. jahrh. die verbindung von überein auszer mit den drei genannten verben noch mit bringen, denken, fallen, gehen, halten, hillen, klingen, laufen, lauten, reimen, schreiben, stehen, tragen, treten u. a. (s. u. übereinbringen u. s. w.).
überein sein, gleich sein, übereinstimmen, einig sein:

is dat glücke over ein
to allen tiden? nein quelle bei
Frisch (1741) 398b;

die frisur ist auf beiden seiten so überein, als wenn sie mit dem zirkel abgezeichnet wäre Joh. E. Schlegel 2, 117; es musz bey mir alles überein sein. wenn die tapeten von atlas sind, so ist mir's zuwider, wenn die stühle von sammet sind 3, 583.
überein werden, einig werden: und ward der herzog uberain und die von Augspurg, daz si dem ... die fest Wellenpurg wölten zerfüren städtechron. 4, 105; so sein wir überain worden mitt unser mutter, das wir uns ergeben wollen in seine genade Schiltberger reiseb. 12, 2;

die schiffleut wurden überein,
wolten sich der fart gwidert han Teuerdank 151. 24;

wann eins mals die gantz dorffgemein
wurden all räthig überein,
sie wolten bawen ein rathhausz
Hans Sachs 9, 380, 7 Keller;

zu dem ob man schon die materi gleich übereins einbeitzet oder putrificiret, ist doch solche arbeit auch vergebens Sebiz feldbau 435; schneidet speck fein sauber überein Amaranthes frauenz.-lex. 712; von wegen der nahgelegnen wälder, die sich überein bisz an see erziehen Stumpf Schwytzerchron. 392a; dasz alles volck auf erden überein gott fürchtet Opitz 4, 288; und hat mich dieses fast sehr gekräncket, wenn ich bemercket, dasz oft alle herren praeceptores in einer schule nicht durchgehends überein schreiben (= dieselbe orthographie haben) kunst teutsch zu schreiben (1711) vorrede a 2b; dasz er ganz bis auf die füsze von oben herab in purpur überein gekleidet ist Heinse 4, 18 Schüddekopf; wer dem poeten vor übel nehmen wollte, dasz er darauf bauet, der mag zugleich die natur anklagen, dasz sie jene und den verstand nicht überein gemachet hat Bodmer abhandl. v. d. wunderbaren 47; es sind die menschen auch in ihren neigungen gar veränderlich, und werden ihrer wenige angetroffen, die bisz in ihr hohes alter überein gesinnet verbleiben Fleming d. vollk. teutsche soldat 37 § 1; beide häuszer sind nun übereins und geschmackvoll angestrichen Lichtenberg br. 2, 244; obgleich alles überein zugeschneit war Göthe I 19, 289, 11 Weim.; solche die verschieden grüszten, waren überein gekleidet 24, 257, 13 Weim.; das kann und musz man annehmen, ... dasz alle gesunden augen alle farben und ihr verhältnisz ungefähr überein sehen 45, 312, 22 Weim.; aus begierde, völlig mit einander überein zu leben, (konnten sie) niemals einig werden 22, 344, 23 Weim.; nichts ist natürlicher, als dasz der gute Stieglitz mit seinen bemühungen sich uns ganz gleichförmig präsentirt, da unsre spiegel überein geschliffen sind IV 20, 356, 8 Weim.; dieses saftige weisz, überein, ohne blasz, ohne matt zu sein 45, 296, 1 Weim.;

sie geht mit freundlich halbgesenkten blicken,
und mit sich selbst so ruhig überein I 16, 225 Weim.;

[Bd. 23, Sp. 178]


es wird nothwendig ein ungleiches werk werden, da in solchen dingen zwei nicht überein arbeiten können briefw. zw. J. u. W. Grimm etc. 1, 529; was sie (die musikanten) aber alle drei überein hatten, das waren die von der übligkeit bleichen gesichter O. Ludwig 2, 511; ihr haltet es nicht dafür (für unsauberkeit), mir aber gilt es so. das sehen der menschen augen nicht alle übereins an Höfer auf deutscher erde 1, 186;

der seelen jede hat zwei rosse,
das eine bös, das andre rein,
sie selbst als führer und genosse
damit verwachsen überein
Lenau 503.


2) durchaus, schlechterdings, unbedingt. bis zum 16. jahrh. ganz allgemein, in der neueren sprache nicht nachzuweisen:

so du doch ye wilt überein
verreiten und gar sein allein
Wickram 4, 171, 1287;

dieweil sich denn ye mein sach also zutreyt dasz ich mich nit anderst behelfen mag, und mich überein in den kampf ergeben musz 1, 142, 32; wöllen wir, das got sein stat in uns find, ... so müszen wir überain friden in uns machen Keisersberg pred. 99b; wir bitten dich, das du uns nit wellest usz dem land vertriben aber wilt du überein uns vertriben und usz werffen, so losz uns in die schwyn faren postille 3, 92b; da der vater sahe, das er überein ein spiler wolt sein, da verdinckt er in zu den besten spilern, die in dem land waren Pauli schimpf u. ernst 229; wann übereins und nothwendiger weise im zunemmenden liecht must pflantzen, soltu am ende des mons die nebenschosz am baum beschneiden Sebiz feldbau 341. als verstärkung der negation wie überall (s. o.): und also lang sy darauf bleiben ... so mag in der gaistlich trost überain nit werden Keisersberg pred. 88b.
3) übereinander, über den haufen: öwerên smîten, über den haufen werfen; öwerên kuəmen, in streit geraten Wöste 192a.
 
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übereinander, adv. aufeinander, eines über dem anderen, durcheinander. zusammenrückung aus über präp. u. einander (s. d. th. 3, sp. 144). flectierte formen vereinzelt: die hand überein anderen legen Maaler 442a; vgl. auch Dentzler clavis ling. lat. 294b; wortaccent in der schriftsprache stets, in den mundarten meist auf 4. silbe (oft mit völligem schwund der 3.), selten auf erster (Hunziker 268). der fünfsilbige wortcomplex erleidet in den maa. vielfach lauteinbusze: ubirnander Luther 7, 580 Weim.; überenandere Hunziker a. a. o.; iwerenonner, iwernanner Follmann lothr. ma. 263b; iwerenâner, lux. ma. 194a; ewərnant Martin - Lienhart 1, 9; überannd Hügel Wiener dial. 169a.
1) l'uno sopra l'altro Kramer (1678) 1067b; und wenn ihr euch auch sechs noch ältere eisenmützen übereinander aufstülptet Fouqué altsächs. bildersaal 4, 8; vier kleine buben, sämmtlich in troddelmützen und drei kamisöler übereinander Droste-Hülshoff 2, 321.
das gemach musz drei grosze runde lichtlöcher übereinander haben Harsdörffer gesprechspiele 3, 176; ein flüszchen, das ... in drei fällen übereinander, herabstürzt G. Forster 5, 93; zwei fensterreihen übereinander O. Ludwig 2, 305; wir wohnen übereinander, we live one over the other Hilpert (1845) 635b.
2) erweitert: glomeratim Steinbach 1, 25; in confusion, out of order Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1785; s. auch o. th. 3, sp. 144. welches ich kurtz vor der messe, so zu sagen, in eil übereinander ausgeschüttet polit. maulaffe (1679) vorrede; (die kurpfuscher) nehmen baumöl und thun allerhand forbichte wasser übereinander mediz. maulaffe (1719) 284; die ausdrücke maler, schwan, schwanenorden, Leda, Solitude, Gethsemane, ziehen so bunt an seinem ohr übereinander weg, dasz ihm schwindelte Gutzkow ritter vom geist 1, 353; so hab ich (der tod) mit den gelehrten dieser welt kein respect, ... sondern nimm Catones, Marones, Platones, ... untereinander, übereinander Abr. a S. Clara mercks Wien 89; da französische philosophen über einige anscheinende sonderbarkeiten in der thierischen und menschlichen natur, alles so über und untereinander geworfen Herder 5, 34; die jüngste katastrophe hatte alles in einem groszen gemeinsamen

[Bd. 23, Sp. 179]


jammer über und untereinander geworfen Häusser deutsche gesch. 3, 204, 7; in beiden bedeutungen (1 und 2) verbindet sich übereinander mit vielen verben zu trennbarer composition (s. u.).
3) landschaftlich bilden sich sonderbedeutungen aus: übereinander sein, in feindschaft leben Hügel Wien. dial. 169a; ü. haben, z. b. die hand, verrenkt haben Martin-Lienhart 1, 9; temporal: iwerenanner sin se kumm, rasch nacheinander sind sie gekommen Follmann lothr. ma. 263b; hiezu vgl. übereinander = häufig Kirsch (1723) 298a; (s. auch u. übereinandergehen 2). zur verstärkung beim nomen: du bursch übereinand'! Nestroy 1, 37.
4) als composition erscheinen: übereinanderbeiszen, v., aufeinander, zusammenbeiszen: Humbrecht beiszt die zähne übereinander H. L. Wagner theaterstücke (1779) 112; mit übereinandergebissenen lippen Gutzkow 5, 356. —

 

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