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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
übelzeitig bis überall (Bd. 23, Sp. 55 bis 126)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) übelzeitig, adj., mühselig; vbelzeytig, laboriosus, operosus Maaler (1561) 441c; er het en übelzitige gang Hunziker 268; Martin-Lienhart 2, 919.
 
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übelzufrieden, adj. u. adv., unzufrieden: übelzufrieden seyn mit etwas, aliquid indignari, periniquo animo pati Nieremberger A a aa aa 2b; moleste ferre Garthius 467b; auf diese weise nun schieden wir allerseits übelzufrieden voneinander A. U. v. Braunschweig Octavia 2, 985. verengt: daher sie malcontenten, das ist vbelzufrieden genannt waren Stumpf Schwytzerchron. (1606) 278b.
 
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übelzufriedenheit, f.: sie schätzten demnach die Antonia überglückselig: welche gleichfalls sich also zu erweisen wuste, dasz die jenigen, so von ihrem innerlichem anliegen keine kentnis hatten, ihr die geringste übelzufriedenheit nicht anmerken konten A. U. v. Braunschweig Octavia 2, 816.
 
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üben, v. , exercere, colere, mit ausnahme des got. in allen continentalgerm. dialecten belegt: ahd. uoben, uaben Graff 1, 70 ff.; mhd. üeben mhd. wb. 3, 191 f., handwb. 2, 1686 f.; as. ôbean; mnd. oven, daneben häufig die frequentativform ovenen Schiller-Lübben 3, 249 ff.; diese ist auch im gebrauch altfries. ovonia, ovenia, ofnia Richthofen 974 und 1165; neufries. oeffenjen neben oven ten Doornkaat-Koolman 2, 672a; mnl. und nnl. ausschlieszlich in der erweiterten form: oefenen, nur limburg. ist die einfache belegt (s. wordenb. 10, 38 ff.); denominativableitung von ahd. uop, masc., von dem bei Notker ps. 21, 19 der pl. uôba belegt ist: vestimenta Christi, daʒ sint sîniu sacramenta, daʒ chit hêiligmêineda; also baptismum ist unde missarum sollemnia (inter lineas: misson uôba); vgl. auch mhd. wb. 3, 191b und handwb. 2, 1998, und oben übe. wurzelverwandt mit üben sind in den germ. sprachen ags. äfian und efnan, an. afl 'stärke', afla, efla 'stark sein, erwerben', ahd. avalon 'satagere'. dagegen sind dän. öve, schwed. öfva lehnwörter aus dem deutschen;

[Bd. 23, Sp. 56]


zu der germ. wurzel *ôb, *af stellt sich in den idg. sprachen ved. ap in ap-tur, vgl. Fick4 1, 16; sanskr. apaḥ 'werk', lat. ops, opus, und seine sippe; aus dem keltischen sprachzweig kann hierhergestellt werden air. ane 'reichthum', aus dem lit. aprtas 'überflusz, vorrath'.
bedeutung und gebrauch: die gesammte wortsippe, die auf die idg. doppelform *ôp, *op zurückzuführen ist, zielt auf den begriff des 'erarbeitens, erwerbens' hin. aus der verwendung innerhalb des deutschen liesze sich der begriffsumfang etwa umschreiben: 'ein object in bewegung und dadurch in thätigkeit setzen'. zwei sonderbedeutungen, die sich gerade aus den ältesten belegen am deutlichsten erkennen lassen, nämlich 'den boden bearbeiten, ackerbau treiben' und 'eine gottesdienstliche handlung begehen' stimmen mit der bedeutungssphäre der wurzel im ind. und lat. so genau überein, dasz man in ihnen nicht sowohl eine einengung des bedeutungsumfanges sehen darf, sondern in sehr alte zeit zurückreichende bedeutungscentra, aus denen das wort im germ. bald herauswuchs, wobei es auch neue bedeutungsfunctionen übernahm, die zum theil von seiner ursprünglichen concreten bedeutung weit abliegen.
I. transitiv.
A. landbau treiben. im ahd. ist diese bedeutung lebendig gewesen wie die wortbildungen uop m. 'landbau', uobo m. 'colonus', uobare cultor, giuapti 'plantaria', guobida 'colonia, villa' beweisen; auch in mhd. zeit noch finden sich belege: die acchera uoben mhd. wb. a. a. o.; die wuesti üeben mit strenger arbeit mit houwen und mit riuten handwb. 2, 1686; de erde, den acker oven Schiller-Lübben a. a. o.; daraus weiter 'pflanzen':

er pflanzote sînen garten
mit mislîchen chrûten,
dar sich mit nerte,
dem hunger sich mit werte,
hirs unt rbe,
wân, er ouch uopte Wiener genesis, fundgr. 24, 35;

pass. gewendet: unser land, das vormals ungeübt und ungebuwen ist gesin quelle bei Staub-Tobler 1, 61; noch bei Schöpper syn. (1550) f 3a finden sich zu arare die synonymen verba: aeren, zielen, zackern, üben, bawen, pflügen; ähnlich: ein übel schmackend grb, ye mer man die übt, ye mer man böses geschmacks da befindet buch d. weish. 63; ein gut zerackern, üben und zermartern Sebiz feldb. 26; dagegen ist trotz gleichem sachobject die alte prägnante bedeutung schon verdunkelt und vergessen in folgendem: wisse, wie du deyn acker, fihe, hawsz unnd kind üben solt, das ist dyr gnug ynn naturlicher kunst Luther 10, 1, 1, 569 Weim.; vom 17. jahrhundert ab ist dieser gebrauch in der schriftsprache wie in den dialecten verloren gegangen.
B. eine gottesdienstliche handlung begehen, feiern, verehren, colere Lübben 259b; auch diese bedeutung ist in ableitungen nachzuweisen, so auszer uop (s. o. Notkers misson uôba für missarum solemnia) noch uophaft, dies solemnis Graff a. a. o.; mhd. und mnd. nicht selten und meist mit persönlichem object Schiller-Lübben a. a. o.;

diu abgot wolt er ander stunt uoben:
diu ê wâren zebrochen,
diu wurden ander stunt gegoʒʒen
geniwet und geêret kaiserchron. 6591 Schröder;

einen vater üebent ir
und einen sun unde einen geist
Konr. v. Würzburg Silvester 2880;

passiv:

der heilige und der guote (gott)
der mit dem sinne (freiwillig) güebet wirt
und dem man lob und êre birt ebenda 2320;

ähnlich:

de proueden vrunde schal men ouen,
de ungheproueden schal men prouen quelle bei
Schiller-Lübben 3, 249.


C. allgemein: in bewegung und thätigkeit setzen: vgl. Schmeller 1, 19.
1) mit sachobject:

sie üebeten, daʒ weiʒ ich wol,
den bracken unt daz armbrust
mê durch ir herzen gelust
und durch ir banekîe
dan durch mangerîe Tristan 17270;

[Bd. 23, Sp. 57]


so sind on das der menschen mägen darzu geartet, dasz sie sich erstrecken, wann man sie nur übet Garg. 59; die restauratio und renovatio sollend also in dem menschen verstanden werden, dasz sein humor radicalis, den der spiritus vitae treibt und übet, nit hinder sich gezogen werde Paracelsus opera 1, 825a.
meist zu seinem vortheil in bewegung setzen, also gebrauchen, benützen: swert, schilt, wâfen mhd. wb. 3, 192a;

gelt laszt sich nit lieben,
es wil, man sol es üben
Seb. Franck sprüchw. (1541) 1, 118a;

weren sie (die fürsten zu Sachsen) vleyssiger gewest yhr schwerd zu üben, so were der pofel an der Saal wol stiller Luther 18, 99, 1 Weim.; Ulrich von Hutten übt die fäder und das schwärt z erwecken alte teütsche erberkeit Eberlin v. Günzburg 1, 4 neudr.; der magnet zieht am meisten, wenn er geübt wird Herder 15, 313; in den dörfern und auf den straszen war bis Nowgrod noch immer das die waffen übende menschengewimmel und einzelne züge von kriegern Arndt werke 1, 132;
die erde üben für 'betreten, befahren':

der (engel) vuoʒ wirt niht betrüebet,
daʒ er hie die erde üebet
und in daʒ hor tritet Martina 615, 45;

der zoll nahm ab, weil die mule und rosse die strasze nicht mehr übten Staub-Tobler a. a. o.; die kleidung üben für 'benützen, verwenden':

si üebten in unvlête
der altâre gewête
Jerosch. 26 458;

wil ich euch bitten, dasz jhr nicht wöllet die ersten seyn, neuwe trachten an euch zu nemmen, fürnemlich trachten, die frauwen in andern ländern üben buch der liebe 189, 1; die, so mit guter speisz unordenlich leben, und jren bauch und fleisch in solchen lüsten und füllereyen halten und üben ebd. 292, 2;

so will ich euch drey ort erlauben
da jhr die weiber mögen schrauben.
erstlich nur auff die gänge zung ...
wiewohl ihr werden haben müh,
weil sie die üben spat und früh
Fischart flöhhaz 55 v. 1964 neudr.;

und es erwachen mit gezisch
die bunten vögelein, ...
die schnäblein üben sie zumal
in liedern ohne zahl
Droste-Hülshoff 3, 199 Schücking.


2) eine person in bewegung setzen; agere Maaler 413; einen stets üben, in exercitatione aliquem continere Kirsch (1723) 297b; drängen, treiben:
a)

swen üebet reiner vrouwen gruoʒ,
dem manheit gibt wol muot
Frauenlob 331, 13;

was dich übet, säliges weib
zu nassen augen clare,
dasselb betrübet mir den leib
und macht mir graue hare
Hätzlerin liederb. 80.


b) ich hab getanzt und ander lewt geübt zu tanzen quelle bei Schmeller 1, 18; über das mhd. und ältere nhd. hinaus nur mehr selten zu belegen: vgl. Crecelius 2, 830; auff das dich gott mit seynem wort übe und dem geyst, den er dyr geschenckt hat, zu schaffen gebe Luther 17, 1, 356 Weim.; deszhalb yebet er (Lucifer) die lewt zuo ketzerey vnd aberglawb Berth. v. Chiemsee theologey 163; wan er zu morges oder das nachtmal nam, was sein gmains trincken, so in niemet übet, wie dan yetz mit dem zutrincken ist, tranck er gmainclich neun masz weins über ain malzeit quellen zur geschichte des bauernkriegs in Oberschwaben 167; Galenus schreibt, der höchst artzt Aesculapius habe lächerliche liedlein gedicht, darmit in den krancken lung und leber zu üben Garg. 13;

sag mir, was dich zu trawren übet!
Hans Sachs 21, 24, 26 Keller-Götze;

kein sänger des hayns übt die nymphe der felsen,
jeder zephyr entschläft
Wieland I 1, 430.


pass.: man könnt ja etwa ein erbeit finden, damit solche blinde personen mochten geübet werden Luther br. 3, 403; ob (die wunde) in ainem geleich sey, das

[Bd. 23, Sp. 58]


fast geübet oder gebraucht würt als der elenbogen H. Braunschweig chirurgia (1534) 69b.
in der bedeutung 'benützen, gebrauchen' ist die verbindung mit acc. einer person wenig üblich, da die seelische antheilnahme der von der handlung getroffenen person beachtet wurde und sich die bedeutung zu 'necken, quälen' verengte. doch vgl. aus dem ahd.:

... finfi (ehemänner) habotôst thu iu;
then thu afur nu uabis, ioh thir zi thiu liubis
uuant er giuuisso thîn nist, bi thiu sprâchi thu, so iz uuâr ist
Otfr. 2, 14, 53.


D) in unruhe setzen, necken, quälen, dann verengt: auf die probe stellen, versuchen.
1) vexare Diefenbach gloss. 616c; vexari, hin und wieder gezogen, getrecket, vexiret werden, wie man die narren zu üben pfleget Corvinus fons lat. (1646) 940; Frommann 2, 211; mein tochter würt übel gefatzt von dem bösen geist. er übt sye, sye schumet, sye windt ire hend übereinander, sye roufft sich selber Keisersberg post. 2, 31b; das ist ein gewisz zeichen das dich das wort troffen und gerürt hat und dich übe, dringet und treibt Luther 12, 499, 24 Weim.; kein zweifel ist, dasz ein jeder mensch einen guten engel hat ..., deszgleichen einen bösen, der jhne übet Albertinus Lucifers königr. 78; 24; diesen pful (gedanke an die hölle) und das verbrennen, übeten und trieben mich, das ich weder tag noch nacht ruwe hette M. Stifel wunderbarliche wortrechnung etc. (1553) A 2b; es sind zwar viel und schwere gefehrlichkeiten, so uns armen menschen in diesem jamerthal und herberge üben G. Nigrinus von zäuberern ff. (1592) 2; aber ein warer gedultiger mensch sihet nit an, von wem er leide, ob er von seinem herrn oder obern, von seinem gleich oder unterm ... geübt werde Joh. Arnd Thomas a Kempis übers. 91; es scheinet, dasz gott der herr offt fromme eltern im creutz und trübsal übe, und ihren kindern desto reichlicher gebe, was er den eltern versaget J. B. Schupp schr. 666 (abgenöt. ehrenrett.);

des war Boecius betrübet.
darzu in auch leibskranckheit übet
und must da in gefencknus liegen
Hans Sachs 7, 382, 28 Keller;

man sol kein narren üben zu lang
und im zu vil thun übertrang
Murner Luth. narr. 10 Scheible;

die lenden litten ungemach,
als weren sie zurschlagen gar,
die augen sahen nimmer klar,
und alle glieder warn betrübt:
der hohmut hatt sie wol geübt
Erasmus Alberus fabeln 45, neudr.;

wir üben im april die leute durch vexiren
und pflegen sie im schimpff herum- und anzuführen
Logau sinnged. 290 Eitner;

die sprache nach der kunst zu zäumen
übt viele dichter lebenslang
Hagedorn 3, 50.


im neueren schriftgebrauch ist diese anwendung erloschen; doch mundartlich noch vielfach erhalten, vgl. Schmeller 1, 18; Staub-Tobler 1, 61; Unger-Khull 601a; Schambach 147; Frommann 2, 210; verengt: s'üabt mi = ich verspüre brechreiz Rückert unterfränkische mundart 185.
2) aus beschäftigen, in thätigkeit setzen, quälen entwickelt sich die bedeutung weiter zu auf die probe stellen: underwilent, so er z in kom, so pten sie in mit sölichen worten Heinrich Suso 9, 31; und ob gott schon die hülffe verzeucht, sollen wir darumb nicht ablassen zu bitten ... denn gott unsern glauben also übet Luther 26, 205, 39; jdoch erkennet aer (David), sölche plagung komme vom willen gottes haer, daer sich gebrauchet sölcher leute yn zu üben Schede psalmen 55 neudr.; vgl. auch Schiller-Lübben a. a. o.

wenn er mich auch gleich würft ins meer,
so wil er mich nur üben
Paulus Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 314;

dasz es narren hin und her und nicht in der mänge gibt,
mangelt nur, dasz einer mehr als der ander wird geübt
Logau sinnged. 405 Eitner;

[Bd. 23, Sp. 59]



und wann er (der himmel) künftig dich in hohen ämtern übt ...
so lebe, dasz dich einst die späten enkel preisen
Haller ged. 98;

so hart des schicksals heer auch ihre tugend übe
Wieland 23, 52.


E. auf geistige verhältnisse übertragen: fähigkeiten und eigenschaften in thätigkeit setzen, gute wie üble, wohl grösztentheils aus F 2 erwachsen (s. u.): übe dein güte an des nechsten boszheyt Seb. Franck sprüchwörter (1541) 2, 126b; odder sonst yrgent eyn ritterspiel oder historien für mich neme, da ich meyne gedancken an übet und damit spielet Luther 18, 178 Weim.; darinn du vilen menschen z gt, dein stoltzes heldisch gemt brauchen und üben mögest Hutten opera 1, 449; ich werde ... ursache haben, meine bescheidenheit und nachsicht zu üben Göthe 22, 226, 10 Weim.; so wahr ist's, dasz ein gefühlvolles herz oft gelegenheit hat, seine wohltätigkeit zu üben G. Förster 1, 34; Klara Glasperle, eine waise und wittwe ... beschwor mich kniefällig, meine wohlbekannte groszmuth auch an ihr zu üben Ebner-Eschenbach 4, 313;

der gotlos sein mutwillen iebt
nach seim vurnemen, wie im liebt
Hans Sachs 22, 112, 6 Keller-Götze;

dort, in Florenz, verehrte man vorzeiten
ein schönes weib, voll stolz und trefflichkeiten ...
sie war es nur, die aller sehnsucht übte
Hagedorn (1771) 2, 170.


F. mit dem acc. eines substantivums actionis oder eines subst., welches das ergebnis eines geschehens darstellt: eine handlung vollziehen, ausüben, verüben. vulgo praktikare Stieler 65.
1) schon althochdeutsch ist dieser gebrauch von üben der geläufigste gewesen, vgl. Graff 1, 70, ebenso mhd. von den vielen alten verbindungen sei besonders auf die mit religiösen übungen in zusammenhang stehenden hingewiesen, da sich diese anwendungsart zum theil mit B (s. o.) berührt:

sô was therô liudiô thau
that that (das geburtsfest) erlô gehwilîk ôbean skolda
Judeonô mid gômun
Heliand 2733;

uaptun thâr thie liuti eino brûtloufti
Otfried 2, 8, 3;

dâr siê abkotdiênist uôbton Notker ps. 77, 58; godesdînst oven Lübben mnd. wb. 259. so auch nhd., vgl.: über disz werdet jhr noch weiter wunder hören von allen andern h. ceremonien der kirchen, welche mann zur zeit der metten mit groszer andacht übet Fischart binenkorb (1588) 174a; so auch die haiden im hornung solich butzen weisz geübt haben Eberlin v. Günzburg 1, 20 neudr.; ein besonderen unmenschlichen gottsdienst übten sie mit tödung der menschen Stumpf Schwytzerchron. (1606) 144b;

hieng sich an die bräuch in Egypten,
welche abgötterey sehr übten,
und gaben grosze klugheyt für
mit götzengpräng und tempelzier
Fischart die gelehrten d. verkehrten 338 Kurz.


2) der weite gebrauchsumfang und die mannigfaltigkeit der substantiva actionis, die nhd. sich mit üben verbinden können, kann hier nur kurz skizziert werden, wobei die im nachstehenden gebotenen belege mehr die häufigeren verbindungen berücksichtigen, die zum theil zu formelhaftem gebrauche und festen redensarten sich verdichteten. im freien gebrauche tritt üben seit dem ende des 18. jahrh. gegen die synonymen ausüben, verüben etwas zurück.
a) mit dem subst. inf.: wolten lieber, das yhr mit uns selig wordet und von hertzen gerne vergeben alle das blutvergissen, so yhr an uns übet Luther 23, 476, 9 Weim.;

mein angesicht
verleurt sein liecht
vom seuftzen, das ich übe
Paulus Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 392a;

Aurora hatte kaum am himmel eingetrieben
die goldbewollte heerd: da fieng man an zu üben
diss thun auf erden auch
Birken ostländischer lorbeerh. (1657) 77;

wenn herrsucht und gewalt unzähligs morden übet
Heräus gedichte (1721) 238;

[Bd. 23, Sp. 60]



alles machet offenbahr
durch das rauschen, so es übt,
dasz es sey, wie wir, verliebt Königsberg. dichterkreis 130 neudr.


in der neueren sprache seltener: so wird dem zuschauer immer das thun gezeigt, das er selber an des helden stelle geübt haben würde Ludwig 5, 263.
b) ein werk üben, meist in günstigem sinne ein gutes werk, seltener ein böses, dafür formelhaft frevel, verrat üben; vgl. Graff a. a. o., mhd. wb. a. a. o., Diefenbach-Wülcker 879; in der geistl. prosa, rechtsprosa und allgemein: die da üben tugentsame werck und die gebott halten Keisersberg schiff der penitenz 32c; aber sein hertz war böse und verrhiet seinen herrn mit dem guten werck, wilchs doch Christus und seine jüngern sonst aus gutem hertzen mit einander übeten Luther 19, 631 Weim.; darumb laszt uns ... die werck der lieb und barmhertzigkeit gegen unserm nechsten üben Casp. Scheit fröhlich heimfart A IIIb; es ist ein schnöd ding wissen was recht ist, und das widerspil üben Seb. Franck sprüchwörter (1545) 1, 30a;

bist gram nt spinfeind allen den
di schalkstuk uben
Schede psalmen 21, 6 neudr.


und es mochte auch ymand so frevelich unzucht und unfur treiben und üben, ein erber rathe wolte den oder dieselben darzu an leib und gut straffen, nachdem sy zu rat wurden und die tat gehandelt were Nürnberger polizeiordnungen 56 Baader; (man soll nachforschen) ob die verdacht person bey sollichenn leutten wonung oder gesellschafft habe, die dergleichen missethat übenn Carolina 25; da lauffen die stattdiener herzu unnd nemen den landtsknecht gefangen, weil er offentlichen frevel und gewalt geübet Nigrinus von zäuberern (1592) 5; die übten ein schwäre unnd unträgliche aufrr Stumpf Schwytzerchron. (1606) 261b; von seinen tragischen figuren übt keine auch nur eine tugendthat Ludwig 5, 68; wer gute werke übt, soll die linke nicht wissen lassen, was die rechte thut W. H. Riehl deutsche arbeit 17.
ich habe von anderen genug ... frevel üben sehen Arndt werke 1, 88;

darinnen er solche unthat
mit herr Lamprecht geübet hat
Hans Sachs 8, 98, 20 Keller;

du hast auch manchen christen trübt,
vil schelmenstückh ahn ihnen geübt Endinger judenspiel 61 neudr.;

nach wenig tagen sichs begibt,
dasz einer solche unthat übt
L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 37, 17 neudr.;

reines herzens war er, reiner sitte,
übte manche hohe christenthat
Hölty gedichte 62 Halm;

den fehler, den man selbst geübt,
man auch wohl an dem andern liebt
Göthe 2, 235, 263 Weim.;

will weben an dem webstuhl, früh zur hand,
und alles werk, das man bei uns verachtet,
den sklaven überläszt und dem gesind,
hier aber übt die frau und herrin selbst
Grillparzer 5, 158 Sauer;

passiv: geübten vorsetzlichen frevel verkleistern Kirchhof milit. discipl. 60; sölchs ist zu vermercken aus allen seinen geübten hendlen Alberus widder Jörg Witzeln Mammeluken (1539) F 8b;

gnedige fraw, was ist geübt,
das der fürst ist so gar betrübt
Hans Sachs 2, 52, 22 Keller;

die protestanten unterlagen im schmalkaldischen kriege. da übte kurfürst Moritz von Sachsen ... den bekannten verrath Moltke schriften u. denkw. 2, 184; häufiger ohne artikel: die geheime freude eurer augen übt verrath A. Arnim 5, 134;

es lau'rt verrath den königen
so unvermeidlich auf, dasz auch die luft
ihn übt
Fouqué held des nordens 2, 1, 38.


c) gutes, böses üben: was wir vor Christi geburt und den römischen kaisern treffenlichs in kriegsleufen geübt haben Aventin 4, 583, 9; üb gtz on gleisznerey poet. beichtspiegel bei Dacheux die ältesten schriften Geilers v. Keisersberg 154; die weiber haben launen, weil sie zu gut sind, das böse nach grundsätzen und zu schwach,

[Bd. 23, Sp. 61]


das gute mit dauer zu üben Börne 6, 63; an das gute glauben nur die wenigen, die es üben Ebner-Eschenbach 1, 18;

eh ich noch etwas guts geübt,
warst du mir schon gewogen
Paulus Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 375b;

(Nathan:) komm! übe, was du längst begriffen hast;
was sicherlich zu üben schwerer nicht,
als zu begreifen ist, wenn du nur willst
Lessing 3, 139, 677 (Nath. 4, 7);

wer gutes üben will, der üb' es bald!
Immermann 16, 75 (Ronceval);

oft stellt sich üben als 'handeln, wirken', in begrifflichen gegensatz zu 'lehren, vornehmen, schreiben' u. ä.: und so ich meister Hans von Gerstdorff ... vil mit meiner eygen handtwürckung probiert, experimentiert und geübt hab in mancherley gestalt ..., erbitte den leszer, mein ... kunst nit z verachten Gersdorff wundarzney 19, 1a; wöllen nichts newes üben noch fürnemmen Sattler 348; wir hören es (das wort) alle tage, aber wen man es versuchen szol und ym hertzen üben, szo wyrdt die kunst alzuschmall Luther 34, 2, 63 Weim.; vom geist des christenthums sollte weniger geschrieben und er mehr geübt werden Herder 20, 3; eine solche religion war die, welche Christus lehrte und übte Göthe 24, 250 Weim.;

wer übels übet oder hägt,
dess gleiche schuld jr yeder tregt
Schwartzenberg teutsch Cicero 122;

was du nicht leiden willst, sollst du nicht üben
Gries Ariostos rasend. Rol. 3, 195;

das sagt sich gut, allein es übt sich schwer
Grillparzer 5, 157 (Medea II);


d) wort, predigt etc. üben: große ärgernusz, wo man vor züchtigen personen solche unnütze worte übet Wickram rollw. (vorr.); kurtze wort het ich für mich genomen an dem anfang zu schreyben, nun übet ain wort das ander Keisersberg granatapfel (1510) B 6c; wie s. Peter ym kercker auch nicht kund üben die predigt des euangeli Luther 102, 30, 14 Weim.; er übte allerhand thierer geschrei Grimmelshausen Springinsfeld 2, 50, 6 Keller; als nun beyderseits und der ritter solche geübte reden gehört Amadis 1, 400. seit dem 18. jahrhundert ist üben in solcher verbindung ebenso auszer gebrauch gekommen wie die verbindung mit concreten, z. b.:

S. Martein übt gten wein
kan aber den bawern und zinszleuten schrecklich sein
Fischart groszm. 22.


e) ein lied, spiel, eine kunst üben, häufig mit dem nebensinn der dauer oder iteration (s. u.): ob du gott gelestret hast, würffel spil oder andre spil ze üben Keisersberg das irrig schaf 165 Dacheux; als ich vor diesem bey den herren bewuster fürstin unwirdige hofmeisterin gewest, hab ich erstgedachtes spiel vielfältig üben sehen Harsdörffer frauenzimmergesprechspiele 1, H 2a; derjenig der die kunst übet und brauchet Paracelsus opera (1616) 2, 396;

stets übe deine kunst, ist sie dir gleich bekannt;
das denken stärkt den sinn, das üben stärkt die hand Lipperheide 889b;

ich wirdt heut da üben ein gantze comediam, hodie sum acturus Boltz Terenz deutsch (1539) 60b (heautontim. prolog v. 5);

die musick hat z jeder zeyt
gehabt fürneme hohe leut,
die sie gepflanzt han und geliebt,
und selber offtmals auch geübt
Fischart bildergedicht in z. f. d. ph. 38, 244 f.,

ich selber übe die tonkunst ein wenig,
wie Friedrich der grosze, der preuszenkönig
Heine 2, 193;

ist ... khein wunder, dasz die Ägyptier ... die liebe musicam ... zu üben verbotten haben C. Spangenberg von der musica 4; de der kunst nicht öven, de vorgetten se bolde Tunnicius 579 Hoffmann; seit sechs jahren übte ich etwas schriftstellerei Stifter 14, 11.
f) den glauben, eine lehre üben, d. h. befolgen und bethätigen: ich gib mich schuldig an den syben gaben des heiligen geists, dasz ich die nit gehebt, geübt, oder mich darz nit geschickt hab manuale curatorum (1516) 75a; fort an leret er den glauben üben und beweisen

[Bd. 23, Sp. 62]


mit guten wercken und sünde meiden Luther vorr. an die Epheser (Bindseil 7, 453); zum andern, in der mesz ist nodt, das wir auch mit dem hertzen dabey sein, dan sein wir aber dabey, wan wir den glauben im hertzen üben 6, 230 Weim.; weyl denn nu den christen gepürt, die heyligen schrifft zu üben alls yhr eygen eyniges buch 15, 41, 17 Weim.; (du muszt) deinen glauben stäts üben J. Böhme 4, 151; Abraham, ... der durch ein stetes üben glaubens, groszmütigkeit, gerechtigkeit und lieben schon gleichsam hart gemacht G. Treuer deutscher Dädalus (1675) 1, 21;

was hast dem bräutigam verheiszen du noch mehr?
'zu üben treu und fromm sein wort und seine lehr'
Cl. Brentano 2, 573.


g) tugend üben u. ä.: wir wänen wir üben die tugend der liebe unnd ander tugenden als wir sollen. es ist aber nit war, wir üben sy mit den augen, mit dem mund und mitt den oren Keisersberg predigen teutsch (1508) 113b; sintemahl euch nie keinmahl es an gelegenheit die tugend zu üben gemangelt hat Bucholtz Herkuliskus 1; und ach! welchen unruhen ... sezet man sich oft aus, wenn man diese tugend nicht übt! Schubart leben und gesinnungen 1, 51; prüfungen und gefahren bestehen, die aus der thätigkeit hervorgehen, das ist tugend üben Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz 183; sein mannheyt, die er in Franckreich geübt hat Wickram 1, 50, 2;

thut buesz', übt lieb
Rompler v. Löwenhalt gedichte 37;

der selbig könig (Numa) zog mit seiner vernunfft das kriegisch unnd streitbar volck z frid und leret sie, wie man gerechtigkeyt üben und den göttern dienen, ehren und opffern solt Carbach Livius 7 V; wenn der general ein mensch ist, so musz er mich hören und gerechtigkeit üben Iffland theatr. werke 1, 49 (A. v. Thurneisen 2, 9); ich wiederholte, dasz wir nicht vergeltende gerechtigkeit zu üben, sondern politik zu treiben hätten Bismarck gedank. u. erinn. 2, 66 volksausg.; wer niedrigkeit übet, der ist würdig erhoben zu werden, denn da ist keine andere leiter auf den gipffel der ehre zu steigen Olearius reisebeschr. (1696) 49 (persian. baumgarten); diese strenge wurde aber nicht immer geübt Eichhorn deutsche staats- u. rechtsgesch. (1821) 1, 53; in Windsor übt die königin immer eine groszartige gastfreiheit Moltke schriften u. denkw. 6, 299; alle geschide listigkait und bösz fündigkait ist im bekant, nit umb daz er die tryb und übe! Niclas von Wyle translationen 18, 29; das welltlich schwerd ... mus unbarmhertzig seyn und für eytel güte zorn und ernst üben Luther 18, 391, 32 Weim.; geilheit und unkeuschheit üben ... ist sehr gefehrlich Aeg. Albertinus zeitkürtzer (1603) 11; Giglio sah ein, dasz geduld üben hier das beste sei E. Th. A. Hoffmann 11, 76; o, wollten euer hochwohlgeboren eine gleiche groszmut auch an mir ... zu üben unternehmen Pückler briefwechsel u. tageb. 1, 122;

wer heiszt euch dise frechheit üben?
Spreng Aeneis 5a;

die andre machten jammers voll
durch boszheit, die sie übten
Paulus Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 305;

üb immer treu und redlichkeit
bis an dein kühles grab
Hölty gedichte 186, 1 Halm;

wer nicht das heil der völker liebt
und wie Eugen erbarmung übt,
dem hat die barberey den tollen stahl gezücket
Gottsched gedichte (1751) 24;

lehr uns glauben, hoffen, lieben
schmach erdulden, demuth üben
Dan. Schubart gedichte 1, 35.


α) gegen jemanden: rede nicht übel von dem, der nicht gegenwertig ist, übe keinen zorn odder heymlichen hasz gegen yhm zwei ältest. katechismen 53; du wöllest gegen mir barmhertzigkait üben Schaidenraisser Odyssea (1537) 24b; übten stets etwas feyndschafft gegen jnen Stumpf Schwytzerchron. (1606) 723a; o HErr JEsu Christe, gib dasz meine liebe kinder ... sanfftmuth üben gegen jedermann Moscherosch insomnis cura parentum 34 neudr.; sich selbst überwinden sey der gröste sieg, und

[Bd. 23, Sp. 63]


eines siegers gröster ehrenruhm, gegen gefangene erbarmnüsz üben Lohenstein Arminius 1, 59b; sie übten nach der sitte der zeit abwechselnd grausamkeit und groszmuth gegen einander Schlosser weltg. 8, 131; 'welche macht der erde dürfte ihnen befehlen, gegen einen andern so überlegte tücke zu üben?' Freytag verl. handschrift 3, 246; sein beiszender witz, den er selbst gegen seine wohlthäter üben durfte Göthe 22, 116, 16 Weim.
β) an jemanden:

dô sprach diu jâmers rîche: iu sol verbieten got,
und allen mînen vriunden, daʒ si deheinen spot
an mir armer üeben Nib. 1218, 3;

nu sie haben an den herren allen mutwillen geübt, wie die reuber, mörder, diebe und schelcke, soll man erst eyn liedleyn von der barmhertzickeyt singen Luther 18, 388 Weim.; jhren hasz zu üben an den die des hasses wol werd weren 28, 159, 18 Weim.; weistu nicht, dasz der, welcher an einer schlangen barmhertzigkeit übet, den menschenkindern unbillich und beschwerlich fält Olearius reisebeschreib. 97 (persian. rosenthal);

die tücke, die sie an den pilgern übten
Tieck schriften (1828) 1, 231.


γ) mit, wider, bei jemandem: darnach als sie yhren mutwillen mit dem pfarrer geubet hatten, fielen sie zu dem guten bruder Henrich eyn Luther 18, 238 Weim.;

wöllen ir dann feintschafft zu ihm üben
Murner Luth. narr. 57 Scheible;

list wider einen üben, adoprar, usar qualche malizia, imganno contre alcuno Kramer (1678) 1065b; ein herr, der unbilligkeit bey seinen unterthanen übet, wird auch den, der sonst sein freund war, zur zeit des unglücks zum feinde haben Olearius reisebeschr. 8 (persian. rosenth.);

wie diesem wechter ist geschehn,
must selber ins gefengnüs gehn,
do er barmhertzigkeit wolt ubn,
bey Clawert dem verschlagen bubn
B. Krüger Clawerts werckl. hist. 62 neudr.


h) ritterschaft üben: andere so zu hof seyn, ritterschaft üben oder sonst nach hohen ehren streben buch der liebe (1587) titelblatt; geistlich umgedeutet: ritterschaft wider die feind des glaubens z üben war fornen dran Seb. Franck chronikon Germ. (1538) 146; wer nun ... eine gute ritterschafft üben will, der muß sich auff geistliche wehr und harnisch rüsten Mathesius Sarepta (1571) 94a; darumb soll ein jeder zusehen, dasz er in diser welt eine gute ritterschaft übe, den glauben behalte und ein gut gewissen L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 88 ndr.
i) ein amt üben: der graffe von Angfers mit grossen sinnen und weistum sein ampt übet Arigo decam. 126, 23 Keller; drumb sol weltlich christlich gewalt yhr ampt üben frey unvorhyndert Luther 6, 409, 31 Weim. (an den christl. adel); sie (die göttl. meerkatzen) waren sehr leutselig und übten mit einer art ordnung und abhängigkeit ihre kleine waldpolizei Voss antisymb. 137; boten des schicksals, ihr genien und erfinder, auf welcher nutzbar-gefährlichen höhe übet ihr euren göttlichen beruf! Herder 13, 373; ich kenne meine pflichten und übe sie Kotzebue 3, 40; (dasz der römische statthalter) die oberaufsicht über die stadtverfassungen ... fortan genau so übte wie bisher der römische senat Mommsen röm. gesch. 2, 48; er übte sogar aufsicht über das betragen des königs Börne 7, 144; dabei übten in allen städten die glaubensrichter eifrig ihr amt Döllinger akadem. vorträge 1, 110; die functionen des reichsamts können nach meiner auffassung nur durch den bundesrath entweder direct oder durch delegation an einen jährlich zu wählenden ausschusz geübt werden Bismarck gedank. u. erinner. 1, 48 volksausg.; zugleich schmeichelte er klug dem ... dünkel, er selber übe nur die einfache pflicht des schutzes Treitschke d. gesch, 1, 232.
k) sitte, brauch üben:

er uopte gerno allaʒ recht Meregarto 58 in Müllenhof-Scherer denkmäler3 1, 95;

einiges wurde sogar ihr zur seite auf den teppich gelegt, so dasz hier unbewuszt und gegen den sonstigen gebrauch von diesen einfachen leuten eine sitte alter völker geübt wurde G. Keller 2, 75;

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christlich lagerten sich bacchanten-schaaren im thale,
hinter die mauern versteckt, üben sie alten gebrauch
Göthe 4, 122 Weim.


l) gericht, recht, strafe üben u. ä., im prägnanten sinne aus der geistlichen und aus der rechtsprosa in die dichtersprache dringend und allgemein: selig, die da üben das gerichte und gerechtickeit Luther 103, 60, 17 Weim.; desgleichen sol auch kein mensch mit dem andern recht üben und straffen, on wer das ampt hat von gottes wegen 32, 421, 29 Weim.; an all den göttern Egyptens wil ich gericht üben bibel verteutscht (Zür. 1531) 2 Mos. 12, 12; die fürsprechen und andere die das gericht yben, die eim armen mann seine sach und recht verlängern buch d. liebe 300, 4; handelst, was recht ist, und übst gericht und gerechtigkeyt, ein stündlein würt dir ewigen lohn drumb darreychen Seb. Franck sprichwörter (1545) 1, 95b; und keyner sein jagdrecht mit des anderen schaden üben solle Sebiz feldbau (1579) 561; eine solche straffe zu üben, die einen schein der ehren nach sich führe B. Schupp schrift. 557; nirgends aber sieht man weder gegen diese irrlehrer selbst, noch gegen ihre schüler strafen geübt, die denen gleich kämen, welche unsre länder verheeren Schiller 7, 194, 11; so übte herr Cyriacus sein geistliches recht A. Arnim 9, 149; in den curien ..., wo von jenen nur die familien, welche Tarquinius ... aufgenommen hatte, eine stimme geübt zu haben scheinen Niebuhr röm. geschichte 1, 385; ihr habt ... das recht eines freien bürgers erworben und geübt, sich selbst eine verfassung, ein oberhaupt zu geben Görres schrift. 2, 29; der übt schnelle justiz Bauernfeld 5, 105; bildlich: so übte die ermüdung ihr recht A. Arnim 7, 86;

nimm hin das blut, es ist für dich vergossen!
nimm hin! der papst erzeigt dir diese gunst!
im tode noch sollst du das höchste recht
der könige, das priesterliche, üben!
Schiller 12, 566 (M. Stuart V 7);

censur fordert und übt der mächtige Göthe 422, 193, 19 Weim. (maximen u. refl.); teils hatte er ... hin und wieder historische kritik üben müssen D. F. Strausz 3, 40 (leben Jesu); die kritik kann nur geübt werden durch eine freie presse und durch parlamente im modernen sinne Bismarck gedank. u. erinn. 2, 81 volksausg.; die kontrole über die ausfertigung und ausgabe der reichskassenscheine übt die reichsschulden-kommission gesetz betr. die ausgabe von reichskassenscheinen § 7 abs. 2.
m) rache üben: die andern, die das schwerd on befelh selbs nemen und rache üben Luther 32, 387, 24 Weim.; sintemahl ... der könig zu Schweden .., seines alten feindes sich auf eine zeitlang zu entschlagen und an diesem newen ... rache zu üben begierig sich befand Chemnitz schwed. krieg 1, 16, 2; hüte dich wohl, jemand zu beleidigen; denn die menschen versöhnen sich nicht, ohne vorher rache geübt zu haben Schlosser weltgesch. 7, 191; der stadt drohte ... der siegreiche einzug einer schaar von verbannten aller stände, welche nicht nur ihr geraubtes eigenthum zurückverlangten, sondern auch rache für ihre langen leiden üben wollten Moltke schr. u. denkw. 1, 182;

die bürger fundt er all gutwillig,
an dem keyser zu üben rach
Hans Sachs 8, 429, 2 Keller;

derhalben thu ich meine sach
in dein (gottes) gericht einstellen.
ich weis, du wirst wol üben rach
Ringwalt handbüchlin B 1a;

o Jakaste! was geschehn ist, wurde klar, und was zu thun:
deinen gatten, ich erschlug ihn; übe selbst die rache nun!
Platen 2, 397


n) einflusz, wirkung, macht, kraft, zwang üben:
α) wenn liebe übt ir craft Niclas von Wyle translationen 32, 28; da übet er alle seine macht und krafft Luther 28, 132, 34 Weim.; von meinen jungen leuten dagegen kann ich nur erfreuliches melden, sie paszten zusammen und wenn sie sich auch nicht liebten, das dritte wesen übt seine vermittelnden kräfte Göthe IV 29, 198, 7 Weim.; die französische sprache ... übte einen einflusz, der von ihrem werth ... sehr verschieden war Humboldt briefe an Welcker 25 anmerkung; während religion doch eine über uns selbst erhabne einwirkung

[Bd. 23, Sp. 65]


auf uns übt Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz 183; bei der macht, welche die phrase in Frankreich übt, war anzunehmen, dasz die militärischen rücksichten sich den politischen würden unterordnen müssen Moltke schrift. u. denkw. 3, 71; Rom ... diese wunderbare stadt übt noch andern zauber als ihren geistlichen J. Grimm kleine schriften 1, 71; 'o übt ihn nicht', sagte sie mit innig flehender stimme, 'o übt ihn nicht, den alten zauber, dessen gewalt ihr kennt und einst erprobtet gegen ein thörichtes mädchen' Stifter 1, 288; trotz der ungereimtheiten der komposition ... übt das stück einen eignen reiz Ludwig 5, 393;

zum andern so miszfalt mir mehr,
dasz jhr seit also frävel sehr
und übt gewalt
Fischart flöhhaz 51 neudr.;

man übt gewalt, man schindt und schabt,
einer den andern jagt und plagt Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 1, 78;

würde mich kein ohr vernehmen,
müsst' es doch im herzen dröhnen;
in verwandelter gestalt
üb' ich grimmige gewalt
Göthe 15, 309 Weim. (Faust II);

das jahr übt eine heiligende kraft
Schiller 12, 217;

weil auf mir, du dunkles auge,
übe deine ganze macht
Lenau 11 Barthel.


β) bei, gegen, über, auf, an einem gewalt üben u. ä.: darumb musz got grosse gewalt üben bey den lewthen, die nicht glewben, das got sey Luther 341, 16, 16 Weim.; Christus hat gesprochen und geordent, die bischoffe, welche itzt mehr eher, gut und gewalt haben, auch gegen ydermann üben und gebrauchen, denn weltliche könige und fürsten, sollen nicht alsso seyn 8, 502, 28 Weim.; ir wisst das die fürsten der leut herschent der iren: und die die merern seint, die übent den gewalt über sy erste deutsche bibel Matth. 20, 25; die weltliche fürsten üben gewalt über yhr unterthan Luther 102, 154, 30 Weim.; je mehr der mon schwach ist desto unkräftiger auch dise ding auf dem erdboden sein, über welche sie jre würckung übet Sebiz feldbau (1579) 324; beim bodenbau übt die form der arbeit den entscheidenden einflusz auf das herausbilden des nationalcharakters W. H. Riehl die deutsche arbeit 75; noch immer übt die tragödie der Athener ihre macht auf die schaffenden der gegenwart Freytag 14, 123 (technik d. dramas); wenn auch durch landtagsbeschlüsse ... die deutsche einheit nicht hergestellt werden konnte, so übte doch der liberalismus einen druck auf die fürsten Bismarck ged. u. erinn. 2, 26 volksausg.; ist vereinbart dasz der versicherer die kriegsgefahr nicht übernimmt, so endet die gefahr für den versicherer mit dem zeitpunkt, in welchem die kriegsgefahr auf die reise einflusz zu üben beginnt handelsgesetzbuch § 848; gleichwie aber die eltern an jhren kindern sie zur ehe zu zwingen, keinen gewalt und tyranney üben sollen, also sollen auch die kinder sich nicht widerspenstig erzeigen L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 13 neudr; der verborgne reichthum der materialien, an den die menschliche natur ihre kräfte übt Gerstenberg rezensionen 240, 35; der duft des bechers stieg auf und begann auch an mir sein zauberwerk zu üben Storm 1, 47; der zwang welchen gesunde vernunft und das eigene interesse überhaupt im menschlichen leben üben Moltke schriften u. denkw. 7, 16.
γ) vereinzelt bleibt der absolute gebrauch von üben für 'einflusz nehmen': ich habe gestern des Gutzkowschen Börne gelesen — gott weisz, es übte auf mein gehirn wie ein narkotischer trank br. von Heine an Laube 23.
G. eine weiterentwicklung des begriffes ergab sich dadurch, dasz zu dem begriffskreis 'in bewegung setzen' die nebenbedeutung der iteration oder der dauer hinzukam und so der thätigkeit der begriff des gewohnheitsmäszigen gegeben wurde. die grenze gegen A—F ist nicht immer scharf, schon die beiden alten sonderwendungen 'landbau treiben' und 'feiern' sind in einzelnen fällen durativ-iterativ aufzufassen, so wenn Notker zu ps. 80, 4 (canite initio mensis) bemerkt: daz uobent noh carnaliter iudei. zahlreicher werden sichere belege für diese secundäre bedeutungsentwicklung erst vom 15. jahrhundert ab.

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1) üben, treyben oder pflegen, exercere, exercitare voc. theut. (1482) hh VIa; usitare Diefenbach gloss. 630c; versari in alqa re Maaler 413; factitare Dentzler 289b; frequenter facere Frisch 2, 397b; kopmanne de hir in dem lande de reise oven quelle bei Schiller-Lübben a. a. o.
2) bey dem du teglich ursach gnug hast solche vergebung zu üben Luther 32, 424, 32 Weim.; das jetz sy in ruw besitzen schier den halben theil der wält und on straff alle laster üben Eberlin von Günzburg schr. 1, 169 neudr.; an örten, da das ztringken vor alter here geübet, und überhandt genummen hatt Schwartzenberg teutsch Cicero 82; von kayserlichen kriegszrechten ..., welcher art, sitten, herkommen und gebrauch, under und bey regierung des ... keysers Caroli des fünfften ... geübet und gebraucht Fronsperger kriegsbuch 1a titel; ein gelehrter kommentar seze die sachkenntnisse voraus und übe die worterklärung Voss antisymb. 2, 61; die herren übten den brauch, ihre gewohnheiten ... auf die wände ihrer gebäulichkeiten malen zu lassen Keller 6, 161; drei stände des mittelalters üben nacheinander kunstgerecht die poesie W. H. Riehl deutsche arbeit 26; er ist etwas roh, übt verletzende und herausfordernde rede Scherer litteraturgesch. 140; so wurde es seit menschengedenken geübt Polenz Grabenhäger 1, 178;

wie wirt daz evangelium voracht,
wie übt der bapst eyn unvorschampten bracht
Hutten 3, 456;

loben ist noch weit nicht lieben,
ehr-wort ist kein wahr-wort nicht;
compliment macht keine pflicht,
ist bey hof ein höflich üben
Logau sinnged. 660 Eitner;

wer, wie du, nichts übte zu bereuen
Dusch vermischte werke (1754) 362;

was Epictet gethan und Seneca geschrieben
sieht man hier (i. d. Alpen) ... ungezwungen üben
Haller ged. 23;

diesz ist blosz eures hirnes ausgeburt;
in dieser wesenlosen schöpfung ist
verzückung sehr geübt Shakespeare 3, 277.


H. die durativ-iterative verwendung führte weiter zu 'gewöhnen, ausbilden, vervollkommen', d. i. durch dauernde und wiederholte thätigkeit geschickt machen.
1) mit acc. der person: einen etwarin üben und redlich brauchen alqm in alqo studio exercere Maaler a. a. o.; exercitator der einen übet Garthius 243b; einen in waffen üben essercitar' uno nelle armi, v. trillen Kramer (1678) 1065b; die soldaten im gebrauch der waffen üben, einen knaben im stylo üben Ludwig teutsch-engl. wb. 1780.
a) machten weidenflöten und holderpfeifen, stelten den kautzen auf den kloben, führten einander auf dem schlitten den berg auf und ab, vogelten und übten ein jungen sperwer Garg. 304, 14; indem wir die kinder üben, töne ... mit zeichen auf die tafel schreiben zu lernen Göthe 24, 235, 23 Weim.; Süvern übte seine kompagnie Arndt werke 1, 184; seine clavierstücke üben die faust ungemein Dan. Schubart ästhetik der tonkunst 208;

mit süszen wörter-schall, wie man sie (d. hunde) pflegt zu üben
Täntzer jagtgeh. 1, 2;

verfolgung, neid und hasz, der tugend gegen-horden,
die haben dich geübt, gewitzigt und gewiegt
Besser schriften (1732) 1, 64.


b) in etwas jemanden üben: und ist auch billich, das man die jugent in vielen sprachen übe, wer weys, wie gott ihr mit der zeyt brauchen wird Luther 19, 74 Weim.; Siegfried aber und Gotthart ... blieben die erndtezeit über bey Eckarth, der sie ... in allerhand exercitiis fleiszig übete mediz. maulaffe (1719) 115; es ist so, wie eine wölfin ein lamm fängt, fein lebendig zur höhle heim trägt, daran ihr junges im würgen zu üben maler Müller 3, 134; unter anderm versammelte er einen haufe ... leute ..., übte sie in den waffen M. J. Schmidt gesch. d. Deutschen 2, 20;

die jungfern, die so wol im lieben sind geübt,
die übt man zwar noch mehr, nur, dasz man sie nicht liebt
Logau sinnged. 286 Eitner.

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zu oder an etwas jemanden üben = gewöhnen: das beste weib hat seltsame launen und taumelt unter grillen und thorheiten herum, wenn sie nicht zum gehorsam geübt wird erzähler des 18. jahrh. 1 Fürst;

und der wunsch übt in beschwerden
ans gebisz den stolzen mund
Grillparzer 1, 34.


2) eine fähigkeit etc. ausbilden, entwickeln: jünglinge deren gefühl ... man zu üben und zu verfeinern wünscht Eschenburg entwurf vorr. 2; die Rhone und Saone üben der einwohner (von Lyon) erfindsamkeit im wasser- und brückenbau Heinse 7, 53; nichts übt so sehr das nachdenken Göthe 40, 230, 19 Weim.; von einer andern seite weisz ich auch wieder keine beschäftigung welche die geisteskräfte mehr schärfte und übte Forster 8, 43; die mannschaft übte mit mütze, seitengewehr und patronentasche ausgerüstet in den zimmern unter aufsicht der unteroffiziere griffe und wendungen Stratz dienst 23; groszmutter hat gesagt, wir sollten einmal die menuet wieder mit einander üben Storm 1, 64;

männer, hart von faust,
die in Athen hier ein gewerbe treiben,
die nie den geist zur arbeit noch geübt
A. W. Schlegel Shakespeare 1, 270.


3) der reflexiven verwendung (s. u.) nähert sich der gebrauch in folgenden belegen: überhaupt sollten alle junge violinisten den kleinen finger fleiszig üben Quantz anweisung die flöte zu spielen (1789) 205; so üben sie (die kinder) zugleich hand, ohr und auge Göthe 24, 235, 27 Weim.; hingegen sollen wir unsern verstand ... in deutlichen begreifungen üben Leibniz deutsche schriften 2, 38; ich musz daher wünschen, dasz diejenigen, welche ... nicht gewohnt sind durch das prisma zu sehen zuerst ihr auge daran üben Göthe II 51, 19, 16 (chromatik); so dachte sie und übte ihr herz allmählich in dem versuche mit standhaftem muthe das opfer zu vollbringen Pfeffel pros. vers. (1810) 3, 61;

jud Mathia, die weil du jung,
solt weiszheit lehren und dein zung
üben zu der wolredenheit Endinger judenspiel 30 neudr.;

dann übt der jüngling streitend seine kräfte
Göthe 10, 116, 300 Weim. (Tasso);

zwei jahr' an deinem siegeswagen
hab' ich den hals im joch geübt
Strachwitz gedichte (1850) 213.


4) passiv: und als er bekennet das end sines lebens nahet sin, begeret er die selben sine kind in dem ackerbuw wol geübt werden Steinhöwel Äsop 259; die erste stunde nach mittag teglich sollen die kinder in der musica geübet werden, alle, klein und gros Luther 26, 237 Weim.; auf diese weise wurden alle Sachsen zu den waffen geübt Haller Alfred (1773) 69, 4; ich trat nun an wie ein rekrut, der geübt wird Chamisso 4, 314; durch unglück und noth werden unsere kräfte geübt, dasz wir gott nicht vergessen Arndt schriften für u. an s. l. Deutschen 1, 252.
5) geübt exercitatus, periclitatus Henisch (1588) 61, Maaler a. a. o.; erfahren, ἀσκηθής Garthius 243a; versatus in alqua re, assuefactus Stieler 65; crebra exercitatione habitum consecutus Frisch 397b; in adjectivischer function ganz allgemein vgl. oben th. 4, sp. 4614 f., z. b.: denn das junge und grobe volck mus man anders zihen und weisen weder die verstendigen und geübten leute Luther 26, 216 Weim.; das Reynhart ein geübter kriegszman wer Aimon o; die declamation eines vorzüglich geübten schauspielers Göthe IV 42, 29, 21 Weim.; derselbe, ein trefflicher beobachter, geübter zeichner IV 35, 28, 25; dasz es auch dem geübtesten auge schwer fiel, das erlernte von dem natürlichen zu unterscheiden Klinger werke 3, 126; schmiede, weinschröter, zimmerleute, männer mit geübten fäusten Göthe 8, 121, 13 Weim.;

disz merkte Jonadab, ein mann geübter zungen
Rachel satyr. ged. 96 neudr.


prädicativ: nicht ein jeglicher wird zur zeit der noth sich männlich halten: der geübet, mit dem pfeil auff ein haar zu schieszen, wird den harnisch eines starcken nicht durchlöchern Olearius reisebeschr. 86; aber er, nicht geübt auf einem beine zu stehen, fängt an zu

[Bd. 23, Sp. 68]


wanken Göthe 7, 195 16, Weim.; wer nicht sehr geübt ist, weisz sich nicht zu finden IV 8, 98, 7 Weim.;

gar mancher ist vielleicht dermassen wol geübet,
dasz ...
er dichten kann und schreiben, was er will
Rompler von Löwenhalt reimged. 80.


deutlich fühlbar bleibt die verbale natur in wendungen wie: die klosterleute sind darzu geübt und haben ir ordnung, wie man sich halten soll bey den sterbenden menschen Kaisersberg pred. 83b;

o son, ich bin umb dich betrübt,
zu keinem kampf bist du geübt
Hans Sachs 8, 521, 36 Keller;

man mich auch für ein kleynen musicum und solcher kunst geübten wiewol unwirdig achtet M. Agricola musica instrumentalis 7; die alten hendler, die solcher bubenstück geübt sein Agricola sprichw. 228; darumb das er in bürgerlichen rechten gelert und geübt was Schwartzenberg teutsch Cicero 66; der in dem laster so sehr geübte Klinger neues theater 1, 206 (Roderico 4, 3); allein zu lange schon darin geübt, sich jene schmerzlichen erinnerungen fern zu halten Mörike 3, 44 (maler Nolten);

wie treflich diser herr, schon alt von witz und jahren,
in allen dingen schier geübet und erfahren,
zwo königreich und so viel länder hat regiert
Rist Parnasz A 3b;

(sie) haben eyn hertz, das durchtrieben ist im geytz und sonderlich darauf geübt Luther 14, 54, 29 Weim.; in den nonnenklöstern führen, auf das spiel jeder art der instrumente geübt, die nonnen ihre musiken selber auf H. Kleist 3, 378.
attributiv bei abstr.: als geschriben steet das aufrecht christen durch gewonheyt haben söllen geübt sinn zuo erkennen guots und pösz Berthold von Chiemsee theologey 15; es ist diese rede ein zeugnisz eines aufgeweckten und in allen stücken geübten verstandes Liscow schriften 752; ein geübter geschmack allein wird nicht überall ausreichen Göthe 46, 81, 20 Weim.;

und keines irrthums trüber schein
kann dein geübtes urtheil stören
Gottsched ged. 153.


adverbiell: dasz ausz ihrem quell die heiligen bücher reiner und geübter als zuvor geschöpft und getruncken werden Opitz 4, 7.
6) auch in der bedeutung 'gewöhnen an, ausbilden für etwas' verbindet sich üben mit dem acc. eines subst. act., oder eines concretums, das für ein verbalsubst. steht: er ritt mit seinem adjutanten weit hinaus, wo seine soldaten ... felddienst übten Freytag handschr. 2, 349; besonders ein musikstück, ein instrument üben für einüben: acht tage vorher probirten wir täglich zwei stunden ... und bliesen bei tafel die geübten motetten Göthe 43, 61, 7 Weim.; häufiger ist die reflexivconstruction, s. u. II 2.
7) in der umgangssprache auch absolut gebraucht, wo sich das subst. act. aus der situation oder dem zusammenhange ergänzen läszt, z. b.: er übt beim xten regiment für 'er leistet seine waffenübung ...' oder er übt für 'er übt sich am klavier, auf der geige etc.': morgens vor und abends nach meinen unterrichtsstunden sasz ich eifrig übend am clavier Storm 10, 29; bis dem sextaner einfällt, dasz er jetzt, vor tisch, noch ein wenig üben und sein geliebtes Mendelssohnsches 'lied ohne worte' zusammenbringen kann Franz Breda im frey-haus (tägl. rundsch. 1901 unterhaltungsbeilage 685a); ich übe minimum 4 stunden täglich H. Bülow br. u. schr. 5, 408.
II. reflexiv.
A. sich in bewegung und thätigkeit setzen, sich rühren, von personen und thieren:
1)

die hant stiez er (Julianus) im (dem götzenbilde) in den munt dar,
darinne uobte sich der vâlant:
er clamte im die hant
und gehabet in sô vaste
daz er sich mit nihte relôsen mahte kaiserchron. 10 782 Schröder;

sich so fast in seinem schlaff übet, das er davon erwachet Wickram 1, 307, 25. seit dem 16. jahrhundert in der bedeutung 'sich durch bewegung oder geräusch bemerkbar

[Bd. 23, Sp. 69]


machen' nur noch in einzelnen dialecten üblich: die katze übet sich, sie maut Estor teutsche rechtsgelahrtheit (1767) 3, 1421; der soldat so auf schildwacht gestanden, hat gerufen 'wer da?', es habe sich aber niemand geübet quelle bei Vilmar 419; solte keiner hie seyn der ein schäntzge (würfelspiel) mit mir wagte umb ein halb bier? es übet sich keiner Crecelius 2, 830; wann ich mich üben dürfte, ich spräche ... ebenda; von spukerscheinungen Staub-Tobler a. a. o.
B. sich in bewegung, in thätigkeit setzen mit zweckabsicht, sich plagen, sich abmühen.
1)

früh übt sich, was ein meister werden will
Schiller Wilhelm Tell 1481;

und unterdesz hatten sich die edlen ritter und die löwin so sehr geübet dasz sie den übrigen theil der heyden auch erleget hatten buch d. liebe (1587) 29a; Roland nam den stein, nötet und übet sich gar fast und warf dem Ponto für ebd. 33c;

zeig ihm an mein gebot hiebey,
nemlich das er vom krieg absteh,
dem feind nicht mehr entgegen geh,
so lang fürst Agamemnon theur
sich also übet ungeheur
Spreng Ilias 114b, XI;

ist's Momus der in städtischen gewühlen,
ein satyr, der im feld sich üben mag?
Göthe 16, 211 Weim.


2) von geistiger beschäftigung: sich befleiszigen, fleisz darauf legen Emmelius N n 7a; ein pfarrher oder prediger sol studirn und unter allerley bücher sich üben, so gibt jm gott auch verstand Luther randbemerkung z. Jesus Syrach 39, 1 Bindseil; die wyl sie sich übent ain krankhait ze vertryben, so machent sie zehen Stainhöwel speculum vit. hum. 334, 12; die sich als mitler zwischen der stat und dem rat geübt hatten städtechr. (1488) 3, 154, 11; der bapst Bonifacius übet sich hoch, ob er möcht Albertum vom reich stoszen Seb. Franck chron. Germ. (1538) 192; Carolus übet sich träffenlich, die eydgenossen mit h. Albrecht von Oesterreich zu befridigen Stumpf Schwytzerchron. (1606) 103b;

wir müssend uns des allweg üben,
dasz wir gewünnend land und lüt
N. Manuel 68 Bächtold;

thu nicht, das dich hernach betrüb,
und wol zu thun, dich stetes üb
B. Waldis Esopus 1, 13.


3) sich üben in etwas: sich üben, dummelen, nervos in aliqua re adhibere Henisch 765; versari in aliqua re, operam ponere in exercitatione multum esse in re aliqua Frisch deutsch-lat. wb. (1741) 397c.
a) darumb dur dich selber nit, dich zu üben im gottes weg Geiler bilgersch. (1512) C Ic; heilsame wisheit unde gudt verstandt werden kriegen, de sick in gades willen övent Rotmann restitution 21 neudr.; den (Christum) fasset wol und übet euch wol in im Luther 342, 375, 25 Weim.; in den stetten solten sie mit einander convent und gastung halten und im frid sich üben Seb. Franck chron. Germ. 86; der kaufmann, der gute perlen sucht, bedeut den menschen, der sich lang im gesetz und den propheten geübet und hart umb seine seligkeit bekümmert hat Heyden Plinius (1565) 377; und in seinem gsatz übet er sich tag und nacht Zürcher bibel (1531) psalm 1a; wohl denen, die vor gott stets ohne wandel seyn, und die sich im gesetz des herren täglich üben B. Schmolcke trost- u. geistr. schr. 1, 990;

lieben jünger ...
in meinen gepottn thuet euch üben altd. passionssp. 377 Wackernell.


b) do er mit weistum ein redlichs leben füret, und sich übet und prauchet in grossen gescheften Arigo decam. 73, 3; wann ich aber eyn aufmerckung hab, ... wie weislich, mit was vortheyl unnd hoher vernunft Scipio sein anschlag gemacht, wie mannlich und ritterlich er den nachkommen und die mit werken volstreckt und vollendet hat, das dienet eynem jeden, der sich in ritterlichen oder weltlichen sachen üben soll und musz Carbach Livius 1; die personen so sich üben in diser comedien Boltz Terenz deutsch (1539) 2a; es hat sich zwischen diser zeit gar ernstlich geübet der obgenant

[Bd. 23, Sp. 70]


abt Ulrich zu Kaisershaim in seinem befolchen ampt, dasz gotteshausz an personen, gut, gebeu und anderm wol gepessert und gemeret Knebel chronik von Kaisheim 17; worüber er dermassen entzückt schien, dass er sich allbereit in verliebten minen übte Ziegler asiat. Banise 83; unterdessen wollen wir uns in der geduld üben bis sie kommen Schubart bei Strausz 1, 24;

also wer sich in untrew übt
und manich mutterhertz betrübt meisterl. f. 23 nr. 233;

wo sich ein mensch in leidt thut üben
sol man in weiter nicht betrüben
Hans Sachs 14, 23 Götze;

wir übten, nach der götter lehre,
uns durch viel jahre im verzeihn:
doch endlich drückt des joches schwere,
und abgeschüttelt will es sein
H. Kleist 2, 433 (Hermannsschl. V 14).


4) sich üben mit etwas: facite i. e. danckt und ubet euch mit der eusserlichen heilickeit, i. e. facite bona opera Luther 27, 303, 19 Weim.; und leret ettlich sonderliche werck damit sie sich üben und blewen sollen 18, 214, 4 Weim.; die ruderer sassen auf beyden seiten und übten sich indessen mit vielen hin- und wiederfahren biss zu des käysers ankunft Ziegler asiat. Banise 248; Apollo und sein liebling Hyacinthus übten sich mit der wurfscheibe Ramler fabellese 3, 243;

der winter wärmet uns das blut,
indem wir uns mit arbeit üben
Weckherlin 2, 393;

sich üben dort mit schwimmen viel
in schnee gefärbte schwanen
Spee trutzn. (1649) 124, 18, 5.


5) an etwas sich üben: daz si sich denne werdent üebende an allen guoten werchen Grieshaber pred. 2, 40; wann er niemand hat zu äffen, so übt er sich an mir Harsdörffer frauenzimmergesprechspiele 5, 157; wenn der magen tüchtig denkt, und sich an speisen übt, und immer neue fordert, ... so steht der kopf unter der vormundschaft Tieck 5, 49 (Blaubart II 1); und fand ... an vielen orten der stadt noch mehr alterthümer, an denen ich mich, sobald ich in der werkstatt frei hatte, beständig übte Göthe 43, 34, 2 Weim.; igel sollen die nachtzeit durch, wo sie sich rühren dürfen, an dir sich üben, zwicken soll dich's dicht wie honigzellen Shakespeare 3, 31; die nationalschuld, die commerz-traktaten ... waren dies jahr die hauptgegenstände, an denen sich die rüstigen controversfedern übten Forster 6, 22;

und übe, dem knaben gleich,
der disteln köpft,
an eichen dich und bergeshöhn
Göthe 2, 76, 3 Weim.


6) im 16. jahrh. auch mit gen. object: und wenn eur majestät lust hett, sich eines kampfs mit mir zu üben Ayrer 2, 1371, 20 (Valentin u. Ursus II); also werden sy auferzogen, seind gemeynklich gute springer, dann sy üben sich von jugent auf in dem sand umbbürtzlende laufens und springens Seb. Franck weltbuch 202b.
7) zu, nach etwas sich üben: ain aufrechter christ übet sich stäts zu guoten werchen, auf das er allzeyt gerechter werde Berthold von Chiemsee theologey 36; ich wil mich üben nach dem soldan, das er mein gefangner würdt Octavian 1.
C. bei unpersönlichem subject, das oft das ergebnis der handlung darstellt: 'in erscheinung treten, geschehen'. schon mhd.:

vil maneger frouwen ungemach
sich uobte, diu noch slâfes pflag
Biterolf 9665;

von gotes gebot begunde sich trüben
daz mer, und die winde so starche üben,
daz daz schiffel mit wazzer was nahen bedaht biblische bilder in z. f. d. alt. 23, 369 v. 321;

in viertzig tagen ist es zeit,
das im dann got das leben geit,
und wirt der gaist in im entzünt,
das sein die fraw dann wol empfindt,
so sich das leben by ir übt,
dardurch ir hertz wirt oft betrübt
Hätzlerin liederbuch 287;

[Bd. 23, Sp. 71]



ob unfal ie wil üben sich,
das ich mein schatz musz meiden
den ich erwelt hab stetiglich,
das musz ich ye doch leiden
Forster frische teutsche liedlein 44 neudr.;

Vlysses thet auf seinen mund,
sprach: Agamemnon dir sey kundt,
das noch Achilles ist betrübt,
bey ihm sich rach und zoren übt
Spreng Ilias (1610) 123a IX;

diser sterbe (das hinsterben der pestkranken) übet sich in sölcher masse, das es sich oft begabe Arigo decam. 7, 10; auch vil der turkischen tiranney, die sich dieser zeit sonderlich beschwerlich wider die christenheit übet quelle (1522) bei Diefenbach-Wülcker 879; was wer das für ein glaub, wann ich hin gieng und het keyn zappeln noch zagen im hertzen, da durch sich der glawb üben solt? Luther 12, 499, 28 Weim.; damit fieng sich der krieg an auch auf dem wasser üben Stumpf Schwytzerchron. (1606) 735a.
in der neueren sprache nur in beschränkter verwendung: thätigkeit kann sich zur noth auch in gedanken als vorbereitung zum handeln üben Pückler briefwechsel u. tageb. 2, 328; hier kann sich nun critik der sage üben J. Grimm kleine schriften 2, 73; während der orient von grossen völkerstürmen ... durchaus umgewälzt worden, hatte es hier zwar wohl immer kriege gegeben, in denen die kräfte sich regten und übten Ranke 1, 155 (dtsch. gesch. i. zeitalt. d. ref.)
D. sich geschickt machen, sich vervollkommnen, wie in den trans. wendungen aus der nebenbedeutung der dauer oder iteration erwachsen; in der neueren sprache ganz allgemein:
1) Sokrates sagt: jünglinge müssen sich belehren lassen, männer sich üben richtig zu handeln Bode Mich. Montaignes ged. u. mein. 2, 184; ja, wenn man sich geübt hat, so lassen sich die beiden entgegengesetzten farben zugleich erblicken Göthe II 1, 19 (farbenlehre); weil sie glaubte, dasz alle neigungen überwunden werden müszten, so übte sie sich so lange, bis sie ... Jung Stilling 6, 16; in anwartschaft seines höheren amtes übte er sich, als sämann den göttlichen samen in wohlberechneten würfen auszustreuen und das böse in gestalt von wirklichem unkraut auszujäten Keller 1, 17; ich sprach sogar laut, wie ein sich übender prediger H. Hesse diesseits 102;

wir spotten nur der dummen list
des ceremoniells, ...
das, in gestalt und tracht dem wohlstand nachzuahmen,
oft, doch mit schlechtem glück, sich vor dem spiegel übt
Ebert episteln u. vermischte ged. (1789) 57;

übten sie sich dann daneben,
auch von sonnenschein und regen,
wie die pflanzen ganz zu leben
Rückert 1, 241.


2) in etwas sich üben: wer sich etwas angewöhnt, wiederholt eine und dieselbe sache sehr oft, aber weder nach regeln, noch zu einem bestimmten zwecke; wer sich worin übt, der wiederholt eine und dieselbe handlung nach regeln und zu einem bestimmten zwecke Delbrück (1796) 42; er soll sich lange zeit hindurch vor dem spiegel in seiner ehrwürdigen magistratsmiene geübt haben Rabener 2, 282; um mich nun hierin zu üben, zeichne ich mir oft portraits von menschen nach meinem ideale auf Knigge roman meines lebens (1781) 2, 29; obgleich ich mich schon ... im knotenlösen so geübt hatte, dasz mir so leicht nichts zu sehr verknüpft war Hippel lebensläufe (1778) 1, 99; (Philine) begegnete ihm mit einer gewissen anständigen freimüthigkeit, in der sie sich bisher geübt hatte Göthe 21, 303, 26 Weim.;

comödiä grossen nutzen haben,
darin sich üben junge knaben
in lernen, reden und auszsprechen
Gilhusius grammatica (1597) prol. 10;


3) auf oder zu etwas sich üben:

er starb
wie einer, der sich auf den tod geübt,
und warf das liebste, was er hatte, von sich,
als wär's unnützer tand Shakespeare 9, 286 (Macbeth I 4);

[Bd. 23, Sp. 72]



besuche mich recht oft, mein alter freund,
des abends so, wenn du nichts mehr zu thun,
da wollen wir uns dann auf lieder üben
Tieck 2, 161 (Genoveva);

das die menschen nit auf einen tag säufer werden, sonder so sie ... zur gewonheit des saufens sich üben Ambach vom zusauffen E IIIa (Augustin 5, 2306 Migne sermo 294, 7); übe dich zur gottseligkeit, exercise thy self unto godlines Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1780; übe dich zum tüchtigen violinisten Göthe 24, 50, 28 Weim.;

die jugendliche stirn übt sich zu finsterm grimme
Cronegk schrift. 2, 109 (das glück der thoren);

du übest dich früh zu deinen gefahren
Herder 26, 79;


E. als landschaftlich übliche sonderbedeutung ist anzumerken: sich üben soll man nach Bergm. anzeige, von personen sagen die sich lieben Hupel idioticon (1795) 243.
III. der substantivierte inf. findet sich nur in der bedeutung 'einüben' häufiger, in der ursprünglichen bedeutungssphäre selten: dis schiff fert in disem sorglichen wütenden mere diser engstlichen welte. die alwege in ainem üben und wüten ist Tauler sermones 110b;

hertzlich hassen, mündlich lieben,
ist der menschen meistes üben
Logau sinnged. 655 Eitner.


IV. das part. praes. in attributiver function: ein übend leben, vita activa, bei den mystikern wiederholt z. b.: durch Martham würt verstanden das übend oder würckend leben und durch Mariam Magdalenam das schowend leben. was ist, sprichst du, ein übend oder würckend leben und worinn stot es? ich antwurt kurtz: es stot in übung der sechs werck der barmhertzigkeit Keisersberg post. 4, 17b; das schauwend leben übertrift das übend pred. 28a; ähnlich: welch ein früh wissendes und spät übendes geschöpf ist doch der mensch! Göthe 31, 56, 10 Weim.;

dasz aber euch des höchsten hand
noch ewer land nicht wider geben
sondern will euch in frembdem land
noch länger übend lassen leben
Weckherlin 2, 236.

fröhlich folg' ich dem heer' in übende waffengefilde
Salis gedichte (1793) 86.


 
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üben, adv., jenseits, n-ableitung zu dem alten stamme, der in auf, ob und über vorliegt; gehört zur wurzelsippe, die an sanskr. upa anschlieszt. der gebrauch war zu allen zeiten landschaftlich beschränkt. allgemein gebraucht dagegen die compp. z. b. hüben, herüben, drüben (s. d.), vgl. auch Schmeller 1, 18; Martin-Lienhart 1, 9.
 
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über, m., exercitator, -er ableitung vom verb. üben (s. o.), ahd. uobari, mhd. üebære. über des ertrichs, cultor terre voc. theut. (1482) hh 8a; practicus, wergman oder über der künste Niger abbas 3925; über in den historien Diefenbach s. v. philostoricus; über der schawspil scenici Dasypodius dict. Niiij; die laute will einen guten über haben, chelys desiderat exercitationis plurimum Stieler 65; got wil nit zuhörer oder nachreder haben, sonder nachvolger und über Luther 103, 4, 9 Weim.; als hab ich doch ewerer churf. durchlaucht (als aller tugenten, lehren und künsten wolkündigen liebhabern und übern) dises büchlein zuschreiben und verehren wöllen Weckherlin dedicat. zu d. weltl. ged. 2, 195; das simplex ist im 18. jahrh. bereits auszer gebrauch und nur mehr in wbb. belegt, z. b. über, een, die zig oefent, oefenaar Kramer deutsch - holl. wb. (1787) 465b; moviert überin, f., Stieler a. a. o.
 
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über, raumadv. und präp. , ahd. ubar, ubir, ubari, ubiri; mhd. über, uber, übere; got. ufar, adv. ufaro; ags. ofer; engl. over; afries. over; nfries. oer; as. oar; amd. obar, obir, ober; mnd. over, över; mnl., nnl. over, aver; an. yfir; dän. over (älter dän. yver, over); schwed. öfver; norweg. yver; eine gemeinindogerm. adverbialbildung: ai. upari und upara; gr. ὑπέρ; lat. s-uper; gall. ver; air. for aus u(p)er; nur den slavischen sprachen fehlt das wort, vgl. Fick4 3, 31.
zur form:
die dreisilbige form des ahd. und mhd. ubari, ubiri, übere bleibt auf adverbiellen gebrauch beschränkt, die zweisilbige form ubar, ubir findet sowohl für das adv. wie für die präp. verwendung. der suffixvocal ist idg. e (Fick4 1, 18); im ahd. findet sich neben ubir weit überwiegend

[Bd. 23, Sp. 73]


ubar, das Paul (beitr. 9, 582) auf westgerm. uur zurückführt, da im stammvocal keine brechung zu o eintrat; anders Joh. Schmidt zeitschr. f. vergl. sprachf. 26, 33, der a als suffixvocal für das westgerm. neben i gelten läszt, aber 'färbung des a gegen i hin' in ubar durch die comp.-form ubari vermutet. sicher ist, dasz die ahd. doppelform ubir, ubar über das ahd. und mhd. hinaus fortlebte, da sich spuren umlautloser, auf ubar zurückgehender formen in mundarten, die umlaut von u zu ü sonst kennen, noch heute finden (z. b. schweiz. ubert s. Staub - Tobler 1, 59). in die mhd. verhältnisse vermögen wir keinen sichern einblick zu gewinnen, da die umlautbezeichnung mangelhaft ist, und die präp. natürlich nie in reimstellung tritt. während ahd. ubar überwog, siegte nhd. die auf ubir zurückgehende umgelautete form über.
neben ubar finden sich ahd. vereinzelt auch formen mit o im stamm, besonders ostfränk. (Tatian). die form ober erhielt sich bis in die gegenwart auch in jenen dialectgebieten neben über, die u (ü) nicht lautgesetzlich in o (ö) wandelten, da sich obar, ober hier auf die mit über vielfach synonyme präp. ob (s. d.) und auf den alten comparativ ober (s. d.) stützen konnte.
durch enklitisches anrücken des bestimmten artikels entstehen überm, übern, übers = über dem, über den, über das, z. b.: wer nicht alle fürt, weg und steg weisz, der setze aus der fuhrstrasz nicht, damit nicht rosz und mann überm haufen bleibe Mathesius Sarepta 154a;

wo der grosz übern kleinen mag,
wirft er auf in sein ungedult
B. Waldis Esopus 1, 17 Kurz;

die wimper schattet seiner züge bau,
wie übers leichenfeld sich senkt der thau
Droste-Hülshoff 2, 105.


I. in adverbieller function: ü. ist seit ahd. zeit mit einer reihe von verben eine mehr oder weniger feste verbindung eingegangen und hat mit diesen zusammen scharf ausgeprägte neue bedeutungsbahnen betreten, die in übersicht unten im abschnitt 'über als erstes compositionsglied' im allgemeinen skizziert sind und im einzelnen unter den betreffenden verbalcompositionen verfolgt werden können. im grunde erwuchs auch die präpositionale function aus der adverbiellen, doch zeigt nicht nur der enge syntaktische anschlusz an das nomen sondern auch die oben erwähnte formdifferenzierung (ubari — ubar) zwischen adv. und präp., dasz die sprache schon sehr früh die beiden verwendungsarten zu scheiden versuchte. im folgenden wird eine übersicht des adverbiellen gebrauchs im engsten sinne gegeben.
A. hinüber:

dô si quâmen ubere,
Alexander karte widere Straszburger Alex. 2642;

der ton, der sanft herüber
in eure wonne schlug,
und eure seelen über
in Platons himmel trug
Tiedge 2, 9;

indem ich über den graben setzen wollte, kam ich zwar über, allein ich stürtzte mit dem pferde mediz. maulaffe (1719) 249 f.; anruf des fergen: hol über!
häufig über sein: da sie (die elephanten) gern über weren, lest sich einer hinab in den graben und stellt sich überzwerchs, dasz die andern an im ein brück haben Heyden Plinius (1565) 92; metaphorisch und verengt: über seyn = sich ergeben haben Kramer hochniederd. wb. (1719) 220b; auch in den maa., z. b. Hunziker 271;

Sigeth musz über sein
und Gyula, eh ich mich zur letzten schlacht
mit kaiser Max, dem Habsburg, rüsten kann
Körner 3, 47;

elliptisch: sein herr wartete nur darauf, wie es mit Magdeburg abliefe: so bald solches über, wolte er alle tractaten aufheben und die königl. schwedischen an die seekandte einzuklemmen suchen Chemnitz schwed. krieg 3, 1, 3a;

der alte
hat uns verrathen, ist zum kaiser über
Schiller Wallenstein 2037;

Ottokar. Indes ihr Wien belagert, mach ich's frei!
Rudolf. herr, Wien ist über!
Grillparzer 6, 91.

bildlich: lieber, was konnt' ich sagen, mein herz war über, da sie kaum die harfe berührte Lenz 1, 182. landschaftlich:

[Bd. 23, Sp. 74]


der kranke ist über = ist aus der gefahr Frischbier 2, 418a.
B. oberhalbhin, durch ein adv. näher determiniert: oben über ward mit groszen buchstaben geschrieben erznarren 226; oben über spannte sich ein glänzender strahl Brentano 5, 346.
C. jenseits.
1) durch gegen näher determiniert, s. oben gegen und gegenüber th. 4, sp. 2215 u. 2276 f.: ein läger grad gegen dem anderen über schlahen castra castris conferre Maaler (1561) 441c; in der hüle des ... ackers, gegen Mamre über Zürcher bibel (1531) 1 Mos. 23, 17 (ebenso Luther); und zoch das seil oben von seiner muter hinderhusz über die Sal, in ein ander husz dargegen über Eulenspiegel 7 neudr.; der künig, der gegen der schönen frawen über sasse Arigo decam. 40, 33 Keller; Telemachus satzte sich gegen ihm über Schaidenreiszer Odyssea (1537) 73b; gegenfenster, welche gegen einander über stehn Sebiz feldbau 27; bisz er endlich an eine steige, so den berg hinauff gieng gerad gegen der mühlen über kam eselkönig 145; wie Cäsar das erste mal nach Britannien übergieng: so landete er ungefähr gegen Calais über Reimarus wahrheiten d. nat. religion 47, 5; er winkt dem gegen ihm über sitzenden Göthe 37, 334, 12 Weim.; vermelde: dasz man allerdings einen mit schreibpapier durchschossenen catalog wünscht und die preise gegen jeder seite über aufgezeichnet IV 42, 114, 19 Weim.
2) durch vor, bei, schräg determiniert: umb 2 uhren hatt herr Lucas Messinger hausz angefangen zu brennen, bey der pfaltzen über quelle in Alsatia 10, 436; an dem gestad diser peninsel gleych vor der Ow über, ligt erstlich das dorff Woltmatingen, dem abt der Ow verwandt Stumpf Schwytzerchronik 407a; so sasz ich lange; vor mir über lag der sterbende fechter Hegner 1, 132;

du saszest mir schräg über
im schatten vom apfelbaum
Gaudy 8, 29;

herr, hab ich gnade funden für deinen augen, so gehe nicht für deinem knecht über 1 Mos. 18, 3; verwunderte sich, dasz er schon für der mühlen über sollte komen sein eselkönig 144; der blaue himmel, die musik, der karneval ... das alles rauschte vor ihr über Arnim 7, 77. wie gegen — über zu fester compos. zusammenrückte, so auch vor — über, besonders wo es als adverb. bestimmung zu bewegungsverben trat.
D. vorbei, zeitlich: der zorn ist gelegt, ist über Apherdianus methodus discendi (1601) 75; so solt ir ..., wenn yhr zorn über ist, sie mit wortten darumb straffen Agricola 750 teutscher sprichw. i 4b; vgl. auch Adelung 4, 1117; es is all über Frischbier 2, 418a;

lasz dir es keine furcht erwekken,
lasz dieses wetter über gehn
Neumark lustwäldchen (1652) 18;

der mond schwillt an und wird dann wieder mager,
wenn eben halt ein monat über ist.
Schiller 1, 244.


E. übrig, besonders in den verbindungen über sein, haben, werden, lassen z. b.: was euch über ist, gebt almosen, so sind euch alle ding rein oder vergeben Luther freiheit des sermon vom ablas und gnade 1, 50a; der Hasennest hat gelt herwider pracht und das hat man geben den zweyen püchsenmaistern ..., also das uns nichtz über ist worden städtechron. 2, 88; s. u. überbleiben, überhaben, übersein, überwerden u. s. w.
F. plus: da heiszt es in wahrheit, wie von dem manna der Israeliten: der hatte nichts über, der viel gesammlet hatte; und der nichts drunter, der wenig gesammlet hatte Reimarus wahrheiten d. nat. religion (1766) 688, 15.
verengt: über sein, werden = überlegen s., w., z. b.: er ist uns beiden über Timm Kröger stille welt 276; blosz dasz zuletzt zuviel hunde da waren: sie wurden ihm über und zerrissen ihn Frenssen Jörn Uhl 188; vgl. Danneil 8b; Mi meckl. ma. 5a; s. auch unten die composs.
G. durchhindurch, zeitlich: beim acc. zur angabe einer zeitlichen erstreckung, z. b.: die zeit über durant le tems, den sommer über durant l'êtê Frisch dict. (1719) 565; item 10 m. Kunczen dem werkmeyster us der mittelmolen gegeben, als her den somer obir of der tylsit dy snydemole buwte Marienburger treszlerbuch 510; Esopus

[Bd. 23, Sp. 75]


ist alle zyt synes lebens über flyszig zuo der lernung gewesen Steinhöwel Äsop 38; die wochen über teglich für der lection singen sie ettliche psalmen latinisch Luther 19, 80 Weim.; schiften die gantze nacht über Schaidenreiszer Odyssea 8b; hat der fiedler aussen für dem gefengnis müssen solche zeit über hoffieren und fiedlen Musculus hosenteuffel 23 neudr.; die ... habe den samen von der blumen, tausendschön genant, welche auch an etlich orten den winter über nit verwelckt Harsdörffer frauenzimmer gesprechsp. 1, L 7a; ja wie fein hast du diese zeit über solches in acht genommen dasz du dein schwert nicht einmahl ... gezogen Bucholtz Herkuliskus 1; er hatte sich den ganzen weg über gefreuet, seine liebste Zenobia eins wieder zu sehen A. U. v. Braunschweig Octavia 4, 393; ich muste dieses teichfischen über zu hause verbleiben Leipziger aventurier 1, 33; sie thaten die zwischenzeit über all ihr mögliches, um losgesprochen zu werden Klopstock 12, 89; und doch habe ich die 5 tage über nur erst einmal zu hause zu mittage gespeiset Lichtenberg briefe 1, 22; wie konnten sie mich den tag über ohne beschämung ansehen? Göthe 24, 169, 5 Weim.; den morgen über war ich oben in Notaras garten geblieben Hölderlin 2, 148, 27; gewiss ist es aber, dasz der fürst die ganze nacht über bei ihm blieb E. Th. A. Hoffmann 10, 42.
beim adverbialen gen.: des tags über, interdiu Frisch (1741) 398b; derhalben da er auff ein zeit winters über in Friaul gelegen C. Spangenberg jagteufel G 4b; dann ein solcher mann, wie ich bin, hat gar viel desz tags über zu schaffen grillenvertreiber (1605) 3, 14; vom Bourtangersee, einen tiefen sumpfen, der des winters über kaum zufrieret, zwischen Münster und Holland, saget man Praetorius winterquartier 411; bettler und bettlerinnen, die des tages über lahm gewesen waren Möser 1, 156; man verlangt von mir des jahres über so vielerley gutachten Göthe IV 29, 13, 19 Weim.
ungewöhnlich: und nach dem wir armen fast in die 20 jahr über unter euer gnaden regierung zur Sonnenburg sicher gesessen Ringwalt christl. warnung A 3b; bis in sein höchstes alter tat er im sommer über drauszen alle arbeit Paulsen aus m. leben 64; der herr fordert am tag' über doch streng die arbeit maler Müller 3, 42.
H. auf, in elliptischen redensarten, z. b.: das gewehr über! urk. beitr. z. gesch. d. preuss. heeres 5, 43; ebbs iber han = speisen über dem feuer haben Follmann lothr. ma. 261b;

wascht die hände!
den schlafrock über!
Schiller 13, 134;

der hemdekragen offen nur, kein halstuch über
und die besorgte frau bekommt statt euch ein fieber
Grillparzer 10, 243.


J. über und über. zur form vgl.: über un düber Frischbier 2, 417; ewwer unn dewwer Jecht mansfeld. 20b; äbber un däbber Kleemann nord-thüring. idiot. 3a. die wiederholung dient nicht zur bloszen verstärkung des adverb. über, sondern hat ihre deutlich abgegrenzten sonderbedeutungen seit mhd. zeit.
1) praecipiter.
a)

Triefnas über und über viel
also hart auf seinen giel,
daz er wainet und auch gräin. ring 5b 5;

was macht jhr mir vor seltzam bossn:
wil euch bald über und über stoszn.
Gilhusius grammatica 82;

strauchelt und felt über und über, also dasz jhme der rosencrantz vom esels kopff herab fiel eselkönig 103; procella ... ein sturmwind, der alles über und über wirft Corvinus fons lat. 176; die meerigel, die haben scharpfe stacheln, an statt der füsz, und so sie sich regen, oder von statten ziehen wöllen, so waltzen oder scheiben sie sich über und über Heyden Plinius 372; einer, der im finstern wandert, (musz) mit den händen tappen und mit den füssen stampfen, damit er nit über und über falle Albertinus Lucifers königreich 25, 28; so gerieht ihm doch endlich einer derogestalt, dasz er des Boris pferd an einen vorderschenckel heftig verwundete, worvon er über und über stürtzte Lohenstein Arminius 1, 426b; ich stürzte noch über und über mit dem pferde Göthe

[Bd. 23, Sp. 76]


43, 258 Weim. vgl. auch: s'het en über und über schlage Hunziker 268, wo ü. u. ü. sich mit dem verb. verbindet, wie das einfache über (s. auch u. Hohberg georg. 3, 82a).
b) über und über gehen, drunter und drüber gehen, summa imis miscentur Kirsch 298a; meist bildlich: die furcht ist das band des gehorsams, und wann solches entlediget, so gehet alles über und über Harsdörffer schaupl. lust- u. lehrr. gesch. 2, 197; wan der prälat im schiff der religion schlaffet, faullenzet, alsdan gehet alles über und über Albertinus hirnschleiffer 222; dann dergestalt, wird es zu haus alles krebsgängig, über und übergehen nach dem alten sprüchwort: wann die katz aus dem hause, so haben die mäuse ihren raum Hohberg georgica curiosa aucta 3, 82a; es geht in der welt über und über, und wie könnte das, wenn gott, der herr derselben, könig wäre? Hippel lebensläufe 3, 1, 225.
über und über sieden, riborbogliare Kramer (1678) 1075a; d'melech kacht iwer an't iwer Follmann lothr. ma. 262a. bildlich:

es fähret die poet'sche wuth
in unsrer freunde junges blut,
es siedet über und über
Göthe 4, 215 Weim.


c) substantiviert: der N. is a rechter über und über, d. h. ein brausekopf, ein hitzkopf, ein exaltierter mensch Hügel Wiener dial. 170b; vgl. auch idiot. Austr. 124.
2) flächenhafte ausbreitung andeutend: überall, reichlich, dicht, übermäszig, satis superque; vielfach zum bloszen steigerungsadverb verblassend: sehr.
a) ick bin äöwer un däöw'r natt ich bin auf dem ganzen körper nasz Danneil 254b; de boum ist über und über foll öpfel Hunziker 268; der knabe ward über und über roth Göthe 43, 80, 16 Weim.; sie sah, über und über rot, ihre mutter, und diese, mit verlegenheit, den sohn und den vater an H. v. Kleist 3, 256; da kommt mein falke, über und über voll beute maler Müller 3, 277. bildlich: syhe an, wer du bist, greif in deynen buszen, so wirstu deins nehesten übels wol vorgessen. dan du hast deynes selben beyde hendt vol, ja über und über voll Luther 2, 122; Weim.;

schon lange war ich über
und über deines warmen lobes voll
Bürger 55;

er selbst über und über zerflickt daher ging Simplicissimus 182 neudr.; es war ... mein gantzer leib über und über wie eine bürckene rinde Reuter Schelmuffsky 96; hernach sollen sie sich auf einen breiten baum setzen und mit ihrer anzahl solchen über und über erfüllen Prätorius winterflucht d. sommervögel 249; der gantze weite marckt ... war über und über von der bürgerschaft und den abgeordneten der städte bedecket Besser schrift. 1, 182 König; auch bemerkte Johannes, dasz sie alle vier über und über mit augen besäet waren (plena oculis ante et retro offenb. 4, 6) Jung-Stilling 3, 105; der hohe nuszberg hatte sich über und über mit grünen zweigen bedeckt Stifter 5, 1, 313; er ... war bekleidet mit einem bunten talar, der über und über mit blitzenden zauberzeichen bedeckt war Seidel vorstadt-gesch. 62;

schöner bist du, als wenn dich Odin
mit umschaffendem nektar
über und über begösse!
Klopstock oden 1, 207, 32;

sein hausz über und über brennet Guarinonius grewel d. verw. 603; Vincenzio Romoli, der über und über zitterte, hörte nicht auf zu räuchern Göthe 43, 187, 14 Weim.; wahrscheinlich blüht im geeigneten klima ein solcher wundersamer stengel über und über auf einmal IV 38, 267 Weim. selten bei transit. verben:

längst schon als er noch sprach beschosz sie mit blicken ihn seitwärts.
stumm durchlief ihr rollendes aug' ihn über und über
Bürger 250a.


b) ununterbrochen: die gantz nacht über und über zuwachen, ist kain geringe pein Schaidenreiszer Odyssea 84b; den langen tag über und über ebenda vorrede iijb; vgl. auch Follmann lothr. ma. 262a.
c) übermäszig, gänzlich, sehr: wie man über und über einander geengstigt und geiagt Plut. 66; dat ös äwer on däwer genôg Eckart niederdeutsche sprichw. 531; die

[Bd. 23, Sp. 77]


sinne sollen über und über leer seyn Zimmermann über die einsamkeit 1, 371; wie sie verwundernd aufstand, ihn gleichgültig über und über vom haupt bis zu füszen beschaute ..., erschrak er fast sehr darob Lenz 3, 100; es war ein goldner tisch, über und über von gediegenem golde! Ramler einl. in d. schön. wissensch. 1, 350; seyd ihr denn so über und über aus geduld zusammengesetzt, dasz ihr das könnt so hingehen lassen? Bürger 1, 299 Bohtz.; vgl. auch den gebrauch in den maa., z. b. lux. ma. 193b; Aachener ma. Müller 173; lothr. ma. Follmann 262a; Frischbier 2, 417. attributiv: a so 'ne unreenichkeit iber und iber bricht'r halt durch's geblitte Hauptmann weber 11.
K. über und drüber gehen Kramer hochniederd. wb. 220c; es ghe gleich über und drüber Luther 33, 652; siehet er junge vögel ..., so schlägt er, als ob er über und drüber fiele, drauf herunter Döbel jäger-practica (1754) 1, 79;

so richt erst allen mutwill an,
was nur dein lust erdencken kan,
über und drüber was du finst,
dardurch du groszen gunst gewinst
Scheit Grobianus v. 3916 neudr.


II. die präpositionale verwendung.
während got. und an. die dat. verbindung neben der mit acc. gebräuchlich war, verband sich über in ahd. zeit in der regel nur mit dem acc. (Graff 1, 85 f.) sowohl bei bezeichnung eines räumlichen verhältnisses der bewegung wie der ruhe. für letzteres gebraucht das ahd. allerdings meist oba, ob (s. oben th. 7 sp. 1046 und Graff ahd. präpos. 158 ff.). die verbindung mit dem dat. ist ahd. nur bei den obar-formen (Tatian) häufiger; für ubar c. dat. finden sich ganz wenige belege (z. b. Is. 19, 4: druhtines gheist ist ubar mir); in allen abgezogenen bedeutungen (z. b. in temporaler und causaler function) hatte ü. stets den acc. bei sich. auch mhd. bleibt die dat.-verbindung ganz vereinzelt und fast nur auf die ober-form beschränkt (mhd. wb. 3, 170b); erst in neuhochdeutscher zeit gewinnt neben der acc. verbindung die mit dat. an boden.
A. präp. c. acc.
1) oberhalb hin, zunächst bei bewegungsverben, wobei die richtung durch adverbia wie hin, weg, fort, her, herab, hinauf u. ä. näher bezeichnet werden kann.
a) horizontal: ther heilant fuor ubar sati (cum. transiret Jhesus per sata) Tatian 68, 1; mhd. ganz allgemein, z. b.:

dô truoc man diu gereite ze Wormez über den hof Nib. 1508, 1.


α) item 12m. ane 2 scot deme kompthur zur Memyl, das der herre byschof von Cuwerland vorzeret hatte, alzo her ken Lyffelande zoch und 60 man, die in beleyten obir den strand Marienburger treszlerbuch 60; der mit senften triten über die kamern (per la camera) zu dem fenster ginge Arigo decam. 113, 35 Keller; er lauft darüber als eyn hane über die heyssen kolen Tappius (1545) 100a; hatten ... willens über den wald und unwegsam gebirg zu reiten Wickram 2, 321, 33; die nortwind ... blasen her über vil schneegebirg Sebiz feldbau (1579) 7; es ist schier eine schand, dass ich so mit der pastet über die gasse gehen solle Grimmelshausen vogelnest 417, 5 Keller; wie ich ... über den saal gehe, hatte ich neue schuhe an und gleite Schweiniche denkw. 77; braut und bräutigam werden in procession über das theatrum geführet Reuter Harlequins hochzeitschmaus 66 neudr.; dasz diese kleinen füszchen nicht gemacht sind über die strasze zu gehen Göthe 45, 30, 28 Weim.; Firmin tritt zum minister und liest über seine linke schulter Schiller 642; aber kein kühler wasserwind wehte über die ruinen, auf welchen wir standen H. v. Kleist 5, 76; ein rad war mir über den kopf gegangen Arndt werke 1, 21; eine hohe welle ging über unsere köpfe weg Ritter erdkunde 11, 11. sprichwörtlich: übern weg laufen Wander 2, 375 u. 377.

über das feld sie eylten dar
Spreng Ilias (1610) 29b III;

sorglos über die fläche weg ...
mache dir ... bahn!
Göthe 1, 67 Weim.;

eine inschrift, über die ich trete! 2, 171, 35 Weim.;

[Bd. 23, Sp. 78]



diesz gethan
läszt er mich gehn; und über seine schultern
den kopf zurückgedreht, schien er den weg
zu finden ohne seine augen Shakespeare 3, 193;

oft warnte eine stimme mich in hast:
'dich vorgebückt!' und über meinen nacken
strich sich ein breiter ast mit trägem knacken
Droste-Hülshoff 2, 96.


β) quer über: es war, als ob ein mensch sich von stroh, das unter ihm knisterte, erhob, quer über das zimmer ging, und hinter dem ofen niedersank H. v. Kleist 3, 355; die ... quer über den weg zogen Arnim 1, 29; der schneider schosz wie ein pfeil von seiner brücke herab, quer über die stube Ludwig 2, 328.
γ) zu festen formeln wurden die verbindungen über feld, land, see, meer, gehen, ziehen u. ä.; meist artikellos:
aa) als nun gewonheit ist der hern die mit groszer geselschaft über lant reyten Arigo decam. 68, 6; wolt ir das reich gottis wiszen, so dürft irs nit weyt suchen, noch über landt laufen Luther 2, 98 Weim.; gelt thut nymmer basz, dann so man über land zeucht Seb. Franck sprüchwörter (1545) 1, 20b; wann man die zweig (pfropfreiser) von weittem herbringen musz und über land führen, so soll man sie in eyn leymen schlagen Herr feldbau (1551) 132b; wann einer mit siner gevatterin über landt reyset Mäynhincklers sack (1612) Gija; die kleine ... fuhr über land zu einer freundin Göthe 24, 143, 24 Weim.; als sie bei einem ritt über land in das Böblinger holz kamen, nahm der herzog den ritter bei seite Ranke 1, 225;

die kinder des verworfnen drachen,
die laster reisten über land
Lichtwer äsopische fabeln 18.


bb) über feld:

als wolt er wandern über felt
Wickram 6, 90, 2525;

und mach dich eilents auf die füsz!
dann du must noch gehn über felt
Ayrer dramen 215 Keller;

es gehe ja niemand hinaus auf den acker niemand gehe über feld, denn es ist allenthalben unsicher für dem schwert des feindes Jerem. 6, 25; als nun Esopus ... solte über feldt zu marckt gehn Alberus fabeln 9 neudr.; yetzt nyemandt unbethadelt, unbeschrieren überfeld, durch die statt gehn kan Nas das antipap. eins und hundert 2 Fvja; also müst er gleich mit seim iunckern reiten über feld Eulenspiegel 13 neudr.; hat sichs in Lusitania ... begeben, dasz einem weibe im traum fürfiel, dasz sie gedacht, sie reiset über feld Heyden Plinius 207; dasz ich nimmermehr mit einem eintzigen diener allein über feld reite Grimmelshausen vogelnest 337, 33 Keller; Crecelius 2, 831 differenziert: über feld, d. i. über land, doch an einen nicht entfernten ort.
cc) über meer: über meer faren oder schiffen, arare mare Frisius 120b; (sie) ir angesichte auf hube ferre über mere sache Arigo decam. 92, 1 Keller; die Ägypter fuhren ... nicht über meer Mommsen röm. gesch. 1, 118;

mein stätes heul- und klagen ...
von winden wird zertragen
und trieben über meer
Spee trutznacht. 66;

ein sölches wort ist über mer her zu uns komen Arigo decam. 237, 36 Keller; der könig ausz Schottland kam über meer her buch der liebe (1587) 10d; haben die Teutschen dahin bracht, dasz sie auff jhr eygen gewächs nichts gehalten haben: allein alles ex Italia zu nemmen, oder über meer her Paracelsus opera 1, 1003e ;

es kumpt ein botschaft über mer
N. Manuel v. papst u. s. priesterschaft 865 Bächtold;

nu darf mein unwürdige hand ...
nicht eine gab ausz Morgenland,
noch sunst über möhr euch herbringen
Weckherlin gedichte 1, 214.


häufiger im sinne von über — hinüber (s. u.), z. b.: über mer faren oder überschiffen, transfretare voc. theut. (1482) hh 7a; wann do Jhesus sach vil geselschafft umb sich: er gebot in zegen über das mere erste deutsche bibel Matth. 8, 19 (dagegen Luther: jenseid des meres); mit denen fuhr er über meer, von Venedig in Palestinam Schütz historia rerum Prussic. 2, K 2b; als man über meer zoch und das heilig land erobert Tschudi chron. Helvet. 1, 40;

[Bd. 23, Sp. 79]


far über mer, verzer dein gut!
Hätzlerin liederbuch 92.


dd) über see: item 27m. 8 scot vor frucht, des meisters weyne obir see zu brengen Marienburger treszlerbuch 52, 34; er war mit einem schiff über see sehr weit her, von den Antillen gekommen Brentano 5, 186; bedeutender noch war die einfuhr nach Italien, wo ... aller luxus sich concentrirte und die meisten luxusartikel ... über see eingeführt wurden Mommsen röm. gesch. 2, 394;

er flog dort hin wol über see
Forster fr. teutsche liedlein 91 neudr.


ee) so nu üwer Mt. jn willen und uffwegig über berg zu ziehen urk. Max. 116; ich mag weder on fenster under türa noch über gassen gen, dasz er sich mir zu hant nicht under augen stelle Arigo decam. 177, 34 Keller; der gehet über wasser, und netzet kein fusz nicht Paracelsus opera 2, 322; er ... erbot sich, mich über wald zuführen Simplicissimus 365 neudr.; mit einem fischerknaben von 9 jahren ist besser über Rhein fahren, als einem gelährten doctor Lehmann 1, 306.
ff) losgelöst vom verb., z. b. über feld = abwesend: peregre, in der frembde, oder ausz der frembde, überfeld Megiserus thes. 2, 239b; wan aber die herschaft über feld ist, so gat es erst als embor (bei dem gesinde) Kaisersberg narrensch. 164b; ists nu nit allis ungelegen ding, das Christus im kalten winter, im frembden lande, über felt, so vorachtlich und so armlich geporn wirt? Luther 101, 1, 66 Weim.; ich (oft) über lant in groszen sorgen gewesen bin Arigo decam. 60, 17 Keller; (Bonn), wo ich so gerne den auf neuen bahnen muthig fortstrebenden naturforscher Nees von Esenbeck begrüszt hätte; leider hiesz es aber, er sey über land Matthisson schr. 8, 93; als abt Rudolf ... sach, dasz der künig über meer und nit in dem land was Tschudi chron. Helvet. 1, 71;

die ausz Dulichio zu samen,
und Echinadibus herkamen,
den inszlen über meer gelegen
Spreng Ilias 24a;

schlank schaut auf der felsenwand
sich die glockenblume um,
denn verspätet über land
will ein bienchen mit gesumm
sich zur nachtherberge melden
Brentano 5, 33.


der gebrauch führt schlieszlich zu festen zusammenrückungen, die zu neuen wortbildungen tauglich sind, s. u.
gg) über berg und thal, über stock und stein u. ä.:

er führt uns über berg und thal
Gerhardt in Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 401b;

ihr stimmlein, über berg und thal
den gantzen luft versüsset
Spee trutznacht. 119;

so streicht ...
das angespornte pferd frisch über berg und hügel
König (1745) 47, 3;

ir obersten straft er zu stund,
den rossen an die schwentze bund
und schlaipft sie über stöck und stein
Hans Sachs 8, 551, 32 Keller;

ich musz steigen über stock und stein Königsb. dichterkreis 52 neudr.;

sasz auf, und über stock und stein wir traben
Droste-Hülshoff 2, 109.


δ) ganz allgemein bei wegangaben zur genaueren bezeichnung der richtung der bewegung: einen brieff über Rom nach Neapel schicken Kramer (1678) 1066a; Grüninger wöllen Delffzil übers eys ersteigen: werden aber auszgeschlagen Stumpf Schwytzerchron. 283a; er wird über Prag nach Töplitz zurückgehn und von da über Dresden sein Weimar suchen Göthe IV 23, 72, 15 Weim.; so haben sie über den düstern langen wald den ritt gemacht Arndt werke 6, 178; fahrt den breiten weg, Dorle, den über die herrnmühl Ludwig 2, 105; über die Färöer und Island gelangen sie nach Nordamerika Scherer litteraturgesch. 67.
ε) in einer reihe von sprichwörtlichen redensarten und in handwerkerausdrücken, zum theil metaphorisch oder verengt und mit verdunkelter localbeziehung: über banck schieszen, (artillerie) ohne scharten über die brustwehr schieszen Jablonski (1721) 805b; Fäsch (1735) 935a; über den span schneiden, das holz schneiden, so dasz die faser

[Bd. 23, Sp. 80]


theilweise durchschnitten wird Bucher 415a; über hirn und über zwerg dass. Jacobsson 4, 466b; über stag gehen, wenden, durch den wind wenden Bobrik 700b; Stenzel seemannsspr. 432; auch bildlich für betrunken sein Stürenburg 164a; übern arm arbeiten, wenn der häuer mit der rechten hand über den linken arm arbeiten musz Junghans gräublein ertz (1680) Fd; über eine hand arbeiten (bei deicharbeitern) Benzler 1, 193; über hand nähen, cucir sopra mano Kramer (1678) 1069b. erweitert: iwer't hand arbechten, unbequem arbeiten Gangler 219 f.
über die quere, oblique et ex obliquo Garthius 505a, vgl. th. 7 sp. 2358;

fürwar ich kan nicht fahren nausz;
eur vatter ligt drin über zwer
Ayrer dramen 309.


über's kreuz und über kreuz s. o. th. 5 sp. 2184; übereck: (der dom) mit dem über eck gestellten portalvorsprung Vischer krit. gänge, n. f. 1, 1, 50. verengt und bildlich: solch unteroffizier verlangt auch gehorsam und findet ihn auch, aber wenn's dann paszt dann stellt man ihm ein bein oder schafft ihn über eck Fontane I 6, 11. bunt über eck: folgende tage gings bey der musterung bund über eck her Simplicissimus 101 neudr., s. o. th. 2 sp. 529;

man macht viel ordnung und gesetz,
niemand helt drüber fest und stets
alls im papier bleibt stecken.
was herrn verbieten, selbst sie than
so folgen nach die unterthan,
so geht bund über ecken Fischer-Tümpel evangel. kirchenlied 1, 77;

die rat personen stunden zusammen, und giengen darumb über die seiten zu rat Eulenspiegel 91 neudr.; im hause wurde geld und geldes werth über seite geschafft Goltz jugendl. 3, 450. jemanden über die seite (s. o. th. 10 sp. 387), über die achsel ansehen: despicor Calepinus undecim ling. 407a; Scherz gloss. 1695; wenn so er im ongeuerd begegnet, so sahe er in über die achsselen an Kaisersberg bilgersch. (1512) 23a; wie sie über die achsel sehen, einer dem andern heimblich in das ohr bläset Harsdörffer frauenzimmergesprechspiele 2, 111; sahe sie ihn über die seite an, und sagte ihm ferner kein wort: A. U. v. Braunschweig Octavia 2, 161; er, der Luthern nicht, wie man wohl von andern sprachgelehrten erlebt, wegen seiner deutschen bibel über die schultern ansieht Schlesw. litbr. forts. 314, 17. ohne artikel: ein ehrsüchtiger, hochtrabender redet mit keinem gemeinen mann, siehet ihn über achsel an Moscherosch ges. (1650) 1, 228;

denn (tum) sieht mich Celadon kaum über achsel an
Gryphius ged. 584.


von anderen sprichwörtl. redensarten vgl.: über den kamm scheren (th. 5 sp. 102); über den löffel barbieren (th. 6 sp. 1122).
ζ) mit dem nebenbegriff der flächenhaften erstreckung. mhd. allgemein. (sie ward) umb ir frevel, angenomene missetat über wyt (= weithin) verlümdet Stainhöwel berühmte frauen 120, 10; bey Eckartsberge liegen granitblöcke, ..., über ganz Thüringen sind dergleichen ausgesäet Göthe IV 32, 247, 3 Weim.; des Coriolans kräftig ausgesprochene gebärde und rasche bewegung zeigt den charakter eines kriegers; doch scheint er über die schultern, da er als held gedacht werden musz, etwas schmal IV 16, 217; der kurfürst, den der junker bei diesen worten betroffen ansah, wandte sich, indem er über das ganze gesicht rot ward, und trat ans fenster H. v. Kleist 3, 190; alle die so wohl begründeten beschwerden ... kamen über die ganze nation hin zur sprache Ranke 1, 273.
b) vertical: überhinab.
α)

Moyses schlueg er zu der selben stunt,
das im das pluet ran über den mundt altd. passionssp. aus Tirol 8 Wackernell;

nun schien die sonne so überheisz,
dasz über sein leib loff der schweisz
Hans Sachs 9, 168, 12 Keller;

stosz in über die leyter hinab Wickram 1, 126, 17; sy über die leitern ab zu der erden fiel Arigo decam. 514, 6 Keller; gee hinauf und sich über die mauern abe ebenda 62, 4; so er etwan hoch falt, oder über ein velsen abgestürtzt wirdt, hebt er die vorderen datzen für Gesner

[Bd. 23, Sp. 81]


thierbuch (1563) 17; haben sich die in der statt dapfer gewehrt, und viel über die leitern abgeworfen Xylander Polybius (1574) 248; der schlimme hund fiele mir ... unversehens übers pferd herunter Grimmelshausen vogelnest 338 Keller; und von groszen sorgen begundte jr der schweisz auszbrechen, dasz er über allen jhren leib abrann buch der liebe (1587) 101b; sie ... lieszen sich über die felsen zu mir herab maler Müller 1, 26; eine hohe gestalt in dem nationalen schmuck ... des bunten gewandes, über welches ihr reiches gelbes haar bis über die hüften hinunter wallte Ranke 14, 8; auch versprach er ihm, die haut über die ohren zu ziehen Brentano 5, 330.
β) übern kopf ab, überab, fürswenglich, übergesturtz, praeceps Aventin 1, 570, 22;

der könig mit dem adel jung
auch über die bier-kuffen sprung,
doch sich in einem sprung verkürtzt,
übern kopf in die kuffen stürtzt
Hans Sachs 8, 518, 13 Keller;


formelhaft: über hals und kopf praeceps. vielfach variiert und in metaphorischem gebrauch von der localen bedeutung über — hinab sich entfernend:
aa) er fiel hals über kopf die treppe herunter Ludwig teutsch-engl. wb. 1781; als er aus groszer lust den hunden und dem wild zu sehr nachgegangen, ist er über hals in einen meiler oder angezünd kolgrube gefallen C. Spangenberg jagteuffel V 2b; (der teufel) gab jhm in desz einen stosz, dasz er arsch über kopf in die ewige tiefe hinunder fiele Moscherosch ges. (1650) 1, 398; jagte die wacht über hals über kopf hinein Chemnitz schwed. krieg 3, 1, 22a; weil unsere liederliche gesellen über halsz und über kopff darvon rannten Crusoe (1721) 2, 376; dasz sich Harlequin über hals und über kopf, mit dem brennenden lichte in der hand, in den koffer wirft Lessing 6, 374; fall' ich über hals und kopf in einen stachlichen brombeerstrauch maler Müller 1, 135.
bb) praepropere, raptim Kirsch (1723) 299a; eilig, eifrig Staub-Tobler 1, 56; also packten sie über hals über kopf zusammen erznarren 23 neudr.; und zog sich über hals über kopf an Reuter Schelmuffsky 27; dasz er ihn gezwungen hat, über hals über kopf eine so weite reise zu thun Lessing 2, 85; bald schicken wir ihnen auch die schlacht Hermanns: sie wird über hals über kopf gedruckt 17, 264; sie eilten über hals über kopf, dieses mittel fertig zu machen Wieland 29, 451; der sohn ... stürzte sich über hals und kopf in das abenteuer Göthe 24, 86, 15 Weim.; suchte sich über hals und kopf im hebräischen vestzusezen Bahrdt gesch. s. lebens 1, 22; halte mich aber nicht für einen so schwachen menschen, der aus einer anwandlung von langeweile sich gleich über hals und kopf in eine so steinharte ernsthaftigkeit wirft, dasz ihn die hunde auf der strasze anbellen Tieck schriften 6, 29;

tief aus der obern Pfalz
floh'n sie durch Franken nieder
recht über kopf und hals
Rückert 1, 87.


2) oberhalb, bei verben der ruhe. in der neueren sprache ist in rein localem gebrauch meist an stelle der älteren acc.-verbindung der dativ getreten (s. u.); wo aber neben der localbezeichnung auch eine einflusznahme auf ein object (s. u. 5 und 6) ausgedrückt wird, bleibt meist acc. z. b. den schirm, die hand über den kopf halten Hilpert (1845) 633c;

ach lasz doch ferner über unser leben
bey tag und nacht dein hut und güte schweben
Gerhardt in Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 323.

und wy über ine der geyst gottes in gestalt einer taube erschine erste deutsche bibel, überschr. b. Koburger zu Matth. 3; aus einem übern feuer hangenden kessel Grimmelshausen vogelnest 428, 21 Keller; es iszet sich am besten, wo der kessel über den herd hänget Pistorius (1716) 5, 356; ungewöhnlich: Emma ... erhenckt sich über sein grab selbst Lohenstein Arminius 1, 4; die mutter hat mir von einem platze erzählt, wo ein flacher stein über ein brünnlein liegt Stifter 3, 291;

nicht also festiglich mit brennendem verlangen
über den berg Latmo der schöne mond thet hangen
Zinkgref auserl. ged. 52;

[Bd. 23, Sp. 82]



und über ihren herzen spaltet
ein reifer busen sich
Kretschmann 1, 64.


allgemein: ob er wol tief ins wasser sanck dasz es über ihn zusammenschlug eselkönig 324; (sie) schlug die hände immer über den kopfe zusammen Reuter ehrl. frau 10 neudr.;

disz feuer hastu geschürt, nun schlagen alle flammen
auch über dich, du narr, und deinen kopf zusammen
Rachel satyr. ged. 51 neudr.;

gab jhn das handtwasser über ain silberins handtbeck Schaidenreiszer Odyssea (1537) 71b; man läszt sie (die schweine) auch über burgelkraut, und hauswurtz oder über mauerpfeffer saufen allgem. haushalt.-lexicon (1749) 1, 256a.
aus der jäger- und seemannssprache: über den wind, vento secundo Apinus gloss. nov. (1728) 333; dasz er dem wildpret über den wind stehe Döbel jägerpractica 2, 118; über den wind seyn Fäsch (1735) 1010a. aus der bergmannssprache: über den stich (stichofen) schmeltzen Junghans (1680) 43; Jacobsson 4, 465a; über das auge schmeltzen Lampadius hüttenkunde 214.
3) zur bezeichnung einer flächenhaften bedeckung. synon.: auf. schon ahd. z. b. thîn cuning quam sizzenti ubar folon zamera esilinna Tatian 116, 3; ni mag burg uuerdan giborgan ubar berg gisezzitu, non potest civitas abscondi supra montem posita 25, 1.
a) etwas über den bauch oder die brust legen, applicare aliquid stomacho et pectori Maaler 441c; pallium, ein lang erbars kleid, so man über die andern anlegt Megiserus thes. 2, 195c; wasser über die händ namen, zu tisch sich nydersatzten Wickram 1, 196, 21; es gehört mer zur reutterey oder regierung, dann zwen schenckel über ein pferd schlagen Franck sprüchw. (1545) 1, 40a; narren über eyer setzen 1, 2a; die ehrgürteln, so die feldherrn ... pflegen an halsz oder über die schultern zu hencken Mathesius Sarepta vorrede 2a; wann jhr die gelegenheit nicht habt zu eim ... abgesonderten taubhaus, möcht jrs über die schewer richten Sebiz feldbau 31; henck doch ein tuch über dich Grimmelshausen vogelnest 357, 20 Keller; (er) bande ihnen ein besen oder dornstrauch über ihren leib Schupp schr. 834; es giebt unter demselben noch mehr personen mit zwoen gestalten, als solche, die sich über ihr natürliches gesicht ein anderes und schöneres malen Joh. E. Schlegel 3, 360; er ... rennt im grimme bäume über den grinsenden tieger maler Müller 1, 23; sie ... legte den rock sanft über ihn Göthe 22, 45, 21 Weim.; wenn ich mich bei dem bilder-anschauen ihnen über die schultern lehnte Brentano 5, 10. wenn nun gleich ein mantel über das verhältnis (zwischen Österreich und Ungarn) geworfen ist, so dauert der geheime groll fort Moltke 1, 112;

herolde goszen ihnen das wasser über die hände
Voss Odyssee 46 Bernays;

da stürz ich hin und über mich
mein sterbender feind
Gerstenberg ged. eines skalden 364.


über das haupt schlagen Megiserus (1592) O o 5b; eben so hette ich auch auf die nehesten ersuchung meines briefs halben ihm wol mit einer solchen antwort über die schnaussen zu hawen gewust, das ihm die lust solcher suchung solt gebüsset worden sein Luther 302, 26 Weim.; ich schmeisz dir die kandel übern kopf Grimmelshausen springinsfeld 41, 14 Keller; einem oder einen übers ohr hauen (s. o. th. 7, sp. 1232); vgl. noch: ohne von ihm übers ohr gehauen zu sein Polenz büttnerbauer 1, 36.
losgelöst vom verb: über rücke mhd. wb. 21, 784a, z. b.:

er truoc den arbeitsamen last
der êren über rücke arm. Heinr. 69;

klein frösch, so über ruck graw farb, am bauch goldfärbig sprenklin haben Sebiz feldbau (1579) 5; noch tregt man sie mit yedermans nachteil ye lenger ye mer über ruck Franck weltb. 156a; mit seinem sacke über die achsel Arigo decam. 77, 32 Keller; da ward er über die brust wundt Heyden Plinius 66; die spanischen fuszvölker, mit weiszen hemden über die rüstung, wurden von deutschen reitern begleitet Ranke 4, 322. in der neueren sprache meist mit dativischer bindung (s. u.).

[Bd. 23, Sp. 83]



b) bildlich: über sich nehmen = auf sich nehmen: thia sculd sines bluotes nemen uui ouer unsik, sanguis eius super nos Gallée 350; es brauchte müh, sie zu bereden, dasz sie diese göttliche ehre über sich nehme Birken lorbeerhayn (1657) 392; und danke ich euch, ... dasz ihr diese mühe über euch nehmen wollen A. U. von Braunschweig Octavia 2, 199; Troll nahm auch diese mühe über sich Happel acad. roman 790. ich und Thomas nehmen die verantwortung über uns Tieck schriften 18, 16. verengt: etwas zu thun verheiszen Maaler 446c; leute, die es freywillig über sich genommen haben, den unvermeidlichen übeln des staats entgegen zu arbeiten Lessing 13, 363; Julius Cäsar und einige römische edelleute sollen, nach eroberung von Fiesole, eine stadt in der nähe des Arno gebaut und jeder über sich genommen haben, eines der ansehnlichen gebäude zu errichten Göthe 43, 13, 10 Weim.
c) über den leisten schlagen (s. o. th. 6, sp. 720, 722) da hastu ander leder, schneid die schuh zu über einen leist, ... und Ulenspiegel sasz die weil und het das leder genumen, und schneid das alles über den cleinen leist Eulenspiegel (1515) 69 neudr.; sprichwörtlich: über einen leisten schlagen: ir seyt alle über einen leiste gemacht Arigo decam. 376, 5 Keller; es kan nit alles über ein leist seyn, neque in unam formam cadunt omnia Maaler (1561) 441c; also wird uns da praefiguriert, ... das alle die geistlichen, so desz bapsts ruthen empfangen, haben sein character, dasz sie alle über den leist geschlagen seind Paracelsus opera 2, 575. ähnlich über einen scheffel messen: unsre erklärung über das honorar dächte ich versparten wir bis das erste stück (der Horen) da ist und dann machte man seinen calcul und seine bedingungen, denn freylich unsere feldfrüchte über herrn Cottas beliebigen scheffel messen zu lassen möchte in der continuation nicht dienlich seyn Göthe IV, 10, 215, 20 Weim.;

ir seyt all über ein laist geschlagen
Hans Sachs 9, 53, 4 Keller;

also sprach er, thet eylends zucken,
und masz jhm über seinen rucken
das scepter nach der lenge schwer
Spreng Ilias (1610) 18a.


d) über einen haufen, übern haufen, über hauf, häufig mit den verben fallen, werfen, stoszen, schieszen u. ä. (s. o. th. 4, 2, sp. 590); vgl. noch: zusammen über ein hauffen treiben, compello Megiserus 300c; das gemahlen ... gold, so es also eyngeben wirdt, sich im magen über ein haufen setzet Paracelsus opera 1, 896c; Cejonius ... befiehlt im läger die waffen über einen haufen zu tragen Lohenstein Arminius 1, 4; gleichsam dieses die rechte helden-stükke eines christlichen soldaten wären, nemlich ... so viele herrliche länder öde und wüst machen, und schlieszlich alles über einen haufen werfen Rist friedew. Teutschland 21; dasz der beim kaiser, bei dem er viel golte, nicht alles über einen haufen stiesze A. U. von Braunschweig Octavia 1, 240; variiert: es (das brausen) wird nicht anders gethan haben, denn als wolte alles über einen klumpen fallen Luther 16, 201 Weim.; als die thüren ... zum theil schon übern haufen gestossen waren Xylander Polybius 33; er ... bat ... um verschonung, aber umsonst, dan einer ritte ihn übern hauffen Simplicissimus 36 neudr.; und wenn ihr einen grenzer oder förster über den haufen schieszt, dann ist es nicht mord, dann ist es notwehr Fontane I 6, 10. metaphorisch: er wirfts übern haufen, dasz man es schwerlich verstehet, was er redt praecipitat verba, non promit Alberus novum dict. 28a; alle diese unterschiede fielen jetzt über den haufen Mommsen röm. gesch. 2, 194 ; ohne artikel: dasz er mann und rosz über hauff warf Amadis 1, 115; sie aber griffen sofort die zween reuter an, ... und stürzten sie über haufen A. U. von Braunschweig Octavia 1, 31.

und kondt der lestrer nicht entlaufen,
dann die badstub fiel übren haufen
W. Spangenberg anbindbr. Q 5a;

den (tempel) wil, eh als ein mensch vermerckt,
ich werfen überhaufen
Gryphius lyr. ged. 308;

[Bd. 23, Sp. 84]



wen alles sollt gehn übern haufen
Zinkgref ged. 24 neudr.;

wann gottes geist erhebt die hand,
fällt alles übern haufen
Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 345b.


bei verba der ruhe oder losgelöst vom verbalbegriff: dan wan aller künige speysz, die je gewest und sein mügen, über einen haufen weren, so mochten sie nit dem geringsten wort gotis wenig gegleicht werden Luther 2, 111 Weim.;

sie wolten stracks einander raufen
und lagen beid schon übern haufen
Krüger bäur. richter (1580) 1389;

alle feind hab ich erleget gantz
sie sind geschlagen aus dem feldt,
mich deucht, sie gaben mir versen gelt,
all übern haufen, wie sie heiszen
Hayneccius Hans Pfriem (1582) 70 neudr.


e) über einander, bei verben der bewegung und der ruhe = aufeinander, gehäuft: daruf waren zwei höltzer über ein ander geschrenckt wie ein Andres (Andreas) krütz Felix Platter 228; (ich hatte) ihre garderobe in ordnung gebracht, die sie des abends gewöhnlich über einander geworfen zurücklieszen Göthe 23, 48, 12 Weim.; einen wucherer zu bestehlen, der überflüssig gelde in der kisten hatte und solches bey jetzigem groszen geldmangel über einander verschimlen liesze Grimmelshausen vogelnest 374, 18 Keller. verengt: sie fallen über einander, und machen ein gepolter Reuter Harlq. hochzeitschmaus 52; die sind schon über einander = sie prügeln sich schon Ludwig 2, 108. wo forderungen und rechte ... über einander herstürzen Bettine dies buch gehört dem könig 1, 244. diese verbindung rückt zu fester composition zusammen: übereinander (s. d. u.) und kann unter dem einflusse des accentes verwittern, z. b.:

der Eulenspiegel neben stunt
und lacht: 'oho, ir klosterhundt,
ihr können feine metten thun,
der teuffel stoszt euch ab die stiegen,
seht wie ihr übernander liegen
Fischart Eulenspiegel 429 Hauffen.


4) annäherung an etwas, sofern dadurch eine überhöhung eintritt, nachbarschaft bei etwas. schon mhd. z. b.:

Hildebrant harte balde hin über sînen neven gie,
er beslôz in mit armen unt wolde in tragen dan Nib. 2299, 4, II.


a) zu einem mal was ein reicher gewaltiger pfaff, der gieng über einen reichen siechen man der lag in einem schönen palast heiligen leben im wintertheil (1471) 80b. landschaftlich auch über einen (zu einem) sprechen Crecelius 2, 831; se werden gittichst verzeihn, herr graf, meent ich ibern, das jahr kann ich a so viel howetage eemal ni leisten Hauptmann weber 56.
b) über oder auf etwas füren, oben darauf füren Maaler 441d; wann ich meinen esel über die trenck füre oder treibe Frey 51, 10; er ging über altar und macht mesz Kaisersberg postill 4, 21; wann ein schwangere frau ein kindt über tauf trägt, so musz das kindt bald sterben quelle (17. jahrh.) in Wien. sitzungsber. 142, 152; welcher weisz, dasz ein armer underthan einen fürsten ... seinem unwürdigen kind über tauf und zu gevattern bittet Moscherosch insomnis cura parentum 7 neudr.; allgemein: über tisch kommen, laden, tragen u. s. w.; bellaria, allerley speysz, die man zeletst über tisch bringt Frisius dict. 152b; Laureta das essen über tisch trug Wickram 1, 261, 10; es ist der christen gewonheit, so sy über tisch gond, so betten (beten) sy Kaisersberg pred. 203d; das er ... meister Conraden ... uwer sinen tisch lud chronik d. Wigand Gerstenberg 204; do hiesz der bischoff die selben hirten disz gewild den obgedachten beyden fürsten und brüderen über iren tisch ... schencken Stumpf Schwytzerchron. 319b;

alsô der kunic über den tisch gesaz. keiserchron. 4147 Schröder;

man wirt uch hinecht alsand zgast
laden über ein gutten tisch Schweiz. schausp. 3, 200, 1553 Bächtold;

die waren noch gesund und frisch,
und satzten sich gern über tisch
Scheit frölich heimfart G 2a;

[Bd. 23, Sp. 85]


und als ungleubig und christen durch einander wandletend, wurden die christen dick geladen über fleisch oder spysz Zwingli freiheit d. sp. 7 neudr.
c) über tisch u. ä. als orts- und zeitbestimmung auch bei verba der ruhe bis zum 19. jahrh. allgemein: so er über tisch gesasz, so saste er den geminten gast der reinen sele eben für sich zu einem gemassen Suso 24, 17; sie sitzen gerne oben an über tisch und in den schulen Matth. 23, 6; also mag Mattheus und Markus von diesem sonderlichen becher auch verstanden werden, das die apostel sonst über tisch ein iglicher für sich einen becher gehabt Luther 26, 456 Weim.; Christus hat gar wenig in den sinagogen und tempel gepredigt, aber vil mehr auf dem feld, über tisch, am wasser Eberlin von Günzburg 3, 21 neudr.; als der kirchgang beschehen und man eben übern tisch sasz, das essen uf dem tisch stund Frey 143, 21; zeyget er mir die ordnung seines brauchs, welcher er über tisch pfleget zu halten Lindener rastbüchlein 6; wann sie über tisch nicht essen wil, soltu wissen, dasz sie sich in der küchen zuvor gefüllet Mäynhincklers sack G 1b; (ihr sollt) vom selbigen alle tag zwen trunck über tisch thun Paracelsus opera 1, 694c; wie wir nun über den tisch sassen und speiseten Reuter Schlamp. krankh. u. tod 91 neudr.; als man nun des morgens eszen wolt da fragt in die wirtin, wie er es halten wolt ob er übers mal wolt sitzen oder ob er das pfeningwert wolt essen Eulenspiegel (1515) 50 neudr.; wurde nachts über essen erzehlet Moscherosch ges. (1650) 108; er war über tafel munter und scherzte in seiner weise Grimm an Dahlmann 1, 477; und wie wol sy alle schwartze mäszgewand an tragen über altar, läsen sy doch soliche mäsz anderen denen sie verpflicht sind Eberlin von Günzburg 1, 74 neudr.
temporal: dein brief und schachtel kamen über tisch Göthe IV 6, 50, 17 Weim.; so isze ich über thischzeit umb kreutzer 2 in 3 brod hinweg Paumgartner briefe 147; zwo masz win ein tag übers mal trincken Judas Nazarei 50; Milo frasz den gantzen ochsen über einen mal auf Heyden Plinius (1565) 238; vgl.über's esse, während des essens Hunziker 268.
d) in freier verwendung, in die bedeutung 'de' hinüberführend (s. u. 11): ni lâsut ir in Moyseses buohhun ubar then thorn (non legistis in libro Moysi super rubum) Tatian 127, 4; hättest du allein Chrisostomum gelesen über Mattheum am 6. capittel, du hättest dein bloderen vylicht nit so drützlich här usz gespüwen Eberlin von Günzburg 1, 19; und Chrisostomus über Johannem bezeugt die gedechtnisz der ehrlichen menner die gestorben seind, sey den lebendigen nutz Casp. Scheit frölich heimfart A 2b; schade, dasz ich über diese lüge sie ertappen musz Lessing Em. Gal. 2, 430.
e) verdunkelt ist das locale verhältnis bei der iteration: wunder über wunder, list über list u. dgl., die den begriff der häufung oder der steigerung in sich schlieszt, bei verben der bewegung und der ruhe: und ditz selb schreibe ich euch so ich kum daz ich nit enhab die traurigkeit über die traurikeit (vgl. vulg.: tristitiam super tristitiam) erste deutsche bibel 2 Corinth. 2, 3; dafür half kein haucken schlahen, sunder list über list Riederer rhetoric (1493) d 3a; hie regents narrn über narrn, gleube du ihn nichts Luther 102, 283 Weim.; gaben wir unsern schiffmann geld über geld A. U. von Braunschweig Octavia 42, 233; hier höret einer wunder über wunder, wie die zeitungen mit allerhand frembden wörtern angefüllet werden sprachverderber 43; das trieb ich alles so, bis ich merkte, dasz es zeit über zeit war der arme mann im Tockenb. 21; ein heroismus, der da opfer bringen kann über opfer Gutzkow 3, 380. auch bei adj.: denn ich grewlich über grewlich ding höre, welch ein öffentliche herrliche Sodoma die Türckey sey Luther 302, 142 Weim.
häufig im ausruf: weh über weh und aber weh alle den selbigen Luther 302, 62 Weim.; ach leyd über leyd, jammer über jammer! volksb. dr. Faust 111 neudr.; o wunder über wunder! Musaeus 5, 18; o unglück über unglück, Alektryo ... hat Gallina gefressen! Brentano 5, 55;

weh über weh! klag über klag!
Hans Sachs 2, 9, 10 Keller;

[Bd. 23, Sp. 86]



iu über iu! sy gab mir das!
gott griesz sy, do sy by mir was!
Murner narrenbeschw. 36 neudr.


in die comparativische bedeutung führen verbindungen hinüber wie kunst über alle künste u. ä.: o grewel über alle grewel! Luther 8, 513 Weim.; drey reuber über alle reuber seyn zu Rhom: pergament, wachs, und bley Hutten 4, 267; gott zu dienen, das ist kain müssiggang, ja es ist ain geschäft über alle geschäft Kaisersberg schiff der penitenz 65d; o weh meins schmertzen über all schmertzen ioch meiner pein über all pein Ayrer griech. keyser 181a; das ist meinem hertzen ein wee über alle andre wee Tristrant (prosa) 189, 12; so ist das vatter unser ein gebet über alle gebet in der gantzen welt Mathesius Luther 55a.
5) eine weiterentwicklung der bedeutung ergab sich, so bald zugleich mit der annäherung an etwas auch eine einflusznahme des oben befindlichen auf das überdeckte, überhöhte object mitverstanden wurde, besonders im übertragenen gebrauche:
a) die hand über ein ding schlahen, und das ze besitzen, an sich ziehen, manum inijcere alicui rei Maaler 441c; über die bücher jagen Corvinus fons lat. 31; unversehenlich über etwas kommen, supervenio Dentzler clavis linguae lat. 295b; dorumb do Jhesus west alle ding die do waren kunftig über in erste deutsche bibel ZOa Joh. 18. 4; (sie) bald über ein iren schrein lief daraus ein seiden tuch name Arigo decam. 284, 33 Keller; wenn ettwan ein grober mensch über ein füergezüg kompt Kaisersberg bilgerschaft 13a; oder du sychst, das die magt gat am morgen über den brunnen wasser zu schöpfen postill 3, 52b; sintemal es viel besser ist, das die taufe über die kinder gehe, denn das ich sie abthet Luther 26, 166 Weim.; gehe ... zuspinnen oder zunäen und treib deine dienerin auch über den spinnrocken Schaidenreiszer Odyssea 90a; und da er sich über mich machet, ergreif ich jhn bey seinem bart, unnd schlug jhn und tödtet jhn Heyden Plinius 186; lasz dichs nicht wunder nemen, so du jr predig hörst, oder über jr schriften kumbst Nas das antipap. eins und hundert 2, E 1b; ich stellete es also an, dasz schier aller kosten über mich ging Simplicissimus 265 neudr.; unlängst geriet ich über sein buch, darein er viel liebsgedichte geschrieben hatte Fleming deutsche ged. 1, 89; (ich) gienge derowegen, zu benemung solcher grillen, über meine bücher Moscherosch ges. (1650) 1, 166; wie ist der mückenseyger über mein geld kommen, dasz er es gezehlet hat Schupp schriften 586; da flosz über sie (die völker) der taumel der verwirrung und der vielheit der sprachen, dasz sie ablieszen und sich trennten Herder 5, 133; als ... über mich zum erstenmahl licht von oben herab kam maler Müller 1, 15; der lustige junker machte sich nun über den mantelsack, um alles recht ordentlich auszupacken Göthe 24, 155, 27 Weim.; und er fiel mit neuer gewalt über das essen her 45, 7, 13 Weim.; nun soll es über die andern sachen, endlich auch über Faust hergehn IV 8, 83, 6 Weim.; nun fällt die himmlische (musik) auf einmal über dich her, durch vermittlung groszer talente IV 37, 191, 22 Weim.; du nachtbegeisterung, schlummer des himmels kamst über mich Novalis 1, 16;

und als das halfe nit,
kam über in desz herren geist
Hans Sachs 1, 212 Keller;

der traum über sein haupte kam
Spreng Ilias 13b;

dann müsz' ein schauer von dem unendlichen, ...
ein süszer schauer jenes lebens
über dich kommen ..
Klopstock oden 1, 69, 116;

da kam der geist Jehovahs über ihn
Herder 26, 348, 2.


über etwas kommen verengt = widerrechtlich davon nehmen: über das geld, über den wein kommen können, habere clavem ad pecuniam, ad vinum Frisch (1741) 398b; es ist mir jemand über mein geld, meine kasse gekommen Hilpert (1845) 633c; etlich meynten, er dem hertzogen über sein schatz kummen wer Wickram 1, 118, 2; die weil liefe Ulenspiegel behend und schnell von dem thurn, und kam über des graffen tisch, und

[Bd. 23, Sp. 87]


nam von der tafeln, gesottens und gebratens Eulenspiegel (1515) 32 neudr. auch in der ma., vgl.: er isch iwers geld gerode Follmann lothr. ma. (1909) 261b; über jemanden kommen in feindlichem sinne s. u. 7).
b) über den hals schicken, setzen, stellen, kommen usw.: warumb fürest du armer mensch, dir selbs über den hals, den fluch Cain? Ambach vom zusauffen C 4a; die solich wölf ihren schaffen on alle hund über den hals stellen Franck weltbuch 155b; yetzund hastu ain spil angefangen, das noch über deinen halsz wirt auszgeen Schaidenreiszer Odyssea 80b; etliche (herren) sind auch so ehrerbietig gegen jre pfarherrn und seelsorger, das sie jnen jhre jagthunde zu hause über den hals schicken, das sie jnen die füttern und herbergen C. Spangenberg jagteufel M 1b; denn so böse war doch jhr keiner, gott schicket jm ein bösern übern halsz Mathesius Sarepta 86b; dann das glück hat in dieser zeit allen Galatern gleich ein pestilentz des kriegs über den hals geschickt Xylander Polybius 83; additus, der einem über den halsz gesetzt ist, dasz er jhm frisch auff dem dache sey Corvinus fons lat. 272; manchen feind die holländische vorsichtigkeit durch ihr gelt dem hausz Oesterreich ins teutsche reich übern hals geschickt Grimmelshausen 4, 587 Keller; ist das wirklich mein palast, woran ich gar nicht zweifeln will, so sind mir wunderliche wirtsleute über den hals gekommen E. Th. A. Hoffmann 11, 88; schicke sie mir nicht auch noch die stadthebamm übern hals! Bettine dies buch gehört d. könig 1, 138; ich rücke ihm mit einem haufen falscher, längst widerlegter argumente über den hals Mörike 3, 48;

die (götter) haben uns der Griechen schar
über den halsz geschicket dar
Spreng Ilias 33a, III.


c) segen ü. jemanden sprechen, das kreuz über jemanden machen: (da) ... hat er den göttlichen sägen über sie gesprochen Wickram 2, 58, 9; und als der bapst den segen über den kelch thet Eulenspiegel 52 neudr.; für dem altar über den breutgam und braut lese er gotteswort genesis am anderen cap. Luther 303, 78 Weim.; er (Christus) hat gutes über das brot und fisch gesprochen und sind gevilet Zwingli deutsche schrift. 1, 65; darauf erhub er die hand und machte ein gewaltiges kreuz über meine ganze figur Göthe 43, 108, 19 Weim.
frid und derbarmde über sy und über Israhel gotz (pax super illos) erste deutsche bibel Galat. 6, 16;

ihr teuren söhne, segen über euch
Uhland 2, 15;

daz ir seit sune eures vater, der in den himeln ist, der seine sunne macht scheinen über die guten und über die übeln, und regent auf die gerechten und auf die ungerechten cod. Tepl. Matth. 5, 45; ähnlich Luther;

es leuchtet die sonne
über bös' und gute
Göthe 2, 83, 16 Weim.


6) in abgezogener verwendung führt die raumvorstellung der überhöhung zur bedeutung der geistigen superiorität. die beziehung zum ursprünglichen localen gebrauch (s. o.) bleibt noch deutlich bei verbindungen mit bewegungsverben.
a) einen über jemanden oder etwas setzen, stellen: preficio Megiserus thes. 2, 309a; einen über etwas setzen, bestellen, metter' ordinar' uno sopra qualche cosa Kramer (1678) 1066b; das kundten unsere iunckern nicht leyden, veriagten on alle ursach die frumen prediger und setzten über das volck grobe eselsköpfe Luther 18, 437 Weim.; (jemanden) über sich zu herrn setzen Grimmelshausen springinsfeld 11, 31 Keller; (Odin) setzte seine brüder Vili und Ve über Asgaard Gerstenberg schlesw. litbr. 245; das weltlich regiment hat gesetz die sich nicht weyter strecken denn über leyb und gut und was euszerlich ist auf erden Luther 11, 262 Weim.; thet Alexander alle nacht für seine schlaffkammer, ... einen gewissen thürhütter legen, und vertrauwet sonst niemande über seinen leib Heyden Plinius 197; Rom hätte über seine landvögte schärfere gesetze gemacht, als über frembde völcker Lohenstein Arminius 1, 22a;

ich setz dich über alle thier,
die werden dir gehorsam schier
Hans Sachs 1, 21, 4 Keller;

[Bd. 23, Sp. 88]



got über sie erwecken thet
Eglon, den geytzigen tyrannen 1, 222 Keller;

du göttin hast gesetzet mich
zu einem herren offenlich
über die wind und wetter grosz
Spreng Äneis 4a;

Pallas die göttin mit verstand,
hielt über jhn getrewe hand
Spreng Ilias (1610) 51a;

wie ein adler sein gefieder
über seine junge streckt
P. Gerhardt in Fischer - Tümpel kirchenl. 3, 347b;

strecke deine vaterhand, ...
über städte, volk und land,
über so viel tausend schaafe
Neukirch ged. 59;

gute Gertrud,
setzt eine wache über euren sohn Shakespeare 3, 339;

ich, die bin frei nach aller welt berichten
nichts über mich erkennend, das mich zwinge,
ward hier im wunderbaren lauf der dinge
zur magd
Rückert 1, 36.


b) dem localen gebrauch ferner stehen wendungen wie über jemand etwas vermögen: viel vermag Melboe über Cain maler Müller 1, 62; er vermag alles über den vater Göthe 24, 137, 6 Weim.; kein urtheil, kein mensch vermag über mich Bettine Günderode 1, 3. meist reflexiv: so nahe bey dir, verehrter freund, vorbey zu fahren, hab ich kaum über mich vermocht Göthe IV 29, 287, 7 Weim.; ich vermochte es über mich, Sulpiz um verzeihung zu bitten Arnim 2, 128; allein stets wuszte er sich noch zu bezwingen und vermochte es über sich, die last seines glückes allein zu tragen Seidel vorstadt-gesch. 151;

das mädchen stand, vermocht es über sich,
mit trocknem blick den jüngling anzusehen
Klopstock oden 2, 6.


in gleicher bedeutung: über sich gewinnen, bringen u. ä.: attollere, sublevare Schönsleder promptuarium J 1a; ich würde meinem vormaligen geliebten zeitvertreibe entsagen; oder wenn ich nicht so viel über mich selbst erhalten könnte, würde ich demselben nur insgeheim einige stunden widmen Joh. E. Schlegel 3, 308; die lüfte wehten so mild, ... dasz man es kaum über sich erhalten konnte, beym datiren eines briefes, statt märz nicht may zu schreiben Matthisson schriften 3, 222; ich habe über mich gewonnen, dich in einigen tagen nicht zu sehen Göthe 21, 97, 1 Weim.; er konnte es nicht über sich gewinnen auf dem kürzesten wege nach dem saale zu gehn Tieck schriften 4, 255; seien sie so gütig und gewinnen sie es über sich, mir zu lieb diese kleine mühe zu übernehmen Pückler briefw. 1, 254; ich las gehen, was recht ist, kan es doch nicht über mein hertze bringen, das ein armer mensch, wie ich bin, sol dahin gerichtet werden Hayneccius Hans Pfriem 8 neudr.; dis kind isch m'r an's herz gewachse, ... un jetz furt gehn ..., wo niemes andersch for's sorjt, nein! ich kanns nit üwwer mich bringe Greber Lucie 34.

und dennoch könnt ichs auch nicht übers herze bringen,
von ihnen wegzugehen
Joh. E. Schlegel 3, 528.


c) regieren, sein, herrschen, gebieten, walten über jemanden u. ä.: nicht über menschen, sondern über sew und hunde sollten soliche leute regiren, die nicht mehr denn ihren nutz oder ehre im regiment suchen Luther 15, 35 Weim.; Dauid aber hab ich erwelet, das er über mein volck Israel sein solt 1 kön. 8, 16 (erste deutsche bibel: das er were über mein volck Israhel, ut esset super populum meum); das weib sol übern man nit herrschen Reiszner Jerusalem 2, 66b; Vittoldus, ein hertzog in der Littaw, tyrannisierte ... über seine arme unterthanen Heyden Plinius 187; und die (engel) in der äuszern welt herrschen über die kräffte der sternen und 4 elementen, und haben auch ihr fürstlich regiment über die welt Jacob Böhme (1620) 2, 38; der corporal, der über etliche mann zu commandiren hat curiöses bauern-lex. (1728) 59; lasz Ruggieri nicht über die seele eines Gherardesca triumphieren! Gerstenberg Ugolino 259, 19; das ungestüme meines herzens siegt über die achtung Klinger neues theater 1, 5; dieser begriff waltet

[Bd. 23, Sp. 89]


über mich wie über meine kunst Hebbel br. 4, 103; Rom, .. das über beide ufer des flusses gebot Mommsen röm. gesch. 1, 46;

erwelt mich zu den ampten herlich
über ander ietz zu regieren
Hans Sachs 1, 439 Keller;

(der tod) herschet über die menschen ganz
Manuel todtentanz 1, Bächtold;

gib deinen geist ...,
der über mich mit seinen gaben walte,
der mein gemüht' in deiner lieb' erhalte
Neumark lustw. (1657) 1, 42;

ein bedeutend ernst geschick
waltet über's leben
Göthe 4, 291, 9 Weim.;

zu lange schon erstickt' ich der natur
gewaltge regung, weil noch über mich
ein fremder wille herrisch waltete
Schiller 14, 19;

über der menschen
weitverbreitete stämme
herrschte vor zeiten
ein eisernes schicksal
mit stummer gewalt
Novalis 1, 26;

die zeit des mitleids und der güte,
das ist die stille kühle nacht,
wenn über die versengte blüte
mit seinem thau der himmel wacht
Lenau 483.


elliptisch:

über Astyanax unsre götter!
Schiller 1, 127.


gott gebietet über jemanden = sterben lassen: ist sach das got über mich gepeut, das du dir alle meine sache und auch sy lassest befolhen sein Arigo decam. 119, 19 Keller; wan gott der herr über in gebüt und er von todts wegen abstünd, so sol man seinen leichnam begraben Eulenspiegel 143 neudr.; vgl. auch mhd.:

ob gott geputte über dich ring 32b; 36.


d) über etwas halten = beharren auf etwas: ein reifer verstand, der über seine meynungen türkenmäszig zu halten weisz Lessing 1, 325; (Ludwig der fromme) liesz sich von ihnen schwören, dasz sie über den vertrag halten wollten Becker weltgesch. 4, 192; über seine gesetze hielt er (Sixtus) mit einer strenge, die an grausamkeit grenzte Ranke 37, 295.
beschlieszen, verfügen über etwas: hätten sie nun als männer gelebet, solten sie nicht geringer sterben; wenn es ja der himmel also über sie beschlossen hätte Lohenstein Arminius 1, 24a; ich überlasse ihnen ganz, ... was sie über mich beschlieszen Göthe 23, 286, 10 Weim.; ich disponirte gleich über ein paar zimmer in eines benachbarten gespielen haus 21, 35, 13 Weim.; Tacitus verfügt augenscheinlich über einen reichen stoff Scherer litteraturgesch. 4; das allgemeine feldgeschrei der demokratie ..., die über das sprachrohr von presse und vereinen disponirt Bismarck gedank. u. erinnergn. 2, 20 volksausg.
e) ganz allgemein auch bei verbalsubstantiven wie gewalt, kraft, macht etc. haben, geben u. ä. über jemanden, ferner in wendungen herr, könig, bzw. mächtig, gewaltig sein über jemanden:
α) schon ahd. und mhd.: bist giuualt habênti obar zehen burgi, eris potestatem habens supra X civitates Tatian 151, 5; vgl. Graff a. a. o., mhd. wb. a. a. o.; und gab in (den jüngern) gewalt über die unreinen geist das sis aus wurfen erste deutsche bibel Matth. 10, 1 (ebenso Luther); dem gott ... gewalt über vieh und leut gegeben Mathesius Sarepta 82b; er hab kein gewalt über das zeitlich römisch reich Eberlin von Günzburg 1, 85 neudr.; weiter gezimt sich auch, das der grundherr ... über alles das regiment ... behalte Sebiz feldbau 36; ich beschwere dich bey gott dem allmächtigen, dasz du weder kraft noch macht über mich habest buch der liebe 6b; die sinne ... üben weit gröszere macht über uns aus Göthe II 6, 6 Weim.; dieser dämon hat gewalt über mich Pückler briefw. 1, 85; Rom ... behielt den sieg über die Karthager Ranke 14, 6; dem (marschall) schaffe ich alle sorge über alle unsere diener Arigo decam. 14, 31 Keller; haben auch gemeine verwaltung über das heiligthumb Stumpf Schwytzerchron. 386b; ich, sagte sie, weil mir die aufsicht über diese fürstin

[Bd. 23, Sp. 90]


anvertrauet war, hörte dieses alles an Lohenstein Arminius 1, 16a; die oberaufsicht über alle unmittelbaren anstalten für wissenschaft und kunst, ist mir ... geblieben Göthe IV 27, 16 Weim.; was ... diejenigen gröszeren arbeiten betrifft, sowohl epischer als dramatischer form die mich gegenwärtig beschäftigen, so habe ich über dieselben völlig freye hand IV 14, 189 Weim.; eben indem das reich sich zu ... dem kammergericht vereinigte ... gab (es) seine gerichtsbarkeit über sie (die Schweizer) auf Ranke 1, 116;

dargegen wo gut regiment
ist über leut und über land,
das hat ein langwiring beystand
Hans Sachs 2, 20 Keller.


β)

ein archydiakon er was
über des pabistes palas. buch d. Maccabäer v. 30;

legatus, oberster über ein regiment; Frischlin nomenclator (1586) 274b; centurio, hauptmann über hundert fuszknecht Megiserus thes. (1613) 240c; dar zu was er über tütsches land in bredier orden gewaltige prelat Suso 5, 17; Jacob ... heerführer über 600 000 mann in Israel ward Simplicissimus 10 neudr.; regierer über inseln Bürger 1, 150 Bohtz; aufseher über die güter Klinger werke 4, 1; generalstatthalter über Pommern Arndt werke 1, 6; eyn christen mensch ist eyn freyer herr über alle ding und niemandt unterthan Luther 7, 21 Weim.; und du Bethlehem im jüdischen lande bist mit nichte die kleinest unter den fürsten Juda. denn aus dir sol mir komen der hertzog, der über mein volck Israel ein herr sey Matth. 2, 6; und darumb ist der sun des menschen ouch ein herr über den sabat Zwingli freiheit d. sp. 12 neudr.; in diesem vollen schlaf, dunckt sie (die trunckenbolde), sie seyen hauptleut über viel heer haufen Ambach vom zusauffen C 1b; und ist ain erzkanzler über als Tütschland Richental chron. d. Constanzer conzils 15; wie grosz der vortheil ihrer (Schillers) theilnehmung für mich sein wird, werden sie bald selbst sehen, wenn sie, bey näherer bekanntschaft, eine art dunkelheit und zaudern bey mir entdecken werden, über die ich nicht herr werden kann Göthe IV 10, 185 Weim.; er (Iffland) hat eine grosze gewandtheit seines körpers und ist herr über alle seine organe IV 11, 53 Weim.;

noch felt der mensch, kan ich wol schawen,
wellicher mir das feld sol bawen,
ein herr sey über alle thier
Hans Sachs 1, 20 Keller;

getrewe hirten und hüter sein
über das volck und land gemein
Rollenhagen Froschmeuseler A 4a;

er musz die kunst verstehn, wer da genennt sein wil
ein meister über disz und über jenes spiel
Harsdörffer frauenzimmergesprechspiele 3, 468;

wer sie nicht kennte
die elemente,
ihre kraft
und eigenschaft,
wäre kein meister
über die geister
Göthe 14, 64 Weim.


γ) wann du bist gewest getrew über lützele ding, ich schick dich über manige erste deutsche bibel Matth. 25, 21 (ebenso Zürcher bibel, dagegen bei Luther dat.: über wenigem); bald stritten diese beiden gefühle zusammen, bald war der abscheu über die liebe gewaltig Göthe 23, 273, 22 Weim.; hierauf folgen ... die suevischen gemeinden ... der Chatten, ..., schon zu dieser zeit über die Istävonen des rechten Rheinufers übermächtig Eichhorn deutsche staats- u. rechtsgesch. 1, 43.
7) contra. bei bewegungsverben ist die locale beziehung noch deutlich fühlbar: auf jemanden oder etwas herab.
a) über jemanden gehen, kommen, fahren, wüten, herfallen u. s. w.: wann es stet auf das volck über das volck: und das reich über das reich erste deutsche bibel Marc. 13, 8 (ebenso Luther; vulgata: gens contra gentem, regnum super regnum); es gieng ihnen auch das jar noch ein grosz unglück über die haut Aventin 1, 80; (sie) zu im (resigniert) sprache, so gee es über mich Arigo decam. 518, 8 Keller; was falschen anschlags sie wider den ritter erdachten, doch gäntzlich über sye selbs uszgieng Wickram 1, 48, 31; stot aber wider mich ein krieg uff, wütet die welt über mich, ..., so würd ich in dich hoffen Kaisersberg

[Bd. 23, Sp. 91]


bilgerschaft 20b; der alter thut ir, der pfetzt sie, das sollen die iungen gedencken, wenn etwen ein alt mensch über sie fert, und in wüstlich uszbutzt 32d; manigk falsz urtel der lüten würet über dich gan der ewigen wiszheit betbüchlin 6b; denn zugleych wie der todt über ihn fiel und todtet ihn und hatte doch kein recht noch ursach zu ihm Luther 101, 1, 516 Weim.; nach dem aus diesem buch ein fast gemeine rede ist entstanden gewest: es würde ein mal über die pfaffen gehen und darnach wider gut werden 23, 7 Weim.; wer sich aber nicht sol an ihm ergern, der mus über das fleisch faren und durchs wort aufgericht werden 26, 312 Weim.; und Josua kam plötzlich über sie Josua 11, 7 (dagegen erste deutsche bibel: wider sie, vulgata: adversus eos); sein blut kome über uns und über unser kinder Matth. 27, 25 (vulg.: super nos et super filios nostros, dagegen erste deutsche bibel u. cod. Tepl.: sein blut sey auf uns und auf unsere süne); die strenge gerechtikait, so über die engelisch creatur auch über unser vatter und mutter Adam und Eva ergangen ist Cronberg schriften 7 neudr.; bald ... zog Franciscus von Sickingen über den herzogen von Lothringen Berlichingen lebensbeschr. 65; und sahe im gleich, als ob die gemeind eines tags über ein rath laufen, und iren mutwillen an im gantz vollbringen würd Carbach Livius 31; die beschwerdt der belägerung, welche über sie kommen würde Xylander Polybius 40; dasz sie über ihn fielen, und warfen den verräther vom rathause zum fenster hinab Schütz historia rer. Prussic. (1592) 3, V 2b; aber ich besorg mich gantz seer, ... das er (gott) nit heut oder morgen den türcken über den schuldigen und unschuldigen schicke Musculus hosenteuffel 13 neudr.; wütet ein grosze pestilentz über leut und vich Stumpf Schwytzerchron. 335a; als dann so fallt die handt gottes über sie Paracelsus opera 2, 474; darumb tregt er ein dürre ruhten in der handt, das bedeut, dasz der fluch des dürren baums über ihn gangen ist 2, 583; inzwischen machte sich Florindo ... über den politicum her Weise erznarren 26 neudr.; lues, ein plag und sucht, so gemeiniglich über die leut und vihe auszgehet Megiserus thes. 1, 821a; lasz diesen fluch über mich kommen mein sohn, vegna sopra di me questa maledizzione Kramer (1678) 1066; über sich ergehen lassen, subire; pati Nieremberger (1753) Bbbbbb 2c; er ... läszt über sich ausgehen des winters graus maler Müller 1, 22; mein könig, es geht über euer leben Klinger werke 2, 60; so kamen auch über diese guten leute noch manche schicksale, an die sie gar nicht gedacht hatten Brentano 5, 113; dieser hang zur schriftstellerei hat schwarzes unheil über meinen armen vetter gebracht E. Th. A. Hoffmann 14, 148; wenn es über andre herging Ludwig 2, 309; wenn man still sasz und die dinge über sich kommen liesz Mommsen röm. gesch. 2, 225;

ich versten an euch, das diser rat
über Jhesum von Nasareth gat altdeutsche passionssp. 34 Wackernell;

als mir gott helff, du jammerst mich,
das solch unglück geht über dich
Hans Sachs 6, 158 Keller;

was sträfliches vor gott hierbey geschieht,
und ich nicht hindern kann, nicht ändern kann,
nicht kann, — komm' über euch!
Lessing 3, 6;

die ganze rotte
fährt racheschnaubend über ihn
Pfeffel poet. vers. 3, 42;

dasz die wunde er empfangen
zeigt' und fühlte seine brust,
was sonst über ihn ergangen,
war ihm angst-verwirrte lust
Brentano 3, 373.


b) elliptisch: sie sprach zu im, philister über dich! buch der liebe 300, 3 (vgl. u. dat. 4); so! nun wollen wir über die drauszen Göthe 8, 8, 24 Weim.; heyda! schrie ein kesselflicker ..., was ein braver Abderit ist, über den esel her! Wieland 20, 163;

er hat zeyt, das er sich hat trolt,
dann ich jm vber dhauben wolt
Manuel weinspiel v. 671 neudr.

dürft ich nur über sie!
Göthe 16, 16 Weim.

[Bd. 23, Sp. 92]



c) in fluch- und verwünschungsformeln: verderben und elend über euch! maler Müller 1, 109; pfui, über's hocken! rief sie, sprang auf und lief ... voran Göthe 24, 142, 2 Weim.; das wetter über den unklugen schalk! Shakespeare 3, 331; die pest über dich, dasz du nicht reines haus hältst Gaudy 13, 77. besonders: weh über mich und über mein schicksal! Göthe 21, 132, 22 Weim.; ich unglücklicher! weh über mich Iffland theatr. werke 1, 37; weh über mich! ich richte meine letzte freude zu grunde Hölderlin 2, 168.
d) zu bloszem ausrufe abgeschwächt: o, über die wilden, unbiegsamen männer, die nur immer ihr stieres auge auf das gespenst der ehre heften! Lessing 2, 240; o über ihren stoltz! Gellert 3, 267; über euch herren philosophen! so geht es euch immer! über die leiden des jungen Werthers. gespräche (1775) 13; über den grausamen! Gotter 3, 92; über den ungläubigen Thomas! Kosegarten rhapsodien (1800) 1, 148; über das verwegne, ungeratene ding! Mörike Nolten 1, 173; über das verwünschte kind! Ludwig 1, 219; nee, s'is woll nich meglich! ... nee iber die leute aber ooch! Hauptmann biberpelz 7.
e) der gebrauch von über = contra bleibt nicht auf die oben genannten und ähnliche bewegungsverba beschränkt, er greift auch über auf andere verbindungen: so grausam thut er über die armen Wickram 2, 154, 36; die vrechen haben falscheit über mich zugericht Luther 8, 193 Weim.; sie haben ein bubenstück über mich beschlossen ps. 41, 9 (vgl. erste deutsche bibel: sie gedachten üble ding wider mich, adversus me); sy sperrends maul über mich auf Zürcher bibel (1531) ps. 21, 14 (ebenso erste deutsche bibel, vulg.: super me); wann ihr den anschlag über si gemacht habt Schaidenreiszer Odyssea (1537) 68a; grimmigklich die waffen wetzten über land, leut und über christenblut Stumpf Schwytzerchron. 334a;

da wurden all die affen schellig,
theten sich übern wolff ermannen
und jn gar grewlich an zu zannen
B. Waldis Esopus 2, 31;

sie spinnen gold für seide,
die parzen über euch
Fleming gedichte 1, 73;

red' er nichts über'n herr pater!
Göthe 16, 61 Weim.


8) sehr ausgebreitet ist der gebrauch in forensischen redensarten in eigentlicher und metaphorischer verwendung, zunächst wo die locale bedeutung 'von oben auf etwas herab', wenigstens bildlich deutlich bleibt, z. b.: über jemanden eine strafe verhängen, ein urteil fällen, den stab brechen, zu gericht sitzen, dann aber darüber hinaus auch in einer reihe anderer verbindungen, schon mhd.:

über den lîp solt du daz rechen,
der ist suldich wider dich,
dâ mit wil ich
dir vil gerne gelten Vorauer sündenklage.


a) ob ein burger in Nürnberg sein leben verwirckt, von welcher missethat das wäre, und dasz über seinen leib gerichtet würde, desselben erben sollen ... priv. Carolus a. 1347 bei Wagenseil 255; wer einem drohet zu brennen, und wer des fehrlicher bott ist, über die sol man richten als über mordbrenner ebenda; vgl. auch o. th. 8 sp. 883 die s. v. richten gegebenen belege; wirt got ein mol über sie verhengen, wie über Pharao und sein volck, das sie ganz und gar uszgetilckt werden Eberlin von Günzburg 1, 87 neudr.; schicksale ... die über sie (die welt) verhängt sind Göthe 21, 311, 3 Weim. (vgl. u. th. 12 sp. 526); dasz die eigenliebe sich in alle unsere urtheile mischt, die wir über uns selbst fällen Joh. E. Schlegel 3, 345 (vgl. o. th. 3 sp. 1286). belege für über jem. den stab brechen sind für forensischen und bildlichen gebrauch th. 10, 2, 349 f. gesammelt. vgl. noch:

ich will euch sein der Jupiter
und das recht von seintwegen sprechen
auch über euch den stab nun brechen
Fischart flöhhaz 27 neudr.;

niemand erkent jhm (Hans) etwas (eine strafe) zu,
er macht ihm selber solche unrhu,
weil er das urteil selbst gesprochen,
über seinen hals den stab gebrochen
Hayneccius Hans Pfriem (1582) 41, 1117 neudr.;

[Bd. 23, Sp. 93]



ein ehrlich halsgericht,
wo rauhgraf gockel das urtheil spricht,
und über die katze das stäblein bricht
Brentano 5, 63.


b) capitales triumviri, die übers blut richtend oder vom läben zum tod Frisius dict. 190a; übers blut zurichten Stumpf. Schwytzerchron. 371a; der richter mit seinen umbsitzern saszen über die sach Pauli schimpf und ernst 89; der todtenbeschauer hat über sie gesessen und christlich begräbnisz erkannt Shakespeare 3, 321; so vermeynt eyn rath und die väter, eyn rath hett in freiheyt geben, wer unbillich, das sie die wider den rath brauchen solten, oder also weit strecken, das sie über eyn rathsherrn zu urtheylen hetten Carbach Livius 33; wenn ich gericht halte über mich selbst Arnim 1, 186;

redren, spissen, schinden, brennen,
wurd man als über mich erkennen
wo man es über mich möcht zügen
Manuel weinspiel 2229 neudr.


c) schreien, rufen, sprechen über einen: wil er aber nit uff hören zu nüschlen und uff zu trennen mit anfechtung, so schry über in mit luter stimm, dieb yo, dieb yo Kaisersberg bilgerschaft 19d; das blut aber der armen wird rach über euch schreyen Paracelsus opera 2, 620; ein Bolingbroke fällt unter die hände seiner knaben; sie schreyen kahlkopf über ihn, die kahlkinne! Lessing 8, 11, 22; so will ich dann sogleich allhier ein hochnothpeinliches halsgericht halten, du sollst zeter über die mörder der deinigen rufen und strenge genugthuung erhalten Brentano 5, 78;

das recht rüff ich über sie an
umb rach, die sie verdienet han
Hans Sachs 2, 18 Keller;

drumb schrey ich zeter über sie,
vor diesem gstrengen gricht allhie
Krüger aktion C 2b;

verdirbt mir dieser brief, so schrey ich über dich,
was solt ich ohne hertz itzt wohl vollbringen können?
Hoffmannswaldau u. a. deutschen ged. 1, 1;

nun rufen sie die schuld von meines sohnes
frühzeit'gem tode lauter über mich
Göthe Iphigenie 518;

welche wunderzeychen, welche spruch der schrift haben euch trieben, über Luther zu sprechen? Luther 8, 308 Weim.; meine rähte wöllen kein urtheil über sie sprechen buch der liebe 3a; man sprach das urtheil über ihn Lichtwer Äsopische fabeln 17; der erzbischof ..., sprach den kirchenbann über den mönch aus Klinger werke 3, 8; ist das todesurtheil über dich und deine brüder gesprochen? Gerstenberg Ugolino 243, 17; demnach traf es sich, dasz, grade am tage der ankunft des kämmerers, das gesetz über ihn sprach, und er verurteilt ward, mit dem schwerte vom leben zum tode gebracht zu werden H. v. Kleist 3, 239; aber mir scheint, dasz sie dem jetzigen Napoleon zu viel aufbürden, wenn sie die proscription über ihn aussprechen Bismarck ged. u. erinn. 1, 204 volksausg.;

diese mit wasser, gift, schwert, oder strick
selbst über sich ein schrecklich urthel sprechen
Zinkgref ged. 34 neudr.


d) ladungsbriefe, die er von demselben concili über den benanten Eugenium erlanget Wyle translationen 13, 12 Keller; der bestimpt tag, so der künig über mich gesetzt hatt, ist der morndrig tag Wickram 1, 339, 30; so bin ich von Rom auszher vorstendiget und bericht, durch wes stiftung und emsiges anhalten, soliche radtschläge über mich geschehen Hutten 1, 407, 27.
9) temporal, durchhindurch, während, per. aus 1) erwachsen, indem der örtliche lagebegriff auf die zeitstrecke übertragen wurde. Adelung (1780) 4, 1125 will den gebrauch auf über nacht einschränken und verlangt sonst nachstellung von über (s. o.); vgl. hierzu Heynatz antib. (1796) 2, 484. ansätze für temporale verwendung von über schon ahd. (Graff 1, 86 f.); mhd. allgemein, vgl. mhd. wb. 3, 171a.
a) über nacht: und was über nacht an dem gebet gots erste deutsche bibel Luc. 6, 12; dem vogt soll man ein bett bestellen, ob er über nacht bleiben wolte Frankfurter frohnhofsr. (1485) bei Grimm rechtsalterthümer 1, 356; Menelaus was geryten in ain göwe und daselbs über nacht usz zebelyben Wyle translationen 58, 3; gott

[Bd. 23, Sp. 94]


bescheret über nacht Agricola sprichwörter (1534) A 3a; denn unglück und har wachsen über nacht Mathesius Sarepta (1571) 16a; so lag ich über nacht zu Windsheim Berlichingen lebensbeschr. 79; wer wird seinen zorn über nacht behalten? Lessing 2, 174; er hat sich über nacht ... davongemacht Mörike 3, 18; es war als wären riesenbäume über nacht aus der erde gewachsen Mommsen röm. gesch. 2, 423; wo böse lust über nacht in die halme schieszt, da ... Fontane I 1, 68; auch in den maa. z. b. Hunziker 268; Crecelius 2, 831; Mi wb. d. meckl. ma. 4b; Follmann lothr. ma. 263b;

brachtens ein schöne junckfraw her,
die über nacht war in meim hausz
Hans Sachs 8, 325, 27 Keller;

wen brief und sigel edel macht,
usz dem kan ich wol über nacht
wider einen puren machen
Murner narrenbeschw. 265, 26 neudr.


b) über tag u. a.: das die leichnam nit bliben am crütz über den sabbath und ostertag Kaisersberg postill 3, 11; es falt kein regen über jar in Egypten Münster cosm. 1458; der see ist über jar gantz reich an guten und wohlgeschmackten vischen Stumpf Schwytzerchron. 391a; denn über tausent iar fast eitel kinder tauffe gewest ist Luther 26, 168 Weim.; wie ich dann über diesen morgen erfahren Opitz Arg. 2, 84; und bleibet das sämlein allein über winter im grund unversehrt Bock kreutterb. 137; gern hätte ich Ilse über den winter behalten Freytag handschrift 1, 291; der hat lange genug gemacht. der lief doch schonn iber jahr und tag ock blosz rum wie a gespenste Hauptmann weber 48; dyt ist daz ich an gelde uszgegeben han ober jar vor vestelspyse in der fasten quelle bei Crecelius 2, 831; nun aber bekamen sie (die Israeliten) dasselbe (gelobte) land erst über eine lange zeit zum besitz Böhme schriften (1620) 2, 329; über alle die lange zeit hinweg volksschausp. 50 Hartmann; also das gar keiner gezwungen seyn solle, solches über einmal oder auf einen sitz auszulesen Grimmelshausen 4, 502, 21 Keller.
c) der sun der neig sich nit über eueren zorn (vulg.: sol non occidat super iracundiam vestram) erste deutsche bibel Ephes. 4, 26; über ihre weisthümer fällt mir ein, dasz ich sie schon früher fragen wollte, ob sie von einer groszen sammlung wissen, die in Speier liegen soll? Gervinus an J. Grimm 2, 28; die sonne ist über unser gespräch untergangen Klinger werke 5, 58; aber über unser schwatzen ... ist es schon tief in die nacht geworden Tieck schrift. 4, 162; über diese mittheilungen waren beide wanderer oben zusammengekommen Gutzkow zauberer v. Rom 1, 140; über diese vorgänge war der jahresschlusz ... herangekommen Mommsen röm. gesch. 2, 33.
d) über tag == täglich, über jahr == jährlich, annuatim; ein jeglich ritter hat wol xx und c gulden über jor quelle bei Scherz glossarium (1784) 1695a;

auch bit wir, allmechtiger got,
vater umb unser teglich brot
und aller notturft über tag
Hans Sachs 1, 67 Keller;

solch gezenck triebens über tag 8, 524, 19 Keller;

es bschicht mir von im über tag,
das ich es nit mer lyden mag
Manuel weinsp. v. 2736 neudr.;

im Beierlandt zu Ingolstadt
welch auch ein hohe schulen hat
und viel studenten über iar
B. Waldis Esopus 2, 80.


10) propter. die aus der localen function sich entwickelnde causalbedeutung ist schon seit ahd. zeit zu belegen und hier bei den übersetzern wohl noch durch die parallele bedeutungsentwicklung von lat. super gefördert worden. secundär mag in einzelnen fällen auch die temporale function (während) beigetragen haben, über zur bezeichnung einer causalbeziehung zu verwenden.
a) sehr häufig wird der causalnexus bei verben, adjectiven und substantiven, die eine gemüthsbewegung bezeichnen, durch über ausgedrückt: die geselschaft wundert sich über sein lere erste deutsche bibel Matth. 7, 28 (vgl. wuntarôten thiô menigî ubar sîna lêra, admirabantur turbae

[Bd. 23, Sp. 95]


super doctrina eius Tatian 43, 3; Luther dat.!); und derbarmt sich über sy wann sy warn als die schaff die do nit habent den hirten Marc. 6, 34; das glück werd sich schier über uns erbarmen Wickram 1, 337, 20; o almächtiger got erbarm dich über mich Arigo decam. 512, 30 Keller; o lieber mensch erbarm dich über dein seel, so bist du gott wolgevällig Kaisersberg granatapfel B 2d; ir wöllent euch doch über mein anfechten erbarmen Hutten 1, 413, 18; töchter Jherusalem nichten wölt wainen über mich: wann waint über euch selber und über ewer sune erste deutsche bibel Luc. 23, 28 (vgl. Tatian 201, 2: ni curît uuuofen ubar mih, nolite flere super me); gewerlich sag ichs euch, das er sich mer frewet über es (das eine schaf) denn über die 99, die do nichten irrten Matth. 18, 13 (ebenso der ahd. Tatian 96, 3); und sy derschracken über sein lere Marc. 1, 22 (vgl. Tatian 12, 5: arquâmun allê ubar sìnan uuîstuom, super prudentiam; Luther dat.!); uff das ... meniglich sehe und erkent, wie schwerlich got alweg über dises laster der trunckenheit erzörnt Ambach vom zusauffen A 2b; und do ... reuwet es den herrn über das übel Zürcher bibel (1531) 2 kön. 24, 16; und als der riese ein wenig beiseits trate, erbarmet sich die jungfraw über den ritter buch der liebe 13b; er klaget über di so yn des gantzen landes Israel vertraiben Schede psalmen 42 neudr.; er sein hertz liesz weinen über den dürftigen Paracelsus opera 2, 465; dasz sie sich nicht gar über mich zu todte heulen möchte Reuter Schelmuffsky 24 neudr.; sie hat schon oft über nichts gelacht Gellert 1, 50; doch nein, ich murre nicht über mein glück Cronegk schrift. 1, 54; über meine eigene kraft jauchzend maler Müller 1, 52; andere frauenzimmer machen in gesellschaft über alles, was geschicht, vergnügte gesichter Joh. E. Schlegel 3, 362; o was ist der mensch, dasz er über sich klagen darf Göthe 19, 5, 17 Weim.; ich kann mich nur über den menschen freuen, der weisz, was ihm und andern nütze ist 21, 109, 6 Weim.; da spottet man wohl über seinen mitbruder 45, 89, 18 Weim.; Fritz nimmt sich über meine erwartung heraus, sie (Karl August) werden in einigen jahren über ihn erstaunen IV 9, 119 Weim.; diese tage hab ich wieder Linné gelesen und bin über diesen auszerordentlichen mann erschrocken IV 27, 219 Weim.; doch kann und musz man sich über alles trösten IV 38, 13 Weim.; ich muszt lachen über die empfindungsvolle tonarte Bettine dies buch gehört dem könig 1, 23; Pückler, lasse dir nicht graue haare über mich wachsen Pückler briefwechsel 1, 134; eh sie sich das blaue herzeleid an den hals ärgert über den thunichtgut Ludwig 2, 309;

das nicht unser gnediger herr
sich über euch erzürne sehr
Hollonius somnium vitae humanae 45 neudr.;

ach, ir götter, last euch erbarmen
über mich unschuldigen armen!
Ayrer dramen 36, 18;

sondern ich wil in jamers qual
layd tragen über mein unfall
Spreng Ilias (1610) 37b;

weynt nicht, sprach Christus, über mich,
ein jeder weyne über sich
und über seine sünde
Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 304b;

schau! deine feinde stehen,
und lachen über dich
Neukirch ged. (1744) 47;

kann die mutter, vergessen ihres säuglings,
dasz sie sich nicht über den sohn ihres leibes erbarme
Klopstock oden 1, 139, 38;

ich habe wider Nathan nichts. ich zürn'
allein mit mir
(Saladin:) und über was?
Lessing Nathan IV. v. 342;

lächelst, fremdling,
über meine frage?
Göthe 2, 170, 14 Weim.


bei adjectiven: so unleydlich ist er über solche predigt Luther 101, 1, 256 Weim.; zum andern, das ich den satan so eben getroffen und nicht gefeylet habe, also, das er nu allererst unsynnig und rasend über mich geworden ist 26, 261 Weim.; der gesel sprach, ach lieber hauswirt ir werdet zornig und bösz über mich Pauli

[Bd. 23, Sp. 96]


schimpf u. ernst 17; da andere ... derhalben ungedultig über jhn wurden, sprach er, was tobet jhr böse leuth? Heyden Plinius (1565) 161; er ... wird offt zornig über den, der jhm widerstehet Arnd Thomas a Kempis übers. (1631) 8; Antipholis ... dem der kopf über alle die abenteuer schwindlicht geworden Gerstenberg schlesw. litbr. 155, 11; nächst ihrem geschmack des theaters sind die Franzosen über keinen vorzug so eifersüchtig, als über den, den sie die gabe zu erzählen nennen Gerstenberg recens. 375, 9; deshalb ich einmal in einer probe ... entsetzlich bös über sie wurde Göthe IV 27, 5 Weim.; seine frau, die über den entschlusz sich im gebürge festzusetzen krank worden war IV 9, 161 Weim.; über die wegräumung der hindernisse verdrossen werden Kant 2, 120; folgt dem herrn, und dasz ihr euch nicht über ihn lustig macht Shakespeare 3, 225; der junge czar begann ... ernstlich besorgt zu werden über die unersättlichkeit der napoleonischen politik Treitschke deutsche gesch. 1, 212; Jugurtha, ungeduldig über diese weitläufigkeiten, begann den krieg Mommsen röm. gesch. 2, 140;

könnt sehn St. Peter mit der geisz,
über der welt regiment unzufrieden
Göthe 16, 126 Weim.


beim subst.: und ich bewaine manig von den die do vor sünten und machten nit busz über die unreinikeit und über die gemein unkeuschen und über die unkeusch die sy taten erste deutsche bibel 2 Corinth. 12, 21; und in sere darumb schlagen liesz mit groszem zorn und grymmigkeit über in Kaisersberg bilgerschaft B 1d; hab über sünd rüw und schmertzen der ewigen wiszheit betbüchlin 99b; er hatt ausz zorn und vordriesz über die juden viel harter wort in disem capitel geredt Luther 101, 1, 280 Weim.; erbarmung über die abgescheiden seel Eberlin von Günzburg 1, 71 neudr. item hast du so grosz sorg über ein anderen, nun was er nit essen sölle, wann wiltu sin armut erfaren? Zwingli v. freiheit d. sp. 18 neudr.; hierophylax, der über heilige ding sorg und hut tregt Calepinus undecim ling. 649a; der über das heyl seiner seelen sorg traget, pflegt bey jeder verrichtung sich gewahrsam zu beobachten Abraham a S. Clara etwas f. alle 2, 276; er ... hat kein erbärmd über sine arme lüt Tschudi chron. Helvet. 2, 215; der schmerz über seinen tod gab mir mein erstes lied ein Miller ged. (1783) 45; trauer über die versunkne welt maler Müller 1, 33; unwille über die kurzsichtigkeit der menschen Klinger werke 3, 5; o schändliche eifersucht über einen dreimal schändlichern gegenstand! Gerstenberg Ugolino 244, 14; edler stolz über seinen sohn recensionen 283, 17; in groszer verlegenheit über die impertinenz Göthe 21, 9, 14 Weim; das scherzen über ihre ... freie stellung zum dritten gebot Fontane I 1, 53;

und freude glänzte über ihre schönheit
aus aller ihrer unterthanen augen.
Tieck schrift. 1, 79.


b) in freier verbindung. vielfach berührt sich hier die causale bedeutung mit der temporalen, aus der sie in einzelnen fällen erwachsen sein mag: über soliche strafe (des beichtigers) die iung frawe zu im sprach er wär eyn bestia Arigo decam. 259, 6 Keller; so hat man jme doch über die bekennte, boszhaftige und wunderbarliche unwarhait nicht trawen sollen Nas das antipap. eins und hundert 1, 228a; über diesen verlust fodert er genugthuung Joh. E. Schlegel 5, 411; man lobt den künstler dann erst recht, wenn man über sein werk sein lob vergiszt Lessing 2, 383; man legte sie bey seite und über mancherley umstände vergasz man die fernere expedition Göthe IV 29, 16, 11 Weim.; über dieses schweigen und stocken verlor Hilarie fast selbst ihre munterkeit 24, 262, 22 Weim.; über eine kleinigkeit grosze zurüstungen machen Kant 3, 84; über den spectakel kam auch Leontine mit einer fackel herbei Eichendorff 3, 218; über diese thörichte fehde war die bezwingung der Mytilenäer verzögert worden Mommsen röm. gesch. 2, 334; hatte ich nicht den kopf voll über diesen burschen Ludwig 3, 700;

das sind mir seltzam närrisch sachen,
das jr ein solchen uflouff machen
über den frommen edlen wyn
Manuel weinspiel v. 3146 neudr.

[Bd. 23, Sp. 97]



c) besonders im österr. amtsstil und von da in der österr. prosa: dasz der schöne flügelaltar in st. Wolfgang über anregung sr. excellenz des herrn statthalters ... einer gründlichen restaurirung entgegen geht Stifter 14, 265; als er über fremde veranlassung aber auf eigene gefahr die treppe hinuntereilte Anzengruber 4, 189; später nahm mich über verwendung meines onkels ein herrschaftsgärtner in Hietzing zu sich Saar 11, 133.
11) de. sprechen, lesen, predigen, schreiben, streiten, denken u. s. w. über etwas, seit dem 16. jahrhundert ganz allgemein, besonders im canzleistil in weitester verwendung. begrifflich von der causalfunction nicht scharf zu scheiden, da über in diesen verbindungen zum theile aus den gleichen localen functionen (1—3) wie die causalbeziehung hervorging, zum theile direct aus der causalfunction erwuchs. synonym: von, was ... betrifft, so weit ... anlangt (Gottsched beobacht. 29): der heilig man sein peichtiger aufstunde über in (den toten) ze predigen Arigo decam. 27, 33 Keller; Theophrastus ... schreibt über diese frag in dem puche der hochzeiten Eybe deutsche schrift. 1, 6, 10; weyl des klagens und fragens über meyn büchlin, widder die aufrürischen bawern ausgangen so viel wird Luther 18, 384 Weim.; herrn Niclas, Troils domdechants unterthanen sind über gesuchten nachlas der steuren ... abgewiesen worden acta publica d. schles. fürsten etc. 1, 29; käme ja ein fall vor, über den man sich nicht zu entscheiden wüszte, so ersuch ich sie ... bey ... Herder ... anzufragen Göthe IV 8, 15 Weim.; über diesen text mögt ich viel verhandeln, aber es ist noch zu früh 31 Weim.; wir haben über diesen punckt so oft gesprochen 73 Weim.; es leuchtete ihm so manches ein, was ich ... über symbolische bücher ... schrieb Bahrdt gesch. s. lebens 1, 31; wir kamen unten in einen irrgarten von gängen und mein freundlicher meister ward nicht müde, mich über seine kunst zu unterrichten Novalis 4, 116; man streitet über krieg und frieden E. Th. A. Hoffmann 1, 10; weshalb schweigen über solche dinge? du bist doch noch so gut wie gebunden Fontane I 5, 164; wie man auch über die einzelnen umstände urtheilen möge Ranke 14, 29; die den seltenen mut haben, über des menschen wichtigste angelegenheiten nachzudenken Strausz 3, 16. substantiviert: das gegen (die religion vorgebrachte) läszt sich schlechterdings nicht aufheben, ohne das über auszurotten Fichte 5, 246;

andre mögen immerfort über lere wörter zanken
Grob dichter. versuchg. 46;

du auch unter den todten
trinke ja über mich nie den lethäischen trank
Herder 26, 46;

mein vater war ein dunkler ehrenmann,
der über die natur und ihre heil'gen kreise
in redlichkeit, jedoch auf seine weise
mit grillenhafter mühe sann
Göthe 14, 54 Weim.;

du irrst dich über ihn; so ist er nicht Tasso v. 2338.

veraltet: bitten über jemanden = für jemanden: bittent got ouch über mich, dasz ich von diser groszen not enbunden werde. do sprach Moyses: so wil ich got über dich bitten, dasz du würst ... von disen nöten erlöst ... do ging Moyses von ime hin und bat got über den künig historienbibeln 719 Merzdorf; ich batt mynen lieben vatter über sy inniglich der ewigen wiszheit betbüchlin 36a. schon mhd.:

man seit, er sî sîn selbes bote
unde erlœse sich dâ mite
swer über des andern schulde bite armer Heinrich 28;

bei adjectiven: so verschwiegen auch beide über ihren plan sein mochten Göthe 22, 249, 10 Weim.; wir waren auch da über die grundsätze einig IV 8, 28 Weim.; ich ... bin über jene geschäfte ganz ruhig IV 10, 154 Weim.; ungeachtet er über den wichtigsten punkt, über die zusammenberufung der staaten unerbittlich blieb Schiller 7, 227; wir dürfen ohne selbstüberhebung sagen, dasz wir gegenwärtig klarer sind über die höchsten kunstwirkungen im drama und über den gebrauch der technischen zurüstung als Lessing, Schiller und Göthe Freytag 14, 4.

[Bd. 23, Sp. 98]



rede, schrift, werk, gedanke, nachricht u. s. w. über etwas. verwendung in überschriften und titeln besonders im 17. u. 18. jahrh.: hie endet Matheus der evangeliste und hebt an die vorrede über Marcum den evangelisten erste deutsche bibel 1, 116, 21 Kurrelmeyer; vorrede über den propheten Daniel Luther bibel 7, 360 Bindseil; aller kürtzest form eines verkauffs über ligend gut Riederer rhetoric v 6b; lasz dich nit wunder nemen, das man in Ptolemeo zweierlei tafeln findt über ein land Münster cosm. vorrede 6; hie muszte man eynen guten kurtzen catechismum haben über den glauben, zehen gebot und vater unser Luther 19, 75 Weim.; diese meine predigt über die drey capitel St. Matthei 32, 299 Weim.; wie zu sehen ist in seinen predigten über das 15. capit. der ersten an die Corinther Hayneccius Hans Pfriem 5 neudr.; auszlegung Theophrasti Paracelsi über etliche figuren Jo. Liechtenbergers Paracelsus opera 2, 608; trauergesang über früh-zeitiges ableben eines ... landsmans Rompler von Löwenhalt ged. 67; über das bildnüs herrn Daniel Caspers von Lohenstein Lohenstein Arminius 1; über den ungemeinen ... wider die Franzosen glücklich erfochtenen sieg Neukirch ged. 9; bedenken über das küssen Grob dichter. versuchg. 21; seine (d. Goropii Becani) fast enthusiastische critica über das hebräische und lateinische alphabet Morhof unterricht 1, 2, 6; gedanken über den bau und die bildung der sprachen Gerstenberg recensionen 4, 20; wie schön ... sind seine vertraulichen äuszerungen über diesen punkt Göthe 46, 32, 25 Weim.; meinen aufsatz über's abendmahl IV 29, 91, 11 Weim.; der himmel ist ein groszes buch über die göttliche allmacht Hebel 2, 1 Behaghel; über den thäter aber waren die anzeigen so schwach, dasz ... man doch nicht mehr als muthmaszungen wagen konnte Droste-Hülshoff 2, 287; den freunden ... wird es angenehm sein, dasz sie zu einigen nachrichten über die ... lebensumstände ... kommen E. Th. A. Hoffmann 10, 10; die verbündeten hätten durch ablegung eines ... unzweideutigen zeugnisses über ihre absichten sich selbst geehrt Görres 2, 33; einleitende betrachtungen über die verschiedenartigkeit des naturgenusses Humboldt kosmos 1, 3; so konnte nur aus ganz concreten beobachtungen über geist und wesen der arbeit ein gerechtes masz des urtheils nach beiden seiten erwachsen Riehl deutsche arbeit 8; die entscheidung über den ursprung der verschiedenen racen Mommsen röm. gesch. 1, 1, 8; in den weimarischen acten findet sich ein gutachten über die nothwendigkeit, die hülfe zu versagen Ranke 1, 124 anm. 1; eine frage über ihr tagewerk Storm 1, 26.
12) über — hinaus. eine weiterentwicklung der localen bedeutung (1) ist dadurch gegeben, dasz zunächst bei bewegungsverben, dann aber auch bei verben der ruhe sich der begriff des hinausgelangens über etwas in verticaler oder horizontaler richtung mit dem ursprünglichen localen lagebegriff verbindet und so die comparativische verwendung angebahnt wird.
a) horizontal: ultra, über, weiter, πέραν Garthius 801a.
α) über eine grenze, über das ziel schreiten, transire modum, fines egredi Frisch (1741) 398b; über daz mal laufen, excurrere Diefenbach gloss. 215b; als man den gast über die nächste gränze führte Göthe 25, 8, 7 Weim.; so kamen sie über die grenze Arnim 2, 148; statt die Bithyner über die grenze zu werffen Mommsen röm. gesch. 2, 281. häufig metaphorisch: und wenn sich unter meinem fusze die hölle öffnete, ich springe über die gränzen der menschheit Klinger werke 3, 62; das verhältnis zu den frauen ... erhob sich kaum über die gränze des gemeinsten bedürfnisses Göthe 46, 26, 26 Weim.; wir waren kaum über den anfang, als er plötzlich aufsprang Tieck 4, 259;

o gott wan ich mein laster all
mit ziffer solt befangen,
weit schrittens über zihl und zahl
Spee trutznacht. 90;

doch blieb ihm das gefühl entschwundner zeit,
und öfters übers ziel ihn führend weit,
dasz er die sonne sucht um mitternacht
Droste-Hülshoff 2, 96;

worauf er den bericht ihr gab
von grüszen, die ihr gatte,
sein könig, für sie über's grab
ihm anbefohlen hatte
Rückert 1, 179.

[Bd. 23, Sp. 99]



β) (er) über ein maueren ... steyge Arigo decam. 84, 30 Keller; schreien, ehe man über den graben kompt Franck sprüchwörter (1545) 1, 3b; du ... zechtest frisch, deinen nachbar hiesz ich willkommen, also dasz er für mir über den zaun springen muszte engl. com. u. trag. (1624) A VIIIa; die übrigen (dichter) kommen selten über die ringmauern ihrer stadt Gerstenberg rezensionen 7, 7;

die andre Griechen er fürtrang
und über alle gräben sprang
Spreng Ilias (1610) 100a;

wächst aber wo die zung und steiget über zaun
Logau sinnged. 157.


γ) da er mit seiner mutter über das gebirge gieng und S. Johannem heymsucht Luther 26, 195 Weim.; so bald das wetter eyn wenig glimpfig wart, understund er über das gebirge montes Apennini genant ... zu ziehen Carbach Livius 114; da die fromme, guter hoffnung lebende Maria über's gebirge gegangen um eine freundin heimzusuchen Göthe IV 34, 10, 8 Weim.; kamen aber die ... ansiedler über den Apennin Mommsen röm. gesch. 1, 11; seid ihr nur einmal über die Alpen, so findet sich zu hause alles Göthe 23, 308, 28 Weim.; äwwer do se (prinz und prinzessin) öwwer sien gebiet wooren do hadde he kienen macht mai an ehnen quelle bei Bauer-Collitz 262b. sprichwörtlich: wir bleiben dennoch leider allzu faul und lasz und sind noch nicht mit jenen neun und neuntzig gerechten so fern über den berg komen, als sie sich lassen düncken Luther 302, 118 Weim.; bisz keusch, du bist noch nit übern berg, vorachte nit deyn arme gefallene nehsten 7, 678 Weim.
δ) über die brücke, das wasser gehen, passar' il ponte, il fiume Kramer (1678) 1066a. schon ahd. und mhd. allgemein: gieng ubar Jordanen in dia stat (abiit trans Jordanen in eum locum) Tatian 134, 10;

zehinzech tusint wolte er bringen
über daz wazzer Eufrates Vorauer Alex. 1137;

ein überführer, einer, der die leute über ein wasser führet Calepinus 116b; (er) über den kanal schwamm Arigo decam. 263, 16 Keller; kumpt der aychorn an ein wasser, über das er gern wäre Gesner thierbuch (1563) 13; es soll keiner huy sagen, ehe er übern bach keme Mathesius Sarepta (1571) 16a; es floge ein gans über Rein, und kam eyn gagagher wider Tappius (1545) 32b; kayser Julius schlug ja wol die erste brücke über den Rhein Lohenstein Arminius 1, 18a; die Türken sind über die Donau gegangen und haben die Russen brav zurückgepeitscht Lenz schr. 1, 56.
ε) über bord gehen, über die bordwand hinaus, also aus dem schiff hinaus ins wasser gehen, werfen oder geworfen werden Stenzel seemannsspr. 432; vgl. auch Goedel seemannsspr. 493. von da aus allgemein: als Elisabeth sein auge auf ihrer hand ruhten fühlte, liesz sie sie langsam über bord gleiten Storm 1, 35;

sie wirft ihr eigen gut mit freuden über bord
Hoffmannswaldau u. a. deutschen ged. 3, 288;


ζ) wende gott den fluch, der mir jetzt über die lippen fuhr! maler Müller 1, 53; er konnte es nicht über die lippen bringen, was er vermuthe und vorhabe Eichendorff 3, 311; kein kaffee ... ist ... über ihre lippen gekommen Arndt werke 1, 15; es hiesz, an diesem tage habe Mergel zuerst hand an sie gelegt, obwohl das bekenntnis nie über ihre lippen kam Droste-Hülshoff 2, 265.
η) über etwas fallen u. ä.: in dem die magd über den zaun fiel und die eyer all zerschmettert Franck sprüchw. (1545) 1, 3b; über die schnitzbank kann jemand fallen Ludwig 2, 29;

fall keins über d' schwellen
Manuel weinspiel v. 464 neudr.


θ) in redensarten wie über die schnur (s. d.) hauen, über die stränge schlagen, über die klinge (s. d.) springen lassen, über das seil werfen: man sollt wol fürsten funden haben ... die ihm sampt seyner rotte den kopf hetten über eyne kalte klingen lassen hüpfen Luther 18, 91 Weim.; Lucullus hätte ... zweintzig tausend unschuldige leute meuchelmörderisch über die klinge springen lassen Lohenstein Arminius 1, 24b; Jugurtha gab befehl, ... die sämmtliche

[Bd. 23, Sp. 100]


erwachsene männliche bevölkerung der stadt ... über die klinge springen zu lassen Mommsen röm. gesch. 2, 141;

lasz etlich hupfn über die klingen,
die desz abfalls ein ursach sein!
Hans Sachs 10, 396, 28 Keller;

über die schnur hawen, über das böglin treten Franck sprüchw. (1541) 2, 98b; oevern schreve gahn Richey 241; dann so ein theil über die schnur hawen und zanck anrichten will Xylander Polybius 332. variiert: ist es (das versehen) über die schnur so ists ein schandlaster (si enormiter) Comenius janua (1669) 798;

und hawt dapfer über die schnur
Scheit Grobianus 2264 neudr.;

als er das wörtlin des Nicenischen synods angenummen und unterschrieben, hat er den keiser wöllen übers seil werfen Hedio chron. Germ. (1530) 149a; denn es (ist) billich, dasz die, so ander leut betriegen wöllen, selbs über das seyl geworfen werden Amadis 1, 384.
ι) durch adverbia hinaus, hinweg, hinüber u. ä. näher bestimmt: Thule, ein insel weit über Schottland hinausz gelegen Calepinus undecim ling. 282b; aber gegen nidergang stoszet es an das Zürichgow, über den ungestümmen flusz Tösz hinausz Stumpf Schwytzerchron. 348b; über den garten hinaus erblickten sie eine unabsehbare landschaft Göthe 24, 63, 6 Weim.; vordringen der Etrusker über die Tiber hinaus Mommsen röm. gesch. 1, 114. häufig temporal u. bildlich: ja sogar über unser dasein hinaus sind wir fähig zu erhalten und zu sichern Göthe 24, 223, 25 Weim.; über die gespensterstunde hinaus Arndt werke 1, 13; über das grab hinaus Hebbel 8, 243; der zug ... hatte ... nicht völlig unsern beyfall, weil er über die schranken der ironie hinausgeht Gerstenberg schlesw. litbr. 200, 28; wenn meine natur die wirkung hat die ihrige (Schillers) in's begrenzte zu ziehen, so habe ich durch sie den vortheil dasz ich auch wohl manchmal über meine grenzen hinausgezogen werde Göthe IV 12, 164 Weim.; indessen geht seine kunst ... über die regeln der malerei hinaus E. Th. A. Hoffmann 1, 9; so bekam die ... bergung eine bedeutung, die weit über die schranken der innern deutschen politik hinausreichte Ranke 1, 147.
er führete uns über den schönen saal weg, und in eine grosze stube Reuter Schelmuffsky 17 neudr.; da schrie die dirne, dasz man's über zehn häuser weg vernahm Gökingk 3, 87; über die stadtmauern weg Klinger werke 3, 81; kein pilger ... warf auch nur einen blick über die mauer (des klosters) hinweg in das paradies der gotteswelt Ritter erdkunde 6, 216. bildlich: wen theorieen befriedigen, der setze sich über unsre zweifel hinweg Gerstenberg rezensionen 59, 2; meine einbildungskraft sah über exposition und verwicklung hinweg Göthe 21, 38, 19 Weim.
einen steilen pfad, der schneller über den berg hinüber zu führen schien Göthe 23, 5, 9 Weim.; er sah über die gipfel der bäume ... hinüber ans andere ufer Storm 1, 24. bildlich: ungeheure kluft ..., über welche uns nur ein besonders geeignetes naturell hinüber hebt Göthe 46, 34, 14 Weim. temporal: sondern wolten harren, bis er über die jugent hin were und die taufe deste fester halten mochte Luther 302, 596 Weim.; schon war man über ... Millers Siegwart ... fortgeschritten Arndt werke 1, 43.
b) jenseits, trans, voc. theut. (1482) hh 6a; ennenthalb, trans, ultra Maaler 441c; ultra, jenseyt, ennerthalb Megiserus thes. 2, 724a (s. auch oben über meer, über see u. ä. 1 a γ); schon ahd.: sô siê inan fundun ubar sêo (cum invenissent eum trans mare) Tatian 82, 3; mhd. allgemein, mhd. wb. 3, 117a z. b.:

überz wazzer stuont ein kastel Parz. 535, 7.


in verbindung mit verba der ruhe tritt in der neueren sprache meist der dat. (s. u.) zu der präp., doch findet sich auch der acc., so stets in fest gewordenen redensarten: als wenn unsere frühlingsheerolde, sonderlich die störche, aus denen warmen übers meer gelegenen landen, wieder zu uns kämen Prätorius winterflucht d. somm. vögel (1678) vortrab A 2a; in kurzem wird man alles was Clairfait über den Rhein wieder erobert hatte, verlassen und sich auf Mainz und Manheim zurückziehen müssen

[Bd. 23, Sp. 101]


Göthe IV 11, 88 Weim.; (das mädchen kam bald wieder, denn) der schenkwirth wohnte nur über die strasze Göthe 24, 267; ich wünschte über alle berge zu seyn 26, 23; wir sind schon lange über alle berge Chamisso 5, 114. auch in den maa. allgemein, z. b.: äwer alle barg sin, weit entfernt sein Mi wb. d. meckl. ma. 4b; a is fort iber alle berge Hauptmann weber 90;

es war ein markgraf über den Rhein
Erlach volkslieder d. Deutschen 1, 400.


c) vertical: über — hinauf.
α) bei bewegungsverben, z. b. sich über etwas erheben, über etwas steigen u. ä.:

ich steig auf über das gestirn
und setz mein thron mit jubilirn
und wil geleich dem schöpfer sein
Hans Sachs 1, 32, 12 Keller;

die fisch jr heupter hoch entpor
über das wasser weit hervor
erhuben umb das kindlin jung
Scheit frölich heimfart B 1a;

(der mann) unterginge und swiment wider auf über das wasser kam Arigo decam. 76, 18 Keller; auch werden die flöh den weibern fast über die knie steigen Fischart praktik 5 neudr.; lasz dir kein unglück über die knie gehn klugreden (1548) 38a.
über die knöchel in den beutel gegriffen Luther 341, 279, 7 Weim. auch übertragen: drein greifen über die knöchel in das predigampt 477, 2 Weim.; dasz man nicht versinke in den nöten, so die flut über körbe pferd und wagen gehen will Luther 12, 335 Weim.
und zielte in ein recht dichtes gedräng nach einem, den ich über die andern erhoben sah Göthe 43, 100, 5 Weim.; die wohnung des pascha mit weit vorspringendem dach und einige häuser und thürme erheben sich über die mauer Moltke schriften u. denkw. 1, 117.
häufig übertragen:

also ward der man gelaicht,
wann chainer so hoch witz erraicht,
das weib langet über in
Hätzlerin liederb. 292;

einer über den anderen vermeint zu steigen und mit gesang obzuliegen Wickram 2, 140, 23; er setzt sich wider und über den gott aller götter Krüger aktion v. d. anfang u. ende d. welt (1580) A 4a; ein mann, den seine kayserliche majestät seiner verdienste wegen über alle und vor allen erheben will! Klinger werke 3, 76; doch bald erhob er sich über die einzelheiten zu der idee Göthe 46, 40, 6 Weim.; über alle zufälle und hindernisse weit erhaben Gerstenberg Ugolino 255, 5; man dünkt sich erhaben über die arbeitsehre Riehl deutsche arbeit 20; das weib liesz sich durch die schlange ... verführen, sich über gott heben zu wollen Brentano 5, 393; so kommt es wohl manchmal dasz uns unsere eigne wünsche über den kopf wachsen Göthe IV 14, 184 Weim.; du bist mir über den kopf gewachsen Hölderlin 2, 156; das wasser gieng ihm schon übern kopf, he was over head and ears in the water Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1780. auch ohne verbum: mir ist sehr wohl, aber arbeit über kopf! Bismarck briefe a. s. br. nr. 407;

du höchstes gut
hebst unser blut
in deinen thron hoch über alle höhen
Gerhardt in Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 328a;

die grösze meiner schuld ist über mich gestiegen
hoch über dieses haupt
Fleming deutsche ged. 1, 6;

wohlthun, das über die menschheit
sterbliche menschen erhöht
Klopstock oden 1, 7;

und vier' und fünf' und sechse
sie saszen um den topf,
und nun sind die gewächse
fast all' uns über'n kopf
Göthe 3, 41 Weim.


β) und lage alles in der pfitzen des irsals bisz über die oren Eberlin v. Günzburg 1, 181 neudr.; wir gleich in den streitbücheren und disputationibus sessen bisz über die ohren Arnd Thomas a Kempis übers. (1631) A 4a; dasz sie ... bis über die ohren im sündenschlam ... steckt Grimmelshausen springinsfeld 48, 17 Keller; um ... in

[Bd. 23, Sp. 102]


den lehm hineinfahren zu können und drinn herum zu kneten bis über die ellenbogen Bettine dies buch gehört d. könig 1, 39; er steckt in schulden bis über die ohren, he is over head and ears in debts Ludwig teutschengl. wb. (1765) 1780; vgl. Heynatz antib. 2, 484;

wer über die oren im kat steckt
Murner narrenbeschw. 179 neudr.;

spricht, wie man stoltzen sinn und hoffart fliehen sol,
und ist bisz übers maul desselben lasters voll?
Rachel satyr. gedichte 72 neudr.;

wir wollen den kerl gewaltig curiren
und über die ohren in dreck nein führen!
Göthe 16, 65 Weim.


γ) über sich, aufwärts in die höhe, auch ohne reflexivpers. beziehung, ja selbst gegen die congruenz z. b.:

deine augen würf nit über sich
Hätzlerin liederbuch 251;

vgl. dagegen:

flieg in die luft hoch über dich,
so hoch dir immer müglich ist
E. Alberus fabeln 128 neudr.;

sursum Diefenbach nov. gloss. 22; Laur. Albertus gram. 124; aufgericht, emporgericht Schwartzenbach syn. 13a; Stoer 502b; rückling, dasz auf dem rücken ligt supinus Megiserus thes. 2, 590c. seit mhd. zeit bis ins 18. jahrh. allgemein, vom 19. ab nur landschaftlich noch üblich, und in berufssprachen, wo es sich in festen formeln seit dem 16. jahrh. erhielt, z. b. in der bergmannssp.: über sich brechen, ist in die höhe arbeiten und das gestein weg hauen Junghans (1680) 42; vgl. DWB denn wer über sich hewet, dem fallen die span in die augen Luther 19, 633 Weim.
der rauch geht über sich (steigt empor) Luther 8, 5, 17 Weim.; bit das alle berg zu tälern komen in ain ebne und alle bäch und wasser über sich flissent in ire ursprünglich brunnen Wyle translationen 40, 11 Keller; so man uns glorifiziert, so recken wir die häls über sich und glaubens Dürer nachlasz 38, 23; ein grosz menig der visch davon (von gift) über sich gingen, und sturben Seb. Franck chron. Germ. 22; und wer das wasser allein umb ein halbe span noch über sich gewachsen, ... so wer das gantz Seland und halb Flandern ertruncken chron. (1543) 1, 284a; für den gluchsen, ist gut, das man ... das haupt über sich kehre Sebiz feldbau 79; mein fuchsschwantz ist mir nicht so hart und steif angewachsen, dasz ich jhn nicht von einer seiten zur andern, über oder undersich, ie nach deme der wind gehet, solte wenden können eselkönig 266; detorqueo, biegen, es sey über sich, nider sich oder auf ein seyten Calepinus undec. ling. 410b; so du etwas von holtz untertauchest, wird es auf schiessen, über sich schwimmen, emerget Comenius ianua 71; sie schlug die hände in einander und die augen über sich Grimmelshausen vogeln. 401, 31 Keller; gleichwie das feuer nicht kan gedämpft werden, sondern über sich steiget, und die höhe suchet Schupp schriften 553; das über sich schauende weibliche profil ... hat gewisz vil schalkheit und wenig verstand Lavater physiogn. fragm. 1, 228;

nam mich zu im und füret mich
in die lüfte hoch übersich
bisz gar zu dem gestirnten himmel
Hans Sachs 7, 432, 18 Keller;

solt auch glat nit kein messer leiden,
dasz übersich ligt mit der schneiden,
schlag mit eim eisnen heft darein,
des bossen wirt zu lachen sein
Scheit Grobianus 3327 neudr.;

wann übersich das rosz sprang hoch,
gab es im boden bald ein loch,
das übersich flogen die schollen,
auch grosze schulpen, und erdknollen
Frischlin Hohenzoll. hochzeit (1599) 231;

in ihrem garten wächst kein unkraut übersich
König gedichte 495.


das untere über sich, a capo-piede, capo verso, capovolto Kramer (1678) 1066a; das unterste eines dinges über sich kehren, to turn a thing topsy-turvy Ludwig teutschengl. wb. 1781; alles verwirren, unter über sich kehren, rem susceptam dirimere, permutare rempublicam Schönsleder prompt. (1647) Lll 2a; das allgemeine singen und

[Bd. 23, Sp. 103]


sagen von dem lob der rechten wahren liebe hat uns bewögt dieselbige zu suchen, und eintweder zu finden, oder den erdboden mit dem abgrund undersich übersich zukehren und zuvermischen Weckherlin gedichte 1, 55; und hat jeder ein wurfspiesz in der hand, die wurfends in die herren, und in die pferd, dasz es alles unter übersich gieng Tschudi chron. Helvet. 1, 272; chert dem tisch das under übersich Germ. 24, 75.
auch metaphorisch: es ist leichter undersich zu gon (herabzugehen), dan übersich (emporzusteigen) Kaisersberg brösamlin 1, 41d; Luther ... ein vater allerley yetziger secten ist, und billich für den gehalten wirdt, der den secten und rotten über sich geholfen Nas das antipap. eins und hundert 3, 110a; die liebe gehet unter sich, nicht über sich Schottel 1134; vgl. auch sich gesellen über sich, cum superioribus societatem inire Scherz gloss. (1784) 1695a aus Boner 77, 41;

schau! deine feinde gehen,
und wachsen über sich
Neukirch ged. 47.


13) plus. die comparativische bedeutung von über ist seit ahd. zeit geläufig und die verwendung mannigfach.
a) deutlich fühlbar bleibt die ursprünglich locale bedeutung in verbindung mit bewegungsverben, so z. b. bei gehen; seit dem 18. jahrhundert ganz allgemein: Apollo, du forderst, was über des menschen kräfte geht Klinger neues theater 1, 18; der besitz der gnade gottes, und der genusz des innern gottesfriedens, der über alle vernunft geht Jung-Stilling 3, 23 (vgl. der friede gottes, welcher höher ist denn alle vernunft Phil. 4, 7); Schillern hoffe ich noch das vorspiel (zum Wallenstein) zu entreiszen, sein zaudern und schwanken geht über alle begriffe Göthe IV 13, 277 Weim.; so was ist mir noch nie vorgekommen! das geht über alle träume! Kerner dichtungen 443.
sprichwörtlich: es gehet gewalt über recht Habacuc 1, 3; alle tausend, das geht denn doch übers bohnenlied Storm 14, 97; dat geiht äwer krid un rothstein Mi wb. der meckl. ma. 4b.
häufig negiert: es geht doch kein handwerk über die büttnerei Ludwig 2, 123; es geht nichts über den genusz würdiger kunstwerke, wenn er nicht auf vorurtheil sondern auf wahrer kenntnisz ruht Göthe IV 11, 66 Weim.;

das man nit sag: schuster, fahr schon,
lasz urtheil übern schuh nit gan
B. Waldis Esopus 1, 217.


b) bei verben der ruhe. hier tritt die comparativische bedeutung noch deutlicher hervor z. b. über jemanden sein = mehr sein, besser sein, den vorzug vor jemanden haben (Heynatz antib. 2, 484). schon ahd. u. mhd. (Graff 1, 87), vgl.:

ze schuole lêrt er gar swind,
er was über alle kint Basler Alex. einlt. 430;

dorumb gott erhöcht in und gab im einen namen der do ist über ein ieglichen namen erste deutsche bibel Philipp. 2, 9; by dem heiligen ... sacrament des fronlichnams Christi musz ... wichen alle vernunft, wenn er ist über die vernunft Kaisersberg bilger. 20b; Lucifer wolt got gleich sein, aber bapst will über gott sein Hutten 5, 394; das das volkummen on masz und an end und zal edler und pesser ist uber alle unvolkommen theologia deutsch 16; schön gelbe farb aufs leder und kupfer zumachen, ist keyn besser ding über die rindsgalle Sebiz feldbau 130; die lilge habe einen geruch ... über bisam Lohenstein Arminius 1, 432a; es ist nichts über guten muth Schottel 1123; es war eine dünne, karge gestalt, etwas über die gewöhnlichen länge Bode Yoricks empfinds. reise 1, 10; so weit das leben über das gemählde ist, so weit ist der dichter hier über den mahler Lessing 9, 89; es ist über alle begriffe was dieser mann (Aristoteles) erblickte, sah, schaute Göthe IV 42, 104 Weim.; er hielt dafür, man könne sich vertheidigen ..., aber dasz man ... zu einem angriff schreiten solle, das war über seine vorstellung Ranke 3, 30. sprichwörtlich: gut freundt sind über silber und über gold Franck sprüchwörter (1545) 1, 9a; recht thun ist über hübsch Kirchhofer schweiz. sprüchw. 152;

[Bd. 23, Sp. 104]


weise leute sich ergetzen
an der tugend treffligkeit,
die sie über perlen schätzen
Wasserhuhn kauffenster (1644) 5;

wie jäger über falckner seyn,
als übertrifft der hirsch ein schwein
Duez nomencl. (1652) 198;

sein nam war über waffen,
war über lange spiesz
Ditfurth volkslieder 18;

dasz ich was tragen sol,
was über meine macht
Neumark musik.-poet. lustw. 1, 139;

das leben so ich führ, ist wie der wahre tod,
ja über den tod selbs ist mein trostloses leben
Weckherlin 2, 342.


c) es entwickelt sich die vorstellung einer socialen überordnung, eines machteinflusses (s. o. 6): der iünger sey nit über den meister: noch der knecht über sein herren erste deutsche bibel Matth. 10, 24 (vgl. nist iungiro ubar meistar noh scalc ubar sînan hêrron, non est discipulus super magistrum neque servus super dominum suum Tatian 44, 16); der herr ist ... hoch über alle völcker psalm 99, 2; ein bischof ist freylich über einen probst nach der kirchen ordnung Luther 26, 567 Weim.; ja sagen sie, die kirche ist über das euangelion 565 Weim.; aber einer ist allein allmechtig unnd unauszsprechlich grosz, der ist über die andern alle, der regiert und herrschet Mathesius Sarepta 39b; erstlich glaube ich, dasz ein gott sei, so ein allmächtig, ewig wesen ist, ... und über alle dinge ist Schweinichen denkwürd. 1; regeln sofern keine über sie sind, von denen sie abgeleitet werden können Kant 3, 224;

(Lucifer:) solt Christus sitzen über mich,
das wer ein schand mir ewiglich
Krüger v. d. anfang u. ende d. welt B 4a;

er (Christus) ward in einen stall verwiesen zu den tieren,
der über alles ist
Fleming gedichte 1, 17;

so lag ich, rings umströmt mit wonne,
als wär ich über welt und tod
Kretschmann 2, 237.


d) ganz verdunkelt ist die locale beziehung durch die comparativische in wendungen wie jemanden loben, grüszen, rühmen usw. über einen anderen z. b.: und der do lieb hat den sun oder die tochter über mich der ist nit mein wirdig erste deutsche bibel Matth. 10, 37 (vgl. thie thâr minnôt sun oder tohter ubar mich nist hêr mîn uuirdîg, qui amat filium aut filiam super me Tatian 44, 23); gibe mir heut verstentnusz, mein sünd zu beklagen vor deinem götlichen anplick, das sy mir hie abgewäschen und ich über den schnee geweiszet werde Eybe deutsche schr. 2, 146; du hast mich über meyne feynd weisze macht Luther 8, 196 Weim.; sy ist schöner als die son, sy leuchtet über die sternen und der tag ist jr nüts zu vergleychen Zürcher bibel (1531) Sap. 7e; sye habent jre angesichter verhertet über eynen steyn Hutten 2, 128; opsbeum, winter und summer zeit ainer über den andern tragende Schaidenreiszer Odyssea (1537) 27b; die priester pflegen über die andern des wollusts Franck weltbuch 188a; alle meine voreltern und nachkommen sind betrogen durch den unseligen Alektryo, den wir über menschen und vieh hoch geachtet haben! Brentano 5, 55;

dein brot gemengt ausz schwartzen kleyen
sollt' über manna mir gedeyen
Stieler geharnschte Venus 23, neudr.;

liebstu gott über dich, den nächsten wie dein leben,
was sonst ist, unter dir: so liebstu recht und eben
Silesius wandersmann 5, 201;

darum rühme mir nicht die väter über die söhne!
Bürger 1, 218 Bohtz.


e) ganz allgem. in verbindung mit abstracta, zahlwörtern und pronomina, auf die sich wesentlich der heutige gebrauch einschränkt.
α) über macht, vermögen, erwartung, hoffnung u. dgl.: item 2 m. und 16 scot vor oberige erbeit, die her gethon hat obir syn gedinge, Marienburger treszlerb. 47, 16; entblösz dich alles zitliches gutz, was du über die notturft hast Kaisersberg bilgersch. 58a; und wie er das (brot) über macht essen müst und darzu gschlagen wart Eulenspiegel 10 neudr.; da sich eines über sein stand und

[Bd. 23, Sp. 105]


vermögen ... schmücket Mathesius Sarepta 99b; weyl er ..., wegen widerwertigen winds über zuversicht lenger aufs geschütz warten müssen Stumpf Schwytzerchron. 286a; und über not soll niemandt genöt werden, weder zutrincken noch zu essen Paracelsus chirurg. bücher 486c; so bald mich die räuber ansichtig wurden, verlieszen sie ihre beute, und liefen über macht dem nahen gebüsche zu Lessing 1, 378; selbst über mein erwarten bin ich hier bekannt Göthe IV 8, 84 Weim.; ich zweifle nicht, dasz mich der fürst weit über verdienst schätzt Pückler briefwechsel 1, 98; auf dem criminalgericht (hatte ich) das protokoll zu führen, wozu ich von dem rathe über die gebühr herangezogen wurde Bismarck gedank. u. erinn. 1, 24 volksausg.;

es muesz oft ye ainer än pissn über not essn,
wil er anderst nit wern zu schand Sterzinger spiele 17, 592;

so nim was keiser maiestat
von hundert nach gelassen hat,
und zwing ja niemandts über pflicht
Ringwalt lauter warheit 26;

du vater wirst mich doch nicht über kräfte quälen
Günther 707;

nein, sprach sein herz, kehr in das thal zurück;
du steigst sonst über dein vermögen
Gellert 1, 195.


sprichwörtlich: über den durst trinken: im leben hatte Peter auch keinen fleck, auszer dasz er zuweilen ein gläschen übern durst trank Hippel lebensläufe 3, 1, 390; von heute an trinke ich keinen tropfen mehr über den durst Auerbach schr. 8, 152;

im fall er über durst hat einen trunk gethan
Rachel satyr. ged. 38 neudr.


β) über die masz, immodice Emmelius Nn 7a; supra modum Megiserus Oo 6; intemperanter Calepinus (1731) 1, 480a; eccessivamente Hulsius 143a; mehr als gnug Schönsleder prompt. Mm 7a; auch über die maszen Kramer (1678) 1066b. neben prägnantem gebrauch häufig zum steigerungsadverb abgeschwächt: wann wir seint beschwert über die masz und über die kraft also dasz uns ioch verdrosz zeleben erste deutsche bibel 2 Corinth. 1, 8; über masz und natur trincken Scheit Grobianus 5 neudr., wann die spatzen über die masz sehr spräien oder schreien Sebiz feldbau 43; ich euwer dienst gar über die masz fro gewesen Wickram 2, 64, 17; es ist über die masz trostlich und dem todt eyn grosser trotz gepotten, dasz die himel offen stehen Luther 101, 1, 267 Weim.; des burgermeisters haus zu Antorff, neugebauet, über die masz grosz Dürer tagebuch 52; frolocket er über die maszen sehr Boltz Terenz deutsch 11a; und wirt über die maszen durstig Heyden Plinius vorrede 2b; der verstand ... dieses ... hertzogs hat uns über die maaszen wohlgefallen schausp. engl. comöd. 80, 27 Creizenach; denn die goldschmiede lobten die arbeit über die maszen Göthe 43, 75, 25 Weim.;

ja, gott sey lob über die masz!
Hans Sachs 8, 156, 4 Keller;

der schultz fiel in ein kranckheit grosz
und ward geplaget über masz
Krüger von den bäurischen richtern 64;

das sollte mich wundern übermaszen
Grün 4, 65.


γ) temporal: über die zeit ausbleiben Wickram 1, 315, 16; nachdem ihm der juncker ... eingeschärft hatte, keinen augenblick über den gesetzten termin auszubleiben Pfeffel pros. vers. 1, 155; die ausbeut ... hat weit über menschen gedenken gewähret Agricola bergwerckbuch (1621) 3; die von Schwitz bewisetend dasz si und die vordern über menschen gedächtnusz sölcher ... landsmarchen in stäter besitzung gewesen Tschudi chron. Helvet. 1, 51;

wie lang ist auszen unser sun,
über die zeyt im fürgestellt!
Hans Sachs 1, 154 Keller.


δ) in verbindung mit alle, alles, vorwiegend bei abstr.: die (frau) in lieb het über alle manne Arigo decam. 81, 10 Keller; und der künig gewann Esther lieb über alle weyber Zürcher bibel (1531) Esth. 2c; hastu got nit lieb über alle ding Kaisersberg bilgersch. B 5b; mich hatte der himelsche vatter über alle lypliche creatur

[Bd. 23, Sp. 106]


gezieret der ewigen wiszheit betbüchlin 9b; zucht zieret über alle ding einen geistlichen menschen Kaisersberg baum d. seligkeit 37a; diese weise ist über alle mas Luther 26, 329 Weim.; herre du ... weist das mein lyden über alle masz ist, es ist über alle meine kraft der ewigen wiszheit betbüchlin 30b; Axel kam dieses beginnen über alle masse wunderlich vor Bucholtz Herkuliskus 20; über alle hoffnung schnell und ruhig bestieg ihn (den thron) Matthias Schiller 8, 59; madame Szymanowska, aus Warschau, pianospielerin über alle begriffe, anmuthig über allen preis Göthe IV 37, 259 f. Weim.; ich liebte sie ganz über alles maasz Tieck schriften 4, 162; sie haben mir vollends über allen zweifel klar gemacht, was ich schon dort zu fühlen glaubte Fr. Schlegel 6, 24;

du edles kleinot du, daran ich mich ergetze,
und über alles gut mich reich und selig schätze
Rachel satyr. gedichte 21 neudr.;

solt uns gott nun können hassen
der uns gibt,
was er liebt
über alle massen?
P. Gerhardt in Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 330a;

Adam ist geehret über alles, was da lebt Jes. Sirach 49, 20; über alles aber ist besser, dasz man vorbereyte leimechte erd, oder granatenbletter Herr feldbau (1551) 48b; seinem schöpfer über alles zu gehorchen Gellert 7, 274; wir sehen daraus, dasz die menschen den beharrenden willen über alles zu schätzen wissen Göthe 46, 33, 1 Weim.; besonders thaten die gewölbe und keller, über alles aber die nächtlichen zigeunerscenen ... eine ganz unglaubliche wirkung 21, 198, 19 Weim.; neun kinder, die sie über alles liebte Keller 6, 151.
ε) über drey, mer dan drey, super tres Maaler 441d; über 50 mal, supra quinquies Schönsleder (1632) Hh 6d; über drey tage nicht zu Rom bleiben, plus triduo Romae non manere Hederich (1729) 2396; das sich über zwo tausent malen bei unsern zeiten begeben hat Arigo decam. 628, 22 Keller; das ich so ein heiliger münch gewest bin und mit so viel messen über 15 iarlang meinen lieben herrn so grewlich erzürnet, gemartert und geplagt habe Luther 26, 508 Weim.; dasz man kein recht handel ... über ein jar umbziehe Eberlin v. Günzburg 1, 13 neudr.; und hett damahlen nit über 32 pferd bey mir Berlichingen lebensbeschr. 67; allain im hertzogthumb Wirtenberg, über vierhundert menschen, sich zu tod gesoffen Nas das antipap. eins und hundert 2, A 5b; denn damal sind ... über 140 studenten allda gewesen Schweinichen denkwürd. 22; wie das meer ... keinen todten leichnam über einen natürlichen tag in sich leiden kan Paracelsus opera 2, 526; hatten federn über 2 fusz lang an ihren flügeln Prätorius winterflucht vortrab A 5a; von seinem ursprung, ist über anderthalb tausend jahr her, viel dings ... geschrieben worden Birken Donaustrand 2; sie druckte mir wohl über 100 mal die fäuste Reuter Schelmuffsky 18 neudr.; es wird nicht mehr über eine halbe stunde anstehen Cronegk 1, 26; über zwey hundert wachskerzen brannten Göthe IV 8, 65 Weim.; ich habe über ein dutzend (zeichnungen) angefangen IV 8, 183 Weim.
mit bestimmtem artikel: über die vier und zweintzig jar Xylander Polybius titel; anno 1536 auf Marien-Magdalenentag huben die speicher an zu brennen und brandten über die 340 speicher bei s. Barbaren ab Hennenberger 95; wie denn auch allein, ... zu unterhaltung des ... regiments mit darreichung der liefergelder, unterhalt, bezahlung ... das arme land ... über die siebenmahl hundert tausend ... gelten und spendiren müszen acta publica 1, 79 Palm; er (hat) seinem sohn über die zweyhundert sestertia jährliches einkommens verlassen engl. com. u. trag. (1624) A 3a; endlich bleibt der leib über die helfte bedeckt Weise pol. redner vorr.; fülle ein fäszlein oder krug mit gutem firnen wein, etwas übers halb Bock 425a; vgl. dagegen: der almanach ist über halb fertig Boie an Bürger 1, 133 Strodtmann; einer, der mehr zusaget, als er thun kan, ist ein groszsprecher. mich wird ein solcher über einmahl nicht betrügen Butschky Pathm. (1677) 877;

freundschaft mit der boszheit schaar
währet selten übers iahr
Lassenius (1669) 144.

[Bd. 23, Sp. 107]



14) ungeachtet, trotz, gegen, wider, bei abstracten. wie der comparativische gebrauch aus über — hinaus, jenseits von u. s. w., sich entwickelnd. über danc, willen = gegen willen, mhd. allgemein, vgl. mhd. wb. 1, 353a;

wan er in der kirchen stanch
über aller unser danch ring 7b, 40.


a) über willen u. ä. im älteren nhd.: essen und trinken über willen Wickram 6, 62; es ist kein ding so leicht, das nit schwer seye wens über willen geschicht Boltz Terenz deutsch 80b. mit pers. oder poss. pron.: so hat craft des winds mich und min biwoner über unser willen, und streng weer, har getribn Riederer rhetoric l 2b; wenn du ... denn über dins hertzen willen must sterben Kaisersberg bilgersch. 36c; dann niemandts soll über seinen willen zu heuraten gedrungen werden statutenbuch 134b; also must der pfaff Ulenspiegel über seinen willen urlaub geben Eulenspiegel 17 neudr.; aber der leydige teufel, der unruhige geist, da er über seinen danck die christen mit verfolgung muszte zu frieden lassen, erreget er ... spaltung Mathesius Sarepta 86b; dann gott überwindt unsere feind in dem, dasz sie uns müssen über ihren willen guts thun Paracelsus opera 1, 110a. landschaftlich noch gebraucht, vgl. Lexer kärnt. wb. 245. ähnlich: die liebkosungen, so ich ihm erweisen müssen, sind mir ja so sehr übers hertz gegangen, als euch andern A. U. v. Braunschweig Octavia 3, 9.

und was sie mit dem könig redt,
sie als samb über das hertz thet
Hans Sachs 12, 412 Keller.


b) bei anderen abstracten in der prosa, besonders im gelehrten- und canzleistil des 16. u. 17. jahrhunderts allgemein: über die regel, enormiter Diefenbach gloss. 203a; misgewächs (ist) alles das über die natürliche ordnung wachst Frisius dict. 64a; wie die geurteylt wurden die sich des gutes underwanden über das verbot das in gegeben ward überschr. b. Kob. in erste deutsche bibel 4, 445; do rait der ... hertzog ... one alles urloub ... von der statt zu Costentz, über den aid, so er gesworen hett Richental chron. d. Constanzer conzils 89; bedrügt euch nun euwer begierigkeit, und thun über mein warnung, das ist mein schuldt nit Eulenspiegel (1515) 143 neudr.; keyser Carle ... sie über vilfaltigs erbieten zu keynen gnaden annemen wolt Aymon (1535) a 1a; hie spricht Demea über sein gewonheit den Oetam freüntlichen an Boltz Terenz deutsch 107a; so seind uns die öbern Reynländer ... lange zeyt fast widerwertig geweszt, ... also das wir derselben auch über grosze müh, arbeyt und fleysz, in solich unser gehorsam nit haben bringen künden Schwarzenberg büchlein v. zutrinken 16 neudr.; er (Christus) ist euch frey geschickt umb sunst, nicht allain on verdienst, sonder auch über bösen verdienst Luther 12, 465, 31 Weim.; ob auch einem priester über sein gelübd zufreyen gezyme? 23, 456 Weim.; will aber eins über solichs unser erbietung in dem kloster sein, wellen wir in nit mit gewalt härusz ziehen Eberlin v. Günzburg 1, 140 neudr.; sie wöllen alles was der dolle pöfel über den vertrag gebrochen hab, doppel zalen Seb. Franck chron. Germ. 116b; wie er wieder und über alle recht und billigkeit ... nieder geworfen wäre worden Berlichingen lebensbeschr. 77; dasz über allen angewandten fleisz nichts anders zu verrichten gewest Ayrer proc. 1, 5; aber Guido ward verräterlich über allen friden gefangen Stumpf Schwytzerchron. 96a; die juden, die über alle erkandtnusz, zeichen und werck ... Christum verspotteten Paracelsus opera 2, 459; als ... Johann Husz und ... Hieronymus von Prag ... zu Costnitz über gegeben käyserliches glayt zum todt verdampt ... worden postreuter (1620) 34; Adam, welcher hart angehalten ward, um rechnung zu geben wegen eines apfels, den er über das verbott gottes angegriffen Moscherosch ges. (1650) 1, 300; do nun die dry chur-fürsten ... vernamend, dasz der ertz-bischof von Cölln über ir protestierung Richardum gekrönt hat, verdrosz es sie ser Tschudi chron. Helvet. 1, 154;

wer andre leute schmeht,
hat oftmals über hoffen
wies in gemein den spöttern geht
sich selber recht getroffen
Neumark lustwäldchen (1652) 46.

[Bd. 23, Sp. 108]



im 19. jahrh. schränkt sich dieser gebrauch auf wenige redensarten ein wie über erwarten, vermuthen u. dgl., wo sich ü. der comparativischen function nähert: dieses gelang ihm über vermuthen Seb. Nothanker 3, 118; alles gedieh über erwarten Tieck 4, 383; ich habe Elisen über erwartung gut gefunden Droste-Hülshoff briefe 99; und so war der eine theil jener beschlüsse ... über erwarten glücklich ausgeführt Ranke 2, 112.
15) praeter, aus derselben localen bedeutung von über — hinaus erwachsen wie die comparativische function:
a) ein jeglicher, der do lesst sein weip und fürt ein andre über sie erste deutsche bibel Marc. 10, 11; über den schaden auch spot und schmach leyden müssen Luther 12, 224, 6 Weim.; der helfant hat über die zwen vorgehende zän noch vier andere stockzän Heyden Plinius 103; über die fünf laut oder stimmen (a, e, i, o, u) hört man in der teutschen rede fast noch drei laute Ickelsamer gramm. A 6b; die Druiden pflegten über die natürliche wissenschaft auch von guten sitten zu unterrichten Opitz poeterei 17; so ist zu wissen, dasz über gedachte geometrische kurtzweile, die leute auch damit eine arithmetische also haben Prätorius anthrop. plut. 1, 7; er hat mir über meinen lohn noch einen kahlen ducaten benebenst einem kleyde gegeben pedant. irrthum (1673) 204; über die grossen mittel, die man dabey (im kriege) erwirbet, hat man auch die lust, dasz man seine tugenden mit ... ruhm begleitet siehet Butschky Pathmos (1677) 47; wenn über andere nicht schlechte ursachen auch die kürtze der zeit mich hieran nicht verhindert hätte Rist friedewünschendes Teutschland 28; es hat ... doct. Martinus Luther ... über alle unaussprechliche wohlthaten und gaben, die er uns Deutschen, mit gottes hülfe, erzeiget und gethan hat, auch unser muttersprache sehr schön polirt und geschmückt quelle bei Teller 1, 283; ihre werthe sendung hat ... über den schätzbaren gehalt mich auch noch ihres fortdauernden andenkens versichert Göthe IV 29, 153, 24 Weim.
b) wie der comparativische gebrauch, so ist auch über = praeter heute nur noch eingeschränkt in übung; vorzüglich in der stellung vor pronomina, z. b.: über das, über alles das, über dieses, über dies.
α) über das, tum, praeterea Dasypodius dict. Niiij; noch weiter darzu Emmelius Nn 7a; insuper Garthius 379a; quinetiam, porro Frisius dict. 147b; Schönsleder Hh 7a; schon mhd. (vgl. z. b. deutsche städtechron. 1, 162 a. 1385). in adverbieller verwendung aus der neueren sprache durch überdies (s. u.) grösztentheils verdrängt: über das hat sie vil nüwer stet gebuwen Stainhöwel de claris mulieribus 27, 12; got hat uns geben unser fünf sinn ... aber über das so hat got dem menschen die vernunft geben Kaisersberg brösamlin 2, 65d; darneben hat er mir in diesem gebirge ... gute und bestendige freunde ... gegeben, über das ein bequeme und lustige wonung Mathesius Sarepta vorrede 4a; dasz wir das wenig ... genau zusammenhalten ... und über das aus ... unserer eignen hand-arbeit so viel erübrigen, dasz wir davon zurück legen könten Grimmelshausen vogelnest 336, 10 Keller; und über das habend wir inen noch X pfund von dem zechenden ... vergunet Tschudi chron. Helvet. 1, 23;

auch über das secht ir darbey,
wo herrschaft seins gewalts miszbraucht,
wie plötzlich sie zu grunde haucht
Hans Sachs 2, 20 Keller.


beachtenswerth ist der conjunctionale gebrauch vor daszsätzen. neben über das, dasz findet sich im 16. jahrh. auch über das allein in der bedeutung 'auszerdem dasz', 'abgesehen davon dasz', vgl.: aber ich erkenn in, und über das, dasz ich erkenn, so halt ich dozu seine gebot Kaisersberg postill 2, 101a; wer aber auf menschen trawet, über das, dasz er nichtes findet, verleuret er auch das, das er drauf gewand hat Luther 19, 579 Weim. dagegen: aber Christus, über das er uns mit dem wort des euangelii redt und trost, gibt er auch kraft dazu, dasz wirs gleuben 19, 157 Weim.; aber die ketzer über das sie eins bosen lebens, sint sie auch so verstockt und verblendet, dasz sie ... Emser glosse z. Matth. 13, 13.
β) über das alles: got ist nit allain warhafftig in seinen verhaiszungen ... aber über das alles ist er auch

[Bd. 23, Sp. 109]


volkommen und überflüszig in seinen laistungen Kaisersberg pred. 98b; über das alles haben sie auch die leute des überredt, dasz ... ad haec persuaserunt hominibus Augsb. confess. 2, 6 (27); da nun hier ... das rechnen angerathen wird, und da es ausdrücklich heiszt ..., und über das alles, da die geschichte ... die ... wahrheit dieses systems ... besiegelt, so liegt der schlüssel ganz zuverlässig in dieser stelle Jung-Stilling 3, 11.
γ) über dieses, praeterea, insuper Stoer (1650) 495b; praeter hoc, praeterea Frisch lat. wb. (1741) 398a; über dieses, da solche autores vielleicht klüger und geschickter sind als du und ich, so werden sie ... Schnabel insel Felsenburg vorrede 5, 16; über dieses war es (das land) auch durch den krieg ganz erschöpft Gellert 4, 240; über dieses würde man sich mit recht wundern Kant 8, 292. häufiger in der form über dies: Garthius 633a; s. u. überdies. ungewöhnlich: damit ich dennoch das auge auf den niedrigern und zugleich grössern haufen richte, so gebe man, über obiges, achtung, wie sehr es unsern landsleuten an einem freyen geist mangel Bodmer v. d. wunderbaren 5.
16) temporal: schon ahd. und mhd. allgemein, vgl. Graff 1, 86 f.; mhd. wb. 3, 171af.; z. b.: ufar zuêna daga post biduum Gallée 350;

dô sprach der künec Gunther: über dise siben naht
sô künde ich iu mære, wes ich mich hân bedâht
mit den mînen friunden. die wîle sult ir gân
in iuwer herberge und sult vil guote ruowe hân Nib. 1450.


da der temporale gebrauch aus der comparativischen verwendung erwuchs, auch ante, doch seltener, vgl. Lexer kärnt. wb. 245 f.; Schuermanns 444a. vgl. auch:

drome sint so wâr
als se waren over hundert jâr
Tunnicius 451 Hoffmann;

nach ihnen gibt es über einen zustand der welt immer einen noch älteren Kant 2, 378.
a) post: so er über vil wuchen genesen was Suso 40, 24. vor zahlwörtern: er ... kam über eyn iar hin wider summerteil d. heyligen leben (1472) 6b; also schickt es sich über fier tag, das der meister eins abents müd was Eulenspiegel 76 neudr.; über ein jar, da stiesz er auch dissen darvon, und macht Simonen ... zum bischof Hedio chron. Germ. (1530) A VIb; über ain jar wirstu zwai kindlin gepären Schaidenreiszer Odyssea (1537) 47b; ich wil gern sehen, wo man über drey iar wolle pfarher, schulmeister, küster nemen? Luther 302, 550 Weim.; und etwan über zwo stundt ... der todtengräber mit seinem karren für das würtshaws gefaren kam Lindener rastbüchlein 20; und kam ungefehr über eine stund oder anderhalbe zu einen dorf Grimmelshausen vogelnest 406, 28 Keller;

wilt nachkommen deiner zusag,
so hilf ich dir ausz aremut
doch das du über zehen jar
denn wöllest gar mein eigen sein
Hans Sachs 19, 48, 17 Keller-Götze;

ein theil geht bey der nacht, wil ausz den sternen sehn,
was über fünfzig jahr und ferner sol geschehn
Rachel satyr. ged. 69 neudr.


über jahr = in jahresfrist Avé-Lallemant gaunerthum 1, 173. im heutigen gebrauch so viel, als wenn ein jahr herum ist, von jetzt in einem jahr Crecelius 2, 831.
übers jahr = nächstes jahr:

gott bscher ein gans auch übers jahr
W. Spangenberg dichtungen 51;

doch werdet übers jahr ihr ihn (den segen) mit mulden messen
Hoffmannswaldau u. a. deutschen ged. 5, 72;

damit sie uns die tonne
versprechen über's jahr
Rückert 1, 197;

auch dieses bleiben wir euch bis über's jahr schuldig Göthe 24, 256, 2 Weim.; sie sollt hängen bleiben ... bis übers jahr Bettine dies buch gehört d. könig 1, 48.
α) ganz allgemein bei zeitangaben wie: es ist ein viertel über zehn, 't is a quarter past ten Ludwig teutsch-engl. wb. 1781. oder mit angabe des ausgangspunktes: heut über acht, morgen über vierzehn tage Adelung lehrg. d. deutsch. sprache 2, 173. schon mhd.:

[Bd. 23, Sp. 110]


hêr Gâwân lobt mir her fürwâr,
daz ir von hiute über ein jâr
mir ze gegenrede stêt Parzival 418, 10;

heute über vierzehn tage will ich wieder zu ihm gehen Ludwig teutsch-engl. wb. 1781; von heut über drei tage Arigo decam. 319, 22 Keller; montag über acht tage wird das trauerspiel ... aufgeführt Göthe IV 8, 122 Weim.; für ihre drohung werde ich ihnen rede stehen — heut' über acht tage, hinter Kulmdorf, auf der gränze erzähler d. 18. jh. 151;

von heute über vierzehen tag
so kumpt herwider mit euren sprüchen fastnachtspiele 772, 21;

auf dasz man hochzeyt halten mag
von heut über vierzehen tag!
Hans Sachs 2, 44, 7 Keller.


mit variierter wortfolge:

wann ich selb zurück dir kehre
über heut in vierzehn tagen!
Rückert 1, 425.


β) bei allgemeinen zeitbestimmungen in der älteren sprache häufiger als in der neueren, die den gebrauch auf einzelne redensarten einschränkt: über etliche tage wurden sie zu gedachtem stadtrichter wieder zu gast gebeten erznarren 202 neudr.; über eine lange zeit kam der herr dieser knechte (post multum vero temporis) Matth. 25, 19; er het ein benügen gehabt daran, dasz in gott überweisz wie lange erst zu im in seyn rich het gelassen Kaisersberg bilgersch. 30c; über etlich zeitlang haben sie den Römern ... ein schlacht abgewunnen Xylander Polybius 82;

aber über ain zeyt schier
wirstu sicherlich nach volgen mir altdeutsche passionssp. 39 Wackernell;

aber über ein lange zeyt
hat gott durch sein barmhertzigkeyt
erwecket den heiligen sam
Hans Sachs 1, 51 Keller.


über lang, praeteritum et futurum tempus significat Dasypodius dict. Niiij; du würst mir noch über lang meines rahts dancken Wickram 1, 290, 5; jederman schwig still, überlang fieng an Echineus Schaidenreiszer Odyssea (1537) 27b; dieselbig mag nachfolgends kommen zu den Griechen über lang Paracelsus chirurg. bücher 171a. schon mhd. z. b.:

die fraw da hinder sich saig
ir hertz stiesz, ir mund schwaig
der kalt schwaisz ir usz drang.
seüftzent sprach sy über lang
Hätzlerin liederbuch 126;

über kurtz richtet er sich wider auf Schaidenreiszer Odyssea (1537) 38a; er wuste wol, das ime sin ende nahen solte über unlanc historienbibeln 697 Merzdorf;

do kamen si niht über lanc (in kürze)
in dem forste an ein gras Tristan als mönch 756.

alle diese fügungen sind heute nicht mehr üblich. erhalten dagegen hat sich: über kurz oder lang = früher oder später: wenn sölich lüte in die grafschaft ... koment und den selben lüten über kurtz oder über lang ein herr nachjaget quelle (um 1500) bei Grimm weisth. 1, 21; wo aber ich dahin über kurtz oder lang kummen solt, ich ewigklichen klagen müszt Wickram 1, 23, 30; das musz herunder, es geschehe über kurtze oder über lang Agricola 750 teutscher sprichwörter D 5b; es geschehe über kurtz oder über lang Mathesius Sarepta 286a; vielleicht lassen wir alle über kurz oder lang uns wieder die zöpfe wachsen E. Th. A. Hoffmann 5, 86; man sah auf alle barbaren hinab, uneingedenk, dasz kräftiges leben ... über kurz oder lang preiswürdiges hervorbringen musz Raumer gesch. d. Hohenst. 1, 6; sintemahl disz buch aller bücher, die heilige schrift, solche kraft und würckung hat, dasz einen, der sie lieset ... über kurtz über lang ein heiliger schrecken überfällt Besser schrift. (1732) 1, 120; dasz sie (seine aufführung) ihn über lang oder kurz ins verderben stürzen werde Joh. E. Schlegel 3, 459. gebräuchlich blieb auch: über eine kleine weile, na een kleinen tyd Kramer hochniederd. wb. (1719) 217c, und über eine weile, shortly after, a short time after Hilpert 634a; später, nachher, dann Spiesz 261; über ein kleine weyle (er) wider zu im

[Bd. 23, Sp. 111]


selbes kame Arigo decam. 89, 12 Keller; wie oft ist ainer bey uns in sterbsleuften über ain gute weil, erst der onmächte entsetzt worden Nas das antipap. eins und hundert 2, 226a; als wir nun also hielten, kommt über ein klein weilen mein guther Göz von Thüngen Berlichingen lebensbeschr. 47; über eine weile kamen si zu einem kleinen, flachen wässerlein Stifter 3, 88. als veraltet dagegen wird bereits das noch im 18. jahrh. übliche über ein kleines empfunden Adelung lehrg. 2, 34; unter den gegenwärtigen umständen musz man immer drüben als gast erscheinen und über ein kleines, che die menschen ihre unarten herauskehren, wieder verschwunden seyn Göthe IV 31, 155, 8 Weim.
b) häufig hilft ein zeitadverb die präp. über in der bedeutung post gegen über = während abgrenzen: über ein weil darnach, bald über eine zeit, interiecto deinde tempore Apherdianus meth. discendi 277. schon mhd.:

der nâch über unlanch stunt,
sô wart Dario chunt Vorauer Alex. 122, 1019;

darnach über unlang Tristrant (prosa) 119, 6; über wenig zeit hernach haben sich viel gelährte Griechen in Italien begeben Opitz 1 vorrede 6b; die dar nach über etliche jare der hochgelert poeta ... tett beschriben Wyle translationen 13, 18 Keller; darnach über etliche zeit ziehen sie solche stück herfür aus der erden Sebiz feldbau 13; was wir heute für gut halten, das kan über eine kleine zeit hernach schädlich sein Butschky Pathmos 276.
c) distributiv: über den anderen tag, every other day, every second day Hilpert (1845) 634a; kem ein kleines fögelein ie über hundert tausent iar der ewigen wiszheit betbüchlin 26b; und widerholet solches allzeit über drei stunden widerumb Sebiz feldbau 79; insonderheit aber erzeigen sie (die Augsburgischen) solche freundlichkeit gegen den frembden, und gelehrten, welche sie dann fast immer, und je über das zwey oder dritte wort, herren zu nennen pflegen Mäynhincklers sack (1612) Biiijb; die Lacedemonier brauchen (den wein) aller erst über vier jar Herr feldbau 100b; (die löwen) essen gemeiniglich über den andern tag Heyden Plinius (1584) 103; wiewol er (der arzt) sovil mit seim garten zu thun hat, das er uns imer ein tag übersicht und über den andern kumpt Paumgartner briefwechsel 105; meine eigene gesundheit hat bis jetzt gottlob nicht gelitten, ob ich gleich eine nacht über die andere bei meiner frau wache Schiller br. 6, 105; Follmann lothr. ma. 262a;

noch wäschet sie sich nicht, als etwan übers jahr
wenn sie geliegen musz und nunmehr die gefahr
und last hat abgethan
Rachel satyr. ged. 17.


d) zur tageszeitbestimmung bis in die gegenwart allgemein üblich: über die mitnacht, nocte super media Maaler (1561) 441c; es ist schon über mittag, 't is al boven middag Kramer hochniederd. wb. (1719) 217b; ein klein über vesper er verschiede Arigo decam. 27, 16 Keller; zwey stunden über mittag Schnabel ins. Felsenbg. 151, 34; also lag das betrübte heer bis über mittentag buch der liebe 82b;

es was wit über den mitten tag,
die figend beschowt er gar balde
Liliencron volkslieder 207, 41;

ey, wie so spät! es ist fern über mitternacht
Gryphius trauersp. 93.


e) vor abstracten und concreten in freier verwendung nur im älteren nhd.: und über alle dise ding ist heut der drit tag et nunc super haec omnia tertia dies hodie erste deutsche bibel Lucas 24, 21 (vgl.: uuir uuântumês thaz her uuâri arlôsenti Israhêl, inti nu ubar thisiu alliu thritto tag ist Tatian); über sölche rede Barnaba antwort und sprach Arigo decam. 143, 33 Keller; dasz ein ander und ewiges leben über diesz arme elende leben sey Luther tischr. 1, 6; es ward nie keiner so böse, es kam noch ein böser über ihn 302, 161 Weim.; der (rechnungsposten) also ouch zurucke obir 2 blat geschreben stat handelsrechn. d. deutschen ordens 466, 24.
f) der freie gebrauch von über = post, ist schon im 17. jahrhundert selten und heute veraltet. ganz allgemein dagegen erhielt sich die verwendung vor ander mit bestimmtem artikel: er hat mir dancket in eim brief über den anderen Frisius dict. 73; ein todschlag über den

[Bd. 23, Sp. 112]


anderen thun, caedem caede accumulare Maaler 441c; eine schuld über die andere machen, assomar' i debiti Kramer (1678) 1066a; ein unglück kommt über das andere, one mischief comes in the neck of an other Ludwig teutschengl. wb. 1781; die jungen herren so zu hoff waren, fingend an allerhand kurtzweil zu triben, einen schimpf und kurtzweil über den andren Wickram 2, 92, 23; wann jemands tödtlich gift hett eingenommen, demselben soll man oft, je eins über das ander, baum-öly ... zu drincken geben Bock kreuterbuch 428b; las sie in eine sünde über die andern fallen psalm 69. 28; man richt ain beschwerd über die andern auf uns Eberlin v. Günzburg 3, 269 neudr.; do macht der pabst ein concilium über das ander Judas Nazarei 32; wir hetten es wol vordinet, das gott ein frembd volck über das ander, über uns deutsche rein füret Musculus hosenteuffel 18 neudr.; Swantepol ... schickte einen boten über den andern Schütz hist. rer. Prussic. (1592) 1, D 3b; der pabst liesz ein bann über den anderen ausgehen Stumpf Schwytzerchron. 92b; ein kaufmann soff einen rausch über den andern Weise erznarren 205 neudr.; Felix erzählte ihm ein mährchen über das andere Göthe 24, 62, 9 Weim.; und trank ein glas übers andre Arnim 7, 206; erlitten die Römer wiederum eine niederlage über die andere Mommsen röm. gesch. 2, 11.
einmal über das andere = wiederholt, bisweilen mit dem nebensinn 'allzu oft' oder 'in rascher reihenfolge'. auch mundartlich, vgl. Follmann lothr. ma. 261b; grosze Latona, rief er einmahl übers andre aus, in was für zeiten leben wir! Wieland 20, 275; Giacinta ... versicherte dem Giglio ein mal über das andere, dasz sie durchaus nicht in übermäszigen stolz verfallen E. Th. A. Hoffmann 11, 69; die kleine Marie rief einmal über das andre: ich will immer bei euch bleiben Tieck schrift. 4, 371; lebhaft umherschauend ... verliesz er seinen stuhl ein übers andre mal Mörike 3, 37. variiert: und nun kommt weit und breit die geschichte von Thersites, die hr. Kl. (Klotz) mal über mal für unanständig, unschicklich, erklärt Herder 3, 205;

das alter ist ein höflich mann,
einmal über's andre klopf er an
Göthe 2, 288 Weim.


B. präp. mit dat.:
die verbindung mit dem dat. hat bei weitem nicht den gebrauchsumfang wie die bei acc. (s. o.). in übertragener bedeutung findet sich ubar mit dat. wohl schon ahd. (Jsidor 4, 6: druhtines gheist ist ubar mir), doch bleibt der dat. bei über nicht nur ahd. sondern auch mhd. ganz vereinzelt, für welche zeit das mhd. wb. 3, 170b spärliche belege, hauptsächlich aus dem md., beibringt. vgl. auch:

über dem rouwet allermeist
unsers hêrren minnesamer geist
mit sibenvaltiger gebe Marienlob in Müllenhof-Scherer denkm.3 1, 156.


erst nhd. gewinnt die verwendung beim dativ allmählich an umfang und beschränkt zum theil den gebrauch der präp. ob; in einer reihe von anwendungsmöglichkeiten eroberte sich der dativ sein geltungsgebiet auf kosten des älteren accusativgebrauchs; in übertragenem gebrauche findet sich über häufiger erst seit Luther. die alte regel der grammatiker und lexicographen (über adsciscit dativum in loco, accusativum ad locum, si sermo est Steinbach 2, 886) auf die frage 'wo' den dativ, auf die frage 'wohin' den acc. anzuwenden, ist von anderen präpositionen (in, auf, an) auf über übertragen worden und jederzeit nur eine ganz allgemeine directive gewesen, die vielfach versagt.
1) local, die verticale erhebung anzeigend: oberhalb; über deutet also eigentlich auf den locum superiorem: der stein liegt über dem grabe, tumulus lapide tectus Frisch 2, 398a; über bezeichnet einen stand der ruhe in der höhe, im gegensatze des unter: es liegt über der thür Adelung umst. lehrg. 2, 171; überall nennt man ... oben, was über dem haupte hinaus ist Hebel 2, 3, 30 Behaghel.
a) item 9 fird. vor 1 schog delen das dach obir dem zigiloven zu bessern Marienburg. treszlerbuch 376, 20; da machet gott die feste, und scheidet das wasser unter der festen, von dem wasser über der festen 1 Mos. 1, 7; die bäwm zufällen so der mon über dem erdreich ist Sebiz feldbau 9; dazumahl (bei der schöpfung) war es in

[Bd. 23, Sp. 113]


der tiefe über der erden ganz finster Böhme schrift. (1620) 2, 69; busen ..., ist der theil des leibes über dem magen, Gueintz rechtschreibung (1666) 41; über dem monde ist alles ewig, supra lunam omnia sunt aeterna Hederich (1729) 2396; der actuarius ... hielt seine feder über dem gebrochenen blatte Göthe 21, 72, 2 Weim.; (litterarische tageblätter) sind vielmehr wie menschen, die nur eben das kinn über dem wasser halten Athenäum 1, 143; ein feuer, über welchem ein kessel hing Göthe 40, 11, 21 Weim.; bei dem letzten (gelbroth) sagen sie, sie sähen das gelbe gleichsam über dem roth schweben II 1, 47 Weim.; doch schwebt über ihnen (den briefen) die heiterkeit jenes himmels 46, 14 Weim.; ihr merckt nicht das unglück, das euch über dem haupt schwebet Ludwig teutschengl. wb. 1780; das goldene zeichen über unserem hausthore Brentano 5, 7; steckt mir der bösewicht das haus über dem kopfe an E. Th. A. Hoffmann 10, 591; über dem körbchen war ein weiszes sehr feines tuch gespannt Stifter 5, 1, 120;

wenn, in dem blauen raum verborgen,
hoch über ihm die lerche singt
Göthe 1, 60 Weim.;

und mit der andern hand so über'm auge,
betrachtet' er so prüfend mein gesicht
als wollt' ers zeichnen Shakespeare 3, 192;
noch ist ein gemach,
das, nach westen zu hinausgebaut
auf felsenzacken über'm wasser hängt
Müllner dram. werke 3, 89.


b) auch bei verben der bewegung, wenn keine hinwegbewegung über etwas ausgedrückt werden soll, sondern blosz die lage zu unterhalb befindlichem: als ... sich zum erstenmahl über mir niederliesz die finstre schwarze nacht maler Müller 1, 8; die gebratnen gänse, die enten, hühner, flogen über dem tische, und liefen auf dem tische Klinger werke 3, 79; derweil die ungewitter des öffentlichen rufs unbemerkt hoch über ihm wegstürmten Lenz 3, 97; so viele jahrhunderte auch über diesen völkern hinweggegangen sind, ... so besteht doch im ganzen noch dasselbe staatsgerüste, das ihre voreltern bauten Schiller 9, 227, 31; ein eichkätzchen sprang über ihren köpfen von ast zu ast Storm 1, 9; der erstickt im daunebett des wohllebens das ihm über dem haupt zusammenschlägt Bettine dies buch gehört d. könig 1, 38; dasz das mädchen die hände über dem kopf zusammenschlug Clauren fastnachtball 1, 21; und wenn mir singen, dasz allen fabrikanten de häuser iber'm koppe zusammen stirzen Hauptmann weber 66;

indem stieg über ihm ein muntrer adler auf
König ged. 48;

da komt er über rebenblättern
muthig einher, wie Lyäus, Zeus sohn
Klopstock oden 1, 26, 247;

und über seinem schuld'gen haupte bricht
das schöne bild der ganzen welt zusammen
Göthe 22, 13, 6 Weim.;

wenn den horchenden gang über mir Luna geht
Schiller 1, 40;

über ihm durch sturz und steile
flieht der gemsen scheue eile
Rückert 3, 17.


auffällig ist die dativische bindung statt accusativischer in folgenden wendungen: sie schütten mehr gewürtz überm herd ab, dann man in dem gantzen zwibelland braucht Fischart Garg. 62 neudr.;

und nun nach manchen jahreszwischenräumen
zum mann gereift, gewogen und erkannt,
find' ich mich wieder unter diesen bäumen,
den blick, wie damals, über mir gewandt
Grillparzer 1, 226;

der gipfel von dem Helikon ist hoch
erhaben über dem gebiet der grüfte
Rückert 1, 3.


c) in freierer localer bedeutung häufig: die über jedem wöchentlichen blatte stehende überschrift Rabener 1, 159; also möchten sie ... doch nicht so weit über dem ziele abkommen Lohenstein Arminius 2, 1244b; es ist doch ein wichtiger ... streit, ... ob die frau eines doktors der heilkunst über oder unter einer doktorin der rechte sizen müsse Sturz 1, 199; schön liegt der wald überm meer maler Müller 1, 81; kam vom ersten dorfe über der

[Bd. 23, Sp. 114]


fähre jenseits der Moldau ein groszer bauerkerl Ettner hebamme 844; während wir an den inseln, die über dem winde liegen, vorbei segelten, konnten wir vom maste immerfort auch die, auf der andern seite des bassins, unter dem winde liegenden deutlich sehen Kotzebue reise um die welt 2, 151; bei höhenangaben ganz allgemein, z. b.: auf einem bergplateau zweitausendfünfhundert fusz über der meeresfläche Immermann 1, 9;

wann das glück wolt,
dasz die liebste kommen solt,
und von ungefehr
über mir spazieren her
Zinkgref ged. 51.


d) über jemandem den stab brechen, wie die ältere accus.-bindung (s. d.) formelhaft und in metaphorischem gebrauch: wer von uns will der erste sein, der über dem beweinenswürdigen schlachtopfer den stab bricht Schiller 3, 520, 19;

wie denn ...
die verstockte richterzunft,
über dir den stab gebrochen,
und das urtheil ausgesprochen
Neumark lustw. 1, 63;

was meinst du, was durch meine adern bebte,
als überm haupt des richters stäbchen schwebte?
Droste-Hülshoff 2, 106;

nicht menschensatzung bricht
über eurem bund den stab
Müllner dram. werke 1, 55.


e) über dem tische wird neben der accus.-verbindung (s. o.) seit dem 15. jahrhundert bei verben der ruhe häufig gebraucht; für die dativ-verbindung ist wohl auch der frühe beleg aus dem 12. jahrhundert anzusprechen:

über dische er dô mit in gesaz Friedberger christ und antichrist 70;

local: das ir essen und trincken solt über meinem tische Lucas 22, 30 (vulg.: super mensam meam, dagegen erste deutsche bibel: auf meim tisch, ebenso cod. Tepl.); als der türckische keyser über der tafel sasz und asze volksbuch v. doct. Faust 65; die fraw sagte, sitzet doch Clawert beim gesinde überm tisch Krüger Clawerts werckl. hist. 61 neudr.; er wer da gesessen über dem braten, das wer so vil als wer er über der tafelen gsessen Eulenspiegel 126 neudr.; dann er sonsten von keiner speyse über der tafel essen wolte eselkönig 194; wann er über der tafel hat sitzen dürffen, daran der königin ausz reich Arabia kammerdiener und pagen sind tractiret worden Schupp schrift. 124;

da er zu einem artzt eintrat,
der eben über tische sasz
Hans Sachs 9, 312 Keller;

lärmend im schlosz zu Eger
über dem ungarwein
sitzen die würdenträger
herzogs Wallenstein
Fontane 9, 130;

die gäste über der tafel stunden auf Weise erznarren 150 neudr.; alle gespräche dieses inhalts (religion) zu hause und über tische waren ... untersagt Schiller 7, 53; sahest du auch des erhabnen vaters entbranntes antlitz über tische? maler Müller 1, 73. aus der localen function in die temporale übertragen (vgl. u. 5): über dem essen, super coenam, coenae tempore Frisch 398a; inter coenam Steinbach 2, 886; mitten über dem essen sitze ein wenig still Spee tugentbuch (1649) 336; über der tafel scherzte und sprachete er gar freundlich mit den umstehenden Birken ostländ. lorbeerhayn 220; in deme fast ein jederman auf selbigem feste, einen trunck wein über der mahlzeit, oder auff dem tische haben will Prätorius Saturnalia (1663) 7; unser gespräch überm nachtessen war sehr ernsthaft Lenz tagebuch (deutsche rundschau 11) 288, ich bin in einem hause bekannt, ... wo der vater über der mahlzeit ... nichts spricht Rabener 3, 108. verengt: über tische = öffentlich oder unüberlegt: solchs rede ich nicht über tische wie sie denn auch inne halten Luther br. 4, 663. über dem tische ist heute veraltet und durch an und bei verdrängt, doch vgl. den mundartlichen gebrauch, z. b.: iwer'm esse Follmann lothr. ma. 261b.
f) über einem wercke sitzen, die zeit über einem werck verlieren Kramer (1678) 1066a; wen die unvernünftigen thörechten thire zur trenck gefürt, ihren durst gelescht haben, ob sie schon lenger über dem wasser

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aufgehalten werden, ... mögen sie doch nit mehr trincken Ambach vom zusauffen E 1b; so kumpt der wirt gon die weil Ulenspiegel über seinem werck was Eulenspiegel 127 neudr.; dasz die köchin zu dem allerdings geschändeten braten sagte: wer ist über dir gewest? Grimmelshausen vogelnest 2, 346, 13 Keller; tag und nacht über den büchern zu hocken springinsfeld 2, 44 Keller; also kamen sie beide zu ihnen auf ihre landgüter, als jener bei der weinlese, dieser aber über den büchern geschäftig ware A. U. von Braunschweig Octavia 2, 969; immer über den verdammten büchern! Lessing 1, 285; bist du schon wieder über diesen papieren? Göthe 21, 49 Weim.; Lips ist sehr fleiszig über meinem portrait IV 9, 270; ich war voll seufzens, da ich anfing dir zu schreiben, mein geliebter! jetzt bin ich lauter freude. so spricht man über dir sich glücklich Hölderlin 2, 159; der philosoph arbeitet über allgemeinen begriffen Engel 4, 11. ähnlich: heiden, über welchen mein name gepredigt ist Luther 15, 576, 28 Weim.;

es kompt wol, das ein schuster sitzt,
über seiner sawren arbeit schwitzt
B. Waldis Esopus 1, 119 Kurz;

als ich noch ein knabe war,
sperrte man mich ein,
und so sasz ich manches jahr
über mir allein
wie im mutterleib
Göthe 1, 13 Weim.


bei einem nomen actionis: welche ... über aufsprengung der innersten schlosz-pforten bemühet waren Lohenstein Arminius 2, 246b.
2) wo die verticale erhebung von der art ist, dasz damit eine berührung, ein ruhen auf etwas, ein bedecken der oberfläche gemeint ist, nähert sich über dem verwendungskreis der präp. auf, ohne dasz es zu facultativer verwendung von auf und über in weiterem umfange käme, da mit über meist die vorstellung einer flächenhaften ausbreitung oder der überdeckung verbunden ist (vgl. o.): lasset ... den wein über den kräutern stehn Sebiz feldbau 64; die Lacedemonier, die sieden den wein so lang über dem fewr, bisz das fünfte theyl einseudet Herr feldbau (1551) 100b; haben wir nicht die ... stammhenne Gallina über dreissig eiern sitzen Brentano 5, 20; ich mag ihn über der erde nicht gern entbehren Göthe IV 36, 111 Weim.; er verachte alles in der welt, und klebe nur an dem, was über der erde und unter der erde sey Zimmermann über die einsamkeit 1, 11;

wenn, nun über der gruft, der freye gesellige Rothe
freudgenossen sich wählt
Klopstock oden 1, 41, 41;

schweigend hängen seine blicke über den kindern maler Müller 1, 7; die schöne hülle über der jungen knospe Göthe 22, 96, 3 Weim.; die wilden ranken breiteten richtungslos über dem boden sich aus Hölderlin 2, 72, 22; dasz es ihm über der ganzen haut zuckte und juckte Arnim 1, 79; mit einer weiten jacke über dem friesrock Fontane I 5, 127;

er entfuhr den höhn des Olympos, zornigen herzens,
über der schulter den bogen und doppelt verschlossenen köcher
Bürger 1, 185 Bohtz;
nein, zu leben
im schweisz und brodem eines eklen betts,
gebrüht in fäulnisz; buhlend und sich paarend
über dem garst'gen nest Shakespeare 3, 274;

zur stunde, wann du zürnend deinem pferde
den sporn willst geben, dasz zur schlacht es trabe,
müsz' es hinstrauchelnd über einem grabe
und keuchend stürzen unter dir zur erde
Rückert 1, 33;

wo nicht, so ligt beide, text und glosen, mit schwermern und mit allem über eym haufen im dreck Luther 26, 484 Weim.; eine buche lag quer über dem pfad Droste-Hülshoff 2, 273; ein stöckchen, das quer über zwei holznägeln an der fensterwand lag Ludwig 2, 307.
metaphorisch: der ... jaget sein gütel durch die gurgel, ligt hernach seinem blutfreund über dem halsz Dannhawer catechismusmilch 2, 60; unter dem fluche, der über uns lastet Hölderlin 2, 74; die sinnliche gluth ..., die über dieser schrift liegt Justi Winckelmann 1, 431. in die causale bedeutung führen wendungen hinüber wie: über der wilden rüben, die auf ebreisch kik heyst, haben vorzeyten die lerer sich wol versucht Luther 19, 243 Weim.

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3) übertragen auf geistige verhältnisse, besonders bei den verben, die ein herrschen, regieren (s. o.) ausdrücken: über einem herrschen, imperare alicui Frisch (1741) 398a; denn wo der zuchtmeyster nit über ihm were, so thet er derselben keyns, sondern das widerspiel Luther 101, 1, 450 Weim.; ich ... fühle des listigen königs rache ..., über mir Klinger werke 1, 236; eine ganz eigene stille herrscht über diesen räumen Göthe 251, 8, 16 Weim.; die idee musz über dem ganzen walten II 8, 11 Weim.; wenn eine allzu hartnäckige geldklemme über der stadt weilt, so vertreiben sie sich die zeit durch ihre grosze politische beweglichkeit Keller 4, 9;

du stehst mit unerforschtem busen
geheimniszvoll offenbar
über der erstaunten welt,
und schaust aus wolken
auf ihre reiche und herrlichkeit
Göthe 2, 64, 84 Weim.;

müde bin ich, geh' zur ruh',
schliesze beide äuglein zu,
vater, lasz die augen dein
über meinem bette sein
Brentano 5, 251;

fühlst du nicht die macht
die grausend waltet über dieser nacht?
Müllner 3, 60;

du bist über wenigem getrew gewesen Matth. 25, 21 (dagegen: über lutzele ding erste deutsche bibel und cod. Tepl., auch Beugel und Heumann haben acc., vgl. Heynatz antib. 2, 484); gott hat alle wege strenge über disem wort gehalten Luther 18, 330 Weim.; hast ... für und für über mir gehalten Hutten 1, 448, 17; so fern er ... über gottes alter bergordnung steif und fest helt Mathesius Sarepta 6b; denn gott wil über seinen geboten gehalten haben, welcher sie aber übertritt, den wil er für einen sünder achten Schenck saufet euch nicht voll weins B 3b; deine hand war über mir Gellert 2, 70;

hält mich die welt gleich als ein thier
ey lebst du, gott, doch über mir
Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 365a;

ihr unerschrockner arm ficht über groszen rechten
Joh. E. Schlegel 1, 246;

zwar wuszt' er wohl,
dasz über ihm die hand Apollons hielt,
doch scheut' er selbst die grosze gottheit nicht
Bürger 1, 163 Bohtz;

lasz' uns über unserm hingestürzten rechte
als wackre männer kämpfend stehn!
Schiller 13, 111.


4) contra, fast nur im ausruf: Philister über dir richter 16, 20 (erste deutsche bibel: ob dir);

Simson, philister über dir!
Hans Sachs 10, 207, 32 Keller;

hier ist raum zum büssen, hier!
waffen, waffen über dir!
Kretschmann (1784) 1, 103;

(Richard:) ein blutrath über mir?
Weise trauerspiele 1, 190.

vgl. auch: dein warsagung, welche entlich über dir selbst wirt auszgeen Schaidenreiszer Odyssea (1537) 7a.
5) temporal zur bezeichnung der gleichzeitigkeit (vgl. auch o. 1 e): Jhesus spricht zu ir ... und über dem kamen seine jünger Johann. 4, 27 (vulg.: continuo, cod. Tepl. und erste deutsche bibel: zehant); wie er über disen gedancken einschleft, sihet er ein gesicht Mathesius Sarepta 80b; über dieser andächtigen handlung mochte wohl eine halbe stunde verstrichen seyn Rabener 4, 149; ihnen bange zu machen, fraget er sie, ob sie über dem tanzen sterben wollten? Joh. E. Schlegel 3, 444; einige geschwader, die sich über der plünderung der klöster verspätet hatten Schiller 7, 297, 16; aus dem groszen weltei, das über dem brüten zerbrochen Brentano 5, 16; über dem besinnen fiel mir ein gerücht ein Ludwig 2, 445;

die Türken warfen feuer in die festung, ...
dasz es nicht sicher über tage war
Körner 3, 64;

las mich nicht zu schanden werden über meiner hoffnung ps. 119, 116; deprehendi in furto, über diebstal ergriffen werden Corvinus fons latinitatis 656; denn wer sich nur selber belauschen will, wird sich über beidem

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noch ertappen Hildebrand sprachunterricht 35; so hütete er sich wohl, sich ... über einer unvorsichtigkeit betreffen zu lassen Keller 4, 223.
6) causal bei verbalsubstantiven, aber auch bei concreten, synon. bei, wegen, um willen Adelung lehrgeb. 2, 171: es ist wol sünd und schande, wie gesagt ist, das wir über disem kinderspiel so viel zeyt, und papir verlieren sollen Luther 18, 109 Weim.; kam also dieser tyrann über der verfolgung der christen um sein kaiserthum tischr. 1, 22; diese unser kleider und schuh sind alt worden über der seer langen reise Josua 9, 13 (vulg.: ob longitudinem longioris viae, erste deutsche bibel: umb die verrung des langen wegs); Moses aber floh über dieser rede (fugit autem Moyses in verbo isto) ap.-gesch. 7, 29; Markhold vergasz über disem ... unwetter ... aller seiner gedanken Zesen adriat. Rosemund 12 neudr.; indem aber Talemon durch eilende unvorsichtigkeit eine lampe herunter stiesz, wachte der printz über solchem getöse auf Ziegler asiat. Banise 20; die tugendhafte Walpurgis färbte sich über so unverschämtem gegensatze Lohenstein Arminius 14a; ich habe über den narrenspossen zu hause ein haufen versäumet Reuter Schlamp. krankh. und tod 98; er mag sich noch so viel mühe über seiner kleidung geben Joh. E. Schlegel 5, 381; Agathon hatte über den sorgen für die wohlfahrt Siciliens, und über der bemühung andre glücklich zu machen, sich selbst ... vollkommen vergessen Wieland Agathon 2, 264; ich aber hatte mich über dem zeichnen erhizt Göthe IV 3, 73, 5 Weim.; über der gartenarbeit ermüdet Brentano 5, 51; über dem schwatzen von kunst ... können sie nicht zum schaffen kommen E. Th. A. Hoffmann 1, 16; allein man vergiszt das ungeheuer über der schönheit des menschlichen teiles Mörike 3, 13; es fällt einem eins über dem andern ein Ludwig 5, 437; da mir die augen über dem, was ich ... ersehen habe, ... übergehen wollen Arndt werke 1, 74;

hat ihm got gute tag gegeben,
so will er sichs baldt überheben
und wirdt zum narren über dem glück
Erasmus Alberus fabeln 124 neudr.


seltener bei concreten: es ist ein schlecht schutz, so man umb einer person willen ein gantz stad in die fahr setzet, oder über einem dorf oder schlosz das gantz land dran setzet Luther 7, 583 Weim.; das äuszere über dem innern nicht ganz vernachlässigen Göthe 24, 268, 20 Weim.; ihr freund erfüllte sie so ganz, dasz sie mich über ihm vergassen Schiller 295; da ... ihr selbst über den katzen einfiel, nach dem braten ... zu sehen Ludwig 2, 23; Jugurtha war der abgott der Africaner, die in ihm den doppelten brudermörder gern übersahen über dem retter und rächer der nation Mommsen röm. gesch. 2, 149; schalen, über denen der kern vergessen oder weggeworfen wird Hildebrand sprachunterr. 36. ähnlich: Johannes Eck ist über mir reich worden Luther 8, 341, 3 Weim.
bei den verben des affects (vgl. o. A 9, a): gratari reduces, sich freuen über denen, so wider zu hause kommen sind Corvinus fons lat. (1646) 398. während die erste deutsche bibel die dat.-bindung bei den verben des affectes noch nicht verwendet, findet sie sich bei Luther wiederholt. vgl. zu den bibelstellen bei Campe 5, 6 noch: und wie sich ein breutgam frewet über der braut, so wird sich dein gott über dir freuen Esaias 62, 5; also ward Isaac getröstet über seiner mutter 1 Mos. 24, 67; da solchs das volck höret, entsatzten sie sich über seiner lere Matth. 22, 33; wie seer frölich ist er über deiner hülfe ps. 21, 2; ich frewe mich über deinem wort 119, 162; sie lobeten alle got über dem, das geschehen war ap.-gesch. 4, 21; weitere bibelstellen aus Luther und Dietenberger bei Kehrein gramm. d. 15.—17. jahrh. 3 § 291; das sind sie, die sich vorwundern über den sprüchen der propheten Luther 101, 1, 378 Weim.; das wir uns nicht hadern über der gotheit 27, 242, 15 Weim.; (Zacharias) weys nit, wie er sich gnugsam frewen soll über diesem heylant Christo Alberus widder Jörig Witzeln mammeluken C 8b; Cyrus ... hat ... sich über dem weibe verwundert Barth weiberspiegel (1565) H 8a; nicht ungedultig seyt über der straff des herren Ringwalt geistl. lied. 69;

[Bd. 23, Sp. 118]


Aamadiszläser die über dem keyser Octaviano weinen Fischart praktik 12 neudr.; zuvor waren wir betrübt über eurem auszenbleiben kunst über alle künste 112, 14; disz gedachte ich, ... als ich vor verwunderung über seiner erzehlung gleichsam erstaunete Grimmelshausen 4, 520 Keller; um dadurch ihr wohlgefallen über solcher wahl zu bezeugen Lohenstein Arminius 1, 3a; ich achte unnöthig zu seyn, dasz ein musicus über dem einfeltigen urtheil ... sich grosz bekümmern sol Königsb. dichterkreis 68 neudr.; je länger ich mit ihm umgehe, je mehr wundere ich mich über der liebe die er zu der frau baronessinn trägt Gottschedin menschenfeind 4, 1; das anmuthreiche, das in der verwunderung über einer prächtigen aussicht befindlich ist Breitinger critische dichtkunst 1, 362; das herz der guten wanderer quoll über diesen aussichten auf Göthe 21, 253, 12 Weim.; Philine ... klatschte über den kindern in die hände 23, 10, 25 Weim.; ich erröthete über der bosheit Schiller 2, 280, 14; ward ein gezisch und gelächter über dir 2, 34, 4; und wenn ich über dem experiment närrisch werde, so ist es deine schuld Pückler briefwechsel und tageb. 1, 89;

die schöne Venus selbst lacht über diesen dingen
Zinkgref ged. 30 neudr.;

die städte schienen sich fast über ihm zu zanken
Gryphius poet. wälder 1, 421;

du solst dich haben über mir von hertzen sehr beklagt
Paul Fleming 194;

denn weil wir deinen wert erkennen,
so glaube nur die herzen brennen
vor lust und freuden über dir
Gottsched gedichte (1751) 113;

jetzt willst du dich, o retter in den nöthen,
erbarmen wieder über deinem lande
Rückert 1, 24.


7) de. wie per aus der localen bedeutung abgezogen, z. b.: einig sein, streiten, urtheilen, schwören über einem dinge: es gilt hie rathens, weil die ausleger über dem Badalah gar nicht eins sein Mathesius Sarepta 56b; sage mir, ists nit also wol eyn eyd, wenn du über dreyen pfennigen schwerist, als wenn du über taussend gulden schwerest? Luther 102, 146 Weim.; schertzt alszo mit seynen lügen über dem herrn, den alle engel anbeten und fürchten 10, 1, 444 Weim.; (es) hebt sich ein freundlich gesprech über der lere 34I, 505 Weim.; als weren sie (die jünger) alle verreter und bösewichte über irem herrn 103, 54, 24 Weim.; wer kan zugleich nein und ja sagen in einerley rede und über einer sache? 26, 399 Weim.; und Pharao befalh seinen leuten über im, das sie in geleiten und sein weib und alles was er hatte 1 Mos. 12, 20; wir haben heute viel guts gehandelt über der vergangenheit und zukunft Göthe IV 3, 22, 4 Weim.;

wirfst du mir mein sündgen für,
wo hat gott befohlen,
dasz mein urtheil über mir
ich bey dir soll holen?
Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 385.


im 17. jahrhundert in überschriften: an einen freund, über dem tode seines söhnleins Logau 1, 189, 97.
8) jenseits: über dem gebürge, transalpinus Garthius 760b; über, jenseits, de là, trans, über dem Mayn, de la le Maine, trans Mœnum Stoer (1650) 495a; über dem wasser, v. jenseit Kramer (1678) 1066a; die über dem strome sind, qui trans flumen sunt Frisch 2, 398a; ich bin zu der zeit über der see gewesen, eo tempore trans mare fui Steinbach 2, 886; Trident liegt über den Alpen oder jenseit des Alpgebirges Ludwig teutsch-engl. wb. 1781; über den bergen wohnen auch leute Reinsberg-Düringsfeld 1, 174; die ersten leuthfresser ... wohnen, 10 tagreisen weit über dem wasser Boristhen (decem dierum itinere supra Borysthenen) Heyden Plinius 7