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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
überdreist bis überdriesz (Bd. 23, Sp. 161 bis 163)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) überdreist, adj., zu dreist: wie ein gebiszner wolf ..., höchstens auf ein verirrtes oder überdreistes stück der heerde ... hoffend Fouqué bildersaal 2, 3; diese überdreiste anspielung fiel wie ein donnerschlag in die gesellschaft Laube 3, 196.
 
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überdreschen, v. , untrennbare verb.: ich überdresche, part. überdroschen Steinbach 1, 292; vereinzelt übergedroschen (Matthisson).
1) oberflächlich dreschen: wann das korn alles in der scheuer (ist), werden die zerrissenen garben, ... überdroschen ... und aufgehoben Hohberg georgica curiosa 2, 52; man legt ein halb schock garben an, ohne solche auf zu binden, überdrischt die ähren und thut die garben wieder auf die seite. da durch erlangt man die vollkommendsten und reifsten körner allgem. haushalt.-lex. 3, 622.
2) bildlich durcharbeiten: in diesem bande offenbart sich nicht eine spur von originalität, alles wurde schon hundertmal übergedroschen Matthisson 5, 270.
3) peinigen, quälen (s. o. dreschen 7 th. 2, sp. 1403):

der schimpff ist mir entschliffen
und all mein fräd erloschen,
wann mich hat überdroschen
verlangen und verdriesz
Hätzlerin liederbuch 132.


4) obscön: cum aliqua concumbere (s. o. dreschen 9 a. a. o.):

Rudleyn du leyst auch selten alain
du pist ein posz hurrenpain.
ich khen auch wol etlich knaben,
dy dich übertroschen haben fastnachtsp. nachlese 252, 27.


5) für zu viel essen Scherffer bei Drechsler 95.
6) refl. sich überdreschen, to knock on's self up by threshing Hilpert 635a.
 
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überdringen, v. , nl. overdringen. dasselbe wie überdrängen. trennbare und untrennbare verbindung. bezügl. der tenuis übertringen s. o. überdrang.
1) opprimere Maaler (1561) 447b; ich überdringe part. überdrungen Steinbach 1, 302; (jeder soll) haben ainen guten drämel, di lut ze maystern, domit nyemand nit überdrungen werde städtechron. 22, 407; und was der haiden als vil, dasz sy dasz ysrahelisch volck überdrungend und machotend ir vil wund historienbib. 341 Merzdorf; alle kriegsanschläg ligen allein am geschütz, wann ein hauffen den andern mit der mennig der büchsen überdringt Fronsperger kriegsb. 1, 3;

[Bd. 23, Sp. 162]


welche der todt doch all bezwang.
ihr sterck und gwalt er überdrang
Hans Sachs 7, 431, 29 Keller;

in diser nacht,
da tugent und frombkeit gantz ligen überdrungen
Weckherlin ged. 2, 329.

überragen, übertreffen: seine lengd die zinnen der statmaur Rome übertrang Aymon (1535) a 3a; absolut: die übermacht haben: diese zween vers klagen das, das die wider die gründliche lere der rechten warheit leren, allzeit überdringen und mehr geachtet sind und zuhörer haben, denn die recht fromen Luther auslegung des 3. buszpsalm 1, 29a.
überraschen:

ach liebe fraw, schlaufft on sorg,
ich hoff, das uns nit überdring der liechte morg
Hätzlerin liederbuch 20.


überwältigen:

warum wird mir an deinem halse so bang?
wenn sonst von deinen worten, deinen blicken
ein ganzer himmel mich überdrang
Göthe Faust 4489 Weim.


2) jemandem etwas aufdrängen: sie faren jn rauch an, sprechen er hab gleichen bann verdient, der jn solchen esel (zum bischofe zu Bamberg) übertrungen hab Franck deutsche chron. (1539) 141b.
3) in trennbarer verbindung hinüberdringen: lang eingeschlossene seufzer und veraltete thränen drangen jetzt aus dem geöffneten mutterherzen in das fremde weiche über J. Paul 7/10, 49.
 
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überdrohen, v., s. DWB überdräuen.
 
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überdröhnen, v., dröhnend übertönen, untrennbare verb.: aber der sturm verwehte, der donner überdröhnte ihre stimme Anzengruber dorfgänge 2, 247;

lasz deinen ruf: 'die republik!' die glocken überdröhnen
Freiligrath 3, 174.


 
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überdrossen, adj., soviel wie überdrüszig: der predigt sat und überdrossen werden Luther 6, 212.
 
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überdruck, m., nl. overdruk. 1) luftdruck auf eine fläche nach abzug des atmosphärischen gegendrucks Stenzel seemsp. 432a; sobald das manometer auf ... 1 atm. überdruck gestiegen ist Muspratt chemie 3, 190. hierzu überdruckturbine, f., überdruckventil, n., u. a. 2) aufdruck, vgl. Bucher 415a; eine ... methode ... gründet sich darauf, dasselbe muster durch überdruck geeigneter substanzen in verschiedenen farben darzustellen Muspratt chemie 3, 464. 3) in der älteren buchdruckersprache für nachdruck Klenz druckerspr. 165a.
 
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überdrucken, v., nl. overdrukken. trennbare und untrennbare (s. u. 2) verb. 1) bedrucken, zu überdruck 2 (s. d.): wenn man ... das gewebe mit einer ... lösung von citronensäure ... überdruckt Muspratt chemie 3, 433. 2) bücher über eine bestimmte anzahl hinaus drucken: es soll einigermaszen mit auf die anzahl der pränumeranten gesehen, und nur wenige exemplare übergedruckt werden neuest. aus d. anmuth. gelehrsamkeit (1751) 1, 449; vgl. auch woordenb. 11, 1697.
 
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überdrücken, v. , trennbare (s. u. 3) und untrennbare verb.
1) bedrücken, beschweren: dasz das (scheiden) meine sinne so gefangen hat, mein herz so überdrückt, meine sprache so beklemmt Klinger theater 4, 143.
2) überdauern, überwinden: so der erste just übertruket wirt, so wirt es lihter Suso 370.
3) auf etwas drücken, stülpen: der steinschneider musz alsdenn das übergedrückte glas abnehmen, und ihnen die gehörige form geben Sulzer theorie d. schön. künste 3, 656.
 
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überdrusz, m. , taedium, fastidium. verbalabstractum zu ahd. dreozzan Graff 5, 247, das heute in verdrieszen (s. d.) noch lebendig ist. die ältere sprache kennt die bildung vom hochstufenvocal (präsensvocal): driez, widerdriez (mhd. wb. 1, 397b); und von der schwundstufe (vocal des pl. prät.); sie verwendet die schwundstufenform als masc. i-stamm (ur-druʒ), fem. jô-stamm (ur-drütze) und fem. î-stamm Graff a. a. o.); die composition mit über belegen die mhd. wb. noch nicht, dagegen ein überdrôʒ, f., Lexer 2, 1613, das die vocalstufe des prät. sg. zeigt, so dasz dem verbum (er-)drieʒen nomina actionis in drei vocalstufen gegenüberstehen etwa wie dem verbum flieʒen die nomina vlieʒ, vlôʒ, vluʒ. im älteren nhd. sind nebeneinander ohne

[Bd. 23, Sp. 163]


bedeutungsdifferenzierung belegt überdrieʒ, m., uberdruʒ, m., und überdrutz, f., die schwundstufenform mit spirantischem auslaut trägt den sieg über die beiden anderen formen davon.überdriesz: so ihr überdrüssig wolt werden zu lesen, so höret auff, das nicht dieser überdries euch zu letzt eyn grewel und egkel mache über dem hymmelbrodt Eberlin v. Günzburg 3, 189 neudr.;

solt er bezahlen ein bawersmann ...
trib er ihn umb ein gantzes jar,
bisz dasz der mann aus überdriesz,
was nachzulassen, ihm verhiesz
Frischlin 185;

überdrutz: das menschlich hertz vorwicklet und vorklebet sich zu tiff in den zeitlichen dingen, darausz dan folget überdrutz und unachtsamkeyt der ewigen güter im himel Luther 6, 41 Weim. bedeutung und gebrauch:
1) übersättigung satietas Alberus (1540) gg ijb; überflusz macht überdrusz copia fastidium facit Reinsberg-Düringsfeld 2, 495;

diweil der reichen übertrusz
wer der armen überflusz
Fischart podagr. trostbüchlin 83, 30;

sonsten möcht im überflusz
ich empfinden überdrusz
P. Gerhardt in Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 313;

du (Christus) meine speisz und labsal bist.
du machest satt ohn überdrusz,
der hunger wächst im überflusz Fischer-Tümpel kirchenlied 1, 476.


2) molestia, unlust Garthius 467a; überlast Stoer 496a; die begrifflichen abgrenzungsversuche gegen eckel, langeweile bei Maasz ergänz. zu Eberhardt syn. (1820) 2, 32 und Rumpf (1824) 471 treffen wohl eine centrale verwendungssphäre, erfassen jedoch nicht den thatsächlichen gebrauchsumfang: das mir der teufel nicht einen solchen ... überdrusz sollt machen Luther 32, 65, 13 Weim.; bisz mir endlich die continuierliche zurückkunft der gleichen bemühungen einen überdrusz machete discourse der mahlern 2, 12; meist ohne artikel: ich hasze jemand mit vielfältigen begrüszungen überdrusz zu beursachen Harsdörffer secretarius 1, C c 1a; 'hast du nicht noch drei kinder, die dir last und überdrusz machen!' Musaeus volksmärchen 1, 45;

stets einerlei macht überdrusz
Bürger 1, 315 Bohtz;

verleihe mir ... sanftmuth, wenn ich leiden musz, und zufriedenheit bey allem, was mir bringet überdrusz Schmolcke trost- u. geistr. schr. 1, 12; die wiederholung erweckt überdrusz allg. deutsche biblioth. 22, 30; solche grosze vorbereitungen erregen jedoch mehr überdrusz als vergnügen Göthe 44, 376, 7 Weim.
zum überdrusz werden u. ä.: der apologien und verantwortungen widder das unchristlich wesen der moncherey und nonnerey so viel ausgegangen sind, das bey den unsern solche büchlin schier ein überdrusz worden sind Luther 26, 628 Weim.; da der reiz ... zum überdrusse geworden ... ist Kästner verm. schr. 1, 234; andern und immer nur andern die wege ihrer interessen zu bahnen, wurde ihr nachgerade zum überdrusz Gutzkow ritter vom geiste 2, 398; das herumlaufen in den kirchen war mir schon zum überdrusz geworden Hebbel briefe 3, 215;

und die tage meines lebens,
werden mir zum überdrusz
Henrici ged. 3, 542;

der tag ist mir zum überdrusz
Göthe 3, 29 Weim.;

zum überdrusz ist dir mein reiz gedieh'n?
Rich. Wagner 2, 7;

mit genetiv: gott musz den überdrusz und verachtung seins worts mit dem jüngsten tage strafen Luther tischr. 1, 12; der überdrusz des lebens Gotter 1, 216; überdrusz des lebens musz sehr häufig in den egyptischen einsiedeleien geherrschet haben Zimmermann über die einsamkeit 2, 124; zwei liebende, die sich aus überdrusz des lebens und der menschen selbst töten Novalis schr. 3, 279; comp. lebensüberdrusz s. o. th. 6 sp. 455;

wir leben
in lebensüberdrusz, in scheu des todes
Göthe 3, 199 Weim.;

[Bd. 23, Sp. 164]


überdrusz der welt ist vortodt Hippel lebensläufe 3, 1, 89; seelen, die aus überdrusz der welt, ... sich ... entschlossen, ihr auf ewig zu entsagen Miller Siegwart (1777) 1, 18; sie sind aus überdrusz deiner hohen weiszheit davon gelaufen Klinger werke 6, 326;

ein kusz, den Lesbia mir reichet
aus meiner klagen überdrusz
Lessing 1, 63;

geliebte gottheit,
die uns den überdrusz der tage
leise verwischt und uns neu verjünget
Herder 27, 131;

im 19. jahrh. seltener: überdrusz der sitzungen Dahlmann gesch. d. franz. revolution 115; ein brief voll überdrusz der Schweiz Droste-Hülshoff br. 147; überdrusz des gewinns Riehl deutsche arbeit 236; überdrusz des futers haushaltungslex. 2, 575; häufiger überdrusz an etwas: überdrusz an der ehefrau Abbt verm. werke 61, 72; überdrusz an der städtischen verfeinerung Fr. Schlegel 1, 66; überdrusz am besitze W. v. Humboldt schr. 1, 100; überdrusz an weltlichen dingen Gutzkow zauberer von Rom 3, 99; überdrusz an der gelehrten dichtung Ronsards Justi Winckelmann 1, 144; überdrusz an der welt Vischer ästhetik 1, 162; überdrusz am leben Pückler briefwechs. 307; überdrusz gegen jemanden oder etwas: das ander wort ist von dem überdrusz eines ehegatten gegen dem andern Dannhawer catechismusmilch (1657) 1, 280; überdrusz gegen alle regierungsgeschäfte Arnim 1, 176.
häufig in zweigliedrigem ausdruck formelhaft gebunden: mit unlust und überdrusz Luther 341, 59, 36 Weim.; Mathesius werke 3, 291, bibl. d. schr. a. Böhmen; überdrusz und eckel Zimmermann über die einsamkeit 3, 115; Knigge umgang mit menschen 2, 39; Winckelmann 1, 50; Engel schr. 3, 257; überdrusz und langeweile Börne 2, 86; Humboldt kosmos 2, 100; Polenz Grabenhäger 1, 144; Schopenhauer 1, 408 Grisebach; ermüdung und überdrusz Savigny v. berufe uns. zeit etc. 56; ersättigung und überdrusz Wieland Agathon 1, 103. formelhaft ist auch die bindung (bis) zum überdrusz; so man doch in seinem land solchs bisz zum überdrusz predige Luther 102, 252 Weim.; eine elende, die ihn mit allen ihren reizen bis zum überdrusze, gesättiget hat Lessing 2, 282, 21; Newtons bekannte, von andern und uns bis zum überdrusz wiederholte lehre Göthe II 2, 111 Weim.; moralische probleme waren bis zum überdrusz durchgearbeitet und erschöpft 491, 65, 7 Weim.; eine in den besten cirkeln hier bis zum überdrusz besprochene erfahrung Ruge briefwechs. 2, 185; eine bis zum überdrusz gehörte ... redensart Büchner kraft und stoff 16; bis zum überdrusze oft Holtei erzähl. schr. 2, 57;

und gewährte
dem volke fleisch genug, bis seine schaaren
zum überdrusz ... gesättigt waren
Cramer 1, 295;

seit mehreren jahren wird uns zum überdrusz die ewige wahrheit wiederholt Göthe II 6, 135, 20 Weim.; der erzbischof hatte das wunderkind sehr bald zum überdrusze gehört Arnim 19, 94; diese zum überdrusz wiederholten variationen E. Th. A. Hoffmann 4, 42; eine ... jugendrolle, die sie (die künstlerin) zum überdrusze ... gegeben habe R. Wagner schr. 9, 225; man hat die 'Gudrun' zum überdrusz oft die deutsche Odyssee genannt Scherer litteraturgesch. 141.

 

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