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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tüle bis tüll (Bd. 22, Sp. 1690 bis 1695)
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[Bd. 22, Sp. 1690]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tüle, f. , vorwiegend ober- und mitteldt. mundartl. bezeichnung einer kleinen vertiefung, niederdeutsch im sinne von 'beule', vgl. DWB dalle teil 2, sp. 699; dole sp. 1226 und düle sp. 1509. herkunft und form.
germ. *dōljō, ahd. tuolla, mhd. tüele, zur wortsippe dhel-, dholo- 'wölbung', 'höhlung' gehörig wie nhd. tal Walde-Pokorny 1, 864; Fick 3, 204; nah verwandt mit tülle (s. d.).
1) anlautend t- auf oberdt. gebiet: toalle, tuilla usw. ahd. gl. 1, 54, 1 St.-S.; ebda 343, 45; 350, 9; 2, 512, 55; tlen jüng. Titurel 3556 Hahn; vgl. Forer Gesners fischb. (1563) 195. heute im schweizerischen allgemein: tüele Stalder 1, 324; Friedli Bärndütsch 2, 14; 591 im elsäss. tyələ Martin-Lienhart 2, 678; im übrigen oberdeutschen (niederalem., schwäb. u. bayrisch) erscheint d-: duollun, du(e)le(n) ahd. gl. 1, 350, 10 St.-S.; Schmid schwäb. 147; Schmeller-Fr. 1, 501; Unger-Khull steir. 182. auf mitteldt. boden vgl. DWB dille, dülle, duel, del, s. Müller-Fraureuth obersächs. 1, 219; luxemb. ma. 75; rhein. wb. 1, 1549; für das niederdt. gebiet vgl. dülle Woeste westf. 62. anlautendes t- neben d- verzeichnen Fischer schwäb. 2, 447; Seiler Basel 90; Lexer Kärnten 75.
2) der stammvokal erscheint seit ahd. zeit in mannigfacher form: toalle, tollan, tuolla, tuilla ahd. gl. 1, 54, 1 St.-S.; 1, 344, 10; 1, 343, 45; mhd. tlen jüng. Titurel 3556. — heute obd. meist als diphthong, schweizer. überwiegend mit umlaut tüele Stalder schweiz. 1, 345; Friedli Bärndütsch 2, 591. in den übrigen obd. maa. sowohl umgelautete formen, vgl. oberelsäss. tyələ Martin-Lienhart 2, 678; tüele(n) Lexer Kärnten 75; als auch umlautlose, vgl. für das bayr. Lexer Kärnten 75 (in ortsnamen); auch schweizer. bei Seiler Basel 90.
daneben begegnet auch oberdt. monophthongische form des stammvokals (als -ü-, bzw. -u-), vgl. Fischer schwäb. 2, 447 (diminutiv: dül(l)e(in)); tula Friedli Bärndütsch 2, 14; dule, düle (duln, düln) Unger-Khull steir. 182. hierher wohl auch toûlle ahd. gl. 2, 512, 55 St.-S.vgl. auch md. døl rhein. wb. 1, 1549; dille Blumer Nordwestböhmen 32; Müller-Fraureuth obersächs. 1, 219.
3) vielfach zeigen die maa. einen konsonanten nach dem l, vgl. unten tülke. ferner: duld Gerbet Vogtland 66; tyəltə Martin-Lienhart elsäss. 2, 678; duəls Fischer schwäb. 2, 447; in flurnamen begegnet tültschimatt, s. Friedli Bärndütsch 6, 248. dazu wohl auch tultsche 'ein waldbezirk auf dem Mnichover berge mit sumpfboden' Knothe Nordböhmen 196.
4) vereinzeltes neutrum ist wohl als geschlecht des diminutivs aufzufassen: Lexer Kärnten 75; Friedli Bärndütsch 2, 14 (neben fem.); neutrales duel 'tal' luxemb. ma. 75 entspricht dem geschlecht von tal. zum masc. in einem geschlossenen bezirk des Rheinlandes und Westfalens, der auch im auslaut abweichungen zeigt, vgl. mnl. doel, m., n. (neben doele fem.) 'graben': der dyl rhein. wb. 1, 1549 (neben fem.), düllen, m., beule Woeste westf. 62. düll, m., Elberfeld 43 ist wohl jung, da noch (weisthümer 1, 593) dül in Schwelm bei Elberfeld als fem. bezeugt ist. ferner in der bedeutung 'abzugsgraben' in elsäss. tyələ, tỳlə, m., Martin-Lienhart 2, 678. bedeutung und gebrauch.
1) natürliche erdvertiefung, mulde: baratrum toalle ahd. gl. 1, 54, 1 St.-S.; die tlkrebs von den lchern und tlen in den kleinen steinächten bächen Forer Gesners fischbuch (1563) 193a. mundartlich vorzüglich in der Schweiz: Stalder 1, 324; Schmid Entlebuch 75; 186; Weber Zürcher Oberland 63; Seiler Basel 90; Friedli Bärndütsch 2, 14; 591; 6, 248; in flurnamen ebda; Wanner Schaffhausen 48; Zinsli grund u. grat 82. niederalemann.: Martin-Lienhart els. 2, 678; Beck Markgräfler ma. 86; bayrisch: Lexer Kärnten 75 (vielfach in flurnamen); Unger-Khull steir. 182; für den Bayr. Wald vgl. Bayerns maa. 1, 75. dim. dulleken Schultze nordthür. 31; duel 'tal' luxemb. ma. 75.

[Bd. 22, Sp. 1691]



2) vertiefung in einem gegenstand, die durch mehr oder minder gewaltsame veränderung entstanden ist: als übersetzung von valliculas ahd. gl. 1, 344, 10 St.-S.; ebda 350, 9 (zu Levit. 14, 37: intrabitque postea ut consideret lepram domus et, cum viderit in parietibus illius quasi valliculas pallore sive rubore deformes et humiliores superficie reliqua ... statim claudet illam [domus] septem diebus); rate derhalben das du ein löchlein oder dulen in das säcklein machest, wo das kind mit seinem sitzlein hingelegt soll werden Würtz wundarznei (1612) 464. heute nur noch mundartlich: 'eingedrückte kleine vertiefung in den verschiedensten harten und weichen stoffen' schwäbisch sehr verbreitet Fischer schwäb. 2, 447; starker eindruck eines schlages auf hölzerne geräte oder metallene gefäsze Birlinger schwäb.-augsb. 126; vertiefung in einem gegenstand, meist durch druck, stosz etc. entstanden Reiser Allgäu 2, 695; Schmeller-Fr. bayr. 1, 501; Unger-Khull steir. 182; eingedrückte stelle an einem metallgefäsz Blumer Nordwestböhmen 32; Müller-Fraureuth obersächs. 1, 219; einsenkung in kleinere gegenstände, äpfel u. dgl., rhein. wb. 1, 1549; eine beule, z. b. am hut Elberfeld 43; vertiefung im weichen Schmid schwäb. 147; Stalder 1, 324; insbesondere 'eingelegene stelle im bett' ebda; Schmid Entlebuch 75; 186; Seiler Basel 90; Martin-Lienhart els. 2, 678; Campe 4, 909. hierher und nicht zu tülle wohl auch (entgegen Ziesemer); item dy 2 stormtarczen to beslan, vor krampen unden und blech vor dy venster und dullen 5 scot (1404) Elbinger kämmereibuch 16, s. pr. wb. 2, 125.
3) vertiefung, mal, wunde am menschlichen körper: humiliorem tuolla, tuilla ahd. gl. 1, 343, 45 St.-S. (zu Levit. 13, 3: qui cum viderit lepram in cute et pilos in album mutatos colorem ipsamque speciem leprae humiliorem cute et carne reliqua; plaga leprae est); das fleisch (bekommt) hüli oder dülen Paracelsus 1 (1616) 519 Huser. 'wunde': (lacunas) fixuras foramina toûlle ahd. gl. 2, 512, 55 (zu Prudentius 221 Dressel: sed nos, qui ... digitos costarum in vulnera cruda mersimus et manum visu dubitante lacunas scrutati, aeternum regem cognovimus Jesum);

... ich wen bi niemans ziten solher tlen
mit einem slage sehe ein swert erhowen jüng. Titurel 3556 Hahn;

mal und duelen (Augsb. 1699) bei Fischer schwäb. 2, 447. heute düeln schrunden an den händen Schmeller-Fr. bayr. 1, 501. nd. 'durch schlag oder stosz entstandener blutergusz': dey eine düll schlöge, bla und nicht blödig vestenrecht zu Schwelm bei Elberfeld (o. j.), s. weistümer 3, 27; düll, düllen beule Elberfeld 43; Leithäuser Barmen 45; Köppen Dortmund 17; Woeste westfäl. 62; vgl. dullschlag dt. rechtswb. 2, 1150 (trockener [beul-] schlag). konkave wölbung am körper: bisz das du gewis wissest, das er eben stunde und du keinen absatz noch höhe noch dülen nimmermehr findest Würtz wundarznei (1612) 232; ob du nits krachendes, bewegliches oder krummes empfindest, oder etwan buke, dulen und bogen gespürest ebda 278. — diminutiv: dülein im kinn grübchen Fischer schwäb. 2, 447; tuleni Friedli Bärndütsch 2, 14.
4) vereinzelt bedeutungsgleich mit dole 'abfluszrohr', vgl. DWB tülle sp. 1696: tull fossatum (15. jh.) bei Tobler Appenzell 144b; obcaecare fossas in agro graben oder tlen machen, dardurch das wasser laufft Frisius dict. (1556) 573a; hiernach auch Frisch (1741) 2, 376; tyələ, m., abzugsgraben, ausgemauerter abzugskanal Martin-Lienhart 2, 678 (neben dole und dolen ebda 677); dle, m., égoût (cloaca) Schmid Straszburg 29.
 
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tulen, vb., zausen, s. unter DWB tuseln.
 
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tulifäntchen, n., diminutivum zu tulifant (s. Weigand-Hirt 2, 1085), das wohl als formvariante zu tulipant 'tulpe, turban' zu stellen ist (s. u. DWB tulpe, formen [4 a] und vgl. schlesw.-holst. tulipantje Mensing 5, 178 s. v. tulp); entlehnung aus dem ital. (s. sprach-Brockhaus [1949] 707) ist nicht nachweisbar. 'weiche kleidung für neugeborene': das bändergeschmückte, federwollige tulifäntchen

[Bd. 22, Sp. 1692]


O. Müller stadtschultheisz v. Frankfurt (1856) 1, 99; für 'bänderschmuck' schlechthin:

.. bauer
ist ein groszer herre,
trägt einen gurt am bauche,
und auf seinem pelze
tuli- tuli- tulitulifäntchen
bunt
Alfr. Waldau böhm. granaten (1858) 1, 103 (übers. tschech. volksl.).

Immermann verwendet t. als ironische bezeichnung für einen däumerling mit dem ritterlichen tatendrang eines Don Quixote (vgl. nordfries. tûlepant 'allerweltskerl' Jensen 646):

Tulifäntchen heiszt der jüngling,
Tulifantens sohn; er rühmt sich
reinen bluts und edler eltern w. 12, 40 Hempel.


 
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tulipan(e), tulipant, tulipe(n), m., f., n., s. DWB tulpe und DWB turban und ihre composita.
 
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tulipist, m., tulpenliebhaber und -züchter: und disz ist ein mittel, allerhand neue und zugleich ungemeine tulpen zu gewinnen, dessen sich die tulipisten in Niederland wohl zu bedienen wissen schles. wirthschaffts-buch (1712) 290, nach holl. tulipist, z. b. 1637 bei Solms-Laubach weizen u. tulpe (1899) 112; vgl. bildungen wie florist a. a. o. 89 u. holl. bloemist woordenboek 2, 2, 2901.
 
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tulipomanie, f., rasende liebe zu tulpen Frisch lat.-dt. wb. (1740) 2, 394, aus dem franz. tulipomanie, angeblich eine bildung von Menage, vgl. dessen dict. etym. de la langue franç. (1694); Littré suppl. (1877) 338b; engl. tulipomania Murray 10, 1, 457: man lacht über die tulipomanie Joh. Beckmann beytr. z. gesch. d. erfindungen (1786) 1, 228; die darstellung der sogenannten tulipomanie in Holland, die, als pathologische erscheinung wohl bekannt, den gipfelpunkt der übertriebenen wertschätzung (der tulpen) seitens der liebhaber bildet Solms-Laubach weizen u. tulpe (1899) 73; ein spottbild auf die tulipomanie aus dem jahre 1637 trägt den titel floraes geckskap ebda 112; für oder wider jetzige tulipomanie (tulpensucht) (1804) Jean Paul w. 219, 3 R.; vgl. DWB tulpenmanie.
 
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tulke, f. , mundartliche weiterbildung von tüle (s. d.) und mit ihm bedeutungsgleich. ostmd. in mannigfaltiger verbreitung: tülke haushaltung in vorwerken 96 Ermisch-Wuttke; Knothe ma. i. Nordböhmen 108; ohne umlaut tulke Gerbet Vogtland 66; für das Egerland s. Frommanns zs. 6, 174; Petters beitr. z. gesch. Böhmens (1864) 38 neben tulge ebda 39; tulkn Neubauer Egerländer ma. 53; tulkn, dulkn (Bayreuth) Bayerns maa. 2, 268; dulcken Hertel Thüringen 86; entrundet tilke Weinhold schl. 98, auch für Nürnberg; Knothe ma. i. Nordböhmen 176; vgl. für Nordböhmen auch Frommanns zs. 2, 239. ostfriesisch: dolk, dulk Berghaus 1, 339; Stürenburg 35; Doornkaat-Koolman 1, 311 u. 1, 310 (s. v. döle).
1) flache vertiefung im erdboden, mulde: bienenstöcke sollen stehen in dem bluemengarten, so verwahrt sei, in einer tülke oder thälgen haushaltung in vorwerken 96 Ermisch-Wuttke; vgl. Gerbet Vogtland 66; Hertel Thür. 86; Weinhold schl. 98; Knothe ma. i. Nordböhmen 180; Petters a. a. o. 38; Neubauer Egerländer ma. 53; für das Egerland vgl. auch Frommanns zs. 6, 174; für Nordböhmen ebda 2, 239.
2) vertiefung in einem gegenstand, eingedrückte stelle, bes. in metall Jecht Mansfeld 114; Gerbet Vogtland 66; Petters a. a. o. 39.
3) eindruck im körper, verwundung u. dgl. (Bayreuth) Bayerns maa. 2, 268. — dolk, dulk 'grübchen in der wange' ostfriesisch Berghaus 1, 339; Stürenburg 35; Doornkaat-Koolman ostfries. 1, 311 und 1, 310 s. v. döle.
 
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tulken, tülken, vb., 'lallen, stammeln', formvariante von tolken, dolken, dalken (s. teil 2, 699):

er kann nicht gar wol reden noch,
er tolket (var. tülket A) als ain kind doch
Heinrich v. Neustadt Apollonius 4728 Singer;

[Bd. 22, Sp. 1693]


so noch mundartlich nachweisbar: dulken stammeln, unvernehmlich sprechen, als wenn man brei im munde hätte; die worte erst nach und nach ... hervorstoszen Delling bayr. 1 (1820) 139.
 
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tulken, tülken, vb., saugen; k-ableitung von tüllen in nl. tullen 'saufen, sich betrinken'; mecklenburg. tüllen 'trinken' Mi mecklenb. 95 = hd. zullen, züllen (s. teil 16, 4, 526; vgl. auch ebda 527 zulpen 'saugen'): tulken Klein prov.-wb. (1792) 2, 201; brem.-nieders. 5 (1771) 127; Schambach Göttingen 236; Damköhler Nordharz 197; tülken Fromme Hohenbostel (nieders.) 86 Alpers; Danneil altmärk.-plattdt. 228 bucht tulks'n 'vom eifrigen saugen der lämmer gebraucht'.
 
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tüll, n. , 'palisade, zaun, wall; balken, brett'. vom ende des 13. jhs. bis zum 17. jh. obd., vor allem bayr.-schwäb. (Augsb.) bezeugt. in der bedeutung 'saepes, vallum' gleichbedeutend, gleichaltrig und gleicher lebenszeit mit dem kollektiv getülle, s. teil 4, 1, 3, sp. 4570; gedille teil 4, 1, sp. 2055; gedülle ebda sp. 2051; Fischer schwäb. 3, 145 s. v. gedille; Schmeller-Fr. bayr. 1, 602 s. v. tüll; Fischer schwäb. 2, 206 s. v. dile. herkunft und form.
ahd. nicht bezeugt. tüll erscheint im 13. jh. in der bedeutung 'zaun' neben älter bezeugtem till 'balken' (ahd. dil aus *þeli(z), dillo aus *þeljen-, dille aus *þeljō(n) als glossierungen zu lat. *cinulus [lies scindulus], pluteus, planca, [ima pars navis], laterculus, area [planities tabularum] ; mhd. dil, dille 'brett, planke, bretterwand, verdeck' Benecke-Müller-Zarncke 1, 331a; Lexer 1, 432 f.), das nhd. noch mundartlich als dill, till, m. f. n., 'dickes brett, balken' lebendig ist, vgl. Wilmanns 1, 190; Fischer schwäb. 2, 206; Schmeller-Fr. bayr. 1, 500; siebenbürg.-sächs. wb. 2, 41. obwohl auch die andern germ. sprachen nur die e-stufe *þel- zeigen, wird man doch mit W. Grimm (teil 2, sp. 1101 s. diele 7) wegen der bedeutungsdifferenz tull und tüll als ablautsformen zu till ansehen müssen. tüll lediglich als rundung von till aufzufassen (womit vor allem in jüngerer zeit zu rechnen ist), ist auch deshalb unwahrscheinlich, weil schon im 13. jh. umlautlose formen bayrisch und alemannisch belegt sind (s. u.). erst im 16. jh. erscheinen i-formen in der bedeutung 'zaun' und ü-formen in der bedeutung 'brett, balken'. vgl. ferner dul, m., 'diele' luxemburg. 75; tillhag, tollhag, tüllhag 'zaun' schweiz. id. 2, 1072; tilboum, tollbaum ... 'tragbalken für zimmerdecke, brücken usw.' ebda 4, 1247. einmaliges tall (Augsb. um 1530) städtechr. 23, 7 ist wohl fehler.die ablautsform germ. *þul- kehrt sicher wieder im bslav. lit. tìlės, f. pl., 'bodenbretter im kahn', lett. tilaudas 'bretter, welche die diele eines bootes bilden', aksl. tla, n. pl., 'fuszboden', russ. tlo 'grund und boden' u. s. w., s. Walde-Pokorny 1, 740; Trautmann bsl. wb. 321.
anlautendes d- bleibt selten: dülle Buck flurnamenb. 46; dull vocab. theut. (1482) z 3a; die umlautbezeichnung fehlt öfter; vgl. auszer den unten angegebenen belegen (um 1280) Augsburger stadtb. 147, 9 Meyer; (1482) monum. Boica 6, 317; (1394) bei Heumann opusc. (1747) 322; (um 1400) reimchron. d. Appenzeller krieges 39 Arx; ferner Diefenbach gl. 606a; nov. gl. 376b. für die till- und dill-formen vgl. Diefenbach gl. 305b s. v. intervallum; 606a s. v. vallum; ferner die literarischen zeugnisse: (Augsburg 1510) städtechron. 23, 128; teil 4, 1, 1, sp. 2025; Fischer schwäb. 2, 207. in jüngerer mundart: dille Unger-Khull steir. 154; dîl (aus dem Donau-Lechwinkel) Bayerns maa. 1, 307; dill Schmid schwäb. 126. — tüld mit angefügtem -d begegnet nur (1426) bei Lori bayr. bergrecht 27. bedeutung und gebrauch.
A. saepes, vallum.
1) der zu kriegerischer befestigung dienende palisadenzaun um stadt, schlosz oder burg: vallum tll (15. jh. obd.), tul (15. jh. obd.) Diefenbach nov. gloss. 376; tull aspar ... paries factus ex asseribus voc. inc. teut. (ca. 1485) g g 5b; voc. primo ponens (Straszburg 1515) d 1a; intervallum ain till (obd. voc. mit niederrhein. sprachzügen) b. Diefenbach gl.

[Bd. 22, Sp. 1694]


305b; vallum ... till ebda 606a aus gleichem glossar; dill vel till, hodie muris et moenibus opponitur atque sepem notat, e fustibus, lignis aut asseribus compactum Schilter (1728) 3, 248. tüll, mauer und zaun werden als kennzeichen verschiedener befestigungsgrade einander gegenübergestellt: hât diu stat mûre, man sol sie ûf die erde brechen, unde hât si tülle, man sol ez nider brechen (1274/75) Deutschenspiegel 225, 9 Eckhard-Hübner; Schwabenspiegel § 207, 7 Gengler;

also ward von in daselbst gemacht
die stat, aun mur, sust wol besacht
mit einem tüll und gten graben Augsburger reimchronik 131, s. städtechron. 4, 347;

wann die statt Augspurg fand sant Ulrich mit hültzin schrancken und gattern und mit ainem tüll von faulem holtz umbgeben: darumb halff sant Ulrich nach allem seinem vermügen ain nider mawr ze machen (vor 1456) legende v. hl. Ulrich 7 Hirsch; darnach maurt Trusus die stat Vindelici mit mauren und türn, die vor was mit aim tüll umbgeben (Augsb. nach 1469) städtechron. 4, 287; und soll die befridung (umzäunung) in der stat dermassen beschehen: wann es von alters herkommen oder sonst bedingt worden, mit ainem tüll zubefriden, so soll der jhenig, so solchs tüll zu machen schuldig ist, dasselbig siben statschuch hoch von der erden oder pflaster aufrichten. wo es aber mit ainem zaun herkommen, der soll fünf statschuch hoch gesetzt werden Nürnberger reformation (1564) 158b. in rechtsdenkmälern gern in formelhafter verbindung mit mauer und zaun: mur oder want ... zune oder tulle Augsb. stadtbuch 147 Meyer; mit zune, mit tülle, mit mûren (1322) bei Buck flurnamenb. 283; kein buwe tun ... mit zun oder mit dullen oder mit muren (Weinsberg 1312) bei Fischer schwäb. 2, 207; mit zúnen, mit túllen oder mit muren begriffen (Esslingen 1331) ebda. gröszere städte und festungen haben mauer und tüll: die purger habent gesetzet, daz niemant an der stat maur noch an diu tüll noch diu torr an der stat pauen sol, daz diu eisnein stang, diu darzuo gehöret, berüren müg (1347) stadtrecht v. München 140 Auer; und ich han das gesehen, wann an derselben stadt (an der stelle, wo mauerwerk in der stadtmauer nicht halten wollte) ain tüll darumb geet Schiltberger reisbuch (1394/1427) 51 lit. ver.; vgl. Tucher baumeisterb. 215; 249 Lexer. auch eine für den augenblick des kampfes angelegte schanzanlage wird als tüll bezeichnet:

si wolten aller gernest
daz velt mit tôten füllen.
Troiære zuo den tüllen
der grendel wurden în getân
Konrad v. Würzburg troj. krieg 36340 Keller;

die weil pauten die von München ain grosz tül zbischen [!] der stat und der vesst, und wurffen die auszer prugkh ab, die in die vesst gienng (1403) städtechron. 15, 501. dasz in späterer zeit ein tüll, das der befestigung diente, auch zu festerem schutz ausgebaut wurde, als ein einfacher pallisadenzaun ihn bieten konnte, zeigen einige lexikalische belege sowie posten aus Münchner handwerkerrechnungen: maceria tüll (1418) bei Schmeller-Fr. 1, 602; tulle planck oder grabe oder schut zwischen zweyen graben vallicula voc. theut. (Nürnberg 1482) b b 3a; sogar sein tülle oder stainwant (1325) Heinrich von Mügeln (zu psalm 79, 13) bei Khull beitr. zu einem mhd. wb. 35; 1  56 D ... Perchtolden dem kalchprenner von 9 tag zu lon daz er daz tüll zu der newen vest und ander ding gefürt hat städtechron. 15, 551; item 3  D ... allen furlawten von dem tüll, ziegl, kalch und sant zu furen piz auf Katerine ebda.vereinzelt bleibt die glossierung 'antemurale tüll vel vorstat' (1429) bei Schmeller-Fr. 1, 602.
2) in jüngerer zeit bezeichnet tüll auch einen einfachen zaun um haus oder garten: herren Nicklas Muffel hat man vergunt auszen vor der stat underhalb des werderthurleins von seinem garten doselbst ein thüll überzwerch an den statgraben zu machen auf sein kost, dardurch die leut gehindert und nit mer also an das wasser an dem ent auf dem graben hinab kumen mugen Tucher

[Bd. 22, Sp. 1695]


baumeisterb. (1464/75) 265 lit. ver.; ain haus und tüld darumb nach notdurfft (1426) bei Lori bair. bergrecht (1764) 27; es habe sich gefügt, das sinem brder und im der wind ettwas in irem gartten zerbrochen hab, das nun Wernly Kolb inen widermachen wolt, und da lge ane geverd ein stang dawider selbs, da er und der Kolb nit anders wisztend, won sy gehorte z dem thüll dokumente zur gesch. d. bürgerm. Hans Waldmann 1, 285; vormals ging ein schlecht tüll um den boumgarten (um 1500) J. v. Watt dt. histor. schr. 2, 411 Götzinger; da erschrack das wild und lieff in den holen weg und der statt z und sprang über ain hoches till in des Weyers garten (Augsburg 1521) städtechron. 25, 157; bäum, till, heusslin muszten darnieder (Ulm 1549) bei Fischer schwäb. 2, 207; es sol auch kainer ... ohne erlaubtnus ... in die dörfer umb provant ... gehn, desgleichen der gärten, abbrechens der zein und thüll oder ops sich miessigen (Augsb. um 1565) städtechron. 33, 438; vgl. bei Fischer schwäb. 2, 207: pl. tiel gartenzäune (17. jh.); bey den gärten am till (Ulm um 1700); alles till sambt den garttenhäusslein eingerissen ebda. zaun im tiergarten: dill (1610) b. Birlinger schwäb.-augsb. 126. noch in jüngerer ma.: gartenzaun dîl (aus dem Donau-Lechwinkel) Bayerns maa. 1, 307; dill bretterne einzäunung, z. b. gartendill Schmid schwäb. 126.
3) seltener von einer geschlossenen bretterwand: item vor des keissers kuchen im inneren hoff ein thül von pretteren aufgeslagen vor den kuchenleden herdann pei 7 schuhen weit und pei 10 schuhen hoch, als lang die kuch und das kemmerlein do pei was, dorein in der mit ein tür gestelt (1464/75) Tucher baumeisterbuch 297 Lexer; ain vast grosze stuben uff der erden und ist die stub mit aim thüll umbmachet gesein (Biberach 16. jh.) Alemannia 17, 109. barriere: anno des jars (1510) am afftermontag in pfingstfeiren da het der khaiser ain welsch stechen, er stach selbzehenndt ... man stach über ain till, es ward nicht wol gestochen städtechron. 23, 128; ward zu dem gestech ... ein lannges gethill aufgerichtet, über welches dill der könig und herren mer dann hundert spiesz zerbrochen haben (16. jh.) bei Schmeller-Fr. 1, 500.
B. die bedeutung 'balken, brett, planke' ist erst frühnhd. bezeugt: faselus tulle (obd. anf. 15. jh.) Diefenbach gl. 226c, dazu vgl. aisl. þilja, f., 'brett im boden des bootes'. allgemein als 'balken, brett': bluteus tyle, bret, schribbret (15. jh.) Diefenbach nov. gl. 296a; bluteus dillpret (1468) ebda; dilipostes schrancken, tüll (1429 Inntal) ebda 135a; pluteale bole, prett oder tyl (1482) bei Höfer Österr. 3, 246; von ainem flosz von ainem ieden tülln (floszbalken) mauth pfenning (1469) österr. weist. 8, 104, 28; die schirmbrätter werden aus thülen gemacht, welche die knecht, so den sturm anlauffen, bedeckend, unnd vor den pfeilen beschirmend H, Pantaleon mitnächtische völckeren historien (1562) 1, 138; die hütden machten ... etliche ... von strow, grasz und hew ... andere aber von thüren, taflen, thülen und brädtern, so sie aller orten, insonders aber in dem gotzhausz in den gebewen abgebrochen Seb. Bürster schwed. krieg (1644) 164 Weech. vgl. ferner die belege bei Fischer schwäb. 2, 206.
 
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tüll, m., aus frz. tulle 'gazeartiges gewebe' (1765, nach dem namen der stadt Tulle, dep. Corrèze, von wo die tulleindustrie ihren ausgang genommen hat Gamillscheg etym. wb. d. frz. spr. 873; Bloch-v. Wartburg dict. étym. d. l. langue franç. [21950] 625), das auch ins engl. (tulle, erstbeleg 1818 Murray 10, 1, 457), ndl.-fries. (tule), dän. (tyl) und schwed. (tyll bereits 1808 nachweisbar Hellquist 31257) entlehnt worden ist; im dt. zuerst bei Nestroy Lumpazivagabundus (1835) 108, noch frz. schreibung folgend: tull anglais; der beiname spiegelt die frühe vorrangstellung der engl. tüllindustrie wider (s. Fischbach gesch. d. textilkunst [1883] 143; Ferguson histoire du tulle et des dentelles mécaniques en Angleterre et en France, Paris 1862, sowie Meyers gr. konv.-lex. 3 [1904] 102 s. v. bobbinet). — mundartlich besonders auf westdt. sprachgebiet nachweisbar: tüll Rovenhagen Aachen 148; Leithäuser Barmen 161; Elberfelder ma. 166: tyśl Leihener Cronenberg 126; tull

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luxemb. ma. 445; Martin-Lienhart elsäss. 2, 678 u. Follmann lothr. 111. — 'gazeartiges gewebe aus feinen baumwoll- oder seidenfäden' (Bucher reallex. d. kunstgewerbes [1883] 413): ob das echt ist, was der tüll verräth, oder ob das falsch ist, was das bauschige seidenzeug vorprahlt Heine s. w. 4 (1873) 264; die aus tüll und gaze gefertigten (blumen) Auerbach auf d. höhe (1871) 2, 28; es (das kleid) ist reizend hellblauer tüll mit eingestickten tupfen Georgy Berliner range (1900) 1, 185; ein bischen tüll zum besatz (des kleides) kaufen Kahlenberg familie Barchwitz (1902) 7; nymphen ... durchsichtig gekleidet, in tüll, gaze und glitzerwerk Th. Mann Faustus (1948) 226. vereinzelt findet sich der pl. im sinne von 'tüllarten' (wofür sonst tüllstoffe, s. Wendelstein d. spr. d. kaufmanns [1912] 104): besätze von borden, tüllen Fr. Th. Vischer ästhetik (1846) 2, 260. —

 

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