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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
türmig bis turneien (Bd. 22, Sp. 1872 bis 1875)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) türmig, adj., s. dürmig teil 2, 1734.
 
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türmisch, adj. , schwindlig, taumelnd; wild, ungestüm; finsterblickend; s. dürmisch teil 2, 1734.
1) 'betäubt, schwindlig':

darnach kam ain wind und saus,
der ging wol von dem ofen herausz
dasz si in den kopfen turmisch waren (1478) hist. volkslieder nr. 153 Liliencron;

Fischer schwäb. 2, 500; schwindelig, taumelnd Neubauer Egerl. 53. 'taumelnd, purzelnd': trifft aber nur den gaul, dasz er mit samt dem mann sich türmisch überschlägt Hohberg d. habsburg. Ottobert (1664) Zzz 2a. 'berauscht, ausgelassen': davon (von dem trunk) werden sie dester trmischer und hertzhafftiger Megiser chorographia Tart. (1611) 339.
2) die bedeutung des grundworts ist in abwertend-verstärkender richtung weiterentwickelt, 'wild, trotzig, ungestüm':

auch Englmar ain vetter hat,
der ...
... ist zu Bravant wol bekant
in dem land als ein türnisch (türmisch) man fastnachtsp. 1, 445 lit. ver.;

weilen dan nun die kayszerische soldaten also thürmisch und verüebig, dorften die underthonen nit wohnen, noch uff den derfern verbleiben (1630) S. Bürster beschr. d. schwed. krieges 99 Weech; allhier stehen mir die augen voller wasser, wann ich zu gemüt führe den türmischen tod, wie er seine sensen so scharf gewetzet hat Abr. a s. Clara w. 2, 73 Strigl;

da taod is nöt meh
wos a türmischa knecht
Stelzhamer ausgew. dicht. (1884) 1, 136.

'unordentlich, verwegen': nicht weniger zeigt auch die kleydung, hut vnd binden ein grossen vnterschied an, dann sie seyn nicht fein richtig vnnd so ordenlich gebunden vnd gewunden, sondern gar toll vnd türmisch durcheinander gewicklet Schweigger reyszbeschr. (1619) 136. 'tobend, wild, ungestüm' bad. wb. 1, 612. zur bedeutung 'stolz' neigend: von mancherlay farben gar zierlich und türmisch mit ungerischen hüettlin und schönnen federbusch U. Krafft reisen 377 lit. ver.; dürmisch ungestüm, zornig, stolz Fischer schwäb. 2, 500. insbesondere vom gesichtsausdruck 'finster, trotzig, wild': ein saures, turmisch, stürmisches gesicht machen far' un viso brusco, arcigno, far mal viso Kramer t.-ital. 2 (1702) 740c; dürmisch drein sehen torvum videre Weismann lex. bip. (81725) 2, 101b; sein ansehen trutzlich, türmisch, erschrockenlich Pincianus ritterl. thaten (1561) 175b; im stier ist ein türmisches stiergesicht, von fünff grossen und vil kleinen sternlein J. Kepler opera omnia 1, 442 Frisch;

sah ausz so trmisch und vermessen,
als wolt er alle kinder fressen
W. Spangenberg ausgew. dicht. 81 Martin;

wild, trotzig, finster blickend Unger-Khull steir. 184; Hügel Wien 135; Höfer Österr. 3, 247; Lexer Kärnten 78; 'mürrisch, verdrieszlich':

ich will kurtz wissen, was dir sey,
dasz du siehst ytzt so türmisch ausz ...
das schickt sich nicht. ein knecht soll fein
hurtig, frölich und munter sein
W. Spangenberg bei
Dähnhardt griech. dramen 1, 129 lit. ver.

[Bd. 22, Sp. 1873]


'ängstlich, eingeschüchtert':

wie ain camel sol er (bauer) han ain rugken,
durmisch und scheuch in seinem gugken (1528)
Baumann qu. z. gesch. d. bauernkriegs in Oberschw. 257 lit. ver.


 
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türmler, m., s. DWB dürmeler teil 2, 1734; auch 'dummer mensch' Martin-Lienhart elsäss. 2, 715.
 
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türmlich, türm(e)lig, auch türmlicht, turm(e)lecht, adj., schwindlig, taumelnd, s. dürmlich teil 2, 1734; vgl. dazu noch die formen türmmelecht Herr feldbau (1551) 195b; mit sproszkonsonant: türmblicht Hüttel chron. v. Trautenau 251. mundartlich im obd. u. md. noch lebenskräftig; in der grundbedeutung türmisch entsprechend, jedoch anders als dieses differenziert, so als 'schwindlig, taumelnd': durmelig 'schwindelig, halb betäubt, verwirrt im kopfe, unklar, unbesonnen' rhein. wb. 1, 1582; Autenrieth pfälz. id. 32; 35; turmelig taumelnd, schwindelig Waldbrühl rhingscher klaaf 214; Hofmann niederhess. wb. 243; duermelich Heinzerling-Reuter Siegerl. wb. 51; Spiess Henneberg 261; türmlig Müller-Fraureuth 1, 268; schwindelig Knothe maa. i. Nordböhmen 197; dormlet Ruckert unterfränk. 42; türmlich, tormlich schwindlich, betäubt Schmeller-Fr. 1, 622; türmelig, türmlicht schwindelig Martin-Lienhart elsäss. 2, 715; dirmlicht Schmidt Straszb. ma. 26; durm(e)lig schwindelig, taumelig, betäubt, berauscht Fischer schwäb. 2, 500; turmelig, türmelig bad. wb. 1, 612; (umgestellt:) trümmlig schwindlig Meisinger Wiesental 16. — 'schläfrig': rhein. wb. 1, 1418; 1582; Fischer schwäb. 2, 500 (vgl. 2türmen). — dumm, ungeschickt, tölpelhaft rhein. wb. 1, 1582; schwachsinnig Fischer schwäb. a. a. o.; schwach an geist und körper Crecelius oberhess. 313; streitsüchtig Martin-Lienhart 2, 715. — schriftsprachlich vereinzelt bis ins 19. jh.: und wäre ich oben hinauf geturnt, da würde mir thürmelig vor den augen und ich fiele wie ein faulthier herunter, wenn es satt ist A. v. Arnim s. w. (1839) 10, 288;

ein andrer mensch wird turmelig,
der turner amüsiret sich
L. Eichrodt lyrische auskehr (1869) 1, 70.


 
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turnanstalt, f., öffentliche einrichtung zur pflege des turnens (s. auch die belege bei J. Zeidler d. dt. turnspr. bis 1819 [1942] 112): ohne eine turnanstalt sollte billig keine namhafte stadt in deutschen landen forthin bleiben Fr. L. Jahn d. dt. turnkunst (1816) in: w. 2, 1, 111 Euler, ebda eine ausführliche darlegung von wesen und aufgabe der turnanstalten; vgl. den bericht über die berlinische turnanstalt vom jahre 1818: w. 2, 2, 880f. Euler; lobenswürdiges gutachten eines jungen mannes über die turnanstalten Göthe III 6, 194 W., s. ferner Eckermann gespr. (231948) 463 u. 462; Ludwigsburg hatte damals noch keine turnanstalt Kerner bilderbuch (1849) 294; polizeiliche konzessionen hatten (nach der gewerbeordnung v. 1845) einzuholen ... unternehmer von ... bade- oder turnanstalten hwb. d. staatswiss. 24 (1900) 413; in freierer, bildlicher anwendung: also lasset den mädchen, die meistens in käfigen ohne springhölzer sitzen, die einzige weibliche turnanstalt auf dem tanzboden! (1820) Jean Paul w. 48, 189 Hempel; von welchem ... zu begreifen ist, dass der darin unterrichtende zu einem rechten lehrer an ... einer musikalischen turnanstalt taugt Rich. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 8, 274. —
 
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turnart, f., art der turnerischen betätigung, übungsart (bei Fr. L. Jahn neben turnweise bezeugt, s. d. dt. turnkunst [1816] in: w. 2, 1, 13 Euler): es gibt kaum eine turnart, die hier nicht geübt werden musz, wenn man weiter kommen will Rosegger schr. (1895) II 7, 396. —
 
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turnbetrieb, m., das schul- oder vereinsmäszig betriebene turnen: im jetzigen turnbetrieb wird dem vorturner zumeist eine einzelne riege zugeteilt Fr. L. Jahn d. dt. turnkunst (1816) in: w. 2, 1, 119 Euler; ihre (der schulischen turnrevisoren) aufgabe besteht darin, die turnstätten und den turnbetrieb in periodischen zeiträumen zu besuchen Nord-Ostseezeitg. (1899) 439; auszer dem turnbetrieb pflegt der verein auch jede andere

[Bd. 22, Sp. 1874]


leibesübung in turnerischer art tägl. rundschau (1908) 139. —
 
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turnbruder, m., mitglied der turnerschaft, vgl. DWB turnerbruder: prof. Wunderlich-Berlin ... gedachte besonders der turnbrüder von Graz und Wien tägl. rundschau (1905) 366. —
 
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turnbund, m., turnerischer verband, vgl. DWB turnerbund: der akademische turnbund (verband der nicht farbentragenden akademischen turnvereine auf deutschen hochschulen) wird in Hameln vom 3. bis 6. August sein drittes bundesfest mit groszem prunk begehen tägl. rundschau (1901) 293; der akademische turn-bund Berlin hielt am sonnabend in der städtischen turnhalle ... anläszlich seines stiftungsfestes ein schauturnen ab tägl. rundschau (1905) 318.
 
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turnei, m. und (in neuerem sprachgebrauch wie turnier) n., ritterliches kampfspiel; mhd. turnei, turnai, tornei, turnoi mhd. wb. 3, 151; Lexer 2, 1583; H. Suolahti d. frz. einfl. a. d. dt. spr. i. 13. jh., mém. de la soc. néo-phil. de Helsingfors 8 (1929) 271; A. Rosenqvist d. frz. einfl. a. d. mhd. spr. i. d. 1. hälfte d. 14. jhs. (1932) 247; aus dem mhd. entlehnt ist tschech. turnej, turnaj Mayer d. dt. lehnwörter i. tschech. (1927) 24 u. 69, das seinerseits ins obersorb. übernommen worden ist, s. Bielfeldt d. dt. lehnwörter i. obersorb. (1933) XXIII u. 278 (vgl. auch poln. turniej); frühnhd. turney, torney voc. rer. (15. jh., md.) Diefenbach gl. 588b s. v. tornamentum; daneben vereinzelt: turnay turlamentum ebda 602c; torny voc. ex quo (15. jh.) ebda 588b s. v. tormentum; Schonsperger gemma gemm. (Augsburg 1512); mit anlautender lenis: durnay (14./15. jh. Augsburg) städtechron. 1, 54; mnd. tornei, torneye, m., n. Schiller-Lübben 4, 580; P. Katara d. frz. lehngut i. d. mnd. denkm. d. 13. jhs., annales acad. scient. Fenn. B 50 (1942) 553; mndl. tornooy, m., n. Verwijs-Verdam 8, 593; ndl. tornooi, n. Dale 2, 1787; me.-ne. tourney Murray 10, 1, 191; mschwed. torney Söderwall 2, 666; schwed. tornej schlieszt wohl an die mnd. form an.als bezeichnung des ritterlichen kampfspieles im 12. jh. aus dem frz. entlehnt (afrz. tornei, tournei, tournoi), wird turnei bald von der geläufigeren, aus turnieren rückgebildeten form turnier (s. dort) verdrängt und erst in neuerem sprachgebrauch, mit dem aufleben der ritterromantik, wiederaufgenommen:

sô solde der turnei sîn
zwischen Tarebron und Prurîn
Hartmann v. Aue Erec 2239 Haupt;

darumb haisz ich in (den geliebten) reitten
zu höfen, turnay vnd streitten liederb. d. Hätzlerin 90 Haltaus;

von eynem torneye zu Erfforte K. Stolle thür. chron. 201 lit. ver.;

und wie das herz es ihnen vorgesagt,
erging's am tag des turneys. Danayn
und Geron warfen alle ritter aus dem sattel
Wieland s. w. 18 (1796) 44;

nicht sieht man jungfraun auf den weiszen zeltern
durch grne haine traben, falken fhrend,
kein frhliches turney, kein lanzenbrechen
Tieck schr. (1828) 5, 528;

im waffenspiel gab meines muths ich proben,
und wieder dennoch jagt' ich zum turnei,
indesz, ich will's gestehn, der menge schrei,
glück, ruhm und jugend stolz die brust mir hoben
Freiligrath ges. dicht. (1870) 4, 136;

da kehrt er ja, da kehrt er schon
vom festlichen turnei,
der ritterliche königssohn,
mein buhle wundertreu
Uhland ged. (1898) 1, 149;

ironisch; nach dreyen verdrieszlichen tagen voll kopfreibens und unnöthlichen bedenklichkeiten hat auch er (junker Hilmar) gesattelt zum groszen turney und ist mit denen anderen herren ... gen mitternacht gezogen zu des herzogen Julii hoflager W. Raabe s. w. III 1, 8 Klemm; gelegentlich auch sonst im sinne von 'wettkampf, wettstreit':

zu dem wettgesange schreiten
minnesänger jetzt herbei;
ei, das gibt ein seltsam streiten,
ein gar seltsames turnei!
Heine s. w. 1, 47 Elster;

[Bd. 22, Sp. 1875]


um hohes gut gemeinsam kämpfen ist ein edles turnei Pocci lust. komödienbüchl. 3 (1869) 58; erst die bedingungen, regeln und gesetze, unter denen dieses turnei des witzes stattfinden soll Spielhagen s. w. 3 (1872) 238.
 
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turneien, vb., turnieren, frühnhd. torneyen (15. jh., md.) Diefenbach gl. 135c und 588c s. v. commilitari u. tornerare; mnd. torneien Schiller-Lübben 4, 580 (woraus mschwed. torneya Söderwall 2, 1, 666b, s. Hellquist 3 1207); mndl. tornooyen, tornoyen, torneyen Verwijs-Verdam 8, 595; ndl. tornooien. — ableitung von turnei, die nach vereinzeltem auftreten im frühen nhd. sporadisch im sprachgebrauch des 19. jhs. erscheint, jedoch üblicherem turnieren gegenüber nicht durchdringt, vgl. die ähnliche entwicklung von turnei und 2turnen: wenn die ritter vom geiste zum ersten male in seiner tempelabtei im walde tagen oder turneien würden Gutzkow die ritter vom geiste 9 (1851) 384;

wahrlich mich däucht, als hätt' ich ihn jüngst gesehen: ein zerrbild
jenes ritters, der so feindlich am Tabor turneyte
J. L. Pyrker s. w. (1855) 2, 207.

 

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