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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
übelsein bis übelstehend (Bd. 23, Sp. 44 bis 46)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) übelsein, n., unwohlsein, krankheitsanfall, gegensatz: wohlsein: davon hängt mein wohlsein oder übelsein ab Hilpert 633b; halff dieses dermassen zu seinem übelseyn, dasz er eine geraume zeit ganz wie aus sich selber bliebe und sich auff ein ruhebett niederlegen muste A. U. v. Braunschweig Octavia 5, 316; dort nöthigte uns ein übelseyn Lavaters auszusteigen und einzukehren Göthe IV 34, 102, 20 Weim.;

im augenblick nach dem verbotenen genusz ...
verspürten sie kein übelseyn, kein zittern
Baggesen 4, 203,


 
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übelsichtig, adj., strabo scheyl, uber-, ubilsichtig Diefenbach nov. gloss. 349b.
 
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übelsinnig, adj., lippidus Diefenbach nov. gloss. 236b;

zum gerichte rief der frühling.
denn mit strenge zu verfahren
gegen ketzerisch verstockte,
übelsinnige verzweiflung
haben seine heiligkeit
bei der sonne glanz geschworen
Gottf. Keller 9, 44.


 
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übelsprache, f., maledictio Diefenbach gloss. 344c ; vgl. Graff 1, 94.
 
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übelsprechen, v., vbelsprechen hinderclaffen obtrectare voc. theut. (1482) hh 5b; maledicere Diefenbach gloss. 344c; meist mit dat.: zgeschweigen dasz mir ... menigklich derhalb wurde übelsprächen Schaidenraisser Odyssea (1537) 6b; mit acc.:

und dasz du sprichst, du sigest von gott,
dar umb wend wir dich übel sprechen
und die sach hie an dir rechen
Mone schausp. d. mittelalt. 2, 230, 1154;

frau, sagte ich zu ihr, das sey ferne, dasz ich euern schmertz übelsprechen sollte Bohse 1001 nacht (1711) 188.
 
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übelsprecher, m., maledicus Diefenbach gloss. 344c.
 
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übelstand, m.
1) indecorum, inhonestas, indecentia Maaler (1561) 441b; das sich übel schickt Hulsius (1605) 143a; ein ding das nicht wohl stehet und sich nicht ziemet

[Bd. 23, Sp. 45]


Stoer (1650) 494b; unziemung Stieler (1691) 2646; in dieser bedeutung noch in den wbb. des 18. jahrhunderts z. b. Hederich 2395, Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1779, Chomel 8, 2191.
a) pfuy euch jr vnflätter, die jr vbelstand für zucht halten, den tod leben haiszt Joh. Nas das antipap. eins und hundert 4, 342b; Weibhold vnd ich schwiegen stille, ... zumahl weil es vnsers achtens ein rechter vbelstand ist, wo bey löblicher gesellschaft die jüngere den alten im reden wollen vorgehen Moscherosch ges. (1650) 2, 281; wasz man vor disem für eine schand gehalten, ist nunmehr eine ehr: wasz ein übelstand gewäsen, steht ietz- und am bästen Rompler v. Löwenhalt reimged. Oo iiij; das römische frauenzimmer nahm sich, bisz zum übelstande seines rechts an Haller Fabius u. Cato 136; vermutlich hatte sie allen ihren ... stolz zusammengerafft, um eine leidenschaft zu unterdrücken, deren übelstand sie sich selbst unmöglich verbergen konnte Wieland Agathon 1, 304; der geringste übelstand auf der kanzel, ist ein flecken auf deinem weißen kragen Hippel lebensläufe 1, 341; was wissen wir nicht alles zur entschuldigung von fehlern und übelständen vorzubringen Ebner-Eschenbach 1, 84;

gleich wie es wer ein übelstand
wann einer wolt im teutschen land
auf türckisch gehn herein gekleidt,
welchs in der Türckey sich wol treit
Fischart ritter v. Stauffenberg 277 Hauffen;

nie bringst du mich zu solchem übelstand,
dasz auf ein weib ich meinen degen richte
Gries Bojardos verl. Roland 3, 93.


b) miszachtung, geringschätzung: der viel römische sitten an sich genommen hatte, die zu keinem übelstand gereichten A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 158;

das thu du nicht mein lieber Christ,
denn solches ein recht diebstal ist
und gibt bey leuten in dem landt
verachtung und groszen übelstandt
Ringwalt lauter wahrheit 40.


2) deformitas Kirsch (1723) 297b; häszlichkeit, körperlicher fehler; das macht einen übelstand hoc non nullam adfert deformitatem Steinbach 2, 671; die reyhen und glieder müssen aus einer von statur egalen mannschaft bestehen, denn die ungleichheit derer neben einander stehenden personen verursacht einen nicht geringen übelstand Fleming d. vollk. t. soldat 217; haar-zange ist ein subtiles instrument ..., womit das frauenzimmer die haare ausziehet, so an den augenbraunen hervor stehen und einen übelstand verursachen Chomel ökon. lex. 5, 16; ich kenne eine dame, und zwar eine der vornehmsten, welche eben der meinung ist, das käuen mache einen unangenehmen übelstand, der ihrer anmuth und ihrer schönheit viel benehme Bode Mich. Montaignes ged. u. mein. 5, 240; aller übelstand des körpers wurde behutsam vermieden Winckelmann 11, 5 (über nachahmung); in seinen beziehungen zu frauen hatte er ohne unterlasz diesen übelstand (körperliches gebrechen) zu empfinden Varnhagen v. Ense tageb. 1, 30.
3) krankheit, schmerz: da der übelstand (das podagra, das die gerechtigkeit hatte) fast täglich zugenommen Stoppe Parnasz 318; konnten also wohl die empfindungen des thierischen wohl- oder übelstands geistige empfindungen seyn Schiller 1, 146; seine gemahlin, mit der er sich in sehr frühen jahren vermählt, erweckte ihm durch körperliche übelstände und unangenehme gewohnheiten eher widerwillen Ranke 4, 186; der oberst ... litt an den übelständen einer alten wunde Storm 6, 139; dann erweitert 'unbequemlichkeit': es sind auch einige (worte) von unangenehmem klange oder lauten lächerlich, oder geben sonst einen übelstand und widrige deutung Leibniz deutsche schr. 1, 477; nur einige wenige alte machen einige ausnahmen, ... den übelstand des dreyfachen t zu vermeiden Adelung umst. lehrg. d. dtsch. spr. 2, 738; auch ist grosz-oktav darum besser, weil die zeilen sich darauf nicht brechen, welches bey dem kleinen format ein mir unerträglicher übelstand ist Lessing 18, 301.
4) fehler: der gleichen übelstand (grammatischer fehler) ist ... nicht zu befördern Butschky hochd. kanz. 67; so halte ich meines teils es für den gröszten übelstand, dasz Ottmar statt einer in allen teilen zum ganzen sich

[Bd. 23, Sp. 46]


ründenden erzählung, nur vielmehr eine reihe bilder geliefert hat E. Th. A. Hoffmann 9, 91.
5) unglück, res adversa Dentzler clavis linguae lat. (1716) 293b; theils, dasz er sich der guten gelegenheit, die ihm an die hand gegeben wird, gebrauchet in wol- und übelstand, in glück und unglück Widmann Fausts leben 247 Keller; theilnehmung an dem wohl- und übelstand unserer nebenmenschen Lavater verm. schr. 2, 366; dieses bild sol einen verdorrten ulmenbaum umgreiffen, der mit einem weinreben umwunden ist, zu bezeichnen, dasz die freundschaft auch in dem übelstand unverwelkt sol beharren Harsdörffer frauenzimmergesprechsp. 7, 45; daher dan nicht unbillig ausz gerechter verordnung des erzürnten gottes entstehet so manches unglükk, enderung, unheil und übelstand Schottel friedens sieg 11 neudr.;

befällt uns übelstand,
so beut du uns die hand
A. Buchner bei Fischer-Tümpel kirchenl. 1, 491;

der gaben leichte schalen
wiegt auf mein schwerer wundsch: dasz, weil der sonnen strahlen
erwärmen diese welt, euch treff' kein übelstand!
P. Fleming deutsche gedichte 1, 122;

von gott kommt wohl- und übelstand,
ohn ihn mag nichts geschehen
Schmolcke trost-schr. 1, 610;

besonders von der armuth, gegensatz 'wohlstand': Germania gibt seer vil arms volcks und bettler, so ein verthon volck, das es meer ausz seinem müssigang und stätem zeren und wolleben an bettelstab kummen ist, dann ausz übelstand des lands Seb. Franck weltbuch 47a; unzarte anspielungen auf einen »brodesser mehr« konnten um so weniger ausbleiben als Erhart's wohlstand sich in übelstand verlor Holtei erzähl. schr. 18, 163.
6) miszstand socialer oder politischer art: wir nun über diesem gesambter löbl. eydgenoszschafft dermahligen übelstand und die ... trennung ein sonderliches mitleiden tragen Harsdörffer teutscher secret. 2, 438.
7) 'nachtheil, mangel', ganz allgemein in der geschichts- und gelehrtenprosa, sowie in der zeitungssprache des 19. jahrhdts.: auch in bezug auf die handhabung des bürgerlichen rechts scheinen manche übelstände obgewaltet zu haben Raumer gesch. d. Hohenst. 5, 205; dieser wassermangel ist ein groszer übelstand, besonders im hohen sommer Auerbach dorfgesch. 2, 4; mittel, die übelstände, die aus dieser absonderung des herrschers hervorgehen muszten, wenigstens einigermaszen abzustellen Ratzel völkerkunde 2, 201; wie aber dann, wenn diese stimmen sich bei irgend einer frage nach ihrer gleichzahl trennten? ein übelstand, den man damals bei allen deliberationen geflissentlich zu vermeiden suchte Ranke 3, 281; ein zweiter übelstand, welchen ich auch nur durch den zunftzwang beseitigen zu können glaube, ist die maszlose concurrenz Bismarck pol. reden 1, 140.
 
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übelständig, adj., unschicklich, s. DWB übelstand 1; (die weisen) lernen, sich vor den übelständigen sitten (der narren) hüten Harsdörffer schaupl. lust- und lehrr. gesch. 2, 393; uns bestürzet der übelständige aufzug (in dem ihr erscheint) kunst über alle künste 112, 15 R. Köhler; obwohlen diesem übelständigen teutschen sauffwesen bereits hiebevor in verschiedenen reichs-abschieden ... zu steuren gesucht worden anatome joco-seria (1667) 28. praed.: vermuthlich hat Julius der kaiser gar fein zu wählen gewuszt, was in schreibung eines tapferen werckes wol- oder übelständig sey Rompler von Löwenhalt reimged. Oooo ij.
die andern (pferde) aber sind ungleich schädlicher, übelständiger und beschwerlicher, wenn ... ein kurtzer halsz gar keinen bogen machet oder machen kann Hohberg georgica curiosa aucta (1715) 3, 8, 94b.
 
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übelständigkeit, f., dass. wie übelstand 1: also ist es leyder ... nunmehr dahin kommen, dasz bey administrirung der gerechtigkeit sich hauptsächlichen dreyerley mangelhafftig- und übelständigkeiten befinden ana tome joco-seria (1667) 50.
 
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übelständlich, adj., häszlich Schottel haubtspr. 961.
 
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übelstehend, adj.
1) unglücklich, zu übelstehen, vgl. oben übel und folgenden beleg:

[Bd. 23, Sp. 47]


lasz dir unser langes übelstehn
einmahl endlich doch zu hertzen gehn
Morhof unterr. 1, 786;

ich glaub auch das, so Christus noch yetzo auff erden in fleisch lebte, so würden im nicht allein die juden und heyden, sondern wir christen alles übelstehend wesen dieser welt zmessen Kirchhof wendunmuth 1, 293.
2) unziemlich: sed peccaturo obsistat tibi filius infans, sol dir wehren und im liecht oder wege stehen, wenn du etwas übelstehendes begehen wilt Corvinus fons lat. (1646) 797; hieraus erlernen wir zugleich, warum es nicht nur etwas übelstehendes, sondern der höchste grad der thorheit und gottesvergessenheit wäre, wann ein poet gott blutrünstig und verwundet vorstellen wollte Bodmer v. d. wunderbaren 62; selbst das bessere und vorzüglichere wird übelstehend, wenn es nachgemacht, nicht natürlich ist Garve anmerk. zum 1. buch v. Cic. de off. (1783) 147.

 

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