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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
überdenken bis überdonnern (Bd. 23, Sp. 157 bis 159)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) überdenken, v. , überlegen, mhd. überdenken, überdâhte, überdâht mhd. wb. 1, 348b; nl. overdenken, engl. overthink, dän.-norweg. overtænke; schwed. öfvertänka. untrennbare verb., part. überdacht, landschaftlich überdenkt z. b. einen überdenkten plan Sonnenfels 2, 165.
1) mit gedanken umfassen, ermessen, vgl. Lexer 2, 1612; wenn wir eine sache uns vorstellen, ... und richten unsere gedancken auf einen theil nach dem andern, daraus sie bestehet ..., so überdencken wir dieselbe sache Wolff vernünftige gedanken von gott (1720) 131; überdenke: stelle dir alle einzelnen theile deutlich vor und erwäge ihre verhältnisse und beziehungen gegeneinander und auf das ganze Mendelssohn schr. 1, 119; die sie überwunden hant, und nu mit groszer süssikeit überdenkent die strengen jar Suso deutsche schr. 241; liebs kindt also soltu das hailige leiden unsers lieben herren üben und überdencken Tauler sermones (1508) 130b; wann ich alle diejenigen überdenke, die nach dieser würde stehen, so finde ich keinen dazu geschickter noch würdiger, als eben den Salvius Otto A. U. v. Braunschweig Octavia 3, 954; mit einemmal überdachte er sein kurzes und mühseliges leben Jung-Stilling 1, 180;

wer wolt nun überdencken,
der vielen vögel zahl?
Spee trutznachtigall 115;

herr, wenn mein hertz recht überdenckt
mein ellend sündlich leben, ...
kan ich mich nicht erheben kirchenlied 3, 677 Wackernagel;

gott, gott! so unermeszlich ist diesz unglück,
dasz ich es jetzt nicht überdenken kann
Schiller 12, 126.


2) verallgemeinert: überlegen, bedenken Kramer (1678) 1067a; seit dem 17. jahrh. ganz allgemein: da überdacht er dise ding winterteil der heiligen leben (1471) 36b; die menschen, die sich nit also gewent hond, ir gebresten an dem abent zu überdenken Keisersberg baum d. seligkeit (1518) 33d; und indem sie ihren zustand etwas genauer überdachten, befand man, dasz sie soliche grosze ursachen, sich zu freuen, nicht hatten Olearius reisebeschreib. (1696) 80; ich habe ... die sache von allen seiten überdacht Göthe IV 16, 31, 5 Weim.; formelhaft: wenn wir es recht überdenken, so Heine 3, 97; ohne objectsergänzung: man trug ihm den handel vor, er überdachte und sprach Klinger werke 5, 101;

die kleine mausz kroch in das grasz,
heimlich mit listen überdocht,
wie sie dem feindt abbrechen mocht
Burkard Waldis 1, 18 Kurz;

[Bd. 23, Sp. 158]


das part. erscheint häufig vom verb. losgelöst in präd., attributiver und adverbieller function, auch zu comp. und superl. gesteigert für 'klug, besonnen': sie fanden die sach' an sich sehr überdacht Hippel lebensläufe 2, 315; die antwort ist, ... bey aller ihrer scheinbaren eilfertigkeit überdacht Lichtenberg briefe 2, 140; aber du weiszt, wie flüchtig er damals und wie wenig überdacht er war Thümmel reise 5, 332; ruhiger überdachter entschlusz Göthe IV 9, 130, 13 Weim.; es sind sehr bestimmte überdachte worte Herder 12, 142; ihr beifall und ihr überdachtes urtheil hat mich recht gestützt Solger nachgel. schr. u. br. 1, 337; die wohl überdachte composition Tieck schr. 16, 391; mein wohl überdachter vorsatz Sternberg werke 133, in bibl. d. schr. a. Böhmen; überdachte, berechnete bosheit Ludwig 2, 594; ihr plan ist einfach, aber nur desto weiser und überdachter Pfeffel an Jacobi, in Alsatia 10, 7; die überdachtesten versuche Voss antisymb. 2, 173; unsere feurigste theilnahme und überdachteste wachsamkeit Gutzkow 10, 198; adverbiell: er ermordete seinen haushofmeister und zwar nicht in einem anfalle von zorn, sondern überdacht und wohl vorbereitet Archenholz England etc. 12, 277; wie vorsichtiger, überdachter und gehöriger würde man zum publicum sprechen, wenn Herder 17, 307.
der inf. wird häufig substantiviert: das überdenken, meditation Hilpert 635a; nach langem überdenken A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 783; jede art des lernens, des beobachtens und des überdenkens Schleiermacher Platon 6, 201; nach einem kurzen überdenken ... fuhr er fort Göthe 24, 181, 7 Weim.; fleisziges überdenken Novalis 2, 161.
3) auszer acht lassen, vergessen, vgl. Lexer 2, 1612; Schmeller 1, 523; animus aberrat a sententia Schönsleder prompt. (1647) L 1b; auch reflexiv: sich überdenken, sich vergessen; dieser gebrauch läszt sich über das 17. jahrh. nicht nachweisen:

ich hett mich heut weit überdacht
Hans Sachs 21, 244 Keller-Götze.


 
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überdenkung, f., überlegung recogitatio Diefenbach 487b; die gesellschaft meines theuren gemahls und die überdenkung der pflichten ... halten mich in wahrheit für alle andre zeitvertreibe und vergnügungen schadlos Laroche gesch. d. frl. v. Sternheim 1, 38; in dieser stellung mit aufwärts gerichtetem haupte wird sein gesicht mit einer frohen überdenkung seiner ... thaten beschäftiget gewesen sein Winckelmann 6, 97; nun musz ich nach überlesung und überdenkung dieser beschreibung von mir auch bekennen, dasz ich kein praeceps bin Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen 3, 423.
 
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überdeutsch, adj., chauvinistisch deutsch gesinnt, deutschthümelnd: wenn man Springer in jenem zeitpunkte vorwarf, er sei in Prag nahezu slavisch gewesen und wäre dann in Bonn überdeutsch geworden, so tat man ihm zweifach unrecht Bayer studien, in bibl. d. sch. a. Böhmen 445; substantivisch: an die Überdeutschen Grillparzer5 2, 190; hierzu überdeutschtum, n.: wir Deutschen leiden nicht am überdeutschtum, sondern am unterdeutschtum Rheinbaben im abgeordnetenhaus am 27. mai 1902.
 
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überdicht, adj. und adv., zu dicht, sehr dicht. nl. overdicht. die in überdichtem, jugendlichem stande erzogenen gebirgsfichten Ratzeburg waldverderbnis 1, 215; die mannhaften männer sind ... nicht überdicht gesäet Gotthelf 7, 186.
 
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überdichten, v., umdichten: Gottfried und Wolfram überdichteten was ihnen zukam und webten aus der roh eingeführten seide glänzenden stoff Scherer kl. schr. 1, 34.
 
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überdielen, v., den boden überlegen Comenius § 551;

zimmer, mit zobeln überdielt
Lohenstein Ibr. 11.


 
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überdies, adv., praeterea. zusammenrückung aus über präp. (s. o.) und dies. die ältere sprache verwendet in gleicher bedeutung über das. bis ins 17. jahrh. ist die getrennte schreibung über dies die regel: über disz, weyter, praeter hoc Maaler 441c; dasz ich im gestanden bin, und über diesz dasz ich in nit verachtet hab Boltz Terenz (1539) 38a; ist ferners und über disz sehr unbillich ... dasz diese seele ... getödtet werde Amadis

[Bd. 23, Sp. 159]


1, 27; nu hat der butter über disz ... auch noch sein eignen sulphur Thurneiszer alchymia (1583) 8; man hette ihnen auch über diesz die bürgerrechte versaget acta publica 1, 64 Palm; über disz unterwarf er alles der willkühr des bürgermeisters Lohenstein Arminius 2, 947a; im 18. jahrh. ist die zusammenrückung zu einem wort überwiegender graphischer brauch; aber stets: über dieses (z. b. Kramer hochniederd. wb. (1719) 217c; ich habe über dieses eine vermuthung Lessing 6, 294). wer sie (die arbeit) aber nicht gewohnt ist und sich überdies zu gut dafür hält, den musz sie sehr hart ankommen Meyr erz. aus d. Ries 1, 72; es war nicht im mindesten kalt, überdies trug ich meine ganze garderobe auf dem leibe Moltke schr. u. denkw. 4, 39;

wer nicht hat, soll auch überdisz,
was er noch hat verlieren
Günther ged. (1735) 33;

er ist ein ganz erbärmlicher mensch,
ein schelm und überdiesz ein narr
Göthe 12, 128, 213 Weim.


 
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überdisputieren, v., in der disputation besiegen: under andrem sagt er, wen er by dem Zwinglin were, er welte in mit drien worten überdisputieren Th. Platter 41; sie sagten und überdisputirten auch die andere, solches zu glauben Grimmelshausen vogelnest 621, 33 Keller.
 
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überdölpeln, v., s. u. DWB übertölpeln.
 
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überdon, m., sudarium, schweisztuch, sargtuch. mhd. überdon swm. und stm. mhd. wb. 1, 381a; zu mhd. donen, sich ausdehnen v., mhd. wb. a. a. o., Lexer 1, 447; Diefenbach 548a und 564b s. v. spolium, sudarium;

die engel brâhten im ein überdon,
dâ man den lîchnamn în want Servatius 1672;

heute landschaftlich in den alpenländern noch als masc., seltener fem. geläufig, vgl. Schmeller 1, 606; Lexer kärnt. wb. 64; voran schwankt auf zwei tragstangen der mit weiszer leinwand, dem 'überdon' verhüllte sarg Rosegger 4, 168.
 
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überdonnern, v., durch donner überwinden, übertönen: ein lerm, den Jupiter nicht zu überdonnern, ... vermocht hätte Meiszner Alcibiades 4, 264; und fortwährende artilleriesalven überdonnerten den tumult Ritter erdkunde 13, 126;

was braust daher wie windesbraut
und überdonnert donners laut?
Arndt werke 5, 73;

verengt: verdönnern, durch grobe abfertigung stutzig machen, verblüffen Stürenburg (1857) 162b.

 

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