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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tünchen bis tüncherkübel (Bd. 22, Sp. 1782 bis 1786)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tünchen, vb., 'düngen, bemisten', wohl als formvariante zu düngen zu stellen (s. teil 2, 1531, vgl. DWB tüncherde, ferner Steinbach: tunch ... dunche, aliis tung laetamen,

[Bd. 22, Sp. 1783]


fimus, stercus wb. [1734] 2, 881), wenn auch die ähnliche verwendung von gipsen und kalken zusammenhang mit 1tünchen zu erwägen gibt; vereinzelt in obd. quellen des 16. jhs.: und darumb, das es alles sandig und dürr alda (in Arabien) ist, wechst kain traid alda oder ander frücht, hat allain schäfferei, ist überal vol hüeter, die die unfruchtbarkait des ertrichs mit menig des viechs püessen (la. tünchen) Aventin s. w. 4, 2, 677 bayer. akad.; so musz man das feld die ersten zwey jar tnchen vnd bemisten vnd feigbonen oder sonst bonen darauff besyen (fumerez la terre les deux annees premieres) Sebiz feldbau (1580) 20; haben die bawrn umb die statt Augspurg und in den nechsten flecken herumb den 4. januarij angefangen, die erden umbzuackern und die äcker zu knfftiger saat, mit zimlicher frer arbeit zu tnchen und zu egen Wolffg. Hartmann Augsp. chron. (1596) 3, 122; bildlich: so hat es gott auch wol gefallen, dasz dieselbe seine kirche, vom anfange bis zum ende jhrer samlung, mit plute getncht oder gemistet wrde Jac. Eysenberg d. heilig brotkorb (1583) 66b.
 
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tüncher, m. , im frühen nhd. auch: düncher H. Sachs fab. u. schwänke 5, 69 ndr.; Dasypodius dict. (1547) 2, C 3a; Duez dict. (1664) 2, 107; entrundet: dincher Dasypodius dict. (1536) 44b; qu. v. 1622 bei Fischer schwäb. 2, 464; mit offener qualität des stammvokals: döncher Nigrinus widerlegung ... der 1. centurie ... Johan Nasen (1570) E e 2b; toncher (15. jh.) s. u. DWB A 1; als orthogr. varianten finden sich: düncker Frisius dict. (1556) 347b (bei Maaler: düncher s. u. DWB A 2); thncher Decimator thes. (1608) index; vereinzelt mit pleonastisch antretendem suffix (s. Henzen dt. wortbildung [1947] 162): tuncherer Tucher (s. u. A 1) und mit erweitertem suffix (s. Henzen a. a. o. 161): tünchner Jung-Stilling (s. u. B 1); Thümmel s. w. 6 (1854) 146; mnd. dönneker, donneker Schiller-Lübben 2, 542. — nomen agentis zu tünchen (s. dort), das seit dem 15. jh. nachweisbar undsich gegenüber sinnverwandten wörtern wie gipser (s. teil 4, 1, 4, 7541), glätter (s. ebda 7751), kleiber (s. teil 5, 1068), weiszer (s. teil 14, 1, 1208), weiszbinder (s. ebda 1201) und weiszfärber (s. ebda 1209) im sprachgebrauch durchsetzendein gängiges wort der nhd. schriftsprache (nicht der mundarten) geworden ist.
A. als handwerksbezeichnung des baugewerbes.
1) 'verputzer, die wände verputzender maurer' (zu tünchen A 1): dy buwinde kunst had undir er sechz houpt hantwerg. daz erste ist kalgwerg und ist eyn houpt hantwerg und had vel ander hantwerg undir em alz steynmetzcen, murer, toncher, kalgkborner, zcigeler, topphir, steynbrechir ... und der glichin hs. d. 15. jhs. in: anz. f. kde. d. dt. vorzeit 3, 273; ein steinmetz, tuncherer, pflasterer, decker oder zimmergesell Tucher baumeisterb. d. st. Nürnb. 67, 17 Lexer; wann dir der Kötzler das hausz raumbtt und du eins tünchers bedarfst, so brauch des vetter Paulus Scheürl seinen, den maister Jörgen (3. 9. 1586) Paumgartner briefw. 79 lit. ver.; deren lcher eins so die tncher in werendem bawen in die maurn machen vmb jre gerst damit auffzurichten theatr. amoris (1626) 262; crustarius ein tncher oder klicker (zu nd. klicken mit lehm mauern oder bewerfen) Corvinus fons lat. (1646) 236; wurden solche wänd ... durch den tüncher verworfen qu. v. 1666 bei Fischer schwäb. 2, 464; tncher, m., intonicatore, incrostatore Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162b;

du schelm, dein vater war ein mauerntüncher Shakespeare (1797) 8, 132;

übrigens wolle er auch den herrn förster bitten, dasz er als guter nachbar mitunter den maurern, tünchern, zimmerleuten und schlossern ein wenig zuschaue Riehl gesch. aus alter zeit (1863) 2, 74.
2) '(die wände mit einem weiszen, glatten kalküberzug versehender) weiszer, weiszfärber' (zu tünchen A 2; vgl. weisztüncher teil 14, 1, 1227); dies wird die geläufige anwendung im nhd.: crustarius ein glesster, gletter, dincher Dasypodius (1536) 44b; düncher, weyszger, der die

[Bd. 22, Sp. 1784]


mauren gypset oder weyszget tector, crustarius Maaler teutsch spraach (1561) 93a; tector ein tncher, der die huser weisset Corvinus fons lat. (1646) 871; der tüncher ... im gemeinen leben weisser Adelung 4 (1780) 1103; der maurer arbeitete, die gesprungenen wände (an Wilhelms elternhause) auszuzwicken, und der tüncher, ihnen glätte und ansehen zu geben Göthe I 51, 176 W. (s. auch ebda 25, 221); während die tüncher inwendig über hals und kopf weiszten Hegel w. (1887) 19, 1, 280; im obern (stock) fuhr der grosze pinsel des tünchers unermüdlich über die wände, und weiszliche gestalten mit groszen schürzen trugen die kalkgefäsze trepp auf trepp ab Freytag ges. w. (1886) 5, 46; tünchen ... eine wand mit ... tünchkalk anstreichen ... geschieht durch den tüncher Mothes ill. baulex. (1881) 4, 379; tüncher ... pargeter, house-painter ... blanchisseur Hoyer-Kreuter technol. wb. (1902) 1, 782.
3) 'anstreicher, maler' (zu tünchen A 3 a): diesem hatte der tncher sein hausz von aussen mit allerhand gauckeley vnd narren bemahlet Zinkgref apophthegmata (1639) 288; wir (die maurer) müssen es sogar noch gut heiszen, wenn der tüncher die spur unserer hände völlig auslöscht und sich unser werk zueignet, indem er es überzieht, glättet und färbt Göthe I 20, 98 W.; auch der schmuck der bauernhäuser innen und auszen mit allerlei bunten schnörkeln des tünchers (den man hier, und zwar oft mit vollem recht, einen 'maler' nennt) pflanzt sich aus den Alpen über die südbayerischen hochflächen fort, gegen das Donauthal hin mehr und mehr verblassend W. H. Riehl land u. leute (21855) 208;

wie ihr mir die zimmerwand,
meister tüncher, sollet malen?
grün die felder, jeder rand
gelb, dazwischen blaue strahlen.
dasz im winter auch dasselbe
wie im sommer mich erquickt:
wiesengrün und aehrengelbe
mit cyanenblau gestickt
Rückert ges. poet. w. (1882) 2, 595;

wir wollen dem tüncher die farbe selbst mischen Freytag ges. w. 5 (1887) 45; vielfach in abschätzigem sinneim bewuszten gegensatz zu 'kunstmaler' — gebraucht (s. auch unter tünchen A 2): er ist nur ein tncher, klatt- ò klatschmaler egli non è ch'un' imbiancatore, cioè schimbiccheratore, imbroglione, v. schmierer Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162b; am längsten schlug sich meine bittere laune mit dem tüncher herum, der sich erfrecht hatte, den namen jenes glorreichen malers auf seinen schmierlappen zu prägen Thümmel reise i. d. mittägl. prov. 10 (1805) 56; tüncher und subordinirte künstler, welche fähig waren arabesken hinzuzeichnen, fanden sich eher Göthe I 47, 238 W.; an der wand der kirche hingen ... bilder, die von einem tüncher verfertigt schienen ... jedes derselben war geistlos Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 5, 206.
B. metaphorisch.
1) in anschlusz an biblische wendungen (s. auch unter tünchen B 2) erlangt tüncher die bedeutung 'scheinheiliger': sprich zu den tnchern, die mit losem kalck tnchen Hesekiel 13, 11 (vgl. die mnd. fassung bei Schiller-Lübben 1, 542);

sie (die heuchlerischen, scheinheiligen priester) bertnchen seine (des landes) snden,
die tncher einer losen wand!
Cramer s. ged. 3 (1783) 282;

o wie matt und wie ekel werden einem ... die sophystereien [!] der philosophen ... o ihr tnchner mit osem kalk! — wie sehr schimmert der alte greuel durch Jung-Stilling s. schr. (1835) 1, 346.
2) wie kleisterer (s. teil 5, 1135) und schmierer (s. teil 9, 1087 [3]) findet sich tüncher dann auch allgemein im sinne von 'betrüger, heuchler, schmeichler, schönschwätzer': die rohe, gottlose welt, Epicurer, schwermer vnnd corruptelisten, schmirer, tncher und maulchristen, lest er (der teufel) als seine trewe hoffdiener, wol zu frieden M. Christoph. Irenaeus Adam u. Eva (1570) N 2b; o wie solte er

[Bd. 22, Sp. 1785]


(Luther) synergisten, maioristen, adiaphoristen unnd theologische juristen haben lehrnen heucheln, schmeicheln den grossen potentaten und also hofieren, dasz die wahrheit darber not und fahr litte. item, die klgesten tncher, schmierer, kleisterer, weicher und vergleicher, ja reformatores der religion J. Westphal hoffarts teuffel in: theatr. diabolorum (1587) 2, 17b;

nach dem sprichwort:
...
ein maulaff und ein lapp,
ein tncher und ein weisser,
ein trieger und bescheisser
...
ein ochs und ein rind
sind all gschwister-kind
Moscherosch gesichte (1650) 1, 465;

hie ist nun nicht zu lugnen, dasz ... solche falsche krmer und falsche tncher unter den priestern vorhanden sein, die so schmeicheln J. W. Petersen hochzeit d. lammes (Offenbach a. M., o. j.) 253; wo wollen denn die falschen lober und tncher bleiben, so denen jenigen die seligkeit so frei zusprechen, die denen thrichten jungfrauen ... lange nicht beikommen, noch das wasser reichen? ebda 35.
3) für einen vergleicher, der über alle gegensätze hinwegtäuschend zum frieden rät: Luthers schrifften sind wider solche rotten, secten vnd dergleichen halbhszler, vergleicher vnd tncher vorhanden Cyr. Spangenberg böse sieben (1562) Hh 4b; sie (die welt) wil nicht gerne, das man jhr das gewissen sol rren, wil gerne tncher, pacemsprediger, gerstenprediger haben S. Artomedes 56 pred. (1604) 197; die vergleicher seind wie tncher, frber vnd kleysterer Lehman flor. polit. (1662) 2, 805.
 
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tüncherarbeit, f.
1) tätigkeit des tünchers (A): tüncherarbeit trullisation, plaistering or pargetting Ludwig teutsch-engl. (1716) 2040; die tüncherarbeit die arbeit des tünchers, das tünchen Campe 4 (1810) 911; anstreicher- und tüncherarbeiten Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 5, 670.
2) gemälde eines tünchers (s. u. DWB tüncher A 3): der unverständige pöbel würde denjenigen verspotten, der eine vom Albrecht Schmierer bekleckte tafel höher achtete, als ein gemälde von dem Albrecht Direr(!), und dem die tünger-arbeit besser anstünde (gefiele), als des Zeuxis seine Helena und des Apelles seine Venus Caspar Lolivetta d. teutsche gespenst (1684) 321; tncherarbeit pittura d'ingessatore Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162b; das aber ist zuverlässig war, dasz Ifland und Beil unter den besten hiesigen schauspielern, wie der Jupiter des Phidias unter tüncherarbeiten hervorragten (1. 5. 1784) Schiller br. 1, 180 Jonas; formen und kolorit zeichnen sich auch bei dem schlechtesten dieser bilder (madonnen- und heiligenbilder an kapellen und häusern in Oberitalien) doch vortheilhaft aus vor ähnlichen tüncherarbeiten in Deutschland G. W. Keszler br. auf einer reise durch Süddeutschland (1810) 219.
 
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tüncherde, f., vereinzelt lexikalisch gebucht (vgl. 2tünchen düngen): dnch-erde de la marne ou du mail, terre grasse pour fumer et engraisser les champs, marga, terra pinguis ad stercorandum vel pinguefaciendum et lœtificandum agrum Duez dict. (1664) 2, 107.
 
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tüncherei, f. , abstractbildung zu tüncher bzw. 1tünchen (s. dort), die im älteren nhd. vereinzelt neben tünchung auftritt.
A. als technischer ausdruck.
1) tätigkeitsbezeichnung zu tüncher bzw. tünchen A 1-3, wie tünchung (A 1): tüncherey imbiancaria Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162b; tüncherei trullisation, plaistering or pargetting Ludwig teutsch-engl. (1716) 2040; die larventünchereyen (schminkungen) abgelebter weiber Veit Weber sagen d. vorzeit 4 (1791) 15; die tüncherei die handlung, da man tünchet, die arbeit des tünchers Campe 4 (1810) 911; mit pejorativem beisinn, im gegensatz zu kunstmalerei (s. unter tünchen A 2 a u. tüncher A 3):

[Bd. 22, Sp. 1786]


es ist nur tüncherey Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162b; dncherei ungeschickte mahlerei, rudis et inconcinna pictura Aler dict. (1727) 1, 549b; ähnlich bei Campe 4 (1810) 911.
2) überzug, aufgetragene schicht (vgl. DWB tünchung A 2): die tuncherey abthun oder abscharren leuare la smaltamento Güntzel haubtschlüss. (1648) 792.
B. metaphorisch, im sinne von 'scheinwerk' (s. u. DWB tünchen A 3 b): das ist nur tncherey dat is maar een schyntje Kramer-Moerbeek dt.-holländ. (1768) 349;

leicht begnügen sich die sinnen
an der schönheit tüncherei,
unbekümmert, ob darinnen
wahrheit oder lüge sey
Bürger s. w. 116a Bohtz;

in halbkonkreter anwendung: spiegel und büchsen ... und in allen diesen ist nichts als unrath, lug und trug enthalten, in der einen zähne und zahnfleischbeizen, in der andern schwarze wimpern und augenbraunen und andere dergleichen tüncherey C. A. Böttiger Sabina 1 (1806) 11.
 
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tüncherfarbe, f., wie tünchfarbe (s. dort): das seelestrahlende auge wird matt oder quillt auch gläsern und stier aus seiner höhlung hervor, der feine inkarnat der wangen verdickt sich zu einer groben und gleichförmigen tüncherfarbe, der mund wird zur bloszen oefnung (bei dem menschen, der den naturtrieb, ungebändigt durch den geist, über sich herrschen läszt) Schiller 10, 97 G.
 
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-gerüst, n., im älteren nhd. vereinzelt lexikalisch gebucht: tncher-gerst palco d'intonicatore ò imbiancatore Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162b; tüncher-gerüste a plaisterersscaffold Ludwig teutsch.-engl. (1716) 2040; das tünchergerüst ein gerüst für den tüncher, damit er in der höhe tünchen könne Campe 4 (1810) 911. —
 
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-geselle, m., früh bezeugte handwerksbezeichnung: zu vorausz ... soll ein tünchermeister der stat paumeister vorsehen mit einem redlichen tuncher gesellen ..., des man ... bedarf zu stuben auf den versperten turnen und herniden zu weissen, verstreichen, und zu zeitten der stat pöden zu verstreichen Tucher baumeisterb. 55 lit. ver.; dass einmal aus einem tnchergesellen noch ein kaufmann und dieser endlich gar noch reich wurde allg. dt. bibl. (1771ff.) anh. z. bd. 53 —86, 1568; man hielt mich offenbar für einen wackeren tünchergesellen Keller ges. w. 3 (1889) 83; Biene war tünchergeselle von beruf Alverdes Reinhold (1931) 44. —
 
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-handwerk, n.: neue artikel und ordnung für die gesellen des hiesigen tüncher-, quadratur- und weiszbenderhandwerks, den 19. merz 1805, bey einem hochedlen rath genehmiget Beyerbach slg. d. verordn. d. reichst. Frankfurt 11 (1818) 3232.
 
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tüncherkelle, f., vereinzelt lexikalisch gebucht (s.tünchkelle): tuncherkelle instrument zum tünchen Güntzel haubtschlüss. (1648) 792. —
 
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-kübel, m., s. u. tünchermeister (J. Paul) u. tünchkübel. —

 

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