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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
übelwort bis üben (Bd. 23, Sp. 55 bis 72)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) übelwort, n., schmähwort: 'dös hat noch g'fehlt, dasz du, der d'einer mir z'nächst bist, dö übelwort' mir af'n hof, in d' stub'n, zwischen meine vier mäuern tragst!' Anzengruber 2, 263.
 
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übelwünschen, n., fluchen: solch frolocken aber und glückwünschen der neuwen oberkeit verwandelt sich gar bald in gremen, übelwünschen Kirchhof wendunmuth 1, 79; daz ander übel ist daz übelgönnen und wünschen Guarinonius grewel der verw. 354;

mit winckelzügen, heymlich schawlen,
mit übelwüntschen, schelten, flchen,
mit abgunst und mit unglück schen
B. Waldis streitged. geg. hrz. Heinrich d. j. 37 neudr.


 
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übelwünschung, f.: wolt gott das es gebet wären, vnd nicht flüch vnnd rachselige vbelwünschung Nas das antipap. eins und hundert 2, K 5b; aber gewiszlich schiede er nicht one ... begleit vieler verfluchungen vnd vbelwünschung Amadis 1, 225.
 
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übelzech, adj., neigung zum erbrechen verspürend Follmann lothr. wb. (1909) 261b; lux. ma. (1906) 193b.
 
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übelzechkeit, f.: unwohlsein Gangler 221; lux. ma. 193b.
 
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übelzeit, f., mühe, anstrengung: vbelzeyt, es seye am leyb oder am verstand, labor, operositas, poena, opera Maaler (1561) 441c; mit belzeit erlangen, sudore ac labore comparare Dentzler clavis linguae lat. (1716) 294a; bleibt landschaftlich auf Schweiz und Elsasz beschränkt Martin-Lienhart 2, 919; Hunziker 268;

man fyndt gar vil gerechter lüt,
die hye vff erd hant vbelzyt,
vnd loszt jn gott z handen gon,
als ob sie vil sünd hetten gthon
Seb. Brant narrenschiff 58 Zarncke;

man msz drumb nit han übelzyt
der küng ist, dersz mit willen gyt schweiz. schausp. d. 16. jahrh. 1, 145, 980 Bächthold;

dass man mit denen kein gmeinschafft haben sölle, die nit mit arbeit und übelzeyt jr speyss gwünnend, sunder mit rauben und finantzen jr läben enthaltend Gesner thierbuch 2, 261. pl.: also tht der kauffmann mit übelzeiten den gatter zeletst selb auf Wickram 3, 17, 7.
 
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übelzeitig, adj., mühselig; vbelzeytig, laboriosus, operosus Maaler (1561) 441c; er het en übelzitige gang Hunziker 268; Martin-Lienhart 2, 919.
 
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übelzufrieden, adj. u. adv., unzufrieden: übelzufrieden seyn mit etwas, aliquid indignari, periniquo animo pati Nieremberger A a aa aa 2b; moleste ferre Garthius 467b; auf diese weise nun schieden wir allerseits übelzufrieden voneinander A. U. v. Braunschweig Octavia 2, 985. verengt: daher sie malcontenten, das ist vbelzufrieden genannt waren Stumpf Schwytzerchron. (1606) 278b.
 
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übelzufriedenheit, f.: sie schätzten demnach die Antonia überglückselig: welche gleichfalls sich also zu erweisen wuste, dasz die jenigen, so von ihrem innerlichem anliegen keine kentnis hatten, ihr die geringste übelzufriedenheit nicht anmerken konten A. U. v. Braunschweig Octavia 2, 816.
 
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üben, v. , exercere, colere, mit ausnahme des got. in allen continentalgerm. dialecten belegt: ahd. uoben, uaben Graff 1, 70 ff.; mhd. üeben mhd. wb. 3, 191 f., handwb. 2, 1686 f.; as. ôbean; mnd. oven, daneben häufig die frequentativform ovenen Schiller-Lübben 3, 249 ff.; diese ist auch im gebrauch altfries. ovonia, ovenia, ofnia Richthofen 974 und 1165; neufries. oeffenjen neben oven ten Doornkaat-Koolman 2, 672a; mnl. und nnl. ausschlieszlich in der erweiterten form: oefenen, nur limburg. ist die einfache belegt (s. wordenb. 10, 38 ff.); denominativableitung von ahd. uop, masc., von dem bei Notker ps. 21, 19 der pl. uôba belegt ist: vestimenta Christi, daʒ sint sîniu sacramenta, daʒ chit hêiligmêineda; also baptismum ist unde missarum sollemnia (inter lineas: misson uôba); vgl. auch mhd. wb. 3, 191b und handwb. 2, 1998, und oben übe. wurzelverwandt mit üben sind in den germ. sprachen ags. äfian und efnan, an. afl 'stärke', afla, efla 'stark sein, erwerben', ahd. avalon 'satagere'. dagegen sind dän. öve, schwed. öfva lehnwörter aus dem deutschen;

[Bd. 23, Sp. 56]


zu der germ. wurzel *ôb, *af stellt sich in den idg. sprachen ved. ap in ap-tur, vgl. Fick4 1, 16; sanskr. apaḥ 'werk', lat. ops, opus, und seine sippe; aus dem keltischen sprachzweig kann hierhergestellt werden air. ane 'reichthum', aus dem lit. aprtas 'überflusz, vorrath'.
bedeutung und gebrauch: die gesammte wortsippe, die auf die idg. doppelform *ôp, *op zurückzuführen ist, zielt auf den begriff des 'erarbeitens, erwerbens' hin. aus der verwendung innerhalb des deutschen liesze sich der begriffsumfang etwa umschreiben: 'ein object in bewegung und dadurch in thätigkeit setzen'. zwei sonderbedeutungen, die sich gerade aus den ältesten belegen am deutlichsten erkennen lassen, nämlich 'den boden bearbeiten, ackerbau treiben' und 'eine gottesdienstliche handlung begehen' stimmen mit der bedeutungssphäre der wurzel im ind. und lat. so genau überein, dasz man in ihnen nicht sowohl eine einengung des bedeutungsumfanges sehen darf, sondern in sehr alte zeit zurückreichende bedeutungscentra, aus denen das wort im germ. bald herauswuchs, wobei es auch neue bedeutungsfunctionen übernahm, die zum theil von seiner ursprünglichen concreten bedeutung weit abliegen.
I. transitiv.
A. landbau treiben. im ahd. ist diese bedeutung lebendig gewesen wie die wortbildungen uop m. 'landbau', uobo m. 'colonus', uobare cultor, giuapti 'plantaria', guobida 'colonia, villa' beweisen; auch in mhd. zeit noch finden sich belege: die acchera uoben mhd. wb. a. a. o.; die wuesti üeben mit strenger arbeit mit houwen und mit riuten handwb. 2, 1686; de erde, den acker oven Schiller-Lübben a. a. o.; daraus weiter 'pflanzen':

er pflanzote sînen garten
mit mislîchen chrûten,
dar sich mit nerte,
dem hunger sich mit werte,
hirs unt rbe,
wân, er ouch uopte Wiener genesis, fundgr. 24, 35;

pass. gewendet: unser land, das vormals ungeübt und ungebuwen ist gesin quelle bei Staub-Tobler 1, 61; noch bei Schöpper syn. (1550) f 3a finden sich zu arare die synonymen verba: aeren, zielen, zackern, üben, bawen, pflügen; ähnlich: ein übel schmackend grb, ye mer man die übt, ye mer man böses geschmacks da befindet buch d. weish. 63; ein gut zerackern, üben und zermartern Sebiz feldb. 26; dagegen ist trotz gleichem sachobject die alte prägnante bedeutung schon verdunkelt und vergessen in folgendem: wisse, wie du deyn acker, fihe, hawsz unnd kind üben solt, das ist dyr gnug ynn naturlicher kunst Luther 10, 1, 1, 569 Weim.; vom 17. jahrhundert ab ist dieser gebrauch in der schriftsprache wie in den dialecten verloren gegangen.
B. eine gottesdienstliche handlung begehen, feiern, verehren, colere Lübben 259b; auch diese bedeutung ist in ableitungen nachzuweisen, so auszer uop (s. o. Notkers misson uôba für missarum solemnia) noch uophaft, dies solemnis Graff a. a. o.; mhd. und mnd. nicht selten und meist mit persönlichem object Schiller-Lübben a. a. o.;

diu abgot wolt er ander stunt uoben:
diu ê wâren zebrochen,
diu wurden ander stunt gegoʒʒen
geniwet und geêret kaiserchron. 6591 Schröder;

einen vater üebent ir
und einen sun unde einen geist
Konr. v. Würzburg Silvester 2880;

passiv:

der heilige und der guote (gott)
der mit dem sinne (freiwillig) güebet wirt
und dem man lob und êre birt ebenda 2320;

ähnlich:

de proueden vrunde schal men ouen,
de ungheproueden schal men prouen quelle bei
Schiller-Lübben 3, 249.


C. allgemein: in bewegung und thätigkeit setzen: vgl. Schmeller 1, 19.
1) mit sachobject:

sie üebeten, daʒ weiʒ ich wol,
den bracken unt daz armbrust
mê durch ir herzen gelust
und durch ir banekîe
dan durch mangerîe Tristan 17270;

[Bd. 23, Sp. 57]


so sind on das der menschen mägen darzu geartet, dasz sie sich erstrecken, wann man sie nur übet Garg. 59; die restauratio und renovatio sollend also in dem menschen verstanden werden, dasz sein humor radicalis, den der spiritus vitae treibt und übet, nit hinder sich gezogen werde Paracelsus opera 1, 825a.
meist zu seinem vortheil in bewegung setzen, also gebrauchen, benützen: swert, schilt, wâfen mhd. wb. 3, 192a;

gelt laszt sich nit lieben,
es wil, man sol es üben
Seb. Franck sprüchw. (1541) 1, 118a;

weren sie (die fürsten zu Sachsen) vleyssiger gewest yhr schwerd zu üben, so were der pofel an der Saal wol stiller Luther 18, 99, 1 Weim.; Ulrich von Hutten übt die fäder und das schwärt z erwecken alte teütsche erberkeit Eberlin v. Günzburg 1, 4 neudr.; der magnet zieht am meisten, wenn er geübt wird Herder 15, 313; in den dörfern und auf den straszen war bis Nowgrod noch immer das die waffen übende menschengewimmel und einzelne züge von kriegern Arndt werke 1, 132;
die erde üben für 'betreten, befahren':

der (engel) vuoʒ wirt niht betrüebet,
daʒ er hie die erde üebet
und in daʒ hor tritet Martina 615, 45;

der zoll nahm ab, weil die mule und rosse die strasze nicht mehr übten Staub-Tobler a. a. o.; die kleidung üben für 'benützen, verwenden':

si üebten in unvlête
der altâre gewête
Jerosch. 26 458;

wil ich euch bitten, dasz jhr nicht wöllet die ersten seyn, neuwe trachten an euch zu nemmen, fürnemlich trachten, die frauwen in andern ländern üben buch der liebe 189, 1; die, so mit guter speisz unordenlich leben, und jren bauch und fleisch in solchen lüsten und füllereyen halten und üben ebd. 292, 2;

so will ich euch drey ort erlauben
da jhr die weiber mögen schrauben.
erstlich nur auff die gänge zung ...
wiewohl ihr werden haben müh,
weil sie die üben spat und früh
Fischart flöhhaz 55 v. 1964 neudr.;

und es erwachen mit gezisch
die bunten vögelein, ...
die schnäblein üben sie zumal
in liedern ohne zahl
Droste-Hülshoff 3, 199 Schücking.


2) eine person in bewegung setzen; agere Maaler 413; einen stets üben, in exercitatione aliquem continere Kirsch (1723) 297b; drängen, treiben:
a)

swen üebet reiner vrouwen gruoʒ,
dem manheit gibt wol muot
Frauenlob 331, 13;

was dich übet, säliges weib
zu nassen augen clare,
dasselb betrübet mir den leib
und macht mir graue hare
Hätzlerin liederb. 80.


b) ich hab getanzt und ander lewt geübt zu tanzen quelle bei Schmeller 1, 18; über das mhd. und ältere nhd. hinaus nur mehr selten zu belegen: vgl. Crecelius 2, 830; auff das dich gott mit seynem wort übe und dem geyst, den er dyr geschenckt hat, zu schaffen gebe Luther 17, 1, 356 Weim.; deszhalb yebet er (Lucifer) die lewt zuo ketzerey vnd aberglawb Berth. v. Chiemsee theologey 163; wan er zu morges oder das nachtmal nam, was sein gmains trincken, so in niemet übet, wie dan yetz mit dem zutrincken ist, tranck er gmainclich neun masz weins über ain malzeit quellen zur geschichte des bauernkriegs in Oberschwaben 167; Galenus schreibt, der höchst artzt Aesculapius habe lächerliche liedlein gedicht, darmit in den krancken lung und leber zu üben Garg. 13;

sag mir, was dich zu trawren übet!
Hans Sachs 21, 24, 26 Keller-Götze;

kein sänger des hayns übt die nymphe der felsen,
jeder zephyr entschläft
Wieland I 1, 430.


pass.: man könnt ja etwa ein erbeit finden, damit solche blinde personen mochten geübet werden Luther br. 3, 403; ob (die wunde) in ainem geleich sey, das

[Bd. 23, Sp. 58]


fast geübet oder gebraucht würt als der elenbogen H. Braunschweig chirurgia (1534) 69b.
in der bedeutung 'benützen, gebrauchen' ist die verbindung mit acc. einer person wenig üblich, da die seelische antheilnahme der von der handlung getroffenen person beachtet wurde und sich die bedeutung zu 'necken, quälen' verengte. doch vgl. aus dem ahd.:

... finfi (ehemänner) habotôst thu iu;
then thu afur nu uabis, ioh thir zi thiu liubis
uuant er giuuisso thîn nist, bi thiu sprâchi thu, so iz uuâr ist
Otfr. 2, 14, 53.


D) in unruhe setzen, necken, quälen, dann verengt: auf die probe stellen, versuchen.
1) vexare Diefenbach gloss. 616c; vexari, hin und wieder gezogen, getrecket, vexiret werden, wie man die narren zu üben pfleget Corvinus fons lat. (1646) 940; Frommann 2, 211; mein tochter würt übel gefatzt von dem bösen geist. er übt sye, sye schumet, sye windt ire hend übereinander, sye roufft sich selber Keisersberg post. 2, 31b; das ist ein gewisz zeichen das dich das wort troffen und gerürt hat und dich übe, dringet und treibt Luther 12, 499, 24 Weim.; kein zweifel ist, dasz ein jeder mensch einen guten engel hat ..., deszgleichen einen bösen, der jhne übet Albertinus Lucifers königr. 78; 24; diesen pful (gedanke an die hölle) und das verbrennen, übeten und trieben mich, das ich weder tag noch nacht ruwe hette M. Stifel wunderbarliche wortrechnung etc. (1553) A 2b; es sind zwar viel und schwere gefehrlichkeiten, so uns armen menschen in diesem jamerthal und herberge üben G. Nigrinus von zäuberern ff. (1592) 2; aber ein warer gedultiger mensch sihet nit an, von wem er leide, ob er von seinem herrn oder obern, von seinem gleich oder unterm ... geübt werde Joh. Arnd Thomas a Kempis übers. 91; es scheinet, dasz gott der herr offt fromme eltern im creutz und trübsal übe, und ihren kindern desto reichlicher gebe, was er den eltern versaget J. B. Schupp schr. 666 (abgenöt. ehrenrett.);

des war Boecius betrübet.
darzu in auch leibskranckheit übet
und must da in gefencknus liegen
Hans Sachs 7, 382, 28 Keller;

man sol kein narren üben zu lang
und im zu vil thun übertrang
Murner Luth. narr. 10 Scheible;

die lenden litten ungemach,
als weren sie zurschlagen gar,
die augen sahen nimmer klar,
und alle glieder warn betrübt:
der hohmut hatt sie wol geübt
Erasmus Alberus fabeln 45, neudr.;

wir üben im april die leute durch vexiren
und pflegen sie im schimpff herum- und anzuführen
Logau sinnged. 290 Eitner;

die sprache nach der kunst zu zäumen
übt viele dichter lebenslang
Hagedorn 3, 50.


im neueren schriftgebrauch ist diese anwendung erloschen; doch mundartlich noch vielfach erhalten, vgl. Schmeller 1, 18; Staub-Tobler 1, 61; Unger-Khull 601a; Schambach 147; Frommann 2, 210; verengt: s'üabt mi = ich verspüre brechreiz Rückert unterfränkische mundart 185.
2) aus beschäftigen, in thätigkeit setzen, quälen entwickelt sich die bedeutung weiter zu auf die probe stellen: underwilent, so er z in kom, so pten sie in mit sölichen worten Heinrich Suso 9, 31; und ob gott schon die hülffe verzeucht, sollen wir darumb nicht ablassen zu bitten ... denn gott unsern glauben also übet Luther 26, 205, 39; jdoch erkennet aer (David), sölche plagung komme vom willen gottes haer, daer sich gebrauchet sölcher leute yn zu üben Schede psalmen 55 neudr.; vgl. auch Schiller-Lübben a. a. o.

wenn er mich auch gleich würft ins meer,
so wil er mich nur üben
Paulus Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 314;

dasz es narren hin und her und nicht in der mänge gibt,
mangelt nur, dasz einer mehr als der ander wird geübt
Logau sinnged. 405 Eitner;

[Bd. 23, Sp. 59]



und wann er (der himmel) künftig dich in hohen ämtern übt ...
so lebe, dasz dich einst die späten enkel preisen
Haller ged. 98;

so hart des schicksals heer auch ihre tugend übe
Wieland 23, 52.


E. auf geistige verhältnisse übertragen: fähigkeiten und eigenschaften in thätigkeit setzen, gute wie üble, wohl grösztentheils aus F 2 erwachsen (s. u.): übe dein güte an des nechsten boszheyt Seb. Franck sprüchwörter (1541) 2, 126b; odder sonst yrgent eyn ritterspiel oder historien für mich neme, da ich meyne gedancken an übet und damit spielet Luther 18, 178 Weim.; darinn du vilen menschen z gt, dein stoltzes heldisch gemt brauchen und üben mögest Hutten opera 1, 449; ich werde ... ursache haben, meine bescheidenheit und nachsicht zu üben Göthe 22, 226, 10 Weim.; so wahr ist's, dasz ein gefühlvolles herz oft gelegenheit hat, seine wohltätigkeit zu üben G. Förster 1, 34; Klara Glasperle, eine waise und wittwe ... beschwor mich kniefällig, meine wohlbekannte groszmuth auch an ihr zu üben Ebner-Eschenbach 4, 313;

der gotlos sein mutwillen iebt
nach seim vurnemen, wie im liebt
Hans Sachs 22, 112, 6 Keller-Götze;

dort, in Florenz, verehrte man vorzeiten
ein schönes weib, voll stolz und trefflichkeiten ...
sie war es nur, die aller sehnsucht übte
Hagedorn (1771) 2, 170.


F. mit dem acc. eines substantivums actionis oder eines subst., welches das ergebnis eines geschehens darstellt: eine handlung vollziehen, ausüben, verüben. vulgo praktikare Stieler 65.
1) schon althochdeutsch ist dieser gebrauch von üben der geläufigste gewesen, vgl. Graff 1, 70, ebenso mhd. von den vielen alten verbindungen sei besonders auf die mit religiösen übungen in zusammenhang stehenden hingewiesen, da sich diese anwendungsart zum theil mit B (s. o.) berührt:

sô was therô liudiô thau
that that (das geburtsfest) erlô gehwilîk ôbean skolda
Judeonô mid gômun
Heliand 2733;

uaptun thâr thie liuti eino brûtloufti
Otfried 2, 8, 3;

dâr siê abkotdiênist uôbton Notker ps. 77, 58; godesdînst oven Lübben mnd. wb. 259. so auch nhd., vgl.: über disz werdet jhr noch weiter wunder hören von allen andern h. ceremonien der kirchen, welche mann zur zeit der metten mit groszer andacht übet Fischart binenkorb (1588) 174a; so auch die haiden im hornung solich butzen weisz geübt haben Eberlin v. Günzburg 1, 20 neudr.; ein besonderen unmenschlichen gottsdienst übten sie mit tödung der menschen Stumpf Schwytzerchron. (1606) 144b;

hieng sich an die bräuch in Egypten,
welche abgötterey sehr übten,
und gaben grosze klugheyt für
mit götzengpräng und tempelzier
Fischart die gelehrten d. verkehrten 338 Kurz.


2) der weite gebrauchsumfang und die mannigfaltigkeit der substantiva actionis, die nhd. sich mit üben verbinden können, kann hier nur kurz skizziert werden, wobei die im nachstehenden gebotenen belege mehr die häufigeren verbindungen berücksichtigen, die zum theil zu formelhaftem gebrauche und festen redensarten sich verdichteten. im freien gebrauche tritt üben seit dem ende des 18. jahrh. gegen die synonymen ausüben, verüben etwas zurück.
a) mit dem subst. inf.: wolten lieber, das yhr mit uns selig wordet und von hertzen gerne vergeben alle das blutvergissen, so yhr an uns übet Luther 23, 476, 9 Weim.;

mein angesicht
verleurt sein liecht
vom seuftzen, das ich übe
Paulus Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 392a;

Aurora hatte kaum am himmel eingetrieben
die goldbewollte heerd: da fieng man an zu üben
diss thun auf erden auch
Birken ostländischer lorbeerh. (1657) 77;

wenn herrsucht und gewalt unzähligs morden übet
Heräus gedichte (1721) 238;

[Bd. 23, Sp. 60]



alles machet offenbahr
durch das rauschen, so es übt,
dasz es sey, wie wir, verliebt Königsberg. dichterkreis 130 neudr.


in der neueren sprache seltener: so wird dem zuschauer immer das thun gezeigt, das er selber an des helden stelle geübt haben würde Ludwig 5, 263.
b) ein werk üben, meist in günstigem sinne ein gutes werk, seltener ein böses, dafür formelhaft frevel, verrat üben; vgl. Graff a. a. o., mhd. wb. a. a. o., Diefenbach-Wülcker 879; in der geistl. prosa, rechtsprosa und allgemein: die da üben tugentsame werck und die gebott halten Keisersberg schiff der penitenz 32c; aber sein hertz war böse und verrhiet seinen herrn mit dem guten werck, wilchs doch Christus und seine jüngern sonst aus gutem hertzen mit einander übeten Luther 19, 631 Weim.; darumb laszt uns ... die werck der lieb und barmhertzigkeit gegen unserm nechsten üben Casp. Scheit fröhlich heimfart A IIIb; es ist ein schnöd ding wissen was recht ist, und das widerspil üben Seb. Franck sprüchwörter (1545) 1, 30a;

bist gram nt spinfeind allen den
di schalkstuk uben
Schede psalmen 21, 6 neudr.


und es mochte auch ymand so frevelich unzucht und unfur treiben und üben, ein erber rathe wolte den oder dieselben darzu an leib und gut straffen, nachdem sy zu rat wurden und die tat gehandelt were Nürnberger polizeiordnungen 56 Baader; (man soll nachforschen) ob die verdacht person bey sollichenn leutten wonung oder gesellschafft habe, die dergleichen missethat übenn Carolina 25; da lauffen die stattdiener herzu unnd nemen den landtsknecht gefangen, weil er offentlichen frevel und gewalt geübet Nigrinus von zäuberern (1592) 5; die übten ein schwäre unnd unträgliche aufrr Stumpf Schwytzerchron. (1606) 261b; von seinen tragischen figuren übt keine auch nur eine tugendthat Ludwig 5, 68; wer gute werke übt, soll die linke nicht wissen lassen, was die rechte thut W. H. Riehl deutsche arbeit 17.
ich habe von anderen genug ... frevel üben sehen Arndt werke 1, 88;

darinnen er solche unthat
mit herr Lamprecht geübet hat
Hans Sachs 8, 98, 20 Keller;

du hast auch manchen christen trübt,
vil schelmenstückh ahn ihnen geübt Endinger judenspiel 61 neudr.;

nach wenig tagen sichs begibt,
dasz einer solche unthat übt
L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 37, 17 neudr.;

reines herzens war er, reiner sitte,
übte manche hohe christenthat
Hölty gedichte 62 Halm;

den fehler, den man selbst geübt,
man auch wohl an dem andern liebt
Göthe 2, 235, 263 Weim.;

will weben an dem webstuhl, früh zur hand,
und alles werk, das man bei uns verachtet,
den sklaven überläszt und dem gesind,
hier aber übt die frau und herrin selbst
Grillparzer 5, 158 Sauer;

passiv: geübten vorsetzlichen frevel verkleistern Kirchhof milit. discipl. 60; sölchs ist zu vermercken aus allen seinen geübten hendlen Alberus widder Jörg Witzeln Mammeluken (1539) F 8b;

gnedige fraw, was ist geübt,
das der fürst ist so gar betrübt
Hans Sachs 2, 52, 22 Keller;

die protestanten unterlagen im schmalkaldischen kriege. da übte kurfürst Moritz von Sachsen ... den bekannten verrath Moltke schriften u. denkw. 2, 184; häufiger ohne artikel: die geheime freude eurer augen übt verrath A. Arnim 5, 134;

es lau'rt verrath den königen
so unvermeidlich auf, dasz auch die luft
ihn übt
Fouqué held des nordens 2, 1, 38.


c) gutes, böses üben: was wir vor Christi geburt und den römischen kaisern treffenlichs in kriegsleufen geübt haben Aventin 4, 583, 9; üb gtz on gleisznerey poet. beichtspiegel bei Dacheux die ältesten schriften Geilers v. Keisersberg 154; die weiber haben launen, weil sie zu gut sind, das böse nach grundsätzen und zu schwach,

[Bd. 23, Sp. 61]


das gute mit dauer zu üben Börne 6, 63; an das gute glauben nur die wenigen, die es üben Ebner-Eschenbach 1, 18;

eh ich noch etwas guts geübt,
warst du mir schon gewogen
Paulus Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 375b;

(Nathan:) komm! übe, was du längst begriffen hast;
was sicherlich zu üben schwerer nicht,
als zu begreifen ist, wenn du nur willst
Lessing 3, 139, 677 (Nath. 4, 7);

wer gutes üben will, der üb' es bald!
Immermann 16, 75 (Ronceval);

oft stellt sich üben als 'handeln, wirken', in begrifflichen gegensatz zu 'lehren, vornehmen, schreiben' u. ä.: und so ich meister Hans von Gerstdorff ... vil mit meiner eygen handtwürckung probiert, experimentiert und geübt hab in mancherley gestalt ..., erbitte den leszer, mein ... kunst nit z verachten Gersdorff wundarzney 19, 1a; wöllen nichts newes üben noch fürnemmen Sattler 348; wir hören es (das wort) alle tage, aber wen man es versuchen szol und ym hertzen üben, szo wyrdt die kunst alzuschmall Luther 34, 2, 63 Weim.; vom geist des christenthums sollte weniger geschrieben und er mehr geübt werden Herder 20, 3; eine solche religion war die, welche Christus lehrte und übte Göthe 24, 250 Weim.;

wer übels übet oder hägt,
dess gleiche schuld jr yeder tregt
Schwartzenberg teutsch Cicero 122;

was du nicht leiden willst, sollst du nicht üben
Gries Ariostos rasend. Rol. 3, 195;

das sagt sich gut, allein es übt sich schwer
Grillparzer 5, 157 (Medea II);


d) wort, predigt etc. üben: große ärgernusz, wo man vor züchtigen personen solche unnütze worte übet Wickram rollw. (vorr.); kurtze wort het ich für mich genomen an dem anfang zu schreyben, nun übet ain wort das ander Keisersberg granatapfel (1510) B 6c; wie s. Peter ym kercker auch nicht kund üben die predigt des euangeli Luther 102, 30, 14 Weim.; er übte allerhand thierer geschrei Grimmelshausen Springinsfeld 2, 50, 6 Keller; als nun beyderseits und der ritter solche geübte reden gehört Amadis 1, 400. seit dem 18. jahrhundert ist üben in solcher verbindung ebenso auszer gebrauch gekommen wie die verbindung mit concreten, z. b.:

S. Martein übt gten wein
kan aber den bawern und zinszleuten schrecklich sein
Fischart groszm. 22.


e) ein lied, spiel, eine kunst üben, häufig mit dem nebensinn der dauer oder iteration (s. u.): ob du gott gelestret hast, würffel spil oder andre spil ze üben Keisersberg das irrig schaf 165 Dacheux; als ich vor diesem bey den herren bewuster fürstin unwirdige hofmeisterin gewest, hab ich erstgedachtes spiel vielfältig üben sehen Harsdörffer frauenzimmergesprechspiele 1, H 2a; derjenig der die kunst übet und brauchet Paracelsus opera (1616) 2, 396;

stets übe deine kunst, ist sie dir gleich bekannt;
das denken stärkt den sinn, das üben stärkt die hand Lipperheide 889b;

ich wirdt heut da üben ein gantze comediam, hodie sum acturus Boltz Terenz deutsch (1539) 60b (heautontim. prolog v. 5);

die musick hat z jeder zeyt
gehabt fürneme hohe leut,
die sie gepflanzt han und geliebt,
und selber offtmals auch geübt
Fischart bildergedicht in z. f. d. ph. 38, 244 f.,

ich selber übe die tonkunst ein wenig,
wie Friedrich der grosze, der preuszenkönig
Heine 2, 193;

ist ... khein wunder, dasz die Ägyptier ... die liebe musicam ... zu üben verbotten haben C. Spangenberg von der musica 4; de der kunst nicht öven, de vorgetten se bolde Tunnicius 579 Hoffmann; seit sechs jahren übte ich etwas schriftstellerei Stifter 14, 11.
f) den glauben, eine lehre üben, d. h. befolgen und bethätigen: ich gib mich schuldig an den syben gaben des heiligen geists, dasz ich die nit gehebt, geübt, oder mich darz nit geschickt hab manuale curatorum (1516) 75a; fort an leret er den glauben üben und beweisen

[Bd. 23, Sp. 62]


mit guten wercken und sünde meiden Luther vorr. an die Epheser (Bindseil 7, 453); zum andern, in der mesz ist nodt, das wir auch mit dem hertzen dabey sein, dan sein wir aber dabey, wan wir den glauben im hertzen üben 6, 230 Weim.; weyl denn nu den christen gepürt, die heyligen schrifft zu üben alls yhr eygen eyniges buch 15, 41, 17 Weim.; (du muszt) deinen glauben stäts üben J. Böhme 4, 151; Abraham, ... der durch ein stetes üben glaubens, groszmütigkeit, gerechtigkeit und lieben schon gleichsam hart gemacht G. Treuer deutscher Dädalus (1675) 1, 21;

was hast dem bräutigam verheiszen du noch mehr?
'zu üben treu und fromm sein wort und seine lehr'
Cl. Brentano 2, 573.


g) tugend üben u. ä.: wir wänen wir üben die tugend der liebe unnd ander tugenden als wir sollen. es ist aber nit war, wir üben sy mit den augen, mit dem mund und mitt den oren Keisersberg predigen teutsch (1508) 113b; sintemahl euch nie keinmahl es an gelegenheit die tugend zu üben gemangelt hat Bucholtz Herkuliskus 1; und ach! welchen unruhen ... sezet man sich oft aus, wenn man diese tugend nicht übt! Schubart leben und gesinnungen 1, 51; prüfungen und gefahren bestehen, die aus der thätigkeit hervorgehen, das ist tugend üben Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz 183; sein mannheyt, die er in Franckreich geübt hat Wickram 1, 50, 2;

thut buesz', übt lieb
Rompler v. Löwenhalt gedichte 37;

der selbig könig (Numa) zog mit seiner vernunfft das kriegisch unnd streitbar volck z frid und leret sie, wie man gerechtigkeyt üben und den göttern dienen, ehren und opffern solt Carbach Livius 7 V; wenn der general ein mensch ist, so musz er mich hören und gerechtigkeit üben Iffland theatr. werke 1, 49 (A. v. Thurneisen 2, 9); ich wiederholte, dasz wir nicht vergeltende gerechtigkeit zu üben, sondern politik zu treiben hätten Bismarck gedank. u. erinn. 2, 66 volksausg.; wer niedrigkeit übet, der ist würdig erhoben zu werden, denn da ist keine andere leiter auf den gipffel der ehre zu steigen Olearius reisebeschr. (1696) 49 (persian. baumgarten); diese strenge wurde aber nicht immer geübt Eichhorn deutsche staats- u. rechtsgesch. (1821) 1, 53; in Windsor übt die königin immer eine groszartige gastfreiheit Moltke schriften u. denkw. 6, 299; alle geschide listigkait und bösz fündigkait ist im bekant, nit umb daz er die tryb und übe! Niclas von Wyle translationen 18, 29; das welltlich schwerd ... mus unbarmhertzig seyn und für eytel güte zorn und ernst üben Luther 18, 391, 32 Weim.; geilheit und unkeuschheit üben ... ist sehr gefehrlich Aeg. Albertinus zeitkürtzer (1603) 11; Giglio sah ein, dasz geduld üben hier das beste sei E. Th. A. Hoffmann 11, 76; o, wollten euer hochwohlgeboren eine gleiche groszmut auch an mir ... zu üben unternehmen Pückler briefwechsel u. tageb. 1, 122;

wer heiszt euch dise frechheit üben?
Spreng Aeneis 5a;

die andre machten jammers voll
durch boszheit, die sie übten
Paulus Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 305;

üb immer treu und redlichkeit
bis an dein kühles grab
Hölty gedichte 186, 1 Halm;

wer nicht das heil der völker liebt
und wie Eugen erbarmung übt,
dem hat die barberey den tollen stahl gezücket
Gottsched gedichte (1751) 24;

lehr uns glauben, hoffen, lieben
schmach erdulden, demuth üben
Dan. Schubart gedichte 1, 35.


α) gegen jemanden: rede nicht übel von dem, der nicht gegenwertig ist, übe keinen zorn odder heymlichen hasz gegen yhm zwei ältest. katechismen 53; du wöllest gegen mir barmhertzigkait üben Schaidenraisser Odyssea (1537) 24b; übten stets etwas feyndschafft gegen jnen Stumpf Schwytzerchron. (1606) 723a; o HErr JEsu Christe, gib dasz meine liebe kinder ... sanfftmuth üben gegen jedermann Moscherosch insomnis cura parentum 34 neudr.; sich selbst überwinden sey der gröste sieg, und

[Bd. 23, Sp. 63]


eines siegers gröster ehrenruhm, gegen gefangene erbarmnüsz üben Lohenstein Arminius 1, 59b; sie übten nach der sitte der zeit abwechselnd grausamkeit und groszmuth gegen einander Schlosser weltg. 8, 131; 'welche macht der erde dürfte ihnen befehlen, gegen einen andern so überlegte tücke zu üben?' Freytag verl. handschrift 3, 246; sein beiszender witz, den er selbst gegen seine wohlthäter üben durfte Göthe 22, 116, 16 Weim.
β) an jemanden:

dô sprach diu jâmers rîche: iu sol verbieten got,
und allen mînen vriunden, daʒ si deheinen spot
an mir armer üeben Nib. 1218, 3;

nu sie haben an den herren allen mutwillen geübt, wie die reuber, mörder, diebe und schelcke, soll man erst eyn liedleyn von der barmhertzickeyt singen Luther 18, 388 Weim.; jhren hasz zu üben an den die des hasses wol werd weren 28, 159, 18 Weim.; weistu nicht, dasz der, welcher an einer schlangen barmhertzigkeit übet, den menschenkindern unbillich und beschwerlich fält Olearius reisebeschreib. 97 (persian. rosenthal);

die tücke, die sie an den pilgern übten
Tieck schriften (1828) 1, 231.


γ) mit, wider, bei jemandem: darnach als sie yhren mutwillen mit dem pfarrer geubet hatten, fielen sie zu dem guten bruder Henrich eyn Luther 18, 238 Weim.;

wöllen ir dann feintschafft zu ihm üben
Murner Luth. narr. 57 Scheible;

list wider einen üben, adoprar, usar qualche malizia, imganno contre alcuno Kramer (1678) 1065b; ein herr, der unbilligkeit bey seinen unterthanen übet, wird auch den, der sonst sein freund war, zur zeit des unglücks zum feinde haben Olearius reisebeschr. 8 (persian. rosenth.);

wie diesem wechter ist geschehn,
must selber ins gefengnüs gehn,
do er barmhertzigkeit wolt ubn,
bey Clawert dem verschlagen bubn
B. Krüger Clawerts werckl. hist. 62 neudr.


h) ritterschaft üben: andere so zu hof seyn, ritterschaft üben oder sonst nach hohen ehren streben buch der liebe (1587) titelblatt; geistlich umgedeutet: ritterschaft wider die feind des glaubens z üben war fornen dran Seb. Franck chronikon Germ. (1538) 146; wer nun ... eine gute ritterschafft üben will, der muß sich auff geistliche wehr und harnisch rüsten Mathesius Sarepta (1571) 94a; darumb soll ein jeder zusehen, dasz er in diser welt eine gute ritterschaft übe, den glauben behalte und ein gut gewissen L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 88 ndr.
i) ein amt üben: der graffe von Angfers mit grossen sinnen und weistum sein ampt übet Arigo decam. 126, 23 Keller; drumb sol weltlich christlich gewalt yhr ampt üben frey unvorhyndert Luther 6, 409, 31 Weim. (an den christl. adel); sie (die göttl. meerkatzen) waren sehr leutselig und übten mit einer art ordnung und abhängigkeit ihre kleine waldpolizei Voss antisymb. 137; boten des schicksals, ihr genien und erfinder, auf welcher nutzbar-gefährlichen höhe übet ihr euren göttlichen beruf! Herder 13, 373; ich kenne meine pflichten und übe sie Kotzebue 3, 40; (dasz der römische statthalter) die oberaufsicht über die stadtverfassungen ... fortan genau so übte wie bisher der römische senat Mommsen röm. gesch. 2, 48; er übte sogar aufsicht über das betragen des königs Börne 7, 144; dabei übten in allen städten die glaubensrichter eifrig ihr amt Döllinger akadem. vorträge 1, 110; die functionen des reichsamts können nach meiner auffassung nur durch den bundesrath entweder direct oder durch delegation an einen jährlich zu wählenden ausschusz geübt werden Bismarck gedank. u. erinner. 1, 48 volksausg.; zugleich schmeichelte er klug dem ... dünkel, er selber übe nur die einfache pflicht des schutzes Treitschke d. gesch, 1, 232.
k) sitte, brauch üben:

er uopte gerno allaʒ recht Meregarto 58 in Müllenhof-Scherer denkmäler3 1, 95;

einiges wurde sogar ihr zur seite auf den teppich gelegt, so dasz hier unbewuszt und gegen den sonstigen gebrauch von diesen einfachen leuten eine sitte alter völker geübt wurde G. Keller 2, 75;

[Bd. 23, Sp. 64]


christlich lagerten sich bacchanten-schaaren im thale,
hinter die mauern versteckt, üben sie alten gebrauch
Göthe 4, 122 Weim.


l) gericht, recht, strafe üben u. ä., im prägnanten sinne aus der geistlichen und aus der rechtsprosa in die dichtersprache dringend und allgemein: selig, die da üben das gerichte und gerechtickeit Luther 103, 60, 17 Weim.; desgleichen sol auch kein mensch mit dem andern recht üben und straffen, on wer das ampt hat von gottes wegen 32, 421, 29 Weim.; an all den göttern Egyptens wil ich gericht üben bibel verteutscht (Zür. 1531) 2 Mos. 12, 12; die fürsprechen und andere die das gericht yben, die eim armen mann seine sach und recht verlängern buch d. liebe 300, 4; handelst, was recht ist, und übst gericht und gerechtigkeyt, ein stündlein würt dir ewigen lohn drumb darreychen Seb. Franck sprichwörter (1545) 1, 95b; und keyner sein jagdrecht mit des anderen schaden üben solle Sebiz feldbau (1579) 561; eine solche straffe zu üben, die einen schein der ehren nach sich führe B. Schupp schrift. 557; nirgends aber sieht man weder gegen diese irrlehrer selbst, noch gegen ihre schüler strafen geübt, die denen gleich kämen, welche unsre länder verheeren Schiller 7, 194, 11; so übte herr Cyriacus sein geistliches recht A. Arnim 9, 149; in den curien ..., wo von jenen nur die familien, welche Tarquinius ... aufgenommen hatte, eine stimme geübt zu haben scheinen Niebuhr röm. geschichte 1, 385; ihr habt ... das recht eines freien bürgers erworben und geübt, sich selbst eine verfassung, ein oberhaupt zu geben Görres schrift. 2, 29; der übt schnelle justiz Bauernfeld 5, 105; bildlich: so übte die ermüdung ihr recht A. Arnim 7, 86;

nimm hin das blut, es ist für dich vergossen!
nimm hin! der papst erzeigt dir diese gunst!
im tode noch sollst du das höchste recht
der könige, das priesterliche, üben!
Schiller 12, 566 (M. Stuart V 7);

censur fordert und übt der mächtige Göthe 422, 193, 19 Weim. (maximen u. refl.); teils hatte er ... hin und wieder historische kritik üben müssen D. F. Strausz 3, 40 (leben Jesu); die kritik kann nur geübt werden durch eine freie presse und durch parlamente im modernen sinne Bismarck gedank. u. erinn. 2, 81 volksausg.; die kontrole über die ausfertigung und ausgabe der reichskassenscheine übt die reichsschulden-kommission gesetz betr. die ausgabe von reichskassenscheinen § 7 abs. 2.
m) rache üben: die andern, die das schwerd on befelh selbs nemen und rache üben Luther 32, 387, 24 Weim.; sintemahl ... der könig zu Schweden .., seines alten feindes sich auf eine zeitlang zu entschlagen und an diesem newen ... rache zu üben begierig sich befand Chemnitz schwed. krieg 1, 16, 2; hüte dich wohl, jemand zu beleidigen; denn die menschen versöhnen sich nicht, ohne vorher rache geübt zu haben Schlosser weltgesch. 7, 191; der stadt drohte ... der siegreiche einzug einer schaar von verbannten aller stände, welche nicht nur ihr geraubtes eigenthum zurückverlangten, sondern auch rache für ihre langen leiden üben wollten Moltke schr. u. denkw. 1, 182;

die bürger fundt er all gutwillig,
an dem keyser zu üben rach
Hans Sachs 8, 429, 2 Keller;

derhalben thu ich meine sach
in dein (gottes) gericht einstellen.
ich weis, du wirst wol üben rach
Ringwalt handbüchlin B 1a;

o Jakaste! was geschehn ist, wurde klar, und was zu thun:
deinen gatten, ich erschlug ihn; übe selbst die rache nun!
Platen 2, 397


n) einflusz, wirkung, macht, kraft, zwang üben:
α) wenn liebe übt ir craft Niclas von Wyle translationen 32, 28; da übet er alle seine macht und krafft Luther 28, 132, 34 Weim.; von meinen jungen leuten dagegen kann ich nur erfreuliches melden, sie paszten zusammen und wenn sie sich auch nicht liebten, das dritte wesen übt seine vermittelnden kräfte Göthe IV 29, 198, 7 Weim.; die französische sprache ... übte einen einflusz, der von ihrem werth ... sehr verschieden war Humboldt briefe an Welcker 25 anmerkung; während religion doch eine über uns selbst erhabne einwirkung

[Bd. 23, Sp. 65]


auf uns übt Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz 183; bei der macht, welche die phrase in Frankreich übt, war anzunehmen, dasz die militärischen rücksichten sich den politischen würden unterordnen müssen Moltke schrift. u. denkw. 3, 71; Rom ... diese wunderbare stadt übt noch andern zauber als ihren geistlichen J. Grimm kleine schriften 1, 71; 'o übt ihn nicht', sagte sie mit innig flehender stimme, 'o übt ihn nicht, den alten zauber, dessen gewalt ihr kennt und einst erprobtet gegen ein thörichtes mädchen' Stifter 1, 288; trotz der ungereimtheiten der komposition ... übt das stück einen eignen reiz Ludwig 5, 393;

zum andern so miszfalt mir mehr,
dasz jhr seit also frävel sehr
und übt gewalt
Fischart flöhhaz 51 neudr.;

man übt gewalt, man schindt und schabt,
einer den andern jagt und plagt Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 1, 78;

würde mich kein ohr vernehmen,
müsst' es doch im herzen dröhnen;
in verwandelter gestalt
üb' ich grimmige gewalt
Göthe 15, 309 Weim. (Faust II);

das jahr übt eine heiligende kraft
Schiller 12, 217;

weil auf mir, du dunkles auge,
übe deine ganze macht
Lenau 11 Barthel.


β) bei, gegen, über, auf, an einem gewalt üben u. ä.: darumb musz got grosse gewalt üben bey den lewthen, die nicht glewben, das got sey Luther 341, 16, 16 Weim.; Christus hat gesprochen und geordent, die bischoffe, welche itzt mehr eher, gut und gewalt haben, auch gegen ydermann üben und gebrauchen, denn weltliche könige und fürsten, sollen nicht alsso seyn 8, 502, 28 Weim.; ir wisst das die fürsten der leut herschent der iren: und die die merern seint, die übent den gewalt über sy erste deutsche bibel Matth. 20, 25; die weltliche fürsten üben gewalt über yhr unterthan Luther 102, 154, 30 Weim.; je mehr der mon schwach ist desto unkräftiger auch dise ding auf dem erdboden sein, über welche sie jre würckung übet Sebiz feldbau (1579) 324; beim bodenbau übt die form der arbeit den entscheidenden einflusz auf das herausbilden des nationalcharakters W. H. Riehl die deutsche arbeit 75; noch immer übt die tragödie der Athener ihre macht auf die schaffenden der gegenwart Freytag 14, 123 (technik d. dramas); wenn auch durch landtagsbeschlüsse ... die deutsche einheit nicht hergestellt werden konnte, so übte doch der liberalismus einen druck auf die fürsten Bismarck ged. u. erinn. 2, 26 volksausg.; ist vereinbart dasz der versicherer die kriegsgefahr nicht übernimmt, so endet die gefahr für den versicherer mit dem zeitpunkt, in welchem die kriegsgefahr auf die reise einflusz zu üben beginnt handelsgesetzbuch § 848; gleichwie aber die eltern an jhren kindern sie zur ehe zu zwingen, keinen gewalt und tyranney üben sollen, also sollen auch die kinder sich nicht widerspenstig erzeigen L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 13 neudr; der verborgne reichthum der materialien, an den die menschliche natur ihre kräfte übt Gerstenberg rezensionen 240, 35; der duft des bechers stieg auf und begann auch an mir sein zauberwerk zu üben Storm 1, 47; der zwang welchen gesunde vernunft und das eigene interesse überhaupt im menschlichen leben üben Moltke schriften u. denkw. 7, 16.
γ) vereinzelt bleibt der absolute gebrauch von üben für 'einflusz nehmen': ich habe gestern des Gutzkowschen Börne gelesen — gott weisz, es übte auf mein gehirn wie ein narkotischer trank br. von Heine an Laube 23.
G. eine weiterentwicklung des begriffes ergab sich dadurch, dasz zu dem begriffskreis 'in bewegung setzen' die nebenbedeutung der iteration oder der dauer hinzukam und so der thätigkeit der begriff des gewohnheitsmäszigen gegeben wurde. die grenze gegen A—F ist nicht immer scharf, schon die beiden alten sonderwendungen 'landbau treiben' und 'feiern' sind in einzelnen fällen durativ-iterativ aufzufassen, so wenn Notker zu ps. 80, 4 (canite initio mensis) bemerkt: daz uobent noh carnaliter iudei. zahlreicher werden sichere belege für diese secundäre bedeutungsentwicklung erst vom 15. jahrhundert ab.

[Bd. 23, Sp. 66]



1) üben, treyben oder pflegen, exercere, exercitare voc. theut. (1482) hh VIa; usitare Diefenbach gloss. 630c; versari in alqa re Maaler 413; factitare Dentzler 289b; frequenter facere Frisch 2, 397b; kopmanne de hir in dem lande de reise oven quelle bei Schiller-Lübben a. a. o.
2) bey dem du teglich ursach gnug hast solche vergebung zu üben Luther 32, 424, 32 Weim.; das jetz sy in ruw besitzen schier den halben theil der wält und on straff alle laster üben Eberlin von Günzburg schr. 1, 169 neudr.; an örten, da das ztringken vor alter here geübet, und überhandt genummen hatt Schwartzenberg teutsch Cicero 82; von kayserlichen kriegszrechten ..., welcher art, sitten, herkommen und gebrauch, under und bey regierung des ... keysers Caroli des fünfften ... geübet und gebraucht Fronsperger kriegsbuch 1a titel; ein gelehrter kommentar seze die sachkenntnisse voraus und übe die worterklärung Voss antisymb. 2, 61; die herren übten den brauch, ihre gewohnheiten ... auf die wände ihrer gebäulichkeiten malen zu lassen Keller 6, 161; drei stände des mittelalters üben nacheinander kunstgerecht die poesie W. H. Riehl deutsche arbeit 26; er ist etwas roh, übt verletzende und herausfordernde rede Scherer litteraturgesch. 140; so wurde es seit menschengedenken geübt Polenz Grabenhäger 1, 178;

wie wirt daz evangelium voracht,
wie übt der bapst eyn unvorschampten bracht
Hutten 3, 456;

loben ist noch weit nicht lieben,
ehr-wort ist kein wahr-wort nicht;
compliment macht keine pflicht,
ist bey hof ein höflich üben
Logau sinnged. 660 Eitner;

wer, wie du, nichts übte zu bereuen
Dusch vermischte werke (1754) 362;

was Epictet gethan und Seneca geschrieben
sieht man hier (i. d. Alpen) ... ungezwungen üben
Haller ged. 23;

diesz ist blosz eures hirnes ausgeburt;
in dieser wesenlosen schöpfung ist
verzückung sehr geübt Shakespeare 3, 277.


H. die durativ-iterative verwendung führte weiter zu 'gewöhnen, ausbilden, vervollkommen', d. i. durch dauernde und wiederholte thätigkeit geschickt machen.
1) mit acc. der person: einen etwarin üben und redlich brauchen alqm in alqo studio exercere Maaler a. a. o.; exercitator der einen übet Garthius 243b; einen in waffen üben essercitar' uno nelle armi, v. trillen Kramer (1678) 1065b; die soldaten im gebrauch der waffen üben, einen knaben im stylo üben Ludwig teutsch-engl. wb. 1780.
a) machten weidenflöten und holderpfeifen, stelten den kautzen auf den kloben, führten einander auf dem schlitten den berg auf und ab, vogelten und übten ein jungen sperwer Garg. 304, 14; indem wir die kinder üben, töne ... mit zeichen auf die tafel schreiben zu lernen Göthe 24, 235, 23 Weim.; Süvern übte seine kompagnie Arndt werke 1, 184; seine clavierstücke üben die faust ungemein Dan. Schubart ästhetik der tonkunst 208;

mit süszen wörter-schall, wie man sie (d. hunde) pflegt zu üben
Täntzer jagtgeh. 1, 2;

verfolgung, neid und hasz, der tugend gegen-horden,
die haben dich geübt, gewitzigt und gewiegt
Besser schriften (1732) 1, 64.


b) in etwas jemanden üben: und ist auch billich, das man die jugent in vielen sprachen übe, wer weys, wie gott ihr mit der zeyt brauchen wird Luther 19, 74 Weim.; Siegfried aber und Gotthart ... blieben die erndtezeit über bey Eckarth, der sie ... in allerhand exercitiis fleiszig übete mediz. maulaffe (1719) 115; es ist so, wie eine wölfin ein lamm fängt, fein lebendig zur höhle heim trägt, daran ihr junges im würgen zu üben maler Müller 3, 134; unter anderm versammelte er einen haufe ... leute ..., übte sie in den waffen M. J. Schmidt gesch. d. Deutschen 2, 20;

die jungfern, die so wol im lieben sind geübt,
die übt man zwar noch mehr, nur, dasz man sie nicht liebt
Logau sinnged. 286 Eitner.

[Bd. 23, Sp. 67]



zu oder an etwas jemanden üben = gewöhnen: das beste weib hat seltsame launen und taumelt unter grillen und thorheiten herum, wenn sie nicht zum gehorsam geübt wird erzähler des 18. jahrh. 1 Fürst;

und der wunsch übt in beschwerden
ans gebisz den stolzen mund
Grillparzer 1, 34.


2) eine fähigkeit etc. ausbilden, entwickeln: jünglinge deren gefühl ... man zu üben und zu verfeinern wünscht Eschenburg entwurf vorr. 2; die Rhone und Saone üben der einwohner (von Lyon) erfindsamkeit im wasser- und brückenbau Heinse 7, 53; nichts übt so sehr das nachdenken Göthe 40, 230, 19 Weim.; von einer andern seite weisz ich auch wieder keine beschäftigung welche die geisteskräfte mehr schärfte und übte Forster 8, 43; die mannschaft übte mit mütze, seitengewehr und patronentasche ausgerüstet in den zimmern unter aufsicht der unteroffiziere griffe und wendungen Stratz dienst 23; groszmutter hat gesagt, wir sollten einmal die menuet wieder mit einander üben Storm 1, 64;

männer, hart von faust,
die in Athen hier ein gewerbe treiben,
die nie den geist zur arbeit noch geübt
A. W. Schlegel Shakespeare 1, 270.


3) der reflexiven verwendung (s. u.) nähert sich der gebrauch in folgenden belegen: überhaupt sollten alle junge violinisten den kleinen finger fleiszig üben Quantz anweisung die flöte zu spielen (1789) 205; so üben sie (die kinder) zugleich hand, ohr und auge Göthe 24, 235, 27 Weim.; hingegen sollen wir unsern verstand ... in deutlichen begreifungen üben Leibniz deutsche schriften 2, 38; ich musz daher wünschen, dasz diejenigen, welche ... nicht gewohnt sind durch das prisma zu sehen zuerst ihr auge daran üben Göthe II 51, 19, 16 (chromatik); so dachte sie und übte ihr herz allmählich in dem versuche mit standhaftem muthe das opfer zu vollbringen Pfeffel pros. vers. (1810) 3, 61;

jud Mathia, die weil du jung,
solt weiszheit lehren und dein zung
üben zu der wolredenheit Endinger judenspiel 30 neudr.;

dann übt der jüngling streitend seine kräfte
Göthe 10, 116, 300 Weim. (Tasso);

zwei jahr' an deinem siegeswagen
hab' ich den hals im joch geübt
Strachwitz gedichte (1850) 213.


4) passiv: und als er bekennet das end sines lebens nahet sin, begeret er die selben sine kind in dem ackerbuw wol geübt werden Steinhöwel Äsop 259; die erste stunde nach mittag teglich sollen die kinder in der musica geübet werden, alle, klein und gros Luther 26, 237 Weim.; auf diese weise wurden alle Sachsen zu den waffen geübt Haller Alfred (1773) 69, 4; ich trat nun an wie ein rekrut, der geübt wird Chamisso 4, 314; durch unglück und noth werden unsere kräfte geübt, dasz wir gott nicht vergessen Arndt schriften für u. an s. l. Deutschen 1, 252.
5) geübt exercitatus, periclitatus Henisch (1588) 61, Maaler a. a. o.; erfahren, ἀσκηθής Garthius 243a; versatus in alqua re, assuefactus Stieler 65; crebra exercitatione habitum consecutus Frisch 397b; in adjectivischer function ganz allgemein vgl. oben th. 4, sp. 4614 f., z. b.: denn das junge und grobe volck mus man anders zihen und weisen weder die verstendigen und geübten leute Luther 26, 216 Weim.; das Reynhart ein geübter kriegszman wer Aimon o; die declamation eines vorzüglich geübten schauspielers Göthe IV 42, 29, 21 Weim.; derselbe, ein trefflicher beobachter, geübter zeichner IV 35, 28, 25; dasz es auch dem geübtesten auge schwer fiel, das erlernte von dem natürlichen zu unterscheiden Klinger werke 3, 126; schmiede, weinschröter, zimmerleute, männer mit geübten fäusten Göthe 8, 121, 13 Weim.;

disz merkte Jonadab, ein mann geübter zungen
Rachel satyr. ged. 96 neudr.


prädicativ: nicht ein jeglicher wird zur zeit der noth sich männlich halten: der geübet, mit dem pfeil auff ein haar zu schieszen, wird den harnisch eines starcken nicht durchlöchern Olearius reisebeschr. 86; aber er, nicht geübt auf einem beine zu stehen, fängt an zu

[Bd. 23, Sp. 68]


wanken Göthe 7, 195 16, Weim.; wer nicht sehr geübt ist, weisz sich nicht zu finden IV 8, 98, 7 Weim.;

gar mancher ist vielleicht dermassen wol geübet,
dasz ...
er dichten kann und schreiben, was er will
Rompler von Löwenhalt reimged. 80.


deutlich fühlbar bleibt die verbale natur in wendungen wie: die klosterleute sind darzu geübt und haben ir ordnung, wie man sich halten soll bey den sterbenden menschen Kaisersberg pred. 83b;

o son, ich bin umb dich betrübt,
zu keinem kampf bist du geübt
Hans Sachs 8, 521, 36 Keller;

man mich auch für ein kleynen musicum und solcher kunst geübten wiewol unwirdig achtet M. Agricola musica instrumentalis 7; die alten hendler, die solcher bubenstück geübt sein Agricola sprichw. 228; darumb das er in bürgerlichen rechten gelert und geübt was Schwartzenberg teutsch Cicero 66; der in dem laster so sehr geübte Klinger neues theater 1, 206 (Roderico 4, 3); allein zu lange schon darin geübt, sich jene schmerzlichen erinnerungen fern zu halten Mörike 3, 44 (maler Nolten);

wie treflich diser herr, schon alt von witz und jahren,
in allen dingen schier geübet und erfahren,
zwo königreich und so viel länder hat regiert
Rist Parnasz A 3b;

(sie) haben eyn hertz, das durchtrieben ist im geytz und sonderlich darauf geübt Luther 14, 54, 29 Weim.; in den nonnenklöstern führen, auf das spiel jeder art der instrumente geübt, die nonnen ihre musiken selber auf H. Kleist 3, 378.
attributiv bei abstr.: als geschriben steet das aufrecht christen durch gewonheyt haben söllen geübt sinn zuo erkennen guots und pösz Berthold von Chiemsee theologey 15; es ist diese rede ein zeugnisz eines aufgeweckten und in allen stücken geübten verstandes Liscow schriften 752; ein geübter geschmack allein wird nicht überall ausreichen Göthe 46, 81, 20 Weim.;

und keines irrthums trüber schein
kann dein geübtes urtheil stören
Gottsched ged. 153.


adverbiell: dasz ausz ihrem quell die heiligen bücher reiner und geübter als zuvor geschöpft und getruncken werden Opitz 4, 7.
6) auch in der bedeutung 'gewöhnen an, ausbilden für etwas' verbindet sich üben mit dem acc. eines subst. act., oder eines concretums, das für ein verbalsubst. steht: er ritt mit seinem adjutanten weit hinaus, wo seine soldaten ... felddienst übten Freytag handschr. 2, 349; besonders ein musikstück, ein instrument üben für einüben: acht tage vorher probirten wir täglich zwei stunden ... und bliesen bei tafel die geübten motetten Göthe 43, 61, 7 Weim.; häufiger ist die reflexivconstruction, s. u. II 2.
7) in der umgangssprache auch absolut gebraucht, wo sich das subst. act. aus der situation oder dem zusammenhange ergänzen läszt, z. b.: er übt beim xten regiment für 'er leistet seine waffenübung ...' oder er übt für 'er übt sich am klavier, auf der geige etc.': morgens vor und abends nach meinen unterrichtsstunden sasz ich eifrig übend am clavier Storm 10, 29; bis dem sextaner einfällt, dasz er jetzt, vor tisch, noch ein wenig üben und sein geliebtes Mendelssohnsches 'lied ohne worte' zusammenbringen kann Franz Breda im frey-haus (tägl. rundsch. 1901 unterhaltungsbeilage 685a); ich übe minimum 4 stunden täglich H. Bülow br. u. schr. 5, 408.
II. reflexiv.
A. sich in bewegung und thätigkeit setzen, sich rühren, von personen und thieren:
1)

die hant stiez er (Julianus) im (dem götzenbilde) in den munt dar,
darinne uobte sich der vâlant:
er clamte im die hant
und gehabet in sô vaste
daz er sich mit nihte relôsen mahte kaiserchron. 10 782 Schröder;

sich so fast in seinem schlaff übet, das er davon erwachet Wickram 1, 307, 25. seit dem 16. jahrhundert in der bedeutung 'sich durch bewegung oder geräusch bemerkbar

[Bd. 23, Sp. 69]


machen' nur noch in einzelnen dialecten üblich: die katze übet sich, sie maut Estor teutsche rechtsgelahrtheit (1767) 3, 1421; der soldat so auf schildwacht gestanden, hat gerufen 'wer da?', es habe sich aber niemand geübet quelle bei Vilmar 419; solte keiner hie seyn der ein schäntzge (würfelspiel) mit mir wagte umb ein halb bier? es übet sich keiner Crecelius 2, 830; wann ich mich üben dürfte, ich spräche ... ebenda; von spukerscheinungen Staub-Tobler a. a. o.
B. sich in bewegung, in thätigkeit setzen mit zweckabsicht, sich plagen, sich abmühen.
1)

früh übt sich, was ein meister werden will
Schiller Wilhelm Tell 1481;

und unterdesz hatten sich die edlen ritter und die löwin so sehr geübet dasz sie den übrigen theil der heyden auch erleget hatten buch d. liebe (1587) 29a; Roland nam den stein, nötet und übet sich gar fast und warf dem Ponto für ebd. 33c;

zeig ihm an mein gebot hiebey,
nemlich das er vom krieg absteh,
dem feind nicht mehr entgegen geh,
so lang fürst Agamemnon theur
sich also übet ungeheur
Spreng Ilias 114b, XI;

ist's Momus der in städtischen gewühlen,
ein satyr, der im feld sich üben mag?
Göthe 16, 211 Weim.


2) von geistiger beschäftigung: sich befleiszigen, fleisz darauf legen Emmelius N n 7a; ein pfarrher oder prediger sol studirn und unter allerley bücher sich üben, so gibt jm gott auch verstand Luther randbemerkung z. Jesus Syrach 39, 1 Bindseil; die wyl sie sich übent ain krankhait ze vertryben, so machent sie zehen Stainhöwel speculum vit. hum. 334, 12; die sich als mitler zwischen der stat und dem rat geübt hatten städtechr. (1488) 3, 154, 11; der bapst Bonifacius übet sich hoch, ob er möcht Albertum vom reich stoszen Seb. Franck chron. Germ. (1538) 192; Carolus übet sich träffenlich, die eydgenossen mit h. Albrecht von Oesterreich zu befridigen Stumpf Schwytzerchron. (1606) 103b;

wir müssend uns des allweg üben,
dasz wir gewünnend land und lüt
N. Manuel 68 Bächtold;

thu nicht, das dich hernach betrüb,
und wol zu thun, dich stetes üb
B. Waldis Esopus 1, 13.


3) sich üben in etwas: sich üben, dummelen, nervos in aliqua re adhibere Henisch 765; versari in aliqua re, operam ponere in exercitatione multum esse in re aliqua Frisch deutsch-lat. wb. (1741) 397c.
a) darumb dur dich selber nit, dich zu üben im gottes weg Geiler bilgersch. (1512) C Ic; heilsame wisheit unde gudt verstandt werden kriegen, de sick in gades willen övent Rotmann restitution 21 neudr.; den (Christum) fasset wol und übet euch wol in im Luther 342, 375, 25 Weim.; in den stetten solten sie mit einander convent und gastung halten und im frid sich üben Seb. Franck chron. Germ. 86; der kaufmann, der gute perlen sucht, bedeut den menschen, der sich lang im gesetz und den propheten geübet und hart umb seine seligkeit bekümmert hat Heyden Plinius (1565) 377; und in seinem gsatz übet er sich tag und nacht Zürcher bibel (1531) psalm 1a; wohl denen, die vor gott stets ohne wandel seyn, und die sich im gesetz des herren täglich üben B. Schmolcke trost- u. geistr. schr. 1, 990;

lieben jünger ...
in meinen gepottn thuet euch üben altd. passionssp. 377 Wackernell.


b) do er mit weistum ein redlichs leben füret, und sich übet und prauchet in grossen gescheften Arigo decam. 73, 3; wann ich aber eyn aufmerckung hab, ... wie weislich, mit was vortheyl unnd hoher vernunft Scipio sein anschlag gemacht, wie mannlich und ritterlich er den nachkommen und die mit werken volstreckt und vollendet hat, das dienet eynem jeden, der sich in ritterlichen oder weltlichen sachen üben soll und musz Carbach Livius 1; die personen so sich üben in diser comedien Boltz Terenz deutsch (1539) 2a; es hat sich zwischen diser zeit gar ernstlich geübet der obgenant

[Bd. 23, Sp. 70]


abt Ulrich zu Kaisershaim in seinem befolchen ampt, dasz gotteshausz an personen, gut, gebeu und anderm wol gepessert und gemeret Knebel chronik von Kaisheim 17; worüber er dermassen entzückt schien, dass er sich allbereit in verliebten minen übte Ziegler asiat. Banise 83; unterdessen wollen wir uns in der geduld üben bis sie kommen Schubart bei Strausz 1, 24;

also wer sich in untrew übt
und manich mutterhertz betrübt meisterl. f. 23 nr. 233;

wo sich ein mensch in leidt thut üben
sol man in weiter nicht betrüben
Hans Sachs 14, 23 Götze;

wir übten, nach der götter lehre,
uns durch viel jahre im verzeihn:
doch endlich drückt des joches schwere,
und abgeschüttelt will es sein
H. Kleist 2, 433 (Hermannsschl. V 14).


4) sich üben mit etwas: facite i. e. danckt und ubet euch mit der eusserlichen heilickeit, i. e. facite bona opera Luther 27, 303, 19 Weim.; und leret ettlich sonderliche werck damit sie sich üben und blewen sollen 18, 214, 4 Weim.; die ruderer sassen auf beyden seiten und übten sich indessen mit vielen hin- und wiederfahren biss zu des käysers ankunft Ziegler asiat. Banise 248; Apollo und sein liebling Hyacinthus übten sich mit der wurfscheibe Ramler fabellese 3, 243;

der winter wärmet uns das blut,
indem wir uns mit arbeit üben
Weckherlin 2, 393;

sich üben dort mit schwimmen viel
in schnee gefärbte schwanen
Spee trutzn. (1649) 124, 18, 5.


5) an etwas sich üben: daz si sich denne werdent üebende an allen guoten werchen Grieshaber pred. 2, 40; wann er niemand hat zu äffen, so übt er sich an mir Harsdörffer frauenzimmergesprechspiele 5, 157; wenn der magen tüchtig denkt, und sich an speisen übt, und immer neue fordert, ... so steht der kopf unter der vormundschaft Tieck 5, 49 (Blaubart II 1); und fand ... an vielen orten der stadt noch mehr alterthümer, an denen ich mich, sobald ich in der werkstatt frei hatte, beständig übte Göthe 43, 34, 2 Weim.; igel sollen die nachtzeit durch, wo sie sich rühren dürfen, an dir sich üben, zwicken soll dich's dicht wie honigzellen Shakespeare 3, 31; die nationalschuld, die commerz-traktaten ... waren dies jahr die hauptgegenstände, an denen sich die rüstigen controversfedern übten Forster 6, 22;

und übe, dem knaben gleich,
der disteln köpft,
an eichen dich und bergeshöhn
Göthe 2, 76, 3 Weim.


6) im 16. jahrh. auch mit gen. object: und wenn eur majestät lust hett, sich eines kampfs mit mir zu üben Ayrer 2, 1371, 20 (Valentin u. Ursus II); also werden sy auferzogen, seind gemeynklich gute springer, dann sy üben sich von jugent auf in dem sand umbbürtzlende laufens und springens Seb. Franck weltbuch 202b.
7) zu, nach etwas sich üben: ain aufrechter christ übet sich stäts zu guoten werchen, auf das er allzeyt gerechter werde Berthold von Chiemsee theologey 36; ich wil mich üben nach dem soldan, das er mein gefangner würdt Octavian 1.
C. bei unpersönlichem subject, das oft das ergebnis der handlung darstellt: 'in erscheinung treten, geschehen'. schon mhd.:

vil maneger frouwen ungemach
sich uobte, diu noch slâfes pflag
Biterolf 9665;

von gotes gebot begunde sich trüben
daz mer, und die winde so starche üben,
daz daz schiffel mit wazzer was nahen bedaht biblische bilder in z. f. d. alt. 23, 369 v. 321;

in viertzig tagen ist es zeit,
das im dann got das leben geit,
und wirt der gaist in im entzünt,
das sein die fraw dann wol empfindt,
so sich das leben by ir übt,
dardurch ir hertz wirt oft betrübt
Hätzlerin liederbuch 287;

[Bd. 23, Sp. 71]



ob unfal ie wil üben sich,
das ich mein schatz musz meiden
den ich erwelt hab stetiglich,
das musz ich ye doch leiden
Forster frische teutsche liedlein 44 neudr.;

Vlysses thet auf seinen mund,
sprach: Agamemnon dir sey kundt,
das noch Achilles ist betrübt,
bey ihm sich rach und zoren übt
Spreng Ilias (1610) 123a IX;

diser sterbe (das hinsterben der pestkranken) übet sich in sölcher masse, das es sich oft begabe Arigo decam. 7, 10; auch vil der turkischen tiranney, die sich dieser zeit sonderlich beschwerlich wider die christenheit übet quelle (1522) bei Diefenbach-Wülcker 879; was wer das für ein glaub, wann ich hin gieng und het keyn zappeln noch zagen im hertzen, da durch sich der glawb üben solt? Luther 12, 499, 28 Weim.; damit fieng sich der krieg an auch auf dem wasser üben Stumpf Schwytzerchron. (1606) 735a.
in der neueren sprache nur in beschränkter verwendung: thätigkeit kann sich zur noth auch in gedanken als vorbereitung zum handeln üben Pückler briefwechsel u. tageb. 2, 328; hier kann sich nun critik der sage üben J. Grimm kleine schriften 2, 73; während der orient von grossen völkerstürmen ... durchaus umgewälzt worden, hatte es hier zwar wohl immer kriege gegeben, in denen die kräfte sich regten und übten Ranke 1, 155 (dtsch. gesch. i. zeitalt. d. ref.)
D. sich geschickt machen, sich vervollkommnen, wie in den trans. wendungen aus der nebenbedeutung der dauer oder iteration erwachsen; in der neueren sprache ganz allgemein:
1) Sokrates sagt: jünglinge müssen sich belehren lassen, männer sich üben richtig zu handeln Bode Mich. Montaignes ged. u. mein. 2, 184; ja, wenn man sich geübt hat, so lassen sich die beiden entgegengesetzten farben zugleich erblicken Göthe II 1, 19 (farbenlehre); weil sie glaubte, dasz alle neigungen überwunden werden müszten, so übte sie sich so lange, bis sie ... Jung Stilling 6, 16; in anwartschaft seines höheren amtes übte er sich, als sämann den göttlichen samen in wohlberechneten würfen auszustreuen und das böse in gestalt von wirklichem unkraut auszujäten Keller 1, 17; ich sprach sogar laut, wie ein sich übender prediger H. Hesse diesseits 102;

wir spotten nur der dummen list
des ceremoniells, ...
das, in gestalt und tracht dem wohlstand nachzuahmen,
oft, doch mit schlechtem glück, sich vor dem spiegel übt
Ebert episteln u. vermischte ged. (1789) 57;

übten sie sich dann daneben,
auch von sonnenschein und regen,
wie die pflanzen ganz zu leben
Rückert 1, 241.


2) in etwas sich üben: wer sich etwas angewöhnt, wiederholt eine und dieselbe sache sehr oft, aber weder nach regeln, noch zu einem bestimmten zwecke; wer sich worin übt, der wiederholt eine und dieselbe handlung nach regeln und zu einem bestimmten zwecke Delbrück (1796) 42; er soll sich lange zeit hindurch vor dem spiegel in seiner ehrwürdigen magistratsmiene geübt haben Rabener 2, 282; um mich nun hierin zu üben, zeichne ich mir oft portraits von menschen nach meinem ideale auf Knigge roman meines lebens (1781) 2, 29; obgleich ich mich schon ... im knotenlösen so geübt hatte, dasz mir so leicht nichts zu sehr verknüpft war Hippel lebensläufe (1778) 1, 99; (Philine) begegnete ihm mit einer gewissen anständigen freimüthigkeit, in der sie sich bisher geübt hatte Göthe 21, 303, 26 Weim.;

comödiä grossen nutzen haben,
darin sich üben junge knaben
in lernen, reden und auszsprechen
Gilhusius grammatica (1597) prol. 10;


3) auf oder zu etwas sich üben:

er starb
wie einer, der sich auf den tod geübt,
und warf das liebste, was er hatte, von sich,
als wär's unnützer tand Shakespeare 9, 286 (Macbeth I 4);

[Bd. 23, Sp. 72]



besuche mich recht oft, mein alter freund,
des abends so, wenn du nichts mehr zu thun,
da wollen wir uns dann auf lieder üben
Tieck 2, 161 (Genoveva);

das die menschen nit auf einen tag säufer werden, sonder so sie ... zur gewonheit des saufens sich üben Ambach vom zusauffen E IIIa (Augustin 5, 2306 Migne sermo 294, 7); übe dich zur gottseligkeit, exercise thy self unto godlines Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1780; übe dich zum tüchtigen violinisten Göthe 24, 50, 28 Weim.;

die jugendliche stirn übt sich zu finsterm grimme
Cronegk schrift. 2, 109 (das glück der thoren);

du übest dich früh zu deinen gefahren
Herder 26, 79;


E. als landschaftlich übliche sonderbedeutung ist anzumerken: sich üben soll man nach Bergm. anzeige, von personen sagen die sich lieben Hupel idioticon (1795) 243.
III. der substantivierte inf. findet sich nur in der bedeutung 'einüben' häufiger, in der ursprünglichen bedeutungssphäre selten: dis schiff fert in disem sorglichen wütenden mere diser engstlichen welte. die alwege in ainem üben und wüten ist Tauler sermones 110b;

hertzlich hassen, mündlich lieben,
ist der menschen meistes üben
Logau sinnged. 655 Eitner.


IV. das part. praes. in attributiver function: ein übend leben, vita activa, bei den mystikern wiederholt z. b.: durch Martham würt verstanden das übend oder würckend leben und durch Mariam Magdalenam das schowend leben. was ist, sprichst du, ein übend oder würckend leben und worinn stot es? ich antwurt kurtz: es stot in übung der sechs werck der barmhertzigkeit Keisersberg post. 4, 17b; das schauwend leben übertrift das übend pred. 28a; ähnlich: welch ein früh wissendes und spät übendes geschöpf ist doch der mensch! Göthe 31, 56, 10 Weim.;

dasz aber euch des höchsten hand
noch ewer land nicht wider geben
sondern will euch in frembdem land
noch länger übend lassen leben
Weckherlin 2, 236.

fröhlich folg' ich dem heer' in übende waffengefilde
Salis gedichte (1793) 86.


 
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üben, adv., jenseits, n-ableitung zu dem alten stamme, der in auf, ob und über vorliegt; gehört zur wurzelsippe, die an sanskr. upa anschlieszt. der gebrauch war zu allen zeiten landschaftlich beschränkt. allgemein gebraucht dagegen die compp. z. b. hüben, herüben, drüben (s. d.), vgl. auch Schmeller 1, 18; Martin-Lienhart 1, 9.

 

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