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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tümpelseite bis tumultmacher (Bd. 22, Sp. 1762 bis 1769)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tümpelseite, f., zu tümpel B 3 b: die vier seiten des gestelles (oder tümpels am hochofen) heiszen: die formseite, an welcher sich die gebläse befinden; ihr gegenüber ist die windseite, zwischen beiden hinten die rückseite und vorn die tümpel- oder arbeitsseite, auf welcher mit den spetten (perches) oder schürhaken gearbeitet und das sich ansetzende metall losgebrochen wird Hoyer allg. wb. d. artillerie (1804) 2, 235; ebenso Blumhof eisenhüttenkde 2 (1817) 663. —
 
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-stein, m., fachsprachliche bildung zu tümpel B 3 b (vgl. DWB tümpelstück). 1) 'der steinerne boden des herds im hohenofen ... fundus vel solum foci ... le timpelstein, le sol de pierre du haut fourneau' bergm. wb. (1778) 564; s. DWB tümpel B 3 b α. 2) 'die vordere seite des gestelles (unterer teil des hochofens) wird ... mit steinen geschlossen ... der erste von diesen steinen ... heisst der timpelstein' (s. DWB tümpel B 3 b β u. vgl. engl. timp-stone) Blumhof eisenhüttenkde (1816) 4, 377: auf (das tümpeleisen) ... legt man den tümpelstein Mitscherlich lehrb. d. chemie 2, 2 (1840) 65; der tümpelstein n, an der vorderseite durch das tümpelblech geschützt und auf einem eisen (tümpeleisen) ruhend, geht nicht bis zum boden- oder sohlstein e nieder Meyers gr. konv.-lex. 5 (1904) 480ff. s. v. eisen III; auch im pl.: die vordere noch offene seite des gestelles schlieszt man, wenn der ofen eine offene brust erhalten soll, von oben herab durch die tümpelsteine t, welche auf dem in die seitensteine eingelassenen tümpeleisen u ruhen und zum schutze gegen zu rasche abkühlung durch das tümpelblech v geschützt sind Muspratt chemie 2 (1889) 1212. —
 
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-stück, n., 'so viel wie tümpelstein' (Richter berg- u. hüttenlex. [1805] 2, 542): ein hohofengestell besteht aus ... dem bodensteine, ... den zwey timpelstücken und dem wallstein Blumhof eisenhüttenkde 2 (1817) 661; tmpelstck timpe; creux du foyer Mozin wb. 4 (1856) 876b. —
 
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-wasser, n., gelegenheitsbildung zu tümpel A 2 b:

immer gesagt hat mir
mein gold'nes mütterlein,
würde einst noch tümpelwasser
der beste trank mir sein
I. v. Düringsfeld böhm. rosen (1851) 132.


 
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tumper, tümper, adj., trüb, düster, s. o. tümmer.

[Bd. 22, Sp. 1763]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tumpfig, adj., dunstig, feucht, formvariante von dumpfig (s. teil 2, 1527): der mertail flússz werdent tunckel im summer mit túmpfigen (vaporatis), im winter mit kalten nebeln (15. jh.) Oesterreicher Columella 1, 34, 10 lit. ver.
 
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tümplein, n., vereinzelt als diminutivbildung zu tümpel neben tümpelchen (s. dort): der sommer war heisz gewesen ... die steine in den betten der bäche waren trocken und weisz wie elfenbein. wo dazwischen noch ein tümplein stand, da starb darin eine forelle oder ein anderes thier des wassers Rosegger schr. I 8 (1903) 220; bildlich: der kleine that die augen auf. dadrinnen war freilich nichts, als zwei schwarze tümplein ohne stern und glanz ebda II 1 (1912) 294.
 
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tumult, m. , unruhe, unordnung, durcheinander. lehnwort aus lat. tumultus, welches auch in die romanischen und in die übrigen germanischen sprachen eingedrungen ist. von Stieler stammb. (1691) 2362 und Campe (1810) 4, 910b wird tumult von tummeln abgeleitet; wie weit im deutschen zusammenhang mit der sippe von tummeln empfunden wird, ist schwer zu bestimmen, vgl.: der tumult hat ausgetummelt! Bürger s. w. 289a Bohtz. um 1500 wird tumult von oberdeutschen gelehrten übernommen, verbreitet sich jedoch langsamer als das gleichzeitig durch die landsknechte über die Niederlande aus dem romanischen kommende bedeutungsverwandte lärm, s. o. teil 6, 202. von den lexikographen wird tumult seit dem 16. jh. verzeichnet und offenbar als nichtdeutsches wort empfunden: tumultus auffrur, aufflauff, empörung, auffstosz, rottierung, rhumor, tumult, rotterey, auffstand, gewirr, conspiratz, meuterey Schöpper synonyma (1550) b 7b; tumulto auffruhr, tumult Hulsius (1618) 2, 422b; tumult, quasi timor multus, ταραχή, auffruhr, empörung, ein geläuff durch einander, grosses geschrey vnd getümmel Heupold dict. (1620) 378; tumulte ein tumult, auffruhr, tumultus Stoer dict. (1663) 808b; Duez (1664) 530a; Widerhold (1669) 345a. die lateinische betonung auf der zweiten silbe bleibt im lehnwort erhalten. nur vereinzelt dringt tumult in obd. maa. ein: tóml, tòmôr, tòmml Tobler Appenzell 145b; tumōl, tulmult Fischer schwäb. 2, 455; tumolt (1671) österr. weist. 9, 127.
gewöhnlich ist tumult masc., doch in älterer zeit gelegentlich auch neutr.: ohn alles tumult Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 121; vielleicht hierher: das landfolck in ein tumult bewegen (1557) Wickram w. 2, 423 lit. ver.; in der kirchen ein thumult bewegen Höniger narrensch. (1574) 159b; später nur einmal ausnahmsweise fem.: bei gelegenheit einer der blutigen tumulte Gentz schr. 2, 152 Schlesier. bedeutung und gebrauch.
A. tumult als aufruhr, auflauf, öffentliche unruhe, durcheinander bei einer feindlichen auseinandersetzung zwischen vielen menschen, und zugleich (in flieszendem übergang) diese auseinandersetzung selbst.
1) innere unruhe, politische wirren in einem staatswesen: under diesem tumult (den unruhen in Böhmen) do het kaiser Sigmund ... das concili (zu Constanz) gesamelt (1488) städtechron. 3, 176 (Nürnberg); dieweil die rechten römischen hölden in disem tumult und burgerlichen krieg (zwischen Marius u. Sulla) umbkomen (1545) städtechron. 34, 136; dasz sich in der gantzen christenheit wegen der religion grosze zwiespaltungen und tumult erheben solte J. Prätorius ref. astrol. (1665) 180; das land ist voll tumult herum, dasz man seins lebens nicht sicher ist Göthe I 8, 152 W.; auch in der verbindung innerlicher tumult 'bürgerkrieg' (vgl. innerlicher krieg teil 5, 2220): da er von den innerlichen tumulten etwas zu ruhe kommen war Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 1, C 4b. mit weiterem aspekt: mitten unter diesem tumult der nationen blühete bei den in ruhe gebliebenen völkern der handel auszerordentlich Archenholtz gesch. d. siebenj. krieges 2, 97 Reclam.
2) öffentlicher aufruhr.
a) allgemein: lieben freündt, ein tumult, auch ein gähe, schafft nichts gts in einer gemeyn Eberlin v. Günzburg

[Bd. 22, Sp. 1764]


s. schr. 2, 88 ndr.; die nüchterne vernunft, die ruhige weisheit ertheilen ihre orakelsprüche nicht inmitten von tumult, von unordnung und aufruhr Dahlmann gesch. d. franz. revol. (1845) 223.
b) der aufruhr wird als lärm oder getümmel wahrgenommen, s. u. B 1: höreten sie ... in dem schlosz ein groszes wesen vnd tumult von leuten Amadis 1, 65 Keller;

sich gleich ein auffruhr wolt erheben ...
disen tumult vnd lermen grosz
zumal neun herold muszten stillen, ...
von stund an setzet sich der hauff,
sie hörten all zu schreyen auff
Spreng Ilias (1610) 15a;

in einer wolgeordneten und friedsamen statt ein tumult, aufflauff unnd lermen machen Guarinonius grewel d. verw. (1610) 97; ... setzte Karlstadt das reformationswerk nach seinen eigenen ideen fort, schaffte mit grossem tumult alle bilder aus der kirche bibl. älterer schriftw. d. Schweiz II 3, 71 Hirzel; sie fuhr mitten durch den tumult zur curie, und begrüszte ihren gemahl als könig Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 291; dem gutsherrn war indessen durch den sich allmählig nach auszen ziehenden tumult die lage der dinge bereits klar geworden A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 365.
c) aufstand gegen die obrigkeit, ernsthafte, meist von tätlichkeiten begleitete erhebung: ich bin in keinem tumult ergriffen und ist kein hauffen volcks umb mich die zur wehre griffen (Christus vor Pilatus) Luther 28, 307 W.; sie erregeten einen grossen tumult unnd wolten das schlosz mit gewalt stürmen Micraelius altes Pommerl. (1639) 2, 232; indem ein groszer tumult entstanden, wobei das volk Ugolino's palast verbrannt und geschleift Göthe I 40, 321 W.; die kaiserin hat ... die gefahr des kaisers mitten unter dem tumult mitansehen müssen Pückler briefw. u. tageb. (1873) 6, 301.
d) umsturz, revolution, niederwerfung einer bestehenden obrigkeit: das landfolck gemeinlich in ein tumult bewegen, das sie understunden iren herren mit gewalt zu ledigen Wickram w. 2, 423 Bolte;

wer nach der klinge greifft, muss durch die kling aufffliegen;
wer durch tumult auffsteigt, wird plötzlich unterliegen
Gryphius trauersp. 441 lit. ver.;

wenn sich tumult im königreich erhübe,
im namen und zum nutzen irgend einer
person, die rechte vorgiebt an die krone
Schiller 12, 435 G.;

im ganzen führten ihre aufbrausenden tumulte und republikanischen bestrebungen doch nur zu einem wechsel der herren Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 62.
3) auflauf in den straszen, straszenkrawall, in der regel aus geringfügigem anlasz und ohne politischen hintergrund. in diesem sinne seit dem 18. jh. häufiger: eilet mit ainem hauffen auff jhn, ob wir ain geschray vnd tumult auff den gassen erwecken möchten, dardurch er (Odysseus) gethemmet wurde Schaidenreisser Odyssea (1537) 91b; deszwegen ein kleiner tumult zwischen den studenten und der garnison entstanden Berliner geschrieb. zeitg. v. 15. 1. 1735 Friedländer; keinen tumult erregen sie (die studenten) wahrscheinlich, aber zu einer starcken emigration könnte es anlasz geben Göthe IV 9, 191 W.; da haben wir den tumult fertig und Döderleins vielleicht Griesbachs fenster sind eingeschmissen Göthe IV 9, 34 W.; nun herr! förcht er ihm noch vor dem tumult? seht die leute an, wie ruhig sie stehn E. v. Handel-Mazzetti Stephana Schwertner (1927) 1, 210; tumulte am Kurfürstendamm Berliner zeitg. von 1950.
4) gern von der erregten, lärmenden auseinandersetzung in einer zusammenkunft, vgl. DWB B 3 a:

darausz endlichen folgt hernach
ein gar groszer tumult darund ...
einer wolt disz, der ander das
und zanckten sich ohn unterlasz
Eyering prov. copia (1601) 1, 51;

hab das frauenzimmer einen tumult angefangen, und hab ihn wollen todt haben Schupp schr. (1663) 147; Eutyches

[Bd. 22, Sp. 1765]


ward also auf der kirchenversammlung ... für orthodox erkläret, ... aber damit war der tumult noch nicht zum ende Zimmermann üb. d. einsamk. (1784) 2, 374; entstand ein tumult und allgemeiner lärm, in welchem jeder den andern zu überzeugen suchte, dasz er sich opfern müsse G. Keller ges. w. (1889) 6, 307.
5) in der öffentlichkeit ausgetragene händel, rauferei, handgemenge, schlägerei: alwo sich ... ain tumolt oder raufhandl eraignete, soll der wüerth nit gleich selber drein schlagen österr. weist. 9, 127; eine gasse ... welche allenthalben mit tumult, mit zancken und beissen, mit hauen und schmeissen, mit schlagen und balgen erfüllet Moscherosch gesichte (1650) 1, 49;

der schulherr Bradamant verliesz sein pult,
der schüler streit rhetorisch beyzulegen:
und schnell fuhr ihm, im rasenden tumult,
ins aug' ein stein
J. N. Götz verm. ged. (1785) 1, 137;

was in der schenke waren heute
am frühsten morgen für tumulte! ...
was gab's für händel, für insulte
Göthe I 6, 212 W.;

zu diesem tumult kommt corporal mit wache Hafner ges. schr. (1812) 1, 94.
6) kampfgetümmel im gegensatz zur geordneten offenen feldschlacht: der letzst graf von Hirseck ist in ainem tumult ... von seinen feinden ... jemerlichen erstochen worden (1566) Zimmer. chron. 21, 167 B.; diejenigen, die in dem tumult nicht umkamen, retteten sich mit der flucht Heilmann gesch. d. pelop. krieges (1760) 626; im tumulte der schlacht, unter dem geräusch der waffen, in der zerstreuung des getümmels Göthe I 8, 299 W.; denn was ihr ihnen im tumult abnähmt an plunder, das vergälten sie euch zehnfach an beulen Alexis Roland (1840) 1, 15; verwundet, im tumulte unbeachtet, lag ich zur seite Grabbe s. w. (1874) 2, 256. daher die häufige verwendung für das getümmel beim kampf um eine stadt: weil nun mein gemüht ab dem gähen, von den einfallenden Frantzosen in der statt erregten tumult gewaltig bestürtzt (war) theatr. amoris (1626) 112; sie erobern die stadt, und der könig wird in diesem tumulte erschlagen Scheibe crit. musicus (1745) 800; du seyest im wilden tumult der eroberung ... umgekommen Wieland ges. schr. I 3, 38 akad.; zitternd um das blut unserer helden, ... saszen wir ... und spähten ... durch die gardinen nach dem tumult der gassen Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 195. im gegensatz zum offenen zweikampf: da aber Ödipus erwachsen, kahm er in der Phocenser landschafft, und erschluge in einen tumult unwissend seinen vater Lajum Döpler theatr. poen. (1693) 919.
B. unruhe, durcheinander ohne den nebensinn einer feindlichen auseinandersetzung; vor allem im akustischen und optischen bereich.
1) lärm und gedränge, getümmel: liesz der herzog ... ain schöne junkfraw ... in dem geschell und tumult ... von dem danz unversehenlichen verzucken (1566) Zimmer. chron. 21, 528 Barack; das alles hatte der gewandte geschäftsmann schon im stillen, bei anwesenheit und im tumult der menge, gar wohl überdacht Göthe I 25, 1, 289 W. auch von tieren gesagt: einem krähenschwarme gleich, welcher sich mit tumult auf einer weide am wege niederläszt Raabe s. w. I 4, 3; aus den linden vor dem hause kamen die sperlinge dazu, und ein lustiger tumult erhob sich Storm s. w. (1898) 5, 159. das toben trunkener: tumult und unsinn und rasender witz begleiten die gesellschaft zur tafel, und ein ohnmächtiger rausch endet die tobende scene Gessner schr. (1777) 1, 131;

nach der schale tappen trunkne, überfüllt sind kopf und wänste.
sorglich ist noch ein und andrer, doch vermehrt er die tumulte
Göthe I 15, 1, 44 W.;

dasz ... meine besinnung niemals mit mir davon läuft und also kein tumult zu fürchten ist Holtei erz. schr. (1861) 13, 192. aufgeregtes durcheinander: sie rannten

[Bd. 22, Sp. 1766]


durcheinander, sie weinten, sie schrieen zeter, ... nur ... tante Lorette ... gab vernünftige worte in den tumult der unvernunft Holtei vierzig jahre (1843) 1, 68; allgemeiner tumult! ahs! ohs! stuhlrücken! aufspringen! Raabe s. w. I 2, 88; während ein allgemeiner tumult ... den wagen erfüllte (nach einem mord in der straszenbahn) Th. Mann Faustus (1948) 710. selten 'aufgeregtes benehmen eines einzelnen': als er dies erfuhr, war er auszer sich ... rannte durch alle werkstätten und komptoirbücher, und kam nach einem halbstündigen tumult und gestöhn zu dem resultate Pückler briefw. u. tageb. (1873) 6, 81.
2) unruhe und verwirrendes durcheinander der menschlichen lebensweise im gegensatz zur fördernden stille und einsamkeit. tumult ist hier in der regel durch eine attributivische ergänzung näher bestimmt.
a) vom unruhigen treiben vieler menschen, so in einer stadt: ach dasz mir erlaubet wäre mein leben auf einem schlechten dorffe ferne von dem tumult der stadt zu endigen discourse d. mahlern (1721) 1, O 4a; sie könne aber unmöglich jetzt gleich in den tumult hinein (nach Berlin umziehen) (1841) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 478 Schulte-K.; und leben mitten in dem groszen tumulte dieser ... stadt Görres ges. br. (1858) 3, 12. auch in positivem sinne: denkt euch den frohen tumult in der neu sich erhebenden stadt Becker weltgesch. (1801) 2, 157. vom treiben der welt, der menschheit:

sie (die geduld) ... lacht bey der welt tumult
Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1157;

im tumult der geschäftigen welt verdrängt eine gestalt unseres geistes unaufhaltsam die andere Schiller 10, 254 G.; wie ruhig arbeitet dagegen der arme genügsame bergmann in seinen tiefen einöden, entfernt von dem unruhigen tumult des tages Novalis schr. 4, 120 Minor.
b) von unruhiger lebensweise, geschäftiger tätigkeit, verwirrendem umgang mit vielen menschen: frey von allen arten der sorgen, und in den tumult der geschäfte selbst niemals verwickelt Wieland Agathon (1766) 2, 166; in diesem unstätigen tumulte des lebens, in diesem unaufhörlichen wirbel äuszerlicher verwicklungen, unter dieser beständigen zerstreuung und bei dieser ununterbrochenen flucht vor sich selbst Zimmermann üb. d. einsamk. (1784) 3, 294;

madam, ihr loos voll herrlichkeit
und voll tumult, wie himmelweit
ist's nicht vom wonnereichen frieden,
der damals sie umschlosz, verschieden!
Gotter ged. (1787) 1, 18;

zwischen allem möglichen tumult und andern unangenehmen ängstigenden lebensereignissen ... geschrieben Beethoven s. br. 2, 40 Kalischer; er ... gefällt sich nur allzusehr in dem tumult eines ungebundenen lebens Klinger w. (1809) 1, 420; aus dem tumult des burschenlebens ... trat ich nun auf einmal in die vollkommene ... einsamkeit des armen studenten Holtei erz. schr. (1861) 22, 27.
3) wilder und lauter lärm.
a) unbestimmter, wirrer lärm. art und ursache des lärms sind mannigfaltig:

was hör ich doch nur jmmermehr
in meinem hauss, mich wundert sehr,
ein solch tumult, es klapt vnd kracht (1580)
B. Krüger spiel v. d. bäur. richtern 1544 Bolte;

hatten ... die geister ... einen grossen tumult und gepolter darüber angefangen, dergestalt dasz den mägdigen drinnen gegrauset Prätorius saturnalia (1663) 409; darauf machten beyde noch einen tumult, als wann die schergen von neuen wiederum wären in das hausz gekommen ollapatrida 344 Wiener ndr.; man hört in der ferne eine tanzmusik und den tumult eines balls Schiller 3, 9 G.; was? — hier eingekehrt und ich vernehme keinen tumult? kein lautes sprechen, kein trillern, kein gelächter, kein trepp' auf, trepp' ab laufen, kein rufen nach dem kellner? E. T. A. Hoffmann s. w. 4, 100 Gr.; ward in der stiftskirche ... vor dem absterben eines jeglichen domherrn bei der nacht ein groszer tumult gehört br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 180. in bühnenanweisungen lärm hinter

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der bühne: wird inwendig ein tumult gemacht schausp. engl. komöd. 89 Creizenach; man höret einen tumult drinnen dt. schaubühne (1741) 1, 238 Gottsched.
von lauter rede, stimmengewirr:

man soll sitlich vnd mit gedult
fein disputieren, on tumult
Scheit Grobianus s. 109 (anm.) ndr.;

drücke jeder sein gefühl aus
und vom zartesten gelispel
bis zum wildesten tumulte
Göthe I 13, 1, 35 W.;

welch ein tumult! man hörte heftig reden, ja sogar schreien Waiblinger d. Britten in Rom 10 Zoller. in bildlichem vergleich: während noch der erschöpfte tumult des gelages der gestrigen nacht in unseren ohren klingt, hören wir schon die leisen töne ... eines reinen neuen tages Justi Winckelmann (1866) 1, 252.
b) lautes geräusch; die vorstellung einer wirklichen oder gedachten volksmenge spielt nicht mehr hinein: wann die materi im fewr ein krach laszt, musz man sie dem Mercurio zuschreiben: macht sie aber ein grossen tumult und praszlens, musz mans dem saltz attribuieren Paracelsus chirurg. bücher u. schr. (1618) 747a Huser. der einmalige knall einer schuszwaffe: der gebrauch des bogens ist viel schädlicher ... als der büchsen, weil ohn alles tumult einer umb sein leben kömmt, welches bey der büchse der knall und pulverdampff verrahten Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 121; indem geschach ein solcher knall, der mich ohnmächtige gantz ausser mir selbsten brachte ..., währenden solchen tumult war mir, als wann lauter wespen mir in denen ohren summten Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 245. übermäszig lautes musizieren:

wie wallt der paucken donner
... in dem tumult! allg. dt. bibl. (1765) 3, 2, 310;

der tumult hatte seinen höchsten punkt erreicht ... da verstummten die klänge Holtei erz. schr. (1861) 5, 156.
4) menschengedränge, gewühl, das optisch wahrnehmbare durcheinander: wo sie (das umworbene mädchen) in der kirche ordinair platz nahm, (war) ihrentwegen ein solches gedränge und tumult Leipziger avanturieur (1756) 1, 182; eine grosze ebne, wenn nicht tumult und gewühl sie zertheilen, ... giebt einen frohen, ruhigen anblick Herder 22, 260 S.; während die Goldacher ... sich mit den Seldwylern kreuzten, so dasz es einen groszen tumult gab G. Keller ges. w. (1889) 5, 43; der eines abends mitten in den tumult hinein nach der reiterin (im circus) einen blumenstrausz warf Holtei erz. schr. (1861) 11, 21.
vom flutenden, mitreiszenden durcheinander der menge: entsteht eine rasche bewegung unter den kürassieren, sie umgeben und begleiten ihn in wildem tumult Schiller 12, 324 G.; aber wie stehe ich denn in dem tumult? das reitet und läuft und fährt alles um mich herum, ... — und ich? ich gehe zu fusze? Iffland theatr. w. (1827) 3, 81;

weil er einst das weltkind Shakespeare
kommentiert, musz jetzt der ärmste
nach dem tode mit ihm reiten
im tumult der wilden jagd
Heine w. 2, 393 Elster.


5) durcheinander im dinglichen bereich: die ganze schöpfung webte lebendig vor ihren augen, sie in der schöpwelch groszer tumult! unendliches chaos von wesen, kräften, gestalten, formen Herder 6, 266 S.; mit einer ... staubwolke, die ,... durch frischen seitenwind enthüllt, ihren innern tumult zu offenbaren genöthigt ist Göthe I 25, 1, 1 W.; nur starke und heftige wirkungen fesseln unsern blick, die mäszigen entschlüpfen ihm in dem tumult der dinge H. v. Kleist w. 4, 70 E. Schmidt. wirres durcheinander von architektonischen gebilden: doch mahnen die kühnen spitzen, die phantastischen vorsprünge, der abenteuerliche tumult des daches ans Morgenland Laube ges. schr. (1875) 4, 128.
C. unruhe im elementaren bereich, toben von naturgewalten: je scheiber zweene winde gegen einander blasen,

[Bd. 22, Sp. 1768]


je grössern tumult und ungewitter sie machen J. Rauw cosmogr. (1597) 113;

die wuth
der flammen schreckt ihn nicht, und stürzte
Jupiter selbst im tumult hernieder
Herder 26, 235 S.;

ach, das ende macht mich zittern,
wie den schiffer in der nacht
der tumult von ungewittern
vor dem abgrund zittern macht
Bürger s. w. 44a Bohtz;

liebste! der tumult der wogen
schwand vor diesem zauberstabe
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 428.

Klara ... blickte ... hinaus in den tumult (des unwetters) Polenz Grabenhäger 2 (1898) 279; tosen eines wasserfalls:

rastlos donnernde massen auf donnernde massen geworfen,
ohr und auge wohin retten sie sich im tumult
Mörike ges. schr. 1, 122 Göschen;

im vergleich zum politischen aufruhr:

wenn sturm
aus Äols höhle fällt wie wasser aus
der schleus' und drückt den wald, dann neigen sich
die starken wipfel zu der erd' herab;
tumult herrscht überall, und jeder zweig
vermehret das geräusch ...
so auch erwacht im ganzen heer Athen's
schnell aufruhr
E. v. Kleist w. 1, 264 Sauer.


D. unruhe, durcheinander im menschlichen inneren bzw. im geistig-seelischen bereich.
1) diese bedeutung tritt nicht ohne grund zuerst im pietismus auf; in der regel mit attributivischer ergänzung, die die art der erregung näher bestimmt. insbesondere von quälender, schmerzender seelischer unruhe und verwirrung: man setze und stille den innerlichen tumult und unordnung der gedancken und begierden desz hertzens J. D. Frisch neukl. harpfe Davids (1719) 1268; du kannst es nicht glauben, was eine zeit her vor ein tumult von affekten, ärgernisz, schaam, traurigkeit, zweifel und gram in meiner seele herrscht Schubart br. 1, 89 Strausz; eine ... frohe ... gemüthsart, die aus der quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen leidenschaften in tumult gesetzten herzens hervorströmt Knigge umgang m. menschen (1796) 1, 65; ich bin in einer schweren arbeit begriffen, die mitten im tumult aufgeregter gefühle ... denken und gegenwart des geistes fordert Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 142; so arbeitete ich mich allmählich in einen tumult hinein, welcher mit ohnmachtsanwandlungen und lachkrämpfen ... geendet hätte, wenn ich ihm nicht ... luft gemacht hätte W. Raabe s. w. I 6, 103. — von belebender, freudiger erregung, also durchaus positiv empfunden: die seele hört auf zu glühen ... der tumult von associationen macht der dringenden lauten wirklichkeit platz Schiller 2, 393 G.; so drängte sich in meine brust ein solcher tumult von jubelfreuden J. Chr. Bode in: wb. d. dt. spr. (1821) 234. besonders von der liebe: dasz dieser süsze tumult in der seele ihm nichts als schöne hofnungen eingiebt Lichtenberg aphor. 1, 82 Leitzm.;

das junge volk voll lebenskraft
will den tumult der leidenschaft,
das ist ein rasen, schwören, poltern
und wechselseit'ges seelenfoltern!
Heine s. w. 1, 421 Elster;

ihr sonst so gesunder schlaf wurde mehrmals durch den süszen tumult ihres herzens unterbrochen M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 2, 20.
2) vom körperlichen befinden: einen gewissen tumult befriedigen, ... den er sich in seinem magen zu erheben bemerkte Bode Thomas Jones (1786) 3, 272; der allgemeine tumult der maschine, wenn die krankheit mit offener wuth hervorbricht Schiller 1, 167 G.; der thor, stirbt am fieber! hätte er gewartet, bis seine kräfte sich erholt, ... der tumult seines blutes sich gelegt hätten Göthe I 19, 71 W.

[Bd. 22, Sp. 1769]



3) verwirrung, durcheinander im bereich des geistig abstrakten: welch eine unordnung, welch ein tumult von lauter moralischen dissonanzen ist diese menschliche welt! Wieland ges. schr. I 2, 452 akad.; der geist wäre aus diesem tumult zu seinem ausgangspunkt, der sittlichen und realen welt der bildung, zurückgeschleudert Hegel w. (1832) 2, 448; das blosze besprechen war mir in dem tumult der meinungen unerquicklich geworden H. Laube ges. schr. (1875) 1, 174; nach dem tumult der namen bemächtigte sich unser allmählich ein nachdenklicher, glücklicher ernst Binding erl. leben (1928) 211.
 
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tumultbruder, m., unruhestifter: solche klumpenschmeltzer solten billich vber vnd für alle tumultbrüder on barmhertzigkeit gestrafft werden Pape bettel- u. garteteuffel (1586) D 3a. —
 
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tumultgesetz, n., staatliche verordnung zur beilegung öffentlicher unruhen: man will mit starken tumultgesetzen ... vorgehen Ernst Curtius ein lebensbild in briefen 401 Fr. Curtius; Biewald klagt gegen den magistrat ... auf grund des preuszischen tumultgesetzes zeitungsnotiz a. d. j. 1906. —
 
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tumultmacher, m., unruhestifter: als ein freveler tumultmacher zum spott auff ein rad ... gesetzt Dannhawer catech.-milch 4 (1669) 4. —

 

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