Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tumult bis tumultvoll (Bd. 22, Sp. 1763 bis 1772)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tumult, m. , unruhe, unordnung, durcheinander. lehnwort aus lat. tumultus, welches auch in die romanischen und in die übrigen germanischen sprachen eingedrungen ist. von Stieler stammb. (1691) 2362 und Campe (1810) 4, 910b wird tumult von tummeln abgeleitet; wie weit im deutschen zusammenhang mit der sippe von tummeln empfunden wird, ist schwer zu bestimmen, vgl.: der tumult hat ausgetummelt! Bürger s. w. 289a Bohtz. um 1500 wird tumult von oberdeutschen gelehrten übernommen, verbreitet sich jedoch langsamer als das gleichzeitig durch die landsknechte über die Niederlande aus dem romanischen kommende bedeutungsverwandte lärm, s. o. teil 6, 202. von den lexikographen wird tumult seit dem 16. jh. verzeichnet und offenbar als nichtdeutsches wort empfunden: tumultus auffrur, aufflauff, empörung, auffstosz, rottierung, rhumor, tumult, rotterey, auffstand, gewirr, conspiratz, meuterey Schöpper synonyma (1550) b 7b; tumulto auffruhr, tumult Hulsius (1618) 2, 422b; tumult, quasi timor multus, ταραχή, auffruhr, empörung, ein geläuff durch einander, grosses geschrey vnd getümmel Heupold dict. (1620) 378; tumulte ein tumult, auffruhr, tumultus Stoer dict. (1663) 808b; Duez (1664) 530a; Widerhold (1669) 345a. die lateinische betonung auf der zweiten silbe bleibt im lehnwort erhalten. nur vereinzelt dringt tumult in obd. maa. ein: tóml, tòmôr, tòmml Tobler Appenzell 145b; tumōl, tulmult Fischer schwäb. 2, 455; tumolt (1671) österr. weist. 9, 127.
gewöhnlich ist tumult masc., doch in älterer zeit gelegentlich auch neutr.: ohn alles tumult Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 121; vielleicht hierher: das landfolck in ein tumult bewegen (1557) Wickram w. 2, 423 lit. ver.; in der kirchen ein thumult bewegen Höniger narrensch. (1574) 159b; später nur einmal ausnahmsweise fem.: bei gelegenheit einer der blutigen tumulte Gentz schr. 2, 152 Schlesier. bedeutung und gebrauch.
A. tumult als aufruhr, auflauf, öffentliche unruhe, durcheinander bei einer feindlichen auseinandersetzung zwischen vielen menschen, und zugleich (in flieszendem übergang) diese auseinandersetzung selbst.
1) innere unruhe, politische wirren in einem staatswesen: under diesem tumult (den unruhen in Böhmen) do het kaiser Sigmund ... das concili (zu Constanz) gesamelt (1488) städtechron. 3, 176 (Nürnberg); dieweil die rechten römischen hölden in disem tumult und burgerlichen krieg (zwischen Marius u. Sulla) umbkomen (1545) städtechron. 34, 136; dasz sich in der gantzen christenheit wegen der religion grosze zwiespaltungen und tumult erheben solte J. Prätorius ref. astrol. (1665) 180; das land ist voll tumult herum, dasz man seins lebens nicht sicher ist Göthe I 8, 152 W.; auch in der verbindung innerlicher tumult 'bürgerkrieg' (vgl. innerlicher krieg teil 5, 2220): da er von den innerlichen tumulten etwas zu ruhe kommen war Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 1, C 4b. mit weiterem aspekt: mitten unter diesem tumult der nationen blühete bei den in ruhe gebliebenen völkern der handel auszerordentlich Archenholtz gesch. d. siebenj. krieges 2, 97 Reclam.
2) öffentlicher aufruhr.
a) allgemein: lieben freündt, ein tumult, auch ein gähe, schafft nichts gts in einer gemeyn Eberlin v. Günzburg

[Bd. 22, Sp. 1764]


s. schr. 2, 88 ndr.; die nüchterne vernunft, die ruhige weisheit ertheilen ihre orakelsprüche nicht inmitten von tumult, von unordnung und aufruhr Dahlmann gesch. d. franz. revol. (1845) 223.
b) der aufruhr wird als lärm oder getümmel wahrgenommen, s. u. B 1: höreten sie ... in dem schlosz ein groszes wesen vnd tumult von leuten Amadis 1, 65 Keller;

sich gleich ein auffruhr wolt erheben ...
disen tumult vnd lermen grosz
zumal neun herold muszten stillen, ...
von stund an setzet sich der hauff,
sie hörten all zu schreyen auff
Spreng Ilias (1610) 15a;

in einer wolgeordneten und friedsamen statt ein tumult, aufflauff unnd lermen machen Guarinonius grewel d. verw. (1610) 97; ... setzte Karlstadt das reformationswerk nach seinen eigenen ideen fort, schaffte mit grossem tumult alle bilder aus der kirche bibl. älterer schriftw. d. Schweiz II 3, 71 Hirzel; sie fuhr mitten durch den tumult zur curie, und begrüszte ihren gemahl als könig Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 291; dem gutsherrn war indessen durch den sich allmählig nach auszen ziehenden tumult die lage der dinge bereits klar geworden A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 365.
c) aufstand gegen die obrigkeit, ernsthafte, meist von tätlichkeiten begleitete erhebung: ich bin in keinem tumult ergriffen und ist kein hauffen volcks umb mich die zur wehre griffen (Christus vor Pilatus) Luther 28, 307 W.; sie erregeten einen grossen tumult unnd wolten das schlosz mit gewalt stürmen Micraelius altes Pommerl. (1639) 2, 232; indem ein groszer tumult entstanden, wobei das volk Ugolino's palast verbrannt und geschleift Göthe I 40, 321 W.; die kaiserin hat ... die gefahr des kaisers mitten unter dem tumult mitansehen müssen Pückler briefw. u. tageb. (1873) 6, 301.
d) umsturz, revolution, niederwerfung einer bestehenden obrigkeit: das landfolck gemeinlich in ein tumult bewegen, das sie understunden iren herren mit gewalt zu ledigen Wickram w. 2, 423 Bolte;

wer nach der klinge greifft, muss durch die kling aufffliegen;
wer durch tumult auffsteigt, wird plötzlich unterliegen
Gryphius trauersp. 441 lit. ver.;

wenn sich tumult im königreich erhübe,
im namen und zum nutzen irgend einer
person, die rechte vorgiebt an die krone
Schiller 12, 435 G.;

im ganzen führten ihre aufbrausenden tumulte und republikanischen bestrebungen doch nur zu einem wechsel der herren Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 62.
3) auflauf in den straszen, straszenkrawall, in der regel aus geringfügigem anlasz und ohne politischen hintergrund. in diesem sinne seit dem 18. jh. häufiger: eilet mit ainem hauffen auff jhn, ob wir ain geschray vnd tumult auff den gassen erwecken möchten, dardurch er (Odysseus) gethemmet wurde Schaidenreisser Odyssea (1537) 91b; deszwegen ein kleiner tumult zwischen den studenten und der garnison entstanden Berliner geschrieb. zeitg. v. 15. 1. 1735 Friedländer; keinen tumult erregen sie (die studenten) wahrscheinlich, aber zu einer starcken emigration könnte es anlasz geben Göthe IV 9, 191 W.; da haben wir den tumult fertig und Döderleins vielleicht Griesbachs fenster sind eingeschmissen Göthe IV 9, 34 W.; nun herr! förcht er ihm noch vor dem tumult? seht die leute an, wie ruhig sie stehn E. v. Handel-Mazzetti Stephana Schwertner (1927) 1, 210; tumulte am Kurfürstendamm Berliner zeitg. von 1950.
4) gern von der erregten, lärmenden auseinandersetzung in einer zusammenkunft, vgl. DWB B 3 a:

darausz endlichen folgt hernach
ein gar groszer tumult darund ...
einer wolt disz, der ander das
und zanckten sich ohn unterlasz
Eyering prov. copia (1601) 1, 51;

hab das frauenzimmer einen tumult angefangen, und hab ihn wollen todt haben Schupp schr. (1663) 147; Eutyches

[Bd. 22, Sp. 1765]


ward also auf der kirchenversammlung ... für orthodox erkläret, ... aber damit war der tumult noch nicht zum ende Zimmermann üb. d. einsamk. (1784) 2, 374; entstand ein tumult und allgemeiner lärm, in welchem jeder den andern zu überzeugen suchte, dasz er sich opfern müsse G. Keller ges. w. (1889) 6, 307.
5) in der öffentlichkeit ausgetragene händel, rauferei, handgemenge, schlägerei: alwo sich ... ain tumolt oder raufhandl eraignete, soll der wüerth nit gleich selber drein schlagen österr. weist. 9, 127; eine gasse ... welche allenthalben mit tumult, mit zancken und beissen, mit hauen und schmeissen, mit schlagen und balgen erfüllet Moscherosch gesichte (1650) 1, 49;

der schulherr Bradamant verliesz sein pult,
der schüler streit rhetorisch beyzulegen:
und schnell fuhr ihm, im rasenden tumult,
ins aug' ein stein
J. N. Götz verm. ged. (1785) 1, 137;

was in der schenke waren heute
am frühsten morgen für tumulte! ...
was gab's für händel, für insulte
Göthe I 6, 212 W.;

zu diesem tumult kommt corporal mit wache Hafner ges. schr. (1812) 1, 94.
6) kampfgetümmel im gegensatz zur geordneten offenen feldschlacht: der letzst graf von Hirseck ist in ainem tumult ... von seinen feinden ... jemerlichen erstochen worden (1566) Zimmer. chron. 21, 167 B.; diejenigen, die in dem tumult nicht umkamen, retteten sich mit der flucht Heilmann gesch. d. pelop. krieges (1760) 626; im tumulte der schlacht, unter dem geräusch der waffen, in der zerstreuung des getümmels Göthe I 8, 299 W.; denn was ihr ihnen im tumult abnähmt an plunder, das vergälten sie euch zehnfach an beulen Alexis Roland (1840) 1, 15; verwundet, im tumulte unbeachtet, lag ich zur seite Grabbe s. w. (1874) 2, 256. daher die häufige verwendung für das getümmel beim kampf um eine stadt: weil nun mein gemüht ab dem gähen, von den einfallenden Frantzosen in der statt erregten tumult gewaltig bestürtzt (war) theatr. amoris (1626) 112; sie erobern die stadt, und der könig wird in diesem tumulte erschlagen Scheibe crit. musicus (1745) 800; du seyest im wilden tumult der eroberung ... umgekommen Wieland ges. schr. I 3, 38 akad.; zitternd um das blut unserer helden, ... saszen wir ... und spähten ... durch die gardinen nach dem tumult der gassen Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 195. im gegensatz zum offenen zweikampf: da aber Ödipus erwachsen, kahm er in der Phocenser landschafft, und erschluge in einen tumult unwissend seinen vater Lajum Döpler theatr. poen. (1693) 919.
B. unruhe, durcheinander ohne den nebensinn einer feindlichen auseinandersetzung; vor allem im akustischen und optischen bereich.
1) lärm und gedränge, getümmel: liesz der herzog ... ain schöne junkfraw ... in dem geschell und tumult ... von dem danz unversehenlichen verzucken (1566) Zimmer. chron. 21, 528 Barack; das alles hatte der gewandte geschäftsmann schon im stillen, bei anwesenheit und im tumult der menge, gar wohl überdacht Göthe I 25, 1, 289 W. auch von tieren gesagt: einem krähenschwarme gleich, welcher sich mit tumult auf einer weide am wege niederläszt Raabe s. w. I 4, 3; aus den linden vor dem hause kamen die sperlinge dazu, und ein lustiger tumult erhob sich Storm s. w. (1898) 5, 159. das toben trunkener: tumult und unsinn und rasender witz begleiten die gesellschaft zur tafel, und ein ohnmächtiger rausch endet die tobende scene Gessner schr. (1777) 1, 131;

nach der schale tappen trunkne, überfüllt sind kopf und wänste.
sorglich ist noch ein und andrer, doch vermehrt er die tumulte
Göthe I 15, 1, 44 W.;

dasz ... meine besinnung niemals mit mir davon läuft und also kein tumult zu fürchten ist Holtei erz. schr. (1861) 13, 192. aufgeregtes durcheinander: sie rannten

[Bd. 22, Sp. 1766]


durcheinander, sie weinten, sie schrieen zeter, ... nur ... tante Lorette ... gab vernünftige worte in den tumult der unvernunft Holtei vierzig jahre (1843) 1, 68; allgemeiner tumult! ahs! ohs! stuhlrücken! aufspringen! Raabe s. w. I 2, 88; während ein allgemeiner tumult ... den wagen erfüllte (nach einem mord in der straszenbahn) Th. Mann Faustus (1948) 710. selten 'aufgeregtes benehmen eines einzelnen': als er dies erfuhr, war er auszer sich ... rannte durch alle werkstätten und komptoirbücher, und kam nach einem halbstündigen tumult und gestöhn zu dem resultate Pückler briefw. u. tageb. (1873) 6, 81.
2) unruhe und verwirrendes durcheinander der menschlichen lebensweise im gegensatz zur fördernden stille und einsamkeit. tumult ist hier in der regel durch eine attributivische ergänzung näher bestimmt.
a) vom unruhigen treiben vieler menschen, so in einer stadt: ach dasz mir erlaubet wäre mein leben auf einem schlechten dorffe ferne von dem tumult der stadt zu endigen discourse d. mahlern (1721) 1, O 4a; sie könne aber unmöglich jetzt gleich in den tumult hinein (nach Berlin umziehen) (1841) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 478 Schulte-K.; und leben mitten in dem groszen tumulte dieser ... stadt Görres ges. br. (1858) 3, 12. auch in positivem sinne: denkt euch den frohen tumult in der neu sich erhebenden stadt Becker weltgesch. (1801) 2, 157. vom treiben der welt, der menschheit:

sie (die geduld) ... lacht bey der welt tumult
Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1157;

im tumult der geschäftigen welt verdrängt eine gestalt unseres geistes unaufhaltsam die andere Schiller 10, 254 G.; wie ruhig arbeitet dagegen der arme genügsame bergmann in seinen tiefen einöden, entfernt von dem unruhigen tumult des tages Novalis schr. 4, 120 Minor.
b) von unruhiger lebensweise, geschäftiger tätigkeit, verwirrendem umgang mit vielen menschen: frey von allen arten der sorgen, und in den tumult der geschäfte selbst niemals verwickelt Wieland Agathon (1766) 2, 166; in diesem unstätigen tumulte des lebens, in diesem unaufhörlichen wirbel äuszerlicher verwicklungen, unter dieser beständigen zerstreuung und bei dieser ununterbrochenen flucht vor sich selbst Zimmermann üb. d. einsamk. (1784) 3, 294;

madam, ihr loos voll herrlichkeit
und voll tumult, wie himmelweit
ist's nicht vom wonnereichen frieden,
der damals sie umschlosz, verschieden!
Gotter ged. (1787) 1, 18;

zwischen allem möglichen tumult und andern unangenehmen ängstigenden lebensereignissen ... geschrieben Beethoven s. br. 2, 40 Kalischer; er ... gefällt sich nur allzusehr in dem tumult eines ungebundenen lebens Klinger w. (1809) 1, 420; aus dem tumult des burschenlebens ... trat ich nun auf einmal in die vollkommene ... einsamkeit des armen studenten Holtei erz. schr. (1861) 22, 27.
3) wilder und lauter lärm.
a) unbestimmter, wirrer lärm. art und ursache des lärms sind mannigfaltig:

was hör ich doch nur jmmermehr
in meinem hauss, mich wundert sehr,
ein solch tumult, es klapt vnd kracht (1580)
B. Krüger spiel v. d. bäur. richtern 1544 Bolte;

hatten ... die geister ... einen grossen tumult und gepolter darüber angefangen, dergestalt dasz den mägdigen drinnen gegrauset Prätorius saturnalia (1663) 409; darauf machten beyde noch einen tumult, als wann die schergen von neuen wiederum wären in das hausz gekommen ollapatrida 344 Wiener ndr.; man hört in der ferne eine tanzmusik und den tumult eines balls Schiller 3, 9 G.; was? — hier eingekehrt und ich vernehme keinen tumult? kein lautes sprechen, kein trillern, kein gelächter, kein trepp' auf, trepp' ab laufen, kein rufen nach dem kellner? E. T. A. Hoffmann s. w. 4, 100 Gr.; ward in der stiftskirche ... vor dem absterben eines jeglichen domherrn bei der nacht ein groszer tumult gehört br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 180. in bühnenanweisungen lärm hinter

[Bd. 22, Sp. 1767]


der bühne: wird inwendig ein tumult gemacht schausp. engl. komöd. 89 Creizenach; man höret einen tumult drinnen dt. schaubühne (1741) 1, 238 Gottsched.
von lauter rede, stimmengewirr:

man soll sitlich vnd mit gedult
fein disputieren, on tumult
Scheit Grobianus s. 109 (anm.) ndr.;

drücke jeder sein gefühl aus
und vom zartesten gelispel
bis zum wildesten tumulte
Göthe I 13, 1, 35 W.;

welch ein tumult! man hörte heftig reden, ja sogar schreien Waiblinger d. Britten in Rom 10 Zoller. in bildlichem vergleich: während noch der erschöpfte tumult des gelages der gestrigen nacht in unseren ohren klingt, hören wir schon die leisen töne ... eines reinen neuen tages Justi Winckelmann (1866) 1, 252.
b) lautes geräusch; die vorstellung einer wirklichen oder gedachten volksmenge spielt nicht mehr hinein: wann die materi im fewr ein krach laszt, musz man sie dem Mercurio zuschreiben: macht sie aber ein grossen tumult und praszlens, musz mans dem saltz attribuieren Paracelsus chirurg. bücher u. schr. (1618) 747a Huser. der einmalige knall einer schuszwaffe: der gebrauch des bogens ist viel schädlicher ... als der büchsen, weil ohn alles tumult einer umb sein leben kömmt, welches bey der büchse der knall und pulverdampff verrahten Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 121; indem geschach ein solcher knall, der mich ohnmächtige gantz ausser mir selbsten brachte ..., währenden solchen tumult war mir, als wann lauter wespen mir in denen ohren summten Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 245. übermäszig lautes musizieren:

wie wallt der paucken donner
... in dem tumult! allg. dt. bibl. (1765) 3, 2, 310;

der tumult hatte seinen höchsten punkt erreicht ... da verstummten die klänge Holtei erz. schr. (1861) 5, 156.
4) menschengedränge, gewühl, das optisch wahrnehmbare durcheinander: wo sie (das umworbene mädchen) in der kirche ordinair platz nahm, (war) ihrentwegen ein solches gedränge und tumult Leipziger avanturieur (1756) 1, 182; eine grosze ebne, wenn nicht tumult und gewühl sie zertheilen, ... giebt einen frohen, ruhigen anblick Herder 22, 260 S.; während die Goldacher ... sich mit den Seldwylern kreuzten, so dasz es einen groszen tumult gab G. Keller ges. w. (1889) 5, 43; der eines abends mitten in den tumult hinein nach der reiterin (im circus) einen blumenstrausz warf Holtei erz. schr. (1861) 11, 21.
vom flutenden, mitreiszenden durcheinander der menge: entsteht eine rasche bewegung unter den kürassieren, sie umgeben und begleiten ihn in wildem tumult Schiller 12, 324 G.; aber wie stehe ich denn in dem tumult? das reitet und läuft und fährt alles um mich herum, ... — und ich? ich gehe zu fusze? Iffland theatr. w. (1827) 3, 81;

weil er einst das weltkind Shakespeare
kommentiert, musz jetzt der ärmste
nach dem tode mit ihm reiten
im tumult der wilden jagd
Heine w. 2, 393 Elster.


5) durcheinander im dinglichen bereich: die ganze schöpfung webte lebendig vor ihren augen, sie in der schöpwelch groszer tumult! unendliches chaos von wesen, kräften, gestalten, formen Herder 6, 266 S.; mit einer ... staubwolke, die ,... durch frischen seitenwind enthüllt, ihren innern tumult zu offenbaren genöthigt ist Göthe I 25, 1, 1 W.; nur starke und heftige wirkungen fesseln unsern blick, die mäszigen entschlüpfen ihm in dem tumult der dinge H. v. Kleist w. 4, 70 E. Schmidt. wirres durcheinander von architektonischen gebilden: doch mahnen die kühnen spitzen, die phantastischen vorsprünge, der abenteuerliche tumult des daches ans Morgenland Laube ges. schr. (1875) 4, 128.
C. unruhe im elementaren bereich, toben von naturgewalten: je scheiber zweene winde gegen einander blasen,

[Bd. 22, Sp. 1768]


je grössern tumult und ungewitter sie machen J. Rauw cosmogr. (1597) 113;

die wuth
der flammen schreckt ihn nicht, und stürzte
Jupiter selbst im tumult hernieder
Herder 26, 235 S.;

ach, das ende macht mich zittern,
wie den schiffer in der nacht
der tumult von ungewittern
vor dem abgrund zittern macht
Bürger s. w. 44a Bohtz;

liebste! der tumult der wogen
schwand vor diesem zauberstabe
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 428.

Klara ... blickte ... hinaus in den tumult (des unwetters) Polenz Grabenhäger 2 (1898) 279; tosen eines wasserfalls:

rastlos donnernde massen auf donnernde massen geworfen,
ohr und auge wohin retten sie sich im tumult
Mörike ges. schr. 1, 122 Göschen;

im vergleich zum politischen aufruhr:

wenn sturm
aus Äols höhle fällt wie wasser aus
der schleus' und drückt den wald, dann neigen sich
die starken wipfel zu der erd' herab;
tumult herrscht überall, und jeder zweig
vermehret das geräusch ...
so auch erwacht im ganzen heer Athen's
schnell aufruhr
E. v. Kleist w. 1, 264 Sauer.


D. unruhe, durcheinander im menschlichen inneren bzw. im geistig-seelischen bereich.
1) diese bedeutung tritt nicht ohne grund zuerst im pietismus auf; in der regel mit attributivischer ergänzung, die die art der erregung näher bestimmt. insbesondere von quälender, schmerzender seelischer unruhe und verwirrung: man setze und stille den innerlichen tumult und unordnung der gedancken und begierden desz hertzens J. D. Frisch neukl. harpfe Davids (1719) 1268; du kannst es nicht glauben, was eine zeit her vor ein tumult von affekten, ärgernisz, schaam, traurigkeit, zweifel und gram in meiner seele herrscht Schubart br. 1, 89 Strausz; eine ... frohe ... gemüthsart, die aus der quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen leidenschaften in tumult gesetzten herzens hervorströmt Knigge umgang m. menschen (1796) 1, 65; ich bin in einer schweren arbeit begriffen, die mitten im tumult aufgeregter gefühle ... denken und gegenwart des geistes fordert Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 142; so arbeitete ich mich allmählich in einen tumult hinein, welcher mit ohnmachtsanwandlungen und lachkrämpfen ... geendet hätte, wenn ich ihm nicht ... luft gemacht hätte W. Raabe s. w. I 6, 103. — von belebender, freudiger erregung, also durchaus positiv empfunden: die seele hört auf zu glühen ... der tumult von associationen macht der dringenden lauten wirklichkeit platz Schiller 2, 393 G.; so drängte sich in meine brust ein solcher tumult von jubelfreuden J. Chr. Bode in: wb. d. dt. spr. (1821) 234. besonders von der liebe: dasz dieser süsze tumult in der seele ihm nichts als schöne hofnungen eingiebt Lichtenberg aphor. 1, 82 Leitzm.;

das junge volk voll lebenskraft
will den tumult der leidenschaft,
das ist ein rasen, schwören, poltern
und wechselseit'ges seelenfoltern!
Heine s. w. 1, 421 Elster;

ihr sonst so gesunder schlaf wurde mehrmals durch den süszen tumult ihres herzens unterbrochen M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 2, 20.
2) vom körperlichen befinden: einen gewissen tumult befriedigen, ... den er sich in seinem magen zu erheben bemerkte Bode Thomas Jones (1786) 3, 272; der allgemeine tumult der maschine, wenn die krankheit mit offener wuth hervorbricht Schiller 1, 167 G.; der thor, stirbt am fieber! hätte er gewartet, bis seine kräfte sich erholt, ... der tumult seines blutes sich gelegt hätten Göthe I 19, 71 W.

[Bd. 22, Sp. 1769]



3) verwirrung, durcheinander im bereich des geistig abstrakten: welch eine unordnung, welch ein tumult von lauter moralischen dissonanzen ist diese menschliche welt! Wieland ges. schr. I 2, 452 akad.; der geist wäre aus diesem tumult zu seinem ausgangspunkt, der sittlichen und realen welt der bildung, zurückgeschleudert Hegel w. (1832) 2, 448; das blosze besprechen war mir in dem tumult der meinungen unerquicklich geworden H. Laube ges. schr. (1875) 1, 174; nach dem tumult der namen bemächtigte sich unser allmählich ein nachdenklicher, glücklicher ernst Binding erl. leben (1928) 211.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tumultbruder, m., unruhestifter: solche klumpenschmeltzer solten billich vber vnd für alle tumultbrüder on barmhertzigkeit gestrafft werden Pape bettel- u. garteteuffel (1586) D 3a. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tumultgesetz, n., staatliche verordnung zur beilegung öffentlicher unruhen: man will mit starken tumultgesetzen ... vorgehen Ernst Curtius ein lebensbild in briefen 401 Fr. Curtius; Biewald klagt gegen den magistrat ... auf grund des preuszischen tumultgesetzes zeitungsnotiz a. d. j. 1906. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tumultmacher, m., unruhestifter: als ein freveler tumultmacher zum spott auff ein rad ... gesetzt Dannhawer catech.-milch 4 (1669) 4. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tumultszene, f., unruhiger auftritt: in der eröffnungssitzung der nationalversammlung kam es zu tumultszenen Berliner zeitung v. 1948.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tumultuant, m., unruhestifter Ludwig t.-engl. (1716) 2039; 'ein aufrührerischer, unruhiger böser kerl, so allerhand lose händel anstellt, ein empörer' cur. bauernlex. v. Belemnon (1728) 193; vgl. mundartliches tumulterer: tumulterer und khoczpalger ratsprotokoll (1625), s. Unger-Khull steir. 182: dasz ein jedweder magistratus ... die delinquenten, aufwiegler, zäncker und friedbrüchige tumultuanten in arrest nehmen ... sollen (1652) bei Frauenholz entwicklungsgesch. d. dt. heerw. 4, 120; dasz die tumultuanten, auch wenn sie in der minderheit sind, stets leichtes spiel haben Lassalle ausgew. reden u. schr. 2, 302; die tumultuanten hätten besonders nach mir verlangt und mich niederzuschlagen gedroht Bebel aus meinem leben (1946) 1, 197; gegen dessen konservative auffassung der berühmte de Maitre ein jakobinischer tumultuant war Werfel Bernadette (1948) 168. streitsüchtiger mensch: ihr seyd zwey alte grein- und zancksichtige haderkatzen und tumultuanten Gryphius lustsp. 331 Palm. wild lärmender mensch: der ... von dem tumultuanten, der plötzlich ... die grimmigsten hypothesen losknallte, übertäubt wurde E. T. A. Hoffmann s. w. 15, 252 Gr.; ich ... liesz die tumultanten hinter meinem stuhle ... abtreten W. Hauff s. w. (1890) 2, 2, 254.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tumultuar, adv., ungeordnet, planlos, lat. tumultuarius, im 16. jh. vereinzelt: meine tumultuar angefangene unnd auszgegangene arbeit L. Rabus hist. d. martyrer (1571) vorr. C 2a.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tumultuarisch, adj. , ungeordnet, wild, unruhig. im frühen 18. jh. aus lat. tumultuarius entlehnt. lexikalisch begegnet tumultuarisch zuerst bei Hederich deutsch-lat. lex. (1777) 3021, in dessen 4. aufl. (1753) es dagegen noch nicht verzeichnet ist.
1) unruhig, als folge politischer wirren und feindlicher auseinandersetzungen, vgl. DWB tumult A: von einführung der christlichen religion an bis auf Hussen's zeiten und von diesen tumultuarischen zeiten bis auf uns C. D. Schubart ges. schr. (1839) 6, 199; in diesen tumultuarischen und dislocirenden tagen Göthe IV 20, 147 W.; tumultuarische angriffe, aus bloszem volkshasse entstanden, solle man nicht gestatten Fr. Schlegel s. w. (1846) 14, 26; nur musz alles im wege der reform vor sich gehn und nicht auf tumultuarische weise Immermann w. 6, 60 Hempel; führte die zwiespältige wahl ... zu ... tumultuarischen scenen und gewaltthaten Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 64. von aufrührerischem lärm einer erregten menge: allgemeiner aufstand ... die schranken werden eingestürzt, es entsteht ein tumultuarisches getöse Schiller 15, 2, 456 G.; die einwohner ... drängten sich tumultuarisch

[Bd. 22, Sp. 1770]


um uns herum Steffens nov. (1837) 1, 107; die auszeichnung durch cocarden, die tumultuarischen bewegungen, ... verriethen eine zu auffallende ähnlichkeit mit einem aufruhr J. G. Forster s. schr. (1843) 6, 269; gleich bei dem ersten punkte der tagesordnung ... kam es zu einem krach mit Fritzsche und zu tumultuarischen szenen durch seine anhänger Bebel aus meinem leben (1946) 1, 91. streiterfüllt: lasz uns den tumultuarischen Helikon fliehen und in wechselseitiger liebe die früchte des friedens schmeken Schubart br. 1, 116 Strausz.
2) geräuschvoll und bewegt, vgl. DWB tumult B 1-3; das gewicht liegt stärker auf der akustischen seite, der gedanke an eine feindliche auseinandersetzung fehlt: die unterredung wurde so laut und tumultuarisch wie in einer trinkstube Musäus physiognom. reisen (1778) 4, 44; nun gab es eine tumultuarische erkennungsszene Caroline 2, 328 Waitz; die herzudringende menge, welche den grundherrn ... auf die tumultuarischste weise begrüszte Raabe s. w. I 3, 79. von der unruhe geselligen lebens: der prinz ... ist ... mit einer zahlreichen und glänzenden suite hier angelangt und hat unserm zirkel ein neues tumultuarisches leben gegeben Schiller 4, 272 G. 'wild und laut lärmend': dieser tumultuarischen hausgenossenschaft (den nächtlich umziehenden gespenstern) ... frieden gebieten und ein ewiges stillschweigen auferlegen Musäus volksm. 4, 114 Hempel; man hört ein tumultuarisches freudengeschrei unter trommeten und pauken Schiller 3, 155 G.; auch rein akustisch ohne den gedanken an eine erregte menge: die dominante einer wild und tumultuarisch beginnenden ... symphonie Justi Winckelmann (1866) 1, 258. dagegen nur optisch, 'bewegt', 'lebhaft': die aufgeregte, tumultuarische beweglichkeit ..., die künstliche ... beleuchtung, das alles war verbraucht (in der malerei des manierismus) Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 334; das tumultuarische badeleben an der Praia Werfel geschw. v. Neapel (1931) 299. von einer bewegung im elementaren bereich: wenn ... eingeschlossenes wasser endlich einen durchbruch findet, den es begierig benutzt, tumultuarisch dahin sich drängend Schopenhauer s. w. 3, 269 Gr.
3) jäh, unerwartet, überstürzt, übereilt: heute komm ich etwas früh und tumultuarisch, genieszen wir unser frühstück in ruhe Göthe I 24, 145 W.; die anklage gegen Delessart ward in tumultuarischer eile durchgesetzt Häusser dt. gesch. (1854) 1, 406; der grüne Heinrich ist jetzt in tumultuarischer abreise begriffen (1880) G. Keller br. u. tageb. 3 (1916) 313. von schnellen, abrupten veränderungen in der natur: die tumultuarischen entstehungen von flecken, sonnenfackeln A. v. Humboldt kosmos (1845) 3, 387; diese (niederschläge) erfolgten umso schneller, tumultuarischer, unkristallinischer, je später sie sich bildeten ders., ans. d. natur (1808) 1, 235. verbunden mit der nebenvorstellung 'ungeordnet', 'unregelmäszig', überleitend zum folgenden: man ward daher einig, den angriff auf ihn ja nicht übereilt und tumultuarisch, sondern behutsam und methodisch zu machen J. J. Engel schr. (1801) 12, 52; was für einen weg der bildung der südost nimmt? möchte es doch nicht auch der tumultuarische seyn, den jede retardirte cultur, leider, ergreifen musz Göthe IV 16, 340 W.
4) ungeordnet, planlos, wirr, wild durcheinander: die begräbnisse der soldaten ... die drauszen vorgenommen wurden, waren etwas tumultuarisch, es wurden alle die cörper und knochen an einen ort zusammengeschüttet Fleming d. vollk. teut. soldat (1726) 371; da man sich diese (versammlungen) unmöglich tumultuarisch zusammenlaufend denken kann, sondern ... förmlich berufen Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 403; wer durfte angesichts dieser chaotischen zustände sich beruhigen ..., die tumultuarische verwaltung durch ausschüsse und commissäre ... reichte nimmermehr aus qu. a. d. j. 1886. lediglich zur bezeichnung des optischen eindrucks: sie entfliehen so kunstgemäsz-tumultuarisch, so symmetrisch-verworren, dasz es eine lust ist Göthe IV 40, 219 W. von unregelmäszigen naturgebilden: bei graupen sind die erscheinungen dieser epoche nicht von so anscheinend tumultuarischem

[Bd. 22, Sp. 1771]


ansehen; hier ist der gneis nicht durch fremd gebildete massen unterbrochen Göthe II 10, 119 W. von der ungeordneten, unsteten lebens- und arbeitsweise eines menschen: dasz ich ... über ihre tumultuarische art zu studiren unruhig bin Gellert s. schr. (1784) 8, 130; der zur heterodoxie überging, ohne sich ... in seiner tumultuarischen art zu leben ... davon deutliche rechenschaft zu geben Gervinus dt. dichtg. (1853) 4, 176. von einer unsystematisch, unmethodisch angefertigten arbeit, also nicht mehr von einer handlung, sondern ihrem ergebnis: dasz durch ein register nie werde in ordnung gebracht werden können, was von anfang an tumultuarisch geschrieben ist Nicolai literaturbr. (1759) 6, 407; von dem tumultuarischen, welches er meiner arbeit gar bald anmerken wird Lessing 11, 4 L.-M.; diese zuschrift entstand freilich zufällig und tumultuarisch genug W. v. Humboldt br. an Welcker 83 Haym. von ordnungswidrigen, ungesetzlichen masznahmen; 'tumultuarisch verfahren mit beiseitesetzung der gehörigen ordnung' Adelung (1801) 4, 721: als ehrlicher mann, der ihn nur so tumultuarisch nicht will verdammt wissen Lessing 13, 207 L.-M.; papst Benedict X., der noch einmal in der alten tumultuarischen weise ... eingesetzt worden war Ranke s. w. (1867) 14, 28; (sie) lieszen noch am abend (ihnen) durch den henker den kopf abschlagen. die güter der so tumultuarisch gerichteten wurden mit beschlag belegt Ric. Huch im alten reich (1927) 330. von rohen und unkultivierten lebensverhältnissen: der Deutsche, ... in einem unglücklichen tumultuarischen zustande verwildert, begab sich bei den Franzosen in die schule, um lebensartig zu werden Göthe I 27, 72 W.
5) im geistig-seelischen bereich 'wirr, verwirrt, aufgeregt': bisher ist's in meinem kopfe tumultuarisch zugegangen Göthe IV 30, 33 W.; er bediente sich dieser tumultuarischen stimmung meines herzens Kotzebue s. dram. w. (1829) 44, 333; es war ... eine tumultuarische unordnung in einem theile meiner vorstellungen Mendelssohn ges. schr. (1843) 3, 436. wild, zornig: und war mit Souris (dem hund) ordentlich tumultuarisch D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 2, 226.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tumultuieren, vb. , unruhe erregen, unruhig sein, im 16. jh. aus lat. tumultuari entlehnt. verzeichnet zuerst 1621 bei Londorp acta publica 2, 947b; vgl. mundartliches tumulieren ratsprotokoll (1612), s. Unger-Khull steir. 182.
1) in einem politischen gemeinwesen unruhe, aufruhr stiften (vgl. DWB tumult A): das nach gestiltem krieg ... alle gelegenheit zu tumultuieren auffgehoben wurde Jan de Serres frantz. history (1574) 147a; wenn ... Franz von Sickingen ... am Rhein und Mosel herum tumultuirte G. Arnold unpart. kirchen- u. ketzerhist. (1699) 2, 13a; ... wird ein solches tumultuiren nur von wenigen erregt und theilt sich erst nach und nach mit Göthe IV 12, 149 W. übertragen gebraucht: in der kirchen Christi tumultuirt und rumort noch der leidige antichrist L. Pollio zehn pred. (1601) vorw. )( 4b. sich gegen die obrigkeit empören: fingen auch ein gleichen an zu tumultieren ... setzten den alten rath abe G. Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 3, Y 1a; türckische kriegsleut tumultuiren wider ihren kayser theatr. Europ. 1, 681b Abelinus. auch sonst: um zum tumultuiren zu kommen, ... sollte dann Stillings haus gestürmt und die fenster eingeworfen werden Jung-Stilling s. schr. (1835) 1, 489.
2) unruhe stiften, übermütig lärmen (vgl. DWB tumult B): der ... in ihr hausz käme und fienge an ... wie der sausewind zu schnauben und brausen, zu schnarchen und pochen, zu tumultuiren, zu wüten und toben Prätorius phil. colus (1662) 184; mit den tumultuirenden gesellen ..., die mich ... zu einem nachtbanket ... einluden Bräker s. schr. (1789) 2, 86; (sie) hätten sich betrunken, tumultuirt und wären schuldig geblieben Göthe IV 23, 27 W.; gehörig tumultuirend und laut sind übrigens diese kinder Görres ges. br. (1858) 1, 428. als ausdruck einer gemütsbewegung: was tumultuirt und weinet ihr? Zinzendorf biblia (1739) (Mark. 5, 39).

[Bd. 22, Sp. 1772]



3) übertragen, lebhaft sein, lebendig sein: die Armenier ... sind gegen die warmblütigen und tumultuirenden abendländer viel consequenter, sprechen wenig Ritter erdkde (1822) 16, 295; von so zahllosen millionen menschen, die in so vielen jahrhunderten vor uns wie wir tumultuirten Bräker mann in Tockenburg (1852) 239. im seelischen bereich: bei der fülle von kräften, die in meiner brust tumultuiren Hebbel br. (1904) 2, 4.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tumultuös, adj., 'unruhevoll'. im 18. jh. entlehnt aus frz. tumultueux aus lat. tumultuosus. lexikalisch früher als tumultuarisch verzeichnet; tumultueux tumultuös, aufrührisch, stürmisch, unruhig, ungestümm Sperander (1727) 762. als nebenform, die dem lateinischen wort nachgebildet ist, begegnet tumultuos Schubart br. 1, 113 Strausz. die übertragenen bedeutungen sind wohl nur zufällig früher belegt. politisch unruhevoll; vgl. DWB tumult A: er glaubt, dasz, wenn die palastintrigen nicht bald aufhören, tumultuöses in Konstantinopel bevorsteht K. Marx an Fr. Engels (1877) in briefw. 4, 408; die eröffnung einer neuen, tumultuösen ... mit wilden abenteuern und leiden überfüllten geschichtsperiode Th. Mann Faustus (1948) 500; voll mannigfacher tätigkeit; vgl. DWB tumult B 2: verdrieszliche und verwirrende vorbereitungen zu einer langen reise ... haben ... mir Leipzig zu einem sehr tumultuösen ort gemacht Lessing 17, 56 L.-M. voll seelischer unruhe; vgl. DWB tumult D: ich bediene mich iezo der kräutercur, und erwarte ihre würkung in einer tumultuosen stille Schubart br. 1, 113 Strausz.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tumultvoll, adj., unruhevoll, geräuschvoll und bewegt: des königs eigener einzug in Paris war tumultvoller als ein römischer triumph Becker weltgesch. (1801) 9, 278; von bewegten szenen auf gemälden: jener geist der ruhe ..., der unsern tumultvollen compositionen so oft fehlet Herder 17, 374 S. von dem vielgeschäftigen leben und treiben bzw. der lebensweise des einzelnen: in ihrer abgezogenheit genössen sie einer ruhe, die die tumultvolle welt nicht kenne Herder 19, 338 S.; mitten in diesem tumultvoll scheinenden leben, das zugleich sehr viel ruhige, müszig-einsame, ja langweilige stunden bietet Göthe I 25, 1, 5 W. politisch unruhevoll; vgl. DWB tumult A: in den ersten tumultvollsten tagen der revolution Campe briefe aus Paris (1790) 112.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: