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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tugendliebe bis tugendlust (Bd. 22, Sp. 1669 bis 1672)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tugendliebe, f., liebe, eifer zur tugend, verbreitet besonders im 17. u. 18. jh., wo tugend den aufklärerischen nebensinn von vernunftgemäszheit und fortschritt hat (s. unter tugend III B 3 d):

deine kunst- und tugendliebe, die hat mich dahin bewegt,
dasz ich diesz (gedicht) zu deinen füszen habe schüldigst abgelegt
Neumark neuspr. t. palmb. (1668) 334;

wohlstand seines gemüttes, welcher in gottesfurcht und tugend-liebe beruhet Butschky Pathmos (1677) 115; und fällt ihm ein, er könne in solcher versuchung aufhören ein edler mann zu sein: so ist das eine angst, in welcher kaum das herz ihm bleibt, unter betheuerung unwandelbarer tugendliebe, um stärkung des tugendsinnes zu gott zu beten J. T. Hermes meine geschichte (1798) 1, 374;

und fühlst alsdenn so schöne, warme triebe
zur menschlichkeit und tugendliebe
Herder 1, 65 S.;

die vernunft und tugendliebe haben ihm durchgehends die feder geführet anm. gelehrsamkeit (1751) 9, 68 Gottsched; (der christ) kann tugenden ausüben, die kein philosoph, und wenn seine tugendliebe unbefleckt wäre, als philosoph ... ausüben kann Lavater physiogn. fragm. (1775) 3, 233; so kann der ersterbende trieb zur tugend in

[Bd. 22, Sp. 1670]


diesem durch die wärmere tugendliebe in jenem in neue flammen auflodern Schiller 1, 98 G.; eigensinn und unvorsichtigkeit haben mich, ungeachtet meiner redlichen tugendliebe, dem kummer und der verächtlichkeit entgegengeführet S. v. Laroche fräulein v. Sternheim (1771) 2, 70; ich war noch jung und glaubte an die, damals wie modeware herumgetragenen äuszerungen von tugend-, menschlichkeits- und vaterlandsliebe H. Pestalozzi s. schr. (1819) 11, 10. negativ betont: nur so entsteht eines teils reiz zur sophistik und heuchelei, andern teils der stoische widerspruch einer trostlosen tugendliebe Hegel w. (1832) 16, 207.
 
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tugendliebend, adj., im 17. u. 18. jh. beliebt, oft in der verbindung ehr- u. tugendliebend; daneben auch kunst- u. tugendliebend, im sinne der rationalistischen moralauffassung: der rühmliche nachklang ihr wohlgebohrn herrl. sonderbarer zuneigung ... gegen alle tugend- und kunstliebende gemühter Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 1, 234; titel: die aller edelste belustigung kunst- und tugendliebender gemüther (1666) Joh. Rist; e. f. gn. gottergebenes tugendliebendes hochfürstliches hertz Schottel friedenssieg 7 ndr.; ich habe aber mit willen tugendliebende und nicht tugendhafte seelen erfordert, um zu zeigen, dasz die vernünftige liebe nicht nur unter denen sey, die die gemüthsruhe allbereit in einem hohen grad besitzen, sondern auch unter denen, die nach derselben ernstlich trachten, ob sie gleich nur noch anfänger sind Chr. Thomasius kunst vernünfftig u. tugendhafft zu lieben (1692) 269; (die eltern) können mit gleicher mühe aus denselben (kindern) wackere, vorsichtige, ehr- und tugendliebende, oder aber schwache, störrische ... kinder bilden discourse d. mahlern (1721) 3, 66; so mögen sie wissen, dasz wir uns für tugendliebende frauenzimmer ausgeben d. vern. tadlerinnen (1725) 1, 300 Gottsched; auszer allen diesen eigenschaften des verstandes ... soll er (ein wahrer poet) auch von rechtswegen ein ehrliches und tugendliebendes gemüth haben Gottsched vers. einer crit. dichtkunst (1751) 109; ihr umgang hätte das glück eines ganzen kreises geistvoller und tugendliebender personen gemacht S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 2, 259. — substantiviert: die menschen gleiches sinnes verbinden sich mit freundschaft: dasz sich also nicht zu wundern, wann die tugendliebenden einander lieben Harsdörffer t. secretarius (1656) 1, 695; so dasz er seines sonderbaren fleisses und dabey geführten rühmlichen wandels wegen bey denen herren professoren und allen tugendliebenden nicht geringe gewogenheit und estime erworben Ph. J. Spener leichpred. (1698) 8, 119.
 
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tugendlied, n., 'die tugend besingendes lied', 'moralisch-lehrhaftes gedicht, lied': man sagt, wie Pythagoras auff ein zeit zu vollen und ungeschickten leuthen kommen sei, und dem pfeiffer ... sein melodey zu ändern, und vor ihnen ein ehrliches tugendlied zu singen, befohlen habe Schweickhart zu Helfenstein Basilius magnus (1591) 415. geläufig in der moralischen dichtung, vor allem des 17. jhs., auch als gattungsbezeichnung und titel: fühlest du bey dir das rühmliche verlangen, der tugend nachzustreben, und die laster zu fliehen; wohlan da laszen sich schauen die festbewurtzelte ... eichen, neben den sieghaften palmen der tugendlieder und lehrsprüche Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustwald (1657) 1, 5; werden demnach hiemit dem vielgünstigen leser mancherlei erfindungen von ... trostliederen, glükwünschungen ... frühlingsliederen, tugendliederen ... und anderen dergleichen gedichten ... vorgestellet J. Rist n. teutscher Parnass (1652) vorbericht b 7a; hierauf must du, mein freund, zur antwuhrt wissen, dasz ein gahr grosser unterscheid unter erbaulichen tugendliedern, oder ehrlichen libes-gesängen, und den ärgerlichen schand- und huhrenliedern sei zu machen ders. seelenparadies (1662) 2, vorber. (c) 3a;

singet dem herren ein tugendlied!
Martin Rinckhart in
Fischer-Tümpel kirchenl. 1, 461;

[Bd. 22, Sp. 1671]


der meiner wenigkeit so manche güt erweiset, ...
dem eign ich schuldigst zu auch diese tugend-lieder!
C. Knittel poet. sinnenfr. (1677) )( 5a, widmung 7;

die tage sind vorbey, da ...
kluge frauen noch auf tugendlieder hörten
B. Neukirch ged. (1744) 142.

im titel von gedichtsammlungen: singende rosen oder sitten- und tugendlieder David Schirmer (1654); J. G. Schoch lust- und blumengarten von hundert schäffer-, hirten-, liebes- und tugendliedern (1660); Chr. Weise tugendlieder (1719). —
 
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tugendlob, n., der preis, den jemand durch seine tugend sich bei um- und nachwelt erwirbt: gelehrte frauen und jungfrauen benebens erweisung hohes verstands auch waares tugendlob erhalten Harsdörffer frauenz.-gesprächspiele 3 (1643) vorrede B 3a;

ist das nun nicht ein treflich werk,
wenn jemand nach dem tode lebt,
und, wann der leib vermodert ist,
doch noch im tugendlobe schwebt
G. Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 2, 81;

deren tugendlob ich nicht erheben darf, da jederman solches mehr als wol kennet A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 2, 1048. —
 
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tugendlöblich, adj., 'wegen tugendhaftigkeit zu loben': und macht solches tugendlöbliche absehen die gleichheit, welche die freundschaft erfordert G. Ph. Harsdörffer frauenzimmer-gesprächsp. 6 (1646) 140; höfliche schreiben an das tugendlöbliche frauenzimmer und desselben darauf gefügte beantwortung ders., t. secretarius 1 (1656) 369. —
 
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tugendlobspruch, m., 'verherrlichung der tugend': weg also mit allen einseitigen verdammungen oder tugendlobsprüchen Herder 5, 590 S.
 
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tugendlohn, m.: der lorberkrantz als eine vor augen schwebende ehrenvergeltung und rechter tugendlohn allen fleissigen gemühtern beständig verbleibet G. Neumark fortgepfl. lustwald (1657) zuschrift 4;

die rose, so da ist der blumen kaiser-krone,
des maiens zarte frucht, der gärten edle zier,
hat ihm der Römer wahl erkiest zum tugend-lohne,
man schmückte haupt und hand des siegenden mit ihr
J. Chr. Männling poet. blumengarten (1717) 438;

Olympia!
wo seher aus opferglut
zeichen merken und künden
vom blitzenden Zeus,
ob er menschen pflegt, die groszes herzens,
tugend und tugendlohn
erstreben
Herder 26, 201 S.


 
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tugendlos, adj. , mhd. tugendelôs, tugentlôs. 'ohne tugend', 'sittenlos, zuchtlos'; das gegenteil von tugendhaft, tugendlich, tugendreich. im ganzen selten, namentlich in neuerer zeit.
1) 'kraftlos, schwach'. trotz der vereinzelten bezeugung wohl verbreiteter gewesen: dû (Christus) ziuhest die uncreftigin unde die tugintlôsen St. Trudperter hohes lied 18, 4 M.; wahrscheinlich ist auch der folgende beleg so zu deuten: si (Maria) gêt ouch hiute durch die wste der tugentlôsen und wider machet die virhereten unde die verhundeten, unde trôstet die diemtigen unde die weinenten ebda 40, 23 M.
2) im höfischen sinne 'zuchtlos, unedel, unritterlich':

daz mir noch lieber wære
der truhsæze ze man genomen,
dan ich mit iu wær uz komen;
wan swie tugendelos er si,
wær er mir keine wile bi,
er lieze sine untugent durch mich
Gottfried v. Straszburg Tristan 11627 R.;

ir tugentlôser bœsewiht,
nu wie getorstet ir geleben
daz ir dem kinde hânt gegeben
als ungefüege biusche?
Konrad v. Würzburg Heinr. v. Kempten 136 Schr.;

die tugentlosen, eren swach,
ze tugende laz, zu untugenden snel,
uf daz chocksilber hel
mag ich wol gelichen
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österr. 66 R.

[Bd. 22, Sp. 1672]


mit übergang ins allgemein sittliche:

daz er ir sit vermidet,
des wirt er so vernidet,
belogen und gehazzet
und wirt so vur gevazzet
von den tugende losen;
die beginnent in verbsen
sam den valken die meusaren mhd. erzählungen nr. 169, 95 Rosenhagen.


3) im moralischen sinne 'ohne tugend', 'sittenlos', 'zuchtlos', 'ehrlos'; in höfischer zeit beginnend:

die sich selben sô verswachent
und ir bôsen bœser machent,
ân erben müezen si vervarn.
daz tugendelôser hêrren werde iht mêre,
daz solt dû, hêrre got, bewarn
Walther v. d. Vogelweide 23, 24 Kr.;

der aber tugentlôs ist, der ist unwert in aller liute herzen David v. Augsburg in: dtsche mystiker 1, 309, 28 Pf.;

dass er denn geht nacket und blosz,
unverschämbt und gantz tugendtlosz
Hans Sachs 15, 349 lit. ver.;

sonder es understehn sich auch weber und spüler ... ja wol auch (pfui der schanden) fürwitzige, tugentlose weiber ... die heilige schrift auszulegen J. Agricola ketzerbrunn (1583) 26; zu solcher disputation wurden keine trunckliebende, zancksüchtige, tugendlose ... gelassen Joh. Matth. Meyfart tuba novissima (1626) 65; und sind alle kinder, welche übel erzogen werden, für tugendlose und elende waisen zu halten, wann gleich die eltern noch leben G. Ph. Harsdörffer t. secretarius 2 (1659) 125; die götter behüten mich vor dergleichen gefahr, und dasz ich ja nimmermehr wieder in tugendloser leute gewalt fallen möge A. H. Bucholtz Herkules und Valiska (1666) 1, 80; dann warum mancher sohn ganz tugendlos ... ist die ursach, weil sein mutter ein wasser ist gewest Abraham a s. Clara mercks Wien (1680) 112; indem sie (die irrtümer) dahin zielen, alle monarchieen für tugendlos zu erklären K. L. v. Haller staatswissensch. (1816) 1, 54;

nichtswürdige männer ihr,
ehrlos und tugendlos, nur schlacken der schöpfung
E. Raupach dram. w. ernster gattg. (1835) 2, 251


4) als attribut zu menschlichen eigenschaften:

sol liegen witze sîn, sô pflegent si tugendelôser witze
Walther v. d. Vogelweide 28, 27 Kr.;

also chom ein tugentloser sit,
do wart die werlt verkeret mit,
daz man verschamter wibe pflac mhd. erzählungen nr. 143, 87 R.;

es kann einem menschenverächter gelingen, mit tugendloser klugheit einen haufen Iloten in schreckenvoller ordnung zu beherrschen, aber für ihn ist auch keine wollust der liebe, kein vertrauen, keine freude der menschlichkeit mehr H. P. Sturz schr. (1779) 2, 99. — umschreibend für einen tugendlosen menschen: wissend dasz ein tugendloses gemühte ärger, dann die betteley selber sey G. Neumark neuspr. t. palmbaum (1668) 103;

so wirst du nie mit jährlichen geschenken
sein tugendloses aug erfreun
Thümmel reise (1791) 9, 206.


 
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tugendlosigkeit, f.: die völlige tugendlosigkeit und der herrschende leichtsinn des gestrigen tages nagten mich so tief, dasz ich einige male aufstund, papier und bleistift auf die seite warf Lavater geheimes tagebuch (1771) 1, 175. —
 
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tugendlüge, f.: die gebildete welt geniert sich nach dieser seite hin, rigorismus zu zeigen; läszt aus angst, der tugendbotschaft, richtiger noch der tugendlüge bezichtigt zu werden, fünf gerade sein und rafft sich erst dann zu einer verurteilung auf, wenn die schuld klipp und klar ist Fontane ges. w. (1920) II 5, 136.
 
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tugendlust, f., 'lust, eifer zur tugend':

o rechte tugendlust
der einig sich befleisst der printz Rudolff August
J. Rist n. t. Parnass (1652) a 10a;

[Bd. 22, Sp. 1673]


bei feiner tugendlust, und dann zu gottes ehren
läst sich mein seitenspiel bei guten freunden hören
G. Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 3, 35;

wan demnach die tugendlust eines hohen gemühtes auch eine gute glückshand zur anleiterin überkömt, ... dan pfleget alles wol zu gerahten J. G. Schottel ethica (1669) a 4a;

ein edeles gemüht, durch tugendlust gerühret,
hat einen harten weg
Zesen rosentahl (1669) 70;

nehmt aller freunde wahr, wie muthig sie sich weisen,
und eure braut gesammt mit einem munde preisen,
dann welcher wüszte sich so steinern um die brust,
dem dieses conterfey der wahren tugendlust
verschmählich sollte seyn?
Andreas Scultetus bei
Lessing 11, 203 L.-M.

 

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