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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tunken bis tunknäpfchen (Bd. 22, Sp. 1794 bis 1806)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tunken, vb. herkunft u. form.
nur im deutschen bezeugt: ahd. thunkôn, dunkôn, mhd. u. älternhd. dunken, tunken, seit dem 18. jh. ausschlieszlich tunken. die ahd. formen führen auf ein german. þunkōn, das mit lat. tingo, tinguo 'benetzen, anfeuchten, färben' und gr. τέγγω 'benetzen, befeuchten', zu einer wz. *teng- gestellt wird, vgl. Walde-Pokorny 1, 726, Falk-Torp wortsch. d. germ. spracheinheit 187; Ernout-Meillet dict. etymol. de la langue latine (1939) 1041; Wissmann nom. postverb. 1, 87.
nach ausweis der mundarten scheint das wort obd. ursprungs zu sein. zwar ist es auch auszerhalb des obd. belegt (z. b. Schmidt Westerwald 257, Crecelius oberhess. 1, 310, Sartorius Würzb. 128, Ruckert unterfränk. 185, Hertel Thür. 249, Müller-Fr. obers. 264, selten im nd.: Mi meckl.-vorp. 95), jedoch ist der gebrauch im obd., bes. im alemann., am reichhaltigsten und ausgeprägtesten, vgl. Fischer schwäb. 2, 469, Martin-Lienhart 2, 693b, Follmann lothr. ma. 112, Seiler Basel 91, Schmeller-Fr. 1, 526, Lexer Kärnten 77, Unger-Khull steir. 183. auch die ältere bezeugung, bis zum 16. jh., ist überwiegend obd., bes. alemann. das ahd., wo das wort auszer bei Notker noch im ostfränk. Tatian erscheint, geht freilich über diesen rahmen hinaus (der beleg giduncot in den St. Petrier glossen zur cura pastoralis, ahd. gl. 2, 241, 19, von Gallée vorstud. 348, als ein wort mit hd. gepräge gebucht, ist für die herkunftsbestimmung unergiebig). zweifelhaft ist die emendation von deindihhet follo purpura variatum ahd. gl. 1, 740, 5 zu dunchhot fello ebda. aber dann erscheint es erst seit dem 14. jh. vereinzelt auszerhalb des obd. (vgl. unten die belege aus Nikolaus v. Jeroschin und der pilgerf. des träumenden mönchs, ferner aus der Wenzelbibel, im böhm. mischgebiet). entscheidend für die seit dem 16. jh. rasch zunehmende verbreitung dürfte dann gewesen sein, dasz Luther das wort an zahlreichen stellen in seiner bibelsprache verwendet.

[Bd. 22, Sp. 1795]



die ererbte qualität des anlautenden dentals bleibt bis zum ende des 13. jhs. unangefochten, jedoch finden sich bei Notker neben dúnchonde 2, 189 Sehrt und Starck, kedunchotez 2, 422 Piper auch mit t anlautende formen, nämlich getunchot 2, 259 Piper, ketunchotemo 2, 196 Piper, getunchot 2, 337 Piper; aber die Wiener hs. hat an der davon allein bezeugten stelle 3, 172 Piper gedunchetemo. dazu kommt gitunchetǒ avis tincta (Jeremias 12, 9) clm. 22201 aus Windberg, 12. jh., s. ahd. gl. 1, 629, 12, s. Schatz ahd. gr. § 193, dort weitere beispiele für t im jüngeren obdt. gegenüber älterem d. ohne zusammenhang mit diesen fällen erscheinen t-formen, die wohl mit E. Schröder anz. f. dt. altertum 24, 18, am besten aus der gefolgschaft eines stimmlosen consonanten im wortinnern, ähnlich wie bei törpel, erklärt werden, seit dem beginn des 14. jhs. gleichzeitig an verschiedenen stellen des sprachgebiets, vgl. getunkte Walter v. Rheinau Marienleben 151, 11 Keller, tunken Oswald v. Wolkenstein 109, 74 Schatz, tuncte Nicolaus v. Jeroschin 25590 Strehlke, tunke, tunkte Wenzelbibel bei Jelinek mhd. wb. 729. bis zum beginn des 16. jhs. überwiegen jedoch die d-formen. auch bei Luther finden sie sich anfangs: geduncket 18, 502 W. (v. jahre 1517). eine dialektische verteilung oder auch nur neigung zu der einen oder anderen form läszt sich nicht feststellen; das gleiche gilt für die modernen maa., in denen d-formen jedoch nur selten bezeugt sind. bezeichnend für die noch im 16. jh. bestehende unsicherheit ist, dasz Schöpper synon. 65 u. 80 Schulte-K. beide formen bucht. entscheidend für die durchsetzung der t-formen ist vielleicht gewesen, dasz Luther sie in seiner bibelübersetzung verwendet, von der 2. hälfte des 16. jhs. an überwiegen sie in zunehmendem masze, seit dem ende des 17. jhs. herrschen sie allein.
die qualität des wurzelvokals ist von anfang an fest. mundartlich erscheint zuweilen umlaut, vgl. Jutz die alem. maa. (1931) 94. anders ist die form dünckete (:dunckete, f., normalmhd. dûhte) pilgerfahrt des träumenden mönchs 12139 Bömer zu werten. hier dürfte es sich um verwechslung der reimelemente durch den rheinfränk. schreiber handeln. bedeutung u. gebrauch.
seit ältester zeit dient tunken immer wieder zur übersetzung und glossierung des urverwandten lat. tingere; doch eignete dem dt. wort wohl niemals die bedeutung blosz von 'benetzen, anfeuchten, färben', sondern von anfang an, darin eigentlich mehr dem gleichfalls gern glossierten intingere entsprechend, in erster linie die des, meist abwärts gerichteten, hineindrückens, hineinstoszens in eine flüssigkeit. auch aus der glossierung von bis tincto (sc. cocco) durch: zuiro giduncot ahd. gl. 2, 241, 19 St.-S. (zu Gregors cura pastoralis 2, 3, vgl. 2. Mos. 26, 1 u. ö.), und des von avis tincta durch gitunchotǒ ebda 1, 629, 12 (Jeremias 12, 9) wird man, angesichts der fülle der in andere richtung weisenden belege, für tunken nicht auf die hier für tingere anzusetzende bedeutung 'färben' schlieszen dürfen. bei alledem ist freilich eine ausgesprochene zweckvorstellung, bestehend in der befeuchtung des objectivierten gegenstandes, der nicht losgelassen wird, sondern alsbald wieder aus der flüssigkeit herausgehoben werden soll, in aller ursprünglichen verwendung unverkennbar; fälle wie die stelle bei Notker 2, 189 Sehrt und Starck: selbiu diu luft ... nelazet tie hinafarenten animas mit kemache hinafaren, sie dar io ana dunchonde samo-so in einero wazerzesso (aer ... egredientes corporibus animas, quodam fluenti aestu collidens, non facile patitur evolare Martianus Capella 69, 1 Dick), wo für tunken die bedeutung des stoszens, drückens verselbständigt zu sein scheint, bleiben ungewöhnlich (s. unten I B); übrigens ist hier bei Notker die gegenüber dem lat. text deutlicher hervortretende beziehung auf eine flüssigkeit nicht zu übersehen.
in der älteren zeit wird tunken ausschlieszlich transitiv gebraucht, erst seit dem 16. jh. hin und wieder auch reflexiv. gleichfalls erst nhd. findet sich intransitive verwendung; sie ist im wesentlichen auf das mundartliche obd. beschränkt und fast stets mit bedeutungsmäsziger sonderentwicklung verbunden.

[Bd. 22, Sp. 1796]



I. transitiver gebrauch.
A. durch leichten druck oder stosz in eine flüssigkeit (1) teilweise oder (2) ganz, aber auch dann gewöhnlich nur wenig tief, hinabsenken, in der regel mit der deutlichen zweckvorstellung einer kurzen benetzung oder durchfeuchtung. seit ältester zeit meist von kleinen, leichten, bequem zu handhabenden gegenständen, in neuerer sprache immer mehr auf einen kleinen kreis von objecten dieser art beschränkt, während in allen anderen fällen das syn. tauchen gebraucht wird. doch ist tauchen den obd. maa. nicht geläufig, sie haben dafür tunken, s. teil 11, 1, sp. 181; v. Bahder z. wortwahl i. d. frühnhd. schriftsprache (1925) 9. selten anders als mit der vorstellung unmittelbarer körperlicher, gewöhnlich manueller einwirkung auf den objectivierten gegenstand: die ringebulgen werden mit dem hacken dem heintzen seil eingewicklet und herabgelassen, in das wasser gedunckt, und so bald sie wasser geschöpfft habend, werden sie ... herausz gezogen Ph. Bech Agricolas bergwerckbuch (1621) 120.
von den beiden hauptbedeutungen, teilweise oder ganz eintauchen, ist heute die erste, die von anfang an überwiegt, zur alleinherrschenden geworden, vgl. Eberhard synonymik 6, 159.
seit ältester zeit steht neben dem acc. des object. gegenstandes in der mehrzahl der fälle eine accusat. in-verbindung zur bezeichnung von flüssigkeit oder gefäsz, worein getunkt wird. schon im ahd. bisweilen statt dessen eine dativ. in-verbindung, d. h. also ersetzung der üblichen translocalen durch intralocale rection, eine erscheinung, die auch für das syn. tauchen belegt ist, vgl. teil 11, 1, 1 sp. 183 und vgl. Behaghel dt. syntax 2, 190. bei Notker 2, 259 Piper: daz dîn fuoz in demo bluote martiro getunchot werde (ut intinguatur pes tuus in sanguine psalm 67, 24) dürfte an nachahmung der lat. construction zu denken sein.
1) einen gegenstand so in eine flüssigkeit hineinsenken, dasz er nur teilweise von ihr bedeckt wird, eintauchen, norddt. stippen.
a) insbesondere von speisen (ursprünglich wohl nur vom brot), welche während der mahlzeit zum zwecke der erweichung oder schmackhaftmachung in eine flüssigkeit eingetaucht werden. diese anwendung, die seit ältester zeit vorhanden ist und sich durch besonders reiche entfaltung vor allen anderen auszeichnet, wird nhd. immer mehr zur vorherrschenden. sie hat, da auf einen grob sinnlichen vorgang gerichtet, dem wort den ruf der niedrigkeit, gemeinheit eingebracht, insbesondere im vergleich zu dem als edler geltenden tauchen, durch das es in den übrigen anwendungsbereichen weitgehend verdrängt worden ist (vgl. Adelung 4, 1104, Eberhard-Lyon synon. handwörterb. [171910] 893, Heyne 3, 1078).
α) zumeist mit voller angabe von object und rection. es wird in ein gefäsz eingetaucht: etliche die fahren mit angebisznen schnitten unnd duncken wider in die blatten Nic. Höniger narrenschiff (1574) 59a; tuncke einen bissen nach dem andern in die allgemeine schüssel hinein Palatus Tölpels baurenmoral (1752) 39; Agathodämon ... beschlosz seine mahlzeit mit einem kleinen becher unvermischten weins von Thasos, worein er eine art von äuszerst leichtem weizenbrod tunkte Wieland s. w. (1853) 18, 129; in eine bestimmte, begrenzte flüssigkeit:

dô geschach zu Cristburc dit
ûf dem hûse sundir wân,
daz Andreas Zimmerman
durch sîn abintezzin
zu tische was gesezzin
und tuncte in daz bîr sîn brôt
Nicolaus v. Jeroschin 25590 Strehlke;

iss des brots und tuncke deinen bissen in den essig Ruth 2, 14; das schöne geschlecht strickte, tunkte selbstgebackenes kuchenwerk in einen dünnen milchkaffee L. v. François die letzte Reckenburgerin (1871) 1, 93; wiewol er sie (die vorsicht) bei den artischocken so wenig für nöthig erachtete, dasz er ... deren bittern stuhl und die spitzblätter aufkäuete, die er hätte in die holländische sauce getunkt ablecken können und sollen Jean Paul s. w. I 10, 152 akad. mit allgemeinerer

[Bd. 22, Sp. 1797]


bezeichnung der flüssigkeit: ei dasz man sie nit inn allen klöstern auff die matzen setzt, so lehrten sie brot inn wein duncken Fischart binenkorb (1588) 47a; sie hätten mich aufs erste beste ostindische schiff geschleppt, dort tunkte ich schwarzen zwieback in faules wasser Heinr. Beck d. schachmaschine (1798) 40; schwarz brod in wasser getunkt ... ist alles, was ich mir wünsche J. v. Müller s. w. 4, 93; im winter aber tunkt er (der Wiener) seine eierkipfl in milchkaffee Nicolai reise durch Deutschland u. d. Schweiz 5 (1785) 219; das sollen meine bauern nicht. in thränen sollen sie ihr häppchen brodt nicht tunken J. G. Müller komische romane 1 (21786) 498. auch in sprichwörtlichen redensarten. im sinne von 'mit jemandem in enger gemeinschaft leben': der knecht deines hauses, der von deinem brod isset und seinen bissen mit dir in eine schüssel tunkt Pestalozzi 12, 56. 'auf jemandes kosten leben': wenn ich nichts hätte, griff ich nicht in euren beutel oder tunkte das brot in eure suppe? Forster sämtl. schr. (1843) 9, 77. soviel wie 'mit allen wassern gewaschen sein': sonst hatte er in jede brühe sein brodt getunkt und wusste, was von jedem dinge die elle gelte J. G. Müller Siegfried v. Lindenberg 1, 211.
statt der flüssigkeit kann es sich auch um einen 'festen, aus kleinen losen theilen bestehenden körper' (Campe 4, 911) handeln. so schon ahd.: ih az daz prot kedunchotez in diea ascun, mit tranen Notker 2, 423 Piper. vgl. ferner: dasz wir jeden bissen in ein weiszes pulver tunkten R. Forster b. Sanders 3, 1402. anders, nicht auf den vorgang unmittelbar bei der mahlzeit bezogen:

mach birn in und auszwendig rein,
und bald ins saltz sie tuncke fein
Petri der Teutschen weiszheit (1605) Nn 1a:

um gelinde zu laxiren, schäle einen Borsdorfer apfel fein sauber, tuncke ihn stückweise in saltz und speise ihn früh morgens Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 332; tuncket sie (die kirschen) in warmen zucker Hohberg georg. cur. aucta 3 (1715) 158b.
β) ohne rectionsangabe. diese construction, die schon ahd. im anschluss an den abendmahlsbericht des evangeliums belegt ist, gibt dem ausdruck etwas formelhaftes, typisches: mit diu er thuncôta thaz brôt, gab Jûdase Sîmône Scariôthe (et cum intinxisset panem ... Joh. 13, 26) Tatian 159, 3 Sievers;

Jêsus sprach: ez ist der man,
dem ich gibe daz getunkete brôt
Walther v. Rheinau Marienleben 151, 11 Keller.

fast im allgemeinen sinne von 'eine gemeinsame mahlzeit einnehmen':

der Peter Haizer und sein weib,
Plank und ain schreiber, der was täglich trunken,
die machten grausen meinen leib,
wenn wir das prot zesamen wurden tunken
Oswald v. Wolkenstein 109, 74 Schatz.

anders, trotz fehlens der grammat. rectionsangabe, in voller konkretheit: schüret nun das feuer gut, laszt den hafen überwallen von fett, das weisze brot zu tunken G. Keller ges. w. (1889) 6, 93. — polsterzipf tunken im sinne von 'schlafen' (vgl. DWB am polsterzipf nagen 'in viduo sola jacere thoro Schmeller-Fr. 2, 1143): thut ihm was an leut! wenn unsereins auf ist, soll ein solcher auch nicht polsterzipf tunken Rosegger schr. I 11 (1903) 36.
γ) umgekehrt gibt es fälle, in denen nur die flüssigkeit genannt wird, während das object fehlt, äuszerlich intrans. gebrauch ähnelnd. auch hier erscheint tunken als typischer vorgang beim essen: es ist einer von euch zwölfen, der mit mir in die schüssel tunkt (Marcus 14, 21) L. Albrecht das neue testament, übers. u. kurz erläutert (1920) 156. anders: der juncker und sein gest dunckt in den senff; da schmeckt er gantz ubel Till Eulenspiegel 14 ndr. bisweilen zur bezeichnung schlemmerischen wohllebens:

mich aber thut geduncken,
in dasz brühlin duncken,
den hammen zerschneiden
sein gute arbeiten
Messerschmidt v. d. esels adel (1617) 116.

[Bd. 22, Sp. 1798]


so scherzhaft als bauernname:

dunk in hafen und broken grosz,
wächtinger und bruch losz Metzens hochzeit in:
Laszberg lieders. 3, 402.

so auch in den folgenden fällen, in denen freilich die art des objects völlig unklar bleibt (man könnte auch an becher oder dgl. denken):

gib nicht dein herz dem wonnentand,
lehne dich fest an die tonnenwand!
dasz ich ins blut der trauben tunk,
ist besser als Edens taubentrunk.
bekränze dich mit rebenlaub,
denn der tod sinnt auf lebenraub
Rückert ges. ged. 5 (1838) 194.

dabei fehlt auszer dem obj. auch die in-verbindung:

die sonn kont nicht auff sein so frü,
so sah sie in schon truncken,
der mon konnt so spat kommen nie,
so sah er in schon duncken
Fischart Gargantua 9 ndr.

mit obszönem beisinn: worauf er dann als ein galanthomme wieder heim gekommen und bey einer von meiner fr. wirthin töchtern zu tieff ins fässgen getunckt und selbige wider seinen willen nehmen müssen jungfer Robinsone (um 1730) 110. — umgekehrt aber auch für den geringeren genusz im gegensatz zum eigentlichen:

so schnippt sie höhnisch mit der hand ...
den solt ich nehmen? ...
den läpsch, den schächer, den holucken,
der darff nicht in die brühe tuncken,
geschweige nach dem fleische gehn
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 3, 374.


δ) vereinzelt im sinne von austunken, 'eine zu genieszende flüssigkeit ... dadurch zu sich nehmen, dasz man eine feste speise hineinhält und dann die so damit getränkte isst' Sanders 3, 1402. dabei wird die flüssigkeit zum object: sie tunkte ein schälchen (kaffee) hausblätter, hrsg. von Hackländer und Hoefer, bei Sanders 3, 1402. parallel mit trinken gebraucht, unter unausgesprochener objectivierung der flüssigkeit: holten brot aus ihren manteltaschen hervor und tunkten und tranken abwechselnd aus dem topfe Eichendorff s. w. (1864) 3, 84.
ε) gelegentlich für das tiefere eintauchen, auch wohl untertauchen, eines mundgerechten bissens: auch ist sein art (eines vogels), das er alles, was er ysset ... ins wasser duncket Eppendorff Plinius (1543) 165. so besonders in neuerer zeit, wo an die verwendung von eszwerkzeugen zu denken ist: stecket sie (die auster) an ein spiesgen, doch also, dasz allezeit neben eine auster auch ein stückgen speck komme ... tuncket diese in butter, bestreuet sie mit semmel Amaranthes frauenzimmerlex. (1715) 157; das abendessen bestand aus reis, erbsen und zwiebeln in öl getunkt Ritter erdkunde (1822) 15, 1114. von dieser vorstellung ausgehend im bilde: nach Kristerns treffendem vergleiche sprach er nie, ohne vorher jedes wort in eine kleine thränenpfütze zu tunken und darin herumzuwenden Holtei erz. schr. (1861) 36, 158.
b) von länglichen, dünnen gegenständen, auch gliedern von menschen und tieren, die mit dem einen ende, d. h. gewöhnlich mit der spitze, eingetaucht werden. in dieser gleichfalls ursprünglichen und verbreiteten verwendung ist tunken, abgesehen von der beziehung auf die eingetauchte feder (unten I A 1 b δ), heute fast völlig durch tauchen verdrängt worden.
α) zuweilen, besonders in älterer zeit, wird ausdrücklich angegeben, dasz nur das eine ende, die spitze, eingetaucht wird. so im anschlusz an den vulgatatext: fater Abrahâm, milti mir inti senti Lazarum, thaz her duncô thaz lezzistâ teil sînes fingares in wazzar, thaz her gicuole mîna zungun (zu Lucas 16, 24 ut intinguat extremum digiti sui in aqua) Tatian 107, 2 Sievers; vatter Abraham, sende Lazarum, das er dunck das minst glid seins fingers in ain wasser Keisersberg pred. (1508) 42c; und er strackt das oberteyle der rt, die er hielt in seiner hand, und tuncket in ein ros honigs (zu 1. Sam. 14, 27 extenditque summitatem virgae ... et intinxit in favum mellis) erste dtsche bibel 5, 58; so auch: da nu das volck auszog ..., das sie über

[Bd. 22, Sp. 1799]


den Jordan giengen, und die priester, ... an den Jordan kamen und ire füsse forn ins wasser tuncketen Josua 3, 15; (der fuchs) tunckete den vorderen klawen in das büchslein, darinnen der balsam oder chrisamsalb war Spangenberg eselkönig 188 Martin; so macht man swebelhöltzlin usz gedörtem holtz, und das dunckt man denn in swebel, zm minsten das oberst am höltzlin Keisersberg bilgerschafft (1512) 15b; wenn man rdert, so dunckt man die rder ain wenig in das wasser Keisersberg schiff d. penitentz (1514) 32a;

wenn wir nun, mit vieler müh,
eine spitze von der nadel schärffen und so spitzig wetzen,
als des kleinsten würffels breite, dann, wann sie gewetzet, sie
eben in das wasser tuncken und nur blosz die spitze netzen
Brockes ird. vergnügen (1744) 4, 504.


β) häufiger jedoch ist dem bloszen tunken dieser sinn zuzubilligen. so in anderen übertragungen der schon unter α angeführten Lucas-stelle: sende Lazarum dc er dunchige (duncheti) sinen minsten vinger in ain wazzer dt. predigten des 13. jhs. 1, 38; 2, 121 Grieshaber;

send Lazarum, das ere
gar bald den finger syn
tuncke in ein wassere
und kül die zunge myn schweizer. schausp. 1, 13 Bächtold;

vgl. noch J. Agricola 750 teutscher sprichwörter (1534) n 2a; Abr. a s. Clara etwas für alle 1 (1699) 113. in ähnlicher verwendung auch sonst sehr häufig: und der priester ... sol des farren bluts nemen und in die hütten des stiffts bringen und sol seinen finger in das blut tuncken und da mit sieben mal sprengen fur dem herrn 3. Mos. 4, 6;

das der selb (der wildesel) trinket nimmer nicht
chain trüebes wasser, als man gicht.
er belib ee drei tag ungetrunken,
ee das er sein füess darein tät dunken
Hans Vintler pluemen d. tugend 5791 Z.

von der feste speisen in eine flüssigkeit eintauchenden hand: therde thuncôt mit mir sîna hant in thesa scuzzilûn, ther selit mih (zu Marc. 14, 21 u. Matth. 26, 23) Tatian 158, 5 S. zuweilen auch in neuerer sprache: und mit der grössten gutmüthigkeit fuhren sie (die soldaten beim essen) fort, die finger in die gemeinschaftliche schüssel zu tunken F. Th. Schubert verm. schr. (1823) 2, 258; am ausgang des doms tunkte sie den zeigefinger dreimal ins weihwasser Heine s. w. 3, 406 Elster; sie (das mädchen) tunkte ihr schnäbelchen in den wein, wobei ihre augen über das glas weg auf mich herüber funkelten Eichendorff s. w. (1864) 3, 32. mehr auf die behutsamkeit des eintauchens gerichtet:

er schmelzte wachs, nahm dann den floh und tunkte ihm
die füsse drein, und, wie das wachs erkaltet war,
so fand sich, dass der floh ein paar pantöffelchen,
wie angegossen, an den füssen hatte
Wieland att. museum (1797) 2, 2, 83.

von pflanzen, die mit ihren buschigen wedeln eingetaucht werden: daz leprosi siben stunt pesprenget wurdin mit ketunchotemo ysopo in demo opherbluote (zu psalm 50, 9) Notker 2, 196 Piper; und ein reiner mann sol isopen nemmen und ins wasser tuncken und die hütten besprengen Züricher bib. (1531) 75a (4. Mos. 19, 18), vgl. Luther 18, 502 W., ferner 2. Mos. 12, 22; 3. Mos. 14, 6;

nam auch ein ölzweyg an der stett,
so noch vil grüner blätter hett,
dunckt in ein frisches wasser das
Spreng Äneis (1610) 111b.

ähnlich: der man ... helt sie mit einer hand fest und mit dem sprengel in die siedende butter dunckte und besprenget sie Hennenberger erclerung der preusz. landtaffel (1595) 483; schon war er (der komet) wieder nahe und zeigte seinen in feuer getunkten schweif Wieland ges. schr. I 3, 474 akad.
von waffen und werkzeugen verschiedener art: die pfeyl Phebi sind ins trackenblt getunckt worden oder mit trackenblt vergifft Frisius dict. (1556) 1174a; den maydlin schön haar zuziehen thue anders nichts, dann

[Bd. 22, Sp. 1800]


wann du ihnen bürstest, so tunck die bürsten in brenntenwein Gäbelkover artzneybuch (1595) 2, 99;

schwarz im haarenen mantel, mit fliegenden locken und barfusz
tunk ich den stab in blut und zeichne den kreis auf das estrich
Voss ged. (1825) 2, 94;

in des erdballs mittelpunkte ...
herrscht allmächtig auf und ab
der in drachenblut getunkte
zauberstab
Matthisson ged. (1821) 232;

er besprengt damit den tisch,
nimmt alsdann ein kleines wachslicht,
und er tunkt es in die nässe,
das es knistert und erlischt
Heine s. w. 1, 437 Elster.

anders, wohl eher zu I A 2 b zu stellen:

Tisiphone nicht fant, erwischet eine schleissen
zur fackel, so ihr soll den weg im finstern weisen,
zuvor in blut getunckt
Sandrart iconologia deorum (1680) 104c.


γ) in technischer sprache. so in der streichhölzerfabrikation: für die wahl des bindemittels entscheidet vor allem die rücksicht darauf, ob die masse zum tunken warm oder kalt verwendet werden soll Karmarsch-Heeren techn. wb. 311, 489. vgl. den beleg aus Keisersberg bilgerschafft, oben unter I A 1 b α. — ferner in der lichtzieherei (beleg fehlt).
δ) in gröszerer, in manchen punkten I A 1 a vergleichbarer entfaltung nur in der seit dem 17. jh. belegten und auch heute geläufigen beziehung auf die eingetauchte feder. gewöhnlich mit rectionsangabe: die feder in die dinten duncken Henisch (1616) 765; er (ein angehender componist) dachte endlich, wenn er nun die feder in die hand nähme und selbe in die dinte tuncke, da würde alsdenn schon was heraus fliessen Kuhnau d. musik. quacksalber 72 Benndorf; frau Franziska raschelte mit dem papier und tunkte die feder zum wievielten male in die tinte Ponten der babyl. turm (1920) 317; wann sie (die kupferplatte) durchaus wol warm ist, so tunkt man eine feder oder dergleichen in den firnis und trägt an verschiedenen stellen der platte selbigen auf Sulzer theorie der schönen künste (1792) 2, 451. entsprechend auch: der kleine hatte schon ein mal übers andere den grandiosen gänsekiel in das tintenfäszlein getunkt E. T. A. Hoffmann s. w. 14, 28 Grisebach; tunke die feder tief in das tintenfasz Grabbe s. w. 1, 217 Gottschall. gern in vom schreibstoff ausgehender bildlicher verwendung zur kennzeichnung der sinnesart oder stimmung des schreibenden: dass diese erbitterte männer nicht mit dinte die verdammung Photii unterschrieben, sondern mit dem wein aus dem abendmahl, oder, wie sie reden, sie tunckten die federn in das blut Christi Arnold unpart. kirchen- u. ketz. hist. (1699) 315a. so besonders im 18. jh.:

sie (d. muse) tunckt die feder noch in deiner feinde blut
Pietsch geb. schr. (1740) 36;

sich ganz einerlei sein lassen, wie tief sie ihre ... feder in den morast tunken und ob etwas oder nichts wahr ist, was sie schreiben Zinzendorf d. gegenwärtige gestalt des creutz-reichs Jesu (1745) 1a;

auf, matte feder, schreib, getunkt in heisse zären poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 209 Weichmann;

wenn Sievers schreibt, so schreibt er mit dinte und tunkt seine feder nicht in wasser Liscow samml. sat. u. ernsth. schr. (1739) 469;

tunken will ich meinen kiel in galle,
meinem rohr entschreye dissonanz
Kosegarten rhapsod. 1 (21800) 165;

er tunkt die feder in das weisz der wahrheit,
nicht in die farbe der gesellgen lüge
Bauernfeld ges. schr. (1871) 4, 187.

demgegenüber zur kennzeichnung der gelassenheit, objectivität des schreibenden: genug, dasz wir unsere federn in tinte tunken; wozu soll das schreiben mit blut? J. J. C. Bode Montaigne (1793) 5, 41. in ähnlicher, eigentlicher

[Bd. 22, Sp. 1801]


und uneigentlicher, verwendung gelegentlich auch vom pinsel des malers:

drum soll sich keiner an dies wunder wagen,
der seinen pinsel blosz in farben tunkt
Hebbel w. 6, 284 Werner;

Apelles tunkte lächelnd seinen pinsel
ins morgenroth und malte wunderbilder
auf wolken, die von engeln hingetragen
A. Oehlenschläger Correggio (1816) 156;

der pinsel, den der künstler führet, soll in verstand getunket sein, wie jemand von dem schreibegriffel des Aristoteles gesagt hat Winckelmann s. w. 1, 56 Eiselein.
nur vereinzelt ohne angabe des schreibstoffes oder schreibgerätes (vgl. das in dieser verwendung häufigere eintunken, teil 3, 332):

darum, wer will, mag tunken
den kiel zum lobgedicht
Castelli s. w. (1844) 14, 142;

noch sieht er es die feder tunken
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 281 Schücking;

ihr gratien, laszt mich in euren nektar tuncken,
auff dasz mein schlechter kiel,
wann er ihn hat getruncken,
von lauter liebligkeit und lüsten schreiben kan
Morhof teutsche ged. (1682) 74;

dann sah ich ... mich in meinen kupferstich verwandelt, vor dem die zeit stand und hinter ihrem rücken ins dintenfasz tunkte und wagrechte linien durch die stirn, d. h. runzeln, zog Jean Paul s. w. I 7, 495 akad.;

es ist nicht wasser, blut noch wein,
darin sie (die freiheit) ist versunken;
sie fiel ins tintenfasz hinein
bei einem groszen tunken
W. Müller ged. (1906) 437 Hatfield.


2) einen gegenstand so in eine flüssigkeit hineinsenken, dasz er, wenn auch nur für kurze zeit, völlig von ihr bedeckt wird, vgl. DWB untertunken teil 11, 3 sp. 1881. zuweilen, besonders in der verwendung 2 a α, kann für tunken ein iterativer beisinn, die vorstellung eines wiederholten hinab- u. hinaufführens, angenommen werden, vgl.: hingegen begann eine zweite noth, wie nun die grünen, spröden blätter ins krystallbassin geworfen, untergeduckt, getunkt, gequetscht werden muszten ... zuletzt erpreszte die bemühung, unteres von grund aus umzuwälzen und zu oberem zu kehren, dem kriminalrath laute seufzer Holtei erz. schr. (1861) 3, 182. vgl. auch die bedeutung des entlehnten obersorb. verbums tunkać 'wäsche spülen' b. Bielfeldt die deutschen lehnwörter im obersorb. (1933) 278.
a) von faserstoffen, geweben u. dgl., die zum zwecke der durchfeuchtung, durchtränkung untergetaucht werden.
α) zur zweckvorstellung der durchfeuchtung kommt die der färbung. so vielfach, als entsprechung von lat. tingere, in bibelübersetzung u. -paraphrase:

ein chitze sie slgen,
vil gare si iz bengen,
den Josebes roch
dunkten si in daz plt Wiener genesis 3649 Dollmayr;

vgl. deutsche predigten d. 13. jhs. 2, 134 Grieshaber. bei Luther mit intralocaler rection: da namen sie Josephs rock und schlachten ein ziegenbock und tunckten den rock im blut 1. Mos. 37, 31; entsprechend Zürcher bib. (1531) 19c. auch sonst gern in biblischer redeweise:

coccus der was rot,
wande er was in di varewe gedunkot
(vgl. 2. Mos. 26, 1) Vorauer bücher Mosis b.
Diemer dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 59, 3;

in dem wine er waschet, damit er ist gerustet,
sine stole schone, daz ist ein gewæte vrone,
in des winperes plt sinen mandil er dunchot
(zu 1. Mos. 49, 11 lavabat in vino stolam suam) Milstätter genesis 108, 31 Diemer.

kaum noch in neuerer sprache. mehrfache verwendung durch Herder wird als eigenwillig empfunden: sein kleid ist in blut getunkt. sein name ist gottes wort 9, 209 S.; vgl. 12, 134; 12, 291.

[Bd. 22, Sp. 1802]



β) frühzeitig auch als fachausdruck der färbersprache:

ich main den blawen haidelber,
wenn er der selben nimpt mer
denn der endit (indigo), das wirt blaw,
und dasselb lat werden law,
darin sol er dunken garn
und sol im selb die endit sparn teufels netz 13136 Barack;

conchyliatus ... mit der farb gefärbt oder in die farb getunckt Frisius dict. (1556) 277a. auch ohne rectionsangabe: zuiro giduncot ahd. gl. 2, 241, 19 (vgl. oben sp. 1795); man musz etlich mahl tuncken, was die farb halten soll Lehman flor. polit. (1662) 2, 897. nur vereinzelt in neuerer sprache: die konzentration der färbeflotte und die zeitdauer des tunkens ist abhängig von der intensität der gewünschten farbe (in der lederfärberei) Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 6, 114. wohl kaum noch im zusammenhang mit der färbersprache: es schien, er habe seine ganze person am stück in diesen dauerhaften färbestoff (lederfarbe) tunken lassen Ottilie Wildermuth w. 1 (1862) 30.
γ) ohne die zweckvorstellun des färbens. selten von gröszeren gegenständen: doch hetten sie endlich dürfen diesem brande steuren, dann sie tunketen kleider und decken in ihr frisches wasser Bucholtz Herkuliskus (1665) 409. sehr häufig jedoch, besonders in der sprache der medizin, von kleinen tüchern, faserbüscheln u. dgl. diese fälle sind, was den grad des eintauchens angeht, nicht eindeutig; man könnte sie auch zu I A 1 stellen: wem diu augen rot sein und krank, der nem kümelpulver und twer daz mit rautensaf und tunk ain paumwoll dar ein und leg die dar auf Konrad v. Megenberg b. d. natur 418 Pf.; man mag auch gezaszet väden darein tuncken und die dem falcken umb den kopff ... pinden Mynsinger von den falken 26 Hassler; nim essig und senff ... schab darein gold ... tunck ein flecken von einer wolffshaut darein, halts dem menschen für die nasen Gäbelkover artzneybuch (1595) 1, 43; item sie mag rosenwasser ... auch vermischen mit wenig zimmet ... und ein vierfach thuch darinn tuncken, das ausztrucken und uber das hertz schlagen Ruoff hebammenbuch (1580) 46; die rose, welche soll können vertrieben werden, wenn man ein leinen tüchlein nimbt und solches in hasenblut duncket Prätorius blockes-berges verrichtung (1668) 565. selten in neuerer sprache: man hat angemerkt, dasz z. e. an tücher, welche, in aufgelöstes alkali getunkt, über die gewöhnlichen salzpfannen gehangen worden, sich in kurzer zeit krystalle eines mittelsalzes ansetzten J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 50; es nimmt ein tuch die schwester, tunkts ins wasser, wischt Paul Ernst d. kaiserbuch II 2 (1927) 53.
b) zuweilen von gegenständen, auf die tunken in der regel in der bedeutung I A 1 angewandt wird (vgl. schon oben I A 1 a ε). es wird ausdrücklich auf die gröszere tiefe des eintauchens hingewiesen: nimmt man die blumen und kräuter, welche man will, tuncket selbige über und über in das gummiwasser und lässet sie alsdann wohl abtropffen Hohberg georg. cur. aucta 3 (1715) 145a;

tunkend zum handglied
tief in das becken, bis über den puls, die lilienhändchen
Baggesen poet. w. (1836) 1, 22.

aus dem zusammenhang ist zu entnehmen, dasz das obj. vollständig untergetaucht wird: die rothen topf-negelein ... tuncket man in scheidwasser (um sie zu erhalten) Hohberg georg. cur. (1682) 1, 695;

ihr holden schwäne,
und trunken von küssen
tunkt ihr das haupt
ins heilignüchterne wasser
Hölderlin s. w. 4, 60 Hellingrath.

dies gilt vor allem für die als besonders ungewöhnlich empfundene verwendung des wortes in einigen bildlichen oder sonst auf ausdruckssteigerung beruhenden wendungen, in denen die ihm eigene zweckvorstellung des kurz und rasch durchgeführten benetzens zurücktritt, in denen der grad des eintauchens als belanglos nicht eindeutig festzustellen ist, in

[Bd. 22, Sp. 1803]


denen aber die art des ausdrucks und der zusammenhang, in dem er steht, von vornherein nur die vorstellung groszer tiefe zuläszt: daz din fuoz in demo bluote martiro getunchot werde samet in (zu psalm 67, 24) Notker 2, 259 Piper;

zu Asser sprach er:
gesegnet sey vor Jacobs söhnen Asser!
sey angenehm vor seinen brüdern.
er tunkt den fusz in öl
Herder 10, 76 S.;

vater Lenäus komm her und tunke die nackenden schenkel
nach gelöstem cothurn mit mir in geerndeten most ein
Jung-Stilling Virgils georg. (1787) 2, 7;

wo ihr vor euch den todt nicht scheuet, so scheuet euch doch zum wenigsten, mir solchen tödlichen schmertz zu verursachen, wenn ich meine väterliche hände in euer blut ohnfehlbar müste tuncken Bohse 1001 nacht (1711) 36; um seinen von des ertödteten blut noch trieffenden und warmen degen auch in seiner schwester Briseidi blut zu duncken E. G. Happel der sächs. Witekind (Ulm o. j.) 3, 120;

in blut die waffen getunket traten die prinzen hervor
Bodmer rache d. schwester 921;

und wieder schnelle rante
auff ihre feinde zu und traff sie, dasz es funckt
und dasz sie ihre wehr in ihrem blute tunckt
Dietrich v. d. Werder ras. Roland 2 (1634) 250.


c) die in der älteren sprache nicht seltene beziehung auf menschen und andere gröszere lebewesen erscheint wegen des umfangs und der unhandlichkeit der objecte als besonders auffällig. es ist jedoch zu bemerken, dasz gerade in den ältesten belegen als träger der handlung gern an grösze und kraft überragend oder übermächtig gedachte wesen genannt werden.
α) in allgemeiner verwendung. noch deutlich mit der vorstellung des kurzen, vorübergehenden:

da aen langer beiden sij mich nam
mit der handt, bis uff iren hals mich heben began
und fieng da an zu fliegen
und uber das mere zu stigen.
ich was auch nit zu male sicher
von den grossen lünden, die ich sach her,
und umb daz sij mich dar under dünckete,
als dicke sij das gut dunckete pilgerf. d. träum. mönchs 12139 Bömer;

wenn ich mich gleich mit schneewasser wüssche und reinigete meine hende mit dem brunnen, so wirstu mich doch tuncken in kot und werden mir meine kleider scheuslich anstehen Hiob 9, 31. dagegen ohne rücksicht auf die zeitdauer, ganz wie tauchen gebraucht (vgl. die unten angeführte gebrauchsweise in den maa.): das böse weib tunkte ihn (in den weiher) und liesz ihn nicht heraus P. Dörfler Apollonias sommer (1932) 149; die menschen schienen allenthalben ins scheidewasser getunkt, nun musste sich gold vom unrat lösen Steguweit die törichte jungfrau (1937) 81. ebenso dort, wo die tiefe des eintauchens ausdrücklich betont wird:

welcher meynt, das er wytzig sy,
den dunck ich (frau Venus) dieff in narren bry
Seb. Brant narrenschiff 13, 10 Zarncke;

wo dich hier der artzt erwischt, wird er dich bisz an die ohren in den heissen wasserpful tuncken Francisci der hohe traur-saal (1670) 1, 24. aus scherzhafter übertragung von I A 1 b δ zu verstehen:

er tunkt sie in die tinte tief,
wie auch der Kaspar: feuer! rief.
bis übern kopf ins tintenfass
tunkt sie der grosse Nikolas
H. Hoffmann struwwelpeter 10.

modern kaum gebräuchlich, auszer gelegentlich in den maa.: einen tunken 'einen beim baden untertauchen' Martin-Lienhart 2, 693b; getunkt werden (vom regen) 'tüchtig nasz werden' Ochs bad. wb. 1, 596; er ist so nass wie eine getunkte maus Reiser sagen d. Allgäus b. Fischer schwäb. 2, 469.
β) in älterer sprache oft von der sakralen waschung, so schon: wir haben ... durhkangen den roten mere. in sanguine Christi consecrato baptismate bin wir getunchot

[Bd. 22, Sp. 1804]


Notker 2, 337 Piper. besonders bei der taufe, soweit diese in der form der immersio erfolgt, vgl. die glossierungen: tuncken tingere i. mergere et baptisare voc. inc. teut. (ca. 1495) y 2b. vgl. auch ungetuncket abaptus Dasypodius dict. (1537) 445. im lebendigen gebrauch jedoch niemals mit taufen identisch: der wolff stellet sich ze öbrist an daz güsbett priesterlich und griff nach ainem feklin (ferkel). da er es in das waszer tunket Steinhöwel Äsop 216 lit. ver. besonders in der sprache des 16. jhs.: der tauff an im selben ist nicht anders dann ein wasserbad, da man daz wasser über den kopff abgeuszt oder das kind darein dunckt und badet Andr. Althamer von der erbsünd (1525) F 1b; glychwie in dem touf das tunken nit abwäscht die sünd Zwingli dt. schr. (1828) 1, 252; tunck si in daz kalt wasser wie Joh. (das ist) eröffne inen ir gewissen Caspar Adler allen frummen christen ... mit emsiger bitt zu lesen (1523) C 2a; er (der priester) lasz fürter (im messbuch) und sahe abermal geschrieben: immerge intus, das ist: tunck das kind ins wasser Kirchhof wendunmuth 1, 549 Österley.
γ) nur mit entfernter beziehung auf eine flüssigkeit, mehr im verallgemeinerten sinne des hinabsenkens: ob er sie wölle ein oder zweimal in die hölle tunken Osiander b. Fischer schwäb. 2, 469. unter stärkerer übertragung auch auf abstracta angewandt:

du muszt, o Deli,
doch sterben, habest immer dein leben du
dahingetrauert, oder im grase dir
es frölichlich durch fest und tage
tief in die wonne Falerns getunket
(übers. d. Horaz-ode an Delius)
Herder 26, 219 S. (lesart);

und doch quoll innerlich ... eine freude auf ..., dass Bästle (ein landstreicher) seine schwermut nicht mehr ertränken oder ins elend tunken, sondern in einer heimat aussheilen werde P. Dörfler der notwender (1934) 194. zuweilen im sinne von demütigen, ducken: der vater lege es darauf an, sie zu tunken und zu verdemütigen P. Dörfler um das kommende geschlecht (1932) 372. mundartlich im sinne von denunzieren, vgl. Ruckert unterfränk. 46, Martin-Lienhart els. 2, 693b, Fischer schwäb. 2, 469.
B. vereinzelt mit verselbständigung der bedeutung des stoszens oder drückens, ohne rücksicht darauf, ob die bewegung abwärts gerichtet ist oder ob sie ihren endpunkt in einer flüssigkeit finden soll. die sonst übliche in-verbindung kann dabei, dem sinnwandel entsprechend, durch andere ausdrücke ersetzt werden; der dem worte eigentümliche sinn des hineindrängens kann erhalten bleiben:

zwischn die prustlen dut sie in duncken,
in der lieb macht sie in truncken fastnachtsp. a. d. 15. jh., nachlese, 288, 16 Keller.

deutlicher zeigt sich die abwendung von der bedeutung des hineintauchens bei anwendung einer an-verbindung, vgl. schon die oben sp. 1795 angeführte ahd. stelle: sie dar io ana dunchonde Notker 2, 189 Sehrt u. Starck. so auch: dass die gnädige frau wehmama erschrocken das rote köpfchen ihres erstlings mit behutsamkeit an die brüste tunkte Winckler der tolle Bomberg (1933) 105.
II. reflexiver und intransitiver gebrauch.
A. der reflexive gebrauch ist im wesentlichen auf das 15. und 16. jh. beschränkt. vielfach mit der dem wort eigenen vorstellung des auf rasche benetzung abzielenden, durch leichten druck oder stosz hervorgerufenen, nicht tiefen eindringens in eine flüssigkeit. zufrühest, ähnlich wie beim refl. gebrauch von tauchen (teil 11, 1, 1, sp. 182), von wasservögeln: wie ein gansz, die sich in das wasser dunckt und wider herfür kummet und trucken ist, also schütten wir uns auch Keisersberg sünden des munds (1518) 12c; darnach lösen sie ihnen (den meerraben) das gebende an den kropff, deszhalben sie nicht schlingen können, auff und lassens wider ins wasser, sich zu duncken und für sich zu fischen und zu essen J. Kellner königreich China (1589) 163. besonders da, wo es sich um das eintauchen blosz von kopf und rumpf handelt: so die wasser- und meervögel sich stäts wäschen und duncken, das bedeut

[Bd. 22, Sp. 1805]


alles ungewitter Mich. Herr d. feldbau (1551) 15a; wan morgens frü die gansz und ent sich offt dunckt und wäscht, bedeuts ein regen resch Fischart aller practic grossmutter 127. für das rasche, kurze untertauchen während des badens: da mag man von kelte nit lang baden. man msz sich drey mal darinn gar hinunder tuncken, so hat man gng Stumpf Schweizerchronik (1608) 468b;

auf, Ramsperger, entzeuch dich der kleider, entrinkle die sohlen,
schneide die nägel ab und tunke dich dreimal im brunntrog
Hebel s. w. (1838) 2, 181.

früh jedoch auch im sinne des bloszen intrans. tauchen, ohne rücksicht auf art und tiefe: und als er mitten in das waszer kam, tunket sich der frosch und zoch die mus under sich und wolt sie ertrenken Steinhöwel Äsop 83 lit. ver.; denn es gehet von ihm die rede, dasz er sich soll haben bey den Aphetis ins meer getuncket und sey, unter dem wasser schwimmend, nicht ehe widerumb herausser kommen, bisz er den berg Artemisium erlanget G. Schwartzkopff Herodot (1593) 375; als der gut gesell (der esel) sich ins wasser tunckete, zog die wolle und schwammen die feuchtigkeit an sich W. Spangenberg eselkönig 171. übertragen: das sy widerumb fallen in ir vergangen süntlich leben und tuncken sich widerumb in all laster Keisersberg schiff der penitentz (1514) 31c. in neuerer sprache ungewöhnlich und kaum auszerhalb der reimfuge, dabei ohne lebendige beziehung zum ursprünglichen bedeutungsinhalt, mehr im allgemeinen sinne von sich hinabsenken:

duppelt eurer liebe flammen
allzeit mehr und mehr auf mich,
dasz sich eure reiche funken
in mein meer der tränen dunken
Fleming deutsche ged. 1, 378 Lappenberg;

der klare blitz, wenn sich das licht
in den metallnen knöpfen bricht,
die reih entlang, so funk an funken
aufsprühn und sich ins dunkel tunken
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 46;

doch hinten bei dem weiszen riff,
was ist es mit dem schwarzen punkte,
der jetzt sich hob und dann sich tunkte
in wogenschwall?
Immermann w. 13, 100 Boxb.;

dort heben und tunken
gleich blinkenden funken
sich wellchen im bach
Salis-Seewis ged. (1793) 59.


B. intransitiver gebrauch.
1) wie intrans. tauchen nur vereinzelt: (die schwäne pflegen) unter das wasser zu dunken Ryff b. Sanders 3, 1402; mundartl. in Baden, Elsasz, s. Ochs 1, 596; Martin-Lienhart 2, 623.
2) häufiger mit besonderer bedeutungsentwicklung, beruhend auf übertragung von der grundvorstellung des abwärts gerichteten drückens oder stoszens. ausfall eines objectes braucht dabei nicht angenommen zu werden:
a) knicksen: wenn ich spreche: setze dich, Ninette! — so tunke recht tief, aber nimm ja keinen sitz an Sonnenfels ges. schr. 4, 500. so wohl auch zu verstehen: gehen also die besten under ihn nach dem eüssern menschen in des gesatz wercken unnd fleysch frommkeit herein, mit vil fasten, betten, bucken, neygen, tuncken, zehenden, liecht brennen, sunderer kleydung etc. Seb. Franck weltbuch (1534) 143b. mit erklärenden zusätzen: zwo mägde fuhren auseinander, tunkten kniksend bodenwärts und sahen dann wie geblendet dem hohen nach Eberh. König Thedel v. Wallmoden (1926) 166.
b) häufig und mundartlich (vor allem bair.-österr.) lebendig in der bedeutung 'einschlafen', insbesondere 'im sitzen einschlafen', 'einnicken', vgl. Ochs bad. wb. 1, 596, Fischer schwäb. 2, 469, Schmeller-Fr. 1, 526, Jakob Wien 197, Lexer Kärnten 77, Unger-Khull steir. 183: hitze, hitze, und schlaf dabey! wenn jetzt das schiff auf einer sandbank säsze, ich müszte tunken Bäuerle kom. theater 6, 47; aber es is so a hundsmüdigkeit über mich kämma, dasz ich zum tunken angfangt hab Anzengruber

[Bd. 22, Sp. 1806]


ges. w. 5, 119; herr Zander, den die gewohnheit auszeichnete, gegen halb 10 uhr in einen leichten vorschlummer zu verfallen und selbst beim angeregtesten tischgespräche mit dem müden haupte jene bewegungen auszuführen, die man tunken nennt tägl. rundschau (1902) nr. 461. ungewöhnlich mit erklärender richtungsbestimmung: manchmal tunkte ich mit solcher vehemenz ... nach dem boden zu (vor schlaf), dasz mir der hut weit vom kopfe flog und der herr Guido im wagen laut aufschrie Eichendorff s. w. (1864) 3, 41. vgl. polsterzipf tunken 'schlafen' bei Rosegger oben I A 1 a β.
 
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tunken, vb., stercorare, formvariante von düngen (s. teil 2, 1531): wenn ein bawer, so auff seinem acker pfluget odder tuncket Luther 32, 511 W.
 
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tunker, m. , im obd. verbreitete ableitung von tunken.
1) als nomen agentis zu tunken I A 1 a in den zusammensetzungen surmilich tunker 'geizkragen, der nur von kartoffeln und saurer milch lebt', tüpfeletunker 'einer, der gerne die sauce auftunkt' bei Martin-Lienhart els. 2, 694a.
2) 'bissen zum eintauchen' Fischer schwäb. 2, 469, vergl. tunk.
3) 'bückling' Fischer ebda.
4) 'mit engelrot gefülltes gefäsz der zimmerleute, in das die schnur eingetaucht wird' Unger-Khull steir. 183.
5) 'knicks', vgl. DWB tunken II B 2 a: reden, liebes mädchen, musst du ja nicht anders, als wenn du gefragt wirst, und auch damals nur, ja und nein, und immer einen tunker dazu Sonnenfels ges. schr. 4, 509.
6) 'schläfchen' Jakob Wien 197, zu tunken II B 2 b.
 
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tunkesel, m., 'kellerassel', s. DWB dunkesel teil 2, sp. 1551.
 
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tunkfeuerzeug, n., zu tunken I A 1 b γ: ein eminent chemisches feuerzeug ist ferner das ... stippfeuerzeug (tunkfeuerzeug) Karmarsch-Heeren techn. wb. 33, 479.
 
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tunkform, f., 'bei den lichtziehern das tiefe schmahle gefäsz, worin sich der geschmolzene talg befindet, in welchen man die dachte tunkt, um sie zu lichten zu ziehen' Adelung 4 (1780) 1104, zu tunken I A b γ, vgl. Schaffer dt.-frz. wb. 2, 2, 39.
 
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tunkhamen, m., flaches fischnetz, welches mittels einer stange senkrecht ins wasser herabgelassen und wieder gehoben wird, zu tunken I A 2: die handsenken sind in flüssen überall verbreitet und werden vom ufer aus oder auch im kahne benutzt. sie heiszen auch senker, senkhamen, tunkhamen, tauchhamen Seligo die fanggeräte (1914) § 75.
 
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tunkig, adj., 'darein man etwas tunken mag' Calepinus XI ling. (1598) 1467a.
 
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tunkmutter, f., zu tunken I A 2 c oder II B 1, vgl. handwb. d. dt. aberglaubens 1, 336: wenn die alten jungfern keine freyer bekommen, so müssen sie in teich kriechen und tunk-muttern werden Meissner sprichw. (1705) 126. —
 
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tunknapf, m., auch tunkennapf Pinloche-Matthias et. wb. d. dt. spr. (1922) 706, soviel wie soszenschale, sauciêre, zu 2tunke: wir hatten nichts darwider, dasz zuweilen eine blüthe in den tunknapf, oder in das essiggestell ein blättchen flatterte Jean Paul w. 1, 328 Hempel.
 
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tunknäpfchen, n., dasselbe, Campe 4 (1810) 911, Voigt handwb. f. d. geschäftsführung (1807) 2, 398. —

 

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