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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
turnen bis turnergewand (Bd. 22, Sp. 1877 bis 1879)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) turnen, vb., als fachausdruck der Rheinschiffahrt: durch einen schleppdampfer (flott zu machen), der das festsitzende fahrzeug ins schlepptau nimmt und es durch hin- und herziehen (= turnen) abturnt Dunkelberg Rheinschiffahrts-lex. (1910) 40.
 
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turnen, türnen, vb., ältere nebenform von türmen, s. teil 11, 1, 1, sp. 470f.
 
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turner, m. , im ndl.-dän.-norw. als turner, im schwed. als turnare nachweisbar; nomen agentis zu 1turnen, s. dort sowie unter vorturner teil 12, 2, sp. 1801.
1) 'ein betreiber von leibesübungen, im oberdeutschen torner' ([25. 7. 1811] Jahn br. 35 Meyer): schwingungen eines besonders geübten turners am reck (1817) Göthe gespr. 22, 409 Biedermann;

klettern, laufen, springen
ist des turners spie!
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 2, 133;

diese verschiebbare leiter muss in einer gewissen entfernung, mindestens 50 cm, von der wand aufgestellt werden, damit der turner auch die rückseite zum aufsteigen, z. b. beim tiefspringen, benutzen kann Kregenow-Samel gerätkde (1905) 65; es ist die vierte riege, die schlechten turner, die keine freude haben an der bewegung bei den geräten Rilke ges. w. (1927) 4, 211; die ungarischen turner blieben in diesem ... wettkampf ... sieger (31. 3. 52) dt. sport-echo 6. jahrg., nr. 27.
2) turner ist früh auch zur bezeichnung eines bestimmten menschlichen typus geworden; es bezeichnet einen durch leibesübungen geschulten körperlich gewandten: in seinen bewegungen war der ausgebildete turner unverkennbar B. Auerbach ges. schr. 14 (1858) 32; da ich nun überdies ein groszer turner war und eigentlich teufelmäszige sprünge machen konnte, ... so war es kein wunder, dasz ich bald in groszes ansehen unter diesem volke kam Hauff s. w. (1890) 2, 1, 37; also betrachtete er, der Georg, zumal er ein ausgezeichneter turner und schlechter lateiner sei, die reichswehr als den für ihn gegebenen ort V. Klemperer l. t. i. (1949) 31; darüber hinausnach Fr. L. Jahn turnerideal (s. u.) — den träger einer bestimmten lebenshaltung überhaupt: man kann es dem turner ... nicht oft und nachdrücklich genug einschärfen, dasz keiner den adel des leibes und der seele mehr wahren müsse, denn gerade er; ... tugendsam und tüchtig, rein und ringfertig, keusch und kühn, wahrhaft und wehrhaft sei sein wandel; frisch, frei, fröhlich und fromm — ist des turners reichtum ...; muster, beispiel und vorbild zu werden — danach soll er streben Fr. L. Jahn d. dt. turnkunst (1816) in: w. 2, 1, 122f. Euler; bist du ein turner und sprichst und tust solches? ders. bei Bornemann lehrbuch (1814) 112;

wer gleichet uns turnern, uns frohen?
Frlach volksl. 4 (1835) 11;

[Bd. 22, Sp. 1878]


doch schämte ich mich gewaltig der blödigkeit, die mich, den freien fröhlichen turner, befallen hatte W. v. Kügelgen jugenderinn. (1870) 384; (Fr. Vockerat:) turner aus Berlin, Käthel! prächtige menschen G. Hauptmann einsame menschen (1891) 41; bin fast die treppe hinuntergesegelt, als es klingelte, indessen ein alter turner, wie ich, hält sich aufrecht H. W. Seidel Krüsemann (1935) 47; die enge verflechtung des turnens mit der nationalen bewegung gibt turner gelegentlich den nebensinn eines parteigängers der freiheitsbewegung: Hans Ferdinand Maszmann, deutscher philolog und turner, ... der die unsaubren bücher verbrannt hat auf der Wartburg W. Scherer kl. schr. (1893) 1, 82; unerfreuliche aktualität erhielt das wort in jüngster vergangenheit: auch hier (an der bayerisch-tschechischen grenze) ist front: gegen die nazis jenseits, gegen die 'turner' Henleins diesseits der grenze Fr. Wolf zwei a. d. grenze (1950) umschlagtext; nach der erschieszung des heizers Franz müsse man mit aktionen gegen die turner rechnen ebda 336.
 
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turner, m., nomen agentis zu 2turnen, s. dort; vereinzelt bei Moscherosch, der es als grundwort von turnieren und turnier anführt: der berichtete mich: turner wre bey den alten ein junger soldat, ein tummelhaffter wacker kerly, ein frischer junger gesell, der sich in ritterlichen thaten vbete, daher thurnieren vnd ein thurnier seinen namen vnd anfang genommen Moscherosch gesichte (1650) 2, 416.
 
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turner, m., 'wender', als fachwort der milchwirtschaft im alem. bezeugt (s. auch Stalder schweiz. 1, 329; Fischer schwäb. 2, 503 sowie schweiz. id. 1, 453 s. v. turnarm): das grosse wellkesse, bandkesse oder kskesse, welches an dem turner hanget, an einem hltzernen schnabel, welcher sich mit leichter mhe ber das feuer und von demselben hinweg bewegen lszt Noel Chomel öc. lex. (1750) 8, 1065; turner (soviel wie winder) hölzerner oder eiserner zur seite des feuerherdes angebrachter drehbarer galgenförmiger kran, an welchem aufgehängt der käsekessel über das feuer gebracht, bez. davon abgezogen wird; auch benutzt, um den aus dem kessel gehobenen käseteig unter die presse zu bringen Martiny wb. d. milchwirtsch. (1907) 131.
 
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turner, türner, m., ältere nebenform von türmer, s. teil 11, 1, 1, sp. 471 sowie Unger-Khull steir. 184 u. Kisch Nösner wörter 166.
 
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turnerbruder, m., wie turnbruder (s. dort):

turnerbrüder! seyd willkommen,
seyd mit jubel aufgenommen
in der alten Neckarstadt
Kerner lyr. ged. (1854) 326.


 
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turnerbund, m., wie turnbund (s. dort): viele bisher der deutschen turnerschaft zugehörigen vereine schlossen sich dem turnerbunde an tägl. rundschau (1901) 241; er ist mitbegründer und ehrenturnwart des turnerbundes Fr. Wolf zwei a. d. grenze (1950) 85.
 
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turnerei, f. , ableitung von 1turner, s. dort sowie unter 1turnen.
1) das treiben von leibesübungen, das turnen: die turnerei halte ich werth; denn sie stärkt und erfrischt nicht nur den jugendlichen körper, sondern ermuthigt und kräftigt auch seele und geist gegen verweichlichung (1817) Göthe gespr. 22, 397 Biedermann;

turnerei
macht den körper frei.
doch ist das mittel noch nicht erdacht,
wodurch der geist wird frei gemacht
Hoffmann v. Fallersleben mein leben (1868) 6, 369;

das turnen wurde (1818) für eine überflüssige spielerei erklärt, die soldaten hätten springen und laufen können auch ohne turnerei Gutzkow ges. w. (1872) 1, 133; dem miszbrauch der turnerei zu zwecken der ... parteipolitik tritt der 'geschäfts- und jahresbericht' der ... deutschen turnerschaft mit nachdruck entgegen tägl. rundschau (1905) 366; vom turnunterricht: die einzigen lichten

[Bd. 22, Sp. 1879]


momente in diesen mittelklassen (der schule) waren die der turnerei, die mein vater zu einem wirklich erziehlichen institut zu machen wuszte J. Scheibert mit schwert u. feder (1902) 5.
2) auf die turnbewegung Fr. L. Jahns bezogen: alle diese aus den freiheitskriegen stammenden elemente waren es, welche in der mit der turnerei innig verbundenen burschenschaft ihren ausdruck fanden C. v. Raumer in: Schubert selbstbiogr. 3 (1856) 307; man kann die geschichte des neunzehnten jahrhunderts nicht schreiben, ohne der turnerei gerecht zu werden W. Meyer preusz. jahrbücher 114 (1903) 131.
3) bildlich in verschiedener anwendung; meist mit tadelndem beisinn: die grosze liebenswürdigkeit derer, die den schauplatz für diese turnerei (empfang beim prinzen Reusz) hergeben, läszt mich den rückfall in diese kleinen eitelkeiten und ungehörigkeiten auch kaum bedauern Fontane ges. w. (1920) II 5, 127; die gefahr dieser methode liegt darin, dasz scharfsinn in gedankliche turnerei ausarten kann dt. literaturzeitung 72 (1951) 450.
 
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turnerfest, n., wie turnfest (s. dort): von dem augenblick an, wo diese kraft und frische nicht mehr da ist, sehnt man sich mehr nach dem heimischen bettzipfel als ... nach ausstellung oder turnerfest Fontane ges. w. (1920) II 5, 249; as ut ganz Dütschland de frischen grisjacken un widbüxen tau't turnerfest in Berlin tausamen kemen Fr. Reuter w. 4, 335 Seelmann; vereinzelt auch auf ähnliche veranstaltungen früherer jahrhunderte bezogen: das allgemeine turnerfest der griechischen stämme Mommsen röm. gesch. 5 (41894) 264. —
 
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turnergewand, n., wie turngewand (s. dort): als student machte ich vom turnplatze aus in meinem turnergewande einen einsamen spaziergang (1817) Göthe gespr. 22, 396 Biedermann; dann marschierten die schüler ein, alle in kleidsamem turnergewande tägl. rundschau (1905) 158.

 

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