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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
türrig bis turtelchen (Bd. 22, Sp. 1902 bis 1905)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) türrig, adj., marcidus, s. dürrig(keit) teil 2, sp. 1745.
 
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tursch, subst., wohl eine obd. nebenform (mit r-umsprung) von trusch(e), s. teil 11, 1, 2, sp. 387 s. v. treusche, kaum zu dorsch zu stellen; sie findet sich vereinzelt im voc. theut.: tursch perca (Nürnberg 1482) bei Diefenbach gl. 424c, vgl.'porca' trusch voc. lat.-germ. (Augsb., ca. 1470) 125a.
 
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turse, türse, m., gemeingerm., bes. im nord. als mythol. bezeichnung geläufiges wort; ahd. thuris gl. 3, 686 St.-S., thures in thuresa ebda 2, 492, duris ebda 2, 681; mit verschiebung zur unasp. tenuis (s. Wilmanns dt. gr. 1, 112) u. synkope des i: turs in tursa Notker(s. glossator) 2, 53 Piper; mhd. dürse, türse, turse (in die sw. dekl.-klasse übergegangen, s. Weinhold mhd. gr. [1883] 493 u. Paul mhd. gr. [1944] 98); gelegentlich mit stimmlosem, nach r verschärftem s, s. Paul a. a. o. 29: dürsch Lexer 2, 1587; mhd. wb. 3, 153; frühnhd. türse liederb. d. Hätzlerin 261a; mit

[Bd. 22, Sp. 1903]


epithet. t (bes. schweiz.): türst Wittenweiler ring 9240; ae. þyrs Grein-Köhler 734; Bosworth-Toller 1086; me. þürs Stratmann 641; ne. thurse Murray 9, 2, 397; anord. þurs, þuss (r an s assimiliert) Fritzner 3, 1055; als runenname (þ) vereinzelt unsynkopiert þuris (s. Noreen aisl. gr. 133); nisl. þurs, þursi, þus und bes. þussi 'riese, querköpfige und törichte person, barbar' Blöndal 991; norw. tuss 'gnom, wichtelmännchen', tusse 'tor, dummkopf' Torp 819; schwed. dial. tusse 'riese', tuss 'dummkopf', (schriftsprachl.) tossa, f., 'läppische und törichte frau' Hellquist 31249, 1211; dän. tosse 'dummkopf', ädän. tosse, tusse, tuss 'berggeist, tropf' Falk-Torp 1275 (in der bedeutung 'tölpel' auch ins schlesw.-holst. gedrungen, s. Mensing 5, 135); im ostgermanischen als erstes element in personennamen: Thorismodus (5. jh.), Thurismudus (6. jh.), Thurismundus (5. jh.), Thorisarius (5. jh.), Thorisin (6. jh.) Schönfeld wb. d. agerm. personen- und völkernamen (1911) 236 f., Bach d. dt. personennamen (1943) 188, Schwarz dt. namenforschg. 1 (1949) 23f., Holthausen etym. wb. d. awestn. 322. — in heutiger mundart nur schweiz. nachweisbar: türst (mit epithet. t) Stalder schweiz. id. 1, 329; s. auch die hist. belege bei Schmeller bair. 1, 623 ff. und Fischer schwäb. 6, 2, 1794 u. vgl. türsenblut ebda 2, 511 sowie türschenöl bei Schmeller.als germ. grundform erscheint *þur(i)sa- und *þur(a)sa- (vgl. den runennamen þuris, ostgot. Thorismod, sowie das finn. lehnwort tursas), das im allg. neben aisl. þori 'menge, masse' und þyrja 'mit lärm hervorbrechen' gestellt und auf die idg. wurzel ter — in ahd. dueran 'schnell herumdrehen' — zurückgeführt wird (s. Walde-Pokorny 1, 749; Falk-Torp 1275 u. Hellquist 31249); verwandt ist vielleicht auch ai. turá-s 'stark, kräftig', s. Walde-Pokorny 1, 710; afda. 18, 49; Schrader-Nehring reallex. d. idg. altertumskde 2 (21929) 709; Schlenther german. myth. (1925) 70 und Müller-Bergström in: hwb. d. dt. abergl. 9, 1121 f. — turse tritt spätahd. als glossierung von daemonium Notker(s. glossator) 2, 53, 18 Piper; dis (Pluto) ahd. gl. 2, 645, 28 und orcus (Pluto, vgl. ae. orc-þyrs Bosworth-Toller 1080) ebda 3, 429, 20. 36; 686, 45 auf, vereinzelt auch als wiedergabe von cyclops ebda 2, 695, 66; in dieser letztendem ae. und anord. geläufigenbedeutung ('riesenhaftes, trollartiges wesen') wird es erst im mhd. üblich, dann jedoch gegenüber synonymem riese (s. teil 8, sp. 930) nicht im sprachgebrauch durchdringend und nhd.von vereinzelter anwendung in wissenschaftssprache (mythologie) und hist. dichtung abgesehennur in eigen- und ortsnamen erhalten, s. Müller-Bergström in: hwb. d. dt. abergl. 9, 1122; Schmeller bair. 1, 623 s. v. Türschenreuth; Schöpf Tirol 744 s. v. Tischenbach und dem familiennamen Türšt bei Winteler Kerenzer ma. 65:

zwelf schâcher zeines türsen hûs in einem walde quâmen:
der fraz er einlif sunder wer, die schiere ein ende nâmen
Konrad v. Würzburg kl. dicht. 3, 59 Schröder;

... tursen huenengroz,
di da van sinnen warin vrat (verschlagen) (14. jh.) historien der alden e 326 lit. ver.;

niemant was vor im gewiss:
er wär eim türsten gnuog gewesen
Heinr. Wittenweiler ring 9240 Wieszner;

ein andrer ris der türs genant zu Seefelt wonung het da noch das heylthum ruht und steht, und ist auchs ort (wo er erschlagen wurde) von thürschn gnant Andr. Spängler (1634) bei Schmeller 1, 625, s. ebda auch über Turse als bei- und familienname. seit der romantik von der sprache der wissenschaft und hist. dichtung vereinzelt wiederaufgenommen: damals standen die türse (stark flektiert), an deren stelle hernach riesen getreten sind, noch in den märchen fest J. Grimm kl. schr. (1864) 1, 104;

den zwölften (bruder), der halb auszen hing,
den warfen sie ihm dar.
der türse fing das arme ding
und speist's mit haut und haar
Herm. Kurz w. 1 (1874) 94.

im schweiz. noch für den 'wilden jäger' gebraucht (s. Stalder a. a. o.): wann der sturm nachts im walde heult und

[Bd. 22, Sp. 1904]


tobt, sagt das volk im Luzerngau: 'der türst, oder der dürst jagt!' Grimm dt. sagen (1891) 1, 184; ebenso: der rottmeister Gyr reitet wie der wilde türst durch die dörfer G. Keller ges. w. 6 (1889) 402; da höret man von thürstos wilder jagd H. Nydegger Hans der chüjer (1894) 29; s. auch ebda 18.
 
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türse, subst., lautliche eindeutschung des lat. (gr.) thyrsus, tirsus (vgl. die geläufigere nebenform dorse teil 2, sp. 1304), vereinzelt im frühnhd.: tirsus v. türse od. stengel an kruth od. dutekolbe Niger abbas 4870 Flohr in: Straszburger stud. 3 (1888) 80.
 
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Tu:rst, -ig, -igkeit,-iglich,-igmut (zu turren wagen, sich erkühnen), s. u.durst- teil 2, sp. 1746ff.
 
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turt, m., trespe, s. u. dort teil 2, sp. 1304.
 
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turtel, f. , columba turtur, auf das lautmalende lat. turtur (m.) zurückgehend, das zunächst unverändert ins ahd. übernommen (turtur[o], m., s. u. und vgl. ae. turtur, an. turturi), später durch dissimilation des r zu l (erstbeleg: t~tulo 11./12. jh., ahd. gl. 4, 210, 8 St.-S.; vgl. die parallelentwicklung im roman. zu sp. tórtolo) und genuswandel (durch beziehung auf taube) zu mhd.-frühnhd. turtel, f., umgebildet wird; im frühnhd. vereinzelt auch durkel (üb. d. wandel von t[e]l zu k[e]l s. Paul mhd. gr. [1944] 65) Diefenbach gl. 603 s. v. turtur. ähnlich verläuft die entwicklung im engl. u. ndl.: ae. turtur, turtla m., turtle f. Bosworth-Toller 1021; me. turtle, turtre (< afrz. tourtre) Stratmann 624; engl. turtle Murray 10, 1, 508; ndl. tortel m., f. Dale 2, 1788; unmittelbar aus dem lat. entlehnt ist aisl. turturi Fritzner 23, 732. — in heutiger mundart nur vereinzelt nachweisbar: turtel Martin-Lienhart elsäss. 2, 718; s. auch d. hist. belege bei Fischer schwäb. 2, 513 u. Schmeller bair. 1, 621 und vgl. schweiz. turtel-chūt 'tauber' schweiz. id. 3, 570. — als simplex wird turtel im dt. nicht üblich. wie im ndl. u. engl. (im nord. erst unter dt. einflusz) ist früh der dt. gattungsname verdeutlichend hinzugetreten (s. u. turteltaube), wogegen sich das simplex nicht durchsetzt, s. Wilmanns dt. gr. 2, 552. es istnach spärlichem auftreten in älterer zeiterst im frühnhd., wohl unter erneutem einflusz des lat. turtur u. frz. tourtre, mehrfach anzutreffen und findet sich in neuerer sprache als poetisch gebrauchte kurzform des kompositums.
1) 'columba turtur'.
a) als vogelname: (ut darent hostiam, secundum quod dictum est in lege domini) par turturum zuuei kenestidiu turturono (8. jh.) ahd. gl. 1, 733 St.-S.; et turtur nidum sibi. ubi ponat pullos suos vnde der turtur findet imo nest. dâr er lege sîne iungen Notker 2, 347 (ps. 83, 4) Piper;

simpel aen alles vurtel
weerstu und so demuedich,
daz du wolts offren nicht den ein par turtel
bruder Hans Marienlieder 2802 Minzloff;

die turtel on gallen ist
Hans Sachs 1, 378 Keller (s. u. DWB turteltaube 2 b);

die turtel oder turteltaub ist die kleinst vnder allen tauben, schenfarb, aber auff dem rugken mit rotfarb besprengt Heusslin Gesners vogelbuch (1557) 250a; auch schreibt man von den turtelen, wann eins stirbt, beleibt das ander in stetiger keüschheit L. Zoleckhofer vilvaltig beschr. (1564) 243. nhd. nur vereinzelt in poetischem sprachgebrauch:

nachtigall und turtel fliehen
das so keusch erwärmte nest,
und in wüthendem erglühen
hält der faun die nymphe fest
Göthe I 2, 29 W.;

als sonnenfeuer sprühte
und heisz der sommer glühte
und süsz die linde blühte
und lieb die turtel girrte
und licht der glühwurm schwirrte
Brentano ges. schr. (1852) 2, 268;

im holze gern, von menschen fern,
austönt der turtel klagen
Freiligrath ges. dicht. (1870) 2, 107;

als hold ihr geseufz anhob die turtel im laube
Rückert ges. poet. w. 11 (1882) 228;

[Bd. 22, Sp. 1905]


gelegentlich auch als ornithologische bezeichnung: unsere turteltaube oder turtel (turtur communis) ... kennzeichnet sich durch schlanke gestalt Brehm tierl. (1890) 5, 419 P.-L.
b) metaphorisch:

ihrem (Hartmuot) ...
...
wünscht (Iimtrut) die honigträgerin, die turtel mit sanftem sinn (turtur nescia fellis, s. minnes. frühl. [1944] 318
v. Kraus):
alles was fröhlich ist, alles was selig ist übers. aus d. briefslg.
Wernhers
v. Tegernsee bei
Freytag bilder 1 (1874) 531.


2) komposita; vereinzelt in neuerem sprachgebrauch (turtel- in frühnhd. turteltag [d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 187 Franz] ist wohl als volksetymologische umdeutung zu urte 'zeche' zu stellen), gelegentlich auch als erstes glied in einem adjektivkompositum: turtelhalsig, adj., gelegenheitsbildung bei Herwegh:

es fällt mir ein, in meiner kindheit hatt' ich
zum freunde einen hund, ein weiszes windspiel,
rehmäulig, seidenhaarig, turtelhalsig Lamartine, s. w. 5 (1843) 126.


 
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-pärchen, n., wie turteltaubenpaar, besonders bildlich gebraucht:

und auf der liebe flaum
ruht nachts das turtelpärchen
Stolberg ges. w. 5 (1821) 234;

die Eitelbach und (rittmeister) Dohleneck, eine liaison tragique, eine liaison dangereuse, ein turtelpärchen, was ihr wollt Alexis ruhe ist d. erste bürgerpflicht (1852) 1, 262. —
 
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-weibchen, n., vereinzelt bei Göthe:

o seht das kleine täubchen,
das liebe turtelweibchen! I 1, 42 W.


 
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-witwe, f., die nach dem tode des 'gemahls' klagend zurückbleibende turteltaube (über diese vorstellung s. u. turteltaube 2 b):

o süszer ist der vögel klagereih'n,
der turtelwittwe schluchzen im gewäld,
als dort am thron die glatten flüsterei'n,
da, uebles billigend, gutes man entstellt
Freiligrath ges. dicht. (1877) 4, 145.


 
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turtelchen, n., vereinzelte diminutivbildung zu turtel, s. dort u. vgl. DWB turteltäubchen:

wo die rose hier blüht, wo reben um lorbeer sich schlingen,
wo das turtelchen lockt, wo sich das grillchen ergetzt
Göthe I 2, 124 W.;

da girrt' es! hauchte, turtelchen, dir allein
in's fromme herzchen schmachtendes sanftgefühl
allvater, ach und linde, wie dein
busengefieder, die sehnsuchtsseufzer?
Stolberg ges. w. 2 (1821) 266 (ode: 'die turteltaube').

 

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