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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tyrannenteufel bis tyrannin (Bd. 22, Sp. 1985 bis 1986)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tyrannenteufel, m., 'in tyrannen wirkender teufel'; vereinzelt im frühen nhd.: sie (die Lutheraner haben zur erklärung alles unheils und aller laster in der welt) ... ein gantz theatrum voller teüffel in die wele (sic!) geschickt, nemlich den pestilentzteüfel, ... tantzteüffel, 15. flchteüffel, 16. zauberteüffel, 17. bannteuffel, 18. heyligteüffel, 19. tyrannenteüffel Joh. Nas eins vnd hundert 4 (1570) 359b. —
 
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tyrannenthron, m., 'herrschersitz' (zu tyrann B 1):

nicht deutsches herzens, erbe des julischen
tyrannenthrones, gab er (der Franke) zur armengift
den freiheitssang altdeutscher tugend
J. H. Voss s. ged. 3 (1802) 30;

sie (Eccho) horchet am tyrannenthrone
ganz seelenlos, doch immer wach,
und schreiet im posaunentone
die tollste schmeichellüge nach
Tiedge w. 5 (1827) 82;

im poetischen bild:

was hilfts, dasz wir religion
gestoszen vom tyrannenthron?
Göthe I 16, 402 W.


 
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tyrannentöter, m., wie tyrannenmörder (s. dort); in den wörterbüchern des frühen nhd. u. ndl. als wiedergabe von 'tyrannoctonus' bzw. 'tyrannicida' bezeugt: tyrannen doder schat d. neder-duytscher spr. (1573) Hh 4c; tyrannen töder Calepinus ling. VII (1579) 1592; in fester komposition: tyrannentödter Hulsius-Ravellus ditt. (1616) 563; Schönsleder prompt. (1647) Kkk 5a. seit dem 18. jh. vereinzelt auch in literarischem sprachgebrauch: unter allen tyrannentdtern ... bin ich der einzige, der mit einem streich zwey bsewichter aus der welt geschaft hat Wieland Lucian 6 (1789) 246; tyrannentödter in der deutschen literatur, zu einer zeit, wo es gar keine tyrannen gab, wo unter die fürsten das bestreben nach humanität gekommen war Göthe gespr. 2, 336.
 
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tyrannentum, n., vereinzelte suffixbildung zu tyrann (vgl.tyrannenschaft); 'despotismus':

... ein vorspiel machen sie,
als sollte die stadt tyrannenthums wahrzeichen sehn!
Droysen Aischylos (1842) 94;

[Bd. 22, Sp. 1986]


der Potsdamer geist mit seiner polternden bildungsfeindlichkeit, seinem knausernden und barbarischen tyrannentum, schien in der (von Wilhelmine v. Bayreuth dargestellten) gestalt Friedrich Wilhelms I. für immer gebrandmarkt Klaiber d. dt. selbstbiogr. (1921) 41. —
 
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tyrannenverhängnis, n., 'tyrannisch über jem. hereinbrechendes verhängnis' (zu tyrann B 4 c α gebildet): aber ich poche dem tyrannen-verhängnisz Schiller 2, 198 G.
 
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tyrannenvertreiber, m., euphemistisch für tyrannenmörder: das ... ertzt, woraus der zweyen tyrannenvertreiber des Harmodius und Aristogitons säulen gegossen (waren) Lohenstein Arminius 1 (1689) 339b;

ihr rüttelt an dem königspalast
mit unverdrossenem mute,
ihr baut ein neues haus mit hast
und schreit zum kitt nach blute.
doch ist es fertig das neue haus
nach manchem saueren tage,
der Bonaparte bleibt nicht aus,
der's stürzt mit einem schlage!
...
so kommt es, ihr männer des ewigen nein,
so kommt's, ihr tyrannenvertreiber
Strachwitz ged. (1891) 177.


 
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tyrannenwillkür, f., 'launische willkür eines despoten':

der freyheitsbaum erstickt der liebe blüten;
sie traue nimmer der tyrannenwillkühr
ihr leben an
Platen dramat. nachl. 6 Petzet;

der ausbruch der revolution lockte den unsteten mann (Friedrich v. d. Trenck), der sich auch als ein opfer der tyrannenwillkür fühlte, nach Paris Klaiber d. dt. selbstbiogr. (1921) 51. —
 
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tyrannenwut, f., 'in despotischer willkür sich austobender zorn eines tyrannen (B 1)': dasz die zärtlichkeit noch barbarischer zwingt als tyrannenwuth! Schiller 3, 479 G.;

kein tropfen ...
des blutes ...,
vergossen für tyrannenwuth,
für sklaverei, für meuchelei?
Arndt w. 4, 224 R.-M.;

dein (des bürgerkrieges) vater ist tyrannenwuth,
die mutter grimme bürgergluht
Uhland ged. (1898) 2, 220;

im poetischen bild (zu tyrann B 4 c α):

des miszgeschicks tyrannenwuth
beugt nie des edeln haupt
Matthisson schr. 1 (1835) 232;

vereinzelt auch zu tyrann B 2 c gebildet: und Unrat fühlte, wie ihm schwindelnd seine wut zu kopf schosz, seine von angst durchjagte tyrannenwut H. Mann blauer engel (1950) 107.
 
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tyrannigkeit, f., s. unter tyrannischkeit.
 
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tyranniglich, adv., s. unter tyrannischlich.
 
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tyrannin, f. , gewaltherrscherin, despotin; in älterer schreibung auch tyranninn (Gellert s. u. 3 b; Götz s. u. 2 b; Lessing s. u. 1) und tirannin (Schiller s. u. 2 a). femininbildung zu tyrann (s. dort unter B u. vgl. ä. dän. tyraninde sowie engl. tyranness, span. tirana u. poln. tyranka), die seit dem 16. jh. nachweisbar ist und im wesentlichen den bedeutungen des grundwortes folgt. Adelung ist sie nicht geläufig, er betrachtet tyrannin als neubildung Klopstocks: 'am gewöhnlichsten wird dieses wort (tyrann) von beyden geschlechtern gebraucht, indessen hat doch Klopstock die tyranninn gewagt, welches wenigstens erträglicher ist, als die tyranne eines andern schriftstellers' wb. 4 (1801) 727.
'gewaltherrscherin, despotin'.
1) im eig. sinne (zu tyrann B 1); bei Luther mit dem beisinn des illegitimen, 'usurpatorin' (auf 2. kön. 11, 1 f. bezogen): zur zeit der königin Attalia, sechs gantzer jar, kein son David auff seinem stuel sas, sondern sie selbs Attalia die tyrannin, denn sie hatte allen menlichen samen im hause David erwürget 53, 474 W.; die unschuldige kaiserin eine tyrannin heissen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 271; die tyranninn (Elisabeth)

[Bd. 22, Sp. 1987]


müsse sterben; ihr name sey allgemein verhaszt; ihr tod sey eine wohlthat für das vaterland Lessing 10, 39 L.-M.;

tyrannische werkzeuge der tyrannin (Turandot),
zerfleischt mich, tödtet mich, ich (Barak) will es dulde
Schiller 13, 431 G.

gelegentlich auch für eine grausam und gewalttätig vorgehende erobererin: und weil die tyrannin (Margarete Maultasch) gesehen, dasz es unmöglich, (schlosz) Osterwitz zu begwaltigen(!), hat sie demnach, in der zeit der belagerung, den armen bauersleuten in den dörfern, mit brennen, rauben, morden und andern gewaltthätigkeiten nicht geringen schaden zugefügt Grimm dt. sagen (1891) 2, 119.
2) schon früh auch sonst für jede despotisch auftretende gebraucht, vgl. die entsprechenden bedeutungsgruppen von tyrann B 2.
a) als abschätzige bezeichnung der ehefrau, (stief)— mutter u. a., die einem hauswesen despotisch vorstehen (vgl. haustyrannin W. Raabe s. w. I 5, 2 Klemm; Storm s. schr. [1868] 7, 163): diese ist rechtschaffen seine fraw vnnd tyrannin Barth weiberspiegel (1565) m 2b; öffentlich ehrt, liebkoszt sie ihn, ins geheime macht sie seine fürchterliche tirannin Schiller 15, 1, 202 G.; die tyrannin des vaters (zweite frau) Holtei erz. schr. 35 (1866) 57; diese person (Cölestines tante) scheint die tyrannin des ganzen hauses zu sein, ist gegen Cölestinen hart, gegen die gnädige frau schwägerin höhnisch, gegen die dienerschaft hochfahrend ebda 16 (1862) 70; (aus lauter rücksicht auf den gatten) ist sie an den kindern schier zur tyrannin geworden Wassermann Etzel Andergast (1931) 280. gelegentlich in scherzhafter anwendung: und nun stelle dich daher, liebliche tyrannin meines zerschlagenen gemüths (für die ehefrau), zu den zwey glücklichen (neuverlobten) Iffland theatral. w. (1827) 4, 321.
b) für die kaltherzige geliebte:

brich, o herz fromm,
stirb fromm der süssen tyrannin ab!
Herder 25, 289 S.;

er (d. liebende schäfer) schleppt den matten leib vor der tyranninn haus
Götz verm. ged. (1785) 2, 149;

so lebt nur, marmorbusige tyrannin! Shakespeare (1797) 2, 296.


c) für eine gegen ihre umgebung despotisch auftretende, sie in launischer willkür tyrannisierende: verkrüppelt, häszlich, eigensinnig, wurde sie (Mathilde v. Buchau) zur tyrannin der ihrigen so wie aller umgebungen Holtei erz. schr. 6 (1861) 75; kann ich mit diesem (zartfühlenden) herzen die freundin einer tyrannin sein, der die höhere weiblichkeit ein fremdling ist? Ludwig ges. schr. (1891) 2, 410; von einem kinde (vgl. DWB tyrann B 2 e): so erfülle ich dem kind jeden wunsch ... alles kriecht vor der kleinen tyrannin M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 283.
3) metaphorisch.
a) bildlich (vgl. DWB tyrann B 4 b): verbände mich (den Leipziger korrespondenten) nicht eine unverbrüchliche zusage, dir (Franz Moor) auch nicht das geringste zu verhelen, was ich von den schicksalen deines bruders (Karl) auffangen kann, liebster freund, nimmermehr würde meine unschuldige feder an dir zur tyranninn geworden seyn Schiller 2, 16 G.
b) übertragen.
α) von geistigen wesenheiten (vgl. DWB tyrann B 4 c α):

die tyrannin der gewaltigen (das glück)
Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 673;

nur vergnügungen dieser art (bei denen man den tod nicht ohne schrecken ansehen kann) entzieht uns die religion; wollen wir sie immer noch für eine tyranninn halten? Gellert s. schr. 5 (1784) 112; sie (die materielle idee) wird in allen assoziationen dem verstand heftiger sich aufdringen, ihn mächtiger bestimmen, sie wird die tyrannin des zweiten (die handlungen bestimmenden) willens werden Schiller 1, 91 G.; häufig von der mode: dasz selbst die selbständigste frau ... sich dem machtgebot

[Bd. 22, Sp. 1988]


der launenhaften tyrannin, mode genannt, nicht ganz zu entziehen vermöge C. A. Böttiger kl. schr. 3 (1838) 50; ein mensch, den diese launische und unbeständige tyrannin (d. mode) beherrscht Arndt schr. f. u. an s. lb. Dt. (1845) 2, 164.
β) von menschlichen leidenschaften, affekten und schwächen (vgl. DWB tyrann B 4 c β): sie (d. liebe) musz denn eine tyrannin der herzen ... heissen Wieland w. I 3, 7 akad.; besonders von der gewohnheit: die gewohnheit, die tyranninn der groszen F. M. Klinger s. philos. rom. (o. j.) 5, 233; die gewohnheit ist zudem meine tyrannin, was einmal mein ist, müszte sehr schlecht sein, wenn ich es ganz und für immer missen möchte (5. 12. 1834) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 134 Schulte-K.; alte diener sind kleine tyrannen, an welche die grosze tyrannin gewohnheit uns knüpft M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 23.

 

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