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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
überblättern bis überblick (Bd. 23, Sp. 141 bis 144)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) überblättern, v. , nl. overbladeren. untrennbare verb.:
1) eine schrift u. s. w. durchblättern, flüchtig überlesen: kannten sie diese gelehrten männer schon vorher? fragte ich, indem wir beyde ihre schriften vorläufig überblätterten Thümmel reise 4, 84;

(das buch) begreiffet sonder zweifel sachen die da nicht gemein;
aber nach dem überblättern kan Markolfus besser sein
Grob dichter. versuchg. (1678) 27.


2) blätternd überspringen: diejenigen stellen aber musz er überblättert oder wieder vergessen haben, wo die schrift den erlaubten gebrauch der welt von dem misbrauche sorgfältig unterscheidet Joh. E. Schlegel 3, 427; wo sind denn die leichengedichte? ich musz sie überblättert haben. ich weisz: sie sind weiter forne Petrasch lustsp. 2, 118.
3) mit blättern überdecken Sanders handwb. 728. in dieser bedeutung schon mhd. (s. Lexer 2, 1609).
 
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überbläuen, v., untrennbare verb.: 1) mit blauer farbe bedecken. auch ohne umlaut: überblauen: so dasz ihre (der gegenstände) eigenthümliche farbe zuletzt verloren ging, oder wenigstens, sehr überbläut sie sich dem auge darstellten Göthe 31, 106, 12 Weim.;

[Bd. 23, Sp. 142]


der himmel mag sich wolken bald erzeugen,
und bald die kuppel wieder überblauen
Platen 1, 444;

sie liegen weithin ruhig ausgestreckt
im weichen gras, vom mantel zugedeckt:
wie rein der himmel, der sie überblaut!
Pichler marksteine 50.

2) zu blau färben Sanders handwb. 728. 3) an bläue übertreffen ebenda.
 
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überblechen, v., mit blech bedecken: weil sie den armen jungen, mit harnischen und anderm solchen eisenwerk überblecht hatten Göthe 43, 94, 17 Weim.; vor der überblechten hausthür J. Paul 1, 75; viele dieser wohnungen, sind nur überblechte erdlöcher tägl. rundsch. (1899) nr. 288 ac.
 
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überbleib, m., rest, überbleibsel (s. d.). mnd. overblîf Schiller - Lübben 3, 252; vgl. auch woordenb. 11, 1625. auch vom schwundstufenvocal kommt die bildung des subst. vereinzelt vor: überblieb, m., z. b. Löhe evangelienpostille (1848) 139b; das ... den zerstreuten überbleib deines volkes sammelt Arnim 1, 76; eine fem. ableitung überbleibe, f., findet sich bei W. Scherffer 82 Drechsler; vgl. auch:

hab ich die nothdurft meinem leibe,
mein brod und auch mein saltz dazu,
so nehm ichs mit der überbleibe,
und brauch es so in stiller ruh
Schmolcke trost- u. geistr. schr. 1, 193.

auch eine ableitung mit -ede (entsp. ahd. -ida) belegen die wbb., z. b.: reliquiae die überbleybeten, das man von einem dinge überlasset Calepinus undez. ling. 1245b; die überbleibeten, die abschnitzeln Megiserus thes. 2, 409b. zur form überleibeten pl. vgl. Staub-Tobler 3, 977. alle diese bildungen sind heute durch überbleibsel verdrängt und auszer gebrauch.
 
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überbleiben, v. , restare, superesse. mhd. überbelîben; mnd. overbliven; mnl. overbliven; nnl. overblijven; dän.-norweg. overblive; schwed. öfverblifva. trennbare comp.; über geht mit dem präfigierten verbum mhd. belîben eine engere verbindung ein als z. b. mit behalten, bekleiden, bekommen u. a., weil belîben wegen der schon mhd. häufigen synkope des e (blîben für belîben) früh als simplex empfunden wurde. formen mit erhaltenem e finden sich neben synkopierten bis ins 17. jahrh.; das part. prät. lautet überblieben bis ins 19. jahrh., daneben schon vom 16. jahrh. an übergeblieben; noch bei Herder, Göthe, Schiller überwiegt die erste form; erst im 19. jahrh. trägt übergeblieben den sieg davon, überblieben bleibt daneben in verengter bedeutung und substantivischer function (s. u.) im gebrauche, doch auch hier mit übergeblieben in concurrenz (vgl. Heynatz antibarb. 2, 487). im gebrauchsumfange weicht überbleiben in jüngster zeit merklich vor übrig bleiben zurück.
1) superfluere, voc. theut. (1482) h h 6b; restare Diefenbach 495a; überig sein, restare, superfieri, superesse Maaler (1561) 442a; zurückbleiben, remanere Dentzler clav. ling. lat. 294a; also dasz der wein nit überlauff und wol einsiede und lützel davon überpleib Mynsinger von den falken u. s. w. 39; eyn wenige kalt fleysch ... das ir des morgens was über belieben Arigo decam. 411 Keller; es wäre gar unzimlich, dasz du eszen soltest, was mir ob mynem tisch über belibe Stainhöwel Äsop. 210; den krancz hat Jacob Sailer gewunen, schuelgelcz plieb über 1 ort und 1 fl. Hans Sachs gemerkbüchlein 62 neudr.; do assent sy, das sy alle gnug hettent, und hubent uff die stuck die über warent bliben der ewigen wiszheit betbüchlin 166a; etwas im dividiren überbleybt Stifel die coss Rudolffs gebessert (1553) 56; dann das füwer überfiel sie schnell, es blibend nit mer dann 27 huser über Tschudi chron. Helv. 2, 95;

(bei der speisung der 5000):
darnach huben auff an der stat
die jünger, was war überblieben
Hans Sachs 1, 283, 2 Keller;

ja, wenn ichs als beschreiben kund,
was sie geredt hand und getriben,
kein papier solt mir überbliben
Fischart Stauffenberg 312 Hauffen;

wer nid chunt zur rechte zit
der mues ha was überblibt
Hunziker 269;

[Bd. 23, Sp. 143]



von dreissigen die hälft', und eine drüber,
sind sechzehn perlen; vierzehn bleiben über
Brentano 6, 380;

part. überblieben und übergeblieben: (die weinknechte sollen) die übergeblibnen trester (zertreten) Herr feldbau (1551) 115a; ausz einer überblibnen oder gesterigen suppen Boltz Terenz deutsch 54b; überbliebene brokken Schottel haubtsprache 841; die übergebliebenen schriften Klinger werke 11, 251; ein armer hungriger bettler, der nach übergebliebenen brosamen schnappte maler Müller 3, 253; das überbliben oder zesamengeläsen von nachtmal oder imbisz, coenae vel prandii reliquiae Maaler (1561) 442a; schlacken ..., ist das überbliebene von dem geschmoltzenen ertzte Gueintz rechtschr. 125; übergebliebenes, aufgewärmte speise Spiesz 262.
2) allgemein: am end ist noch überblieben zuhandlen eine frage Luther 32, 535, 29 Weim.; also wirt überblyben, dasz wir nach dem gmüt oder nach der seel sind gebildet uf den schlag gottes Zwingli deutsche schr. 1, 57; auff das kein zweiffel in anzeigung der ursachen überbliben Xylander Polybius 8; glauben sie, dasz mir kein augenblick meiner existenz überbliebe, wenn ich auf all solche briefe, ... antworten sollte Göthe IV 3, 64, 7 Weim.; ich suche einen guten abgusz um dir das mögliche mitzubringen, aber es ist der zauber des marmors nicht übergeblieben IV 8, 100 Weim.
3) verengt: am leben bleiben, superstitem esse Stieler 193; allein Noah bleib über und was mit im in dem kasten war 1 Mos. 7, 23; das das weib überbleib beiden sönen und irem man Ruth 1, 5; würget sy all ... das nit einer überblieb Franck chron. zeytbuch 53a; gar wenig juden pliben über und kamen darvon Aventin 1, 861;

weinet Flora, dasz der tod jhr den schweher aufgerieben?
nein, die threnen flieszen nur, dasz die schwieger überblieben
Grob dicht. versuchg. 14.

besonders im part.: (die frauen) wurden mit wenig der überbelibnen mannen zu den strytbaren waffen beweget Stainhöwel de claris mulieribus 51; der adel und überblibne fürsten flohen ausz dem land in Ungeren Franck chron. Germ. 1482; haben sich die Ungarn ... in Ungarn gesetzt zu den überblibnen Hunis Stumpf Schwytzerchron. 5b.
substantivisch: überbeleybender, überbelibner, superstes voc. theut. (1482) h h 6b; mit dieser hand (hast du) deinen einzigen übergebliebenen ermordet? Gerstenberg Ugolino 268, 3; möge es uns überbliebenen (lord Byron ist gestorben) wohl gehen Göthe IV 41, 86 Weim.;

uns beide hab' ich nun, die überbliebnen
von Tantals haus, in deine hand gelegt
Göthe Iphigenie v. 1934;

in gleicher bedeutung findet sich überbleiber, m., superstes Diefenbach 567b.
4) ewig leben Ruckert unterfränk. ma. 186; Hügel Wien. dial. 169a.
5) verschont bleiben:

darnach wil ich (der pfarrer) das viech ausztreiben,
seidt ich nit über mag beleiben pfarrer v. Kalenberg 96 neudr.

meist mit dat.: mir bleibt etwas über == ich verschone, übergehe etwas: (das zutrinken) blibt allem vyeh über, das sich in keinen weg ... also zum übersuffen zwingen loszzt Keisersberg post. 4, 14b; sampt alle dem, das dem hagel überblieben ist 2 Mos. 10, 12;

was schelten ich hie hab gethan,
das thet ich von den bösen wyben,
die frummen mir hie überblyben,
usz denen ich kein spott will tryben
Murner mühle 745.


6) landschaftlich auch 'ledig bleiben': mach nur, dasz ich diesen fasching nicht überbleib und heirath mich! Hafner lustspiele 2, 171.
 
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überbleibling, n., reliquiae Sim. Roth Oiiia;

wer wil dein überbleibling essen?
Hans Sachs 6, 139, 11 Keller;

ich wil den namen Babel ausrotten sampt seinen überbleiblingen und gewechs und geschlecht Luther 20, 554, 30 Weim.
 
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überbleibsel, n. , überrest. mnl., nnl. overblijfsel. vereinzelt masc., z. b. Abrah. a S. Clara etwas für alle

[Bd. 23, Sp. 144]


2, 474; vernünftige tadlerinnen 2, 19; Zimmermann einsamkeit 1, 56; Keller 6, 17; als fem. bei Stolberg 8, 463: im jahre 1401 stürzte die letzte stehende überbleibsel ein. mit vollem suffixvocal selten: überbleibsal z. b. allgem. deutsche bibliothek 32, 205; Meiszner Alcibiades 3, 230; Gentz 4, 35; Heynatz handb.3 382a.
bedeutung und gebrauch: rimasugli, restanze Kramer (1678) 1066b; reliquiae Steinbach 1, 130; fragment, bruchstück Kinderling reinigkeit d. deutsch. spr. 270; erst seit dem 18. jahrh. allgemein. Maaler 444a setzt dafür überleipscheten.
1) speisereste: auf den straszen die brocken und schmutzigen überbleibsel von fremden tischen betteln Lessing 9, 152; Rüpel aber verzehrte bereits mit groszem appetit die überbleibsel vom gestrigen mahle Eichendorff 3, 455.
2) gebeine verstorbener: zeige mir, wo die theuern überbleibsel meines Abradates ligen Wieland werke 3, 10; dieser staub, der die geheiligte überbleibsel meiner ältern bedeckte Laroche gesch. d. frl. v. Sternheim 1, 84; lasz das überbleibsel meines leibes nicht unbegraben liegen Arnim 11, 86.
3) ruine, fragment, bruchstück: auch sieht man überbleibsel von gebäuden der villa des Lucullus Stolberg 7, 360; der erste anhang ... enthält beobachtungen über ... überbleibsel von griechischen handschriften anhang zur allgem. deutsch. bibliothek 1—12, 8; in Rom begannen die beiden freunde die überbleibsel der antiken bauwerke auszumessen Grimm Michelangelo 1, 32; er hatte nach der niederlage bei Nördlingen die überbleibsel der armee wieder gesammelt Hebbel 9, 184.
4) auch abstract ganz allgemein für 'rest': überbleibsel von einer alten leidenschaft im herzen samml. v. schausp. 6, 118; die überbleibsel von dem fieber sind verschwunden Lavater verm. schr. 1, 59; das gröszte überbleibsel des göttlichen ebenbildes ist die liebe Hippel lebensläufe 31, 362; ich hielt es für ein überbleibsel meines finstern lebens Hölderlin 2, 37, 40; überbleibsel teutschen wesens Görres 2, 252; die groszen überbleibsel südlicher bildung milderten die sitten Raumer gesch. d. Hohenst. 1, 7.
 
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überbleibung, f., rest, überbleibsel. reliquiae Diefenbach 491a; Steinbach 1, 130; wir haben die Thebanen als arme ellend und erbermlich lüte in unser statt enpfangen, ... als ain überbelybung dines siges Wyle translationen 149, 31; (er) verleust die überbeleibungen der stat (reliquias civitatis) Zainerbibel num. 24, 19; nahe bei Sirvan sind die überbleibungen eines thurmes von steinen und todtenköpfen zu finden Gryphius trauersp. 254; absonderlich sammlete er die überbleibung des Quintilius Varus in einen steinernen krug Lohenstein Arminius 1, 81b; mit derogleichen schertz vertrieben wir die überbleibung selbigen tages 469a; crystallene überbleibungen des schmertzes von den augen wischen Hallmann Heraklius 8; excrementum, in teutsch überflusz, gerechter aber überbleibung Guarinonius grewel d. verw. (1610) 1089; die stinckende ... überbleibungen der ersten verdauung mediz. maulaffe (1719) 967. überbleibnis, f., dass. wie überbleibung Diefenbach a. a. o.
 
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überbleichen, v.
1) mit helligkeit überdecken:

überbleicht erscheint mir schon
von grauer zelten woge weit das thal dahin
Göthe 15, 110 Weim.


2) nochmals bleichen, z. b. leinen auf der bleiche.
 
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überblenden, v.
1) so viel wie verblenden: don Kichote vom zorn gantz überblendet war Bastel v. d. Sohle Don Kichotte (1648) 111.
2) an glanz übertreffen: überstrahlt' er (Christus) seine zeitgenossen an irdischer hoheit? überblendet' er seine brüder an vergänglichem schimmer? Kosegarten rhaps. 1 (1790), 115; im übermasse neben einander gehäufte schönheiten, die sich wechselseitig überblenden Börne 1, 33; das gewaltige abendlicht hatte sie (die beleuchteten häuser) überblendet, jetzt im dunkeln lebten sie den augen wieder Bartsch Haindlkinder (1908) 69.
 
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überblick, m. , aussicht, übersicht. entlehnt ins dän.-norweg. overblik, schwed. öfverblick. seit dem 18. jahrh. allgemein üblich.

[Bd. 23, Sp. 145]



1) aussicht, rundblick: Hermann setzte sich auf eine wiese, ... und genosz den überblick Immermann 5, 174; der sprecher wuszte manchem seinen platz zu loben wegen der nachbarn und der nähe der frauen und wegen gutem überblick über den saal Freytag 8, 30;

sie umdrängen ihn, beneidend
mich um seiner schönen glieder
wonnevollen überblick
Göthe 50, 343 Weim.

meist in abgezogener bedeutung: heiterer überblick des beweglichen, immer kreis- und spiralartig wiederkehrenden erdetreibens Göthe IV 33, 27, 16 Weim.; eine vorarbeit ..., wodurch ich mir höheren genusz und weiteren überblick bereitete 412, 124, 17 Weim.; wenn wir diesen 110ten psalm in einem überblick bringen Jung-Stilling 3, 566 Grollmann; zum überblick der geschichte sind abtheilungen allerdings bequem Herder 16, 354; bei einem flüchtigen überblick des buches Göthe 31, 27, 26 Weim. mit dem nebensinn des summarisch zusammenfassenden: tabelle zum überblick der innern verfassung von Rom allgem. deutsche bibl. anhang zu band 53—86 (1771) 848; das hineinarbeiten in das detail hat ... dem überblick des ganzen geschadet Hegel 191, 102; überblick auf die gegenwärtigen zustände Holtei erzähl. schr. 14, 23; den überblick über das ganze verlieren Raupach dram. werke kom. gatt. 1, 207. seltener im plur.: ich ergötze mich an der lebhaftigkeit seiner überblicke Göthe 45, 249, 7 Weim. hierzu eine adverbialbildung überblicklich R. Wagner 2, 152.
2) fähigkeit zu raschem erfassen weiter zusammenhänge; augenmasz Heynatz syn. 1, 305a; mir hat an dieser kleinen abhandlung ... alles wolgethan: ruhiger sinn, treue kenntnisz, überblick, neigung gegen das einzelne Göthe IV 42, 213 Weim.; ein erfahrner freund von groszem überblick Athenäum 1, 152; der schnelle überblick ... des thätigen mannes Friedr. Schlegel 1, 6; bei deiner gewandtheit und deinem überblick giebt sich das von selbst Holtei erzähl. schr. 19, 181; offne, klare augen von raschem überblick Ludwig 1, 346.

 

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