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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tumultmacher bis tünch (Bd. 22, Sp. 1769 bis 1772)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tumultmacher, m., unruhestifter: als ein freveler tumultmacher zum spott auff ein rad ... gesetzt Dannhawer catech.-milch 4 (1669) 4. —
 
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tumultszene, f., unruhiger auftritt: in der eröffnungssitzung der nationalversammlung kam es zu tumultszenen Berliner zeitung v. 1948.
 
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tumultuant, m., unruhestifter Ludwig t.-engl. (1716) 2039; 'ein aufrührerischer, unruhiger böser kerl, so allerhand lose händel anstellt, ein empörer' cur. bauernlex. v. Belemnon (1728) 193; vgl. mundartliches tumulterer: tumulterer und khoczpalger ratsprotokoll (1625), s. Unger-Khull steir. 182: dasz ein jedweder magistratus ... die delinquenten, aufwiegler, zäncker und friedbrüchige tumultuanten in arrest nehmen ... sollen (1652) bei Frauenholz entwicklungsgesch. d. dt. heerw. 4, 120; dasz die tumultuanten, auch wenn sie in der minderheit sind, stets leichtes spiel haben Lassalle ausgew. reden u. schr. 2, 302; die tumultuanten hätten besonders nach mir verlangt und mich niederzuschlagen gedroht Bebel aus meinem leben (1946) 1, 197; gegen dessen konservative auffassung der berühmte de Maitre ein jakobinischer tumultuant war Werfel Bernadette (1948) 168. streitsüchtiger mensch: ihr seyd zwey alte grein- und zancksichtige haderkatzen und tumultuanten Gryphius lustsp. 331 Palm. wild lärmender mensch: der ... von dem tumultuanten, der plötzlich ... die grimmigsten hypothesen losknallte, übertäubt wurde E. T. A. Hoffmann s. w. 15, 252 Gr.; ich ... liesz die tumultanten hinter meinem stuhle ... abtreten W. Hauff s. w. (1890) 2, 2, 254.
 
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tumultuar, adv., ungeordnet, planlos, lat. tumultuarius, im 16. jh. vereinzelt: meine tumultuar angefangene unnd auszgegangene arbeit L. Rabus hist. d. martyrer (1571) vorr. C 2a.
 
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tumultuarisch, adj. , ungeordnet, wild, unruhig. im frühen 18. jh. aus lat. tumultuarius entlehnt. lexikalisch begegnet tumultuarisch zuerst bei Hederich deutsch-lat. lex. (1777) 3021, in dessen 4. aufl. (1753) es dagegen noch nicht verzeichnet ist.
1) unruhig, als folge politischer wirren und feindlicher auseinandersetzungen, vgl. DWB tumult A: von einführung der christlichen religion an bis auf Hussen's zeiten und von diesen tumultuarischen zeiten bis auf uns C. D. Schubart ges. schr. (1839) 6, 199; in diesen tumultuarischen und dislocirenden tagen Göthe IV 20, 147 W.; tumultuarische angriffe, aus bloszem volkshasse entstanden, solle man nicht gestatten Fr. Schlegel s. w. (1846) 14, 26; nur musz alles im wege der reform vor sich gehn und nicht auf tumultuarische weise Immermann w. 6, 60 Hempel; führte die zwiespältige wahl ... zu ... tumultuarischen scenen und gewaltthaten Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 64. von aufrührerischem lärm einer erregten menge: allgemeiner aufstand ... die schranken werden eingestürzt, es entsteht ein tumultuarisches getöse Schiller 15, 2, 456 G.; die einwohner ... drängten sich tumultuarisch

[Bd. 22, Sp. 1770]


um uns herum Steffens nov. (1837) 1, 107; die auszeichnung durch cocarden, die tumultuarischen bewegungen, ... verriethen eine zu auffallende ähnlichkeit mit einem aufruhr J. G. Forster s. schr. (1843) 6, 269; gleich bei dem ersten punkte der tagesordnung ... kam es zu einem krach mit Fritzsche und zu tumultuarischen szenen durch seine anhänger Bebel aus meinem leben (1946) 1, 91. streiterfüllt: lasz uns den tumultuarischen Helikon fliehen und in wechselseitiger liebe die früchte des friedens schmeken Schubart br. 1, 116 Strausz.
2) geräuschvoll und bewegt, vgl. DWB tumult B 1-3; das gewicht liegt stärker auf der akustischen seite, der gedanke an eine feindliche auseinandersetzung fehlt: die unterredung wurde so laut und tumultuarisch wie in einer trinkstube Musäus physiognom. reisen (1778) 4, 44; nun gab es eine tumultuarische erkennungsszene Caroline 2, 328 Waitz; die herzudringende menge, welche den grundherrn ... auf die tumultuarischste weise begrüszte Raabe s. w. I 3, 79. von der unruhe geselligen lebens: der prinz ... ist ... mit einer zahlreichen und glänzenden suite hier angelangt und hat unserm zirkel ein neues tumultuarisches leben gegeben Schiller 4, 272 G. 'wild und laut lärmend': dieser tumultuarischen hausgenossenschaft (den nächtlich umziehenden gespenstern) ... frieden gebieten und ein ewiges stillschweigen auferlegen Musäus volksm. 4, 114 Hempel; man hört ein tumultuarisches freudengeschrei unter trommeten und pauken Schiller 3, 155 G.; auch rein akustisch ohne den gedanken an eine erregte menge: die dominante einer wild und tumultuarisch beginnenden ... symphonie Justi Winckelmann (1866) 1, 258. dagegen nur optisch, 'bewegt', 'lebhaft': die aufgeregte, tumultuarische beweglichkeit ..., die künstliche ... beleuchtung, das alles war verbraucht (in der malerei des manierismus) Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 334; das tumultuarische badeleben an der Praia Werfel geschw. v. Neapel (1931) 299. von einer bewegung im elementaren bereich: wenn ... eingeschlossenes wasser endlich einen durchbruch findet, den es begierig benutzt, tumultuarisch dahin sich drängend Schopenhauer s. w. 3, 269 Gr.
3) jäh, unerwartet, überstürzt, übereilt: heute komm ich etwas früh und tumultuarisch, genieszen wir unser frühstück in ruhe Göthe I 24, 145 W.; die anklage gegen Delessart ward in tumultuarischer eile durchgesetzt Häusser dt. gesch. (1854) 1, 406; der grüne Heinrich ist jetzt in tumultuarischer abreise begriffen (1880) G. Keller br. u. tageb. 3 (1916) 313. von schnellen, abrupten veränderungen in der natur: die tumultuarischen entstehungen von flecken, sonnenfackeln A. v. Humboldt kosmos (1845) 3, 387; diese (niederschläge) erfolgten umso schneller, tumultuarischer, unkristallinischer, je später sie sich bildeten ders., ans. d. natur (1808) 1, 235. verbunden mit der nebenvorstellung 'ungeordnet', 'unregelmäszig', überleitend zum folgenden: man ward daher einig, den angriff auf ihn ja nicht übereilt und tumultuarisch, sondern behutsam und methodisch zu machen J. J. Engel schr. (1801) 12, 52; was für einen weg der bildung der südost nimmt? möchte es doch nicht auch der tumultuarische seyn, den jede retardirte cultur, leider, ergreifen musz Göthe IV 16, 340 W.
4) ungeordnet, planlos, wirr, wild durcheinander: die begräbnisse der soldaten ... die drauszen vorgenommen wurden, waren etwas tumultuarisch, es wurden alle die cörper und knochen an einen ort zusammengeschüttet Fleming d. vollk. teut. soldat (1726) 371; da man sich diese (versammlungen) unmöglich tumultuarisch zusammenlaufend denken kann, sondern ... förmlich berufen Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 403; wer durfte angesichts dieser chaotischen zustände sich beruhigen ..., die tumultuarische verwaltung durch ausschüsse und commissäre ... reichte nimmermehr aus qu. a. d. j. 1886. lediglich zur bezeichnung des optischen eindrucks: sie entfliehen so kunstgemäsz-tumultuarisch, so symmetrisch-verworren, dasz es eine lust ist Göthe IV 40, 219 W. von unregelmäszigen naturgebilden: bei graupen sind die erscheinungen dieser epoche nicht von so anscheinend tumultuarischem

[Bd. 22, Sp. 1771]


ansehen; hier ist der gneis nicht durch fremd gebildete massen unterbrochen Göthe II 10, 119 W. von der ungeordneten, unsteten lebens- und arbeitsweise eines menschen: dasz ich ... über ihre tumultuarische art zu studiren unruhig bin Gellert s. schr. (1784) 8, 130; der zur heterodoxie überging, ohne sich ... in seiner tumultuarischen art zu leben ... davon deutliche rechenschaft zu geben Gervinus dt. dichtg. (1853) 4, 176. von einer unsystematisch, unmethodisch angefertigten arbeit, also nicht mehr von einer handlung, sondern ihrem ergebnis: dasz durch ein register nie werde in ordnung gebracht werden können, was von anfang an tumultuarisch geschrieben ist Nicolai literaturbr. (1759) 6, 407; von dem tumultuarischen, welches er meiner arbeit gar bald anmerken wird Lessing 11, 4 L.-M.; diese zuschrift entstand freilich zufällig und tumultuarisch genug W. v. Humboldt br. an Welcker 83 Haym. von ordnungswidrigen, ungesetzlichen masznahmen; 'tumultuarisch verfahren mit beiseitesetzung der gehörigen ordnung' Adelung (1801) 4, 721: als ehrlicher mann, der ihn nur so tumultuarisch nicht will verdammt wissen Lessing 13, 207 L.-M.; papst Benedict X., der noch einmal in der alten tumultuarischen weise ... eingesetzt worden war Ranke s. w. (1867) 14, 28; (sie) lieszen noch am abend (ihnen) durch den henker den kopf abschlagen. die güter der so tumultuarisch gerichteten wurden mit beschlag belegt Ric. Huch im alten reich (1927) 330. von rohen und unkultivierten lebensverhältnissen: der Deutsche, ... in einem unglücklichen tumultuarischen zustande verwildert, begab sich bei den Franzosen in die schule, um lebensartig zu werden Göthe I 27, 72 W.
5) im geistig-seelischen bereich 'wirr, verwirrt, aufgeregt': bisher ist's in meinem kopfe tumultuarisch zugegangen Göthe IV 30, 33 W.; er bediente sich dieser tumultuarischen stimmung meines herzens Kotzebue s. dram. w. (1829) 44, 333; es war ... eine tumultuarische unordnung in einem theile meiner vorstellungen Mendelssohn ges. schr. (1843) 3, 436. wild, zornig: und war mit Souris (dem hund) ordentlich tumultuarisch D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 2, 226.
 
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tumultuieren, vb. , unruhe erregen, unruhig sein, im 16. jh. aus lat. tumultuari entlehnt. verzeichnet zuerst 1621 bei Londorp acta publica 2, 947b; vgl. mundartliches tumulieren ratsprotokoll (1612), s. Unger-Khull steir. 182.
1) in einem politischen gemeinwesen unruhe, aufruhr stiften (vgl. DWB tumult A): das nach gestiltem krieg ... alle gelegenheit zu tumultuieren auffgehoben wurde Jan de Serres frantz. history (1574) 147a; wenn ... Franz von Sickingen ... am Rhein und Mosel herum tumultuirte G. Arnold unpart. kirchen- u. ketzerhist. (1699) 2, 13a; ... wird ein solches tumultuiren nur von wenigen erregt und theilt sich erst nach und nach mit Göthe IV 12, 149 W. übertragen gebraucht: in der kirchen Christi tumultuirt und rumort noch der leidige antichrist L. Pollio zehn pred. (1601) vorw. )( 4b. sich gegen die obrigkeit empören: fingen auch ein gleichen an zu tumultieren ... setzten den alten rath abe G. Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 3, Y 1a; türckische kriegsleut tumultuiren wider ihren kayser theatr. Europ. 1, 681b Abelinus. auch sonst: um zum tumultuiren zu kommen, ... sollte dann Stillings haus gestürmt und die fenster eingeworfen werden Jung-Stilling s. schr. (1835) 1, 489.
2) unruhe stiften, übermütig lärmen (vgl. DWB tumult B): der ... in ihr hausz käme und fienge an ... wie der sausewind zu schnauben und brausen, zu schnarchen und pochen, zu tumultuiren, zu wüten und toben Prätorius phil. colus (1662) 184; mit den tumultuirenden gesellen ..., die mich ... zu einem nachtbanket ... einluden Bräker s. schr. (1789) 2, 86; (sie) hätten sich betrunken, tumultuirt und wären schuldig geblieben Göthe IV 23, 27 W.; gehörig tumultuirend und laut sind übrigens diese kinder Görres ges. br. (1858) 1, 428. als ausdruck einer gemütsbewegung: was tumultuirt und weinet ihr? Zinzendorf biblia (1739) (Mark. 5, 39).

[Bd. 22, Sp. 1772]



3) übertragen, lebhaft sein, lebendig sein: die Armenier ... sind gegen die warmblütigen und tumultuirenden abendländer viel consequenter, sprechen wenig Ritter erdkde (1822) 16, 295; von so zahllosen millionen menschen, die in so vielen jahrhunderten vor uns wie wir tumultuirten Bräker mann in Tockenburg (1852) 239. im seelischen bereich: bei der fülle von kräften, die in meiner brust tumultuiren Hebbel br. (1904) 2, 4.
 
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tumultuös, adj., 'unruhevoll'. im 18. jh. entlehnt aus frz. tumultueux aus lat. tumultuosus. lexikalisch früher als tumultuarisch verzeichnet; tumultueux tumultuös, aufrührisch, stürmisch, unruhig, ungestümm Sperander (1727) 762. als nebenform, die dem lateinischen wort nachgebildet ist, begegnet tumultuos Schubart br. 1, 113 Strausz. die übertragenen bedeutungen sind wohl nur zufällig früher belegt. politisch unruhevoll; vgl. DWB tumult A: er glaubt, dasz, wenn die palastintrigen nicht bald aufhören, tumultuöses in Konstantinopel bevorsteht K. Marx an Fr. Engels (1877) in briefw. 4, 408; die eröffnung einer neuen, tumultuösen ... mit wilden abenteuern und leiden überfüllten geschichtsperiode Th. Mann Faustus (1948) 500; voll mannigfacher tätigkeit; vgl. DWB tumult B 2: verdrieszliche und verwirrende vorbereitungen zu einer langen reise ... haben ... mir Leipzig zu einem sehr tumultuösen ort gemacht Lessing 17, 56 L.-M. voll seelischer unruhe; vgl. DWB tumult D: ich bediene mich iezo der kräutercur, und erwarte ihre würkung in einer tumultuosen stille Schubart br. 1, 113 Strausz.
 
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tumultvoll, adj., unruhevoll, geräuschvoll und bewegt: des königs eigener einzug in Paris war tumultvoller als ein römischer triumph Becker weltgesch. (1801) 9, 278; von bewegten szenen auf gemälden: jener geist der ruhe ..., der unsern tumultvollen compositionen so oft fehlet Herder 17, 374 S. von dem vielgeschäftigen leben und treiben bzw. der lebensweise des einzelnen: in ihrer abgezogenheit genössen sie einer ruhe, die die tumultvolle welt nicht kenne Herder 19, 338 S.; mitten in diesem tumultvoll scheinenden leben, das zugleich sehr viel ruhige, müszig-einsame, ja langweilige stunden bietet Göthe I 25, 1, 5 W. politisch unruhevoll; vgl. DWB tumult A: in den ersten tumultvollsten tagen der revolution Campe briefe aus Paris (1790) 112.
 
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tun, vb., s. DWB thun teil 10, 1, 1, sp. 434.
 
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tunch, m., vereinzelt statt des üblicheren thun bzw. thunfisch (s. teil 11, 1, 1, sp. 456): der tunch ... lat. thunnus vnnd thynnus, franz. thon ou thennine, ital. tonno ... ist ein grosser meerfisch Lonicerus onomasticon plant. (1555) 701.
 
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tünch, m. , tritt als jüngere durch kalk, kalch beeinfluszte nebenform zu tünche, f. (s. dieses und tünchen). ausgangspunkt der entwicklung sind durch apokope entstandene kurzformen, wie sie schon aus früher zeit überliefert sind (litura tunich [13. jh.] ahd. gl. 5, 10, 13 St.-S.). wann das masc. genus eindrang, läszt sich nicht mit sicherheit sagen; die erste eindeutig masc. form gehört dem jahre 1448 an: in nassen tünich bei Birlinger schwäb.-augsb. 127. in der überlieferung des 15., 16. u. 17. jhs. erscheint das masc. gegenüber dem fem., das im frühen nhd. lediglich lexikalisch nachweisbar ist, als durchaus vorherrschend; die aus dieser zeit ohne sichere genuszeichen überlieferten formen ohne endungs-e wird man daher mit groszer wahrscheinlichkeit als masc. ansetzen dürfen: tünich S. Hüttel s. u. DWB A 2 b; dünich Augsb. qu. (1614) bei Fischer schwäb. 2, 464; dünch Maaler teutsch spraach (1561) u. Riemer (1681), s. u. DWB A 2 a; tÿnch (1524) qu. z. gesch. d. st. Kronstadt 1, 575. im 18. jh. stehen masc. u. fem. nebeneinander, so bei Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162b: die (der) tünch; bei Göthe: der tünch (s. u. DWB A 1) u. die tünche (s. u. DWB tünche A 2 a); im 19. jh. hingegen tritt tünch, m., völlig gegenüber tünche, f., zurück.daneben findet sich im schweiz. vereinzelt auch das genus neutrum: das dünch Rivius Vitruv (Basel 1575) 137

[Bd. 22, Sp. 1773]


(neben: der dünch ebda 140). — wie bei tünche (s. dort) variiert die qualität des anlautenden dentals bis ins 17. jh. zwischen lenis und fortis; ebenso bleibt der umlaut des stammvokals nur ausnahmsweise unbezeichnet: tunch Frisius dict. (1556) s. u. B 2 b.
A. als (bau-)technischer ausdruck.
1) allgemein im sinne von 'verputz, bewurf' (vgl. DWB tünche A 1): also, das von gedachtem erdbeben die kirche erschttet und der tnch abgefellet worden S. Suevus spiegel d. menschl. lebens (1588) 289a; doch ist wenig des dünnichs am gewölb hangendt geblieben G. Widman chron. 125 Kolb; tnch abschlagen delere tectorium Calvisius thes. (1666) 847; wenn ich ein gebäude ansehe, so kan ich die figur und die grsze der fenster und thren von einander unterscheiden ... allein den tnch und die materie der steine und des holtzes ... erkenne ich nicht deutlich Chr. Wolff vern. ged. v. gott (1720) 454;

es war am vordertheil, zu ihrem usseren grauen,
vollkommen leserlich allda,
dasz durch den leichten tnch die dunkle mauer sah,
mit einem meiszel eingehauen:
von bauernschweisze reparirt
Arist schilderungen f. d. frauenzimmer (1764) 154;

weil ich alle obelisken von jeher verwünscht habe, die nicht aus einem granitstück gehauen waren: wie denn z. b. in Schönhof ein ungeheurer zusammengesetzter dasteht, den der abgefallne tünch jedem ästhetischen auge verdrieszlich macht Göthe IV 24, 271 W.
2) mehr in hinblick auf diegewöhnlich durch kalkmilchanstrich hergestellteweisze, glatte fläche der obersten putzschicht (s. DWB tünche A 2).
a) im sinne von 'weiszer überzug, anstrich' (s. auch unter B 1 u. vgl. DWB tünche A 2 a): dünch oder verweyszgung, es seye gypsz oder pflaster tectorium Maaler teutsch spraach (1561) 93a; die gebrechlichsten hauser kan man mit dünch überziehen und die vorbeigehenden augen damit betrügen Riemer polit. stockf. (1681) 73; sieht man freilich den so leicht sich bröckelnden muschelkalk der säulen und mauern, so wundert man sich, dasz er noch so lange gehalten. aber die erbauer ... hatten deszhalb vorkehrung getroffen: man findet noch überreste eines feinen tünchs an den säulen, der zugleich dem auge schmeicheln und die dauer verbürgen sollte Göthe I 31, 162 W.; sie (die mauern) sehen aber schlecht aus, besonders da es in England gar nicht gebräuchlich ist, den häusern von auszen einen tünch zu geben Johanna Schopenhauer reise d. Engl. u. Schottl. (1818) 2, 86.
b) von der noch feuchten obersten kalkschicht, in die bei der freskotechnik gemalt wird (vgl. DWB tünche A 2 b): das man die capellen zu St. Bartolome, zu St. Ulrichskirchen nach dem besten tünichen und in nassen tünnich wol malen laszen solle urk. v. 11. 9. 1448 bei Birlinger schwäb.-augsb. 127; anno domini im 1570 den 20. tag septembris hat der her Albrecht Sygler seine steinerne gibel lassen aufbauen und in tünich mit gemehl lassen drauf abreissen Simon Hüttel chr. d. st. Trautenau 193 Schlesinger.
c) für anstrichmaterial, insbesondere die stark verdünnte kalkmischung, die sog. kalkmilch (s. auch unter B 2 u. vgl. DWB tünche A 2 c): aber darnach hat er die mit dem tünche und steinfarbe uberstrüchen (1498) urk.-b. d. st. Heilbronn 2, 642 v. Rauch; aber das best ist, das man den dnch abrre mit ltrusen, welches alles vngezyfer verderbt Michael Herr feldbau (1551) 48a.
3) in erweiterung des anwendungsbereichs gelegentlich auch für 'schminke' (vgl. DWB tünche A 3 b): dann was magstu gutes hoffen oder halten von einem solchen man, dem ein weiszer tünnig besser gefelt, dann ein from weib Barth weiberspiegel (1565) X 3a; der tnch ist ihr weidlich abgefallen pulcritudo ejus ... defloruit Stieler stammb. (1691) 350; ähnlich bei Ludwig: es ist ihr der tünch, oder die schmincke, ziemlich abgefallen, sie hat nunmehr ihre schönheit schon verlohren her painting could not save her faces from wrinkling teutsch-engl. (1716) 2039; im tode musz vollends aller tünch hinweg G. Cober cabinetsprediger

[Bd. 22, Sp. 1774]


(1715) 1, 25; schöner! dein tünch musz in das übertünchte grab ebda 1, 405.
B. metaphorisch.
1) im vergleich (vgl. DWB tünche B 1):

gleich als der schöne tünch schneeweisz
an einer schlechten wand mit fleisz
nit kan bestehn wider den regen,
und ein zaun auff eim berg gelegen
wider den wind nit kan bestehn,
sonder musz bald zu trümmern gehn,
also steht auch das hertze blöd
desz narrn in seim fürnemen schnöd
wider kein schreckn in keiner sach
H. Sachs 19, 92 lit. ver.;

ähnlich bei Luther: gleich wie der schne tnch an der schlechten wand wider den regen und ein zaun auff hohem berge wider den wind nicht kan bestehen Syrach 22, 20; an diese gottes-kirche nun hat der bse feind seine capelle so nahe gebauet, dasz von dem darzu gebrauchten koth der warsagerei alle pfeiler und wnde dieser kirchen gantz besudelt, und gleichsam als von einem losen tnch beschmitzet worden E. Weigel zeitspiegel (1664) 87.
2) bildlich.
a) zu tünch A 2 c: wie wol Musca Turrianus ... sich unterstanden hat, solchs gedechtnisz der unglucklichen geschicht mit frischem tnch mehr zu beschmieren als auszzutilgen G. Klee berümter leute leben (1589) 1, 26.
b) zu tünch A 2 bzw. 3, im sinne von 'glänzende oberflächliche verhüllung, falscher aufputz, scheinwerk' (vgl. DWB tünche B 2 b β): fucus nit nur der weyber angestrichne farb, sunder yeder tunch vnd angestrichne verblendung Frisius dict. (1556) 589b; was hat wohl die welt, die da im argen liegt, ... meisterlicher gelernt, als ihrem thun und lassen, wenns den befehlen gottes zuwider, einen tünch anzustreichen, um etwa dadurch der schande und strafe, die auf die sünde folgt, zu entgehen Gottfried Büchner bibl. real- u. verbalconcordanzien (1757) 512a; wer ... seine handlungen mit dem tünch einer scheinheiligkeit überstreichet, der ist ein heuchler ebda 149b; ihr heuchler, warum heiset ihr euer thun gut? da doch alle euer tünch gar leicht abgewischt wird? ebda 2, 1442b.
c) zu tünch A 1 bzw. 2 a (vgl. auch tünche B 2 b α): die neger haben unter einem tünch von Christenthum ihren fetischdienst bewahrt Bücher in: nat.-zeit. 12, 215 bei Sanders 2, 2, 1402.

 

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