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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
turt bis turteltaubenton (Bd. 22, Sp. 1904 bis 1911)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) turt, m., trespe, s. u. dort teil 2, sp. 1304.
 
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turtel, f. , columba turtur, auf das lautmalende lat. turtur (m.) zurückgehend, das zunächst unverändert ins ahd. übernommen (turtur[o], m., s. u. und vgl. ae. turtur, an. turturi), später durch dissimilation des r zu l (erstbeleg: t~tulo 11./12. jh., ahd. gl. 4, 210, 8 St.-S.; vgl. die parallelentwicklung im roman. zu sp. tórtolo) und genuswandel (durch beziehung auf taube) zu mhd.-frühnhd. turtel, f., umgebildet wird; im frühnhd. vereinzelt auch durkel (üb. d. wandel von t[e]l zu k[e]l s. Paul mhd. gr. [1944] 65) Diefenbach gl. 603 s. v. turtur. ähnlich verläuft die entwicklung im engl. u. ndl.: ae. turtur, turtla m., turtle f. Bosworth-Toller 1021; me. turtle, turtre (< afrz. tourtre) Stratmann 624; engl. turtle Murray 10, 1, 508; ndl. tortel m., f. Dale 2, 1788; unmittelbar aus dem lat. entlehnt ist aisl. turturi Fritzner 23, 732. — in heutiger mundart nur vereinzelt nachweisbar: turtel Martin-Lienhart elsäss. 2, 718; s. auch d. hist. belege bei Fischer schwäb. 2, 513 u. Schmeller bair. 1, 621 und vgl. schweiz. turtel-chūt 'tauber' schweiz. id. 3, 570. — als simplex wird turtel im dt. nicht üblich. wie im ndl. u. engl. (im nord. erst unter dt. einflusz) ist früh der dt. gattungsname verdeutlichend hinzugetreten (s. u. turteltaube), wogegen sich das simplex nicht durchsetzt, s. Wilmanns dt. gr. 2, 552. es istnach spärlichem auftreten in älterer zeiterst im frühnhd., wohl unter erneutem einflusz des lat. turtur u. frz. tourtre, mehrfach anzutreffen und findet sich in neuerer sprache als poetisch gebrauchte kurzform des kompositums.
1) 'columba turtur'.
a) als vogelname: (ut darent hostiam, secundum quod dictum est in lege domini) par turturum zuuei kenestidiu turturono (8. jh.) ahd. gl. 1, 733 St.-S.; et turtur nidum sibi. ubi ponat pullos suos vnde der turtur findet imo nest. dâr er lege sîne iungen Notker 2, 347 (ps. 83, 4) Piper;

simpel aen alles vurtel
weerstu und so demuedich,
daz du wolts offren nicht den ein par turtel
bruder Hans Marienlieder 2802 Minzloff;

die turtel on gallen ist
Hans Sachs 1, 378 Keller (s. u. DWB turteltaube 2 b);

die turtel oder turteltaub ist die kleinst vnder allen tauben, schenfarb, aber auff dem rugken mit rotfarb besprengt Heusslin Gesners vogelbuch (1557) 250a; auch schreibt man von den turtelen, wann eins stirbt, beleibt das ander in stetiger keüschheit L. Zoleckhofer vilvaltig beschr. (1564) 243. nhd. nur vereinzelt in poetischem sprachgebrauch:

nachtigall und turtel fliehen
das so keusch erwärmte nest,
und in wüthendem erglühen
hält der faun die nymphe fest
Göthe I 2, 29 W.;

als sonnenfeuer sprühte
und heisz der sommer glühte
und süsz die linde blühte
und lieb die turtel girrte
und licht der glühwurm schwirrte
Brentano ges. schr. (1852) 2, 268;

im holze gern, von menschen fern,
austönt der turtel klagen
Freiligrath ges. dicht. (1870) 2, 107;

als hold ihr geseufz anhob die turtel im laube
Rückert ges. poet. w. 11 (1882) 228;

[Bd. 22, Sp. 1905]


gelegentlich auch als ornithologische bezeichnung: unsere turteltaube oder turtel (turtur communis) ... kennzeichnet sich durch schlanke gestalt Brehm tierl. (1890) 5, 419 P.-L.
b) metaphorisch:

ihrem (Hartmuot) ...
...
wünscht (Iimtrut) die honigträgerin, die turtel mit sanftem sinn (turtur nescia fellis, s. minnes. frühl. [1944] 318
v. Kraus):
alles was fröhlich ist, alles was selig ist übers. aus d. briefslg.
Wernhers
v. Tegernsee bei
Freytag bilder 1 (1874) 531.


2) komposita; vereinzelt in neuerem sprachgebrauch (turtel- in frühnhd. turteltag [d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 187 Franz] ist wohl als volksetymologische umdeutung zu urte 'zeche' zu stellen), gelegentlich auch als erstes glied in einem adjektivkompositum: turtelhalsig, adj., gelegenheitsbildung bei Herwegh:

es fällt mir ein, in meiner kindheit hatt' ich
zum freunde einen hund, ein weiszes windspiel,
rehmäulig, seidenhaarig, turtelhalsig Lamartine, s. w. 5 (1843) 126.


 
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-pärchen, n., wie turteltaubenpaar, besonders bildlich gebraucht:

und auf der liebe flaum
ruht nachts das turtelpärchen
Stolberg ges. w. 5 (1821) 234;

die Eitelbach und (rittmeister) Dohleneck, eine liaison tragique, eine liaison dangereuse, ein turtelpärchen, was ihr wollt Alexis ruhe ist d. erste bürgerpflicht (1852) 1, 262. —
 
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-weibchen, n., vereinzelt bei Göthe:

o seht das kleine täubchen,
das liebe turtelweibchen! I 1, 42 W.


 
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-witwe, f., die nach dem tode des 'gemahls' klagend zurückbleibende turteltaube (über diese vorstellung s. u. turteltaube 2 b):

o süszer ist der vögel klagereih'n,
der turtelwittwe schluchzen im gewäld,
als dort am thron die glatten flüsterei'n,
da, uebles billigend, gutes man entstellt
Freiligrath ges. dicht. (1877) 4, 145.


 
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turtelchen, n., vereinzelte diminutivbildung zu turtel, s. dort u. vgl. DWB turteltäubchen:

wo die rose hier blüht, wo reben um lorbeer sich schlingen,
wo das turtelchen lockt, wo sich das grillchen ergetzt
Göthe I 2, 124 W.;

da girrt' es! hauchte, turtelchen, dir allein
in's fromme herzchen schmachtendes sanftgefühl
allvater, ach und linde, wie dein
busengefieder, die sehnsuchtsseufzer?
Stolberg ges. w. 2 (1821) 266 (ode: 'die turteltaube').


 
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turteln, vb., lautmalende bezeichnung des taubenrufes, die im frühen nhd. als ableitung von turtel (s. dort) aufkommt, sich jedoch gegenüber dem üblicheren gurren (s. teil 4, 1, 6, sp. 1165 sowie zs. f. dt. wortforschg. 176 u. vgl. DWB turren) im sprachgebrauch nicht durchsetzt:

die frösche coaxen, coaxen und murren,
die tauben, die turteln und lachen und gurren
Schirmer singende rosen (1654) T 2a;

die erste hälfte des nahmens (turtel-taube) ist eine unmittelbare nachahmung ihres eigenthümlichen lautes, welchen man im gemeinen leben noch durch turteln ausdruckt Adelung 4 (1801) 725; während der paarungszeit bemüht sich der tauber sehr eifrig um die gunst der taube, ruckst, girrt, turtelt, lacht, heult Brehm tierl. 5 (1900) 401 P.-L.; im sinne von 'gurrend (über den weg) laufen': weisze, silbergraue, schwarzschillernde tauben platschten vor den tritten der männer auf und fielen auf dem scheunendach wieder ein; andere turtelten in aller gemütsruhe über den weg, und der hahn liesz sich schier ertreten qu. v. j. 1937.
 
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turteltäubchen, n. , diminutivum zu turteltaube, s. dort u. vgl. turteltäublein u. mndl. tortelduyvelkijn; über das verhältnis der suffixe -lein und -chen in der literar. überlieferung s. Henzen dt. wortbildg. (1947) 150. turteltäubchen tritt im frühnhd. neben älteres (obd.) turteltäublein

[Bd. 22, Sp. 1906]


und drängt dies in der schriftsprache allmählich zurück. mundartlich wird es nur vereinzelt üblich: turdeldeifchen (mit entrundung des äu) Ph. Laven ged. i. Trierer ma 280. gelegentlich findet sich in älterer sprache die unsynkopierte form turteltäubichen bei Liscow (s. u. 1, sowie bei Henzen a. a. o. 148) und die mittel- u. niederrhein. suffixgestalt -gen (s. Henzen 152) in turtel-täubgen J. G. Schmidt gestrieg. rocken-philos. 1 (1706) 202. — bedeutungsmäszig entspricht turteltäubchen (wie turteltäublein s. u.) völlig dem grundwort turteltaube; das diminutivsuffix verstärkt lediglich den affektischen beiton, der durch die besonderen eigenschaften der turteltaube (zierlichkeit, anmut, zärtlichkeit u. ä.) hervorgerufen, auch beim grundwort mitklingt.
1) wie turteltaube (u. -täublein): der sperling vnd das turteltäubchen (überschrift) Chr. F. Weisze lieder f. kinder (1767) 21;

ein turteltubichen,
das in der einsamkeit des waldes vor sich girrte,
bracht ihn bey dem geheimen kummer
zu einem unvermerkten schlummer
Liscow sat. u. ernsth. schr. (1739) 396;

bächlein, das so kühle rauschet,
tröstet alle vögelein,
nur das turteltäubchen trauert,
weils verwittwet und allein
Eichendorff s. w. (1864) 1, 712;

er fing ihr ein paar (zwei) turteltäubchen Ch. v. Schmid ges. schr. (1858) 7, 69; vereinzelt auch als ornithologische bezeichnung: columba turtur Linn. turteltäubchen Naumann naturgesch. d. vögel (1822) 6, 233.
2) bildlich und im vergleich.
a) wie turteltaube (u. -täublein) 2 b:

ich für jetzt einen betrübten mut,
gleich wie das turteltäubchen tut,
das seinen bulen verloren hat,
so sitzt es auf einem dürren ast liederbuch a. d. 16. jh. 98 Goedeke-Tittmann;

denn da ist er an muth ein löwe, ob er gleich sonst so sanft wie ein turteltäubchen ist Chr. F. Weisze lustsp. 1 (1783) 228;

sie, schon ein sanftes weibchen,
wie sonsten nirgend ist,
kehrt wie ein turteltubchen
sich zrtlich um und kszt
Gleim s. schr. (1798) 2, 211;

du bist ja so hübsch glatt und anmuthig wie ein turteltäubchen Brentano ges. schr. (1852) 5, 100;

... das schnäbelt ja, wie turteltäubchen!
Bauernfeld ges. schr. 1 (1871) 164.


b) wie turteltaube (u. -täublein) 2 c; für zärtliche liebesleute: seht doch! meine verliebten turteltäubchen! Chr. F. Weisze lustsp. 3 (1783) 271; an ... turteltäubchen ... ist (bei dem brautpaar) gar nicht zu denken Lichtenberg erkl. d. Hogarthischen kupferstiche (1794) 4, 22; gegen euch zärtliche turteltäubchen Schroeder dram. w. (1831) 2, 128; als kosename:

nur herein, mein turteltäubchen!
sie musz nicht von weitem stehn
Göthe I 12, 137 W.;

nun will ich süsze künste dich,
mein turteltäubchen, lehren
Brentano ges. schr. (1852) 2, 147;

heuchelei, du süszes, süszes turteltäubchen
Liliencron s. w. (1896) 9, 11;

halb-ironisch für zwei schmollende mädchen: 'richtig, da sitzen die turteltäubchen!' ruft der professor W. Raabe s. w. I 1, 138 Klemm. vereinzelt auch bildlich für die christliche seele, s. DWB turteltaube u. -täublein 2 c:

gieb jedem raubthier nicht dein turteltäubchen preis! (mit bezug auf ps. 74)
Moses Mendelssohn ges. schr. (1843) 6, 238.


 
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turteltäubchenschaft, f., vereinzelte suffixbildung zu turteltäubchen (2 b); 'zärtlicher bund, liebesverhältnis': aber konnte die gute frau anders als auf turteltäubchenschaft das also deuten? J. T. Hermes f. töchter edler herkunft 2 (1787) 216.

[Bd. 22, Sp. 1907]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) turteltaube, f. , columba turtur, aus dem lautmalenden lat. turtur mit dissimilation des r zu l entlehnt (vgl. DWB turtel), der deutsche gattungsname ist verdeutlichend hinzugetreten; ahd. turtulatvba (10. jh.) gl. 3, 15, 19 St.-S.; turtultuba Williram s. u. 2 a u. b; daneben findet sich turtilituba Tatian 7, 3 und tyrtiltvba (11./12. jh.) gl. 3, 464, 30 St.-S., wohl in anschlusz an ahd. bildungen auf -il-(în), s. Suolahti d. dt. vogelnamen 217 u. Gröger d. ahd. u. as. kompositionsfuge 25 f.; mhd. turtel-, türteltûbe (die umlautform setzt sich jedoch im sprachgebrauch nicht durch) mhd. wb. 3, 125; Lexer 2, 1588; frühnhd. turteltaube (14./15. jh.) gl. 3, 22, 30 St.-S.; erste dt. bibel 3, 86 Kurr.; gelegentlich, in weiterer umgestaltung des ersten gliedes: thurtl-, trittel- (mit r-umsprung und entrundung des ü), dorttel- (mit lenis u. offener qualität des stammvokals, s. teil 2, sp. 641 [3], teil 11, 2, sp. 1f., v. Bahder grundl. d. nhd. lautsyst. [1890] 281, Franke grundz. d. schriftspr. Luthers 1 [1913] 183 u. 235 und V. Moser frühnhd. gr. 1, 3 [1951] 166); z. t. mit verschiebung des inlautenden dentals: dortzel-, dorkel-, s. u. DWB turtel, sowie bei Jelinek 730 s. v. türkeltaube; vereinzelt auch wieder an die lat. form angeglichen: turter- (alle formen bei) Diefenbach gl. 603 s. v. turtur; die form gurtel-tawb ebda wird z. t. auf weitere dissimilation (Suolahti a. a. o. u. Behaghel gesch. d. dt. spr. 368), z. t. auf onomatopoetische umgestaltung (nach gurren und dem taubenruf gur gur, s. zs. f. dt. wortforschg. 11, 176; s. auch teil 4, 1, 6, 1187 s. v. gürteltaube) zurückgeführt.ähnlich verläuft die entwicklung in den übrigen germ. dialekten: mnd. tortelduve Lübben-Walther hwb. 411; mndl. torteldûve Verwijs-Verdam 8, 601; ndl. tortelduif van der Meer hist. gr. d. ndl. spr. 1 (1927) 40, 95 u. 125; me. turteldouf(e) Stratmann 624; engl. turtledove Murray 10, 1, 509; aus dem dt. entlehnt sind dän. turteldue Falk-Torp 1300, schwed. turturduva Hellquist 3 1247 und nisl. turtildúfa Blöndal 872. — in heutiger mundart: turteldufe Doornkaat-Koolman ostfries. 3, 449; tuəteldûwe Woeste westfäl. 275; tüttelduuf (mit assimilation des r) Mensing schlesw.-holst. 5, 213; tuddelduben (mit eindringen des n der sw. flexion in den nom.) Frederking Hahlen b. Minden 32; turtel- (dordl)taube (dauwe, dube) bad. wb. 1, 616; tuachtltau(b) Schacherl Böhmerwald 48; durtel-, durkeldauf (s. o.) Follmann lothr. 113; torkeltauba Sartorius Würzburg 126; turteltube Martin-Lienhart elsäss. 2, 718; turteltaube Fischer schwäb. 2, 513 u. 6, 2, 1794; turteltub Hunziker Aargau 66; tortəltūbə Enderlin ma. v. Kesswil 36; s. auch die hist. belege bei Schmeller 1, 621 u. vgl. die luxemb. umdeutung zu ûrteldauf 'urteilstaube' luxemb. ma. 452. — turteltaube (bzw. ahd. turtulatuba) kommt im anschlusz an vulgatastellen (bes. Luc. 2, 24) sowie sachlich geordnete glossare des lat. auf, das ältere simplex (s. turtel) zurückdrängend; neben den konkreten gebrauch tritt früh, bes. an das hohe lied anschlieszend, ein metaphorischer; über die mit turteltaube verknüpften volkstümlichen vorstellungen s. Schneeweis in: hwb. d. dt. aberglaubens 8 (1936/37) 694ff. und Erich-Beitl wb. d. dt. volkskde. (1936) 724.
1) als vogelname (columba turtur): thaz sie gabin obphar ... zua gimachun (gleiche) turtilitubun (ut darent hostiam ... par turturum) Tatian 7, 3 Sievers (vgl. die fassung in der ersten dt. bibel: das sy geben ein opffer ... ein bar turteltauben 1, 205 Kurr., sowie bei Luther: das sie geben das opffer ... ein par dorteltauben Luc. 2, 24);

bis daz die künigîn Marîa einen brief schreip,
den fuort ein turteltoub gemeit (um 1160) Orendel 3647 Berger;

dy turtyltube und dy swalbe und der storch haben (als zugvögel) bewart di zit irer zukumft Claus Cranc prophetenübers. 92 Ziesemer (so auch sprichwörtlich bei Seb. Franck [Nürnb. 1545] A I 99a und Petri d. Teutschen weiszh. [1605] T 2a);

der nuszhaer, wachtel vnd specht,
die turteltaub vnd gumpels gschlecht
Spangenberg ausgew. dicht. 14 Martin;

[Bd. 22, Sp. 1908]


(zum kleinen weidwerk werden gerechnet) wasserhüner ... wasserschnepfen, griesläufer, turteltauben Heppe aufricht. lehrprinz (1751) 166;

vor wenig menschen-altern
war hier noch alles kahl
...
der turteltaube fehlte
ihr zweig zum brüten gar
Hebbel w. 6, 399 Werner;

wildtauben ...: die grosze und kräftige ringeltaube (columba palumbus), die sich unter tags gern auf feldern herumtreibt und nur zur mittags- und nachtruhe den wäldern zustreicht, während die ihr an grösze nahestehende hohltaube (c. oenas), sowie die kleine zierliche turteltaube (c. turtur) sich nur im walde aufhalten Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 346; ihr (der nachtigallen) silbernes schluchzen (im garten des kasinos) schien sich dem gurren der turteltauben zu mischen Langgässer d. unauslöschliche siegel (1946) 212. im älteren sprachgebrauch gelegentlich auch als wappen- (bzw. zierbild)— bezeichnung:

des grâles wâpen, ein turteltûbe
Wolfram v. Eschenbach Parzival 540, 27;

sitiche und galander (ringlerche),
sparwære und turteltûben,
die genâten ûf der hûben,
die wurden gestreut ûf den wec
Wernher der Gartenaere meier Helmbrecht 1887 Panzer;

vgl. aus dem frühen nhd.:

dasselb (pokal) am ranfft zu berst klar
vier grosse ohren hett mit wunder
auff jedem schwebeten besunder
von klarem gold zwo turteltauben
Spreng Ilias (1610) 150b.


2) metaphorisch in verschiedener anwendung.
a) im poetischen bild; die turteltaube (im april wiederkehrender zugvogel) erscheint als künder des frühlings; dieser gebrauch geht vom hohen lied aus, auf den neuen religiösen frühling bezogen: turteltûbon stimma ist uernoman in unsermo lante. in omnem terram ist kuman praedicatio apostolorum, dîe iro auditores lêrent castitatem et innocentiam unte nidificare in excelsis Williram 14 Seemüller; aber nu ist die zeyt widder komen, das wir der dordel tauben stym hren und die blumen auffgehen ynn unserm land Luther 12, 77 W.;

nun lst die turtel-taub
sich hren auff dem laub;
es grnt meins geistes anger
und geht mit blumen schwanger;
ich bin nu voller freud
ob der genaden-zeit
Angelus Silesius heil. seelenlust 256 ndr.;

die blumen sprosseten; die turteltaube girrte; der lenz einer neuen gesetzgebung, ... die zeit des Messias war da Herder 19, 24 S.; der lenz ist gekommen, und der turteltaube stimme hört ihr im lande Göthe I 37, 303 W. (d. hohelied Salomons). freier, als stilistisches element der frühlingsschilderung in kirchenliedern sowie in der lyrik überhaupt:

der winter ist vergangen,
die blumen wachsen schon,
die turteltaub vorhanden
die reben blen vol (16. jh.) d. dt. kirchenlied 3, 500 Wackernagel;

schon steht der wald im laube
und badet sich im tau,
und gottes turteltaube
girrt auf der blumenau
Krummacher in: ev. liederschatz 951a Knapp;

hört! die turteltaube
girrt aus jener laube
dir ein frühlingslied
Schubart s. ged. (1825) 1, 186.


b) im vergleich, wobei vor allem reinheit, keuschheit, sanftmut, treue undbesonders in neuerer zeitzärtlichkeit der turteltaube als mustergültige eigenschaften hervorgehoben werden (s. darüber Schneeweis in: hwb. d. dt. abergl. 8, 693 ff. s. v. taube, sowie Brehm tierl. 5, 422 P.-L.; zur geschichte der turteltaubensymbolik vgl. ferner Burdach in: ackermann aus Böhmen 185 ff. Bernt [anm. zu cap. 3];

[Bd. 22, Sp. 1909]


über den einflusz des mittelalterlichen 'physiologus', dem vor allem die vorstellung der witwentreue der turteltaube entstammt, s. Lauchert gesch. d. physiologus [1889] 26): dîne hûffelon (wangen) sint samo turtultûbon Williram 16 Seemüller;

dû bist âne gallen
glîch der turtiltûben,
sancta Maria Melker Marienlied in: kl. dt. ged. d. 11./12. jhs. 175 Waag,

über die gallenlosigkeit als im mittelalter verbreitete physiologische erklärung der sanftmut der turteltaube s. Schneeweis a. a. o.;

(gott spricht zu den witwen:)
ir waret turteltuben glich:
einvaltec, senfte, minneclich (13. jh.) von dem jungesten tage 77 Willoughby;

man mag wol geleichen zwar
die tugent der cheusche gar
der turteltauben, als man gicht
H. Vintler d. pluemen d. tugent 5936 Zingerle (vgl. j. Titurel 257 u. 1776 Hahn);

sie sitzt in einsamkeit bey ihres gattens raube (tod)
und seufzt und weint und girrt nach art der turtel-taube
Günther ged. (1746) 817;

das alte bild der einsam weinenden turtelwitwe bewahrt Schlegel-Tiecks übersetzung von Shakespeares 'wintermärchen' der gegenwart:

ich alte turteltaube
schwing' mich auf einen dürren ast, und weine
um meinen gatten, der nie wieder kommt,
bis ich gestorben bin
(I, an old turtle,
will wing me to some wither'd bough, and there
my mate, that's never to be found again,
lament till I am lost) Shakespeare 8 (1832) 178 (wintermärch. V 3);

so lebten sie in eintracht manches jahr
zusammen, keusch und treu, wie fromme turteltauben
Wieland s. w. 22 (1796) 269;

mit zähneklappern habe ich von liebe girren müssen, wie eine turteltaube Raupach dram. w. kom. gattg. (1829) 2, 112; wenn man einunddreiszig jahre verheirathet ist, treibt man's nicht mehr wie die turteltauben E. Höfer auf deutscher erde 2 (1860) 77. gelegentlich taucht auch die aus dem 'physiologus' (s. Lauchert a. a. o.) bzw. der bibel rührende vorstellung der einsamkeit suchenden turteltaube im vergleich auf:

mach es, wie die turteltaube,
fleuch vor angst und sturm und wetter aufs gebürge Golgatha
Günther ged. (1746) 844;

sie ist wie eine dorttel-taube,
die in dem walde sich versteckt
Simon Dach ged. 3, 69 Ziesemer;

die arme frau (die fürstin Salm) ist so gar einsam! über ihren träumereien brütend wie Salomos 'turteltaube in der wildnis'! (2. 1. 1844) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 254 Schulte-K.
c) übertragen, in verschiedener, an die eigenschaften der turteltaube (s. o. 2 b) anknüpfender anwendung.
α) religiös:

du (Maria) bist ein reiniu türteltube
sunder gallen
Konrad v. Würzburg d. goldene schmiede 570 Schröder (s. auch u. 2 b);

reine miltiu Maria
...
du turteltube, du gotes kron schausp. d. mittelalters 1, 248 Mone;

ein geistlich mensch ist die turteltub, eyn weltlich mensch ist eyn husztub Keisersberg bilgerschaft (1512) 10a; ekelt uns zwar bey dem geilen girren jener mystischer turteltauben (nonnen), so wird man deswegen doch nicht weniger sanft entzücket Zimmermann über die einsamkeit 2 (1784) 170; es waren dies (die geistlichen lieder eines sektierers) kleinere sammlungen, die ... unter dem süsztraurigen titel 'das gesäng der einsamen und verlassenen turtel-taube, nemlich der christlichen kirche' zusammengefaszt wurden Th. Mann Faustus (1948) 105. als symbol der seele: got ist das nest, in dem die turtel taub, die sel, findet gantze r Keisersberg baum der seligkeit (1518)

[Bd. 22, Sp. 1910]


37d; die turteltaube deutet an die arme, in dieser thierischen eigenschaft gefangene seele Jac. Böhme s. w. 5, 301 Schiebler;

was ächzest du, o seele, turteltaube
des himmels? warum sehnest du dich hinnen
Arndt w. 4, 36 R.-M.


β) in allgemeinem sprachgebrauch; als kosename für die geliebte: ir habt mir meiner selden haft, mein auserwelte turteltauben arglistiglichen entfremdet ackermann aus Böhmen 7 Bernt-Burdach;

mein liebstes mdgen, meine turteltaube
Neukirch in: Hoffmannswaldau u. a. Dt. ged. (1697) 1, 358 Neukirch;

wo bist du, meine turteltaube? ders., ged. (1744) 52;

meine arme turteltaube, hat dir die Ida (Freiligrath) so wehe getan? (als sie taktlose fragen wegen der verlobung stellte) (30. 3. 1843) L. Schücking an L. v. Gall 265 Muschler; für zärtliche liebesleute:

lasst den jungen turteltauben ihre freiheit
Heinr. Beck d. herz behält s. rechte (1788) 105;

was glaubst du, nach Italien sind sie gefahren, die turteltauben, nach Rom und Neapel und Sizilien (auf d. hochzeitsreise) qu. v. j. 1936. vereinzelt auch sonst: durch ihn sind einige in dem hause lwen und ausser demselben nur haasen: ... in der kirche und auf der gasse die reiniste turteltauben, anderswo aber die bckigste ziegen Lindenborn Diogenes (1742) 1, 586.
3) komposita: zusammensetzungen mit turteltaube als erstem glied sind seit dem frühnhd. durchaus geläufig; in neuerem sprachgebrauch überwiegt die komposition mit turteltaube 2 b bzw. c: turteltaubenblut, n. , vereinzelt in medizin. fachsprache des frühnhd. (vgl. DWB taubenblut teil 11, 1, 1, sp. 170; z. sachgesch. s. Schneeweis in: hwb. d. dt. abergl. 8, 698): das aug sol man offt mit warmem wasser behen, darinn gersten vnd camillen gesotten seyen, als bald die augenglieder mit tauben, turteltauben oder rebhunblut bestreichen Wirsung artzneybuch (1584) 67 A; sobald der kranck sich wider auffricht, so gib jm iij oder iiij tropffen turteltaubenblut, in einem kleinen trncklin weins zertriben Gäbelkover artzneybuch (1595) 1, 29, s. auch Sebiz feldbau (1580) 118. — -fang, m. , wie taubenfang teil 11, 1, 1, sp. 171: der wilde- und turteltauben-, rebhhner- und wachtel-fang whret noch diesen monat durch, hernach verstreichen tauben und wachteln bald allg. haushalt.-lex. (1749) 3, 616. — -flügel, m. : so muss man von stund an blut auss einem ... turteltaubenflügel inn das (von einem streich getroffene) aug tropffen lassen (vgl. DWB turteltaubenblut) Sebiz feldbau (1579) 74. bildlich (vgl. DWB taubenflügel teil 11, 1, 1, sp. 170):

armut hat türtel-tauben-flügel;
deut: weil man ir kurtz lest den zügel,
so bleybt sie doch in diesem allen
gleich tauben-art an bitter gallen,
...
bleibt still, demütig, schlecht und sitsam
Hans Sachs 3, 228 Keller.

-hals, m. : ein vngewisse vnnd vnamhaffte farb ... gleich wie jr am turteltaubenhals vnd raupen sehen Fischart Gargantua 180 ndr., ebenso bei G. Regis Rabelais 1 (1832) 29;

an trümmer von den felsen,
blasz, wie ein todter, hingelehnt,
stöhnt er, wie wenn aus turteltaubenhälsen
ein schmachtend girren stöhnt
C. F. D. Schubart ges. schr. 6 (1839) 25.

-idylle, f. , 'liebesidyll' (zu turteltaube 2 b. c): weil wir uns nirgends hin frei entfalten können, ... suchen wir all das heil unsers daseins in einer turteltauben-idylle B. Auerbach romane 2 (1871) 252. — -leben, n. , 'leben der liebe und zärtlichkeit' (zu turteltaube 2 b. c): und mit dieser frau soll er ein liebes- und turteltaubenleben geführt haben! Fontane ges. w. (1920) II 5, 154. — -liebe, f. , 'auszergewöhnlich zärtliche liebe': 'liebes männchen!' und 'mein süszes, kleines frauchen!' gott sei dank, darüber ist man

[Bd. 22, Sp. 1911]


doch in unseren tagen hinaus, über diese art von turteltaubenliebe Wilh. v. Polenz Grabenhäger 2 (1898) 56. — — -mist, m. : turteltaubenmist benimpt die flecken inn den augen (s. u.turteltauben-blut) Sebiz feldbau (1579) 118. — -paar, n. , 'tauber und täubin':

(Maria) bracht' ihr arm geschenk
ein turteltaubenpaar (mit bezug auf Luk. 2, 24)
Herder 29, 479 S.;

und im wipfel dieser kirchhoflinde
nist' ein turteltaubenpaar!
Hölty ged. 61 Halm;

viele jäger glauben, dass der gatte eines turteltaubenpaares aus kummer zu grunde gehe, wenn ihm sein ehegespons geraubt wird Brehm tierl. (1890) 5, 422 P.-L.; bildlich, im vergleich: beide thaten zärtlicher mit einander als jemals, sie nannte ihn: englischer mann, er sie aber: mein mäuschen, und dabei herzten und küszten sie sich wie ein turteltaubenpaar E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 319 Grisebach; wenn man, wie ihr, jahrelang ein wahres turteltaubenpaar gewesen ist E. Höfer auf deutscher erde 2 (1860) 77. — -seufzen, n. , 'klagendes seufzen wie von einerden gattentod beklagendenturteltaube (s. u. 2 b)': niemand truckt jhm mit tieffgesuchten turteltaubenseufftzen die augen zu Fischart Gargantua 100 ndr., vgl. aus neuerem sprachgebrauch turteltaubenseufzer bei Gervinus gesch. d. dt. dichtg. 3 (1853) 338. — -strich, m. , abzug der turteltaube in wärmere gegenden (s. u.turteltaubenfang): im august gehet der ... turteltaubenstrich an allg. haushalt.-lex. (1749) 3, 616. — -ton, m. , 'zärtlicher klang': der klang seiner stimme, der turteltaubenton seines lachens Auerbach landhaus a. Rhein (1869) 1, 248; bildlich: seliger mensch, dem ein frühling des lebens gegönnt ward, der darin den turteltaubenton der zärtlichkeit aushören durfte! Immermann w. 9, 66 Hempel.

 

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