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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tumultuant bis tunchel (Bd. 22, Sp. 1769 bis 1778)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tumultuant, m., unruhestifter Ludwig t.-engl. (1716) 2039; 'ein aufrührerischer, unruhiger böser kerl, so allerhand lose händel anstellt, ein empörer' cur. bauernlex. v. Belemnon (1728) 193; vgl. mundartliches tumulterer: tumulterer und khoczpalger ratsprotokoll (1625), s. Unger-Khull steir. 182: dasz ein jedweder magistratus ... die delinquenten, aufwiegler, zäncker und friedbrüchige tumultuanten in arrest nehmen ... sollen (1652) bei Frauenholz entwicklungsgesch. d. dt. heerw. 4, 120; dasz die tumultuanten, auch wenn sie in der minderheit sind, stets leichtes spiel haben Lassalle ausgew. reden u. schr. 2, 302; die tumultuanten hätten besonders nach mir verlangt und mich niederzuschlagen gedroht Bebel aus meinem leben (1946) 1, 197; gegen dessen konservative auffassung der berühmte de Maitre ein jakobinischer tumultuant war Werfel Bernadette (1948) 168. streitsüchtiger mensch: ihr seyd zwey alte grein- und zancksichtige haderkatzen und tumultuanten Gryphius lustsp. 331 Palm. wild lärmender mensch: der ... von dem tumultuanten, der plötzlich ... die grimmigsten hypothesen losknallte, übertäubt wurde E. T. A. Hoffmann s. w. 15, 252 Gr.; ich ... liesz die tumultanten hinter meinem stuhle ... abtreten W. Hauff s. w. (1890) 2, 2, 254.
 
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tumultuar, adv., ungeordnet, planlos, lat. tumultuarius, im 16. jh. vereinzelt: meine tumultuar angefangene unnd auszgegangene arbeit L. Rabus hist. d. martyrer (1571) vorr. C 2a.
 
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tumultuarisch, adj. , ungeordnet, wild, unruhig. im frühen 18. jh. aus lat. tumultuarius entlehnt. lexikalisch begegnet tumultuarisch zuerst bei Hederich deutsch-lat. lex. (1777) 3021, in dessen 4. aufl. (1753) es dagegen noch nicht verzeichnet ist.
1) unruhig, als folge politischer wirren und feindlicher auseinandersetzungen, vgl. DWB tumult A: von einführung der christlichen religion an bis auf Hussen's zeiten und von diesen tumultuarischen zeiten bis auf uns C. D. Schubart ges. schr. (1839) 6, 199; in diesen tumultuarischen und dislocirenden tagen Göthe IV 20, 147 W.; tumultuarische angriffe, aus bloszem volkshasse entstanden, solle man nicht gestatten Fr. Schlegel s. w. (1846) 14, 26; nur musz alles im wege der reform vor sich gehn und nicht auf tumultuarische weise Immermann w. 6, 60 Hempel; führte die zwiespältige wahl ... zu ... tumultuarischen scenen und gewaltthaten Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 64. von aufrührerischem lärm einer erregten menge: allgemeiner aufstand ... die schranken werden eingestürzt, es entsteht ein tumultuarisches getöse Schiller 15, 2, 456 G.; die einwohner ... drängten sich tumultuarisch

[Bd. 22, Sp. 1770]


um uns herum Steffens nov. (1837) 1, 107; die auszeichnung durch cocarden, die tumultuarischen bewegungen, ... verriethen eine zu auffallende ähnlichkeit mit einem aufruhr J. G. Forster s. schr. (1843) 6, 269; gleich bei dem ersten punkte der tagesordnung ... kam es zu einem krach mit Fritzsche und zu tumultuarischen szenen durch seine anhänger Bebel aus meinem leben (1946) 1, 91. streiterfüllt: lasz uns den tumultuarischen Helikon fliehen und in wechselseitiger liebe die früchte des friedens schmeken Schubart br. 1, 116 Strausz.
2) geräuschvoll und bewegt, vgl. DWB tumult B 1-3; das gewicht liegt stärker auf der akustischen seite, der gedanke an eine feindliche auseinandersetzung fehlt: die unterredung wurde so laut und tumultuarisch wie in einer trinkstube Musäus physiognom. reisen (1778) 4, 44; nun gab es eine tumultuarische erkennungsszene Caroline 2, 328 Waitz; die herzudringende menge, welche den grundherrn ... auf die tumultuarischste weise begrüszte Raabe s. w. I 3, 79. von der unruhe geselligen lebens: der prinz ... ist ... mit einer zahlreichen und glänzenden suite hier angelangt und hat unserm zirkel ein neues tumultuarisches leben gegeben Schiller 4, 272 G. 'wild und laut lärmend': dieser tumultuarischen hausgenossenschaft (den nächtlich umziehenden gespenstern) ... frieden gebieten und ein ewiges stillschweigen auferlegen Musäus volksm. 4, 114 Hempel; man hört ein tumultuarisches freudengeschrei unter trommeten und pauken Schiller 3, 155 G.; auch rein akustisch ohne den gedanken an eine erregte menge: die dominante einer wild und tumultuarisch beginnenden ... symphonie Justi Winckelmann (1866) 1, 258. dagegen nur optisch, 'bewegt', 'lebhaft': die aufgeregte, tumultuarische beweglichkeit ..., die künstliche ... beleuchtung, das alles war verbraucht (in der malerei des manierismus) Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 334; das tumultuarische badeleben an der Praia Werfel geschw. v. Neapel (1931) 299. von einer bewegung im elementaren bereich: wenn ... eingeschlossenes wasser endlich einen durchbruch findet, den es begierig benutzt, tumultuarisch dahin sich drängend Schopenhauer s. w. 3, 269 Gr.
3) jäh, unerwartet, überstürzt, übereilt: heute komm ich etwas früh und tumultuarisch, genieszen wir unser frühstück in ruhe Göthe I 24, 145 W.; die anklage gegen Delessart ward in tumultuarischer eile durchgesetzt Häusser dt. gesch. (1854) 1, 406; der grüne Heinrich ist jetzt in tumultuarischer abreise begriffen (1880) G. Keller br. u. tageb. 3 (1916) 313. von schnellen, abrupten veränderungen in der natur: die tumultuarischen entstehungen von flecken, sonnenfackeln A. v. Humboldt kosmos (1845) 3, 387; diese (niederschläge) erfolgten umso schneller, tumultuarischer, unkristallinischer, je später sie sich bildeten ders., ans. d. natur (1808) 1, 235. verbunden mit der nebenvorstellung 'ungeordnet', 'unregelmäszig', überleitend zum folgenden: man ward daher einig, den angriff auf ihn ja nicht übereilt und tumultuarisch, sondern behutsam und methodisch zu machen J. J. Engel schr. (1801) 12, 52; was für einen weg der bildung der südost nimmt? möchte es doch nicht auch der tumultuarische seyn, den jede retardirte cultur, leider, ergreifen musz Göthe IV 16, 340 W.
4) ungeordnet, planlos, wirr, wild durcheinander: die begräbnisse der soldaten ... die drauszen vorgenommen wurden, waren etwas tumultuarisch, es wurden alle die cörper und knochen an einen ort zusammengeschüttet Fleming d. vollk. teut. soldat (1726) 371; da man sich diese (versammlungen) unmöglich tumultuarisch zusammenlaufend denken kann, sondern ... förmlich berufen Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 403; wer durfte angesichts dieser chaotischen zustände sich beruhigen ..., die tumultuarische verwaltung durch ausschüsse und commissäre ... reichte nimmermehr aus qu. a. d. j. 1886. lediglich zur bezeichnung des optischen eindrucks: sie entfliehen so kunstgemäsz-tumultuarisch, so symmetrisch-verworren, dasz es eine lust ist Göthe IV 40, 219 W. von unregelmäszigen naturgebilden: bei graupen sind die erscheinungen dieser epoche nicht von so anscheinend tumultuarischem

[Bd. 22, Sp. 1771]


ansehen; hier ist der gneis nicht durch fremd gebildete massen unterbrochen Göthe II 10, 119 W. von der ungeordneten, unsteten lebens- und arbeitsweise eines menschen: dasz ich ... über ihre tumultuarische art zu studiren unruhig bin Gellert s. schr. (1784) 8, 130; der zur heterodoxie überging, ohne sich ... in seiner tumultuarischen art zu leben ... davon deutliche rechenschaft zu geben Gervinus dt. dichtg. (1853) 4, 176. von einer unsystematisch, unmethodisch angefertigten arbeit, also nicht mehr von einer handlung, sondern ihrem ergebnis: dasz durch ein register nie werde in ordnung gebracht werden können, was von anfang an tumultuarisch geschrieben ist Nicolai literaturbr. (1759) 6, 407; von dem tumultuarischen, welches er meiner arbeit gar bald anmerken wird Lessing 11, 4 L.-M.; diese zuschrift entstand freilich zufällig und tumultuarisch genug W. v. Humboldt br. an Welcker 83 Haym. von ordnungswidrigen, ungesetzlichen masznahmen; 'tumultuarisch verfahren mit beiseitesetzung der gehörigen ordnung' Adelung (1801) 4, 721: als ehrlicher mann, der ihn nur so tumultuarisch nicht will verdammt wissen Lessing 13, 207 L.-M.; papst Benedict X., der noch einmal in der alten tumultuarischen weise ... eingesetzt worden war Ranke s. w. (1867) 14, 28; (sie) lieszen noch am abend (ihnen) durch den henker den kopf abschlagen. die güter der so tumultuarisch gerichteten wurden mit beschlag belegt Ric. Huch im alten reich (1927) 330. von rohen und unkultivierten lebensverhältnissen: der Deutsche, ... in einem unglücklichen tumultuarischen zustande verwildert, begab sich bei den Franzosen in die schule, um lebensartig zu werden Göthe I 27, 72 W.
5) im geistig-seelischen bereich 'wirr, verwirrt, aufgeregt': bisher ist's in meinem kopfe tumultuarisch zugegangen Göthe IV 30, 33 W.; er bediente sich dieser tumultuarischen stimmung meines herzens Kotzebue s. dram. w. (1829) 44, 333; es war ... eine tumultuarische unordnung in einem theile meiner vorstellungen Mendelssohn ges. schr. (1843) 3, 436. wild, zornig: und war mit Souris (dem hund) ordentlich tumultuarisch D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 2, 226.
 
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tumultuieren, vb. , unruhe erregen, unruhig sein, im 16. jh. aus lat. tumultuari entlehnt. verzeichnet zuerst 1621 bei Londorp acta publica 2, 947b; vgl. mundartliches tumulieren ratsprotokoll (1612), s. Unger-Khull steir. 182.
1) in einem politischen gemeinwesen unruhe, aufruhr stiften (vgl. DWB tumult A): das nach gestiltem krieg ... alle gelegenheit zu tumultuieren auffgehoben wurde Jan de Serres frantz. history (1574) 147a; wenn ... Franz von Sickingen ... am Rhein und Mosel herum tumultuirte G. Arnold unpart. kirchen- u. ketzerhist. (1699) 2, 13a; ... wird ein solches tumultuiren nur von wenigen erregt und theilt sich erst nach und nach mit Göthe IV 12, 149 W. übertragen gebraucht: in der kirchen Christi tumultuirt und rumort noch der leidige antichrist L. Pollio zehn pred. (1601) vorw. )( 4b. sich gegen die obrigkeit empören: fingen auch ein gleichen an zu tumultieren ... setzten den alten rath abe G. Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 3, Y 1a; türckische kriegsleut tumultuiren wider ihren kayser theatr. Europ. 1, 681b Abelinus. auch sonst: um zum tumultuiren zu kommen, ... sollte dann Stillings haus gestürmt und die fenster eingeworfen werden Jung-Stilling s. schr. (1835) 1, 489.
2) unruhe stiften, übermütig lärmen (vgl. DWB tumult B): der ... in ihr hausz käme und fienge an ... wie der sausewind zu schnauben und brausen, zu schnarchen und pochen, zu tumultuiren, zu wüten und toben Prätorius phil. colus (1662) 184; mit den tumultuirenden gesellen ..., die mich ... zu einem nachtbanket ... einluden Bräker s. schr. (1789) 2, 86; (sie) hätten sich betrunken, tumultuirt und wären schuldig geblieben Göthe IV 23, 27 W.; gehörig tumultuirend und laut sind übrigens diese kinder Görres ges. br. (1858) 1, 428. als ausdruck einer gemütsbewegung: was tumultuirt und weinet ihr? Zinzendorf biblia (1739) (Mark. 5, 39).

[Bd. 22, Sp. 1772]



3) übertragen, lebhaft sein, lebendig sein: die Armenier ... sind gegen die warmblütigen und tumultuirenden abendländer viel consequenter, sprechen wenig Ritter erdkde (1822) 16, 295; von so zahllosen millionen menschen, die in so vielen jahrhunderten vor uns wie wir tumultuirten Bräker mann in Tockenburg (1852) 239. im seelischen bereich: bei der fülle von kräften, die in meiner brust tumultuiren Hebbel br. (1904) 2, 4.
 
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tumultuös, adj., 'unruhevoll'. im 18. jh. entlehnt aus frz. tumultueux aus lat. tumultuosus. lexikalisch früher als tumultuarisch verzeichnet; tumultueux tumultuös, aufrührisch, stürmisch, unruhig, ungestümm Sperander (1727) 762. als nebenform, die dem lateinischen wort nachgebildet ist, begegnet tumultuos Schubart br. 1, 113 Strausz. die übertragenen bedeutungen sind wohl nur zufällig früher belegt. politisch unruhevoll; vgl. DWB tumult A: er glaubt, dasz, wenn die palastintrigen nicht bald aufhören, tumultuöses in Konstantinopel bevorsteht K. Marx an Fr. Engels (1877) in briefw. 4, 408; die eröffnung einer neuen, tumultuösen ... mit wilden abenteuern und leiden überfüllten geschichtsperiode Th. Mann Faustus (1948) 500; voll mannigfacher tätigkeit; vgl. DWB tumult B 2: verdrieszliche und verwirrende vorbereitungen zu einer langen reise ... haben ... mir Leipzig zu einem sehr tumultuösen ort gemacht Lessing 17, 56 L.-M. voll seelischer unruhe; vgl. DWB tumult D: ich bediene mich iezo der kräutercur, und erwarte ihre würkung in einer tumultuosen stille Schubart br. 1, 113 Strausz.
 
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tumultvoll, adj., unruhevoll, geräuschvoll und bewegt: des königs eigener einzug in Paris war tumultvoller als ein römischer triumph Becker weltgesch. (1801) 9, 278; von bewegten szenen auf gemälden: jener geist der ruhe ..., der unsern tumultvollen compositionen so oft fehlet Herder 17, 374 S. von dem vielgeschäftigen leben und treiben bzw. der lebensweise des einzelnen: in ihrer abgezogenheit genössen sie einer ruhe, die die tumultvolle welt nicht kenne Herder 19, 338 S.; mitten in diesem tumultvoll scheinenden leben, das zugleich sehr viel ruhige, müszig-einsame, ja langweilige stunden bietet Göthe I 25, 1, 5 W. politisch unruhevoll; vgl. DWB tumult A: in den ersten tumultvollsten tagen der revolution Campe briefe aus Paris (1790) 112.
 
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tun, vb., s. DWB thun teil 10, 1, 1, sp. 434.
 
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tunch, m., vereinzelt statt des üblicheren thun bzw. thunfisch (s. teil 11, 1, 1, sp. 456): der tunch ... lat. thunnus vnnd thynnus, franz. thon ou thennine, ital. tonno ... ist ein grosser meerfisch Lonicerus onomasticon plant. (1555) 701.
 
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tünch, m. , tritt als jüngere durch kalk, kalch beeinfluszte nebenform zu tünche, f. (s. dieses und tünchen). ausgangspunkt der entwicklung sind durch apokope entstandene kurzformen, wie sie schon aus früher zeit überliefert sind (litura tunich [13. jh.] ahd. gl. 5, 10, 13 St.-S.). wann das masc. genus eindrang, läszt sich nicht mit sicherheit sagen; die erste eindeutig masc. form gehört dem jahre 1448 an: in nassen tünich bei Birlinger schwäb.-augsb. 127. in der überlieferung des 15., 16. u. 17. jhs. erscheint das masc. gegenüber dem fem., das im frühen nhd. lediglich lexikalisch nachweisbar ist, als durchaus vorherrschend; die aus dieser zeit ohne sichere genuszeichen überlieferten formen ohne endungs-e wird man daher mit groszer wahrscheinlichkeit als masc. ansetzen dürfen: tünich S. Hüttel s. u. DWB A 2 b; dünich Augsb. qu. (1614) bei Fischer schwäb. 2, 464; dünch Maaler teutsch spraach (1561) u. Riemer (1681), s. u. DWB A 2 a; tÿnch (1524) qu. z. gesch. d. st. Kronstadt 1, 575. im 18. jh. stehen masc. u. fem. nebeneinander, so bei Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162b: die (der) tünch; bei Göthe: der tünch (s. u. DWB A 1) u. die tünche (s. u. DWB tünche A 2 a); im 19. jh. hingegen tritt tünch, m., völlig gegenüber tünche, f., zurück.daneben findet sich im schweiz. vereinzelt auch das genus neutrum: das dünch Rivius Vitruv (Basel 1575) 137

[Bd. 22, Sp. 1773]


(neben: der dünch ebda 140). — wie bei tünche (s. dort) variiert die qualität des anlautenden dentals bis ins 17. jh. zwischen lenis und fortis; ebenso bleibt der umlaut des stammvokals nur ausnahmsweise unbezeichnet: tunch Frisius dict. (1556) s. u. B 2 b.
A. als (bau-)technischer ausdruck.
1) allgemein im sinne von 'verputz, bewurf' (vgl. DWB tünche A 1): also, das von gedachtem erdbeben die kirche erschttet und der tnch abgefellet worden S. Suevus spiegel d. menschl. lebens (1588) 289a; doch ist wenig des dünnichs am gewölb hangendt geblieben G. Widman chron. 125 Kolb; tnch abschlagen delere tectorium Calvisius thes. (1666) 847; wenn ich ein gebäude ansehe, so kan ich die figur und die grsze der fenster und thren von einander unterscheiden ... allein den tnch und die materie der steine und des holtzes ... erkenne ich nicht deutlich Chr. Wolff vern. ged. v. gott (1720) 454;

es war am vordertheil, zu ihrem usseren grauen,
vollkommen leserlich allda,
dasz durch den leichten tnch die dunkle mauer sah,
mit einem meiszel eingehauen:
von bauernschweisze reparirt
Arist schilderungen f. d. frauenzimmer (1764) 154;

weil ich alle obelisken von jeher verwünscht habe, die nicht aus einem granitstück gehauen waren: wie denn z. b. in Schönhof ein ungeheurer zusammengesetzter dasteht, den der abgefallne tünch jedem ästhetischen auge verdrieszlich macht Göthe IV 24, 271 W.
2) mehr in hinblick auf diegewöhnlich durch kalkmilchanstrich hergestellteweisze, glatte fläche der obersten putzschicht (s. DWB tünche A 2).
a) im sinne von 'weiszer überzug, anstrich' (s. auch unter B 1 u. vgl. DWB tünche A 2 a): dünch oder verweyszgung, es seye gypsz oder pflaster tectorium Maaler teutsch spraach (1561) 93a; die gebrechlichsten hauser kan man mit dünch überziehen und die vorbeigehenden augen damit betrügen Riemer polit. stockf. (1681) 73; sieht man freilich den so leicht sich bröckelnden muschelkalk der säulen und mauern, so wundert man sich, dasz er noch so lange gehalten. aber die erbauer ... hatten deszhalb vorkehrung getroffen: man findet noch überreste eines feinen tünchs an den säulen, der zugleich dem auge schmeicheln und die dauer verbürgen sollte Göthe I 31, 162 W.; sie (die mauern) sehen aber schlecht aus, besonders da es in England gar nicht gebräuchlich ist, den häusern von auszen einen tünch zu geben Johanna Schopenhauer reise d. Engl. u. Schottl. (1818) 2, 86.
b) von der noch feuchten obersten kalkschicht, in die bei der freskotechnik gemalt wird (vgl. DWB tünche A 2 b): das man die capellen zu St. Bartolome, zu St. Ulrichskirchen nach dem besten tünichen und in nassen tünnich wol malen laszen solle urk. v. 11. 9. 1448 bei Birlinger schwäb.-augsb. 127; anno domini im 1570 den 20. tag septembris hat der her Albrecht Sygler seine steinerne gibel lassen aufbauen und in tünich mit gemehl lassen drauf abreissen Simon Hüttel chr. d. st. Trautenau 193 Schlesinger.
c) für anstrichmaterial, insbesondere die stark verdünnte kalkmischung, die sog. kalkmilch (s. auch unter B 2 u. vgl. DWB tünche A 2 c): aber darnach hat er die mit dem tünche und steinfarbe uberstrüchen (1498) urk.-b. d. st. Heilbronn 2, 642 v. Rauch; aber das best ist, das man den dnch abrre mit ltrusen, welches alles vngezyfer verderbt Michael Herr feldbau (1551) 48a.
3) in erweiterung des anwendungsbereichs gelegentlich auch für 'schminke' (vgl. DWB tünche A 3 b): dann was magstu gutes hoffen oder halten von einem solchen man, dem ein weiszer tünnig besser gefelt, dann ein from weib Barth weiberspiegel (1565) X 3a; der tnch ist ihr weidlich abgefallen pulcritudo ejus ... defloruit Stieler stammb. (1691) 350; ähnlich bei Ludwig: es ist ihr der tünch, oder die schmincke, ziemlich abgefallen, sie hat nunmehr ihre schönheit schon verlohren her painting could not save her faces from wrinkling teutsch-engl. (1716) 2039; im tode musz vollends aller tünch hinweg G. Cober cabinetsprediger

[Bd. 22, Sp. 1774]


(1715) 1, 25; schöner! dein tünch musz in das übertünchte grab ebda 1, 405.
B. metaphorisch.
1) im vergleich (vgl. DWB tünche B 1):

gleich als der schöne tünch schneeweisz
an einer schlechten wand mit fleisz
nit kan bestehn wider den regen,
und ein zaun auff eim berg gelegen
wider den wind nit kan bestehn,
sonder musz bald zu trümmern gehn,
also steht auch das hertze blöd
desz narrn in seim fürnemen schnöd
wider kein schreckn in keiner sach
H. Sachs 19, 92 lit. ver.;

ähnlich bei Luther: gleich wie der schne tnch an der schlechten wand wider den regen und ein zaun auff hohem berge wider den wind nicht kan bestehen Syrach 22, 20; an diese gottes-kirche nun hat der bse feind seine capelle so nahe gebauet, dasz von dem darzu gebrauchten koth der warsagerei alle pfeiler und wnde dieser kirchen gantz besudelt, und gleichsam als von einem losen tnch beschmitzet worden E. Weigel zeitspiegel (1664) 87.
2) bildlich.
a) zu tünch A 2 c: wie wol Musca Turrianus ... sich unterstanden hat, solchs gedechtnisz der unglucklichen geschicht mit frischem tnch mehr zu beschmieren als auszzutilgen G. Klee berümter leute leben (1589) 1, 26.
b) zu tünch A 2 bzw. 3, im sinne von 'glänzende oberflächliche verhüllung, falscher aufputz, scheinwerk' (vgl. DWB tünche B 2 b β): fucus nit nur der weyber angestrichne farb, sunder yeder tunch vnd angestrichne verblendung Frisius dict. (1556) 589b; was hat wohl die welt, die da im argen liegt, ... meisterlicher gelernt, als ihrem thun und lassen, wenns den befehlen gottes zuwider, einen tünch anzustreichen, um etwa dadurch der schande und strafe, die auf die sünde folgt, zu entgehen Gottfried Büchner bibl. real- u. verbalconcordanzien (1757) 512a; wer ... seine handlungen mit dem tünch einer scheinheiligkeit überstreichet, der ist ein heuchler ebda 149b; ihr heuchler, warum heiset ihr euer thun gut? da doch alle euer tünch gar leicht abgewischt wird? ebda 2, 1442b.
c) zu tünch A 1 bzw. 2 a (vgl. auch tünche B 2 b α): die neger haben unter einem tünch von Christenthum ihren fetischdienst bewahrt Bücher in: nat.-zeit. 12, 215 bei Sanders 2, 2, 1402.
 
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tünche, f. , ahd. tunicha (10. jh.), s. u. DWB A 2 a; mhd. tunicha, tuniche (12. jh.), tunche (13. jh.), s. u. DWB A 1; frühnhd. tünche Frischlin (1591), s. u. DWB A 2 a; mit anl. lenis: dünche Dasypodius (1547) C 3a; Hulsius-Ravellus (1616) 87b; ohne umlaut des stammvokals: dunche Henisch teutsche spr. (1616) 765. die ursprüngliche dreisilbigkeit erscheint früh gekürzt, einerseits durch synkopierung des schwach betonten mittelvokals -i- (s. o.), andererseits durch abfall des endvokals -e, der teilweise zum genuswechsel und zur abspaltung von tünch, m., (s. dort) führt.
tunicha '(kalk-)verputz, weiszer überzug, anstrich' erscheint im 10./11. jh. als rückbildung von tunichon (s. u. DWB tünchen) neben dem älteren tunicha '(unter-)gewand' (< lat. tunica), das als gelehrtes lehnwort nur teilweise eingelautet (s. Frings Germania Romana [1932] 212) und nur in wenigen unsicheren mhd. belegen (Tristan als mönch 985 u. 1696 Paul, sitz.-ber. München 1896, s. auch zfdph. 29, 343) über das ahd. hinaus bezeugt ist. gegenüber sinnverwandten wörtern wie gips (s. teil 4, 1, 4, 7537 [2 a]), kalk (s. teil 5, 64), mörtel (s. teil 6, 2594) und weisze (s. teil 14, 1, 1205[4] im sprachgebrauch durchdringend, wird es ein geläufiges wort der nhd. schriftsprache.
A. als (bau-)technischer ausdruck.
1) '(kalk-)verputz, bewurf, überzug' (vgl. DWB tünchen A 1): litura tunichunga (10. jh.), tunicha, tuniche (12. jh.), tunche (13. jh.) ahd. gl. 1, 644 St.-S. (s. auch die belege bei Betz dt. u. lat. [1949] 144); dünche crusta, tectorium Dasypodius (1547) C 3a; die tnch fällt ab la tonica cade, la parete si scrosta, stonica, scanica, scalcina Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162b; wie er dieses grosze werk

[Bd. 22, Sp. 1775]


(leuchtturm auf Pharos) vollendet hatte, grub er seinen eigenen nahmen in den stein, woraus es erbaut ist; den nahmen des ... königs hingegen blosz auf den kalk, womit er den stein überzog, wohl wissend, dasz diese aufschrift in ziemlich kurzer zeit mit der tünche abfallen ... würde Wieland Lucian 4 (1789) 143; an einigen stellen dieser rotunda (in Rom) ist etwas vom anwurf der mauer geblieben, und dieser besteht aus eben der tünche, mit welcher brunnen, röhren oder gebäude, deren bestimmung war, wasser in sich zu fassen, beworfen wurden Stolberg ges. w. 7 (1822) 178; das hämmern, mit welchem man die tünche von den mauern des hauses herab schlug Stifter s. w. 7 (1916) 284.
2) oft weniger für den verputz in seiner gesamtheit als für die weisze, glatte auszenfläche der obersten putzschicht (vgl.: tünche letzte schicht des dreitheiligen putzes Mothes ill. baul. 4 [1884] 379) oder auch für den milchfarbigen baustoff des handwerkers.
a) 'weiszer überzug, anstrich' (vgl. DWB tünchen A 2 a): paries dealbatus tunicha (10. jh.) ahd. gl. 2, 41 St.-S.; in dealbatione lutei parietis iu (l. in) dero tunicho leimenero uuende Notker 2, 277 Piper; albarium, tectorium weisse, tünche Frischlin nomencl. (1591) 324; man weisz, mit welcher sorgfalt die alten ihre mauern abtünchten, welche marmorglätte und festigkeit sie der tünche zu geben wuszten Göthe I 47, 239 W.; das haus ... lag starr unter der sommersonne wie ein vom lichte gebanntes tier: blätternde tünche, verschossene fensterläden und ein ungewöhnlich breites tor, dessen üppiges schnitzwerk unter schlechten farbschichten verschwamm qu. v. 1926; in dieser verwendung von 'bewurf' ausdrücklich geschieden: die wände hatten ihre tünche, ja zum theil ihren bewurf verloren Immermann w. 1, 51 Hempel; er (der turm) trug noch nicht die verwitterte graue farbe seiner bloszgelegten steinmauern, wie heute, sondern war noch bekleidet mit anwurf und tünche Stifter s. w. 1 (1904) 314.
b) in der malerei (bes. der freskotechnik) bezeichnet tünche den als malgrund für die (wand-)gemälde dienenden kalkbewurf (vgl. DWB tünchen A 2 c sowie tünchgrund): die mittelbilder der wände, ob sie gleich auch auf tünche gemahlt sind, scheinen doch nicht an dem orte, wo sie sich gegenwärtig befinden, gefertigt worden zu sein Göthe I 47, 238 W.; das bild (ein pompejisches wandgemälde) hat übrigens gelitten ... an dem weibe (läszt sich) die farbe nicht mehr erkennen, da die tünche sich stark abgelöst hat Welcker alte denkm. (1849) 4, 12; man näszt den grund tüchtig und gibt am besten noch eine kalktünche darüber. man kann in die nasse oder auf die trockene tünche malen, deckend oder lasierend M. Doerner malmaterial u. seine verwendg. i. bilde (1944) 247.
c) als material des handwerkers, in neuerer zeit fast ausschlieszlich von der gewöhnlich durch pinsel aufgetragenen verdünnten kalkmischung, der kalkmilch: dunche, weisser kalch, gyps alba calx, gypsus Henisch teutsche sprach (1616) 765; tnche, darmit man die häuser weisz macht de la chaux, gypsus et gypsum, vel calx ad dealbandos muros Duez dict. germ.-gall.-lat. (1664) 530; die tünche ... dasjenige, womit getünchet wird, der flüssige körper, welcher auf einen andern gestrichen wird, doch nur noch in engerer bedeutung, eine weisse aus kalk und wasser bereitete farbe, die wände und mauern damit zu bestreichen Adelung 4 (1780) 1103; tünchen ist das anstreichen einer fläche mit tünche, die aus kalk und wasser besteht Schönermark-Stüber hochbau-lex. (1902) 850; (die kalkmilch) hat als anstrichfarbe im malerberuf keine grosze bedeutung, desto mehr als tünche und mörtel K. W. Hild d. weggenosse f. d. prakt. maler (21927) 126.
3) farbanstrich (vgl. DWB tünchen A 3).
a) zunächst wohl vom anstrich des mit farben versetzten kalks: an einem freien platze, den ein brunnen lebendig macht, zeigt sich in grauröthlicher tünche, die fenster mit schwarzen einfassungen umgeben, ein zweistöckiges haus, geräumig dem ansehn nach, aber durch nichts über das masz der wohnung eines wohlhabenden bürgers

[Bd. 22, Sp. 1776]


hinausgestellt Immermann w. 20, 87 Hempel; das wohnhaus, das zu dem gärtchen gehört, sieht nicht nach allen seiten so geschmückt aus, als nach der hauptstrasze hin. hier sticht eine blasz rosenfarbne tünche nicht zu grell von den grünen fensterläden und dem blauen schieferdache ab Ludwig ges. schr. (1891) 1, 141; des untern geschosses ... in dunkelbrauner firniszglänzender tünche Stahr Weimar u. Jena 1 (1852) 33; die stelle links über dem fenster des stiegenhauses, wo die braunrote tünche ins gelbliche abgeblaszt ist Wassermann Maurizius (1928) 445; von der angerührten farbe des malers: eine lange schweinsborste, welche aus dem pinsel gefallen und in der blauen tünche stecken geblieben war; denn Jobst hatte ... einmal ein kleines restchen solcher tünche gefunden und ... eine viertelswandseite damit angestrichen G. Keller ges. w. (1889) 4, 244.
b) in erweiterung des anwendungsbereichs vereinzelt auch für 'schminke' (vgl. DWB tünch A 3 u. tünchen A 3 b): es ist ihr die tnch zimlich abgefallen ... ella è diventata vecchia e brutta dopo essersi sbellettata longo tempo Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162b; htte sie doch jederzeit angestanden, einige schmincke ... zu gebrauchen so wohl, weil sie es vor eine snde hielte, als auch andere mit einer berzogenen tnche zu betrgen mediz. maulaffe (1719) 144;

streicht ihr denn gleich mit brodt und kreiden
und maulthiermilch die glieder an,
so ist es doch um euch gethan,
man kann die tünche nicht wohl leiden
Triller poet. betrachtg. (1750) 1, 90;

so täuscht die alte buhlerin
durch eine modische perrücke
und eine tünche von carmin
beym balle selbst des kenners blicke
Pfeffel poet. vers. (1812) 7, 89;

in neuerem sprachgebrauch nicht mehr üblich, vgl. noch: was wir gesehen haben, waren thönerne beine, und was wie gesunde fleischfarbe erschien, war nur aufgemalte tünche Nietzsche w. (1895) 1, 275.
4) vereinzelt auch sonst für verschiedene arten von überzug (vgl. auch: das gedüncht opus tectorium, lorica testacea; ein vberzogen pflaster, als vber ein maur, oder ein glestung eins gschirrs, glasier Schönsleder prompt. [1618] L 7b): tünche nennt man einen überzug über mauern, wände, irdene waaren etc.; sie besteht gewöhnlich aus mörtel, oder gyps, kalk, gummi u. dgl. Poppe technol. lex. 5 (1820) 350; tünche der irdenen pfeifen ebda.
B. metaphorisch, in verschiedener (an tünche A anschlieszender) anwendung.
1) im vergleich:

... doch da kommt die not,
die prüferin, und rüttelt an den herzen,
dasz, wie die tünche von gemalter wand,
der ganze lügenschmuck herunterblättert
und jedes ding im eignen wert erscheint
Geibel ged. a. d. nachlasz (1896) 242;

als sähe ich auf leerem platz statt eines baumeisters einen wahnsinnigen mauermann mit einem gefüllten tüncheimer stehen, der seine tünche aufs gerathewohl nach allen weltgegenden verquistet und gar nicht bemerkt, dasz es um ihn her an wänden fehlt Hebbel tageb. 3, 93 Werner.
2) bildlich.
a) auf konkreta verschiedener art bezogen:

und umsonst nicht
eifern jen' um die wette, mit wachs die luftigen spalten
ihrer burg zu verkleiben, durch tünch' und blumen den eingang
wohl zu verbaun
(... neque illae
nequiquam in tectis certatim tenvia cera
spiramenta linunt, sucoque et floribus oras
explent)
Voss Virgils w. 1 (1799) 268;

selbst dieses blut, das den boden zu bedecken scheint, ist eine schnöde tünche Prutz gesch. d. dt. theaters (1847) 113; mit grober unschlittseife schäumte er mich ein, und dieweilen diese tünche trocknete, schliff er sein rasiermesser Rosegger schr. III 3 (1905) 74; in freierer anwendung des

[Bd. 22, Sp. 1777]


poetischen sprachgebrauchs findet sich auch: aber es vergiszt sich nicht so leicht, dasz unter der trüben tünche (des regens) dieses licht und diese tiefe ist, die man gestern sah (13. 10. 1907) Rilke br. 1906 -07 (1930) 376; ich bin drei stunden von Gibraltar ... — wie nichts in dieser stimmung versucht, einmal hinüberzufahren zu den mohren, anderseits fürcht ich, es legt sich dann eine tünche von licht über das dunkle, tonrote Spanien (17. 12. 1912) ders., br. 1907-14 (1933) 256.
b) auf abstrakta verschiedener bereiche übertragen; in mehreren bedeutungsschattierungen.
α) oberflächlicher (dem kern einer verhüllten sache nicht homogener und organisch verhafteter) putz, anstrich: die höflichkeit ist die echte und rechte, deren mutter das wohlwollen ist; jede andere ist nur gesellige tünche Körte sprichw. (1837) 214; die äuszere tünche der westlichen civilisation G. Spiesz preusz. expedition (1864) 1, 282; die, welche eine andere richtung strenge bewahrten, standen als ein kleines häuflein einsam mitten im gewühl, und die zeiten, wo dieser zustand von grund aus mit einer tünche von anderen gesinnungen überdeckt werden sollte, liegen weit hinter Lionardo's todesjahr Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 47; wenn die hoheit und würde antiker ursprünglichkeit mit der modernen tünche subjektiven moralischen geschwätzes bekleckst ist E. Kapp heimfahrt d. Odysseus (1850) ix; für ihn (Karl d. Groszen) waren es natürlich christliche vaterländische lieder, insofern beziehungen auf germanische götter (in den von Karl gesammelten heldenliedern) und germanischen cult längst ausgemerzt waren und christliche tünche darüber lag Braune in: PBB. 21, 5; bei einem groszen teil der senatoren war die griechische bildung nur eine äuszere tünche; sie wagten sie nicht offen zu verachten ..., aber im kern ihres wesens waren sie davon unberührt Wilh. Kroll in: forsch. u. fortschr. 9 (1933) 201; euer gedicht ... hat mir nie so recht gefallen, weil es etwas befehlendes, etwas moralisierendes oder schulmeisterliches hat. könnte man ihm dieses element nehmen oder vielmehr diese tünche abwaschen, so wäre es eines eurer (Knechts) schönsten gedichte H. Hesse glasperlenspiel (1943) 2, 137; ausgesprochen konservativ war der Landeshuter katholizismus; gänzlich unberührt von jener demokratischen tönung oder tünche, die um jene zeit schon an süddeutschen zentrumsmännern recht deutlich wurde W. Hellpach wirken in wirren 1 (1948) 47.
β) beschönigende (einen häszlichen kern verdeckende) hülle, aufputz, scheinwerk: der wollstling deckt seinen unflath mit der tnche der menschenliebe Jung-Stilling s. schr. (1835) 1, 430;

du bist ein mensch, der mit gefäll'ger tünche
die rohheit des gemüthes überzog
Immermann w. 15, 250 Hempel;

gegen dieses verdorbene, faule staatswesen (Frankreich), in welchem sich hinter gleiszender tünche die harte unfreiheit des mittelalters birgt, müssen wir (Deutsche i. j. 1870) unser bestes blut setzen aus dem fürstenschlosz und bauernhofe Freytag ges. w. 15 (1887) 379; für die millionenpartei war es (das nazi-programm) eine oberflächliche tünche, die der wolkenbruch der 1942 beginnenden katastrophe bereits vor dem ende gründlich abgewaschen hatte Mueller-Graaf irrweg u. umkehr (1948) 210; vgl. auch: die wissenschaftstünche und darunter die nackte unwissenheit E. Kossak Berliner federzeichn. 5 (1865) 71.
γ) von äuszerer glätte der darstellung, besonders von der gleiszenden hülle rhetorischen wortgepränges: diejenigen ..., welche ... ja wohl gar sich unterstehen, das allertheuerste geheimnisz der durch den sohn gottes gestifteten erlösung der menschen mit einer poetischen tünche dergestalt zu überziehen, dasz ... d. neueste a. d. anmuth. gelehrsamkeit 4 (1754) 640 Gottsched; ich bemerkte nur von seinen redensarten, er habe aus den neuesten schriftstellern der Franzosen eine gewisse tünche angenommen Zschokke s. ausgew. schr. (1824) 23, 69; er (der dilettantismus) gebraucht

[Bd. 22, Sp. 1778]


bunte und leuchtende tünche (beim dichten) Arent-Conradi-Henckell mod. dichtercharaktere (1885) VI (einl.); ich wüszte in der gesamten alten literatur kein buch zu nennen, das so unmittelbar, so frei von rhetorischer tünche wäre, wie dieses (Marc Aurels tagebücher) J. Bruns vorträge (1905) 316.
 
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tunchel, tünkel, m., wohl formvarianten von tüchel (s. oben sp. 1473), teuchel, deuchel (s. teil 2, 1036); vereinzelt im frühen nhd. lexikalisch nachweisbar: tubus tunchel (14. jh.) vocab. optimus 4, 81 Wackernagel; aqueductus ... wasserleg, dunkel Liebinger voc. rerum (1466, obd.) bei Diefenbach nov. gl. 30a s. v. aquagium; tubus ... tünckel, oder brunnentüchel Frisius dict. (1556) 1334a.

 

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