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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
überäugig bis überbedächtig (Bd. 23, Sp. 133 bis 137)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) überäugig, adj., luscus, schelch, übersehig, gelincksichtig Schöpper synon. (1550) c 4a; überäugicht Kramer teutsch-ital. dict. 1 (1700), 44b; överöget Richey idiot. 178; överoogd Stürenburg 163b; öwerögsch flüchtig, hauptsachen übersehend Mi wb. der meckl. ma. 5a.
 
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überaus , verstärkungsadv. aus früherem richtungsadv., vgl. Schmeller 1, 158. nl. overuit nur steigerungsadv.
1) richtungsadv. überhinaus: wie den Tewrdanck ... der wind erhub und überaus wolt geworfen haben Teuerdank 56 überschr.; so musz man die ruder ... hert halten in den henden, dasz sie nit den ruderer überausz werfen Keisersberg schiff d. pen. 31c; also das ellende weib über die mauren des turnes überausz sahe Arigo decam. 510, 38; so ferr mit dem böler zu weit oder überausz geworfen wird Fronsperger kriegsbuch 1 b3; überaus schweifen supervagari Maaler 442c; überauszgon supereminere 442a; Schönsleder prompt. T 2b; als were gott so ein gros ausgebreitet ding, das durch und überaus alle reicht Luther 26, 333 Weim.; überausz langen eminere Dentzler clavis ling. lat. 294a; überausfahren Böhme schr. 5, 62; viel dergleichen böse schützen find man noch in der welt: dann der eine scheust überausz, dem andern bricht der bogen, ... dem vierdten verruckt der stuel Albertinus hirnschleiffer 411; der gebrauch veraltet rasch: efferveo über aus wallen Calepinus undec. ling. (1598) 463b wird in der Leydener ausg. (1654) 399 in oben auszhin w. geändert. auch

[Bd. 23, Sp. 134]


die bedeutung der flächenhaften verbreitung (= überall) kommt nach dem 16. jahrh. auszer übung.

Lazarus, gar überausz
voller geschwer ...
Hans Sachs 1, 269, 9 Keller;

herr, ich hab lieb die stett deins hausz
und den ort, da wohnt überausz
desz allmechtigen lob und ehr 18, 117, 12 Keller-Götze.


2) praeter modum, abgeschwächt valde, maxime.
a) bei verben: sich überaus bemühen, den schatz überaus vermehren Steinbach (1734) 1, 50; Adelung, Heynatz, Campe nennen die verwendung bei verben veraltet, doch ist sie, besonders bei den verben des affects, bis heute üblich.

ir knecht, ich bitt euch überausz
Hans Sachs 6, 143, 29 Keller;

die sach gefellt mir überausz
Alberus fabeln 36 neudr.;

das ziert dein nasen überausz
Scheit Grobianus v. 232 neudr.;

darinn er lobt und streicht herausz,
dieselbig mesze uberausz
Mangold marckschiff (1596) B;

da weint die mutter überausz
fieng an ein groszes klagen Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 258;

aber wenn ich dich betrachte, thut mir nur dies eine not:
dich zu setzen über alles, dich zu lieben überaus
Platen 2, 54;

(ich) weysz aber, das disz den papisten überausz miszfallen wirt Luther 8, 529 Weim.; der vater, welcher die kleider überaus schonete polit. maulaffe (1679) 3; also wurden ihre gemüther überaus beweget Lohenstein Arminius 1, 12b; durch ganz verstärkt: ganz überaus schnarchte er Immermann 3, 136; das schmeckte ihm ganz überaus Mörike 1, 238.
beim verb. subst. nur im 16. u. 17. jahrh.: es ist über aus und über alle masse, das wueten Luther 18, 359, 13 Weim.; ich weisz wenn du sie sehen würst, du würst sagen sie sey überaus Boltz Terenz deutsch 44b;

so grüsz dich gott, du edles hausz,
du schönes klösterlein,
dein schöne zier ist überausz fl. bl. zwey newe geistliche lieder (Augsburg bei M. A. H. (1638).


b) bei substantiven:

ja alle die darinnen (im himmel) wohnen,
die tragen unvorwelckte kronen,
mit wunderfreuden überaus
Ringwalt christl. warnung B 7b;

ey, das ist ein wunder überausz
Ayrer dramen 58;

er (gott) breitet weit die arme aus
und spricht in liebe überaus:
all, was da lebet, soll sich freun
Storm ged. (1852) 114.


selten attributiv vorangestellt: es ist vor auch wol ein gelert in allerley kunst und sprachen, ein überausz seculum gewesen, wie mans liszt Franck chron. Germ. (1538) 31.
c) bei adjectiven u. adv. zur steigerung und umschreibung des superlativs ganz allgemein: circumloquimur superlativum per positivum addita dictione überausz ... als: er ist überaus freigebig super ommia liberalis est Albertus gramm. 56; perhumane ser freuntlich, überausz freuntlich Alberus dict. (1540) 8b; überausz fürträffenlich praeexcellens Maaler 441d; darumb ist's gar überausz eyn nerricht ding Luther 11, 262, 31 Weim.; sampt einem meinem bruder, der überausz ein schöner jüngling war buch der liebe 160c; er ist gesprech und beder rechten gaistlichs und werltliches überaus wolgelert Wyle translationen 17, 16 Keller; einen überausz köstlichen krantz Wickram 1, 265, 32; den hett er überausz lieb Knebel chron. v. Kaisheim 267; es hat ein jeder mit sich ... überausz genug zu schaffen Mathesius Sarepta 221b; von dem überausz jesuwidrischen schreiben Fischart nachtrab 1; sie war auch überausz schön und rohtbacket volksb. v. dr. Faust 75 neudr.; nun hett aber dieser solche red überaus hoch für übel Bebel facetiae (1589) 66b; ein grosses ... feld, welches mit überausz hohen ... mauren umbgeben Moscherosch gesichte (1650) 197; aber seine gründe darauf er bauet sein überausz schlecht Morhof unterricht (1682) 1, 31; überausz lustig Simplicissimus 3

[Bd. 23, Sp. 135]


neudr.; überaus rachgierig Springinsfeld 38, 26 Keller; er sahe es überaus gerne Lohenstein Arminius 1, 3; sie haben überaus recht Gottsched deutsche schaubühne (1741) 2, 85; ein überaus seltenes übel Haller Usong (1771) 45; von Ridinger, einem überaus geschickten thiermahler Lavater physiogn. frag. 1, 253; mit überaus schnellen schritten Novalis 4, 60; überaus lichte augen Droste-Hülshoff 2, 332; sie erholt sich nur überaus langsam Humboldt br. an Welcker 65; überaus zufrieden Steffens was ich erlebte 1, 114; der natur überaus gemäsz Justi Winckelmann 1, 379; von überaus edler gestalt Ludwig 2, 418; ein überaus wichtiges zugeständnisz Ranke 1, 116; auch zu doppelter steigerung: sanct Bernhardt sagt, dasz er lieber wolte in einen überausz sehr heiszen offen gehen Nigrinus von zäuberern u. s. w. 23; desz überausz sehr heiligen vaters Schupp schrift. 404;

wann ich bin freydig überausz
Hans Sachs 21, 37, 15 Keller-Götze;

gott hat uns sölchen könig beschert
der überausz ist wol gelert
Alberus fabeln 95 neudr.;

wie ist's doch so still überausz
allhier vor des Admeti hausz!
W. Spangenberg Alcestis 205;

gott Jupiter gieng in sein hausz,
herrlich geschmücket überausz
Spreng Ilias 11b;

der Isegrimm der sprach: das ist ein seltzam ding
dasz dies der könig schetzt so überaus gering Reinicke fuchs (1650) 197.

flectiert und in die adj.-classe übergeführt: etwas überauszes und ungemeines Arndt werke 1, 19.
 
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überbacken, v., nl. overbakken. untrennb. verb. 1. oberflächlich backen oder nochmals backen. 2. zu viel backen. part. überbacken in beiden bedeutungen Jagemann (1816) 1191a.
 
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überband, n., ligamen. mnl. overbant, nnl. overband. Frischlin nomenclat. (1591) 233; das vasz das do nit hat ein decksal oder ein überbant erste deutsche bibel num. 19, 15. verengt: copula, so man über einen schaden bindet Stoer 495b.
 
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überbarbarisch, adj. u. adv., sehr grausam. nl. overbarbaarsch. im 17. jahrh. nicht selten: die schreckliche tyrannische überbarbarische execution verhandl. d. schles. fürsten 4, 174; die überbarbarische gottsschänderei Dannhawer catechismusmilch 1, 363; weil schwerlich deme zu trawen stand, von welchem man ungeachtet empfangener wolthat überbarbarisch verfolgt worden Chemnitz schwed. krieg 2, 676.
 
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überbart, m., bart der oberlippe: leute, welche den überbarth niemals beschneiden, sondern lang über das maul herunterhangen lassen Olearius reisebesch. (1696) 306.
 
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überbau, m. , mhd. überbû auch n., vgl. Lexer handwb. 2, 1611; als fem. von Hohberg georg. curiosa 1, 334b gebraucht.
1) in der rechtsprosa seit dem 13. jahrhundert das bauen über eine bestimmte linie oder grenze hinaus. zu dem rechtsbegriff überbau citiert Haltaus ein Freiberger statut: ein edlich manne der hausz und hoffe hat, der mag bauen auf dem seinen was er will, und unter sich wie tieffe er will und über sich wie hoch er will und mag bauen vierdhalbe fusse über die gassen 1812; vgl. auch die belege aus dem 13. und 14. jahrh. bei Lexer a. a. o. in der heutigen rechtsprosa: hat der eigentümer eines grundstücks ... über die grenze gebaut, ... so hat der nachbar den überbau zu dulden, es sei denn bürgerl. gesetzbuch § 912, absatz 1. in der älteren sprache auch das pflügen über die eigene grenze hinaus.
2) so viel wie raubbau (13. jahrh., vgl. Lexer a. a. o. und s. unten überbauen 7.
3) als concretum der besitz, der auszerhalb einer gemeindegrenze liegt: wir ... verkeufin ... deme commendure und den broederin gemeinligen des dutzschin husis bi Marpurch alsulgin ubirbu und ubirgrif, den si da hant zu Widelinbach uswendich der porten, is si an wingartin, an huse und an hobe und so wi man is anderis genennin mach hess. urk. (1324) 2, 352.
jener theil eines bauwerkes, der über das fundament hinausragt Jacobsson (1784) 4, 464b; projecta, superposita,

[Bd. 23, Sp. 136]


praestructa aedificia Stieler 102; projecture, projection Hilpert 634b; häufig werden wetterdächer an den gebäuden so genannt Krünitz 192, 182; auf einem gekieselten wege gelangte man ... zu einem epheu- und weinumrankten überbau an der rechten seite des landhauses Gutzkow ritter vom geiste 2, 374.
4) jedes bauwerk, das über etwas errichtet wird: überbau eine eiche, und sieh wie sie durch ihr starkes vermögen empor strebt! ... kraft hat sie, dein überbau liegt an ihrer wurzel Klinger theater 2, 152; brückenhaus ist ein mittschiffs von bord zu bord reichender überbau Stenzel seem. 432; ein brunnen ..., in dessen steinernem überbau der eimer hing Storm 17, 37.
 
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überbauen, v. , supra aedificare. mhd. überbûwen, mnd. overbûwen, nl. overbouwen, dän.-norweg. overbygge, schwed. öfverbygga. in der bedeutung 2) trennbare composition, sonst immer untrennbar. von den mhd. bedeutungen (Lexer handwb. 2, 1611) 'in besitz nehmen' (s. auch o. th. 1 sp. 1172 s. v. bauen), 'überackern' und 'auf fremdem grund ein gebäude aufführen', hat sich nur die letzte in der alten und neuen rechtsprosa erhalten. daneben bildeten sich neue verwendungsarten aus.
1) aedificando alteri nocere, also bauen, dasz man auf des andern grund kompt Stoer 495b; belege aus urkunden (seit dem 13. jahrh.) bei Lexer a. a. o., Scherz 1695a und Haltaus 1812; in der älteren sprache mit acc. der person: so einer den andern anklagt, er hab in überbawet, überzeunt, überackert, übermähet, mögen solich und dergleichen irrung anders nit, dann durch offne beschawe mit ordenlicher kundtschafft recht erörtert werden statutenb. 24b. der rentenberechtigte kann jederzeit verlangen, dasz der rentenpflichtige ihm gegen übertragung des eigentums an dem überbauten theile des grundstücks den werth ersetzt bürgerl. gesetzb. § 915, abs. 2.
2) über die grundlinie hinaus bauen: man hatte die gallerien ein wenig übergebaut Heynatz antib. 2, 485; vgl. auch Hilpert 634b; in Frankfurt hatte man bei aufführung hölzerner gebäude sich erlaubt, nicht allein mit dem ersten, sondern auch mit den folgenden stocken überzubauen Göthe 26, 19 Weim. bildlich: dasz sie (die gestalt) etwas vorne übergebaut stand Bode Yoricks empfinds. reise (1768) 1, 10.
3) auf etwas bauen, es durch ein bauwerk überdecken, vgl. Jacobsson 4, 465a; der bauer bestand auf seinem rechte, seinen grund und boden zu überbauen wo und wie es ihm beliebe Wieland 8, 38; das wunderthätige wasser, welches auf dem brunnberge in dem überbauten brünnlein ist Stifter 5, 1, 29; das schiff war mit einer grünen laube überbaut Keller 6, 245.

die nachtigallen wohnen
so liebend, so vertraut
in deinem schoosz, mit kronen
von blüten überbaut
Tiedge 2, 25;

die stätte, wo sie ob der brücke hangen,
die schmal und spärlich überbaut den flusz
Immermann 16, 491.


4) durch umbauen verändern: die alte einst byzantinisch angelegte, jetzt höchst zopfig überbaute kirche Gutzkow zauberer v. Rom 5, 8. auch bildlich: ich werde streben die überbauten und versteckten ... grundfesten des alten römischen volks ... zu entdecken Niebuhr röm. gesch. 1, 3;
5) höher bauen als ein anderer, aedificia altius tollere Stieler 102; dann jemanden übertreffen: keiner wollte den andern überbauen, übermeistern Herder 19, 210;

ja, du hast in überbaut wol
umb einen guten dicken zol
Hans Sachs 14, 67, 2 Keller-Götze.

verengt; einen überbauen = eim mit bauwen die gesicht verschlahen Maaler 442a; vgl. auch woordenb. 11, 1621.
6) refl. sich überbauen, supra modum sumtu et magnificentia prodire Dentzler clavis linguae lat. 294a; kein meyer soll über vermögen bawen, also aber kan er mercken ob er sich nit überbawet Sebiz feldbau 33;

treibt nicht mit kleidung übrig pracht,
euch auch nicht überbawet
Ringwalt evangelia a 7b.


7) raubbau treiben: güter, werden entweder übelgebawet oder überbawet Sebiz feldbau 26.

[Bd. 23, Sp. 137]



8) part. überbaut für zu hoch gebaut (s. o. th. 1, sp. 1162 s. v. bau 4): die pferde ... zeichneten sich durch ... überbaute kruppen aus Alten handb. für heer und flotte 1, 322.
9) überhaut sein für erhalten, bekommen s. Grolmann gaunerspr. 1, 72b.
 
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überbauung, f.
1) landwirthschaftliche bearbeitung: vergeblich forschte er zwischen der rastlosen überbauung des bodens nach spuren früherer pfade Keller 8, 5. auch ausbeutung des bodens: unwirtschaftliche behandlung und überbauung Schwappach handb. forst- u. jagdgesch. 1, 129.
2) bauliche umänderung: umgestaltungen und überbauungen Ritter erdkunde (1822) 16, 298.
 
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überbäumen, v., meist refl., sich aufbäumen, sich überstürzen: das haupthaar, in dichten locken sich vorn überbäumend Grimm Michelangelo 2, 133. metaphorisch: widerspänstig sein. substantivierter inf.: papst Leo VII warf ihnen ihren geitz, stoltz, überbeumen, überflusz in kleidern ... für Nigrinus papist. inquis. 336.
 
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überbedächtig, adj. u. adv., allzu vorsichtig: es sind die bekannten regulae amoris welche die neuere critik überbedächtig ins fünfzehnte jahrh. herabsetzen will J. Grimm kl. schrift. 3, 44; wie es überbedächtige leute wohl thun Mommsen röm. gesch. 5, 53; daraus überbedächtigkeit unentschlossenheit: im vertrauen auf Koburgs überbedächtigkeit allg. weltgesch. 10, 156 Grote.

 

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