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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tyrannenblut bis tyrannenlaune (Bd. 22, Sp. 1981 bis 1984)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tyrannenblut, n., nur vereinzelt im eigentlichen sinne (zu tyrann B 1): (Aszerato:) meine brüder können kein blut sehen. verschont sie (mit der ausführung des tyrannenmords). (Zenturione:) ... was? was? kein tyrannenblut sehen? Schiller 3, 115 G.; im sprachgebrauch lebendig wird tyrannenblut als schlagwort der dichter des hainbunds u. des sturm und drangs (s. Göthe-hdb. 3 [1918] 446 Zeitler; Göthe I 40, 272 W.; D. Schulz d. bild d. herrschers i. d. dt. tragödie, diss. München 1931, 85): man hatte nur einige male zusammen getafelt (die grafen Stolberg und Haugwitz mit familie Göthe), als schon nach ein und der andern genossenen flasche wein der poetische tyrannenhasz zum vorschein kam und man nach dem blute solcher wüthriche lechzend sich erwies ... indem sie (Göthes mutter) nun in geschliffener flasche den hochfarbigen wein hinsetzte, rief sie aus: hier ist das wahre tyrannenblut! daran ergötzt euch, aber alle mordgedanken laszt mir aus dem hause Göthe I 29, 90 W.;

[Bd. 22, Sp. 1982]


der rebenberg am leichenthal
tränkt (nach der befreiungsschlacht) seinen most mit blut!
dann trinken wir beim freudenmahl,
triumf! tirannenblut!
J. H. Vosz s. ged. 4 (1802) 38 (trinklied f. freie);

sowie der durch die franz. revolution hervorgerufenen geistigen bewegung: dann gerieth sie (libertas) immer mehr in sichtbare begeisterung und sprach von tyrannenblut, von glaubens-, rede-, press- und allen erdenklichen freiheiten Eichendorff s. w. (1864) 3, 460; hier im stift (zu Tübingen) ... wird die ganze grösze der französischen revolution schon lang' begriffen; 'die erde rauche von tyrannenblut', das ist aller losung J. Kerner s. poet. w. 4, 75 Gaismaier; wir gehen, wo ... Deutschlands söhne in tyrannenblut die schmach der knechtschaft rächen Gotthelf ges. schr. (1856) 9, 118; August Brasz, ... chefredakteur der ... 'norddeutschen allgemeinen zeitung', ... (der) früher roter demokrat gewesen war und das hübsche lied gedichtet hatte:

wir färben rot, wir färben gut,
wir färben mit tyrannenblut
Bebel aus meinem leben (1946) 1, 63.


 
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tyrannendruck, m., 'drückende herrschaft eines despoten, despotisch ausgeübter zwang': in staaten, wo tugend, chte religion und gute sitten herrschend gewesen sind, hat man nie über tyrannendruck geklagt Knigge amtsrath Gutmann (1812) 66; in dem ... gegen herrscherwillkür und tyrannendruck emprten Babylon J. A. Fessler Alonso (1808) 2, 78; es kann in groszen gefahren geschehen, dasz auf kurze zeit das prinzip des zusammenhaltens herrscht, dasz aus tausend individuen ein starker körper wird, so ... unter tyrannendruck Rosegger laszt uns von liebe reden (1909) 283. —
 
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tyrannenfeind, m., 'leidenschaftlicher gegner des despotischen regimes' (bei Göthe IV 16, 176 W. findet sich auch das femininum tyrannenfeindin):

... weil von leidenschaft bethrt,
oft ein tyrannenfeind sein vaterland verheert
J. G. Jacobi s. w. 5 (1811) 16;

wer möchte nicht gern wissen, wie ... der tyrannenfeind Alkäos aussah Böttiger kl. schr. 2 (1838) 276. —
 
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tyrannenfresser, m., ironische bezeichnung eines glühenden tyrannengegners und vertreters der freiheit:

wir (Deutschen) schlafen ganz, wie Brutus schlief —
doch jener erwachte und bohrte tief
in Cäsars brust das kalte messer!
die Römer waren tyrannenfresser
Heine s. w. 1, 316 Elster;

eine apologie Guizots aus der feder eines jener tyrannenfresser, deren tomahawk und skalpiermesser keine barmherzigkeit jemals kannte ebda 6, 384;

besonders jene gliederlosen, weichen (gedichte),
gezeugt von schwindsucht und vom mondenlichte,
die bockbiertrinkern und tyrannenfressern
das dicke blut poetisch zuckerwässern
Moritz Hartmann ges. w. 2 (1874) 319.


 
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tyrannenfürst, m., 'despot': den bauer an seinen tyrannenfürsten, oder wie sie (anrede) die überschrift noch nervigter geben wollen, werden sie pagina ultima erhalten (31. 7. 1775) Bürger br. 1, 238 Strodtmann.
 
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tyrannengewalt, f., 'despotisch ausgeübte gewalt': die blos ihrer ahnen wegen sich einbilden, tyrannengewalt ausüben zu können gegen andere menschen Zimmermann üb. d. einsamkeit 3 (1785) 155; blinde ergebung in tyrannengewalt bereitet die gemüter zu einem blinden, bequemen glauben, und mit wucher erstattet dem despotismus die hierarchie seine dienste wieder Schiller s. w. 14 (1904) 54; sie (die Polen) hatten eben erst das beispiel einer erhebung gegen tyrannengewalt gegeben G. Freytag ges. w. 22 (1888) 53. sprichwörtlich:

tyrannengewalt
wird nicht alt
Binder sprichw. (1873) 198 (ebenso bei
Graf u.
Dietherr dt. rechtssprichw. [1864] 524);

[Bd. 22, Sp. 1983]


in freierer anwendung auch vom wirken des schicksals bzw. des lebens:

das eiserne schicksal übt furchtbar und kalt
am seufzenden herzen tyrannen-gewalt
S. v. Bandemer zerstreute blätter (1792) 284;

wir sehen der dinge form und gestalt,
erleiden des lebens tyrannengewalt
Fulda melodien (1910) 3.


 
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tyrannenhasz, m., 'gegen einen despoten gerichteter hasz' (s. auch Göthe unter tyrannenblut sowie bei Wiegand gesch. d. dt. dichtg. [1922] 472 u. vgl. die älter bezeugte synonyme wendung tyrannischer hasz s. v. tyrannisch 1 b): er (Herder) haszt ihn (den herzog von Württemberg) mit tirannenhass (24. 7. 1787) Schiller br. 1, 358 Jonas (ders. 3, 23 G. auch: tyrannenhasser);

da brach hervor aus jeder brust
tyrannenhasz und freiheitlust
Schenkendorf ged. (1815) 132;

tyrannenhasz mag leicht die regung gewesen sein, womit die meisten schlachtopfer der willkürlichen gewalt in den kerkern Frankreichs saszen J. G. Forster s. schr. (1843) 6, 224. —
 
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tyrannenherrschaft, f., 'gewaltherrschaft' (zu tyrann B 1): die geschichte einer tyrannenherrschaft, welche die edlen geschlechter vertilgt, eine hohe und reiche bildung heraustreibt und verdirbt, vor allem die herrschenden selbst mit wenigen ausnahmen entmenschlicht G. Freytag ges. w. 6 (1887) 15; zu tyrann B 2 c gebildet: verurtheilen sie (anrede) die angeklagte, so schwören sie moralisch zur tyrannenherrschaft des ehemannes Rosegger schr. (1895) II 9, 284; vereinzelt auch im sinne von 'zwingherrschaft, despotische fremdherrschaft': die schandwirtschaft der Österreicher in Venetien und die 'tyrannenherrschaft' der Dänen in Schleswig-Holstein Bebel aus meinem leben (1946) 2, 228; und 'absolute alleinherrschaft' (zu tyrann A): so war philosophie eine art höchsten ringens um die tyrannenherrschaft des geistes, — dass eine solche irgend einem ... gewaltigen (denker) ... aufgespart sei, — einem einzigen! — daran zweifelte keiner Nietzsche w. 4 (1895) 356. —
 
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tyrannenjoch, n., 'despotisch auferlegtes joch', metaphorisch für 'zwingherrschaft' (zu tyrann B 1 b):

und wenn mir (Melchthal) niemand folgt, und wenn ihr alle
für eure hütten bang und eure heerden,
euch dem tyrannenjoche beugt — die hirten
will ich zusammen rufen im gebirg
Schiller 14, 301 G. (s. auch ebda 13, 144 u. vgl. tyrannenkette ebda 1, 289);

(Hermann,) Germaniens retter und befreier
von Roms tyrannenjoch
H. v. Kleist w. 2, 430 E. Schmidt;

wie erbarmungslos würde das tyrannenjoch solcher (hochmütiger, hysterischer) sieger auf unserm sklavennacken lasten Liller kr.-ztg. (1917) 127; auch vom zwang böser gewohnheiten (zu tyrann B 4 c β): das tyrannenjoch böser gewohnheiten vom hals zu schütteln Schubart leben u. gesinnungen 2 (1793) 83.
 
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tyrannenknecht, m. a) abschätzige bezeichnung für die engsten vertrauten und willensvollstrecker eines despoten:

ha! schweig tyrannenknecht! (anrede an Exabolius, den engsten
vertrauten des kaisers)
Gryphius trauersp. 40 lit. ver. (s. auch
Lohenstein Ibrahim Sultan [Breslau o. j.] 103);

wenn verödet die tyrannenstühle,
die tyrannenknechte moder sind,
...
dann, o himmelstochter (freiheit)! sing' ich wieder
Hölderlin ges. dichtg. 1, 105 Litzmann (vgl. ebda 2, 162);

man nannte sie (die nach der revolution eine gesetzliche ordnung wiederherstellen wollten) tyrannenknechte und behauptete, sie seien vom hofe bestochen Gustav Jahn gesch. d. franz. revolution (31858) 33; im weiteren sinne auch für die anhänger und soldaten eines despoten:

die am gebirg uns bey dem strom stolz erwarten
und im gefilde der schlacht mit dem donner in dem arm stehn,
o tyrannenknechte sind sie nur!

[Bd. 22, Sp. 1984]


...
vor dem herannahn und dem ausspruch der freyen,
die sich dem tode gelassener heiligen, entfliehn sie
Klopstock w. 1 (1798) 224 (schlachtgesang);

da wohnen die kaiserlichen (gesandten), die tyrannenknechte Raupach dram. w. ernster gattg. (1835) 5, 37; meine reisigen tyrannenknechte (soldaten Geszlers im 'Tell') G. Keller ges. w. (1889) 1, 361; bei H. v. Kleist als schimpflicher anruf an den zum endkampf gestellten feldherrn des römischen kaisers:

steh, (Varus,) du tyrannenknecht, dein reich ist aus! w. 2, 446 E. Schmidt.

b) als schimpfname für einen kriecherischen, unterwürfigen menschen schlechthin: nur maler Huyasch hielt sich fern (von der intendantin, der geliebten des adligen patrons der wanderbühne) und schimpfte die schauspieler kriechende bestien, gemeine speichellecker, tyrannenknechte Holtei erz. schr. 35 (1866) 89. c) vereinzelt auch im sinne von 'willenlos ergebener untertan': wir sind keine tyrannenknechte, die sich mit blanker klinge gouverniren lassen — sind freie Schweizer Gaudy s. w. 17 (1844) 158. —
 
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tyrannenlaune, f., 'in unberechenbare akte despotischer willkür sich auswirkende augenblicksstimmung eines tyrannen (B 1)': er (Ludwig XIV.) hatte das, was man tyrannenlaune nennen könnte, und war eben so unerbittlich im zorne, als freigebig im belohnen K. Fr. Becker weltgesch. 8 (1804) 380; es ist die stelle (auf Capri), an welcher Tiber (Tiberius) die opfer seiner tyrannenlaune ins meer stürzen liesz Gaudy s. w. 5 (1844) 82; ein beispiel von Caesars tyrannenlaunen Mommsen röm. gesch. 3 (41866) 452 anm.; gelegentlich auch zu tyrann B 2 c gebildet: war es vielleicht nur die furcht vor seiner (ihres gatten) tyrannenlaune, die sie (mrs. Durham) einschüchterte Spielhagen s. w. 3 (1872) 513. —

 

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