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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tyrannenthron bis tyrannisch (Bd. 22, Sp. 1985 bis 1988)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tyrannenthron, m., 'herrschersitz' (zu tyrann B 1):

nicht deutsches herzens, erbe des julischen
tyrannenthrones, gab er (der Franke) zur armengift
den freiheitssang altdeutscher tugend
J. H. Voss s. ged. 3 (1802) 30;

sie (Eccho) horchet am tyrannenthrone
ganz seelenlos, doch immer wach,
und schreiet im posaunentone
die tollste schmeichellüge nach
Tiedge w. 5 (1827) 82;

im poetischen bild:

was hilfts, dasz wir religion
gestoszen vom tyrannenthron?
Göthe I 16, 402 W.


 
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tyrannentöter, m., wie tyrannenmörder (s. dort); in den wörterbüchern des frühen nhd. u. ndl. als wiedergabe von 'tyrannoctonus' bzw. 'tyrannicida' bezeugt: tyrannen doder schat d. neder-duytscher spr. (1573) Hh 4c; tyrannen töder Calepinus ling. VII (1579) 1592; in fester komposition: tyrannentödter Hulsius-Ravellus ditt. (1616) 563; Schönsleder prompt. (1647) Kkk 5a. seit dem 18. jh. vereinzelt auch in literarischem sprachgebrauch: unter allen tyrannentdtern ... bin ich der einzige, der mit einem streich zwey bsewichter aus der welt geschaft hat Wieland Lucian 6 (1789) 246; tyrannentödter in der deutschen literatur, zu einer zeit, wo es gar keine tyrannen gab, wo unter die fürsten das bestreben nach humanität gekommen war Göthe gespr. 2, 336.
 
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tyrannentum, n., vereinzelte suffixbildung zu tyrann (vgl.tyrannenschaft); 'despotismus':

... ein vorspiel machen sie,
als sollte die stadt tyrannenthums wahrzeichen sehn!
Droysen Aischylos (1842) 94;

[Bd. 22, Sp. 1986]


der Potsdamer geist mit seiner polternden bildungsfeindlichkeit, seinem knausernden und barbarischen tyrannentum, schien in der (von Wilhelmine v. Bayreuth dargestellten) gestalt Friedrich Wilhelms I. für immer gebrandmarkt Klaiber d. dt. selbstbiogr. (1921) 41. —
 
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tyrannenverhängnis, n., 'tyrannisch über jem. hereinbrechendes verhängnis' (zu tyrann B 4 c α gebildet): aber ich poche dem tyrannen-verhängnisz Schiller 2, 198 G.
 
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tyrannenvertreiber, m., euphemistisch für tyrannenmörder: das ... ertzt, woraus der zweyen tyrannenvertreiber des Harmodius und Aristogitons säulen gegossen (waren) Lohenstein Arminius 1 (1689) 339b;

ihr rüttelt an dem königspalast
mit unverdrossenem mute,
ihr baut ein neues haus mit hast
und schreit zum kitt nach blute.
doch ist es fertig das neue haus
nach manchem saueren tage,
der Bonaparte bleibt nicht aus,
der's stürzt mit einem schlage!
...
so kommt es, ihr männer des ewigen nein,
so kommt's, ihr tyrannenvertreiber
Strachwitz ged. (1891) 177.


 
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tyrannenwillkür, f., 'launische willkür eines despoten':

der freyheitsbaum erstickt der liebe blüten;
sie traue nimmer der tyrannenwillkühr
ihr leben an
Platen dramat. nachl. 6 Petzet;

der ausbruch der revolution lockte den unsteten mann (Friedrich v. d. Trenck), der sich auch als ein opfer der tyrannenwillkür fühlte, nach Paris Klaiber d. dt. selbstbiogr. (1921) 51. —
 
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tyrannenwut, f., 'in despotischer willkür sich austobender zorn eines tyrannen (B 1)': dasz die zärtlichkeit noch barbarischer zwingt als tyrannenwuth! Schiller 3, 479 G.;

kein tropfen ...
des blutes ...,
vergossen für tyrannenwuth,
für sklaverei, für meuchelei?
Arndt w. 4, 224 R.-M.;

dein (des bürgerkrieges) vater ist tyrannenwuth,
die mutter grimme bürgergluht
Uhland ged. (1898) 2, 220;

im poetischen bild (zu tyrann B 4 c α):

des miszgeschicks tyrannenwuth
beugt nie des edeln haupt
Matthisson schr. 1 (1835) 232;

vereinzelt auch zu tyrann B 2 c gebildet: und Unrat fühlte, wie ihm schwindelnd seine wut zu kopf schosz, seine von angst durchjagte tyrannenwut H. Mann blauer engel (1950) 107.
 
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tyrannigkeit, f., s. unter tyrannischkeit.
 
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tyranniglich, adv., s. unter tyrannischlich.
 
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tyrannin, f. , gewaltherrscherin, despotin; in älterer schreibung auch tyranninn (Gellert s. u. 3 b; Götz s. u. 2 b; Lessing s. u. 1) und tirannin (Schiller s. u. 2 a). femininbildung zu tyrann (s. dort unter B u. vgl. ä. dän. tyraninde sowie engl. tyranness, span. tirana u. poln. tyranka), die seit dem 16. jh. nachweisbar ist und im wesentlichen den bedeutungen des grundwortes folgt. Adelung ist sie nicht geläufig, er betrachtet tyrannin als neubildung Klopstocks: 'am gewöhnlichsten wird dieses wort (tyrann) von beyden geschlechtern gebraucht, indessen hat doch Klopstock die tyranninn gewagt, welches wenigstens erträglicher ist, als die tyranne eines andern schriftstellers' wb. 4 (1801) 727.
'gewaltherrscherin, despotin'.
1) im eig. sinne (zu tyrann B 1); bei Luther mit dem beisinn des illegitimen, 'usurpatorin' (auf 2. kön. 11, 1 f. bezogen): zur zeit der königin Attalia, sechs gantzer jar, kein son David auff seinem stuel sas, sondern sie selbs Attalia die tyrannin, denn sie hatte allen menlichen samen im hause David erwürget 53, 474 W.; die unschuldige kaiserin eine tyrannin heissen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 271; die tyranninn (Elisabeth)

[Bd. 22, Sp. 1987]


müsse sterben; ihr name sey allgemein verhaszt; ihr tod sey eine wohlthat für das vaterland Lessing 10, 39 L.-M.;

tyrannische werkzeuge der tyrannin (Turandot),
zerfleischt mich, tödtet mich, ich (Barak) will es dulde
Schiller 13, 431 G.

gelegentlich auch für eine grausam und gewalttätig vorgehende erobererin: und weil die tyrannin (Margarete Maultasch) gesehen, dasz es unmöglich, (schlosz) Osterwitz zu begwaltigen(!), hat sie demnach, in der zeit der belagerung, den armen bauersleuten in den dörfern, mit brennen, rauben, morden und andern gewaltthätigkeiten nicht geringen schaden zugefügt Grimm dt. sagen (1891) 2, 119.
2) schon früh auch sonst für jede despotisch auftretende gebraucht, vgl. die entsprechenden bedeutungsgruppen von tyrann B 2.
a) als abschätzige bezeichnung der ehefrau, (stief)— mutter u. a., die einem hauswesen despotisch vorstehen (vgl. haustyrannin W. Raabe s. w. I 5, 2 Klemm; Storm s. schr. [1868] 7, 163): diese ist rechtschaffen seine fraw vnnd tyrannin Barth weiberspiegel (1565) m 2b; öffentlich ehrt, liebkoszt sie ihn, ins geheime macht sie seine fürchterliche tirannin Schiller 15, 1, 202 G.; die tyrannin des vaters (zweite frau) Holtei erz. schr. 35 (1866) 57; diese person (Cölestines tante) scheint die tyrannin des ganzen hauses zu sein, ist gegen Cölestinen hart, gegen die gnädige frau schwägerin höhnisch, gegen die dienerschaft hochfahrend ebda 16 (1862) 70; (aus lauter rücksicht auf den gatten) ist sie an den kindern schier zur tyrannin geworden Wassermann Etzel Andergast (1931) 280. gelegentlich in scherzhafter anwendung: und nun stelle dich daher, liebliche tyrannin meines zerschlagenen gemüths (für die ehefrau), zu den zwey glücklichen (neuverlobten) Iffland theatral. w. (1827) 4, 321.
b) für die kaltherzige geliebte:

brich, o herz fromm,
stirb fromm der süssen tyrannin ab!
Herder 25, 289 S.;

er (d. liebende schäfer) schleppt den matten leib vor der tyranninn haus
Götz verm. ged. (1785) 2, 149;

so lebt nur, marmorbusige tyrannin! Shakespeare (1797) 2, 296.


c) für eine gegen ihre umgebung despotisch auftretende, sie in launischer willkür tyrannisierende: verkrüppelt, häszlich, eigensinnig, wurde sie (Mathilde v. Buchau) zur tyrannin der ihrigen so wie aller umgebungen Holtei erz. schr. 6 (1861) 75; kann ich mit diesem (zartfühlenden) herzen die freundin einer tyrannin sein, der die höhere weiblichkeit ein fremdling ist? Ludwig ges. schr. (1891) 2, 410; von einem kinde (vgl. DWB tyrann B 2 e): so erfülle ich dem kind jeden wunsch ... alles kriecht vor der kleinen tyrannin M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 283.
3) metaphorisch.
a) bildlich (vgl. DWB tyrann B 4 b): verbände mich (den Leipziger korrespondenten) nicht eine unverbrüchliche zusage, dir (Franz Moor) auch nicht das geringste zu verhelen, was ich von den schicksalen deines bruders (Karl) auffangen kann, liebster freund, nimmermehr würde meine unschuldige feder an dir zur tyranninn geworden seyn Schiller 2, 16 G.
b) übertragen.
α) von geistigen wesenheiten (vgl. DWB tyrann B 4 c α):

die tyrannin der gewaltigen (das glück)
Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 673;

nur vergnügungen dieser art (bei denen man den tod nicht ohne schrecken ansehen kann) entzieht uns die religion; wollen wir sie immer noch für eine tyranninn halten? Gellert s. schr. 5 (1784) 112; sie (die materielle idee) wird in allen assoziationen dem verstand heftiger sich aufdringen, ihn mächtiger bestimmen, sie wird die tyrannin des zweiten (die handlungen bestimmenden) willens werden Schiller 1, 91 G.; häufig von der mode: dasz selbst die selbständigste frau ... sich dem machtgebot

[Bd. 22, Sp. 1988]


der launenhaften tyrannin, mode genannt, nicht ganz zu entziehen vermöge C. A. Böttiger kl. schr. 3 (1838) 50; ein mensch, den diese launische und unbeständige tyrannin (d. mode) beherrscht Arndt schr. f. u. an s. lb. Dt. (1845) 2, 164.
β) von menschlichen leidenschaften, affekten und schwächen (vgl. DWB tyrann B 4 c β): sie (d. liebe) musz denn eine tyrannin der herzen ... heissen Wieland w. I 3, 7 akad.; besonders von der gewohnheit: die gewohnheit, die tyranninn der groszen F. M. Klinger s. philos. rom. (o. j.) 5, 233; die gewohnheit ist zudem meine tyrannin, was einmal mein ist, müszte sehr schlecht sein, wenn ich es ganz und für immer missen möchte (5. 12. 1834) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 134 Schulte-K.; alte diener sind kleine tyrannen, an welche die grosze tyrannin gewohnheit uns knüpft M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 23.
 
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tyrannisch, adj. , despotisch, nach lat. tyrannicus, gr. τυραννικός gebildete ableitung von tyrann (s. Seiler d. entwicklg. d. dt. kultur i. spiegel d. dt. lehnworts 3 [1910] 39; Henzen dt. wortbildg. [1947] 204), die auch im älteren ndl. (tirannich, tyransch), me. (tyrannish), sowie im norw.-dän. u. schwed. (tyrannisk) üblich geworden ist, im neuengl. (tyrannic, -al) und neundl. (tyranniek) in engerem anschlusz an die lat. bzw. frz. form.im dt. ist tyrannisch seit dem 15. jh. nachweisbar (ältere orthogr. varianten: tirannisch Riederer spi gel der waren rhetoric [1493] c 5b; Luther br. 9, 513 W.; Schottel friedenssieg 44 ndr.; Schiller s. u. 1 c; Kerner s. u. 2 a α; thirannisch H. Sachs 1, 212 lit. ver.; thyrannisch ebda 9, 228; diranisch ders. s. u. 2 a α; tyranisch Rotmann restitution [1534] 103 ndr.; gelegentlich kommt verdumpfung des a zum ausdruck: tyronisch qu. v. 1682 bei Fischer schwäb. 2, 222). schon früh auch in den steigerungsstufen bezeugt, wobei beim superlativ konsonantenvereinfachung eintreten kann: auff das tyrannischste Paracelsus op. (1616) 2, 90; auffs tyraist Nas s. u. 2 c γ; tyrannischer Lüneburger bibel (1679) s. u. 2 c γ; in neuerer sprache: auf das tyrannischte Göthe IV 8, 245 W.; adverbiell vereinzelt als tyrannischen nachweisbar (vgl. adv. tyranniglichen s. v. tyrannischlich): also tyrannischen ... herschen Aventinus 4, 1, 98 bayer. akad.; tyrannyschen gehandelt (20. 10. 1520) herzog Barnim XI. v. Pommern an Luther in Luther br. 2, 203 W.bedeutungsmäszig schlieszt tyrannisch an tyrann B (gewaltherrscher, despot) an, stets einen negativen beisinn zeigend, s. dazu Götze z. gesch. d. adj. auf -isch in: beitr. 24, 509. in prägnanter verwendung (1) charakterisiert tyrannisch — den komplexen begriff der eigenschaften eines gewaltherrschers umfassendwesen und wirken eines despotischen regenten; in erweiterung des anwendungsbereiches (tyrann B 2-4 entsprechend) auch auf tyrannenartige personen, dinge u. geistige wesenheiten, sowie deren wesen und wirken bezogen (2), wird es in mehreren bedeutungsschattierungen als bezeichnung einzelner, für einen despoten charakteristischer eigenschaften üblich.
1) 'despotisch' im eigentlichen sinne, zu tyrann B 1 gebildet.
a) 'willkürlich, gewalttätig (als tyrann) herrschend'; attribut despotischer regenten: wie der tyrannisch küng Tarquinius superbus von Rhom vertriben schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 105 Bächtold; tyrannischer oberkeit vntrew, vngerechtigkeit vnd schalckhafftigkeit (16. jh., Frankfurt a. M.) notariatbuch 18b; wie die sieben brder ... von Antiocho, dem tyrannischen knig, gemartert worden Spee güld. tugendbuch (1649) 87;

du (bürgermeister) schtzest ihrer (d. stadt Danzig) freyheit rechte,
und drckest volk und brger nicht,
die ein tyrannisch haupt als knechte
zu boden tritt, ja gar zerbricht
Gottsched ged. 1 (1751) 162;

als werkzeug tyrannischer regierungen Solger nachgel. schr. (1826) 1, 37; das recht des widerstandes gegen tyrannische obrigkeiten Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 23.

[Bd. 22, Sp. 1989]



b) wesen, machtmittel und wirken despotischer herrscher charakterisierendes beiwort:

weyl sie (die tyrannen) seinem heiligen wort
widerstehn mit gfencknuss und mordt,
mit einem tyrannischen leben
gleich den haiden und juden eben
H. Sachs 18, 30 lit. ver.;

das vnchristlich, vnrechtlich, tyrannisch gemdt der obgenanthen dreyer fursten Cronberg schr. 132 ndr.; der heilige soldat Georgius hat am karfreitag durch das tyrannische schwert Diokletians eine finsternis gelitten Abr. a s. Clara w. 1, 181 Strigl; man hatte sich auch keines despotismus, oder einer tyrannischen unterdrckung von seiten der knige zu besorgen Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 181; wer die unbeschränkte gewalt hat, ist gar leicht in der versuchung, alle lästige logik mit einer tyrannischen geberde zu ersticken Laube ges. schr. (1875) 2, 215. gelegentlich auf die herrschaftsform der tyrannis bezogen (vgl. tyrannei A 1 u. B 1 c): er ... vertheidigte in eben dem masse die tyrannischen regierungsformen, als ich sie antastete Klinger w. (1809) 3, 121; nur in tyrannischen staaten können geheime verbindungen löblich sein Platen w. 3, 200 Hempel; sowie auf das verhältnis des volkes zum gewaltherrscher, tyrannischer (gegen den tyrannen gerichteter) hasz:

durch list ... ausz zu tilgen bas
beym volck den tyrannischen has
H. Sachs 2, 136 lit. ver.


c) die handlungsweise eines despotischen herrschers charakterisierend (adv.): gewis ist, das yhr (fürsten) tyrannisch vnd wüetiglich regirt, das eüangelion verbietet vnd den armen man so schindet vnd drucket Luther 18, 329 W.; wie viel feiner leut hat wol der keyser verloren in kriegen sein leben lang, darumb man jme doch nichts gethan hat, vnd wo er sie hett tyrannisch vmbbracht, were freylich nichts grewlichers gehrt Fronsperger kriegsbuch (1578) 1, k 3a;

tirannisch wühlt Dom Philipp in dem herzen
des freigebohrenen Brabants ...
Schiller 5, 1, 20 G.;

weiszt du etwa nicht ..., dasz einige staaten tyrannisch regiert werden, andere demokratisch Schleiermacher Platon (1804) 6, 92. schon früh in genitivischer fügung mit weise:

wan wo gi de armen under ju schattet unde plaget
tyrannischer wîs, dat is vaken gode geklaget des dodes danz 542 Baethcke;

alle die jenigen, so ... von wegen der bekantnusz des heyligen allgemeynen christlichen glaubens tyrannischer weise vertriben (sind wieder eingesetzt) Mich. Herr feldbau (1551) 3b; tirannicamente ... tyrannischer weisz Hulsius dict. (1618) 2, 413b; zu der rckkehr nach Oesterreich hielt Friderich einen reichstag zu Augspurg, wo er den pfalzgrafen Friderich in die acht erklrte, als der ... zwlf ehrliche personen des rathes zu Amberg ... tyrannischer weise enthaupten lassen Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 4, 281.
2) im weiteren sinne (zu tyrann B 2-4).
a) 'tyrannenartig' als attribut zu persönlichen oder persönlich gedachten gewaltträgern, die einem tyrannen wesensverwandt sind, als tyrann in engerem oder weiterem kreise wirken.
α) von personen: also ging es auch dem künig Roboam mit seinen tyrannischen rhten Wickram w. 2, 433 Bolte; sklaven von zweien tirannischen pfaffen Schubart w. 8 Strausz; als attribut von autoritäten im engeren lebenskreis des einzelnen, so von einem unnachsichtig-strengen vater: daraus (aus Christi worten Matth. 5, 39) will folgen, das eyn kind slle und msse solchem unrecht gehorchen und (zur ehe) nemen, wo zu yhn solch tyrannischer und unveterlicher vater zwingt Luther 15, 165 W.; wie solches der tyrannische vater vernommen, befahl er alsobald dem Sabartibam, einen holtzstoss zubereiten zu lassen, auff welchem die trbselige Fylane ihre unschuld

[Bd. 22, Sp. 1990]


auch in der glut bewhren solte Ziegler asiat. Banise (1689) 631; der präceptor war ... zwar gegen mich nicht heftig, aber ... gegen seine 3 knaben, ... so strenge und tirannisch, dasz er sie bei den kleinsten vergehen barbarisch schlug Kerner bilderbuch (1849) 196; vom ehemann: (Nerine:) sie schinden ihre weiber um einen augenwink; (Liebreich:) alle werden nicht so tyrannisch sein Petrasch s. lustsp. (1765) 1, 101; madame Heidermann, das ärgste fürchtend von dem zorne des tyrannischen gatten Ludwig ges. schr. (1891) 2, 444; von einer kaltherzigen geliebten: ach bist du vielleicht in dieser gegend, anbetens-wrdige, aber zugleich tyrannisch Mimarda ...? Lindenborn Diogenes 1 (1742) 87.
im sinne von 'grausam, roh, gewalttätig' schlechthin (zu tyrann B 3):

darnach die armen frawen
hat die diranisch schar (der Türken)
all lebendig zerhawen
H. Sachs 22, 149 lit. ver.;

ah non esser tanto crudele ach sey nicht so tyrannisch Hulsius dict. (1618) 2, 17b; unbarmhertzige, tyrannische soldaten Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 2, 162; denn man kan manchmal nicht wissen, wie so ein tyrannischer kerl, als wie Schelmuffsky aussieht, einem eins kan anhngen Chr. Reuter Schlamp. krankh. u. tod 100 ndr.;

wann wir tyrannischer barbaren
grimm, marter, plag' und schlg' erfahren
Brockes ird. vergnügen i. gott (1721) 4, 294;

es ist wirklich die höchste zeit, dasz ich komme, ihr macht sonst in euren phantasie-gebilden noch ein vollständiges tyrannisches ungeheuer aus mir (7. 3. 1847) Bismarck br. a. s. braut 68 Bism.
wie im voraufgehenden auch sonst in verschiedenen mitunter selbständigen sinnesfärbungen, so als 'herrisch, rücksichtslos':

verlanget aber nicht, was mich tyrannisch macht dt. schaubühne (1740) 4, 260 Gottsched;

'überheblich, anmaszend': dann die leüth also stoltz, tyrannisch unnd übermtig worden, das inen armer kurtzweiliger leüt abentheür nit gefallen will Montanus schwankbücher 34 lit. ver.; die kashefs sind geizig, habsüchtig, tyrannisch, hochmüthig, hartherzig Ritter erdkunde (1822) 1, 1, 658; es (das gedicht, das Schücking senden sollte) braucht nicht an mich gerichtet zu sein, so tyrannisch bin ich nicht —, aber ich möchte wissen, in welche farben mein bild sich in ihrem (anrede) dichterherzen kleidet (17. 10. 1842) L. v. Gall in L. Schücking br. 17 Muschler; 'unnachsichtig, streng': alles in der natur ist glücklich, nur der mensch nicht; das, was wir vernunft nennen, steht ihm immer als ein tyrannischer zuchtmeister zur seite Heinse s. w. 4, 108 Schüddekopf; ich war ernster und freier geworden in der schule des schicksals und der weisen, aber streng ohne masz, in vollem sinne tyrannisch gegen die natur Hölderlin ges. dichtg. 2, 11 Litzmann; 'herrschsüchtig': der im herzen tyrannische (kann nicht) rechtlich empfindend ... werden Nic. Hartmann ethik (21935) 244.
β) auf tiere nur vereinzelt bezogen; etwa gleichbedeutend mit 'furchterregend, wild': tyrannische ros pan- u. bergtaidingsbücher i. Österr. unter d. Enns 7, 50 Kaltenbäck.
γ) neben sachbegriffen, die jedoch mehr oder minder als personifiziert empfunden werden; in verschiedener, durch den jeweiligen zusammenhang bedingter sinnesfärbung: weh der scheuslichen, vnfletigen, tyrannischen stad (Jerusalem) Zeph. 3, 1; Carolus wäre fur sich fromm; aber Hispania wäre tyrannisch Luther tischr. 4, 152 W.; so geschah es, dasz ich die mädchen, welche ich gern sah, entweder fortwährend oben hielt in der region des ruhmes und der tugend, oder aber sie stets niederdrückte in die dunkle sphäre der sünde und der vergessenheit, in beiden fällen immer zunächst meinem tyrannischen herzen Keller ges. w. (1889) 1, 93.
δ) von geistigen wesenheiten; von überpersönlichen, vor allem moralisch-religiösen bindungen: wie oft habe ich

[Bd. 22, Sp. 1991]


ber die tyrannische mode geseufzt Cramer nord. aufseher (1758) 1, 131; wahre religion ist nicht unduldsam und tyrannisch Forster s. schr. (1843) 7, 168; aber freilich schlieszt doch das tyrannische gesetz des tabu sie (die frauen) ... von allem aus, was ihnen als höchstes gut des lebens erscheinen musz Ratzel völkerkde (1885) 2, 185; gebote und typen der moral (sind) exklusiv und tyrannisch Nic. Hartmann ethik (21935) 38.
von menschlichen trieben, affekten, empfindungen u. dgl.: da befreundet die tyrannische angewhnung den mann mit grundstzen Iselin verm. schr. (1770) 2, 45; diese tyrannische erinnerung an die leichenöffnung wirkte fürchterlich auf die kranke Liane Jean Paul w. 15/18, 128 Hempel; meine liebe ist eben so empfindlich und viel tyrannischer wie die ihrige (Elise Rüdigers) (1842) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 114 Schulte-K.; der psychologisch-naturhafte charakter der affekte ist tyrannisch; ein jeder hat die tendenz die anderen zu verdrängen, sich auf ihre kosten breit zu machen Nic. Hartmann ethik (21935) 397; gleich anderen lastern ist es (das reisen) tyrannisch, verlangt es seines sklaven zeit, geld und energie und die opferung seiner bequemlichkeit Berliner zeitungen v. 1951; vereinzelt auch vom wirken einer krankheit: eine ... tyrannische ... unbäszlichkeit (!) Bode Yoricks empfinds. reise (1768) 2, 20.
b) wesenszüge, mittel und handlungen charakterisierend, die denen eines despoten vergleichbar sind; auch hier treten verschiedene bedeutungsschattierungen selbständiger art auf.
α) 'grausam': erledigt von den tyrannischen ... hnden der ... bauren Sebiz feldbau (1579) 36; als ob diese reuter in ihrer tyrannischen grausamkeit gantz unsinnig worden wren Grimmelshausen Simpl. 38 Kögel; aber bald zeigte sich (beim vater des kater Murr) ein hartes tyrannisches gemüt, ... kaum warst du (Murr) geboren, als dein vater den unseligen appetit bekam, dich ... zu verspeisen E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 45 Grisebach.
β) 'streng, unnachsichtig': sonsten war er (Wallenstein) eines sehr hochtrabenden geistes ... eines beraus strengen, vnd schier tyrannischen commendo Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 330; wir genieszen der herzen, ohne uns an den tyrannischen zwang der stdtischen rangordnung zu binden Justus Möser s. w. (1842) 2, 88.
γ) 'rücksichtslos-eigenwillig': ich ward von jener bösen sucht befallen, die uns verleitet, aus der quälerei der geliebten eine unterhaltung zu schaffen und die ergebenheit eines mädchens mit willkürlichen und tyrannischen grillen zu beherrschen Göthe I 27, 111 W.; sie (Adelheid v. Mühler) lebte hier ganz auf, und ihre tyrannische vergnügungssucht griff störend in meine gewohnheiten ein (17. 7. 1865) Bismarck br. a. s. braut 564 Bism.; (wir haben da bei Göthe, sagte Riemer) eine wachsende neigung zur einsamkeit, zur verknöcherung, tyrannischen intoleranz, pedanterei, sonderbarkeit, magischen maniriertheit, ... das ist nicht das alter allein Th. Mann Lotte i. Weimar (1946) 106.
δ) 'unbillig, willkürlich': es ligt mehr ann deyner seelen selickeit, den an den tyrannischen, eygengeweltigen, frevelichen gesetzen Luther 6, 442 W.;

woselbst der falsche ruhm ...
ein ganz tyrannisches unbillig urtheil spricht
König ged. (1745) 36;

aus dieser eingebildeten freiheit folgte, dasz ein befehl, der diese wahl (des soldatenstandes) nothwendig machte, als tyrannisch angesehen wurde Th. Abbt verm. w. 2 (1770) 23; da aber ein solches verfahren (des erzwungenen warentausches) ganz und gar tyrannisch ... gewesen wäre, so ward der antrag ... verworfen Forster s. schr. (1843) 1, 236.
ε) 'selbstherrlich, hoffärtig': manchmal wider ... der geistlichen ... grossen gewalt, tyrannisch pracht ... gefochten ist Zwingli dt. schr. 1, 131 Sch.; das geistliche wesen, tyrannisch, beschränkt und sittenlos, wie es damals (um 1500) in Italien war, sank in tiefste verachtung G. Freytag ges. w. (1886) 19, 7.

[Bd. 22, Sp. 1992]



ζ) 'herrschsüchtig': man wollte sich anfnglich ... blos wieder die ... herschsucht der tyrannischen gemther wafnen Zimmermann nationalstolz (1758) 190; tyrannische naturen sind mir auch recht; aber mich ärgert der kleine streit und, was ich aber Müller (Karl Otfried) nicht schuldgebe, die kleinliche intrigue Lachmann an Jac. Grimm in: briefw. 2, 652 Leitzmann; ich meinerseits finde, die dame sei eine höchst tyrannische natur Werfel Bernadette (1948) 296.
η) 'unwiderstehlich, unbarmherzig': und was anders als die tyrannische gewalt der liebe zwingt den greisen, zu den füssen eines buhlerischen mädchens ein geheucheltes lächeln zu erbetteln ...? Wieland w. I 3, 6 akad.; nun läszt sich begreiffen, warum die thierische empfindungen mit unwiderstehlicher und gleichsam tyrannischer macht die seele zu leidenschaften und handlungen fortreiszen Schiller 1, 147 G.
θ) 'barbarisch': die tyrannische sprach der Africaner, die viehische sprach der Indianer Meyfart himml. Jerusalem (1630) 2, 271.
ι) 'hart, fronend': nach all dieser auszgestanden tyrannischen dienstbarkeit liessen die weiber sie (ehemänner) solches wenig geniessen Moscherosch gesichte (1650) 1, 366; die arbeit (auf der festung) war hart und tirannisch Schiller 4, 67 G.
c) adverbiell. eine handlungsweise charakterisierend, die der eines despoten gleicht, mit den selbständigen bedeutungsfärbungen wie oben.
α) 'in herrischer weise': wirklich tyrannisch beherrscht er (Bauer) die frauensleute im haus, von der alten an, dass ich's oft nicht ertragen kann (5. 5. 1814) Wilh. Grimm an Jacob in: briefw. (1881) 317 Grimm-Hinrichs; aber er besasz eine gewalt, jünglinge an sich zu ziehen, fest zu halten und dann tyrannisch zu beherrschen Steffens was ich erlebte (1840) 2, 270. in genitivischer fügung mit weise (vgl. unter 1 c): sondern der gewalt halben (sollte der papst der oberste sein), das er die bischowe mochte, als jr herr, gewaltiglich und weltlicher, ja tyrannischer weise unter sich zwingen (1545) Luther 54, 231 W.
β) 'hart, überaus streng, unnachsichtig, rücksichtslos': man sol wol die kinder straffen, aber doch veterlich, oder mtterlich, nicht tyrannisch Barth weiberspiegel (1565) e 1b; allein wie hart und tyrannisch gehen sie oft mit ihren grszern kindern um! Miller pred. fürs landvolk (1776) 3, 78.

ungeschliffen
... seid ihr und roh,
die ihr ein armes mädchen laszt miszhandeln
von einem vater, der tyrannisch sie
zur heirath zwingen will mit einem schuft
Deinhardstein ges. dram. w. (1848) 6, 102.


γ) 'unbarmherzig, grausam, roh': (ein totschlag gilt als mord,) wann ainer oder mer ainen so tyrannisch zerhagken und sich an ainem tödlichen schaden nit benüegen ... lassen (1565) österr. weist. 1, 225; dann sie (Hugenotten in Frankreich) vber die zwaintzig prediger auffs tyrannist getdt Joh. Nas eins vnd hundert 2 (1570) g 5a; habens auch so weit gebracht, dasz sie dieselben (untreue freunde) ... ohne einigen unterscheid und gnugsame erkündigung vom leben zum todt brchten, darinn sie tyrannischer dann die Scythen verfahren seyn Lüneburger bibel (1679) 3. Macc. 7, 5; dasz sie sich um Christi ehr und lehr willen die zähn tyrannisch ausreiszen zu lassen nicht geachtet Abr. a s. Clara w. 1, 77 Strigl;

von steten geisselhieben
tyrannisch fortgetrieben
glitt er (der rappe)
Pfeffel poet. vers. (1802) 7, 120.


δ) 'willkürlich, wider recht und vernunft': ich hör eigenlich, dasz der bann tyrannisch brucht wirt Zwingli dt. schr. 1, 339 Sch.; auss diesen angezogenen rechtsgrnden ist zu ersehen, wie wieder rechtlich, freuentlich vnd tyrannisch die jenigen richter handeln, welche offtermals vnschuldige frawen ... in thrn ... hinab werffen Nigrinus von zäuberern (1592) 259; da dieses

[Bd. 22, Sp. 1993]


nun in eines jeden freyheit stehet: so handelt derjenige unvernnftig und tyrannisch, der sich die macht zueignet, einen scribenten ... zur verantwortung zu ziehen Liscow satyr. u. ernsth. schr. (1739) 500; der mensch würde seine seele noch mehr miszbrauchen, sie noch willkührlicher, tyrannischer behandeln, als er es jetzt thut Klinger w. (1809) 12, 27; (amtshauptmann:) ... wer aber das recht nicht hren will, handelt tyrannisch Iffland theatral. w. (1827) 6, 81.
ε) 'selbstherrlich, vermessen, hoffärtig': narren reden tyrannisch, aber die weisen bewaren jren mund prov. 14, 3;

die narrn tyrannisch reden thund
H. Sachs 19, 282 lit. ver.


d) als steigerungspartikel vor adj. (vgl. höllisch teil 4, 2, sp. 1758 [4] und verteufelt teil 12, 1, sp. 1873): seht nicht auf die gesetztafel, die oft so tyrannisch hoch hängt, dasz das auge sie nicht erreichen kann Hippel üb. d. ehe (1792) 6. in fester komposition: die bedienten erfuhren eine ... oft tyrannischharte behandlung Becker weltgesch. (1801) 9, 632.

 

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