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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
türse bis turteltäubchenschaft (Bd. 22, Sp. 1904 bis 1906)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) türse, subst., lautliche eindeutschung des lat. (gr.) thyrsus, tirsus (vgl. die geläufigere nebenform dorse teil 2, sp. 1304), vereinzelt im frühnhd.: tirsus v. türse od. stengel an kruth od. dutekolbe Niger abbas 4870 Flohr in: Straszburger stud. 3 (1888) 80.
 
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Tu:rst, -ig, -igkeit,-iglich,-igmut (zu turren wagen, sich erkühnen), s. u.durst- teil 2, sp. 1746ff.
 
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turt, m., trespe, s. u. dort teil 2, sp. 1304.
 
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turtel, f. , columba turtur, auf das lautmalende lat. turtur (m.) zurückgehend, das zunächst unverändert ins ahd. übernommen (turtur[o], m., s. u. und vgl. ae. turtur, an. turturi), später durch dissimilation des r zu l (erstbeleg: t~tulo 11./12. jh., ahd. gl. 4, 210, 8 St.-S.; vgl. die parallelentwicklung im roman. zu sp. tórtolo) und genuswandel (durch beziehung auf taube) zu mhd.-frühnhd. turtel, f., umgebildet wird; im frühnhd. vereinzelt auch durkel (üb. d. wandel von t[e]l zu k[e]l s. Paul mhd. gr. [1944] 65) Diefenbach gl. 603 s. v. turtur. ähnlich verläuft die entwicklung im engl. u. ndl.: ae. turtur, turtla m., turtle f. Bosworth-Toller 1021; me. turtle, turtre (< afrz. tourtre) Stratmann 624; engl. turtle Murray 10, 1, 508; ndl. tortel m., f. Dale 2, 1788; unmittelbar aus dem lat. entlehnt ist aisl. turturi Fritzner 23, 732. — in heutiger mundart nur vereinzelt nachweisbar: turtel Martin-Lienhart elsäss. 2, 718; s. auch d. hist. belege bei Fischer schwäb. 2, 513 u. Schmeller bair. 1, 621 und vgl. schweiz. turtel-chūt 'tauber' schweiz. id. 3, 570. — als simplex wird turtel im dt. nicht üblich. wie im ndl. u. engl. (im nord. erst unter dt. einflusz) ist früh der dt. gattungsname verdeutlichend hinzugetreten (s. u. turteltaube), wogegen sich das simplex nicht durchsetzt, s. Wilmanns dt. gr. 2, 552. es istnach spärlichem auftreten in älterer zeiterst im frühnhd., wohl unter erneutem einflusz des lat. turtur u. frz. tourtre, mehrfach anzutreffen und findet sich in neuerer sprache als poetisch gebrauchte kurzform des kompositums.
1) 'columba turtur'.
a) als vogelname: (ut darent hostiam, secundum quod dictum est in lege domini) par turturum zuuei kenestidiu turturono (8. jh.) ahd. gl. 1, 733 St.-S.; et turtur nidum sibi. ubi ponat pullos suos vnde der turtur findet imo nest. dâr er lege sîne iungen Notker 2, 347 (ps. 83, 4) Piper;

simpel aen alles vurtel
weerstu und so demuedich,
daz du wolts offren nicht den ein par turtel
bruder Hans Marienlieder 2802 Minzloff;

die turtel on gallen ist
Hans Sachs 1, 378 Keller (s. u. DWB turteltaube 2 b);

die turtel oder turteltaub ist die kleinst vnder allen tauben, schenfarb, aber auff dem rugken mit rotfarb besprengt Heusslin Gesners vogelbuch (1557) 250a; auch schreibt man von den turtelen, wann eins stirbt, beleibt das ander in stetiger keüschheit L. Zoleckhofer vilvaltig beschr. (1564) 243. nhd. nur vereinzelt in poetischem sprachgebrauch:

nachtigall und turtel fliehen
das so keusch erwärmte nest,
und in wüthendem erglühen
hält der faun die nymphe fest
Göthe I 2, 29 W.;

als sonnenfeuer sprühte
und heisz der sommer glühte
und süsz die linde blühte
und lieb die turtel girrte
und licht der glühwurm schwirrte
Brentano ges. schr. (1852) 2, 268;

im holze gern, von menschen fern,
austönt der turtel klagen
Freiligrath ges. dicht. (1870) 2, 107;

als hold ihr geseufz anhob die turtel im laube
Rückert ges. poet. w. 11 (1882) 228;

[Bd. 22, Sp. 1905]


gelegentlich auch als ornithologische bezeichnung: unsere turteltaube oder turtel (turtur communis) ... kennzeichnet sich durch schlanke gestalt Brehm tierl. (1890) 5, 419 P.-L.
b) metaphorisch:

ihrem (Hartmuot) ...
...
wünscht (Iimtrut) die honigträgerin, die turtel mit sanftem sinn (turtur nescia fellis, s. minnes. frühl. [1944] 318
v. Kraus):
alles was fröhlich ist, alles was selig ist übers. aus d. briefslg.
Wernhers
v. Tegernsee bei
Freytag bilder 1 (1874) 531.


2) komposita; vereinzelt in neuerem sprachgebrauch (turtel- in frühnhd. turteltag [d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 187 Franz] ist wohl als volksetymologische umdeutung zu urte 'zeche' zu stellen), gelegentlich auch als erstes glied in einem adjektivkompositum: turtelhalsig, adj., gelegenheitsbildung bei Herwegh:

es fällt mir ein, in meiner kindheit hatt' ich
zum freunde einen hund, ein weiszes windspiel,
rehmäulig, seidenhaarig, turtelhalsig Lamartine, s. w. 5 (1843) 126.


 
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-pärchen, n., wie turteltaubenpaar, besonders bildlich gebraucht:

und auf der liebe flaum
ruht nachts das turtelpärchen
Stolberg ges. w. 5 (1821) 234;

die Eitelbach und (rittmeister) Dohleneck, eine liaison tragique, eine liaison dangereuse, ein turtelpärchen, was ihr wollt Alexis ruhe ist d. erste bürgerpflicht (1852) 1, 262. —
 
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-weibchen, n., vereinzelt bei Göthe:

o seht das kleine täubchen,
das liebe turtelweibchen! I 1, 42 W.


 
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-witwe, f., die nach dem tode des 'gemahls' klagend zurückbleibende turteltaube (über diese vorstellung s. u. turteltaube 2 b):

o süszer ist der vögel klagereih'n,
der turtelwittwe schluchzen im gewäld,
als dort am thron die glatten flüsterei'n,
da, uebles billigend, gutes man entstellt
Freiligrath ges. dicht. (1877) 4, 145.


 
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turtelchen, n., vereinzelte diminutivbildung zu turtel, s. dort u. vgl. DWB turteltäubchen:

wo die rose hier blüht, wo reben um lorbeer sich schlingen,
wo das turtelchen lockt, wo sich das grillchen ergetzt
Göthe I 2, 124 W.;

da girrt' es! hauchte, turtelchen, dir allein
in's fromme herzchen schmachtendes sanftgefühl
allvater, ach und linde, wie dein
busengefieder, die sehnsuchtsseufzer?
Stolberg ges. w. 2 (1821) 266 (ode: 'die turteltaube').


 
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turteln, vb., lautmalende bezeichnung des taubenrufes, die im frühen nhd. als ableitung von turtel (s. dort) aufkommt, sich jedoch gegenüber dem üblicheren gurren (s. teil 4, 1, 6, sp. 1165 sowie zs. f. dt. wortforschg. 176 u. vgl. DWB turren) im sprachgebrauch nicht durchsetzt:

die frösche coaxen, coaxen und murren,
die tauben, die turteln und lachen und gurren
Schirmer singende rosen (1654) T 2a;

die erste hälfte des nahmens (turtel-taube) ist eine unmittelbare nachahmung ihres eigenthümlichen lautes, welchen man im gemeinen leben noch durch turteln ausdruckt Adelung 4 (1801) 725; während der paarungszeit bemüht sich der tauber sehr eifrig um die gunst der taube, ruckst, girrt, turtelt, lacht, heult Brehm tierl. 5 (1900) 401 P.-L.; im sinne von 'gurrend (über den weg) laufen': weisze, silbergraue, schwarzschillernde tauben platschten vor den tritten der männer auf und fielen auf dem scheunendach wieder ein; andere turtelten in aller gemütsruhe über den weg, und der hahn liesz sich schier ertreten qu. v. j. 1937.
 
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turteltäubchen, n. , diminutivum zu turteltaube, s. dort u. vgl. turteltäublein u. mndl. tortelduyvelkijn; über das verhältnis der suffixe -lein und -chen in der literar. überlieferung s. Henzen dt. wortbildg. (1947) 150. turteltäubchen tritt im frühnhd. neben älteres (obd.) turteltäublein

[Bd. 22, Sp. 1906]


und drängt dies in der schriftsprache allmählich zurück. mundartlich wird es nur vereinzelt üblich: turdeldeifchen (mit entrundung des äu) Ph. Laven ged. i. Trierer ma 280. gelegentlich findet sich in älterer sprache die unsynkopierte form turteltäubichen bei Liscow (s. u. 1, sowie bei Henzen a. a. o. 148) und die mittel- u. niederrhein. suffixgestalt -gen (s. Henzen 152) in turtel-täubgen J. G. Schmidt gestrieg. rocken-philos. 1 (1706) 202. — bedeutungsmäszig entspricht turteltäubchen (wie turteltäublein s. u.) völlig dem grundwort turteltaube; das diminutivsuffix verstärkt lediglich den affektischen beiton, der durch die besonderen eigenschaften der turteltaube (zierlichkeit, anmut, zärtlichkeit u. ä.) hervorgerufen, auch beim grundwort mitklingt.
1) wie turteltaube (u. -täublein): der sperling vnd das turteltäubchen (überschrift) Chr. F. Weisze lieder f. kinder (1767) 21;

ein turteltubichen,
das in der einsamkeit des waldes vor sich girrte,
bracht ihn bey dem geheimen kummer
zu einem unvermerkten schlummer
Liscow sat. u. ernsth. schr. (1739) 396;

bächlein, das so kühle rauschet,
tröstet alle vögelein,
nur das turteltäubchen trauert,
weils verwittwet und allein
Eichendorff s. w. (1864) 1, 712;

er fing ihr ein paar (zwei) turteltäubchen Ch. v. Schmid ges. schr. (1858) 7, 69; vereinzelt auch als ornithologische bezeichnung: columba turtur Linn. turteltäubchen Naumann naturgesch. d. vögel (1822) 6, 233.
2) bildlich und im vergleich.
a) wie turteltaube (u. -täublein) 2 b:

ich für jetzt einen betrübten mut,
gleich wie das turteltäubchen tut,
das seinen bulen verloren hat,
so sitzt es auf einem dürren ast liederbuch a. d. 16. jh. 98 Goedeke-Tittmann;

denn da ist er an muth ein löwe, ob er gleich sonst so sanft wie ein turteltäubchen ist Chr. F. Weisze lustsp. 1 (1783) 228;

sie, schon ein sanftes weibchen,
wie sonsten nirgend ist,
kehrt wie ein turteltubchen
sich zrtlich um und kszt
Gleim s. schr. (1798) 2, 211;

du bist ja so hübsch glatt und anmuthig wie ein turteltäubchen Brentano ges. schr. (1852) 5, 100;

... das schnäbelt ja, wie turteltäubchen!
Bauernfeld ges. schr. 1 (1871) 164.


b) wie turteltaube (u. -täublein) 2 c; für zärtliche liebesleute: seht doch! meine verliebten turteltäubchen! Chr. F. Weisze lustsp. 3 (1783) 271; an ... turteltäubchen ... ist (bei dem brautpaar) gar nicht zu denken Lichtenberg erkl. d. Hogarthischen kupferstiche (1794) 4, 22; gegen euch zärtliche turteltäubchen Schroeder dram. w. (1831) 2, 128; als kosename:

nur herein, mein turteltäubchen!
sie musz nicht von weitem stehn
Göthe I 12, 137 W.;

nun will ich süsze künste dich,
mein turteltäubchen, lehren
Brentano ges. schr. (1852) 2, 147;

heuchelei, du süszes, süszes turteltäubchen
Liliencron s. w. (1896) 9, 11;

halb-ironisch für zwei schmollende mädchen: 'richtig, da sitzen die turteltäubchen!' ruft der professor W. Raabe s. w. I 1, 138 Klemm. vereinzelt auch bildlich für die christliche seele, s. DWB turteltaube u. -täublein 2 c:

gieb jedem raubthier nicht dein turteltäubchen preis! (mit bezug auf ps. 74)
Moses Mendelssohn ges. schr. (1843) 6, 238.


 
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turteltäubchenschaft, f., vereinzelte suffixbildung zu turteltäubchen (2 b); 'zärtlicher bund, liebesverhältnis': aber konnte die gute frau anders als auf turteltäubchenschaft das also deuten? J. T. Hermes f. töchter edler herkunft 2 (1787) 216.

 

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